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Full text of "Römische mythologie"

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ROMISCHE . .,„ , , 

MYTHOLOGIE 



VON 



L. P R E L L E R 



DRITTE AUFLAGE 



TON 



H- JORDAN. 



ZWEITER BAND. 



BERLIN, 

WEIDMANNSCHE BÜCHHANDLUNG. 

1883. 



Das Recht der Uebersetzang in fremde Sprachen behält sich die 

Verlagshandlang vor. 



VOEWOET. 



Von den in der Vorrede zum ersten Bande dargelegten Grund- 
sätzen bin ich in dem vorliegenden zweiten nur insofern abgewichen, 
als ich an zwei Stellen (S. 372. 418) ohne gröfsere Zusätze zu 
Preller's Text nicht auskommen zu können geglaubt habe. Andere 
nicht minder nöthige Ergänzungen, wie z. B. eine kritische Übersicht 
über die nur aus den Denkmälern des Umbrischen, Oskischen u. s. w. 
bekannten Gottheiten, mufsten auf eine andere Gelegenheit verspart 
bleiben. Ich kann femer erst jetzt, nach Vollendung der Arbeit, 
der Theilnahme gedenken, welche mein Freund W. Heibig durch 
seine Durchsicht der Druckbogen bis ans Ende für dieselbe bethätigt 
hat. Leider haben seine berichtigenden und ergänzenden Bandbe- 
merkungen nur zum kleineren Theil noch während des Druckes an 
betreffender Stelle sei es stillschweigend benutzt, sei es eingerückt 
werden können: die aus vielen Gründen dringend noth wendige 
Beschleunigung der Drucklegung und die Entfernung unserer Wohn- 
sitze von einander hat es nöthig gemacht, sie zum Theil in die 
Nachträge zu verweisen, welche demnach den Lesern des Buches 
besonders empfohlen sein mögen. — DasBegister hat Herr Dr. Oskar 
Kuhfeldt angefertigt. 

Königsberg, im Januar 1883. 



H. Jordan. 



MCHTMaE DES HERAUSaEBEES. 



I, 76, 1. Inschrift von Marravinm (Bibliotheqae des ecoles fraD9. d*Athenes 
et de Rome V 1879 S. 17, 52): o Po[pidü?] | [I]omes pucl[es]. 

ly 85. Für einen genius lovis erklärt C. L. Visconti die jüngst gefundene 
Statne eines jugendlichen Gottes, der das Füllhorn in der L. und die Agis 
über die 1. Schulter geschlagen trägt. Bull. com. 1882, 173. T. XVIII. XIX. 

I, 147. Es ist jetzt sicher, dafs in Pompeji einer der ältesten Tempel 
am Markt, früher 'Venustemper, neuerdings ' Cerestemper getauft, dem Apollo 
geweiht war. S. unten zu S. 302. 

I, 178 ist die letzte A. mit 4 zu bezeichnen. 

I, 184,1 z. E. An die Doppelköpfe auf Münzen von Tenedos (die älteste 
Serie vor den Perserkriegen geschlagen) und von Thasos (geschlagen zwischen 
400 und 350) erinnert G. Hirschfeld. Letztere bei Mionnet Suppl. 2 S. 545 
T. n. 8. Catal. of the Greek coins in the Brit. Mus. 3 S. 221 n. 51 f. 

I, 241, 1 z. E. Hierher gehört wohl auch die Widmung lovi Ciminio aus 
Orvieto Bull, dell' ist 1879, 16. 

I, 241, 2 z. E. s. jetzt 0. Kuhfeldt, De Capitoliis imperii Romani B. 1882. 

I, 288, 3. ' Der alte Kultus ist gegenwärtig ersetzt durch den der Ma- 
donna del Capo. Allwöchentlich wallfahrten zu ihrer Kapelle neben den Ruinen 
des Tempels junge Mädchen aus Cotrona, yerginelle genannt, mit blofsen Füfsen.' 
Heibig. 

I, 289, 1 a. E. Steine von Pallanza u. a. bei Wylie , Notice of a monu- 
ment at Pallanza, in der Londoner Archaeologia Bd. 46. 

I, 294, 2. 3. Ölzweig und Eule als Embleme der Schutzgöttin der Ful- 
Ionen auf dem pompej. Bilde, Heibig 1502 S. 368; Minerva (und Daedalos) beim 
Feste der Tischler ebend. 1480. 

I, 302, 4. Zu den Belegen für die Form Idnikktov kommt jetzt osk. Ap- 
peüune in der von Mau entdeckten Inschrift auf dem Fufsboden des sogenannten 
Veuustempels am Markt zu Pompeji vor (Bull. dcU' ist. 1882, 189 ; vgl. Jordan 
vor dem Ind. 1. Regim. 1883); auch ist nach den Abschriften bei Röhl I. G. A. 
509 die sichere Lesung der Syrakuser Inschrift joneXovi. Andrerseits haben 
wir aus Metapont altes IdnoXcovog (Notizie 1880, 190 T. VI, 4) und auf der 
neuen Inschrift von Larissa Z. 22. 44 thessalisches uinXovvos. Man sieht, 
dafs dadurch an der vorgetragenen Ansicht Nichts geändert wird. — Übrigens 
ist die eckige Klammer vor 'dazu kommen' ausgefallen. 



\l NACHTRAGE DES HERAUSGEBERS. 

I, 310 A. Streiche die Worte 'deren Replik — Citharödus ist'. Weiter 
1. * Urlichs'. 

I, 330 f. la Civita Layipia ist die folgende Dedication gefunden worden, 
Tempestatibu[s] \ M. Laberius C. f. | dat. Die Inschrift ist, wie es scheint, 
republikanisch, der Dedicant vielleicht der Consnl des J. 709 d. St. (JNotizie 
degli scavi 1882, 115). 

I, 349, 1. Das kürzlich gefundene neue Fragment des Kalenders von Cu- 
mae hat die Note supplica]tio Mölihus Martis (zu //// id. Med.?). De Petra 
in den Notizie degli scavi April 1882 S. 239 f. Dafs diese Möles mit moHri 
zusammenhängen, vermuthet Mommsen Hermes 17, 637. 

I, 358, 1. 'Das aeneum pectori tegumentum wird veranschaulicht durch 
ßrustschildchen aus Bronze, welche sich in uralten etruskischen Gräbern ge- 
funden haben, deren Inhalt noch keine Beziehungen zu den griechischen Ko- 
lonien verräth.' Hclbig. 

I, 368, 2. Doch vgl. Bergk zum Mon. Anc. S. 72. 

I, 392, 3. Bronzener Silvankopf der Sammlung OuwarofiT. Bull, dell' ist, 
1880, 32: 'sehr bezeichnend ist die unorganische Weise, in der der italische 
Künstler den Pinienkranz auf die Lockenfülle des Zeustypus aufgesetzt hat.' 
Heibig. Derselbe erinnert zu S. 393, dafs ein Kranz 'von Waldblumen' auf 
dem Haupt des Silvan auf Denkmälern nicht vorkomme, der Hund, dem S. 
als Grenzgott (S. 395) zukomme: wie denn auf dem Panzer der vaticanischen 
Statue des Augustus der Hund neben dem Legaten, der die von den Parthern 
eroberten Feldzeichen in Empfang nimmt, die Reicbsgrenze symbolisire. 

1, 401, 1. Vgl. die Inschriften aus der Gegend von Tuder (INotizie 1881, 
21. 22) und von Arles (Herzog, Gall. Narb. Append. p. 73, 355). 

I, 411, 1. In der von Dressel zuerst (Deutsche Litt. Z. 1882, 1132) ver- 
Öfientlichten Inschrift von Aeserina Stents Kalaviis \ Anagtiai diiviai \ dunum 
deded möchte Bücheier Rh. M. 37, 643 die Augitia wiederfinden. 

I, 431, 1 Florae Fortunae Pantkea[e] in der in den Nachtr. zu H, 372, 4 
a. Inschrift. 

I, 434 fi*. Zu diesem Abschnitt vgl. jetzt G. Wissowa^ De Veneris simu- 
lacris Romaois. Habilitationsschr. Breslau 1882. 

I, 437. Über Ansiedlung des phönicischen Astartedienstes in Latium 
{Astura bei Porto d'Anzo) s. Olshansen in dem I, 13, 2 a. Aufsatze. 

I, 448, 3. Zu streichen ist die Bemerkung, dafs in der Nähe der Schwefel- 
quellen die Vegetation gut gedieh; sie ist unrichtig. 

I, 452, 3. Vgl. Schöne und Benndorf, Lateran n. 79. 

II. 36, 3. In der That sind Acculeii nachweisbar: G. 1. L. 6, 10481 f. 

II, 51, 1 a. E. Vgl. die Kolossalstatuen von Liber Libera, Beschr. d. Stadt 
Rom 2, 2, 559 n. 14. 18. — Doppelherme: Museum Disoeianum (London 1849) 

PI. xm. 

IL 72, 4. Vgl. Heibig, Ann. delP Ist. 1870, 21 ff. Körte, das. 1879, 299 ff. 

11, 73, 2. VgL Ann. dell' Ist. 1870, 21 ff. 

n, 81, 2. In der Stelle des Macrobius vermuthet Heibig Volsinios und 
bemerkt dazu: 'Die römische Niederlassung liegt nicht auf der Stelle der 
alten Stadt, sondern 15 Kilom. davon entfernt, was auf Verfluchung der erste- 
ren Stätte hinweist'. 



NACHTRAGE DES HERAUSGEBERS. YII 

n, 88,. 1. Auch durch Matthias (Qnaest. BlandiniaDarum capita tria, 
Hall. Diss. 1882, S. 45 f.) wird der Werth des Schollon Cruq. nicht klar ge- 
stellt: es steht übrigeos im cod. Paris. 7975. 

II, 94,2 z. £. 'Etrusker wie Latioer haben bis in das 7. Jahrh. hinein 
stets verbrannt. Dann folgt eine Periode der Bestattung, für welche zugleich 
eine erhebliche Zunahme überseeischer Kunstgegenstände in den Gräbern be- 
zeichnend ist. Wann dann neben der Bestattung wiederum die Verbrennung 
aufkam, läfst sich wegen der schlechten Beobachtungen der betreffeoden Aus- 
grabungen nicht entscheiden. Doch kommt Bestattung und Verbrennung neben- 
einander in etruskischen Gräbern vor, deren Inhalt an bemalten Vasen auf 
das Ende des 6. Jahrh. v. Chr. hinweist'. Heibig. 

11, 95, 1. Vgl. das singulare dis manibus sacratis Arrednae Probes 
u. s. w. der Inschrift Notizie 1881, 329. — Cnpra Mater als Schutzpatronin 
eines Friedhofes? Ind. lect. hib. Regim. 1882/3 c. 1. 

n, 96, 2. Über obtut, obba Jordan, Ind. lect. Regim. 1882/83 im Anhang. 

n, 98, 2. Vgl. noch parentes manes C. I. L. 8, 2185. 

II, 143, 1 z. E. S. Heibig, Wandg. n. 65. — Flumen Hiberus^ Statue in 
Tarraco, C. I. L. 2, 4075. Danuvio defluenti das. 3, 3416. Personification eines 
Lacus: Foucno (Fucino)? S. Bibl. des ecoles frany. d'Atheoes et de Rome 1879, 
5, p. 16, 49, 

n, 158, 1. 4, vgl. 152, 2. Die volksthümliche Auffassung des Vulcanus 
bezeugt Quintilian 8, 6, 24 Fukanum pro igne vulgo audimus (während vario 
Marte und a. Metaphern nicht so gebräuchlich seien.) Die Bestätigung giebt 
Horaz, Sat. 1, 5, 74 und der Schlufs der ganz ungelehrten wenn auch Senare 
stammelnden Grabschrift Bull. arch. com. 1878, 226: ossa dedi Terrae, corpus 
Volchano dedi eco, ut suprema mortis mdndata edidi. 

II, 183, 2. Fortunendenkmäler auf dem Quirinal. Bull. arch. munic. 
1872/73 S. 201 ff 

II, 189 ff. Vgl. Fernique, Etüde sur Preneste (Bibl. des ecoles fran^aises 
de Rome et Athenes XVII. 1880) S. 75 ff. 

II, 184, 1. Der Tempel soll wiedergefunden sein: Notizie degli scavi 
1882, 114. 

n, 189, 1. Helbig erinnert, dafs die pennae der Frontostelle nur Flügel 
(an den Schultern) bedeuten können. 

II, 190, 1. Ein sortilogus in Pompeji: Notizie 1880, 185. — Das. A. 2 
Neue Pränestiner Inschrift Fortunae Primigeniae Notizie 1882, 302. 

II, 227. Vielleicht ist hier Verminus einzureihen. Die im J. 1876 in 
der Nähe des servianischen Walls gefundene Ära mit der Aufschrift Fermino 
I A. Postumius AlbOjius) duovir lege Plaetoria (C. I. L. 6, 3732 wos. die Litt) 
deutet Henzen gewifs richtig als Abwehr einer aufsergewöhnlichen verminatio 
des Viehs durch Dedication an Ferminus (der duovir lege Plaetoria, nehmlich 
aedi [oder arae] dedicandae, sei wahrscheinlich der Consul d. J. 603 d. St.). 
Formell ist Ruminus, ruminatio zu vergleichen, sachlich deus Robigus, Man 
darf daher Verminus (wohl mit kurzer Pänultima) zu den Göttern der Indi- 
gitamenta stellen. 

II, 231, 1. Ein insül{arius) [a Mjercurio sobrio C. I. L. 6, 9483, ein numu- 
larius a Mercurio sobrio das. 9714. 



Till NACHTRAGE DES HERAUSGEBERS. 

II, 237. Das Bild der Salas aaoh auf den Denaren der M.' Acilins 
Cohen Rep. T. I, 3. — Zu S. 235, 4 vgl. die Salus Umeritanay Personification 
der Heilquelle, deren Wasser verschickt wurde (Darstellung auf einem Gefäfs 
publicirt von Hübner, Areh. Ztg. 1874 T. 11). 

n, 298. Hercules mit dem Füllhorn: so auch, wie Heibig erinnert, die 
, sicher' attische' Statue der Villa Ludovisi (Schreiber, Ant. Bildwerke der 
Villa L. n. 62). 

n, 300, 1. Münzen des Postumus: De Witte, Monnaies des empereurs 
Gaulois. 

II, 313, 1. Heibig erinnert, dals neuerdings ein Bild mit der Beischrift 
Dido gefunden worden ist. 

II, 354, 2. Über das pergamenische Heiligthum s. jetzt Conze, Jahrb. der 
K. Preufs. Kunstsammlungen 1, 198 ff. 

II, 372, 4. Vgl. die neuerdings von Lanciani, Ball. arch. com. 1882, 149 
n. 541 aus einer Hs. vervollständigte Inschrift Eph. ep. 4, 261 n. 725 — hatim 
posuü deae Fhrae Fortunae Panthea (1. Pantheae). — VgL jetzt Jordan im 
Ind. lect. Regim. c. 1. 

n, 377, 3. 'Anticaglien, auf den Kult des Osiris, der Isis, des Horus be- 
züglich, sind in den karthagischen Nekropolen (z. B. in Sardinien) gefunden 
worden. S. Annali 1876, 215.' Heibig. 

n, 399, 1. Die Inschrift eines Gallus Diasuriaes ab Isis et Serapis wird 
von Lanciani Bull. com. 1880, 65 als Beweis für die Existenz eines Tempels 
der Göttin in der 3. Region angesehen: wohl mit Unrecht. 



INHALT DES ZWEITES BAUDES. 



Sechster Abschnitt. 

Gottheiten der Erde und des Ackerbaues. 

Seite 

1. Tellnmo, l'ellus, Ceres 2 

2. Agrarische Feste 4 

3. Satarnas und Ops 10 

4. Coosus 23 

5. Acca Larentia und Dea Dia 26 

6. Aogerooa 36 

7. Ceres, Liber, Libera 37 

8. Die grofse Matter vom Ida 54 

Siebenter Abschnitt. 

Unterwelt und Todtendienst. 61 

1. Die Unterwelt und ihre Götter 62 

2. Die Devotion 78 

3. Die Ladi Tarentini und Saeculares 82 

4. Die Ludi Taurii 92 

5. Bestattungsgebräuche und Todtenfeier 93 

6. Der Cultus der Laren 101 

7. Die Larven und Lemuren 117 

Achter Abschnitt. 

Die Götter des flüssigen Elements. 120 

1. Neptunus 120 

2. Die Quellen und Flüsse 125 

Neunter Abschnitt. 

Die Götter des feurigen Elements. 147 

1. Volcanus 147 

2. Vesta und die Penaten 155 



X INHALT DES ZWEITEN BANDES. 

Zehnter Absohnitt. 

Schicksal und Leben. 17S 

"f~ 1. Fortuna 179 

2. Der Caltas der Genien 195 

3. Die Götter der Indigitamenta 204 

4. Andere Götter und Personificationen des praktischen Lebens . . 22S 

a. Handel und Wandel 229 

Mercurius 229 

b. Heilsgötter 234 

Strenia . 234 

Salus 235 

Carna oder Cardea 237 

Febris 240 

Aesculapins 240 

c. Sieges-, Kriegs- und Friedensgötter 244 

Victoria 244 

ßellona • 247 

Pavor und Pallor 248 

Honos und Virtus 24S 

Pax 250 

d. Freiheits-, Glücks- und Segensgötter 252 

Libertas 252 

Spes 253 

Felicitas 255 

Bonus Eventus 257 

Annona 25S 

e. Virtutes 2G0 

Concordia 260 

Pietas 262 

Pudicitia 264 

Mens 265 

Aequitas 266 

dementia 267 

Providentia 268 

Eilfter Abschnitt. 

Halbgötter und Heroen. 

1. Semo Sancus und Dius Fidius 270 

2. Sabinische Sagentrümmer 275 

3. Hercules 278 

4. Castor und Pollux 300 

5. Diomedes, Ulixes, Telephus 305 

6. Aeneas. Antenor 310 

7. Sagen trümmer von Alba Longa und dem übrigen Latium . . . 334 

8. Die Ursprünge Roms 340 

9. Dea Roma 353 



INHALT DES ZWEITEN BANDES. XI 

Zwölfter Absolmitt. 

Letzte Anstrengang^en des Heidenthums. 359 

1. Symptome des Verfalls der alteo römischen Staatsreligion 

X a. Die Unterdrückung der Bachanalien im J. 186 y. Ch. . . 363 

b. Die apokryphiscben Bücher des Nama im J. 181 y. Chr. . 368 

c. Anfange eines neuen Himmelsknltus 372 

2. Aegyptische Sacra 

Isis und Serapis 373 

3. Neue Sacra aus Phrygien und Cappadocien 385 

a. Die asiatische Bellona 386 

b. Die Märzfeier der Magna Mater und des Attis .... 387 

c. Die Weihe der Taurobolien und Kriobolien 390 

4. Syrische und punische Gottesdienste 394 

a. Dea Syria 396 

b. Mainma 399 

c. Dens Sol Elagabal 399 

d. lupiter 0. M. Heliopolitanus 402 

e. lupiter 0. M. Dolichenus 404 

f. Inno Caelestis 406 

5. Sol Inyictus und die persischen Mithrasraysterien 408 

aa. Thrakische und sonstige fremde Dienste 418 

6. Astrologie und Magie 419 

^ 7. Der Kaiserkultus 424 

Anhang. Der römische Kalender 454 



SECHSTEE ABSCHNITT. 



Gottheiten der Erde and des Ackerbaas. 



Die Vorstellungen, welche sich dem alten Italien aus der reli- 401 
giösen Verehrung des Erdbodens und der Erdgötter ergaben, sind 
im Allgemeinen dieselben wie die der Griechen von den chthonischen 
Göttern. Es ist der Segen der Erndte und das Empfangnifs der 
Saat, wofür man diesen Göttern dankte, das Glück der agrarischen 
Cultur, welche Vorstellung sich im Dienste des Saturnus und der 
Ops zu dem sehr bestimmt ausgeführten Bilde einer seligen Urzeit 
yerklärt hatte; endlich begegnen uns auch hier jene aus höherer 
Ahndung und gewöhnlichem Aberglauben gemischten Vorstellungen 
von der Unterwelt und einem Leben nach dem Tode. Durchweg 
sind diese Götter männliche und weibliche, z. B. Tellumo und Tellus, 
Saturnus und Ops, Dis Pater und die Mater Larum u. s. w., weil, 
wie Varro bei Augustin C. D. VII, 23 erklart, die Erde die doppelte 
Natur einer männlichen Zeugungskraft und einer weiblichen Kraft 
des Empfangnisses und der Ernährung in sich vereinigt. Die Namen 
und Culte der einzelnen Götter gehen zum Theil ziemlich weit aus 
einander, was uns nicht irren darf, da sich gewisse Grundsätze bei 
allen wiederholen. Der Einflufs des griechischen Wesens ist wieder 
recht stark, da der Dienst der Demeter und Persephone im Vereine 
mit dem des Dionysos von Campanien und dem griechischen Italien 
her frühzeitig eingedrungen war und auch die Vorstellungen von der 
Unterwelt sich sichtlich unter dem Einflüsse griechischer und etrus- 
kischer Vorbilder entwickelt haben. Nichts desto weniger läfst sich 
auch hier die ältere und italische Grundlage wohl erkennen, zumal 
wenn man von den einfacheren und ländlichen Formen des Gottes- 402 

Preller, Rom. MythoL 11. 3. Aufl. 1 



2 SECHSTER ABSCHNITT. 

dienstes allmälich zu den complicirteren des stadtischen Lebens 
fortschreitet. Zur Erleichterung der Uebersicht handeln wir zuerst 
Ton den Göttern der Erde und des Ackerbaus^ mit Einschluls des 
phrygischen Dienstes der Grofsen Mutter, welcher zugleich der am 
spätesten in Rom eingeführte und in diesem Kreise der fremd- 
artigste ist: darauf in einem besondern Abschnitte von den Gott- 
heiten und solchen Religionsgebräuchen, an denen sich die Vor- 
stellungen von der Unterwelt und dem Schicksale der Verstorbenen 
entwickelt haben. ^) 

1. Tellumo, TeUuSf Ceres, 

Tellus und Ceres wurden nehmlich in den meisten Fällen 
zusammen angerufen, z. B. von dem Flamen bei Eröffnung der 
Saat und bei dem Opfer der porca praecidanea vor der Erndte^). 
Tellumo abeü ist nur der männliche Doppelgänger neben der weib- 
lichen Mutter Erde, der Zsvg %d'6viog neben der Demeter oder Ge, 
durch welche die Griechen gewöhnlich die italische Terra oder Tellur 
übersetzen^). Diese ist zunächst die Erde neben und im Gegen- 
satze zum Himmel, daher Tellus Mater und Jupiter bei Eidschwüren 
und andern Gelegenheiten, wo das kosmische Ganze der Natur- 
erscheinungen zuammen gefafst werden soll, neben einander genannt 



^) [Das EindriDgen der griechischen Elemente in die römisch - latinische 
Religion iit aaeb hier auf enge Kreise beschränkt (s. Cicero p. Balbo 24, 55 
nnd dazu unten S. 433), die Zeit desselben noch ungenügend bestimmt. Die 
Magna mater gehört streng genommen nicht in diesen Kreis. Der folgende 
Abschnitt genügt in keiner Beziehung.] 

«) Varro b. Non. Marc. p. 163, Serv. V. G. J, 21. 

«) Dionys. H. VIII, 79, Appian BeU. Civ. IT, 126. [Mommsen (zu C. I. L. 
1, 530) vermuthet, dafs die in der Subura gefundene Basis mit der Aufschrift 
M, Claudius M. /. | consol \ Hinnad cepü im Tempel der Tellus aufgestellt 
gewesen ist. Vermuthlich war es ein Bild der Demeter, der Aufstellungsort 
also nicht zufällig. Andere Beutestücke hatte derselbe im Tempel des Honos 
nnd der Virtus und an andern Orten dedicirt: Gic. Verr. 4 § 120 f. Florus 
(Virg. orator an poeta p. 107 Halm) scheint ^rj/birfrrjQf sonst = Ceres, durch 
Terra mater wiederzugeben. Jordan Hermes 8, 86. Uebrigens ist Tellus mater 
wohl die ältere. Terra mater die spätere und vulgäre Bezeichnung: jenes ist 
auf Steinen selten (C. I. L. 2, 2526. 6, 769. 8, 5305. 8246 f. Bull, dell' inst. 
1873, 87). Bei Varro (s. flg. A.): luppiter pater appellatur, Tellus terra mater 
ist terra Glosse. Vgl. Plinius XVIII, 21 Tellure, quae parens (d. h. mater} 
appellatur colique dicitur.] 



TELLUHO, TELLÜS, CERES. Ö 

werden^). Weiter ist sie der weibliche und mütterliche Schoofs 
der Erde, der die Saaten empfangt, um sie dem Menschen als goldne 
Frucht und veredelnde Nahrung zurückzugeben, ein natürliches Bild 
für den Ursprung und die Veredelung der Dinge überhaupt, daher 
sie unter den Göttinnen vorzugsweise als Mater angerufen und in 
demselben Sinne von Denkern und Dichtem gefeiert wird^): aber 
auch das allgemeine Grab der Dinge, welches alles Lebendige wieder 
zu sich nimmt, daher auch sie wie andre Erdgötter neben den 
Manen angerufen wurde ^). Auch ist sie der feste Erdkörper, die 
Bedingung aUer Naturordnung und sichern Gestaltung der Dinge, 403 
weshalb man bei Erdbeben zu ihr wie zur griechischen Ge betete, 
hin und wieder aber auch zur Ceres ^), und das Bild der Tellus 
Stabilita mit entsprechenden Symbolen des Ackerbaus auf Münzen 
der Kaiser als Sinnbild wiederhergestellter Ordnung und Sicherheit 
im Gebrauche ist. Endlich ist sie als Göttin zugleich des weiblichen 
Empfangnisses und der Ordnung auch eine Göttin der Ehe, wie 
die griechische Demeter Thesmophoros '^). Ihren Tempel in Rom 
verdankte Tellus dem Consul P. Sempronius, welcher ihn im J. 268 
V. Chr. in einer Schlacht mit den Picentem, während welcher die 
Erde bebte, gelobt hatte. Er lag auf dem Platze wo ehemals das 
Haus des Sp. Cassius gestanden hatte, an einem Abhänge des 
glänzenden Quartiers der Carinen, in welcher Gegend auch Pom- 
pejus wohnte, daher dieser Tempel oft genannt wird*). Den Namen 



1) Varro r. p. I, 1, 5, vgl. die Eidesformel, b. Macrob. S. III, 9, 12 Tellus 
Mater teque lupüer obtestor. Cum TeUurem dicU, manibus terram Umgü, cum 
lovem dicit, manus ad caekim. tollit. Vgl. oben I, 50. 

') Lucret. II, 589 ff., V, 792, 818 ff. In einer afrikanischea loscbrift aus 
Gnicul b. L. Renier Inscr. de l'Algerie n. 2531 [CLL. 8, 8309] heifst es: 
Telluri Genetrici res publica Cuiculitanor, templum feeit etc. 

') Varro 1. 1. V, 64 Haec enim terris gentes omnes peperit et resumit 
denuo, quae dat cibaria, ut ait Ennius [im Epicharm.: S. 168 V.]. Vgl. die 
Formeln der Devotion bei Liv. VIIl, 9, X, 28 und Aurelius Victor Caes. 33 
vom Tode des verhafsten Gallien: cum irruens vulgus pari clamore Terram 
Matrem, Deosque Inferos precaretur, sedes impias uti Gaüieno darent. 

*) Liv. XLI, 28. Vgl. Eckhel D. N. VI p. 509, VII p. 119. [Vgl. Nissen 
Pomp. ünt. S. 332.] 

^) Virgil Aen. IV, 166 nennt sie deshalb neben der Inno pronnba. Vgl. 
Servins zu d. St. und Rofsbach über d. röm. Ehe S. 302. 

8) Flor. I, 19, vgl. Becker S. 524. [Vgl. Mommsen zu C. I. L. 1, 530. 
Die Lage in der Snbnra ist sicher, wahrscheinlich dafs dazu die porticus ck- 
sidaJta der 4. Region gehörte und diese z. Th. auf dem capitol. Plan Fr. 116 

1* 



4 SECHSTER ABSCHNITT. 

der Ceres haben schon die Alten richtig mit dem Worte creare zu- 
sammengestellt, welches mit dem alten Worte Cerus oder Kerus zu 
einem und demselben Stamme gehört^). Der Cultus dieser allen 
Erd- und Ackergöttinnen, wie er auf dem Lande und in der Stadt 
im Laufe des Jahres beobachtet wurde, wird uns diese älteren 
nationalen Vorstellungen noch besser kennen lehren. 

2. Agrariiche Feste, 

Zu unterscheiden sind die gröfseren städtischen Feste, welche 
unter dem Einflüsse griechischer Cultur allerlei mythologische Be- 
ziehungen und festUchen Pomp zugelassen hatten, z. B. die Cerealieu 
und Saturnalien, von denen ausführhcher die Rede sein wird, und 
die ländlichen, wo sich mit der einfacheren Sitte auch das allere 
404 Wesen reiner erhalten hatte. Diese waren grolsentheils sogenannte 



dargestellt ist. Jordan Top. 2, 100 Forma S. 27, 6. War es ein Rund- 
tempel? Vgl. oben I, 399, 3. 428, 1. — Eine aedem TeU{uris) weiht bei Formiae 
ein Freig. des aus Cäsar bekannten T. Sextlus: Bull. deJl' inst. 1873, 87. 
Später ist sie wie die Venus (I, 441) hauptsächlich Gartengöttin. Neben einigen 
wenigen Dedicationen an dieselbe, meist von Liberten in und aufser Rom (vgl. 
C. !. L. 6, 770—772. 2, 3527. 3, 1284. 1285. 1364. 1555. 1599: Tempel von 
Severus wiederhergestellt 3, 6313), ist besonders charakteristisch die voll- 
ständig erhaltene, ehemals mit einem Gitter verschlossene aedicula mit der 
Statuette der Göttin , gefunden zu Rom bei S. Lorenzo fuori (hoch 1,50) mit 
der Inschrift Terrae matri s. \ A. Hortensius Cerdo deae piae \ et conservatrici 
meae d. d. (abgeb. Bull. arch. munic. 1 T. III S. 24 ff., die Inschrift auch Eph. 
epigr. 1872, 218 C. I. L. 6, 3731, vgl. Eph. ep. 4, 270; über den Verschlufs 
der aedicula Jordan Hermes 14; 572 f.). Die Statuette: auf einem Throo- 
sessel sitzende bekleidete Frau, 1. Scepter, r. Patera; Aehrenkraoz 
(vgl. Dea Dia, Vesta: unten S. 424. 539) und Schleier auf dem Haupt. 
Sonst Tellus dargestellt: liegend mit Füllhorn, halb bekleidet (Visconti Bull, 
mun. a. a. 0.; auf dem Harnisch des Augustus von Prima Porta Ann. 1863, 
448; mit einem Kinde auf dem Schofs auf einem Relief beschr. von Jordan 
Hermes 7, 268?). — Aufser Rom ist der Kult selten: eigenthümlich Tellus 
im Verein mit Saturn, Juppiter, Nutrix, Mercurius, Venus, Hercules, Testimo- 
nius C. I. L. 8, 8246. 8247; Teüus Gilva Augusta das. 5305 und die oben 
a. Steine der Terra.] 

*) Serv. V. G. I, 7 alma Ceres — e creando dicta, quamvis Sabini Ceref'em, 
panem appellant, wofür vermuthlich zu lesen ist Pandam. [? Aehnlich 
Mommsen Unt. Dial. S. 136.] Ueber den Sanskritstamm kri, kar d. i. facere, 
creare und die dahin gehörenden Wörter s. oben 1, 79 f. Eine falsche 
Etymologie ist die bei Varro 1. 1. V, 64 und Cicero N. D. II, 26, Ceres habe 
früher Geres geheifsen, a gerendis frugibus, antiquis enim C quod nunc G. 



AGRARISCHE FESTE. 5 

popularia sacra, d. h. solche welche ohne Bevorzugung gewisser Ge- 
schlechter oder das Bedürfnifs von Priestern in allen Familien und 
Hausstanden unter der Aufsicht des Hausvaters oder der Hausmutter 
begangen und in herkömmlichen Gebräuchen von einer Generation 
zur andern tortgepflanzt wurden^). Auch liegt es in der Natur 
der Sache dafs die meisten nicht gebundene, sondern bewegliche 
Feste waren, d. h. solche welche von Jahr zu Jahr von den Orts- 
obrigkeiten oder den Priestern angesagt wurden. 

Beginnen wir mit der Zeit der Aussaat, welche im Herbst ihren 
Anfang nahm und bis in den Januar hinein dauerte, so hiefsen die 
dahin gehörigen Festlichkeiten im Allgemeinen feriae sementinae 
[seraentivae?], unter welchem Namen sie von den Pontißces an- 
gesagt wurden^). Es scheint dafs solche sowohl beim Beginn als 
beim Beschlüsse der Saatzeit stattgefunden haben. Wenigstens wissen 
wir von einem feierlichen Opfer und Gebete an Ceres und Tellus, 
bei welchem der Flamen, leider, ist nicht gesagt welcher, alle Götter 
und Genien des Ackerbaus um ihre Mitwirkung anflehte, auch die 
Genien des Pflügens, Eggens, Säens u. s. w. so dafs es nicht wohl 
anders als vor der Aussaat stattgefunden haben kann^); wie es denn 
auch die Analogie der Emdtefeste im Weinberge und auf dem Acker 
mit sich bringt, dafs vor dem Beginn der eigentlichen Geschäfte ge- 
wisse einweihende und eröffnende Feierlichkeiten von Seiten der 
Priester vorgenommen wurden. Setzen wir also diese Ceremonie 
in den Beginn der Saatzeit, so folgten im December die Consualien 



^) So verstehe ich Fest. p. 253 Popularia sacra sunty ut aü Labeo, quae 
omnes cives faciunt nee eertis familiis attrümta sunt: Fomaeaha, Parilia^ 
Porca praecidanea. 

') Varro 1. 1. VI, 26 Sementinae [so F?] feriae dies is qui a poniißcibus 
dictus appellatus a semente, quod sationis causa siuceptae. Paul. p. 337 Se- 
mentivae [so d. Hss.?] feriae fuerunt institiUae, quasi ex iis fruges grandescere 
possint. Vgl. Ovid F. I, 657 ff. und lo. Lydns d. Mens. III, 6, welcher letz- 
tere aosdrücklich von der aQXV OTtoqov spricht. [Sementivae, nicht senientinae, 
scheint die allein richtige Form zu sein: dafür spricht die hs. Ue herliefe rung 
(so Macr. , Lydns, Paulos; bei Ov. F. I, 650 hat ein Theil der guten Hss. 
sementiva, andere sementtta, nur ein Vossianus ^eme;i^';?a, und so angeblich F 
des Varro) und die Analogie der Wcirter aestivus, tempestvous u. a. (Jordan 
Hermes 15, 15 f.). Falsch ist also was Marquardt Verw. 3, 192 darüber sagt. 
Cebrigens ist desselben Abschnitt S. 184 ff. für die folgende Darstellung der 
sacra popularia zu vergleichen.] 

') Serv. V. 6e. I, 21. Tellus erscheint auch bei Varro r. r. I, 2 als die 
Hauptgöttin der feriae sementinae. 



6 SECHSTER ABSCHNITT. 

und Satumalien als solche Feste, wo die Saat schon in der Erde ist 
und baldigen Aufgang yerspricht, und darauf im Januar das volks- 
thümliche Fest der Paganal ien, auch diese ein bewegliches Saat- 
fest, welches aber jetzt den Beschlufs der gesammten Muhe und 
Arbeit der Aussaat bildete und in diesem Sinne auf dem Lande mit 
grofser Heiterkeit gefeiert wurde. Paganalia sind nehmhch eigent- 
405 lieh das jährliche Gemeinfest eines Pagus d. h. eines ländlichen Ver- 
bandes von mehreren Dörfern und Bauerhöfen zu Ehren seiner Götter, 
wie Compitalia die gemeinschaftliche Larenfeier der zu einem und dem- 
selben compitum gehörenden Vici. Im engeren Sinne aber hiels so 
die Feier der Tellus und Ceres, wie sie im Januar, wenn die Saat 
beendigt war (semente peracta), von den versammelten Bauerschaften 
mit ländlichen Festlichkeiten begangen wurde und von Ovid F. I, 
663 ff. lebhaft und anmuthig beschrieben wird ^). Endlich haben die 
Ackerstiere Ruhe und stehen bekränzt an der vollen Krippe, denn 
erst mit dem lauen Frühlinge wird es wieder für sie zu thun geben. 
Der Bauer stellt den Pfiag bei Seite, denn der Erdboden ist gefroren. 
Alles ruht von der Saat, die Erde und ihre Bearbeiter. Da winkt die 
Feier der Paganalien, zu welcher sich alle Paganen im Pagus d. h. in 
dem gemeinschaftlichen Burgwall, zu dem sie gehören, versammeln, 
zuerst die Stätte lustriren und auf den alten Opferheerden die jähr- 
lichen Opferkuchen darbringen, dann aber ganz vorzüglich der Tellus 
und der Ceres gedenken, der jetzt von der Saat schwangern Mutter 
aller Feldfrucht. Dazu wurde um Segen für die an ihrem Busen 
schlummernde Frucht gebetet, dafs ihre Augen sich öffnen, ihre Halme 
sich strecken, ihr Korn im himmlischen Lichte der Sonne reifen möge. 
Auch flehte das Gebet um Schutz gegen alle Plage und Gefahren, wie 
sie der Landmann von einem Monate zum andern bis zur Erndte zu 
furchten hat, räuberische Vögel, gefräfsige Ameisen und Feldmäuse, 
Schaden der Witterung und des Kornbrandes. Vor allem aber galt 
es den Frieden zu erhalten, den nährenden, segnenden, um den die 
martialischen Bürger von Rom, trotz dem dafs sie immer von einem 
Kriege zum andern eilten, ihre Götter bei den verschiedensten Ge- 
legenheiten und immer von neuem zu bitten nicht müde wurden. 

Weiterhin, kurze Zeit vor dem Sühnfeste der Palilien und in 
derselben Zeit, da in Rom die Cerealien gefeiert wurden, nehmlich 
am 15. April gab es eine eigne Feier der Hordicidia oder Fordi- 



») Vgl. Varro 1. 1. VI, 24. 26, Dionys. H. IV, 15. 



AGRARISCHE FESTE. 7 

«idia, welche auch der Tellus galt, und zwar der fruchtbaren 
Mutter, welche nun aus ihrem Schoofse die Saaten schon in die 
Höhe schiefsen und der Erndte entgegenreifen liefs. Gieicbialls 
«in sehr altes Fest, welches man in Rom von Numa oder gar vom 
Faunus ableitete, der es auf Veranlassung schlechter Erndten und 
andauernder Fehlgeburten der Heerde gestiftet habe. Bos horda 
oder forda (der oft bemerkte Lautwechsel der italischen Dialekte) 406 
ist die trächtige Kuh, die das Kalb im Leibe trägt ^). Solche 
Kühe wurden dann von den Pontifices der Tellus geopfert, ein 
Bild des reifenden Erndtesegens. Ein Theil davon wurde auf dem 
Capitole geopfert, andre dreifsig in den dreifsig Curien, nach welchen 
die alte Bürgerschaft von Rom sich eintheilte, so dafs dieses Opfer 
zugleich ein Sühn- und Reinigungsopfer für den Staat und diese 
Bürgerschaft d. h. die Patricier gewesen zu sein scheint. Dem ent- 
spricht auch der Gebrauch, die noch ungebornen Kälber vor dem 
Verbrennen der Eingeweide aus den schwangern Leibern der Kühe zu 
reifsen und sie in einem eignen Feuer zu Asche zu verbrennen, welche 
Asche von den Vestalinnen mit andern Substanzen vermischt und 
sechs Tage darauf an den Palilien zur Reinigung der Mitfeiernden be- 
nutzt wurde. 

Um dieselbe Zeit oder etwas später begannen auf dem Lande 
die sühnenden Umzüge der Ambarvalien, bei denen wieder vorzugs- 
weise die Ackergottheiten, namentlich Ceres, angerufen wurden 
(I, 422). Darauf folgte in den Monaten Juli und August die Zeit der 
Erndte mit den dazu angesetzten Erndteferien, welche das städtische 
Geschäftsleben regelmäfsig unterbrachen*). Voran gingen auch hier 
gewisse Sühnopfer, namentlich die sogenannte porca praecidanea 
d. i. das Opfer eines weiblichen Schweins, welches vor dem Schnitt 
der Felder auf jedem Bauerhofe mit besondrer Beziehung auf die 
Todten und etwaige Versäumnisse bei ihrer Bestattung dargebracht 
wurde; denn auch hier geht der Glaube an die Ackergötter und 
an die Götter der Unterwelt Hand in Hand, indem man nur von den 
wohlbefriedigten und versöhnten Mächten der Erdtiefe, bei denen die 



1) Varro 1. 1. VI, 15, d. r. r. II, 5, 6. Vgl. Paul. p. 83 Fordicidis, p. 102 
Horda und Ovid F. IV, 629 ff. [Den Lautwechsel haben schon die alten Gram- 
matiker (als ,sabinischS vgl. Bücheier Rh. Mus. 34, 349) bemerkt] 

«) Seneca Apocol. 7, 4, Plin. Ep. VDI, 21, 2, Stat. Silv. IV, 4, 40, vgl. 
Mommsen Leipz. Ber. 1850 S. 67. 



8 SECHSTER ABSCHr«ITT. 

Todten sind, eine gute Erndte zu hoffen wagte ^). Wurde doch auch 
407 bei der Bestattung eines Todten der Ceres ein ähnliches Opfer zur 
Reinigung des gesammten Hausstandes dargebracht, noch in Gegen- 
wart des zu bestattenden Todten, daher dieses Opfer porca prae- 
sentanea genannt wurde ^). Wie es aber mit jenem Opfer der porca 
praecidanea zu halten sei, darüber giebt Cato in seinen Regeln der 
Landwirthschaft (134) eine ausfuhrliche Vorschrift. Man soll es dar- 
bringen vor der Einerndtung folgender Feldfrüchte, des far, de» 
Weizens, der Gerste, der Bohnen und der Rübsaat. Vor der ganzen 
Handlung soll des Janus, des Jupiter und der Juno mit einer Spende 
von Weihrauch und Wein gedacht werden, vor dem Opfer zuerst 
des Janus, dann des Jupiter mit neuen Spenden und Gebeten für das 
Wohl von Haus und Hof. Dann folgte das Opfer des Schweins und 
während seiner Zubereitung neue Spenden an Janus und Jupiter» 
Endlich wurden die Eingeweide des Opferthieres und eine Weinspende 
der Ceres dargebracht. So eng war auch bei dieser Gelegenheit die 
Verehrung des Gottes von allem guten Anfang und die des höchsten 
himmUschen Paares mit der der eigentUchen Erd- und Ackergöttin 
verbunden. 

Ein andrer Gebrauch, welcher vor der Erndte vorgenommen 
wurde, war das sogenannte praemetium d. i. der erste der Ceres 
geweihte Schnitt der Erndte, wahrscheinlich unter Betheiligung der 



^) Id anderin Sinne nannte man praecidaneae hostiae solche Opferthiere, 
welche vor andern Opfern zar Söhnang eines eventoellen piacnlum dargebracht 
wurden, daher es auch eine praecidanea agna gab, vgl. auch Fest. p. 238 yrO' 
pudianus [propudi aü die Hs.] porcus dictus est, ut aii Capüo Meius, qui in 
sacrificio gentis Claudiae velut piamentum et exsolutio omnis contractae reli- 
gionis est. Dahingegen die praecidanea porca sich immer speciell auf Ceres 
und den Schnitt der Felder bezieht, s. Gell. N. A. IV, 6, 7 Porca praecidanea 
appellatOj quam ptacuU gratia ante fruges novas captas immolare Cereri m,os 
fliit, si qui famüiam. funestam aut non purgaverant aut aliter eam rem quam, 
oportuerat procuraverant. Vgl. Paul. p. 219 und 223, Non. Marc. p. 163, wo 
aus Varro de vita populi Ro. lib. III diese Worte angeführt werden: quod 
humatus non sit (d. h. wenn die stellvertretende Erdscholle vergessen war), 
heredi porca praecidanea susdpienda Telluri et Cereri, aliter familia von 
pura est. 

^) Fest p. 250 praesentanea porca, vgl. Mar. Victorin A. Gramm, p. 2470 
[Gramm, lat. 6, 25, aus dem der Name bei Festus, wo presan ... die Hs., 
hergestellt ist: vgl. Lübbert Quaest. pontif. S. 72 ff.]. Sind die cerriti d. L 
larvati wirklich von der Ceres abzuleiten (I, 80), so würde diese Göttin auch 
als mater larvarum gedacht worden sein. 



AGRARISCHE FESTE. 9 

Priester, wie bei den ländlichen Vinalien die Weinlese durch ähn- 
liche Gebräuche eröffnet und später auch von dem ersten Moste dem 
Liber Pater ein auserwählter Antheil dargebracht wurde ^). Auf dem 
Lande waren alle diese Feste zugleich natürliche Veranlassungen für 
das Volk, seinen Gefühlen der Lust und Dankbarkeit in 'aUerlei 
ländlichen Tanz- und Gesangsweisen Luft zu machen^). Auf das 
Ende der Erndte und die damit zusammenhängende altnationale 408 
Emdtefeier deuten dagegen die Consualia am 21. August, dem Tage 
des Raubes der Sabinerinnen, und die Opeconsiva am 25. August, 
von welchen Festen unten die Rede sein wird. 

Endlich möge sich hier auch das alter thümliche Fest der For- 
nacalia anschliefsen, angeblich eine Stiftung des Numa^). Es war 
eine Art von Dankfest für den ersten Genufs des neu gewonnenen 
Getreides, wie man sich auf ähnliche Weise des neugewonnenen 
Weins erfreute. Nach alterthümlicher Weise wurde dann aber nur 
far, das alte nationale Korn Italiens, genossen, und zwar wurde es 
nicht gebacken, sondern nur geröstet, gleichfalls nach altem Gebrauch 
und wie man es auf dem Lande immer noch gewohnt sein mochte. 
Dieses Rösten geschah in Backöfen, welche nach einfachster länd- 
licher Sitte eingerichtet sein mufsten und denen zu Liebe man eine 
eigne Göttin Fomax annahm, nach welcher das Fest Fornacalia ge- 
nannt wurde. Der Zeit nach fiel dasselbe in den Februar, doch 
war der Tag beweglich. Ein jsichrer Beweis seines hohen Alterthums 
ist dafs es wie die Fordicidien nach Curien begangen wurde, also 
aus den Zeiten der ältesten Bürgerschaft stammte, daher der Curio 
Maximus, welcher auch die Tage vorher ansagte, die Oberaufsicht 
führte. Die eigentliche Lust des Festes bestand, wie es scheint, in 
festlichen Schmausen, zu denen sich die einzelnen Curien zusammen- 



^) Paul p. 235 praemeitum quod praelibationis causa ante praemetikir. 
Ib. p. 319 sacrima appellabant mustum quod Lib6ro sacrißcabant pro vineis et 
vasis et ipso vino conservandü, sicut praemetium de spicis, quas primum messu- 
issent, sacrificahant Cereri, Vgl. Plin. H. N. XVIII, 8 ae ne degustahant 
quidem novas fruges aut vina, antequam sacerdotes primitias Ubassent und oben 
1, 160, 3. 

') Virg. Ge. I, 347 neque ante falcem maiuris quisquam supponat aristis, 
quam Cereri torta redimitus tempora quercu det motus incompositos et carmina 
dieat. Vgl. TibuU. II, 1, 51 ff. 

^) Varro ]. 1. VI, 13, Fest. p. 253 Popularia sacra, p. 254 Quirioalia, Paul, 
p. 83 und 93 Fornacalia, Ovid F. IT, 511 ff., Plin. H. N. XVIII, 8; Lactant. 
I, 20, 35. 



10 SECHSTER ABSCHNITT. 

thaten, um sich gutlich zu thun und sich in Erinnerung der alten 
Zeiten und ihrer Unbehülflichkeit des bürgerlichen Verbandes in 
beitrer Geselligkeit zu erfreuen. Diejenigen welche dazu nicht er- 
schienen wurden Narren (Stulti) gescholten, als ob sie ihre Curie 
nicht mehr zu finden wülsten, so wesentlich gehörte nach alter Ge- 
wohnheit der Curienverband zu dem bürgerlichen und geselligen 
Gharacter Jedes Römers von guter Herkunft. Solche „Narren*' 
pflegten dann ihre Fornacahen an dem Tage der Quirinalien d. h. 
am 17. Februar als dem letzten Termine zu feiern, daher dieser 
Tag auch Stultorum feriae genannt wurde (I, 374, 2). 

3. Saiumus und Ops, 

Dieses Götterpaar gehörte durch ganz Italien zu den ältesten 
und populärsten^). So war in Rom das Heiligthum des Saturnns 
409 beim Aufgange zum Capitol eins der ältesten Denkmäler der mit 
Aboriginern und andern mythischen Gestalten erfüllten Vorzeit von 
Latium^); obwohl daneben auch die Sabiner des T. Tatius ihren 
eignen Satumusdienst mit nach Rom gebracht haben sollen. Ja ein 



^) [Populär ist der Kultus des Saturn (und der Ops) nicht {gewesen. Steine 
mit dem Namen desselben gehören aufser in Africa (G. I. L. 8 p. 1085, unter 
zu S. 414) und dem Trientinischen (G. I. L. 5 p. 1180: versprengt bis na 
Ferrara 2382 und Verona 3291 ff.), wo der Satnrnkultus offenbar an die St' 
einheimischer, nichtrömischer Kulte getreten ist (Mommsen Hermes 4, lOP 
den gröfsten Seltenheiten: die aedes Satumij welche Mnnatins Planen 
Gaeta baute (Wilmanns Ex. 1112), sollte an den Neubau des Saturntemf 
Rom erinnern (s. unten); die Widmung Satumo j4ug{usto) in Naroaa (C 
3, 1796) mag an einen nach diesem sehr alten römischen Handelsplatz in 
Zeit übertragenen stadtrömischen Kultus erinnern (daselbst auch Liber 
1784 ff.; ähnlich Feronia und Bona dea in Aquileja); in Rom fehleo 
ganz. Dagegen erscheint Saetumus unter den alten latinischen Gott 
der ^fictilia litterata' (unten) und neuerdings wird seine Beziehung zun' 
römischen Todtenkult durch die Inschrift auf einem Tongefäfs vor 
(älter als der Krieg gegen Pyrrhos) lovei Sat(urn6) deivos u. s. w. (? 
von Dressel Annali 1880, 158 ff. T. L. vgl. Jordan Hermes 1881, 
ein Amulett (?) mit der Aufschrift Saturno wohl aus einem esquilin 
(Annali 1880, 305 Jordan a. 0. S. 241) wahrscheinlich. — Der K 
ist aufserhalb Rom ganz unbekannt (einmal eine Ops regina n< 
C. I. L. 8, 2670). — Für die aogebliche *Sage' vom König un 
Satnrn (richtiger litterarische Erfindung) ist Schwegler 1, 223 ff. z 
Doch bedarf der Gegenstand eingehender Untersuchung.] 

«) Dionys. I, 19, Justin. XLIII, 1, Macrob. I, 7, 28, Varrc 



SATURNUS UNO OPS. 11 

grofser Thieil von Italien soll einmal Saturnia geheifsen haben, und 
Ojonys. I, 34 versichert ausdrucklich da£s man seinen Heiligthümern 
in diesem Lande sehr oft begegne und viele alte Städte und Statten 
nach ihm benannt würden, namentlich die Höhen und die Berge, an 
denen das Andenken der alten nationalen Götter gewöhnlich am 
längsten haftet. 

Ist Ops deutlich genug die gütige Mutter Erde, so ist Saturnus 
eben so deutlidi der männliche Erdgott, zunächst als Gott der Saaten, 
denn Saturnus ist abzuleiten a satu oder a sationibus. In der alten 
Inschrift eines GefaTses lautet der Name Sä^turnus und wahrschein- 
lich wurde er in dieser Form auch in den Saliarischen Liedern an- 
gerufen; daraus ist durch Contraction der beiden ersten Silben 
3äturnus entstanden^). Indessen ist sein Wesen durch diese nächste 
Beziehung auf das Geschäft und den Segen der Aussaat keineswegs 
erschöpft, sondern er ist der Stifter und Vorsteher des italischen 
Ackerbaus im weitesten Sinne des Wortes, der eigentlich in die 
nationale Sage und einen entsprechenden Gottesdienst hinüber- 
getretene Tellumo. So deutet die Sichel, das gewöhnliche Attribut 
des Saturn, darauf dafs er auch als Erndtegott verehrt wurde, und 
wollten Andre in diesem Attribut ein Winzermesser erkennen, so 
ist es gewifs dafs ihm auch die Stiftungen der Baumzucht und des 
Weinbaus gewöhnlich zugeschrieben wurden ^). Ja man schrieb ihm 
mit den übrigen Erfindungen des Ackerbaus auch die der Düngung 
zu, daher Saturnus oder sein Sohn Picus in Latium nicht zum 
wenigsten deswegen gepriesen und unter dem Namen Stercütus 
oder Stercülus verherrlicht wurde ^). Endlich ist er als Urheber 

») Varro 1. 1. V, 57. 64 und bei Augustin C. D. VI, 8, VII, 13, Tertull. 
ad Nat. n, 12, Fest. p. 186 Opima Spolia und p. 325 Satnroo. Jene Inschrift 
des neuerdings bekannt gewordenen Gefäfses lautet SAETVRNI POGOLOM. 
Vgl. Ritschi de fictilibus litteratis latin. antiquiss. Berol. 1853. [Op. 4, 266 ff. 
C I. L. 1, 48. Auf der viel älteren römischen Gefafsinschrift steht Sat(umo): 
doch ist a aus e verbessert. S. Jordan a. 0. S. 245]. 

') Fest. 1. c. , Macrob. S. I, 7, 24, vgl. ib. 25 Huic deo inserUones surcu- 
hrum pomommque educattones et omnium huiusmodi fertiUum tribuunt dis~ 
eipUnas und Arnob. in, 29, VI, 12. Eine angeblich aus dem Lande der Pae- 
ligner stammende griechische Inschrift Itifiniloq-vTrjg Kqovog G. I. Gr. III 
n. 5877 c wird von Mommsen I. N. fals. n. 829 für unächt erklärt. 

«) Tertull. Apolog. 25, Ad Nat 11, 9, Augustin G. D. XVIII, 15, Lactant. 
1, 20, 36, Plin. H. N. XVII, 50, bei denen die Formen Sterces, Stereulus und 
Sterculius, Stercütus und Stercutius vorkommen. In Rom soll es eine von 
Picus gestiftete ara Stercuti gegeben haben, Isidor. Orig. XVII, 1, 3. Vgl. 



12 SECHSTER ABSCHNITT. 

410 des Ackerbaus und seiner Segnungen auch der historische Re- 
präsentant derselben, worüber er von selbst zum mythischen Könige 
wurde, welchen man, sobald man sich einmal von dem höheren 
Alterthum der griechischen Cultur überzeugt und in Griechenland 
den sinnverwandten Gott Kronos kennen gelernt hatte, von dort 
nach Italien einwandern liefs. So entstand die von römischen und 
griechischen Schriftstellern oft wiederholte Erzählung^), dafs Saturnus, 
nachdem Jupiter ihn vom Throne gestofsen, nach längerem Umher- 
irren zur See nach Latium gekommen sei und sich hier verborgen 
habe, durch welche Verborgenheit gewöhnlich der Name Latium er- 
klärt wurde ^). In Rom erzählte man dafs er zu Schiff den Tiber- 
strom bis zum Janiculum hinaufgefahren sei, hier beim Janus freund- 
liche Aufnahme gefunden und an der andern Stromseite unter dem 
nachmaligen Capitole, weither Hügel nach ihm zuerst der Saturnische 
genannt worden sei, seinen Sitz aufgeschlagen habe. Nehmlich an 
dem Fufse dieses Hügels und zwar am Aufgange vom Forum her, 
da wo der sogenannte Capitollnische Steig (clivus) begann, lag das 
sehr alte Heiligthum des Saturnus, dessen Stiftung bald dem Janus 
bald dem Hercules zugeschrieben wurde. Ja man wollte dort noch 
in späterer Zeit die Spuren einer förmlichen Ansiedlung, einer Stadt 
oder eines Castells nachweisen, so fest hatte sich die Vorstellung 
eingewurzelt dafs Saturnus wie Janus, Picus, Faunus und andre 



oben I, 375. [Die vielfach als heillos bezeichnete Verwirrung in den Namens- 
formen scheint sich einfach zu lösen : Stercutus ist überliefert bei Plin., Lact, 
(auch im Tanrin. der epit. 21, 2) und Macrob. S. I, 7, 25 (wo man erst neuer- 
dings die interpolirte Lesung sterculium in den Text gesetzt hat) und ist offen- 
bar eine alte Bildung, Stercutus wie Nodöttit. Daneben kann Stercütius (Aug.) 
allenfalls als Adjectivbildung bestehen. Ganz verschieden davon (vielleicht 
spielend und vulgär) ist Stercutus (Prudent. perist 2, 449), Sterculius über- 
haupt schlecht bezeugt. Endlich ist Sterces, der Vater des Picus (Aug.) eine 
werthlose Spielerei nach dem Muster der Albanerkönige j4remulus u. a. Die 
verdorbene Stelle Serv. Aen. XI, 850 mufs einstweilen ganz aus dem Spiel 
bleiben. Irrig Klausen Aen. A. 1646.] 

1) Tertull. ad Nat. 11, 12, Lactant. I, 13, Minuc. Fei. Octav. c. 21, 4, 
welche sich auf andre Schriftsteller, u. a. auf Varro berufen, Virg. Aen. 
Vm, 319 ff., Ovid F. I, 233 ff. Ennius scheint diese Sage in den Annalen kurz 
berührt, im Euhemerus ausführlich erzählt zu haben, s. Vahlen p. 169 sqq. 

') Virg. Aen. Vm, 321 /* genus indocile ac dispersum montihus altis 
composttü legesque dedü Latiumque vocari maluü, his quoniam latuisset tutus 
in orts. Ovid F. I, 236 Dtcta quoque est Latium terra latente deo. Vgl. Ennius 
p. 171 ed. Vahlen. [lieber Latium I, 9 A. 1.] 



SATURNUS UND OPS. 13 

Culturgötter der Vorwelt ein wirklicher König gewesen^). Auch 411 
sprach man von einer ältesten Saturnischen Bevölkerung der Stadt 
und des Landes, in welchem Sinne, dieses erhellt daraus dafs man 
Yon denen die in alter einfacher Sitte von dem Landbau lebten zu 
sagen pflegte, sie allein seien noch übrig von dem Stamme des 
Königs Saturnus^), und dafs man das älteste kunstlose, aber nationale 
Yersmals, in welchem Faunus und die von ihm Begeisterten orakelt 
und die Dichter vor Ennius gedichtet hatten, das Faunische oder 
das Saturnische nannte (I, 384). Immer bringt Saturnus den Acker- 
bau und alle Segnungen desselben mit sich : mit welcher Vorstellung 
sich sowohl in der Sage als in seinem Gottesdienste das Bild jener 
seligen und goldnen Vorzeit verschmolz, wie es keinem Volke fehlt 
und von den Mühseligen und Beladenen im Volke, den arbeitenden 
und dienenden Klassen, immer am eifrigsten festgehalten wird^); 
ein Leben der reichlichsten Fülle, deren Genulsfnoch durch keine 
Theilung des Besitzes gestört gewesen sei, des beständigen Friedens^ 
der aligemeinen Freiheit und Gleichheit, da namentlich von Sklaven 
und von Knechtschaft diese Zeit noch nichts gewuist habe *). Zuletzt 
ist Saturnus „verschwunden", wie alle diese guten Könige und Wohl- 
thäter der Vorzeit (I, 95 f.), worauf Janus, welcher erst durch ihn 
die Elemente der Bildung, namentlich auch den Schifibau und das 
Münzprägen lernte, sein Geld zur Erinnerung an solche Wohlthat 
und an den innigen Verein auf der einen Seite mit seinem eignen 
Kopfe, auf der andern mit dem Schiffe, welches Saturn nach Italien 
brachte, geprägt habe (I, 182). Sicher ist dafs Janus und Saturnus 



^) Varro 1. 1. V, 42 Nunc autem montem Saturnium appellatum prodiderunt 
et ah eo late Saturniam terrarrij ut etiam Ennius appellat, Antiquuvfi oppidum 
in hoc fuisse Satumia scribitur. Eins vestigia etiam nuncjpianent tria^ quod 
Saturni fanum in ftmcibusj quod Saturnia porta, quam lunius scribit ibi; quam 
nunc vocant Pandanam, quod post aedem Saturni in aedificiorum legibus pri- 
vatis parietes postici muri sunt scripti. Ygl. Fest. p. 322 Saturnia, Solin. 1, 
13, Virg. Aen. VIII, 355. 

*) Varro r. r. III, 1, 5 Nee sine causa Terram eandem appellabant Matrem 
et Cererem, et qui eam colerent piam et utilem agere vitam credebant, atque 
eos solos reliquos esse ex stirpe Saturni regis, 

^) Lucret. II, 1168 tristis item vetulae mtis sator atque vietae temporis 
incusat momen caelumque fatigat et crepat, antiquum genus ut pietate repletum 
per fädle angustis tolerarü finibus aevom. 

*) Virg. Ge. II, 536, Aea. Vffl, 324 ff., lustin. XLIII, 1, Macrob. S. I, 
7, 26. 



14 SECHSTER ABSCHNITT. 

sowohl im Culte, wo ihre Feste unmittelbar auf einander folgten, 
als in der gemeinen Vorstellung als Repräsentanten des Anfangs und 
der goldnen Vorzeit ein eng verbundnes Paar blieben. 

Andre nannten den König Tullus Hostilius den Stifter des 
römischen Saturnusdienstes, namentlich der Satumalienfeier; dahin- 
gegen der erste Bau eines Tempels auch in diesem alten Heiligthum 
nach sichrer Nachricht erst durch den jüngeren Tarquinius ein^ 
geleitet, der Tempel selbst aber erst nach seiner Vertreibung, im 
412 Jahre 256 oder 257 d. St. eingeweiht wurde. Auch später wurde 
wiederholt daran gebaut und hergestellt und jedenfalls ist die jetzige 
Ruine der acht Säulen, welche mit gröfster Wahrscheinlichkeit für 
einen letzten Rest dieses Satumustempels gehalten wird, eine Re- 
stauration der Kaiserzeit ^). Der Tempel war dem Satumus und der 
Ops gemeinschaftlich gewidmet; vor ihm befand sich neben dem 
Altare eine Capelle des Gottes der Unterwelt Dis Pater, an welchen 
auch die Satumalienfeier durch gewisse Gebräuche erinnerte^). Unter 
dem Tempel befand sich in einem kellerartigen Gewölbe die römische 
Schatzkammer (aerarium Satumi), welche man in dem Glauben, 
dafs unter Satumus die goldne Zeit und allgemeiner Wohlstand' 
geherrscht habe, unter den Schutz dieses Gottes gestellt hatte, wie 
denn auch der Kaut und Verkauf auf dem benachbarten Markte und 
die Markttage selbst dem Saturnus geweiht gewesen sein sollen^). 
Der auffallende Umstand dafs das in dem Tempel befindliche Bild 



>) Liv. II, 21, Dionys V, 1, Macrob. S. I, 8, vgl. meine Regionen d. St. R. 
S. 145 ff. and Canina Indicazione topogr. di Roma antica p. 276 ed. 4, Annal. 
deir Inst. 1849 p. 260. [Der Kalender 17. Dec. Satum{p) ad forum. Dafs die 
8 Säulen dem Satarntempel gehören ist darch die Reihenfolge der Inschriften 
der Einsiedler Sammlung n. 35, das Mon. Ancyr. (lat. 4, 13) and die Orts- 
angaben des Kalenders a. 0. and der Alten (er steht ante cUvum, sub clivo 
Serv. Aen. 11, 116. VIII, 319) sicher erwiesen. Eine Controverse darüber 
giebt es nicht mehr. Jordan Hermes 4, 259 ff.] 

•) Macrob. S. I, 11, 48 sacellum Ditü arae Satumi cohaerens. Vgl. I, 7, 
31. [Die Inschrift Orell. 1506, das einzige Zeugnifs das den Tempel aedes 
Opis et Satumi nennt, ist gefälscht: Jordan Ephem. epigr. 3, 68 ff. Ueber die 
Tempel der Ops s. unten.] 

») Macrob. 1, 8, 3, Plut. Public. 12, Qu. Ro. 42. Dafs dieses Aerarium 
ein kellerartiges Gewölbe unter oder hinter dem Tempel war, folgt aus der 
Beschreibung bei Lucan. Pharsal. III, 153 ff. Auf einer Inschrift b. Or. 1507 
[=C. I. L. 5, 3293] fuhrt S. den Beinamen Conservator [wie viele andere 
häuslich verehrte Götter. Die Frage über das aerarium ist noch nicht ganz 
aufgeklärt. Jordan Top. 2, 483 ff. Eph. epigr. 3, 73.]. 



SATURNUS UND OPS. 15 

des Satumus das ganze Jahr hindurch mit Ausnahme seiner Fest- 
tage im December an den FuTsen mit wollenen Binden umwickelt 
und wie gefesselt war^), erklärt sich am natürlichsten aus dem mehr« 
fach hervortretenden Glauben der Alten, dals man sich durch Fesse- 
lung oder Anbindung eines Götterbildes des von dem Gotte aus- 
gehenden Segens und seiner unsichtbaren Gegenwart talismanisch 
versichern könne. Der Ritus war bei diesem Gottesdienste inso^ 
fern ein eigenthümUcher als man am Altare des Satumus nicht wie 
gewöhnlich mit verhülltem Haupte (velato capite) opferte und betete^ 
sondern mit entblöfstem Haupte (aperto capite), was man auch 
lucem facere nannte^): offenbar eine Einwirkung des griechischen 
Ritus, welche sich dadurch von selbst erklärt, dals auch hier die 
Sibyllinischen Bücher gelegentlich ein entscheidendes Wort gesprochen us 
hatten. Die gewöhnliche Legende erzählte, dafs der griechische Her- 
cules bei seiner Anwesenheit in Rom die früheren Men8chenq)fer 
des Satumus abgeschafft und bei dieser Gelegenheit jenen Altar 
und einfachere Opfer mit dem fremden Ritus gestiftet habe. Eben 
deshalb wurden die sogenannten Saturnü d. h. die mythischen Be- 
wohner der Saturnusstadt von Andern für die zurückgebliebenen 
Begleiter des griechischen Hercules gehallen. 

Die Bedeutung des eben so alten als beliebten und zu allen 
Zeiten sehr volksthümlichen Festes der Saturnalien ^) läfst sich 
theils aus der Zeit, in welcher es gefeiert wurde, theils aus den 
dabei beobachteten Gebräuchen abnehmen. Der eigentliche Fest- 
tag war der 17. December, nach dem römischen Kalender so lange 
dieser Monat blos 29 Tage hatte a. d. XIY'Kal. lan., seit Cäsar, 
durch welchen er 31 Tage bekam, a. d. XVI Kai. lan.: also jeden- 
falls mitten im Winter und um die Zeit der gröfsten Kälte ^), so 
dafs von einer Erndtefeier, an welche alte und neue Mythologen 



') Macrob. I, 8, 5, daher Stat. Silv. I, 6, 4 vod den Satnrnalien: Satumus 
mihi compede exsoluta et multo gravidus mero December, Vgl. Arnob. IV, 24, 
Minuc. Fei. c. 22, 5 pedibus Mercurius alatis^ Pan ungulaiis, Satumus com- 
peditis. 

>) Fest. p. 322 Satarnia, Paal. p. 119 lacem facere, vgl. Dionys. I, 38, 
Plut. Qu. Ro. 11, Macrob. I, 7; 8, 2. 

«) [Vgl. Marquardt Verwaltung 3, 562 ff.] 

*) So sagt ein Atellanendichter Mommios bei Macrob. I, 10, 3 Nostri 
maiores velut bene muÜa instituere, optime a fVigore fecere summo septem 
Satumalia. Vgl. ib. 19. 



16 SECHSTER ABSCHNITT. 

' gedacht haben, doch wohl nicht die Rede sein kann. Vielmehr ist 
Satui*nus um diese Zeit recht eigentlich der verborgene Gott der 
Tiefe, nach welchem Latium das Land des verborgnen Gottes hiefs ^), 
d. h. der Gott der Saaten, der Segenspender aus der Tiefe, wie 
der nahe verwandte Consus und Dis Pater, von welchen Göttern 
dieser neben dem Satumus verehrt, jener wenige Tage vor ihm 
gefeiert wurde ; wie denn auch die gleichartige Segens- und Todes- 
göttin Acca Larentia und in einigen Familien die Todten überhaupt 
nicht im Februar, sondern im December ihre Opfer bekamen'), 
welcher wegen der Nähe der Sonnenwende und des kürzesten Tages 
von selbst zu solchen Betrachtungen einlud. Indessen scheint man 
seit alter Zeit die Saturnalien vom 17. Dec. an sieben Tage lang 
gefeiert, also bis in diese Zeit des kürzesten Tages, unserer Weih- 
nachten, hinübergezogen und eben deshalb, wie diese Jahreszeit in 
so vielen Religionssystemen die Bedeutung einer gesegneten und die 
einer allgemeinen Erneuerung der Natur hat, zugleich als solche 

414 begangen zu haben ; wenigstens ist diese Bedeutung des Segens und 
der Fülle sowohl bei den Saturnalien als bei den dann gefeierten 
Göttern, dem Saturnus und der Ops, von jeher die populäre ge- 
wesen. Noch sind sie verborgen, aber schon kommen sie wieder 
und bringen mit sich alle guten Gaben und die ganze gesegnete 
Vorzeit des goldnen Zeitalters; daher der vorherrschende Character 
dieses Festes der einer sinnbildlichen Rückkehr in die glücklichen 
Zeiten war, wo Saturnus wirklich unter den Menschen gelebt hatte: 
lauter Freude und Freiheit, ein ausgelassenes Jubeln, Schmausen 
und Schenken durch die ganze Stadt. Besonders gut hatten es die 
Sklaven, welche an diesem Feste in Erinnerung an die allgemeine 
Freiheit und Gleichheit der Saturnischen Vorzeit von den Herrn wie 
ihres Gleichen behandelt, vor der Herrschaft oder mit ihr gespeist, 
ja wohl gar von derselben bei Tafel bedient wurden und sich über- 
haupt sehr viel herausnehmen durften^). Doch sollte in diesen 



*) Herodian I, 16, 2 <fi« ravra roi xal fdixQ^ vvv ^ItaXimai tu '/nkv Kqovco, 
TiQoiOQtdCovai &((^ t^ kaS-ovri, rriv Sl tov ttovg aqx^'^ leqofirivCav äyovai 
Tip T^; \lTaX(ag S^6(p d. h. dem lanus. 

«) Flut. Qu. Ro. 34. 

8) Horat. Sat. II, 7, 4 und Od. III, 17, 14, wo der [Dichter gleichfalls 
die Saturoalieo im Sinne hat, vgl. Martial. XIV, 70. Mehr bei Macrob. I, 7, 
26. 37; 24, 23, lustin. XLllI, 1, Dio LX, 19, Athen. XIV p. 639 B, Arriau 
Epictet. Diss. IV, 1, 58 u. A. 



SATURNUS UND OPS. 17 

Tagen nicht blos die Ungleichheit der Stände aufgehoben, sondern 
alle Feindschaft, alle Strafe, alle Ahndung bürgerlicher Vergehen 
wenigstens ausgesetzt werden, daher die Gerichte im December 
ruhten, Schuldige in dieser Zeit nicht bestraft wurden, und selbst 
einen Krieg oder eine Schlacht während der friedlichen Saturnalien 
zu unternehmen galt für bedenklich '). Ein eigenthümlicher Ge- 
brauch war, sich bei diesem Feste allerlei Geschenke, darunter 
namentlich Wachskerzen (cereos) und sogenannte oscilla oder si- 
gillaria zu überreichen, kleine Figuren von Thon, wie sie sonst 
vorzugsweise den Kindern geschenkt wurden^). Hinsichtlich der 
oscilla mag Varro Recht haben, wenn er annimmt dafs sie ur- 
sprünglich dem Todesgotte Dis Pater gegolten hatten und aus der 
Zeit der Menschenopfer als stellvertretender Gebrauch beibehalten 
waren ^). Gewifs aber war dieses nicht bei den Wachskerzen der Fall, 
welche nachmals vorzüglich von den ärmeren Clienten ihren vor- 
nehmen Patronen als Angebinde zu diesem Feste überreicht wurden*), 415 
sondern diese hatten schwerHch eine andre Bedeutung als die der 
Freude und des wieder erstehenden Lichts, zumal da der Gebrauch 
von brennenden Lichtern, Lampen und Fackeln bei gottesdienst- 
lichen und festlichen Gelegenheiten auch sonst in Rom und über- 
haupt bei den Alten nichts Seltenes war') und der Gebrauch der 
Lichter oder des Feuers um die Weihnachtszeit d. h. um die Zeit 
des kürzesten Tages gewifs auch nichts Anderes als Freude und 
die Erneuerung des Lichtes bedeuten soll. Eben dahin gehören 
die vielen Gelage und Glücksspiele dieser Tage, wobei man sich der 
Würfel bediente und um Nüsse spielte, welche als Sinnbilder der 
Fruchtbarkeit und des üppigen Segens den Römern auch sonst be- 



>) Macrob. I, 10, 1; 16, 16, Sueton Octav. 32. 

«) Macrob. I, 11, 1. 

3) Macrob. I, 7, 28 ff. vgl. 11, 48, Dionys. 1, 19, Lactant. !, 21, 6, vgl. 
oben ], 118. Nach Einigen galten aoch die Gladiatorenspiele vorzugsweise 
dem Saturnus, s. Lactant. VI, 20, 35, Auson. ecl. de fer. Rom. 33, wobei aber 
doch nar späterer Gebrauch zu Grunde liegen kann. Vielleicht wirkte hier 
der Dienst des punischen Saturnus ein, auf welchen wohl auch TertuII. de 
Testim. An. 2, de Pallio 4 zu beziehen ist. 

*) Varro 1. 1. V, 64, Paul. p. 54, Macrob. I, 7, 33. 

6) Marini Atti p. 290, Bötticher Tektonik 2, 337, Baumcultus S. 49. Vgl. 
über das Feuer um Weihnachten in Frankreich und Deutschland Grimm 
D. M. 593. 

Preller, Rom. Mythol, II. 3. Aufl. ' 2 



18 SECHSTER ABSCHNITT. 

kannt waren, oder auch wohl um Geld, was sonst verboten war*). 
Die Jugend pflegte damit den Scherz zu verbinden, dafs wer den 
besten Wurf gethan hatte der König bei Tafel wurde und als solcher 
für die geselligen Spiele zu sorgen hatte ^). 

Die Festordnung war im zweiten punischen Kriege, im Jahre 
vor der Schlacht am 1. Trasiroenus in Folge von Prodigien und 
auf Veranlassung der Sibyllinischen Bucher dahin bestimmt worden, 
dafs a. d. XIV Kai. lan. beim T. des Saturn erst ein Opfer dar- 
gebracht, ein Lectisternium bereitet und ein öffentliches Gastmahl 
gehalten, nach demselben aber durch die ganze Stadt an diesem 
Tage und in der folgenden Nacht der oft erwähnte Festruf lo Sa- 
turnalia! erlaubt sein sollte, welcher als Aufruf zur ausgelassenen 
Freude und zur Befreiung von so vielen Rücksichten des Gesetzes 
und der Convenienz eine sprichwörtliche Bedeutung bekommen 
hatte ^). Die mit diesem Ruf eröffnete volksthümliche und private 
Festlust dauerte sieben Tage lang; daher der Ausdruck Septem 
Saturnalia für die ganze Woche vom 17. bis zum 23. December*). 
416 Um so leichter mochten sich mit der Zeit auch die öffentlichen 
Festtage ausdehnen, zumal nachdem durch Cäsars Kalenderreform der 
alte Festtag vom a. d. XIV Kai. lan. auf a. d. XVI Kai. lan. ver- 
schoben worden war, seit welcher Zeit gewöhnlich die drei Tage 
vom 17. bis 19. Dec. gefeiert wurden. Dafür entschied auch ein 
Edict des August und zwar so, dafs der 17te (a. d. XVI K. lan.) 
dem Saturn, der 19te (a. d. XIV K. lan.) der Ops heilig sein 
sollte*); worauf, wie es scheint, im Publicum der 17. und 18. ge- 



>) Martial. V, 30, 8, XIV, 1, 3, Macrob. I, 5, 11. 

') Tacit. Ann. XIII, 15, Arrian Diss. Epict. 1, 25, Luciao Satarn. 3. 

8) Liv. XXII, 1, Macrob. I, 10, 18, vgl. Petron. Sat. 58, Martial. XT, 2, 5 
clamant ecce mei iam Saturnalia versus, Dio LX, 19 von den Soldaten in 
Britannien: avfjißoriOavrfq l^aiifvriq tovto ^rj ro d^qvkovfievov '/w ^ktovq- 
vdXittf ^Tret^rjTiSQ kv toTg KqovCoi^s ol SovXoi to jcISv SeanoxCJv oxrifJta fjsta- 
XafjißavovTig ioQidCovai,. 

*) Macrob. I, 10, 3, wo verscbiedne Stellen ans Atellanendicbtern für diesen 
Spracbgebrancb angeführt werden. Natürlich waren die Satnrnalien auf der 
Volksbühne sehr populär. Laberias hatte einen Mimus desselben Inhalts ge- 
dichtet, Gell. N. A. XVI, 7, 11. 

5) Macrob. I, 10, 2, Fest. p. 185 Opalia, Merkel Ovid F. p. XX. Die 
Kalender wissen zwar nur von einem Tage des Saturn, dem 17., und einem 
der Ops, dem 19., aber auch hier scheint die Sitte bald weiter gegangen zu 
sein und sowohl dem Saturn als der Ops zwei Tage gefeiert zu haben. 



SATÜHNUS UND OPS. 19 

wohnlich dem Saturn, der 19. und 20. als Opalia der Ops gefeiert 
wurden. Endlich fügte Caligula noch einen fünften Tag hinzu, 
welcher dies luvenalis hiefs, also wohl ganz speciell jenen Spielen 
und Tafelfreuden der Jugend gewidmet war^). Im populären Ge- 
brauche aber behielten immer die vollen sieben Tage ihre Geltung 
und die Dichter und Schriftsteller der Kaiserzeit wissen nicht genug 
von der „triefenden Lust" dieser Tage zu erzählen*), während 
welcher man das gewöhnliche Bad, welches immer der Mahlzeit 
voranging, gleich am frühen Morgen zu nehmen und die bequemere 
Synthese, mit welcher man bei Tische die Toga vertauschte, gar 
nicht wieder abzulegen pflegte. Im December, sagt Seneca ep. 18, 
ist das Wohlleben an der Ordnung; überall Lärmen und Aufregung, 
um zu diesem Feste zu rüsten und es aus dem Grunde zu geniefsen, 
als ob jetzt noch ein Unterschied sein könnte zwischen diesem 
Monate und dem ganzen Jahre. Und Lucian Saturn. 2 läfst den Sa- 
turn von seinem siebentägigen Regimente erzählen, wie er dann nichts 
Ernstes und kein Geschäft dulde, sondern Alles müsse trinken und 
guter Dinge sein, lärmen und scherzen und würfebi und Könige der 
Festlust wählen; vor Allen aber müüsten die Sklaven schmausen und 
singen und springen, dafs es eine Lust sei, gelegentlich auch mit 
geschwärztem Gesicht in das kalte Wasser sich hineinstofsen lassen^). 
Daneben behaupteten sich auch die sogenannten Sigillaria immer 417 
sehr in der Gunst, zunächst jene kleine Figuren von Thon, welche 
den Kindern geschenkt wurden und mit denen die Fabrikanten in 
dieser Zeit einen eignen Markt hielten, dann allerlei andre Geschenke, 
welche sich die Erwachsenen unter einander machten, Tücher und 
Löffel, Zahnstocher und Becher, die beliebten Wachskerzen und 
Papier zu kurz angebundenen Späfsen und Versen, wie deren Martial. 
epigr. 1. XIV eine ganze Sammlung hinterlassen hat*). Auch die 
Kaiser pflegten an solcher Heiterkeit gern Theil zu nehmen, sich 
beschenken zu lassen, aber auch ihrerseits zu schenken, wie nament- 
lich von den bald sehr kostbaren bald trivialen und mit geschraubten 



») Sueton Cal. 17, Dio LIX, 6, LX, 25. 

2) Martial. XI, 6 unctis faldferi senis diebus. XIV, 1, 9 quid agam potivs 
madidis Satume diebus. Stat. Silv. 1, 6, 5 multo gravidus mero December. 
Vgl. Seneca Ep. 18, Martial. XIV, 1, 1, Tertull. Apolog. 42. 

3) Auf ähnliche Sp'afse deutet Martial. XIV, 1, 4 cum videat geUdos tarn 
prope verna lacus, 

*) Vgl. Martial V, 18, VIl, 53 u. a. 



20 SECHSTER ABSCHNITT. 

Epigrammen äbersendeten Geschenken Augusts bei den Saturnalien 
und ähnlichen Gelegenheiten die Rede ist^). Domitian liefs sogar 
einmal an den Saturnalien über sämmtliche Sitzreihen des im Co- 
losseum versammelten Volkes Leckerbissen aller Art ausstreuen und 
darauf alle Anwesenden an ihren Plätzen reichlich speisen und 
tränken, während gleichzeitig unten in der Arena allerlei lustige 
und lärmende Schauspiele gegeben wurden. 

Die gute Mutter Ops oder Opis galt gewöhnlich für die Gattin 
des Satumus und wurde als solche sowohl in jenem alten Heilig- 
thume am clivus Capitolinus neben ihm verehrt als an dem December- 
feste mit ihm gefeiert, bis zur Kalenderreform des Cäsar an einem 
und demselben Tage, dem 17ten, später wie bemerkt an einem be- 
sondern, dem 19ten^). Die Grundbedeutung der Erdgöttin tritt vor- 
züglich in dem alter thümlichen Gebrauche hervor, der Ops sitzend 
und die Erde geflissentlich berührend Gelübde zu thun°), wie die 
Griechen bei Beschwörungen der Unterirdischen auf den Knieen 
hockend die Erde mit den Händen schlugen. Im Uebrigen theilt 
sie die Eigenschaften des Saturnus, namentlich den Begriff der Fülle 
418 und des üppigen Segens, wie dieses schon der Name Ops ausdrückt, 
dessen Stammbedeutung Fülle und Ueberflufs ist ^). Auch der ältere 



1) Sueton Aug. 75, vgl. Stat. Siiv.. I, 6 and Spartiaa Hadr. 17 Saiurnalia 
et Stgillariciu frequenter amicis inopinantibus misit et ipse ab his libenter 
accepi't et alia invicem dedü, 

*) Varro 1. 1. VI, 22, Macrob. I, 10, 18. Aach die Aospielongen aaf einen 
Schatz im T. der Ops bei Cic. Philipp. I, 1, 17, II, 14, 35 bezieheo sich wohl 
aaf das Aerarium des Satarn. [Ueber die Heiligthümer and Feste der Ops^ 
deren Kenntnifs durch dea Arvalkalender 23. August erweitert worden ist, 
s. jetzt Jordan Eph. epigr. 1, 229 ff. 3, 57. Wahrscheinlich ist der Tempel in 
CapitoUo der in welchem der c'äsarische Schatz lag, vielleicht identisch mit dem. 
unten genannten der Ops Opifera (und dem templ{um) Opis Augustae der Gewichts- 
aufschriften? Gatti, Ann. 1881, 183). Dazu kommt das sacrarium Opis in regia.] 

') Macrob. I, 10, 21 Huic deae sedentes vota concipiunt terramque de in^ 
dustria iangunt. Vgl. ib. IE, 9, 12 (oben II, 2 A. 3) and II, IX, 567 ff., Hyma. 
in Apoll. 332. 

*) Paul. p. 187 Opis dicta est coniux Saturni, per qtcam voluerunt terram 
significare, quia omnes opes humano generi terra tribuit, unde et opulenti 
terrestribus rebus copiosi et hostiae opimae praecipue pingues et opima magni" 
fica et ampla spolia. Vgl. Fest p. 186 opima spolia und Varro 1. 1. V, 57. 64. 
Daher ops in der älteren Sprache für opulentas und das Gegentheii inops^ 
Fest p. 190, und copi, copem für copioso und copiosum, Non. Marc. p. 84, des- 
gleichen copia, inopia u. s. w. 



SATURNUS UND OPS. 21 

Name für den südlichen Hauptstamm der italischen Bevölkerung, 
Opici oder Opsci, woraus mit der Zeit Osci geworden, hängt offen- 
bar mit demselben Stammworte und dem mythischen Stammbegriff 
einer gesegneten Urzeit zusammen, wie die alten Benennungen 
Latium und Saturnia auf die ländliche Verehrung des bald ver- 
borgenen bald in der reichen Frucht der Aecker prangenden Erd- 
gottes zurückweisen und selbst der Name der Siculi d. h. der 
ältesten Einwohner von Latium nicht unwahrscheinlich durch 
,,Schnitter" der Saturnusgaben übersetzt wird. Auch wurde Ops 
ausdrücklich als eine Göttin der Saaten und der Erndte verehrt, 
nehmlich als Consiva, unter welchem Namen sie wahrscheinlich 
seit Numa in der Regia angebetet wurde, in einem Heiligthume zu 
welchem nur die Yestahschen Jungfrauen und die Pontifices Zutritt 
hatten und wo ihr am 25. Aug., also in der Erndtezeit unter dem 
Namen Opeconsivia ein Dankopfer gebracht wurde ^). Wie aber 
die Gottheiten der Erde und des Ackerbaus fast überall in der über- 
tragenen Bedeutung des Säens auf menschliche Empfangnifs und 
Geburt zugleich für Götter der Anfange des menschlichen Lebens 
und der Kinderpflege gelten, so auch dieses alte itahsche Götter- 
paar. Namentlich wurden Saturnus und Ops in diesem Sinne in 
den Indigitamenten unter den Göttern der Geburt und der ersten 
Kindespflege angerufen, Saturnus neben lanus Consivius als Pfleger 
des Keims im mütterlichen Leibe, Ops [Opifera] als gutige Mutter, 
welche das neugeborne Kind an ihrem Busen aufnimmt. [Neuer- 



1) Varro 1. I. VI, 21, Fest. p. 186, Macrob. Ill, 9, 4, Kai. Maff. Capran. 
Allif. a. d. VIII K. Sept. [Ueber die NamensformeD der Göttin aod des Festes 
Jordan Hermes 15, 16. Das Fest nennt der Kalender 25. Aug. (Maff. Vall.) 
Opic. (nicht Opec,)y was nach der Analogie der sonstigen Festnamen Opicon- 
sivia, nicht Opiconsiva gedeutet werden mufs. Aus diesem Namen mul's man 
auf eine Ops consiva, nicht cönsivia schliefsen. Diese Form steht auch bei 
Varro a. 0., wo nach A. Wilmanns die beste Abschrift des jetzt verlorenen 
2. Quaternio von F, Laur. LI, 5, liest: Opeconsiva dies ab ea ope consiva, 
also zu schreiben sein wird Opiconsiuia dies a dea Ope consiva, ebenso bei 
Festus (freilich nur sched. Laeti); dagegen bei Macr. Opern consiviam (doch 
hatte die 1. Hd. des Paris, anders), ebenso lanus consivius (oben I, 171). Ist 
dies richtig, so ist cons-ivus nach guter Analogie von dem Participial- 
istamm cons- (von cond-), nicht wie sprachwidrig angenommen wird (z. B. 
Corssen Ausspr. 1^ 418), von dem Präsensstamm conse-rere herzuleiten. Vgl. 
Consus.] 



22 SECHSTER ABSCHNITT. 

dings haben wir endlich noch eine altitalische Ops Toitesia 

kennen gelernt.] 

Sehr merkwürdig ist die Lua Saturni, welche bei Gellius 
N. A. Xill. 23 unter den ältesten römischen Gottheiten genannt 
und beiläufig auch bei Yarro 1. 1. YIII, 36 erwähnt wird. An 
anderen Stellen wird sie Lua Mater und unter den Göttern ge- 
4i9nannt, welchen nach alter Sitte nach einer gewonnenen Schlacht 
die Spolien der Feinde geweiht und auf dem Schlachtfelde ver- 
brannt wurden^). Endlich wird sie neben dem Saturn als eine 
Göttin der Unfruchtbarkeit und der Verwüstung genannt^). Höchst 
wahrscheinlich ist auch dieses die Erdgöttin, nur als Gegentheil 
Yon der fruchtspendenden Ops gedacht, daher sie von dieser unter- 
schieden und besonders benannt wurde, die winterliche Erd- und 
Todesgöttin, wie ja auch Saturnus sich im kalten Winter dem Todes- 



^) Aagustio G. D. IV, 11 ipse opern ferat nascentibtu excipiens eos sinu 
terrae et vocetur Opis, Vgl. ib. 21 und Fun. H. JN. II, 154 terra — quae nos 
nascentes excipit etc. [PÜnins XI, 174: Metellum pontißcem adeo inexplanatae 
Knguae fuisse accipimus^ tä multis mensibus tortus credatur dum mediiatur in 
dedieanda aede Opi Opiferae {opifaerae opi ferne der Palimpsest, opiferae die 
übrigen Hss.) dicere, also ein Tempel dedicirt von L. Caecilius Meteiius Del- 
maticas Gonsul 635 (so Jordan £ph. epigr. 1, 229 f.). — Die scbon oben S. 10 
a. Gefäfsinschrift aus Rom: love Sat(umo) deivos qoi med mitat, nei ted endo 
cosmis virco sied, ast noisi Ope toüesiai pacari voiSf wahrscheinlich: lovi Sa- 
tumo dvüis qui me (das Gefäfs) mittat, ne in te comis virgo sit, ast m'si Opi 
Toitesiae piactdum dare vis, wen ein Mädchen dabei freundlich anblickt, mufs 
der Ops toitesia Strafe zahlen. Daher die Göttin wohl irgend wie als Hüterin 
der Weiblichkeit zu fassen ist. Der Zusammenhang von toitesia mit tutus ist 
zweifelhaft, das Suffix -esius nicht latinisch, sondern oskisch-umbrisch. Für 
den Aberglauben, ne in te virgo comis sit vgl. Cato de r. rust. 83 mulier 
ad eam rem divinam, ne adsit neve videat quomodo ßat (beim Silvanopfer). 
S. Jordan vor dem Königsberger Ind. lect. aest. 1882. Vgl. unten VII, beson- 
ders S. 482.] 

«) Liv. VIII, 1, XLV, 33 [oben I, 351, 2]. 

') Servius Aen. III, 139 arhoribusque satisque lues] quidam dicunt diver sis 
numinibtLS vel bene vel male faciendi potestatem dicatam, ut Feneri coniugia^ 
Cereri diu&rtia, lunoni procreationem liberorum, sterilitatem horum tam Satumo 
quam Luae (v. Lunae). Hanc enim sicut Saturmmi orbandi potestatem habere, 
[Die Conjectur Luae (Deecke Etr. Forsch. 4, 51 scheint dies für überliefert zu 
halten) ist nicht unbedenklich: das ganze (zu den sog. Daniel in ischen Zusätzen 
gehörige) Scholion, mit dem das gleichartige zu IV, 58 (unten zu S. 439) zu 
verbinden, enthält wunderliche und schwerlich auf alte Doctrin zurückgehende 
Combioationen, in denen der Name Lua auffallea würde.] 



GONSUS. 23 

gotte Dis gesellt. So würde sich auch der Name Lua am natür- 
lichsten von luere in der Bedeutung auflösen (solvere) erklären^). 

Es konnte nicht fehlen, dafs auch diese beiden Götter unter der 
Einwirkung der allgemeinen Gräcisirung des römischen Cultus an 
ihrem alten und eigenthümlichen Wesen manche Einbulse litten. 
Saturnus wurde seit Ennius gewöhnlich mit dem griechischen Kronos, 
Ops mit der Rhea identificirt ^), daher Saturnus auf den römischen 
Münzen ganz wie jener gebildet ist und zuletzt mit ihm zum blolsen 
Smnbilde der ewigen Zeit hinabsank^), während Ops als Mutter des 
Jupiter nun auch neben diesem auf dem Capitole verehrt^) und für 
eine der höchsten Schicksalsgöttinnen menschlicher Verhängnisse ge- 
halten wurde. In demselben Sinne wurden im J. 7 n. Chr. am 
10. August im Vicus lugarius zwei Altäre der Ceres Mater und der 
Ops Augusta gestiftet, ohne Zweifel zu Ehren der Livia^), die sich 
auch sonst gerne als Rhea gebehrdete. 

4. Consus, 

Auch dieser Gottesdienst gehörte zu den ältesten in Rom. Nach 420 
Dionys stammte er von den Palatinischen Arkadern d. h. von Evander, 
nach der gewöhnlichen UeberHeferung war es die Feier der Con- 



>) Vgl. diluere und die Persephone linxvvig der Griechen, Gr. Mytb. 1, 
496. [«= 657, 2 der 3. Aufl.] 

«) Plaut. Cistell. H, 1, 39, Ovid. F. VI, 279. [Jordan Hermes 16, 230.] 

') Der Kopf ist mit reichlichem Barte versehn, daneben sieht man auf 
einigen Münzen die gezahnte Sichel, auf andern die orientalische Harpe. Auch 
wurde er gewöhnlich wie Kronos obvoluto capite abgebildet, Serv. V. A. III, 
407. Auf späteren Kaisermünzen bedeutet er die ewige Zeit, s. Eckhel D. N. 
VII p. 381. [Sonstige Saturnusbilder : Saturn (als Wochentag) in gelbem Mantel, 
die Sichel an der r. Schulter, Wandg. Pompeji Heibig 1005. Angebl. Saturnus- 
köpfe (Juppitertypus, Hinterhaupt verschleiert) z. B. im Vat. Pioclementino (jetzt 
n. 307) und Lateran. Mus.: Schöne und Benndorf n. 123. Angebl. Saturn- 
statue (Fragment, Hinterhaupt verschleiert) im Vat. Gall. d. candel. (jetzt 
n. 183): Braun Vorschule 36 Ruinen und Museen 494.] 

*) Liv. XXXIX, 22 aedU Opis in Capitolio de caelo facta [vgl. Jordan 
£ph. epigr. 3, 64]. Auch ihr wurde am 25. August geopfert, s. Kai. Capranic. 
Vgl. die Inschr. aus Praeneste bei Grut. p. 26, 4 Opi Divinae et Fortunae Pri- 
mtgeniae sacrum, aus der Zeit des Kaisers Pertinax [verdächtig? vgl. Or. 1822 
m. Henzens Note]. 

^) S. die Kalender zum 10. August. Vgl. die Ops Augusta auf Münzen 
des Antonin b. Eckhel D. N. VII p. 143 [oben S. 20, 2J. 



24 SECHSTER ABSCHNITT. 

sualien im August, bei denen die Sabinerinnen geraubt wurden. 
Die Griechen erklärten den Gott wegen der Wagenrennen an seinem 
Feste und des in der Erde steckenden Altars für ihren Poseidon 
Hippios oder Seisichthon d. d. den Erderschütterer, doch ist schon 
yon den Alten bemerkt worden, dafs eine solche Verehrung in oder 
unter der Erde dem Poseidon fremd ist. Deshalb wollten Andre 
lieber den Namen Consus von den verborgnen Rathschlägen (a con- 
siliis) erklären, welche dieser Gott überhaupt ertheile und damals 
dem Romulus ertheilt habe^). In Wahrheit aber ist derselbe vielmehr 
für einen alten Gott der Erde und des Ackerbaus zu halten, eine 
Art von Tellumo oder Dis Pater, bei welchem uns der unterirdische 
Altar wieder begegnen wird; auch spricht dafür die Zeit seiner 
Opfer und Feste, welche theils die der Saat theils die der Erndte 
ist. Den Namen haben von neueren Mythologen Einige von con- 
dere abgeleitet (consus anstatt conditus, wie clausus, parsus), so 
dafs er der Verborgene wäre, in demselben Sinne wie Saturnus als 
ein verborgner Gott gedacht wurde, Andre von der Sanskrit wurzel 
SU, von welcher sero, sevi und consero stamme, so dafs C4onsus zu 
verstehen sei wie Consivius und Ops Consivia, als Gott der Saaten, 
welcher eben deshalb zugleich ein Gott der Ehe und Jungfrauen- 
räuber sei; auf welche Weise zugleich die alte Sage von dem Raube 
der Sabinerinnen grade an den Consualien schicklich erklärt würde ^). 



>) Dionys. 1, 33, II, 31, Liv. I, 9, Ovid F. III, 199, Plut. Rom. 14, Paul, 
p. 41 Cousualia, vgl. Tertall. de Spectac. 5, Aogustin C. D. IV, 11, Aroob. 
III, 23, Serv. V. A. VIII, 635. 636. Die Gloss. Labb. p. 40 identificiren iha 
mit dem ägypt. Harpokrates, dem Gotte des Schweigens und der verborgaen 
Weisheit. Die Ableitaog von Consilinm [auch in lat Glossaren: Löwe Pro- 
dromus gloss. S. 342.] ist nicht zu rechtfertigen, da dieses Wort aus consul 
entstanden, consol aber nach Analogie von praesul zu erklären ist. 

3) Vgl. Härtung Rel. der Römer II, 87, Schwegler R. Gesch. 1, 471 ff. [der 
das Material am vollständigsten giebt], Rofsbach über die rö. Ehe 330 ff. [Pott 
£tymol. Forschungen 2. Ausg. 11, 1, 562 ff. Mommsen C. I. L. 1 p. 400. Der 
begriffliche Zusammenhang des unterirdischen CoTt^t^ mit 'bergen', condere 
(den Mommsen mit Recht betont), ist um so einleuchtender als technisch und 
prägnant condere nicht allein vom Verwahren jedes Vorraths, sondern auch 
vom Bergen des Todten, ursprünglich unter der Erde (daher cubiculum condi" 
tivum Jordan Hermes 16, 536), gebraucht wird. Dafs nun con-d-o, obwohl 
Compositum, in seiner Participialbildung doch wie claüd-o, *prand-o (dann 
prand-e-o) behandelt worden sein kann, ist gewifs nicht zu leugnen. Auch ist 
ja das in der Litteratur späte und schlechte absconsus wahrscheinlich nicht 
erst eine Neubildung, sondern volksthümlich. Schwierigkeit macht dagegen 



GONSUS. 25 

Genug wir sind berechtigt auch diesen Gott hier einzureihen und 
die übrigen, leider nur sehr dürftigen Nachrichten von seinem Culte 
dem gemäls zu erklären. Der alte Altar des Consus, älter als der 
Circus des Tarquinius, befand sich an dem unteren Ende desselben, 421 
in der Nähe der dortigen Wendesäulen ^). In der Regel mit Erde 
überschüttet wurde er bei den Opfern und Festen, welche Jährlich 
dreimal unter der Betheiligung der angesehensten Priester statt- 
fanden, ausgegraben und mit frommen Gaben bedacht. So wurde 
namentlich an den Nonen des Julius von den Pontifices hier geopfert, 
das durch den Raub der Sabinerinnen berühmte Fest der ConsuaUen 
aber am 21. August, wenige Tage vor dem Opfer an die Ops Consi- 
via in der Regia, begangen, und zwar so dafs der QuirinaUsche 
Flamen und die Yestalischen Jungfrauen das herkömmliche Opfer 
besorgten, die Pontifices aber darauf die circensischen Rennen mit 
Wagen und losen Pferden hielten, dieselben zu welchen Romulus 
die Nachbarn berufen hatte ^). Mit den Menschen feierten alle Zug- 
thiere diesen Tag, Pferde und Mäuler, welche von der Arbeit ruheten 
und mit Blumen bekränzt wurden^: ein Gebrauch welcher eigent- 
lich wohl der Erndte galt, wie Jene Rennen an die beim Opfer der 
Dea Dia und an die Eleusinien, Olympien und andre Spiele der 
Griechen erinnern, welche meist nach vollendeter Erndte gehalten 
wurden. Alte Lieder wufsten noch von andern volksthümlichen 
Lustbarkeiten, mit denen „die Hirten*' d. h. die Römer des Romulus 
sich und ihre Nachbarn erfreut hatten^). Endlich wurden noch 
einmal am 15. December ConsuaUen gefeiert, wenige Tage vor den 
Saturnalien und wahrscheinlich wie diese beim Abschlufs der Saat- 
zeit, auch wieder unter der Betheiligung der Zug- und Ackerthiere '^), 



Cons-u-alia, statt dessen, wäre es von cons-us, -a, -um abgeleitet, ja freilich 
Consalia (vgl. Folturnalia, Nepiunalia u. a. m.) za erwarten wäre. Indefs kann 
dies bei einer so alten Bildung an der Sache nicht irre machen : möglich dafs 
die Adjectivbildung von cons-us, cons-ivus, *conS'UUs jenes Cons-u-alia statt 
*ConS'iv-alia (vgl. noc-ivus, noc-uus, vao-iV'Us, vac-uus) veranlafst hat.] 

1) Tacit. Ann. XII, 24, TertnU. de SpecUc. 5 und 8. 

») Varro 1. 1. VI, 20, Dionys. II, 31, Plut. 1. c, die Kall. z. 21. Ang. 

9) Dionys. I, 33, Paul. p. 148 mulis, Plnt. Qu. Ro. 48. 

^) Varro de Vita populi Rom. lib. I bei Nonius p. 21 u. cernnus. Etiam 
pelles bubulas oleo perfusas percurrebant ibique eernuabant, A quo iüe versus 
vetus est in carminibtis : San pastores ludos faeiunt corüs ConsuaUa. Vgl. oben 1, 228. 

') Kai. Maff. Praen. Amitern. Antiat. zum 15. Dec. Da einige von diesen 
Kalendern zum 21. Aug. und 12. Dec. von einem Coi/sus in Aventino reden, 



26 SECHSTER ABSCHNITT. 

welche bei solchen Gelegenheiten auf dem Lande immer einen guten 
Tag hatten. Bemerkenswerth ist endlich die enge Verbindung, in 
welche Consus durch eine Inschrift seines Altares im Circus mit 
Mars und den Laren gesetzt wurde ^), mit demselben Mars und den- 
422 selben Laren, welche von den Arvalischen Brüdern am Altare der 
Dea Dia angerufen wurden, jener als Abwehrer alles bösen Schadens, 
diese als segnende und behütende Geister der Flur und aller Wege. 

5. /4cca Larentia und Dea Dia, 

Acca Larentia und Dea Dia können nicht wesentlich von ein- 
ander verschieden sein, da beide Göttinnen der römischen Stadtflur 
sind und die eine den Dienst der andern stiftet. Vielmehr ist Acca 
Larentia die mythologische und mährchenhafte, Dea Dia die ernstere, 
im Cultus der Arvahschen Brüder festgehaltene Seite einer und der- 
selben Göttin, welche mit der alten italischen Tellus, Ops und Ceres 
Identisch gewesen sein wird und nur durch ihre specielle Beziehung 
auf den Segen und die Pflege der römischen Stadtflur diesen ihren 
eigentlichen und örtlichen Character bekommen haben kann. 

Acca Larentia 2) ist eigentlich die Laren-Mutter, unter welchem 
Namen uns die Erdgöttin der fruchtbaren Tiefe, welcher man die 



sx> mufs es auch auf dem Aveotio, wahrscheinlich am Abhänge über dem Circas, 
einen Altar des Consos gegeben haben. [In der That nennt Festus u. picta 
S. 209, einer aach von Preller I, 455, 2 erwähnten, hier aber vergessenen Stelle 
neben einer aedes Fortumni eine aedes Consi, welche wahrscheinlich auf dem 
Aventin stand and von C. Papirias Carsor 12. Dec. 461 oder 482 gestiftet 
war. S. Jordan in der za I, 233 A. 2 a. Abhandlang.] 

1) TertuU. de Spect. 5 Et nunc ara Conso Uli in Circo defossa est ad 
primas metas (dieses sind die metae Marciae, s. I, 438), sub terra, cum in^ 
seriptione huius modi: Consus consilio, Mars duello, Lares coillo pO" 
tentes. Vgl. Ascon. in Cic. Verr. 1, 31 p. 142 Or. [vgl. Asc. ed. Scholl a. 
Kiessl. p. 92]. j4lii ideo Magnos ludos dictos ptäant, quod consüiorum secrt'» 
torum deo [ideo die Hss.] id est Neptuno laticum regi et rerum conditarum et 
dis Magnis, id est Laribus urbis Romae^ dati sunt, quibus aiunt raptas Säbinas 
esse, ut videatur propter hoc dieere Firgüitu ^magnis circensibus actis* (Aen. 
VIII, 636). Jene Inschrift kann so alt nicht sein, doch kann die Gruppe Mars 
Consus Lares nicht erdichtet sein, lieber das verdorbne Wort coillo ist viel 
gemuthmafst worden, s. Oehler z. Tertull. 1. c. Ich glaube dafs am besten 
compäo [mit Heinsius] zu lesen ist. 

S) [Schwegler 1, 432 f. Mommsen Die echte und die falsche Acca Larentia, 
R. Forschungen 2, 1 ff.] 



ACCA LARENTIA. 27 

Saaten und die Todten anvertraute, später von neuem begegnen 
wird. Acca ist i. q. Atta, dasselbe Wort welches die Kindersprache 
aller Orten wiederholt und auch im Sanskrit in der Form akkä die 
Mutter bedeutet; Larentia hängt deutlich genug mit den Laren zu- 
sammen ^). In der römischen Stadtsage erscheint sie bald als Buhle 
des Hercules, welcher in dieser Verbindung ganz der schöpferische 
und segnende Genius der römischen Stadtflur ist, bald als Pflege- 
mutter der ZwiUinge und Mutter der ersten zwölf Arvalischen Brüder. 
Das Mährchen von ihrer Buhlschaft mit Hercules wurde mit einigen 
Abweichungen auch von der Flora und einer sonst nicht bekannten 
Göttin Favola oder Faula erzählt, welche wohl der Fauna gleich- 
zustellen ist^); jedenfalls waren alle drei Göttinnen, Flora, Fauna 
und Acca Larentia, einander nahe verwandt. Der Küster des Her- 423 
cules kommt in einer müTsigen Stunde auf den Einfall, mit dem 
üppigen Segensgotte um ein üppiges Mahl und eine schöne Dirne 
zu würfeln, wobei er mit der einen Hand für den Gott dem er 
dient, mit der andern für sich selbst würfelt. Natürlich gewinnt 
Hercules, worauf der Küster ihm das schönste Mädchen der Zeit, 
Acca Larentia zuführt, mit welcher er sich in seinem Tempel beim 
fröhlichen Mahle gütlich thut. Als sie am andern Morgen davon 
geht, giebt ihr der Gott alles unverhofften Glücks ein solches mit 
auf den Weg. Es begegnet ihr nehmlich ein reicher alter Herr, 
ein tuscischer Gutsbesitzer Namens Tarutius ^), der von ihren Reizen 
hingerissen ihr Mann wird und bald darauf verstorben sie als reiche 
Erbin hinterläfst: worauf die Gute nach Einigen dem Romulus, nach 
Andern, welche diese Geschichte in die Zeit des Ancus verlegten, 
dem römischen Volke alle ihre Besitzungen vermacht; Cato wufste 



^) [Italisches attay Mutter: Jordan Krit. Beitr. S. 75. j^cca vgl. gr. 
axxo)? Volskerin j^cca Virg. Aen. XI, 820. Pälignischer Geschlechtsoame 
Accavus vgl. Acdut^ AeceüiuSy Acculeiut (uoteo S. 431): Mommseo a. 0. S. 2. 
Der zweite Marne Larentia, Larentina (schlechte Variante Laurentina) ist noch 
nicht aufgeklärt Sicher ist dafs Larentia, Lärentalia nicht wohl mit Läres 
zusammengebracht werden kann. Mommseu a. 0. S. 3 A. 3.] 

») Macrob. S. I, 10, 11 ff., Gell. N. A. VU (VI), 7, Plutarch Rom. 4. 6, 
Qu. Ro. 35, Lactant. I, 20, 5. Vgl. Tertull. ad Nat. II, 10. Augnstin C. 
D. VI, 7. 

^) Tarutius oder Tarrotius lautet der Name bei den meisten Schriftstellern; 
Carutius bei Macrobius. Die Erinnerung an das Legat der Vestalin Gala Ta- 
racia scheint sich mit dem Mährchen von der Acea Larentia verschmolzen zu 
haben. [Mommsen a.t). S. 6]. 



28 SECHSTEB ABSCHNITT. 

sogar die Namen der Fluren zu nennen, welche durch sie an das 
römische Volk gekommen waren ^), wie später die Vestalin Gaia 
Taracia der Stadt den campus am Tiber vermacht hatte. Endlich 
verschwindet Acca Larentia an demselben Orte, wo ihr seitdem 
alljährlich am 23. Dexember, dem Tage des Larentinal oder der 
Larentalia, ein Todtenopfer gebracht wurde, im Velabrum, wo man 
auch ihr Grab zeigte. Das Opfer wurde von dem Quirinalischen 
Flamen und den Pontifices dargebracht und auch Jupiter dabei an- 
gerufen ^). Bekannter war die Geschichte von der Pflegemutter des 
Romulus, welche daher gewöhnlich mit jener andern combinirt 
wurde ^), wie denn auch diese Acca Larentia oft eine Buhlerin heifst, 
lupa, welches Thier auch in der deutschen Thierfabel verliebter Natur 
484 ist. Nach der altern Ueberlieferung aber war sie die Frau des Hirten 
Faustulus, den ich für den palatinischen Faunus halte. Und von 
eben dieser Acca Larentia, der Gattin des Faustulus und Pflege- 
mutter des Romulus, wird dann weiter erzählt, dafs sie zwölf Söhne 
gehabt und mit diesen jährlich einmal pro agris geopfert habe. Als 
einer von ihnen gestorben, sei Romulus als Adoptivsohn statt seiner 
eingetreten und habe darauf mit seinen Adoptivbrüdern das CoUe- 
gium der sogenannten fratres Arvales gestiftet, welche an dem 
priesterlichen Abzeichen eines Aehrenkranzes mit weifser Binde zu 
erkennen waren und für eins der ältesten und heiligsten Institute 
in ihrer Art galten *). Schon ihr Name und dieses Symbol des 
Aehrenkranzes bezeichnet deutlich genug ihre Bestimmung für den 



') M aerob. I, 10, 16 Cato aü Larentiam meretricio quaestu loctipletatam 
post excessum suum populo Romano agros Turacem, Semurium, Lintirium 
[lutirium die Par. Hs.] et Solinium reliquisse et ideo sepulchri magnificentia et 
annuae parentaiionü honore dignatam. Der ager Semurius wird auch bei Cic. 
Phil. VI, 5, 14 erwähot. Ueber die Vestalio Taracia s. Plio. H. N. XXXI V 
25, Gell. N. A. VII (VI), 7. [Jordan Proleg. zu Cato p. XXXIII Mommsen 
a. 0. S. 6 f ] 

«) Varpo 1. 1. VI, 23, Verr. Fl. z. Fast. Praen., Ovid F. III, 55 ff., Macrob. 
I, 10, 11. 15. Ueber das Oertliche Becker S. 492. Die Pootifices neont Cic. 
ep. ad. Brut. I, 15, 8, den fl. Quirioalis Gellius 1. c. 

») Liv. I, 4, Ovid F. III, 53 ff., Plut. Rom. 4, Qu. Ro. 35, Lactant. I, 
20 u. A. 

«) Plio. H. N. XVIII, 6, Gell. 1. c, Fulgentius p. 560 [auch hier werthlos ; 
aus Plinius. Den Aehrenkraoz trägt auch die nur dem Namen nach verschie- 
dene Terra Mater oder Tellus: oben S. 4. Die Acten erwähnen die vittae 
spiceae.] 



DEA DIA UNO DIE FRATRES ARVALES. 29 

Cult einer Flur- oder Ackergöttin ^) , welche freilich in dem Culte 
selbst einen andern Namen führte, aber von der fruchtbaren Laren- 
Mutter, welche diesen Cult mit ihren Söhnen gestiftet hatte, schwer- 
lich wesentlich verschieden gewesen ist. 

Näheren Aufschlufs über diesen Gottesdienst und die für ihn 
bestimmte priesterliche Brüderschaft erhalten wir durch die oben 
I, 43 erwähnten amtlichen Protokolle, welche zwar sämmtlich aus 
späterer Zeit (sie beginnen mit der Zeit des August und reichen 
bis in die des Gordian) und in ihren Ausdrücken nicht immer 
verständlich sind, aber in der Hauptsache dennoch eine eben so 
vollständige als belehrende Uebersicht geben, eine um so wichtigere, 
weil man nach dieser Analogie zugleich über viele verwandte That- 
sachen des römischen Gottesdienstes urtheilen darf^). So erfahren 
wir zunächst über das Collegium der fratres Arvales, dafs es sich 
wie alle Institute der Art durch Cooptation ergänzte, wobei wie bei 
den Saliern die angesehensten Familien es sich zur Ehre rechneten, 
wenn die Wahl ihre Mitglieder traf. Der Vorsteher des Collegiums 
hiefs wie gewöhnlich Magister; vermuthlich galt Romulus in seinen 
Acten für den ersten Inhaber dieser Würde. Er wurde wie die 
übrigen Beamteten von Jahr zu Jahr bei der Feier im Haine der 425 
Göttin neu erwählt und hatte neben sich als eventuellen Stellver- 
treter einen Promagister. Aufserdem gab es einen eignen Flamen 
und zu seiner Stellvertretung gleichfalls einen Proflamen und zu 
den dienenden und helfenden Verrichtungen bei den Opfern und 
Opfermahlzeiten wie gewöhnlich sogenannte Camilli d. h. ministrirende 
Knaben, welche wie immer patrimi matrimi sein mufsten und gleich- 
falls aus den besten Familien ausgehoben wurden. Aufser ihnen 
gehörte noch eine zahlreiche Dienerschaft von SchlieCsern, Ausrufen), 
Schreibern, Aufwärtern u. s. w. zu diesem Cultus, wie man sich 



*) Plin. 1. c. nennt sie arvorum sacerdotes. Vgl. Varro 1. 1. V, 85 Fratres 
Arvales dicti sunt qui sacra publica faciunt propterea ut friiges ferant arva, 
a ferenda et arvis Fratres Arvales dicti. Sunt qui a fratria dixerunt; fratria 
est graecum, vocabulum partis hominum^ ut Neapoli stiam nunc. Vielmehr ist 
fratres zu verstehn wie sodales, s. oben I, 126. Die fratres Arvales werden 
sonst nur noch bei Minuc. Fei. Octav. 25 genannt. [Wohl auch bei Paul. Festi 
p. 5 nach Mommsens Verbesserung: a XH fratribus, oben I, 420 A. 2.J 

^) [Vgl. aufser den a. 0. genannten Hauptschriften Mominsen's populäre 
Darstellung in den Grenzboten 1870 I, 161 ff. und die Specialuntersuchongen 
von H. Oldenberg de sacris fr. arvaliom, Berl. Diss. 1875.] 



30 SECHSTER ABSCHNITT. 

denn die ganze Ausrüstung und das Auftreten dieser Brüderschaft 
und überhaupt der höheren priesterlichen Collegien in Rom als ein 
sehr Yornehmes und glänzendes zu denken hat. Die Versammlungen 
und priesterlichen Functionen der Brüder waren ordentliche oder 
aufserordentliche, wie sie von gewissen regelmäüsigen gottesdienst- 
lichen Obliegenheiten oder von aufserordentlichen Veranlassungen 
herbeigeführt wurden. Der Mittelpunkt aller gottesdienstlichen Ver- 
richtungen war der Dienst der Dea Dia, so heifst die Göttin der 
fratres Arvales in diesen Urkunden, während wir aus andern Quellen 
Ton einer Göttin dieses Namens nichts erfahren. Offenbar war es 
eine Erd- und Ackergöttin, vermuthlich wie bemerkt identisch mit 
der Tellus, Ceres oder Ops, aber auch der Flora und der Fauna 
nahe verwandt und speciell eine Göttin der römischen Stadtflur, 
deren Wünsche und Hoffnungen von den Arvalischen Brüdern ver- 
treten wurden. Der Hain dieser Göttin lag nicht weit von der Stadt 
am rechten Ufer des Tiber, an der Via Campana d. h. Feldstrafse, 
fünf Millien vom Thore^ in derselben Gegend wo auch jene Urkunden 
gröfstentheils gefunden worden sind und wo sich durch Nachgrabung 
gewifs noch andre Denkmäler der Art würden auffinden lassen^). 
In diesem Haine wurden auch die wichtigsten Acte des jährlichen 
Gottesdienstes der Dea Dia vorgenommen, während andre vorberei- 
426 tende oder beschliersende in der Stadt und zwar in dem Hause 
des Magister oder Promagister stattfanden. Und zwar geschah dieses 
jährlich im Mai, um die Zeit da die ersten Feldfrüchte reif waren 
und die Erndte bald beginnen konnte, so dafs sich diese Feier der 
Dea Dia wohl mit den gewöhnlichen Gebräuchen der porca praeci- 



1) Der Ort heifst jetzt Affoga Tasioo [jetzt Vigoa Ceccarelli] uad lie^ 
grade vier Meilen vor dem jetzigen Stadtthor an der Via Portnese, was genau 
zn jenen Angaben pafst [doch vgl. Jordan Top. 1,1, 3S0]. Im Jahre 1573 
wurden dort ]9 solcher Tafeln und bei andern Gelegenheiten andre ausgegraben, 
während sich andre in der Nachbarschaft verschleppt haben. Ueberdies läfst 
sich aus Aufzeichnungen des 16. Jahrhunderts nachweisen, dafs selbst die alten 
Gebäude des Hains sich zum Theil bis zu jener Zeit erhalten hatten, s. Abeken 
Ann. deir Inst. 1841 p. 121, Melchiorri Append. agli Atti e Mon. de' Fr. Arv. 
p. 57, De Rossi Bullet, d. Inst. Arch. 1855 p. LIV. lieber die Via Campana 
s. meine Regionen S. 97. 230. [Genaueres haben die I, 43 erwähnten Aus- 
grabungen ergeben, s. Henzen Acta p. XIV ff. Der Rundtempel der Göttin 
nach den gefundenen Trümmern restaurirt von Lanciani in Henzen's Scavi nel 
bosco sacro de' fratelli arvali (R, 1868) S. 105 ff. T. IV.] 



DEA DU ülfD DIE fRATRES ARYALES. 31 

danea und des praemetium auf dem Lande vergleichen läfst^). Auch 
war diese Feier wie die meisten agrarischen keine feststehende, 
sondern sie wurde zu Anfang jedes Jahrs von dem Magister des 
CoUegiums angesagt, nach den vorhandnen Urkunden indessen so, 
dafs sie entweder auf den 17., 19. und 20. Mai oder zehn Tage 
später auf den 27., 29. und 30. Mai fiel. Immer wurde der erste 
Festtag domi d. h. im Hause des Magister oder Promagister, also 
in der Stadt begangen, der zweite als der heiligste im Haine der 
Dea Dia vor der Stadt, der dritte als eine ahschUelsende Nachfeier 
wieder „zu Hause'^ Die Feier des ersten Tags^) bestand in einem 
Morgengottesdienste und in einem gemeinschaftlichen Mahle der 
Brüder und der ministrirenden Knaben, welches Nachmittags ge- 
halten wurde. Am frühen Morgen wurde zunächst der Dea Dia 
mit Weihrauch und Wein geopfert, darauf trockne Früchte d. h. die 
Cerealien des vergangnen Jahrs und grüne d. h. frische des neuen 
Jahrs berührt^), auch mit Lorbeer bekränzte Brode herumgereicht 
und das Bild der Dea Dia gesalbt; worauf eine kurze Sitzung ge* 
halten und somit dieser Act beschlossen wurde. Nach Mittag kamen 
die Brüder, nachdem sie gebadet, von neuem zusammen, speisten 
zunächst, wie auch die vier ministrirenden Knaben, opferten dann 
von neuem mit Weihrauch und Wein, worauf die Knaben nach der 
frommen Sitte der Alten, die bei jeder Mahlzeit beobachtet wurde ^), 427 



1) Vom 7. bis zum 14. Mai samnelten die VesUliDnen die spicas adoreas 
(Diokel, Spelt) zu dem von ihneo bereiteten far pium, Sery. V. Ecl. VIII, 82. 
Unbekannt ist die Beziehung von Paul. p. 91 Florifertum dictum quqd eo die 
spicae feruntur ad $acrarium. 

>) Die altern Urkunden berichten über diese Gebräuche kürzer, die späteren 
immer ausführlicher, als ob sich die Sicherheit der mündlichen Tradition mit 
der Zeit verloren hätte. So ist hier und überhaupt besonders tab. XLI a. b. 
zu vergleichen, die wichtigste unter allen diesen Urkunden, welche aber erst 
aus der Zeit des Elagabal ist [v. J. 218 Henzen CGII CT.]. 

^) Der Ausdruck der Urkunden ist: fruges aridas et virides contigerunt, 
wo contingere wohl ein weihendes Berühren und Kosten bedeutet, s. Plin. H. N. 
XV111, 5 ac Jle degustabant quidem novas fruges aut vina antequarn sacerdotes 
primitias Hbassent, und XXVIll, 23 cur ad primitias pomorum Iiaec vetera 
esse dicimus, alia nova optamus? Vgl. oben I, 197. Fruges sind Feldfrüchte, 
speciell Cerealien, s. Marini p. 201. Heilige Brode kommen auch sonst vor, 
8. oben 1, 366, 3. Hier sind sie zur Weihe mit Lorbeer bekränzt und ver- 
muthlich von frischem Korn gebacken. 

^) Serv. V. A. I, 730 apud Romanos cena edüa suhlatisque mensis primis 
Silentium, fieri solebat, quoad ea quae de cena libata fuerant ad focum ferrentur 



32 SECHSTER ABSCHNITT. 

mit Hülfe von Dienern von den Speisen, namentlich den neuen 
Fruchten des Jahres, einige zum Altare trugen (fruges libatae), 
empfingen darauf Salben und Kränze, berührten noch einmal die 
neuen Früchte der Ceres und schritten so zum Nachtisch, dessen 
Abhub wie die Salben und die Rosen der Kränze vertheilt und mit 
nach Hause genommen wurden, sobald die Brüder mit dem gewöhn- 
lichen Rufe Glück auf (feliciter) auseinander gingen. Der nächste 
Tag verging ohne Feier, an dem darauf folgenden aber, entweder 
am 19. oder am 29. Mai, versammelten sich die Arvalen früh Mor- 
gens im Haine der Dea Dia vor dem Thore, in welchem aufser 
dem auf einer Anhöhe gelegenen Hain der Göttin im engeren Sinne 
verschiedne Gebäude und Anlagen genannt werden, ein Tempel, ein 
grofser Altar und mehrere andre Opferheerde und Altäre, ein so- 
genanntes Tetrastylum und ein Circus. Eröffnet wurde die Feier 
dieses Tages durch ein vom Magister dargebrachtes Sühnopfer zweier 
Ferkel und das Ehrenopfer einer weifsen Kuh^). Darauf versammelten 
sich alle Brüder in dem Tetrastylum, genossen von den Sühnferkeln 
und ihrem Blute und zogen darauf in Procession, mit verhülltem 
Kopfe und mit dem von Romulus verordneten Aehrenkranz mit 
weifser Binde geschmückt, hinauf zum Haine, wo der Magister im 
Namen Aller ein fettes Lamm opferte, dessen Eingeweide der Zeichen 
wegen mit Fleifs beschaut wurden. Nach diesem Opfer spendeten 
Alle mit Weihrauch und Wein, kehrten darauf zum Tempel zurück 
und brachten dort eine Gabe in Töpfen dar, während der Magister 



et igni darentur ac ptier deos propitios nuntiasseti wobei für gewöbalich ao 
die Laren und Peaaten zu denken ist. [Der gewöhnliche Ruf: so stand Lares 
propi[ti\os auf einer Wand in Pompeji G. I. L. 4, 844 habeas propiteos tuos 
tres ebenda 1679, d. h. die Laren und der Genius: Jordan Ann. 1872, 31 
vgl. unten.] 

*) j4d aram immolavit porcilias piaculares duas lud coinquendi et operts 
Jadundij ibique vaccam. honorariam albam. ad foculum immolavit. Lucum 
coinquire ist i. q. coUueare, sublucare arbores, opus facere ist den Gottes- 
dienst verrichten, s. Marini p. 309. 339. [S. jetzt Jordan Krit. Beiträge 279 tf. 
vgl. Bormann in der I, 111 A. 1 a. Schrift 'Miscellanea Capitolina'.] Offenbar 
säuberte man den Hain, ehe man die heiligen Gebräuche in ihm vornahm, und 
brachte eben deshalb vorher das Sühnopfer: s. oben I, 421, 3. II, 7, 2. Die vacca 
honoraria bildet als honoris ergo dargebrachtes Opfer einen Gegensatz zu 
den porciliis piacularibus, s. Marini p. 310. Ohne Zweifel galt sie der 
Dea Dia als der lichten und wohlthätigen Ackergöttin. Die Eingeweide dieser 
Kuh wurden auf einem Altare in dem Circus niedergelegt. 



DEA hlk UND DIE FRATRES ARYALES. 33 

und der Flamen ein andres Opfer vor dem Tempel auf grünem 
Rasen vollzogen. Es folgten noch andre Geremonien, die nicht mehr 
verständlich sind; namentlich heifst es dafs zwei Bruder mit einigen 
Dienern ausgegangen seien um „Früchte^' zu holen, welche sämmt- 428 
liehe Brüder sich dann unter einander von Hand zu Hand zureichten, 
his sie in die Hände der begleitenden Diener zurückkehrten: eine 
neue Weihe der Feldfrüchte, wie es scheint, bei welcher vermuth- 
lich ein heiliger Acker in der Nähe des Hains oder in demselben 
vorauszusetzen ist. Darauf begaben sich die Brüder wieder in den 
Tempel, sprachen ein Gebet über die Töpfe, öffneten die Thür und 
lagerten sich an dem Abhänge, setzten sich darauf ^ auf steinerne 
Bänke und liefsen mit Lorbeer bekränzte Brode unter dem ver- 
sammelten Volke austheilen, salbten die Bilder u. s. w., bis endlich 
der Tempel geschk)ssen und alle Diener aus demselben entfernt 
wurden. Nun begann ein Tanz (tripudium) um den Altar, bei 
welchem sich die Brüder aufgurteten und in drei Gruppen, wie es 
scheint, theilten, und der Gesang eines alterthümlichen Liedes, wozu 
der geschriebene Text unter den Brüdern vertheilt wurde, denn es 
kam hier wie immer ganz wesentlich auf die Worte an, auch wenn 
der Sinn nicht mehr verstanden wurde. Glucklieber Weise ist auch 
dieses Lied, ein an Mars und die Laren gerichtetes kurzes Gebet, 
urkundlich bewahrt worden. Der Text lautet in der alterthümlichen 
Sprache so: 

E nos Lases iuvate, 

Neve luerve Marmar sins incurrere in pleoris. 

Satur furere Mars limen sali, sta herber. 

Semunis alternei advocapit conctos. 

E nos Marmor iuvato. 

Triumpe, Triumpe. 
Der Sinn scheint in das gewöhnliche Latein übertragen dieser zu 
sein: Age nos Lares iuvate. Neve luem Mars sine incurrere in 
plures. Satur furere Mars limen sali, sta verbere. Semones al- 
terni advocabite cunctos. Age nos Mars iuvato etc. ^). Zu Deutsch: 



^) E steht entweder wie in den Schwurformeln Ecastor, fiquirine, Eccere, 
oder es ist mit oos zu verbiDdeu, wie in eccum, ellnm, ellam u. d^l. Luerve 
ist luervem d. i. luerem, luem. Sins scheint eine veraltete Imperativform 
zu sein für sine, vgl. Fest. p. 205 in Saliari carmine — prospices prospice 
■ — perfines perfringcLs. Pleopis sind plures, der Sinn wie ol nolXoi, plebs. 

Preller, Rom. Mythol. 11. 3. Aufl. 3 



34 SECHSTER ABSCHNITT. 

4S9 Helfet uns ihr Laren. Lafs keine Seuche über das Volk kommen 
Bfars. Satt vom Rasen kehre heim in deinen Tempel und höre 
auf zu geifseln deine Streitrosse. Rufet abwechselnd alle Se- 
monen u. s. w. Also im Wesentlichen derselbe Inhalt wie sonst 
bei solchen Gebeten, nehmlich die Bitte um Segen und Schutz 
vor aller Beschädigung und um Frieden. Nach dieser Geremonie 
schritten die Bruder zur Wahl des Magister und Flamen für das 
folgende Jahr, hielten darauf wieder ein gemeinschaftliches Mahl 
und begaben sich endlich in den Gircus des Hains, wo einer der 
beigeordneten Knaben das Zeichen zu den Rennen gab, die nun 
mit Bigen, Quadrigen und sogenannten desultores erfolgten, unter 
dem Vorsitze von einem oder mehreren Brüdern, welche als Preise 
Palmen und silberne Kränze (wahrscheinlich Aehrenkränze) ver- 
theilten. Dann kehrten die Bruder nach der Stadt, in das Haus 
des Magister zurück, wo sie nochmals zusammen speisen, wieder 
mit Räucherwerk und Wein opfern und darauf mit Kränzen, Salben 
und Sportein beschenkt auseinandergehn. Der dritte und letzte 
Tag bildete in derselben Weise den Abschlufs der ganzen Feier M 
wie der erste den Eingang. Die Gebräuche waren genau dieselben 
wie am ersten Tage. 

Aufser diesem feierlichen Dank- und Weihungsfeste für die 
Erstlinge der Flur gedenken dieselben Urkunden noch wiederholter 



das Volk. Zu sator furere vgl. Horat. Od. I, 2, 37 heu nbriU longo taiiaie 
ludo. Ueber das Folgende s. oben I, 347, sta verbere (das e ist au Schlüsse 
weggefallen wie in advocapit) ist zu verstehen: Stehe still, halte Ruh mit 
deiner Geifsel, vgl. Ovid Met. XIV, 821 conscendit equos Gradivus et ictn 
verberis increpuit. Advocapit ist das Futurum anstatt des Imperativs. Dafs 
die Tanzenden in drei Gruppen vertheilt waren folgere ich aus der dreimaligeu 
Wiederholung des Textes in der Urkunde. Aufser den oben I, 43, 1 Ci- 
tirten vgl. Mommsen R. G. 1, 204. ^222. Jordan Krit. Beitr. S. 203 liest: 
1. e not Loses iuvdte 2. neve luerve{m) Mdrmar — seirs incurrere m 
ploeres 3. satür fö fere Mdrmar — nive ensali, sta berber 4. semünis 
altemei — advocapit cönctos 5. e nös Marmdr iuvato 6 triümpe; M. Breal 
Memoires de la soc. de linguist. 4, 373 ff. will Z. 1. 5 enom 2. luem arves 
3. sata iutere Marmar clemens satis sta berber verbessern, Havet de Saturnio 
(Paris 1880) S. 218 ff. Z. 2 ne veluerü. Näheres Eingehen auf die Sache ver- 
bietet der Raum.] 

^) Immer heifst es von diesem Tage, dafs die Brüder zusammenkommen 
ad coBSummandum sacrificium. So auch in der Ankündigung des Festes 
t. XXXII, 1, 18: XIII K. lun. consummabitur domi. Vgl. Marini p. 198. 286 
[Henzen Acta 41.] 



DEA DIA UND DIE FRATRES ARVALES. 35 

Sühnungen im Haine der Dea Dia, zu denen verschiedene Vorfalle 
Anlafs geben. Bald mufs ein vor Alter umgefallener oder vom 
Blitz beschädigter Baum aus dem Haine entfernt virerden, bald ist 
etwas auf Stein einzugraben oder an den Gebäuden auszubessern, 
zu welchem Zwecke man ein Eisen in den Hain oder in den Tempel 
tragen mufste: was jedesmal ein piaculum zur Folge hatte, also 
einer besondern Suhnung bedurfte, welche dann gewöhnlich so- 
wohl vor als nach jenem Geschäfte mit dem Opfer eines Schweins 
oder eines fetten Lammes vorgenommen wird. Ausnahmsweise 
war bei solchen Acten auch der Magister des Collegiums thätig, bei 
feierlichen Veranlassungen aber sämmtliche Brüder zugegen, z. B. als 
es nöthig geworden war einen Feigenbaum, der sich auf dem Giebel 
des Tempels der Dea Dia eingenistet hatte, gewaltsam zu entfernen, 
und als einige Bäume des Hains bei einem starken Gewitter vom 
BUtze getroffen waren, so dafs sie neu gepflanzt und auch sonst 430 
im Haine verschiedene Herstellungen vorgenommen werden mufsten. 
Auch hier wird immer sowohl vor dem vorzunehmenden Geschäfte 
(operis inchoandi causa) als nach demselben (operis perfecti causa) 
geopfert; und zwar werden bei diesen Anlässen, da die Heilig- 
thümer des Ortes in so aufserordentlicher Weise betroffen waren, 
nicht allein gröfsere Suovetaurilien als Sühnopfer, sondern auch 
nach diesen jedem einzelnen Gott des Ortes einzelne Opfer ge- 
bracht, daher bei diesen Gelegenheiten das ganze im Hain der Dea 
Dia vereinigte Göttersystem zur Sprache kommt ^). Noch andre 
Feierlichkeiten wurden in Rom vorgenommen, besonders häufig auf 
dem Capitol, wo sich die Brüder an verschiedenen Stellen zu ver- 
sammeln pflegen, doch kommen sie gelegentlich auch in der Regia 
zusammen, im kaiserlichen Palaste u. s. w. Die gewöhnlichen Ver- 
anlassungen zu solchen Zusammenkünften sind die Ankündigung 
des Festes der Dea Dia oder Berathungen über aufserordentliche 
Vorfalle in ihrem Hain, oder auch die Wahl neuer Brüder, die Theil- 
nahme des Collegiums an gewissen ludis votivis, oder endlich die 
aufserordentlich häufigen Gelübde und Dankgebete für das Wohl, 
das Gedeihen und die Sicherheit des Kaisers und des kaiserlichen 
Hauses. Auch bei solchen Gelegenheiten trat das CoUegium immer 
sehr stattlich auf, namentlich war das herkömmliche Gelübde an 



1) Vgl. t. XXXII, 21 und t. XLIIL [Henzeo Acta 144: vgl. Jordan Hermes 
16, 241.] 

3* 



36 SECHSTER ABSCHNITT. 

die drei Capitolinischen Götter immer sehr feierlich. Ihnen wird 
immer geopfert, zuweilen auch der Salus Augusti, der Salus Po- 
puh Romani, der Providentia Deorum, der Concordia, Fecunditas, 
Felicitas u. s. w., dem Genius Imperatoris, der luno Imperatricis, 
wobei den männlichen Gottheiten gewöhnlich Ochsen, selten Stiere, 
den weiblichen immer Kühe geschlachtet werden. 

6. Anger ona. 

Rom hatte wie alle alten Städte seinen verborgnen Schutzgott, 
welcher ursprünglich als namen- und geschlechtsloser Genius ge- 
dacht wurde, daher man ihn mit der Zeit bald mit diesem bald 
mit jenem Gotte identificirte , männlichen und weiblichen, dem 
Jupiter, der Luna, der Angerona, der Ops Consivia, der Flora ^). 
i8i An die Angerona pflegte man bei solchen Muthmafsungen vorzüg- 
lich deswegen zu denken, weil sie mit dem Finger auf dem Munde 
abgebildet wurde, also als eine geheimnifsvoUe und verschwiegene 
Göttin, denn diesen Sinn hatte eine solche Gebehrde^). Weiter 
wissen wir von ihr nur, dafs sie auch unter dem Namen Diva 
schlechthin oder als Diva Angerona verehrt wurde und als solche 
namentlich am 21. December ein Opfer bekam, welches ihr von den 
Pontifices in der Curia Acculeia oder Occuleia, einem Heiligthume 
der Yolupia, dargebracht wurde®). Auch das Bild der Angerona 
stand auf dem Altare dieser Göttin eines vergnüglichen, behag- 



>) Macrob. S. HI, 9, 4, lo. Lyd. d. Mens. IV, 50. 51, vgl. oben I, 62, 1. 
Als der I, 36 erwähnte Q. Valerius Soranus als Volkstribun den Namen dieses 
Schntzgottes Öffentlich auszusprechen wagte, wurde er mit dem Tode bestraft, 
Plin. H. JN. III, 65, Serv. V. A. I, 277. 

^ Man pflegt deshalb gewisse kleine nackte Frauenbilder, die als Amulette 
gedient haben, und andre Bilder der Art voreilig Angerona zu nennen, s. O. 
Jahn Leipz. Berichte 1855 S. 47. 48. [E. Hübner Die antiken Bildwerke in 
\ladrid S. 232] 

•) Varro 1. 1. VI, 23 Angeronalia ab Angerona^ cui sacrificium fit in curia 
Acculeia et cuius feriae publicae is dies. Vgl. die Kaieoder z. 21.Dec., von 
deoen das Maff. den Tag DIValia neont, Verrius Flaccus aber zu den Fast. 
Praen. eine leider verstümmmelte Anmerkung macht, welche vielleicht zu lesen 
ist: Feriae Diva{les) appeU{antur) . . . . in ar{a curiae) Occul{eiae), [Irrig- 
s. Mommsen C. 1. L. 1 p. 409; Huschke Jahr. S. 245 will sogar die angebliche 
cuna occuleia als ein ^Tempelchen' in dem die Göttin 'verborgen' sei ansehen. 
Acculehis ist als Geschlechtsname zwar sonst wie es scheint nicht nachweisbar, 
aber nicht unmöglich, vgl. Accellius u. a. oben S. 27J. Mehr bei Macrob. I, 10, 7, 



ANGBRONA. 37 

liehen Wohlseins, denn so ist der Name Volupia zu verstehen^). 
Das Heiligthum dieser Göttin lag in derselben Gegend wo sich 
das Grab der Acca Larentia befand, und so fallt auch jenes 
Opfer der Angerona der Zeit nach einerseits mit dem des Satumus 
und der Ops, andrerseits mit dem der Acca Larentia nahe zusammen : 
daher die Yermuthung nahe liegt dafs sie eine der Ops, der Acca 
Larentia, der Dea Dia verwandte Göttin der römischen Stadtflur 
gewesen, welche eben del^halb auch als Schutzgöttin von Rom ge- 
dacht werden konnte. Die geheimnifsvolle Gebehrde des Schweigens 
wurde dann auf die verborgene Tiefe der Unterwelt deuten, das 
nahe Verhaltnifs zur Volupia auf ähnliche Weise zu erklären sein 
wie der buhlerische Character der Acca Larentia und der Flora. 
Den Namen Angerona deuten die Alten nach ihrer Weise sehr will- 
kürlich, bald durch die Sorgen und Beängstigungen (angores), von 
denen man durch sie befreit werde, bald durch eine seuchenartige 
Bräune (angina), an welcher Menschen und Vieh gelitten, bis An- 
gerona geholfen habe. Wahrscheinlich liegt derselbe Stamm zu 
Grunde wie bei der marsischen Angitia und dem volskischen lupiter 432 
Anxur, s. I, 267. 411, 1. 

7. CereSf Libetj Libera. 

Wie diese drei Götter mit einheimisch italischen Namen be- 
nannt sind, so waren sie selbst ohne Zweifel altitalischen Ursprungs. 
Diese bestimmte Gruppe aber, wo Ceres der Demeter entspricht, 
Liber dem Dionysos, Libera der Persephone als xoqrj JijfifjTQog, 
ist griechischen Ursprungs und für die Geschichte des römischen 
Gottesdienstes um so wichtiger, da sie zu den ältesten griechischen 
Gülten in Rom gehörte und sowohl auf die religiösen Ideen als auf 
die äufserliche Ausstattung des Gottesdienstes der Römer einen nicht 
geringen Einflufs ausgeübt zu haben scheint. Der Tempel lag beim 
Circus und heifst gewöhnlich Aedes Cereris, genauer Aedes Cereris 
Liberi Liberaeque. Gestiftet wurde er im vierzehnten Jahre der 
Repubhk, nachdem die Römer durch die Vertreibung der Tarquinier 



ygl. Paul. p. 17 Angeronae Deae und die Glossae Labb. p. 12, welche die Ange- 
ronia für eine Göttin t^^ ßovXrjg xal xatQüiv erklären. 

^) Ennins Annal. 247 quocum multa volup ac gaudia elamque pakanque 
Daher die Volupia auch unter den Gottheiten pueriiis aetatis angerufen wurde, 
neben der Venilia und Libentina. 



38 SECHSTER ABSCHNITT. 

zuerst in den Krieg mit Porsenna, dann in den mit dem mächtigen 
Anhange der Tarquinier unter den Latinern verwickelt worden 
waren und in Folge davon u. a. eine Störung der ohnehin noch 
nicht geordneten Kornzafuhr entstand, welche bei den schlechten 
Emdten der letzten Jahre vollends bedenklich wurde. Man wendete 
sich in dieser Bedrängnifs an die Sibyllinischen Bucher, die nach 
ihrer Weise auf die griechischen Götter des Ackerbaus und alles 
regelmälsigen Ertrages der Erde hinwiesen, wie sie in dem grie- 
chischen Italien und in Sicilien allgemein verehrt wurden. Also 
gelobte der Dictator A. Postumius, der Sieger am 1. Regulas, im 
J. 258 d. St. (496 v, Chr.) jenen Te'taipel, welcher drei Jahre darauf 
von dem Consul Sp. Cassius, demselben der das Bündnifs mit den 
Latinern schlofs, eingeweiht wurde ^). Kurz vorher war auf Ver- 
anlassung der Secession der Plebs mit dem Volkstribunate auch 
das Amt der plebejischen Aedilen gestiftet worden, welche im 
Interesse der Plebs speciell für die Kornzufuhr und den Kornmarkt 
zu sorgen hatten und dabei zugleich in einem sehr engen Verhält- 
nisse zu diesem neu gestifteten Culte und Tempel der Ceres standen. 
Kurz darauf ward auf Veranlassung einer Hungersnoth nach Cam- 
panien und Sicilien geschickt, um von dort her eine Kornzufuhr 
48» zu vermitteln: daher man aus diesen Thatsachen zusammen- 
genommen folgeiii darf, dafs gleichzeitig mit der Stiftung des 
griechischen Cultus der Ackergottheiten eine lebhaftere Verbindung 
mit den griechischen Nachbarn im Süden eingegangen und wohl 
auch selbst jene polizeiliche Sorge für den Kornmarkt zunächst nach 
ihrem Beispiele eingerichtet wurde. Der Cultus selbst war so sehr 
ein griechischer, dafs die Priesterinnen der Ceres aus dem griechischen 
Italien, namentlich aus Neapel, der Colonie von Cumä, welches bei 
der ersten Einrichtung des Cultus höchst wahrscheinlich noch selbst 
thätig gewesen war, und aus Elea herbeigeholt wurden; auch die 
Sprache und Terminologie des Gottesdienstes blieb die griechische^). 



Dionys. VI, 17 und 94. Vgl. Tacit. Add. II, 49, Becker Haodb. 1, 471. 
[Mommsen Rom. Miinzw. S. 613 A. 429 Nitzsch Die römische Anoalistik 
S. 206 ff.] 

') Cic. pro Balbo 24, 55 SMra Cereris — summa maiores nostri rdigione 

confici caertmontaque voluerunt: quae cum essent assumia de Graecia et per 

Graecas semper curata sunt sacerdotes et Graeca omnia nominaia. (Vgl. obeo 

I, 154 A. 2.) Has sacerdotes video fere mit NeapoUtanas aui FeUenses fuisscy 

foederatarum sine dubio civitatum. Diesen PriesteriDoen wurde immer vorher 



CERES, ÜBER, LIBERA. 39 

Auch der über dem Eingänge zum Circus am Abhänge des Aventin 
gelegene Tempel der Ceres war nach seiner Architectur, Ausstattung 
und Decoration durchaus ein griechischer und von griechischen 
Künstlern ausgeführt, so dafs er als das erste Beispiel griechischer 
Kunst in Rom, wo bis dahin die etruskische Kunst geherrscht hatte, 
Epoche machte^). Selbst der griechische Ritus der Einweihung 
von Frauen wurde bei diesem Gottesdienste zugelassen, freilich 
mit Ausschliefsung alles heftigen Orgiasmus und der nächtlichen 
Feier ^). Was die Oberaufsicht der plebejischen Aedilen betrifft, 
welche der ihnen obliegenden Sorge für diesen Tempel der Ceres 
wahrscheinlich sogar den Namen aediles verdanken, so scheint diese 
sich auf das Praktische der cura annonae, die sie im Sinne der 
Ceres verwalten sollten, und auf die Cerealischen Spiele beschränkt 
zu haben. Als Aufseher über die annona hatten sie ihr amtliches 
Local in oder bei dem Tempel der Ceres**), so dafs sie von dort 
aus ihre Kornmarktpolizei ausübten und unter den Armen ihres 
Standes gelegentlich auch Korn- und Brodspenden vertheilten : daher 
Ceres und ihr Tempel bald zu Symbolen der plebejischen Freiheiten 434 
überhaupt wurden und in solchen Fällen, wo gegen dieselben 
verstofsen wurde, ihren Antheil an der Bufse zu bekommen 
pflegten*). Selbst als später, seit dem J. 389 d. St. (365 v. Chr.), 
neben den plebejischen Aedilen curulische gewählt wurden, blieb 
die Sorge für den Kommarkt und für die Spiele der Ceres ein 
wesentliches Attribut dieses Amtes, daher wir nun beide, sowohl 
die plebejischen als die curulischen Aedilen, mit diesen Spielen 



durch einen besondern Gemeindebeschlufs die Civität gegeben, s. Cic. 1. c. 
und Valer. Max. I, 1, 1. [Doch geht die Bemerkung im Text über griechische 
'Sprache und Terminologie' im Gottesdienst sicher zu weit (vgl. auch I, 407 
A. 4) und wird am wenigsten durch den von Paul (Stndia Cic. im Gymn. Progr. 
Berlin 1875 p. 11) mit Recht beanstandeten Ausdruck et Graeca omnia nominata 
unterstützt. Derselbe vermuthet mit Wahrscheinlichkeit et Graecanica nomi- 
nata. Bemerk enswerth ist dafs der Tempel auch das griechische Asyl recht 
hatte: Varro bei Non. p. 49 qui — ad asylum Cereris confugüsent. Vgl. I, 
266 A. 1. Ueber die Priesterinnen s. unten zu S. 440.] 

>) Plin. H. N. XXXV, 154 (oben I, 149), vgl. Bröcker Unters, über die 
Glaubwürdigkeit der altro'm. Gesch. S. 26. 35 ff., und über die Lage des Tem- 
pels Dionys. VI, 94 und Liv. XL, 2. 

2) Cic. de Leg. II, 9, 21 vgl. ib. II, 15, 37 und Dionys. II, 19. 

») Liv. III, 55, vgl. Plin. H. N. XVIII, 15, Non. Marc. p. 44 pandere, 
Kecker Handb. d. R. Alterth. II, 2, 292 ff. [Mommsen Staatsrecht 2', 292 ff.]. 

*) Liv. n, 41, vgl. XXXIII, 25 und Plin. H. N. XXXIV, 15. 



40 8ECHSTEB ABSCHNITT. 

beschäftigt sehen ^). Endlich übertrug Cäsar diese doppelte Auf- 
gabe des Kornmarktes und der Cerealischen Spiele zwei neuen 
plebejischen Aedilen, welche zum Unterschiede von den übrigen 
Ceriales genannt wurden^). 

Das alte Hauptfest dieser Götter fiel in den April, der wichtigste 
Tag der Spiele auf den 19. dieses Monats. Die Spiele hieüsen 
Cerialia oder ludi Ceriales und wurden wie andre Spiele an- 
fangs nur von Zeit zu Zeit und auf aufserordentliche Veranlassung'), 
später regelmäfsig alle Jahre gegeben. Die Grundidee war die 
Stiftung des Ackerbaus, nach griechischer Weise mit dem Hinter- 
grunde der Mythe vom Raube des Demeterkindes und seinem Wechsel 
zwischel Ober- und Unterwelt, in weicher Hinsicht sich die Römer 
mit dem südlichen Italien überhaupt die Traditionen Siciliens mit 
dem heiligen Mittelpunkte Enna aneigneten. So wurde in der 
Zeit der Gracchischen Unruhen auf den Rath der Sibyllinischen 
Sprüche, die älteste Ceres zu versöhnen, eine eigne Gesandtschaft 
nach Enna geschickt, weil man den römischen Gottesdienst für 
ein Filial des dortigen Demeterdienstes hielt, und Cicero macht es 
dem Verres ganz besonders zum Verbrechen, dafs er gegen die ehr- 
würdige Religion der Ceres in ihren heiligsten Stätten und Bildern 
zu Catana und Enna mit ruchloser Hand gefrevelt habe^). Daher 
auch die römischen Dichter den Raub der Proserpina gewöhnlich 
nach Anleitung der Legende von Enna erzählen, die eben dadurcli 
immer mehr zur Herrschaft gelangte, namenthch Ovid F. IV, 393 ff., 
wo er auf Veranlassung der Cerealischen Spiele ausführiich von 
dieser Göttin und ihrem Cuitus berichtet^). Sie habe die Myischen 



1) Liv. X, 23, vgl. Cic. in Verr. V, 14, 36. 

') Becker-Marqoardt Handb. II, 2, 327, 3, 248. [Momroseo Staatsrecht 2», 
271.] Ein solcher Aedilis Cerealis des Cäsar ¥rar C. Memmius C. F., welcher 
sich auf MÜDzen der Memmia neont, mit der Aufschrift MEMMIVS A£D. 
CERIALIA PREIMVS FECiT uad dem Bilde der Ceres. [Eckel 5 p. 252. Uebri- 
gens ist cerialis, nicht cerealis, die allein richtige durch die Inschr. verbürgte 
Form. Auch die gute hs. Ueberlieferung bevorzugt sie oder führt darauf (wie 
certalis Plaut. Men. 1 1 0).] 

») Liv. X, 23, XXX, 39. [Vgl. über die Cerialia Mommsen C. 1. L. 1 p. 391, 
Friedländer bei Marquardt Verwaltung 3, 479 f.] 

*) Cic. in Verr. V, 72, 187, vgl. Val. Max. I, 1, 1. 

5) Vgl Stat. Theb. XII, 270 if., Sil. Ital. Fun. XIV, 239 ff., Claudian de 
raptu Proserpinae und als letzten Nachklaog der siciliaoischeD Legende die 
Erzählung bei lul. Firmicug Mat. 7, 7. 



GEREiJ, LIBER, UBEAA. 41 

in dem Anbau ihrer edlen und veredelnden Frucht unterwiesen, in m 
einer Zeit wo noch Alles einfach und friedhch gewesen sei, daher 
auch Ceres den Frieden und einfache Gaben liebe, wenn man sie 
mit reinem Gemüthe darbringe, etwas Opfermehl und Weihrauch 
und brennende Fackeln^). Vor allem hüte man sich einen Stier 
zu schlachten, denn dieser ist heilig als Diener des Ackerbaus, den 
Ceres selbst Jochen lehrte; wohl aber ist ihr das Opfer von 
Schweinen willkommen. Auf der fruchtbaren Insel Sicilien, der 
Kornkammer Italiens, ist ihre Heimath, am liebsten weilt sie in der 
ganz von Kornfeldern umgebenen Gegend von Enna. Bei einem 
Mahle, mit welchem Arethusa die Götter von Sicihen bewirthet, 
wird Proserpina, als sie mit ihren Gespiehnnen auf der Frühlings- 
tlur Blumen liest, von Pluton entführt. Ihr Geschrei dringt achl 
zu spät zur Mutter, die nun ihr Kind mit rasendem Schmerze 
umherurrend sucht, zuerst in der Gegend von Enna, dann durch 
die ganze Insel, bis die Nacht hereinbricht. Da entzündet sie zwei 
Fichtenstamme an den Gluthen des Aetna zu leuchtenden Fackeln, 
schirrt die Drachen vor ihren Wagen und eilt über das Meer nach 
Korinth und Attika, wo sie sich zuerst wieder Ruhe gönnt und den 
Knaben Triptolemos, den Sohn des eleusinischen Keleos, unter allen 
Sterblichen zuerst mit ihrer Frucht und der Unterweisung ihres 
Anbaus begnadet. Dann eilt sie weiter nach Asien und über die 
ganze Welt bis zu den fernsten Völkern des Morgen- und Abend- 
landes, denn auch am Rhein, am Rhodanus und Po, auch am Tiber 
ist sie gewesen. Auch am Himmel hat sie gesucht und gefragt, bis 
endlich die Sterne sie an Sol weisen und dieser die Wahrheit sagt. 
Jupiter verspricht die Rückkehr unter der bekannten Bedingung, 
worauf endlich der Beschlufs erfolgt dafs das liebUche Kind die 
Hälfte jedes Jahres unter den HimmHschen und bei der Mutter, die 
andre Hälfte bei den Unterirdischen zubringen solle. Da kehrt die 
alte Lust und die alte Güte der Ceres zurück und sie flicht sich 
den Aehrenkranz in das blonde Haar und spendet so reiche Erndten, 
dafs keine Tenne grofs genug ist. So soll man sie feiern, als die 
versöhnte, die gütige Erndtegöttln, in einer Zeit wo die Aecker von 
neuem in dem hofi'nungs vollen Grün prangen, mit dankbarer Freude 



^) ^ach Diooys. I, 33 wäre der Gottesdienst der Ceres in Rom ohne Wein 
begangen worden. Vgl. aber Vir^. Georg. I, 344 und dazu Servius. [Heibig 
Die Italiker in der Poebene S. 71.] 



42 SECHSTER ABSCHNITT. 

486 und in der lichten Kleidung der Freude ; denn nur weiDse Kleider 
ziemen der Ceres, daher an den Cerealien Alles weifs gekleidet war 
und namentlich die Priesterinnen und die Geweiheten der Ceres nur 
diese Farbe trugen ^). Das ganze Fest dauerte nach den Kalendern 
der Augusteischen Zeit acht Tage lang, vom 12. bis 19. April. Es 
begann wie die römischen Spiele mit einer feierlichen Procession 
durch den Circus ^), worauf die Spiele in demselben folgten, so dafs 
sich die Megalesien vom 4. bis 10. April und diese Spiele der Ceres 
fast unmittelbar an einander anschlössen ; wie diese Spiele sieb auch 
darin glichen dafs zur Feier des Wohlseins, das beide Göttinnen ge- 
bracht, die Bürger sich gegenseitig bewirtheten, die Patricier an den 
Megalesien, die Plebejer an den Cerealien^). Die Aedilen scheinen 
als Oberaufseher der Spiele auch an dem einleitenden Opfer theil- 
genommen zu haben % welches vermuthlich am 19. April dargebracht 
wurde, dem alten Hauptfesttage der Cerealien und dem volksthöm- 
liebsten Tage der ganzen Circusfeier. Dann füllte sich der Circus 
mit den dichtesten Schaaren, unter welche allerlei Geschenke und 
Efswaaren geworfen wurden, namentlich Nüsse '^), welche Frucht 



') Ovid. F. IV, 619, V, 355, Tertall. de pallio 4 ob cultum omnia eamU- 
datum et ob notam vittae et Privilegium galen Cereri initiantur. Die vitta 
war nehmlich das priesterliche AbzeicheD im Dieoste der Ceres. Der galems 
scheint hier nicht eine Kopfbedeckung wie beim (1. Dialis, sondern eine eigen- 
thämliche Haartracht gewesen zu sein, vgl. luvenal S. VI, 50, Tertull. de test. 
an. 2, de cnlt. fem. II, 7. [Vgl. was über die Haartracht und die vittae der 
altital. Frauen neuerdings Heibig Sitzungsber. d. Manch. Ak. 1880 phil.-hist. Kl. 
S. 513 ff. gesagt hat.] 

*) Ovid. F. IV, 389, welche Worte schon auf die Cerealien zu beziehen 
sind. Vgl. Varro d. r. r. I, 2, 11. 

^) Gellius N. A. XVIII, 2, 11. Bei solchen Mahlzeiten ging es üppig zu, 
daher Ceriales cenae für ein reichliches, üppiges Mahl, Plaut. Menaechm. 
1, 1, 25. 

*) Tertull. d. idololatr. 10, wo von den verschiedenen Schulferien die Rede 
ist: flaminicae et aedäes sacrificant, creatis schola honoratur feriU, Höchst 
wahrscheinlich bezieht sich dieses auf die Ceriallen. Von einem Opfer der 
Ceres, bei welchem ein goldnes und ein silbernes Schwein gebraucht wurde, 
spricht Fest. p. 238 porcam. Auch auf dem Lande war der 19. April der her- 
kömmliche Festtag, s. Or. n. ]495 [= Wilmanns Ex. 1713]. 

*) Fest. p. 177 Nuces mitti in Cerialibus. Auch bei Tacit. Ann. XV, 53 
sind die Cerialien ein durch seine Heiterkeit ausgezeichnetes Fest; daher es 
ein nicht geringes Versehn war, als die Aedilen gelegentlich bei diesen Spielen 
anstatt der gewöhnlichen Rennen Gladiatoren auftreten liefsen, Dio XL VII, 40. 



GEBES, LIBER, LIBERA. 43 

auch in Italien ein altherkömmliches Symbol der üppigen Frucht- 
barkeit war. Aufser den Pferderennen gab es an diesem Tage eine 
sehr Tolksthümliche Fuchshetze durch den Circus, wobei den Füchsen 
brennende Fackeln an den Schwanz gebunden wurden: eine sinn- 
bildliche Erinnerung an den Schaden, den die Felder vom Korn- 437 
brande, den man den Rothfuchs (robigo) nannte und in dieser ver- 
hängnifsvollen Jahreszeit auf mehr als eine Weise beschwur, zu 
befürchten hatten. Ovid hatte sich auf einer Reise in seine Heimath 
von einem Landmann zu Carseoli den Zusammenhang erzählen 
lassen (F. lY. 679 ff.). Eiit sparsames, hartgewöhntes Paar habe in 
dieser Gegend ein kleines Gut besessen ; der Mann bestellte das Feld, 
die Frau sorgte für Haus und Hof und war eine fleifsige Spinnerin. 
Sie hatten einen Sohn, der zwölf Jahre alt war und ein muth williger 
Bursch. Dieser fangt einen Fuchs, welcher oft den Hühnerstall be- 
schädigt hatte, wickelt ihn in Stroh und Heu, steckt dieses in Brand 
und läfst ihn so wieder los, worauf der Fuchs durch das Getreide 
laufend Alles in Brand steckt; daher ein Gesetz von Carseoli den 
Tod jedes gefangenen Fuchses forderte^). Deshalb würden die 
. Füchse auch an den Cerialien dadurch bestraft, dafs man ihnen 
einen Brand an den Schwanz hänge und sie dann durch den Circus 
hetze. Vielmehr liegt bei diesem Gebrauche und bei jenem Mährchen 
dasselbe Bild zu Grunde wie bei dem böotischen Mährchen vom 
Hunde des Kephalos, der den teumessischen Fuchs verfolgt bis beide 
in Stein verwandelt werden^). Es ist die Zeit des Hundssterns, wo 
man den Kornbrand am meisten zu fürchten hatte; folgt in dieser 
Zeit der heifse Sonnenbrand zu schnell auf den Reif oder den Thau 
der kühlen Nächte, so rast jenes Uebel wie ein brennender Fuchs 
durch die Fruchtfelder. In der Nähe von Rom gab es einen eignen 
Hain der Robigo oder des Robigus; unter diesem Namen, der 
von röbus d. i. rufus abzuleiten ist, kannte man eine eigne Gott- 
heit, deren Verehrung sehr alt war und bei welcher man sowohl 



^) Ovid. I. c. 709 nam vivere captam nunc quoque lex volpem Carseolana 
vetat. Die Stelle ist verdorben uod sehr verschiedea emendirt, s. Merkels 
Ausgabe und Hertzbergs Reo. io der Zeitschr. f. A. W. 1846 n. 19 ff. [Die 
hier befolgte Lesung ist Conjeetur (sie steht von junger Hand am Rande des 
\'oss. C), überliefert ist nam dicere certam (nach Merkels Schweigen auch in 
der mafsgebenden Mallersdorfer Hs., curtam von 1 Hand die Ilf. Hs.). Eine 
sichere Verbesserung ist noch nicht gefunden.] 

>) Griech. Mythol. 2, 97. [== 148 der 2. A.] 



44 SECHSTER ABSCHNITT. 

die Ursache des Hebels als eine abwendende Hülfe gegen dasselbe 
suchte^): daher man den Mars mit der Robigo und den Robigas 
mit der Flora zusammen verehrte^). Namentlich wurden am 
25. April, also bald nach den Cerealien und kurz vor den Floralien, 
eigne Robigalia begangen, angeblich eine Stiftung des Numa, wo 
man zu diesen Göttern um Schutz vor dem verheerenden Uebel 
488 flehte^). Es war die Zeit wo der Hundsstern aufging, daher man 
an diesem Tage im Haine des Robigus, fünf Millien von Rom, auf 
dem Wege nach Nomentum, junge Hunde von rother Farbe als 
Sühnopfer darbrachte, wonach ein benachbartes Thor das Hundsthor 
genannt wurde ^). Ovid erzählt wie ihm als er einst an jenem Tage 
früh Morgens auf dem Wege von Nomentum nach Rom war, die 
Procession nach jenem Haine in weifsen Festkleidern begegnet sei, 
voran der Flamen Quirinalis, um die Eingeweide eines Hundes und 
die eines Schaafes darzubringen. Er tritt hinzu und hört das Gebet 
des Flamen, in welchem er die grofse Macht der strengen Robigo 
pries und um Schonung der reifenden Saat bat, woran sieb die 

») Gell. N. A. V, 12, Varro 1. 1. VII, 102, vgl. Plio. H. N. XVII, 251. 
XVIII, 285. Im Griechischen beifst der Kornbrand gleichfalls wegen der rotheo 
Farbe ^QvaCßri, daher Apollo iQvS-fßiog auf Rhodos, s. Strabo XIII p. 912. 

») Tertull. de Spectac. 5, Varro r. r. I, 1, 6, vgl. oben I, 341, 1. 431, 5. 
[Die Gottheit welcher au den Robigalia geopfert wird ne robigo occupet segetes 
{oder frumentis officiat) heifst Robigus bei Varro 1. 1. VI, 16, r. r. I, 1, 6 (vgl. 
Panl. p. 267, Serv. Ge. 1, 151), im Prän. Kai. und bei Gell. V, 12, 14 (hier 
mittelbar von den Priesterschrifteo abhängig); ja aus Varro (r. r.), welcher 
Robigus und Flora paart, mnfs geradezu gefolgert werden, dafs es ein Paar 
'Robigus Robigo' (sie müfste doch wohl auch Robiga heifsen) nicht gab. Der 
Gebranch von Robigo statt, nicht neben Robigus bei Ovid sowohl wie bei 
den Kirchenschriftsteilen Aug. CD. IV, 21 Lact. I, 20, 17 Tert. a. 0. snbsti- 
tuirt nur das personiticirle Appellativum der altmodischen Form des Eigen- 
namens; dafs Mars und Robigo an einem Fest verehrt wurden, ist nicht 
bezeugt. Der Kultus kannte nur einen Gott Robigus.] 

«) Plin. XVni, 285, vgl. Varro 1. 1. VI, 16, Paul. p. 267, Serv. V. Ge. 1, 
151, nach welchem die Bauern den Kornbrand calamitas nannten d.i. also 
eigentlich Halmschaden [Corssen Beitr. z. ital. Sprachkunde 322], Kai. Maff. 
Praenest. 

*) Paul. p. 45 Catularia porta Romae dicta est, quia non lange ab ea ad 
placanduni caniculae sidus frugibus inimicum rufae canes tmmolabantur , ut 
Jruges flavescentes ad maturitatem perducerentur. Vgl. Fest. p. 285 rutilae 
canes, Colum. X, 342. Auch bei Plin. XVIII, 14 Ita est in commentarüs 
pontißcum: Augurio canario agendo dies constituantur priusquam frumenta 
vaginis exeant et [nee CJrlicbs] antequam in vaginas perveniant ist an diese 
Feier zu denken. 



CERES, LIjBER, LIBERA. 45 

gewöhnliche Fürhitte um Segen der Felder und um Frieden anscblofe. 
Darauf wurde zuerst mit Weihrauch und Wein, dann mit den Ein- 
geweiden der beiden Thiere geopfert. Zuletzt wurden auch hier, 
wie im Haine d^ Dea Dia, gewisse Spiele aufgeführt^). 

Eine andre Feier der Ceres, diese vorzüglich die Frauen an- 
gehend, fiel in den August, bald nach dem Tage der Schlacht bei 
Cannä, welche am 2. Aug. des J. 538 d. St. (216 v. Chr.) verlieren 
wurde und ganz Rom so mit Trauer erfüllte, dafs die Feier der 
Ceres darüber unterblieb ; daher die Trauer durch ein eignes Gesetz 
auf die Frist von dreifsig Tagen beschränkt und darauf die Feier der 
Ceres nachgeholt wurde^). Es war ein Fest der Wiedervereinigung 
der Ceres und der Proserpina nach griechischem Vorbilde, wobei 489 
die Frauen sich, wie es scheint, neun Nächte ihrer Männer enthalten 
mufsten und dann in weifser Kleidung und geschmückt mit den 
Kränzen reifer Aehren die Erstlinge der Früchte darbrachten^). 
Wegen der vorgeschriebenen Enthaltsamkeit und des zu Grunde 
liegenden Mythus von der Trauer der Ceres über den Raub de» 
Kindes galt sie in Rom für eine Widersacherin der Ehe*), obwohl 



<) Verr. Flacc. z. Fast. Praen. ROß. Feriae Robigo via Claudia ad mä- 
Uarium V^ ne robigo frumentis noceat, Sacrificium ei, ludi cursoribus maioribus 
viinoribusque fiunt. [Vgl. Mommsens Anmerkung.] 

') So werden sich die verschiedenen Berichte am ersten vereinigen lassen, 
s. Liv. XXII, 56 and XXXIV, 6, Val. Max. I, 1, 15, Plut. Fab. 18, Paul. p. 97 
Graeca sacra feita Cereriß ex Graeda translatay quae ob invenUonem Proser- 
pinae matronae colebant etc., wo irrig von einer Beschränkung der Trauer auf 
100 Tage die Rede ist. Vgl. Fest. p. 154 Minuitur populo luctus — cum in 
casto Cereris est [Vgl. auch Marquardt Verwaltung 3, 348 £. — Aroob. 
V, 17: temperatus ab aUmonio panis, cui rei dedistis castus (im Dienst der 
Magna Mater). Bronzetafel aus Rom C. I. L. 1, 811 = 6, 87 [C\ereres ca[staß'i\ 
(oder ca[stust])» (Jeher castus oben zu I, 271 A. 3.] 

s) Ovid. Met. X, 431 Festa piae Cereris celebrabant annua matres, vgl. 
Merkel 0. F. p. CLXXX. Auch die sacra Cereris Matris b. Arnob. II, 73 
j;ehören wohl hieher. 

*) Serv. V. A. ni, 139, V. A. IV, 58 Alii dicunt, — Cererem propter 
raptum filiae nuptias execratam. — El Romae cum Cereris sacra fiunt obser- 
vatur ne quis patrem aut filiam nominet, quod frucius matrimonii per liberos 
constet [oben 22 A. 3], mit Beziehung auf die geraubte Libera, vgl. Cic. N. 
D. II, 24, 62 sed quod ex nobis natos liberos appeüamus, idcirco Cerere nati 
nominati sunt Liber et Libera, quod in Libera servant, in Libero non item. 
Immer liegt bei diesen Vorstellungen das Bild der Ceres deserta zu Grunde, 
wie sie b. Virg. Aen. II, 714 heifst, wozu der Int Mai. bemerkt: perpetuunt 
epitheton factum propter raptum Proserpinae. 



46 SECHSTER ABSCH1<IITT. 

Ceres sonst in Rom wie Tellus und die Thesmophoros bei den 
Griechen für eine Ehegöttin gehalten ^) und selbst eine Hochzeit der 
Ceres oder des Orcus mit grofser Feierlichkeit und unter Betbeiligung 
der Pontifices begangen wurde^): aus welcher Auffassung auch der 
Gebrauch zu erklären sein wird, dafis bei leichtsinnigen Ehe- 
scheidungen der Mann die eine Hälfte seines Vermögens der ge- 
schiedenen Frau, die andre der Ceres überlassen und den unter- 
irdischen Göttern ein Opfer darbringen mufste^). Endlich wurde 
seit dem J. 191 v. Chr., wieder auf Anstiften der Sibyllinischen 
Bücher zuerst alle vier Jahre, dann jährlich am 4. October ein Fasten 
440 der Ceres (ieiunium Cereris) beobachtet^), welches wenigstens 
der Zeit nach den griechischen Tesmophorien entsprach. 

Immer gehörte der Dienst der Ceres und ihr altes Heiligthum 
am Circus zu den angesehensten in Rom; nach Cicero war sie so 
einheimisch geworden, dafs es den Anschein hatte als ob sie nicht 
anderswoher dahin gekommen, sondern von dort zu andern Völkern 
gegangen sei'^). Augustus baute den im J. 31 v. Chr. durch eine 



') Scrv. V. A. IV, 58, vgl. Paul. p. 87 facem in nuptiis in honorem Cereris 
praeferebant. Dafs auch der Dienst der griechischen Thesmophoros in Italien 
verbreitet war, lehrt die Inschr. aus Pompeji b. Or. n. 2190 [?], dafs sie den 
Römern wohlbekannt war Cic. Verr. V, 72, 187. 

') Plant. Aulnl. II, 6, 5 auf Veranlassnng einer Hochzeit wo der Wein 
fehlt: Cererine has facturi nuptias? Serv. V. Ge. I, 344 aliud est sacrißeium, 
aUud nuptias Cereris celebrare, in quilms revera vinum adhiberi nqfas fueraty 
quae Orci nuptiae dicebantur, quas praesentia sua pontifices ingenti soUem- 
tritate cel^rahanU Also eigentlich die Hochzeit des Pluton und der Persephone, 
wie sie in Griechenland im Sommer viel gefeiert wurde, s. Griecb. Mythol. 
1, 485 [=»612 der 2. Aufl.], daher auch in Rom an dieselbe Jahreszeit zo 
denken sein wird. Man scheint sich die Ceres dabei als Gastgeberin gedacht 
zu haben. Auch das lectisternium Cereris b. Arnob. VII, 32 gehört vermoth- 
lich in diesen Zusammenhang. 

') Plut. Rom. 22. Da Ehescheidungen vor 231 v. Chr. in Rom unerhört 
waren, so kann dieses Gesetz nicht wohl alter sein. 

*) Liv. XXXVI, 37, Kai. Amitern. z. 4. Octb. [s. Mommsen C. I. L. 1 

p. 403]. 

^) Cic. Verr. 1. c. Wirklich war später durch ganz Italien der Name 
Ceres der vorherrschende, Demeter wird nur ausnahmsweise genannt, z. B. 
in der Inschrift aus Cumae b. Or. o. 1498, vgl. Mommsen I. N. ind. p. 459. 
fjeberall war diese Religion sehr angesehn und namentlich wurden die Prie- 
sterinnen der Ceres vielfach ausgezeichnet, s. die Inschriften aus dem südlichen 
lUlien, Pompeji, Capua, Samnium b. Mommsen 1. N. n. 375. 1083. 2206. 2207. 
3563 [und C. I. L. 1, 566. 568]. 3572. 3573 [= 1, 1209). 4535 [«=1, 1176]. 



CERES, LIBER, LIBERA. 47 

Feuersbrunst zerstörten Tempel von neuem aul, worauf er von 
Tiberius wieder eingeweiht wurde ^). Der Kaiser Claudius machte 
sogar den Versuch, die eleusinischen Mysterien nach Rom zu über- 
tragen. — • 
Neben der Ceres also wurden Liber und Libera verehrt 
d. h. im Sinne des griechischen Cultus Dionysos und Persephone, da 
diese Götter nach dem Vorbilde von Eleusis bei den Griechen über- 
haupt und so auch in Sicilien und Italien oft zusammengestellt 
wurden. Namentlich war Campanien das Land, über welches Ceres 
und Bacchus in gleicher Fülle ihre Gaben ausgeschüttet, oder wie 
sich die Alten in solchen Fällen eines gleichartigen Anspruchs aus- 
zudrücken pflegten, wo diese beiden Götter mit einander gekämpft 
hatten^); und das Mährchen von der Einkehr des Bacchus bei guten 
Freunden, welche er dann den Weinbau lehrt, wurde sogar bis in 
das Gebiet des Falerner Weins erzählt, von wo sich der Gott 
weiter nach Spanien gewendet habe. Indessen kamen auch hier 
den griechischen Gottesdiensten ältere italische entgegen, wie dieses 
schon die einheimischen Namen beweisen, mit denen sich auf dem 
Lande auch die alten volksthümlichen Gebräuche und Feste der 
Weinlese in herkömmhcher Art und Lustbarkeit erhalten hatten. 
Liber oder wie man ihn insgemein nannte Liber Pater ist eigent- 
lich der Befreier^), der frohe Gott des Scherzes und der heitern 

4743 und Or. d. 1494 [stadtrömisch; sie nenot ein sacrarmni Cereris Anti- 
atinae. Vereinzelt 5,2795 Padaa]. Besondre Erwähnung verdient die Ceres 
Helvina oder £lvina in Aquinum, s. luvenal Sat. III, 319, Mommsen I. N. 
n. 4312. [Vgl. Nissen Pomp. Unters. 327 f. — Uebrigens sind Weihnngen an 
die Ceres in späterer Zeit von grofser Seltenheit: aus Rom kennen wir (aufser 
der archaischen Bronze oben S. 45, 2) nur die Steine der sacerdotes Cereris 
pubUeae p(opuli) R{omam) Quirüium (so C. 1. L. 1, 1106 = 6, 2182; in einer 
zweiten Inschrift nennt sich die Priesterin Siculai 2181), ganz vereinzelt sind 
solche in C. I. L. 2. 3, häufiger nur in Africa (vgl. Satnrnus), wo namentlich 
weibliche sacerdotes Cererum 8, 580. 3303. 6359, ein templum (Zeit der 
Antonine) 1548 und sacr(um7) derselben 1548. 6709 vorkommen. JNach 
Guerin's Vorgang versteht 0. Hirschfeld Annali 1866, 51 unter Cereres: Ceres 
et Proserpina (die freilich auf Steinen in Africa sonst verbunden wohl nur 3, 
547 vorkommen, vgl. unten S. 443); zu vergleichen ist Castores, die regel- 
mäfsige Bezeichnung von Castor et PoUux (Jordan Eph. epigr. 3, 70).] 

') Tacit. Ann. II, 49. Eine supplicatio der Ceres und Proserpina nach 
dem Neronischen Brande b. Tacit. A. XV, 44. 

2) Plin. H. N. III, 60, vgl. Sil. Ital. Pun. VII, 162 ff. 

^) Der Stamm ist Hb, in der älteren Sprache loeb, wohl zu unterscheiden 
von lübet, libet, wovon Libentia, Libitina u. s. w. Paul. p. 121 Loebesum et 



48 SECHSTER ABSCHNITT. 

441 Ausgelassenheit, in demselben Sinne wie man in alter Zeit ancli 
von der libertas, der Freiheit zu reden und diese zu personificiren 
und im Bilde zu denken pflegte, als eine schöne und reich- 
geschmückte Frau, von welcher üppige Fülle und Kraft, reichlicher 
Segen der Felder und das dadurch bedingte Glück eines heitern 
und sorgenlosen Lebensgenusses ausgehe. Immer ist dieses die vom 



loebertatem antiqui dieebant Liberum et libertatem. Ita Graeci Xoißiiv et lh(ßnv* 
Vgl. Serv. V. G. I, 7 Sabini — Liberum Loebasium (appellant). Dictum autem 
qxäa graece loißfi dicitur res divina. Allerdings haogt wohl anch XilßetVy 
Iibare mit diesem Stamm zusammen ^ nur nicht blos in dem Sinne der gottes- 
dienstlichen Spende, sondern in dem allgemeineren des fliefsenden und strö- 
menden Segens, des vegetativen Cleberflusses überhaupt, s. Augustin C. D. VII, 21 
Liberi sacra, quem Uquidis semiuibus ac per hoc von solum liquorihus fruditum, 
quorum quodammodo primatum vinum teilet, verum, etiam seminibus animaUum 
praefecerunt. Hinsichtlich des Nebenbegrifis der Befreiung von Sorge und 
Mühe, der in Italien zur Hauptsache geworden, entspricht dem italischen Liber 
am meisten der griechische Avaiog oder Avatog, wie denn auch Einige Lib6r 
von luo ableiten, s. Lobeck Aglaoph. p. 644. In der deutschen Mythologie ent- 
sprechen Fro und Frowa dem italischen Paare Liber und Libera, s. Grimm 
D. M. 191 ff., 1209. [Die ältesten Namensformen sind urlateinisch und 'sabi- 
nisch' Loebesus, Loebasius, in Pisaurum Leber {Lebro Dativ C. I. L. 1, 174), in 
Latium (Präneste?) Leiber (Prän. Liste, auf der u. a. auch Menerva, Eph. 
epigr. 1, 14 n. 21; Narona 1, 1468; archaistisch noch in dem Gedicht C. L L. 
S, 2632). Die sprachliche Frage steht so : ist oe{=oi) == e(=^ei) = i (und 
wir haben jetzt sichere Beispiele für ital. oi = ei =^ i: Jordan Hermes 16, 
244. 511), so ist als Wurzel Itb anzusehen. Ist diese W. Itb die in leib-er, 
Rb-er, *frei', steckende {lib = lub, lub-et = lib^et, daher oskisch lüvfro = loußro, 
faliskisch löferta: ou = o vgl. Jordan Krit. Beitr. S. 'M ff.) oder die in lib-are, 
vgl. Jnß-, liiß-to u. verw.? Beide Annahmen (letztere z. B. bei Cnrtins Et. ^ 
8. 365. 367, erstere bei Corssen Ausspr. 1', 379) erscheinen sprachlich zu- 
lässig, die Entscheidung liegt also in der sachlichen Erwägung. Falsch ist 
jedenfalls die Annahme Hehos (Kulturpfl. 70. 71) dafs Liber nur ^Uebersetziiag' 
des griech. Xvaiog, Iksvd-^Qtog, Liber also der entlehnte und mit dem Weiabau 
verhältnifsniärsig spät nach Italien gelangte Dionysos, und zwar in der Form 
des Joppiter (luppiter liber: doch s. oben I, 195) sei: dabei geht Libera leer 
aus. Das Paar Liber Libera ist unzweifelhaft uritalisch, seine Umformung in 
griechische Begriffe besonders durch die aus Griechenland stammende römische 
Verbindung mit Ceres bewirkt. Der von Augustin a. 0. (nach Varro) geschil- 
derte Kultus von Lavinium gilt ihm als ein dem Kult des Saturn verwandter, 
pro eventibus seminum,: sie ab agns fascinaiio repellenda ut (die Matrone 
bekränzt den Phallus). Der Begriff der ^Befreiung', den Liber Libera ver- 
treten, ist also ein viel weiterer und ganz verschieden von dem des ^Lösers' 
Dionysos. Dies stimmt auch zu der engen Verbindung, in welcher Liber noch 
im späteren Volksglauben mit Silvanus steht (Reitferscheid Anaaii 1866, 220 f., 
vgl. oben I, 394. 396). 



CERES, LIBER, LIBERA. 49 

Liber und der Libera unzertrennliche Vorstellung, daher auch das 
Fest der Weinlese immer vorzugsweise von dieser Seite einer un- 
gebundnen Freiheit in der Rede und im Genuin des neu gewonnenen 
Natursegens aufgefafst wird^), wie in der Vorstellung von dem 
Lande „wo Milch und Honig fliefst^^ die des ungetrübten nationalen 
Glücks von selbst enthalten ist. Weiter sind Liber und Libera die 
Götter aller üppigen Production, daher zu ihnen nicht blos um 
Segen der Felder, sondern auch um Fruchtbarkeit von Menschen 
und Vieh gebetet wurde, und zwar schon in den alten pontißcalen 
Gebetsurkunden, ein Beweis mehr dafs wir es hier mit altitalischen 
Göttern zu thun haben. Daher das in diesem Kreise von Vor- 
stellungen sowohl bei den Griechen als bei der Bevölkerung von 
Italien und bei vielen andern Völkern herkömmliche Symbol des 
Phallos oder wie man in Italien sagte des fascinum, welches zur 
Zeit der Weinlese auf dem Lande von Ort zu Ort auf einem Wagen 44a 
mit grofser Lust und religiöser Feierlichkeit bis in die Stadt ge- 
fahren wurde. Ja in Lavinium, der alten Stadt der latinischen Pe- 
naten, war sogar ein ganzer Monat dem Liber heilig, durch dessen 
ganze Dauer die ungebundensten Späfse erlaubt waren, bis jenes 
Symbol über den Markt geführt und im Tempel des Liber wieder 
zur Ruhe gebracht worden war. Auch pflegte das fascinum hier, 
als Symbol des von dem Gotte ausströmenden Segens zugleich ein 
Gegenzauber gegen jeden Schaden, der diesen Segen durch Neid, 
bösen Blick, Bezauberung u. s. w. treffen könnte, von der an- 
gesehensten Matrone des Ortes öffentlich bekränzt zu werden^); 
wie denn dasselbe Symbol in gleichartiger Auffassung und mit 
gleichartiger Auszeichnung auch sonst bei den Alten, namentlich 
in der römischen und italischen Sitte etwas ganz Gewöhnliches 
war*). So werden auch die sogenannten fescennini versus, in 

^) Paul. p. 1 15 Liber repertor vini ideo sie appellatur, quod vino nimio usi 
omnia Ubere loquantur. p. 116 Naevius: Libera li?iffua loquemur ludig Libera- 
Ubus, PompoDias b. Ribbeck Com. lat. p. 211 cuüisvis leporis Liber diademam 
dedit. Auch die libera cena bei Petron. 26 wird so zu verstehen sein [viel- 
mehr Glosse, wie Bücheier zeiget], vgl. Ael. Lampr. Heliog. 11 vere liberam 
vindemiam esse quam sie eelebrarent. Dahingegen Seneca d. tranq. an. 15, 15 
den Liber nicht ob licentiam linguae so benannt wissen will, sed quia liberat 
servitio curarum animum. 

') Augustin 1. c. nach Varro. 

') Vgl. die lehrreiche Abh. von 0. Jahn über den Aberglauben des bösea 
Blicks bei den Alten, in den Berichten der K. Sachs. Ges. d. W. z, Leipzig 
1855 S. 68 ff. und oben I, 230. 

Preller, ROm. Mythol. IL 3. Aufl. 4 



50 SECHSTER ABSCHNITT. 

denen sich die Lust der Weinlese mit derben Späfsen Luft machte, 
am besten von diesem ländlichen Umzüge mit dem fascinum ab- 
geleitet^), daher dieselben Verse und dieselben Witze auch bei dem 
Hochzeitszuge gebräuchlich waren. Auch wissen wir dais dieses 
Symbol dem Liber Pater als einem Gotte der männlichen Erzeugung 
überhaupt heihg war und in seinen Tempeln als Anathem dargebracht 
wurde, während der Libera von den Frauen als einer Göttin des 
weiblichen Empfangnisses das entsprechende Symbol des weiblichen 
Geschlechts geweiht wurde, daher man die Libera gewöhnlich für 
identisch mit der Venus hielt'). Genug mit diesen beiden Göttern 
wurden durch griechischen Einflufs der griechische Dionysos und 
die griechische Persephone dergestalt identificirt, dafs jener fortan 
443 im römischen und lateinischen Sprachgebrauche allgemein Liber und 
Liber Pater, diese entweder Libera oder vermöge einer in solchen 
Fällen zumal im höheren Alterthum gewöhnlichen Zustutzung des 
griechischen Wortes für das lateinische Verständnifs Proserpina ge- 
nannt wurde, für welches Wort man nachträglich auch eine etymo- 
logische Rechtfertigung fand^). So wurden also diese beiden 

>) Horat. Ep. II, 1, 145 ff., Virg. Ge. II, 385, Liv. VII, 2. Die Ableitang 
von fascioum leuchtete auch den Alten ein, nur dafs sie auch hier an eine 
averruncirende Wirkung dachten, Paul. p. 85. Die Stadt Fescennium in der 
Gegend von Falerii, von welcher auch Serv. V. A. VII, 695 die nuptialia car- 
mina ableitet, hatte ihren Namen vermuthlich von einem besonders eifrigen 
Culte des fascinum bekommen, dessen Bild man als mächtigen Gegenzauber 
noch jetzt hin und wieder über den Thoren alter Städte in Italien angebracht 
findet. [Doch ist die etymologische Verknüpfung von fascinufn (wohl das e^tn 
lehnte /9a(Txavov) mit Fescennium unbedingt unzulässig, so oft sie auch noch 
wiederholt werden mag. Bei Festus Ausz. 86 ist zu lesen Fescennmoe (öberl. 
foscemnoe?) qui depellere fascinum dicebantur, Leute aus Fescennium, eine 
Art etr. harioli, die Deutung des Namens war auch hier falsch. Fescennmi 
versus können nur Verse von Fescennium, wie Mellanae fabulae Stücke von 
jätella sein. Vgl. MüUer Etr. 1«, 105. 2, 296.] 

') Augustin C. D. VI, 9. Höchst wahrscheinlich ist auch das hin und 
wieder in Inschriften des südlichen Italiens erwähnte Priesterthum der Geres 
und Venus auf Ceres und Libera zu beziehn, s. Mommsen l. N. n. 4227 
[=C. I. L. 1, 1183], 5434, vgl. n. 5006. [Vgl. Nissen Pomp. Studien 327 ff.] 

") August. C. D. IV, 8 vgl. VII, 20 Proserpinam — praefecerunt fiu^ 
mentis germinantibus — dictam a proserpendo, Arnob. HI, 33 quod sota in 
lucem proserpant cognominatam esse Proserpinam. Ennius übertrug naeh 
Varro 1. 1. V, 68 dieselbe Erklärung auf Proserpina als Mondgöttin, quod 
haec ut serpens modo in dexteram modo in sinistram pariem lote movetur^ 
denn serpere und proserpere sei in der alten Sprache z. B. bei Plaut Poeo. 
V, 2, 74 proserpens bestia Dasselbe. Uebrigeos ward Proserpina gewöhniieh 



CERES, LIBER, LIBERA. 51 

griechischen Götter fortan in Rom und auf dem Lande neben 
einander und neben der Ceres und andern Gottheiten des länd- 
lichen Segens verehrt, aber nur in dieser populären Bedeutung der 
segenspendenden Gaben, nicht in der mystischen des ekstatischen 
Gottesdienstes, wie er bei den Griechen, auch bei denen im süd- 
lichen Italien, nothwendig zur Sache gehörte, aber in Rom durch 
die natürliche Nüchternheit der religiösen Gewöhnung, später auch 
durch das Staatsgesetz ausdrücklich ausgeschlossen blieb. Was speciell 
den Liber Pater betrifft, so wurde er als Behüter und Segenspender 
ländlicher Grundstücke auch wohl neben dem Silvanus oder nach grie- 
chischer Weise in der Umgebung von Panisken und Priapisken sowie 
von Weinproducenten oder Weinhändlern als Patron der Vignen und 
Weinlager ^) in den Städten häufig als Symbol der bürgerlichen 
Freiheit verehrt, daher man sein Bild, wie das seines Gesellen, des 



als Gattio des Dis Pater, Libera als Tochter der Ceres gedacht, vgl. Cic. N. 
D. I], 26, 66. [Prosepnais (Gen.) steht auf eiaem Spiegel von Orbetello neben 
renos, Diovem: C. I. L. 1, 58 vgl. Ritschi Op. 4, 486. 506. 529, Pergeponas 
(Gen.) auf dem Stein von Corfinium (pälignisches Gedicht etwa ans sollanischer 
Zeit), wo auch die Semonen vorkommen (Gamnrrini, Appendice al ClI di 
Fabretti p. 84 vgl. Bncheler Rh. Mus. 33, 271 Bugge Altit. Studien S. 61 ff.). 
Proserpina, Prosepna gilt den einen als lateinisches, den andern als entlehntes 
Wort. Letztere Ansicht vertheidigt Jordan Krit. Beitr. S. 68 ff.] 

') Mommsen I. N. n. 5009 Libero Gratittiano [KalUmciano C. 1. L. 6, 463, 
Prodiano 466] n. 5984 (Or. 1487) ng, Lib, Patris et Süvani etc. unter einer 
Nische, in welcher die beiden Bilder standen, n. 4834 L. Octavius Charito 
operi faciundo praefuit et parietem supra arcus de suofedt, ngnum Liberi et 
Priapisci posuit. Eben dahin gehört die versificirte Inschrift aus Lambaese in 
Numidien b. Henzen z. Or. n. 5716 H C- '• L- 8, 2632, vgl. Ritschi Op. 4, 309]: 
Alfinio Fortunato \ Fisus dicere somnio \ Leiber Pater bimatus (ein Versehen 
des Steinmetzen für bimater [?]), | lovis e fulmine natus \ Basis hone novatio^ 
nem \ Genio domus sacrandam, | f^otum deo dicavi \ Praefectus ipse castris, \ 
Ades ergo cum Panisco — Memor hoc munere nostro \ Natis Sospite rruüre, \ 
Facias videre Romam \ Dominis munere honore \ Mactum coronatumque: wo 
Liber Pater eben der genius domus ist, dem Alf. Fort, in der Fremde Weib 
und Kind und seine eigne Rückkehr nach Rom anbefiehlt. [Liber Gott der 
Vignen: I{ovi) o(ptimo) m{aximo) C{apitolino?) et Libero patri viniarum con- 
servatori an den Ufern des Lago maggiore C. L L. 5, 5543; der Weinhändler: 
deo sancto Numini, deo magno Libero patri et adstatori et conserbatori h{uius) 
l{oci) coUiegii) Felabrensium Rom 6, 467 (das Velabrum ist Handelsplatz); 
coüegio Liberi patris et Mercurii negotianiium ceUarum mnariarum Novae et 
Arruntianae Caesaris n{ostri) Cinnamus u. s. w. v. J. 102 gefunden in den 
Trümmern dieser ceüae in Trastevere Bull. arch. com. 1878, 102 a. Notizie 
1878; 66, vgl. Jordan in Bursians Jahresber. 1879 S. 432.] 

4* 



52 SECHSTER ABSCHNITT. 

bekannten Silen Marsyas aus Kleinasien, nicht selten auf den 
Märkten fand, u. a. in Rom^). Die Hauptfeier des Liber und der 
444 Libera blieb immer die Zeit der Weinlese, welche durch ganz 
Italien mit grofser Lust und Ausgelassenheit begangen wurde und 
wie die Zeit der Erndte selbst in dem ernsten Rom die Geschäfte 
des Staates und der Gerichte regelmäfsig unterbrach^). Vornehme 
und geringe Leute pflegten sich den Freuden der Zeit zu über- 
lassen und namentlich ging es auf dem Lande immer sehr lustig 
zu, indem theils jene älteren Gebräuche ihr Recht behielten, auch 
Oscillen an den Bäumen aufgehängt und allerlei Mummenschanz ge- 
trieben und dazu als herkömmliches Opfer des Liber Pater Bocke 
geschlachtet wurden^). Auch beim Keltern und der Weinbereitung 
weihte derselbe Glaube das Geschäft, indem namentlich alle G^fafse, 
die Kelter, der Most durch eigene Opfer und Spenden zum Dienste 
des Liber und der Libera geheiligt wurden*). Andre Liberalien 



») Serv. V. A. III, 20, IV, 58, Schol. z. Hör. S. I, 6, 120 [nur das Schol. 
des Porf. ist brauchbar]. Als einen Gott der üppigen Freiheit bekränzte ihn 
Livia, die Tochter Augnsts, bei ihren nächtlichen Schwärmereien, s. Plin. XXI, 
8 f., Seneca d. Benef. VI, 32, Dio LV, 10. Das Bild dieses Marsyas sieht man 
auf den Münzen der g. Marcia und Vibia [und jetzt auf den auf dem Forum 
gefundenen und historische Scenen auf dem Forum darstellenden Reliefs aus 
der Zeit Trajans, genau mit dem Münzbilde übereinstimmend. S. die Litteratur 
bei Jordan in Bursians Jahresber. 1875, 725 (wo die topogr. Frage S. 755 ff. 
erörtert ist), vgl. Top. 2, 60. Dazu neuerdings Marucchi in der Zs. Gli stadi 
in Italia 1880 (3), 1 S. 678 tf.]. 

') Sowohl für den Senat als für die Gerichte brachten der September und 
October Ferien, s. Sueton Octav. 35, Minuc. Fol. Octav. c. 2, 3. Dafs auch die 
Städter und die vornehme Welt an diesen oft sehr ausgelassenen Freuden 
eifrig theilnahm, sieht man aus Tacit. Ann. XI, 31, Ael. Lampr. Heliog. 11, 
vgl. lul. Capitol. Anton. P. 11, Gell. JN. A. XX, 8. Für Campanien bestimmt 
das feriale Capuanum den 15. Octbr. zur Feier der Weinlese, und zwar soll 
dieses Fest am acherosischen See bei Cumä begangen werden. 

') Virg. Ge. II, 380 ff., wo der Dichter dio italischen Gebrauche der 
Weinlese aus Griechenland, speciell aus Attika ableitet, wie denn nachmals 
auch auf dem Lande die beiderseitigen Gebräuche sich immer mehr ausgeglichen 
haben mögen. So bleibt es zweifelhaft, ob die oscilla bei dieser Gelegenheit 
altherkömmlich oder Nachahmung der attischen aitoga waren, vgl. Serv. Philarg. 
und Prob. z. Virgil l. c. Fest. p. 194 oscillum. Der ganzen ländlichen Feier 
gedenkt auch Tibull. 11, 1, 55 ff., des Bocksopfers Varro r. r. I, 2, 19 u. A. 
Varro liebte es auch in seinen Satiren auf die Genüsse und Feste des Bacchus 
anzuspielen, s. den Preis des Weins b. Non. Marc. p. 28 v. coagulum und ib. 
p. 59 Homines rusticos in vindemia incondäa cantare, sarcinatrices in machinis, 

*) Paul. p. 319 Sacrima (oben S. 9, 1) p. 349 Suffimenta dicebant quae 



GERES, LIBER, LIBERA. 53 

wurden in Rom am 17. März mitten in der Zeit der Salierumzüge 
gefeiert, ein städtisches Fest, daher auch der bürgerliche Character 
überwog. Die gewöhnliche Opfergabe waren die sogenannten liba 
d. h. Opferkuchen von far, Honig und Oel, wie sie auch sonst dem 
Liber dargebracht wurden, offenbar wegen des gleichen Klangs mit 
seinem Namen. Durch die ganze Stadt wurde dieses Gebäck an 445 
jenem Tage von betagten Priesterinnen, die sich mit Epheu be- 
kränzten, feilgeboten, indem sie einen kleinen Opferheerd zum Opfer 
für den Käufer gleich bei sich hatten^); um sich den Gebrauch zu 
erklären, behauptete man dafs Liber die Libationen und den Honig 
und dessen richtigen Gebrauch erfunden und daher wohl gar seinen 
Namen bekommen habe. Ferner pflegte an diesem Feste den mann- 
haft gewordenen Jünglingen die sogenannte toga libera gegeben zu 
werden, wo also Liber wieder der Gott der Freiheit und des un- 
gehinderten Lebensgenusses ist^)» Eigne Spiele wurden an diesem 
Tage keineswegs aufgeführt, sondern es sind, wenn von ludi Libe- 
rales die Rede ist, die der Ceres im April zu verstehn, welche zu- 
gleich den engverbundnen beiden andern Göttern, dem Liber und 
der Libera galten^). Natürlich hat sich von allen diesen Festen 
das ländliche Fest der Weinlese am längsten erhalten. Noch in 
den letzten Zeiten des Heidenthums, ja als schon das Ghristenthum 
zur alleinigen Herrschaft gelangt war, Uefs es sich der Landmann 

faciehant ex faha milioque molito mulso sparso. Ea diis eo tempore dabantur, 
quo uvae calcatae prelo premehantur. Vgl. Colum. XII, 18, 4. [Münze Domi- 
tians V. J. 8S Eckhel 6, 387 = Cohen Dom. 305 sufifiiruenta) p(opulo) d{edit)]. 

>) Varro 1. 1. VI, 14, vgl. Kai. Maff. Farnes, z. 17. März und oben I, 363. 
üeber die ganze Feier Ovid F. III, 711 ff., vgl. Serv. V. A. VII, 109, Varro 
1. 1. VII, 44. 

^) Ovid vs. 777 Sive quod es Liber, vesUs quoque libera per te sumüur et 
vitae Uberioris iter. Vgl. Cic. ad Att. VI, 1, 12, IX, 9, 4. Die Jünglinge 
opferten auf dem Capitole, wo deshalb auch Liber sein Heiligthum hatte, 
Serv. V. £cl. IV, 50, Kai. Farnes. LIBERalia LIBERO IN CApitolio, vgl. 
TertuU. de Idolol. 16, Appian B. C. IV, 30 u. A. [Militärdiplom v. J. 70 
n. VI im C. I. L. 3 : ante Signum Lib(eri) patris.] Nach Tertull. Apol. 42 fanden 
auch öffentliche Schmause an den Liberalien statt, wenn hier nicht die Ceria- 
lien im April gemeint sind. Uebrigens pflegen die römischen Schriftsteller 
auch die griechischen Dionysien Liberalia zu nennen. 

^) Cic. Verr. II, 5, 14 ludos — Cereri Libero Liberaeque faeiundos, Serv. 
V. Ge. I, 7 quia eis templa srmul posita sunt et hidi simul eduntur. Vgl. 
Ovid. F. 111, 785. Ob diese Spiele später scenisch waren, wie die griechischen 
Dionysien, mufs dahin gestellt bleiben, s. Ritschi Parerga Plaut, p. 287, Mar- 
quardt Handb. d. R. Alt. IV, 309 [Verwaltung 3, 348.]. 



54 SECHSTER ABSCHNITT. 

SO wenig in Italien als in Griechenland nehmen, an diesen fröh- 
lichen Tagen der alten Götter zu gedenken und die alten toDu- 
thumlichen Lustbarkeiten so gut es ging zu wiederholen^). 

8. Di» Grqfse Mutter vom Ida. 

Schon hatte die Aeneassage mit ihrer Heimath am Ida und in 
446 dem benachbarten Phrygien die Römer längere Zeit gewöhnt diese 
Gegenden für ihre Verwandtschaft zu halten, als im zweiten punischen 
Kriege, der Zeit aufserordentlicher Prüfungen und auEserordentlicher 
Siege, die Sibyllinischen Bücher, als wieder einmal bedenkliche 
Prodigien zu sühnen waren, auch den wichtigsten und alt- 
einheimischen Gottesdienst jenes Ländergebiets nach Rom zu ver- 
pflanzen riethen (Liv. XXIX, 10 ff.). Man hatte in diesen Büchern 
den Spruch gefunden, wenn einmal ein ausländischer Feind in 
Italien eingefallen sein sollte, so würde dieser besiegt und ver- 
trieben werden können, sobald die idäische Mutter von Pessinus 
nach Rom gebracht sein werde, ein Rath welcher um so mehr 
Sensation machte, da gleichzeitig aus Delphi ein Spruch der Pythia 
mit der Yerheifsung eines noch glänzenderen Sieges eingegangen 
war. Es war nehmlich die Zeit wo Hasdrubal bei Sena geschlagen 
worden war (207 v. Chr.) und alle Welt sich mit dem Anschlage 
eines Angriffs in Afrika beschäftigte, den P. Scipio eben damals, 
im dreizehnten Jahre des Krieges vorbereitete. In Asien hatte Rom 
zwar noch keinen Bundesgenossen, aber dafür an Attalus einen sehr 
ergebenen Freund, dessen eignes Interesse ihn eng mit Rom ver- 
band. Sein Reich erstreckte sich von Mysien bis nach Phrygien, 
wo er die celtischen Galater bezwungen und sich gegen die Seleu- 
ciden behauptet hatte; daher Pessinus und seine Heiligthümer, die 
alte Metropole des weit und breit berühmten Dienstes der Grofsen 
Mutter, für deren würdige Ausstattung Attalus nach langer Ver- 



^) [WidmangeD späterer Zeit ao Liber Libera sind sehr selten (C. I. L. 3, 
3267. 5, 793. 8, 9016), Libera allein finde ich nur 8, 870 (?), Über oder Liber 
pater kommt überall vor (Nachtr. zu C. I. L. 3 in Epb. epigr. 4 S. 110, 356. 
S. 142, 488), aoch (obwohl selten) im Verein mit andern Göttern (über Silvanas 
oben), wie mit Isis und Serapis C. 1. L. 3, 29Ü3, den capitolinischen, Neptun, 
Diana cetensque dis das. 4363. Erwäbnenswerth: Libero [p]atri et Li[b]ere 
Herclia[n]is et Cervabus Romanus Aug{usti) n(ostri) et j4ur{eUa) Creste vo[L] 
posuerun[t] (Ampelum in Dacien 3, 1303).] 



MAGNA MATER IDAEA. 55 

nachlässigung gesorgt hatte ^), nur durch ihn zugänglich war. Also 
wurde im J. 205 eine stattliche Gesandtschaft an ihn geschickt, 
welche unterwegs in Delphi noch einmal eine günstige Auskunft 
und die Anweisung bekam, wenn sie die Göttin bis Rom gebracht 
hätte, sollte sie dafür sorgen dafs „der beste Mann in Rom'' ihr 
Wirth werde. Die Gesandten wurden in Pergamum sehr freundlich 
aufgenommen und von dem Könige selbst nach Pessinus geleitet, 
wo er ihnen wirklich den heiligen Stein, welcher bei den Ein- 
gebornen für die Grofse Mutter galt, aushändigte und mit sich nach 
Rom zu nehmen erlaubte. Es war, so beschreiben ihn spätere 
Schriftsteller, ein nicht grofser Stein, den man ohne Beschwerde 
in der Hand tragen konnte, von dunkler Farbe und eckiger Ober- 
fläche, der in Rom leicht zu sehen war, da er hier in seiner natür- 
lichen Gestalt, doch in Silber gefafst, das Gesicht des Idols bildete ^) : 447 
also wahrscheinlich ein Meteorstein wie der angeblich von Kronos 
ausgespieene, von dem schon bei Hesiod die Rede ist. Kaum hatten 
die Römer dieses Heiligthum in ihrer Gewalt, so eilte einer der 
Gesandten voraus mit der glücklichen Botschaft und dem Auftrage 
jenen „besten Mann'' ausfindig zu machen. Im nächsten Jahre, 
204, demselben wo Scipio wirklich von Sicilien nach Afrika über- 
setzte, gelangte der Transport zur See bis Tarracina. P. Scipio 
mit dem Beinamen Nasica, ein Sohn des in Spanien gefallenen Cn. 
Scipio und Vetter des Scipio, auf welchen eben alle Augen gerichtet 
waren, ein junger Mann, der noch nicht einmal die Quästur be- 
kleidet hatte, war inzwischen vom Senate für den besten Bürger 
erklärt worden. Also ging dieser mit allen Matronen der Göttin 
bis Ostia entgegen, nahm den Stein bei der äufsern Rhede, da das 
Schifi* bei dem damaligen Zustande der Tibermündung nicht weiter 
gelangen konnte, in Empfang und brachte ihn ans Ufer"), worauf 

^) Strabo XII p. 567. Aach unter der römischen Herrschaft blieb Pessinus 
sehr angesehn, s. Val. Max. 1, 1, 1, vgl. C. I. Gr. n. 4039. 

•) Arnob. VII, 49, vgl. Prudent. Martyr. Rom. 206 nigeUtis lapis evehendüs 
essedo muliebris oris clausus argenio sedeL Herodian I, 11 nennt ihn ein 
ayuXfJia ^loneiig. Vgl. auch Claadian d. rapt. Proserp. I, 200 ff. Das alte 
Bild existirte noch zur Zeit des Theodosius, Zosim. V, 33. [lieber die bild- 
lichen Darstellungen unten.] 

') Inschriften erwähnen wiederholt eine Mater Denm Magna Portus Augusti 
et Traiani, welche wahrscheinlich eben so alt als die in Rom ist, s. m. Abh. 
über Ostia in den Leipz.Ber. 1849 S. 19 und den Sarcophag aus Ostia mit der 
Inschr. Sacerdotes M. D, M, bei Gerhard Antike Bildw. t. XXVIII, Bullet. 
Archeol. 1849 p. 101—103. 



56 SECHSTER ABSCHNITT. 

ihn die ersten Matronen der Stadt, unter ihnen Claudia Quinta 
(deren bis dahin bedenklicher Ruf durch die Theilnahme an diesem 
Dienste für immer gereinigt wurde), in ihren Händen hinauf bis 
nach Rom trugen, eine nach der andern eintretend. Die ganze 
Stadt kam ihnen entgegen und in allen Strafsen, durch welche der 
Zug ging, waren Räucherbecken vor die Thüren gesetzt, auf denen 
der Weihrauch dampfte; und überall betete man, dafs die hehre 
Göttin die Stadt in Huld und Gnade betreten wolle. Und wirklich 
wurde so viel Glaube durch die Ereignisse gerechtfertigt'): die 
Erde trug gleich in dem Jahre der Ankunft eine reichere Erndte 
als in den letzten zehn, und Hannibal mufste bald darauf (203) 
Itahen räumen, worauf er im folgenden Jahre bei Zama geschlagen 
und der Krieg mit Phihpp von Macedonien gleichfalls nach wenigen 
Jahren durch den Sieg bei Kynoskephalä beendigt wurde. So 
ist diese Ankunft der Grofsen Mutter vom Ida, wie sie gewöhn- 
448 lieh heifst (Magna Mater Idaea) , gleichsam ein Markstein zwischen 
zwei verschiednen Epochen, indem Rom und sein Gottesdienst sich 
von jetzt an immer mehr an das Ausland und den hellenisirten 
Osten verlor, wie dieser phrygische Gottesdienst mit seinem aus- 
ländischen Wesen und seinem abergläubischen Anhange schon selbst 
entschieden zu der Klasse asiatischer Religionen gehörte, die von 
nun an immer eifriger nach Rom drängten. In Rom erfreute er 
sich vorzüglich bei der Nobilität eines sehr ergebenen Anhangs, da- 
her auch der Cultus gleich mit besonderm Pompe eingerichtet 
wurde. Zunächst gab es einen allgemeinen Festtag am 10. April, 
an welchem Tage der Stein auf das Palatium gelangte und dort 
vorläufig in dem Tempel der alten Palatinischen Victoria (I, 405) 
untergebracht wurde. Von allen Seiten wurden fromme Gaben 
gespendet; auch wurden ein Lectisternium und Spiele veranstaltet, 
welche man nach dem Vorgange der Griechen und des Gottes- 
dienstes in Pergamum Megalensia (von ^eydXfj ^ijtfjQ) nannte^). 

1) Plin. H. N. XVin, 16, Arnob. VII, 49. 

*) Varro 1. 1. VI, 15 Megalesia, dicta a Graecü, quod ex librü SibylUnü 
accersita ab Attalo rege Pergama. ibi prope murum Megaletion est {in F) 
templum eins deae, unde advecta Romam. [So ist wohl im Anschlufs aa F zu 
schreiben: kürzer Präii. Kai. 4. April ludi M{atris) D(eum) M{agnae) Hdaeae 
Megalensia vocantur quod ea dea Migale (so) appellatur.] Also wurde das 
Bild voa Pessinus zuerst nach Pessinus gebracht und dort bis zur Abfahrt 
nach Rom in dem Megalesion deponirt. Andre schreiben Megalensia und ludi 
Megalenses, [Megalensia der Prän. Kai. a. 0., ludis Megalensibtis die Didasc. 



MAGNA MATER IDAEA. 57 

Zugleich >vurde noch in demselben Jahre 204 der Bau eines eignen 
Tempels in Angriff genommen (Liv. XXIX, 37) und zehn Jahre 
darauf die Einrichtung getroffen, dafs die Megalesien auch durch 
scenische Spiele gefeiert werden sollten, welche eben damals durch 
Plautus, Ennius und andre Dichter alle Gebildeten immer mehr 
anzogen. Die curulischen Aedilen, welche diese Spiele veranstal- 
teten, waren dieselben welche bei den Römischen Spielen im Sep- 
tember desselben Jahres dem Senate zuerst, und zwar auf Veran- 
lassung des Scipio, des Siegers über Hannibal, abgesonderte Plätze 
anwiesen: ein Ereignifs welches in der Geschichte der römischen 
Stände Epoche machte und von weniger genauen Schriftstellern auf 
die Megalesien übertragen wird^). EndUch im J. 191 erfolgte die 
Einweihung des Tempels, natürlich wieder mit Spielen, auch mit 
scenischen, bei denen unter andern Stücken der Pseudolus des 
Plautus zur Aufführung kam*). Der Tempel lag nicht weit von 
dem des Palatinischen Apollo und wurde, wiederholt abgebrannt, 449 
wiederholt hergestellt, u. a. von Augustus. 

Dieses ist der einfachere Bericht des Livius; dahingegen die 
Erzählung bei späteren Schriftstellern, namentlich bei Ovid F. IV, 
247 schon ganz in dem Character der Legende auftritt. Die Göt- 
termutter erscheint hier als eine dem Aeneas und durch ihn der 
römischen Nobilität sehr nahe stehende Göttin, welche beinahe 
schon mit dem Aeneas nach Rom gekommen wäre; da es aber 
damals noch nicht an der Zeit war, hat sie ihm wenigstens von 
ihren heiligen Fichten zum Bau seiner Schiffe überlassen und die- 
selben dadurch vor jedem Unfall gesichert (Virg. Aen. IX, 80 ff.). 
Hernach als die Römer kommen um „die Mutter'' zu holen, weigert 
sich zwar Attalus das Bild herzugeben, aber die Erde erbebt und 
aus dem Heiligthum ertönt eine Stimme, die Göttin selbst habe es 
so gefagt und Rom sei würdig alle Götter in seinen Mauern zu 
versammeln. Also wird wieder ein Schiff aus den heiligen Fichten 
gezimmert, diesmal um die grofse Göttin selbst „nach Rom'' zu 
tragen. Als dieses Schiff bei Ostia anlangt, eilt alles Volk, die 

Ter. Eun. Heaut. Pbor. Hec; Cicero schrieb nach Vel. Loof^us Gramm, lat. 
7, 79 Mefftüesia, aber dies sei elegantia eruditorum: demnach ist die Schreibaog 
mit n die althergebrachte, ofßcielle.] 

>) Liv. XXXIV, 64, vgl. Val. Max. II, 4, 3, Cic. de bamsp. resp. 12, 24. 

') Liv. XXXVI, 36, Madvig Opasc. Acad. p. 102 sq., Ritscbl Parerga Plaut. 
293 ff., vgl. Friedländer bei Marquardt Haadb. d. R. Alt. IV, 524 [Verw. 3, 
480] und über den Tempel Becker ib. I, 421. 



58 SECHSTER ABSCHNITT. 

Ritter, der Senat ihm entgegen, auch die Frauen und Jungfrauen, 
unter ihnen die Vestalinnen. Man beginnt das Schilf stromaufwärts 
zu ziehn; da bleibt es in der Hündung stecken und keine Gewalt 
vermag es von der Stelle zu bringen. Nun tritt Claudia Quinta 
hervor, so schön als adlig, doch war sie wegen der zierlichen Wahl 
ihres Anzugs uud ihrer freien Zunge ins Gerede der Leute ge- 
kommen. Sie betet vor allem Volk daüs die Göttin ihr folgen 
möge, so wahr sie keusches Sinnes sei, und zieht dann mit leichtem 
Ruck das Schiff von der Stelle: ein oft beschriebener Vorfall, 
welcher mit der Zeit sogar auf die Bühne kam und in Bildwerken 
verewigt wurde; ja die unheilige Claudia, ursprünglich eine vornehme 
Dame von üblem Ruf, ist darüber zur Vestalin und gar zu einer 
Heiligen geworden, zu welcher die Schiffer um Schutz für ihre von 
der Tibermündung bis zur Stadt durch mehr als eine Gefahr be- 
drohten Schiffe beteten^). Mit lautem Jubel wird jenes geweihte 



^) Cic. pro Caelio 14, 34, Saetoo Tib. 2, Val. Max. I, 8, 11, welcher von 
einer Statue der Claudia in der Vorhalle des T. der Grofsen Mutter erzahlt, 
die zweimal beim Brande verschont geblieben, vgl. Tacit. Ann. IV, 64, Sil. 
Ital. Pnn. XVII, 1 — 47, Herodian I, 11, Macrob. II, 5,4, lulian in Matr. Deor. 
or. V p. 159 Spanh., wo Claudia das Schiff an ihrem Gürtel zieht. Julian fügt 
hinzu dafs der ganze Vorfall oft beschrieben sei p. 161^ aa^oiutva Sk xal 
inl xaXxcSv eixovtov iv r^ XQuiiarrj xal S-€0(f>iX€l Pcifirj, Noch vorhandoe 
Bilder citirt Zoega Bassiril. 1 p. 89. 90, vgl. das bekannte Relief einer am 
Tiber unter dem Aventin, wo der Hafen fdr die Flnfsschiffahrt bis zur Stadt 
war, gefondnen Ära mit der loschrift [C. I. L. 6, 492] matrt detim et navi salviae 
[so getrennt] | salviae [dies aus Versehen wiederholt?] voto suscepto | Claudia 
Syntycke d. d. bei Wieseler Denkm. d. A. K. II t. LXIII, 816 und die gleich- 
artige b. Or. n. 1906 [das. 493] navi salviae [Ponkt] ei \ matri deu{m) d, d, 
Claudia Sinty[che\ [endlich das. 494 matri deum \ et navi salviae [Punkt] | Q. 
Nunnius | Telephiis magiister) \ col{leffii} cult6(rum) eius | d. s. d. d.], wo diese 
neben der M. D. verehrte Navisalvia nach der wahrscheinlichsten Erklärung 
eben diese im Munde des Volks zu einer Schutzpatronin der Tiberschiffahrt 
gewordne Claudia ist. [Die Interpunktion der Inschriften schliefst zwar die 
Lesung Navisalviae nicht geradezu ans, spricht aber eher für navi salviae und 
Mommsen (zu C. I. L. 6 a. 0.) meint, es könne nicht an eine Vergötterung der 
Frau gedacht werden: allein andrerseits ist eine Vergötterung des Schiffes 
kaum weniger anstöfsig; dazu kommt, dafs 492. 493 von einer Claudia, 
einer Gentilin der Vestalin, gesetzt sind. Ist das Schiff gemeint, so kann, da 
salvius kein Wort ist, navisalvia nur als Compositum im Sinne von navis sal- 
vans gelten, wie bei Catull salisubsili für saUi subsilientes, — Das Schiff, die 
Göttermutter zwischen zwei Löwen tragend, ist abgebildet auf zwei identischen 
Antefixen, von denen das eine am Tiber bei S. Lorenzo, das andere (im 



MAGNA MATER IDAEA. 59 

Schilf dann weiter gebracht bis zur Tiberkrummung^), wo man 450 
Nachtruhe hält. Am andern Morgen wird geopfert und darauf das 
Schilf bekränzt und bis zu der Stelle gezogen, wo der Almo in den 
Tiber mündet. Da wäscht ein ehrwürdiger Priester die Göttin und 
ihre Heiligthümer mit dem Wasser des fortan zu ihrem Dienste 
geweihten Bachs, während ihre phrygischen Begleiter mit wildem 
Geheul und unter den grellen Tönen ihrer einheimischen Flöten 
sich den Rücken blutig geifseln. Wieder setzt sich der Zug in 
Bewegung, durch die p. Capena in die Stadt, Claudia voran, die 
Göttin folgt auf ihrem Wagen, der von allen Seiten mit Blumen 
überschüttet wird. Scipio Nasica empfangt sie nach dieser Erzäh- 
lung erst in der Stadt. 

Der Gultus dieser Göttin wurde im Wesentlichen so einge- 
richtet, wie er sich in dem hellenistischen Zeitalter gestaltet hatte, 
nur dafs man in Rom damals noch allen zu heftigen Fanatismus 
ausschloijs und auch von der entsprechenden Mythologie in dem 
schwülstigen kleinasiatischen Geschmacke nichts wissen mochte. 
Den Gottesdienst besorgte ein Priester und eine Priesterin phry- 
gischer Abkunft, welche mit ihrem Anhange, den verschnittenen 
Gallen^), jährlich einen Umzug durch die Stadt hielten, wobei sie 
nach herkömmlicher Weise „für die Mutter** sammelten ((A^vQa- 
yvQTOvvzsg) und kleine Bilder an der Brust hängen hatten, während 
<)as Gefolge zur phrygischen Flöte allerlei heilige Lieder „von der 
Mutter** {tu fjbfjTQMa fi^Xfj) sangen und dazu weidlich ihre Hand- 
pauken erschallen liefsen. Den eingebomen Römern war jede Theil- 
nahme an solchen Aufzügen mit der Flöte und in bunter Tracht 
und überhaupt an allem phrygischen Orgiasmus verboten; auch 
wurden alle heiligen Gesänge dieses Cultus nur in griechischer 
Sprache vorgetragen. Vollends die verschnittenen Bettelpriester 
blieben in Rom, wie früher in Athen, etwas Verächtliches, obschon i^ 
sie mit ihrem Aberglauben an wunderthätige Bilder, Amulets, Reli- 
quien, Sühnungen und Heilungen unter der schon sehr gemischten 

Besitz von Jordan) bei S. Urbano gefanden ist. G. L. Visconti Annali 1867, 
296 ff. tav. d'ügg. S] 

^) Ovid Ys. 329 Fluminis ad flexum veniunt, Tiherina priores atria 
äixeruntf unde nnister abit, 

*) Dieser Name ist nach Ovid F. IV, 363 und Herodiao I, 11 von einem 
Flasse Gallas in der Nähe von Pessinns abzuleiten, dessen Wasser eine auf- 
regende Wirkung hatte. Daher das Zeitwort gallare i. q. bacchari, Varro b. 
Non. Marc. p. 119 [Sat fr. 150 Buch.]. 



60 SECHSTER ABSCHNITT. 

Stadtbevölkerung bald Anhang fanden^). Dahingegen für die vor- 
nehmen Römer die Hauptsache bei diesem Gottesdienste die soge- 
nannten mutitationes und die Megalesischen Spiele waren. Jene 
waren Gastereien, mit welchen sich die Nobiles zum Andenken an 
den Heimathswechsel der Göttin gegenseitig bewirtheten .^) , wie die 
Plebejer dasselbe an den unmittelbar auf die Megalesien folgenden 
Cerealien zu thun pflegten. Gleich in dem Jahre ihrer Ankunft in 
Rom hatten sich für diesen Zweck eigne Sodah taten gebildet; deren 
Theilnehmer auf gemeinschaftliche Kosten schmausten, anfangs ein- 
fach, aber bald wurden diese Tafelfreuden zu Ehren der Götter- 
mutter so luxuriös, dafs „die Häupter des Staats'' sich nach einem 
Senatsbeschlusse vom J. 161 v. Chr. durch einen eignen Eid vor 
den Consuln verpflichten mufsten, in dem Aufwände für diese 
Mahlzeiten nicht über ein gewisses Maafs hlnauszugehn^). Die 
Spiele, über welche der Prätor die Aufsicht führte^), waren nach 
wie vor theils scenische theils circensische und wurden nach den 
Kalendern vom 4. bis 10. April gefeiert, als die ersten im neuen 
Jahre mit um so lebhafterer Theilnahme. Am 10. feierte der 
Circus die Grofse Mutter, welche deshalb auch unter den Circen- 
sischen Gottheiten die hervorragende Stelle einnahm, welche ihr 
nach den herkömmlichen Genealogieen der Götterwelt vor allen 
übrigen Göttern zukam '^). 



^) Cic. de Leg. II 16, 40 Stipem (äyeQ^ov) sustulimus nisi eam, quam ad 
paucos dies propriam Idaeae Matrig excepimus. Implet entm superstüione 
animos et exhaurit domus. Vgl. Dionys. II, 19 u. Serv. V. Ge. 11, 394 Hymni 
Matris Deum ubique propriam i. e. graecam Ungitam requirunt. Ein eigen- 
thümliches Opfer der M. D. war das s. g. moretam, ein Gemisch von Milch 
und Kräutern, Ovid F. IV, 367 ff. 

2) Verr. Flacc. F. Praen. z. 4. April, vgl. Ovid F. IV, 352. 

3) Cato b. Cic. d. Senect. 13, 45, vgl. Gellius N. A. II, 24, 2; XVUI, 2, 11. 
Die Dichter der Volkskomödie benutzten diese Schmause zu lustigen Genre- 
bildern, s. Com. latin. reliq. ed. Ribbeck p. 138. 163. 

*) Dionys. a. a. 0., Martial. X, 41, 4. 

^) Tertall. de Spectac. 8 praesidet euripo. Die Bilder vom Circus zeigen 
sie auf einem Löwen sitzend in der Nähe des Obelisken [s. Hübner Annali 
1863, 160 f. Zangemeister das. 1870, 252 f. Sie trägt die Mauerkrone.] Sonst 
pflegte sie in Rom wie bei den Griechen auf einem von zwei Löwen gezogenen 
Wagen abgebildet zu werden, z. B. auf der M. der Familie Volteia [Mommsen 
Münzw. S. 620 f. : vgl. die oben a. Bildwerke]. 



SIEBEUTER ABSCHNITT. 



Unterwelt and Todtendienst. 



Die Vorstellungen von der Unterwelt scheinen wie bemerkt im 452 
alten Italien denen der ältesten Griechen sehr ähnlich gewesen zu 
sein. Die Erde ist zugleich der Schoofs der Saaten und der Ver- 
storbenen, daher der Glaube an UnsterbUchkeit und der gesammte 
Todtendienst sich vorzüglich in diesem Kreise, bei den Griechen in 
dem der chthonischen Götter entwickelt hat. In Italien sind es 
Tellus, Terra Mater, Ceres, Dis Pater [in ältester Zeit 
wohl auch Saturn, oben S. 10] u. A., welche deren Stelle ver- 
treten; namentlich erscheint die Erdgöttin unter verschiedenen Ge- 
stalten als Mater Lärum d. h. als die Mutter aller guten Geister, 
darunter auch der Manen d. h. der durch den Tod Verklärten, 
welche sich bei ihr befinden. Die poetische Ausmalung und Aus- 
führung der Unterwelt mit ihren Flüssen, ihren Strafen und Bese- 
ligungen, ist ganz die der griechischen Mythologie. Desto eigen- 
thümlicher waren in Rom die verschiedenen Gebräuche und Feste 
der Todtenbestattung und der Allerseelenfeier. Sie wurden um so 
sorgfaltiger beobachtet und gehören um so mehr in unsern Kreis, 
weil nach dem allgemein verbreiteten Glauben der Alten solche 
Beobachtungen nicht blos den Verstorbenen, sondern auch den 
unterirdischen Göttern galten, bei denen sich jene befinden: so 
dafs der Zustand der Seelen bei diesen Göttern unter der Erde 
wesenthch davon abhängt, wie diese letzteren von den Angehörigen 
auf der Erde verehrt werden. 



62 SIEBENTER ABSCHNITT. 



1. Die Unterwelt und ihre Götter. 



Auch hier glaubte man an männliche und weibliche Götter, 
von denen die männlichen, Orcus und Dis Pater, mehr als 
468 vollziehende Mächte des Todes und Könige des unterirdischen 
Reiches erscheinen, die weiblichen dagegen, Lara, Larunda, 
Mater Larum, Mania u. s. w. als mütterUche Pflegerinnen. 
Dabei ist die populäre Vorstellung natürlich eine düstere, beängstigte, 
die Farbe dieser Götter die der dunklen Nacht, das ihnen Geheiligte 
an Laub und Thieren von gleicher Farbe und unfruchtbar^), der 
Glaube an Geisterspuk und allerlei schreckliche Erscheinung hier 
am meisten ausgebildet. Indessen beweisen manche vereinzelte 
Reste alten Glaubens, z. B. die Gestalt der Acca Larentia und des 
Consus, auch die der Tellus und Ceres, sofern sie zugleich Acker- 
und Unterweltsgottheiten waren, dafs auch hier die düstre Seite 
der Unterwelt keineswegs die einzige war, dafs auch hier die Brust 
des Landmanns, wenn er seine Saaten bestellte, zugleich von banger 
Furcht und von tröstender Hoffnung bewegt wurde. 

Von den beiden männlichen Todesgöttern scheint Orcus den 
populären Glauben am meisten beschäftigt zu haben; wenigstens 
wird er bei Dichtem und populären Veranlassungen weit häufiger 
genannt als Dis Pater ^), auch schliejjsen sich die verschiedenen 
bildlichen Anschauungen, die man mit dem Gedanken an den Tod 
und die Macht des Todes zu verbinden pflegte, gewöhnlich an seinen 
Namen an. Verrius Flaccus leitete den Namen von urgere ab, 
dagegen die neuere Etymologie bei Orcus gewöhnlich an das grie- 
chische §Qxog in der Bedeutung eines Verschlusses denkt ^). Und 



^) Vgl. Paul. p. 93 furtum bovem, die Erklärnog des Begriffs der arbores 
infelices bei Macrob. S. III, 20, 2 und obeo I, 52. Selbst die Bedeatong der 
Zeichen war bei diesen Göttern die umgekehrte, s. Sueton Otho 8 et victima 
Diti Patri litavity cum tali sacrificio contraria exta potiora sint 

*) Vgl. die Orcini liberti d. h. solche, die durch das Testament ihres- 
Herrn die Freiheit bekommen [die Stellen in Dirksens Manuale], und die Orcini 
senatores bei Suet. Octav. 35, auch die Orci nuptiae S. 439, 4, vgl. Cic. Verr. 
n, 4, 50, 111 ut Ferres alter Orcus venisse Ennam, ei non Proterpinam aspor^ 
tasse, ted ipsam abripuisse Cererem videretur. So ist Orcus auch bei Plautns 
und in den Fragmenten der Komiker der gewöhnliche ?}ame für den Todes- 
gott. [Unten S. 454.] 

') Fest. p. 202 Orcum quem dicimus ait Ferrius ah antiquis dictum Ur^ 
gum (uragum überliefert?), quod et u lüterae sonum per o efferelnrnt, per 



DIE UNTERWELT UND IHRE GÖTTER. 63 

aUerdings dachte man sich auch in Rom das Reich des Todes wie 
einen solchen , und die berühmte „Pforte des Todes" ist wie bei ^^ 
den Griechen und auf so vielen Kunstdenkmälern, so auch oft 
genug im Hunde der römischen Dichter und Schriftsteller^). In- 
dessen findet sich daneben die Vorstellung von einer Schatzkammer 
des Orcus, in die er wie ein Schnitter seine Erndte einheimst'), 
und es scheint wohl als ob diese Anschauung, wie sie dem Bilder- 
kreise der agrarischen Götter und der ländlichen Bevölkerung näher 
lag, so auch die ältere gewesen sei. Auch wird Orcus gleich dem 
griechischen Aides durchweg als der persönliche Todesgott ge- 



c lüterae /ormam nihilominus g usurpabant sed nihil affert exemplo- 
rnm ut ita esse credamusy nisi quod is deus maxime nos urgeat. 
[So die 'schedae Laeti'. Also ist klar, dafs Urgum gelesen werden mufs und 
dafs Preller irrte, wenn er hier anf die von Ritschi behandelte Epenthese eines 
Vocals in Aesculapius u. s. w. zur Stütze von Vragus hinwies. Anders Varro, 
der 1. 1. V, 66 wahrscheinlich schrieb: idetn hie (?) Dis Pater (diespater F) 
infimus (vgl. Ditis inferi specus C. I. L. 3, 2197), qui est coniunctus terrae 
ubi omnia oriuntur vel (so Jordan: vi F) aboriuntur, quorum quod finis or- 
tum (so F, d. h. ortuum, Madvig Adv. 2, 167), Orcus dictus. Beides sind 
verfehlte Versuche. Zunächst kommt wohl sicher von orcus wie das Adjectiv 
orcinus (S. 62, 2) so der Geschlechtsname Orcivius (nicht verschieden Orcevius, 
Orcüius), dieser aber wird alt und correct so, erst in späteren Inschriften 
Orchivius geschrieben (Pränestin. Grabschriften C. 1. L. Bd. 1, Eph. epigr. Bd. 1, 
andere G. I. L. 5, Gic. orator 48, 160: spätere Orchivii z. B. G. I. L. Bd. 3 u. 8), 
daher auch orcus als die ursprüngliche Form anzusehen, orchus als eine schon 
in der Zeit Giceros übliche vulgäre, von den Grammatikern theils gebilligte, 
theils verworfene Nebenform (vgl. Brambach Neugestaltung d. lat. Orth. 287 f., 
Röscher in Gortius' Studien 2, 1 52), welche sich auch in der hs. Überlieferung 
hie und da erhalten hat {horcus hat der Palimpsest Plaut. Epid. 176, orchus 
der Vetus As. 606 Most. 499 Hss. des Gellius 24, 2). Dies auch von den 
alten Gramm, gewöhnlich als ursprünglich lateinisch anerkannte Wort kann 
wohl mit arc-y dessen Begriff {arc-a, are-eo, arc-s, arc-anus) pafst, zusammen- 
hängen. Wegen des seltenen Umlauts vgl. lat. iong-ere mit osk. tang-inom 
und Jordan Krit. Beitr. S. 85. Abzuweisen ist die beliebte Annahme der Ent- 
lehnung von griech. oq^os wie die Verwandtschaft mit i^xog.] 

^) Plaut. Bacch. III, 1, 1 «s 367 Pandite atque aperite propere ianuam hanc 
OrcL Lucret III, 67 leti portae, V, 373 leti ianua, [Daher sein Haus, eine 
regia (Appul. Met. VI, 18), vestibulum und fauces hat wie ein Privathaus, 
Gell. XVI, 5, 12]. Laberius p. 249 Ribb. ToUat bona fide vos Orcus nudas in 
catonium, wo zu schreiben ist catomium d. h. ergastulum. 

') L. Attius p. 124 Ribb. Orot messis. Vgl. die Grabschrift des Naevius 
[doch s. Jahn Hermes 2, 243] für sich selbst bei Gell. N. A. I, 24 postquam 
est Orci traditus thesauro, Ennius Iphig. p. 124 Vahlen: Acherontem nunc 
obibo, ubi Mortis thesauri obiaceni» 



64 SIEBENTER ABSCHNITT. 

dacht ^), bald unter sanfteren bald unter schrecklicheren Bildern. Bald 
erscheint er wie ein bewaffneter Streiter, der dem Sterbenden die tödt- 
liche Wunde beigebracht hat oder ihn schnellen Laufes von hinten 
ereilt und lähmt*), bald wie einer der in der Stille seinen Umgang 
hält und zuletzt überall eintritt*), dann wieder wie einer der dem 
Leichenzuge vorangeht^), oder wie ein nächtlicher Dämon mit seinen 
dunklen Fittigen dahinrauschend '^) , oder wie der allgemeine Be- 
ruhiger, der alle Menschen endlich zur Ruhe bringt, indem er sie 
in sein Reich der „Stillen" oder der „Schweigenden" einfuhrt, wie 
man die Verstorbenen im populären Sprachgebrauche nicht selten 
466 nannte*). Mithin scheint Orcus für den eigentlichen vollziehenden 
Gott des Todes gegolten zu haben, Dis Pater oder Ditis Pater ^) 
dagegen für den Fürsten der Unterwelt im Sinne der griechischen 



>) [Er ist es, der ^cheruntem oder ad se mortuos recipit (Plaat. Most. 
499. Pseud. 795: wie dei Manes receperunt C. I. L. 2, 2255) oder ab ^che- 
runte omütü Poen. I, 2, 131 oder remittü Lucil. Sat. I, 12 M., dem man sacru^ 
ficat (Plaut. Epid. 175).] 

3) EddIos Aqd. 540 me gravis impetus Orci pertudit in latus, Horat. Od. 
III, 2, 14 Mors et fugacem persequitur virum nee parcit poplüibus, Petron. 
S. 62 erat autem miles fortis tanquam Orcus, 

<) Horat. Od. I 4, 13 paÜida Mors aequo pulsat pede pauperum tabemas 
regumque turres. 

^) Der Atellaoeodichter bei Säet. Ner. 39 Orcus vobis ducit pedes. \gl. 
Plin. H. N. VII, 46 intu naturae hominem capüe gigni mos est^ pedibus efferri, 

^) Horat. S. H, 1, 58 seu Mors atris circumvolat alis. Od. II, 17, 22 te 
lovis impio tutela Saturno refulgens eripuit volucrisque Fati tardavit alas. 
Grat. Fal. Cyoeg. 347 Stat Fatum supra totumque avidissimus Orcus pascitur 
et nigris orbem circumsonat alis. [UDten S. 564.] Vgl. Eurip. Ale. 262 tttc- 
Qwrbg "Aidag, 

^) Fest. p. 257 Quietalis ab antiquis dicebatur Orcus. Vgl. taciti 
Manes bei Ovid F. V, 422 Animae silentum ib. vs. 483. Virg. Aon. VI, 
264 Umbrae silentes. Lucan. III, 29 regesque silentum permisere sequi, 
€iaudian io Rufin. I, 125 ubi fertur Ulixes sanguine libato populum movisse 
silentem. 

^) Auch diese Form ist nicht selten, s. Muncker z. Hygin. XLI p. 735, 
iQtpp. z. Petron. 120, Oehler z. Tertull. ad Nat. I, 10 p. 331. [Vgl. Neue 1«, 
182 f. Der Nominativ kommt überhaupt sehr selten vor, inschriftlich vielleicht 
nur Dis pater io der flg. S. A. 2 a. späten Wandinschrift (so auch die hs. Überl. 
in der Formel bei Marcro. S. III, 9, 10), dagegen Voc. Dite in der nicht alten 
Verwünschung C I. L. 1, 188. Nom. Ditis ist durch den Vers gesichert bei 
Petron. Sat. 120 V. 76, bei Tibuli III, 3,38 ist es falsche Conjectur, in ande- 
ren Stellen, wie Quiot. I, 6, 34, wäre doch ein Zweifel an der Richtigkeit der 
hs. Uberl. (ditis) erlaubt, über die Etymologie unten.] 



DIE UNTERWELT UND IHRE GÖTTER. 65 

Vorstellung, also auch für den Gemahl der Proserpina, die in den 
Grabschriften meist neben ihm genannt wird^); ja bis in die An- 
fange des Christenthums ziehen sich diese bald ruhrenden bald 
schreckenden Bilder der griechischen Unterwelt hinüber, so sehr 
hatte sich die gemeine Vorstellung in sie eingelebt^). Der Name 
Dis Pater wird gewöhnlich erklärt wie Dives, so dafs er dem grie- 
chischen IJXovTwv entsprechen würde ^). 



^) Auch Plutoni et Proserpinae kommt vor [Or. 1472], desgleichen Plutoni 
et Cereri bei Henzen z. Or. n. 5711 [= C. I. L. 8, 8442]. Vgl. Lucao. I, 455' 
tacäas Erebi sedes Düisque profundi palUda regna. [Steine Diti patri sind 
selten: CLL. 6, 137—139. 5, 773. 3725; die gracisirenden Verbindungen 
und Substitutionen {Plutoni et Cereri) häufig wohl nur in Africa: C. I. L. 8 
p. 1084.] 

') Sehr merkwürdig sind in dieser Hinsicht die beiden Bilder aus Rom bei 
Perret Catacombes de Rome Vol. I pl. LXXII. LXXIII [in einem mit den Ka- 
takomben des Prätextatus in Verbindung stehenden Grabgewölbe, s. jetzt G. 1. L. 
6, 142]. Auf dem einen ist die abreptio Vibies et descensio wie der 
Raub der Proserpina vorgestellt, auf dem andern das Urtheil über die ver- 
storbene Vibia vor dem Throne des Dis Pater und der Abra Cnra d. i. 
äßQ« xovQttf welchem zur R. die Fata Divina stehen d. h. die drei Parcen, 
ganz verhüllte Gestalten, zur L. Vibia geführt von der Alcestis, der Heroine 
der Gattenliebe, und dem Mercurius Nuntius, welcher für sie zu dem 
thronenden Paare spricht. [Doch erkannten Mommsen und De Rossi, dass statt 
ABRACVRA mindestens ebensogut AERECVRA gelesen werden kann und dals 
dies gelesen werden mufs, zeigt Mommsen |Arch. Auz. 1865, 88: vgl. [Diti 
patr]i et ^ere Curae (die besten Abschrr. haben Interpunktion) C. I. L. 5, 
725; Diti patri sacr(uin) — Erae sacr(um) (verloren) das. 8970»; D{iti) P{atri) 
et ^e(recurae) das. 3, 4395; Herae sacr{um) das. 5, 8126; Haerae dominae 
das. 8200; Terrae Matri Aere Curae (Interpunktion) Matri deum vnagnae 
Ideae das. 8, 5526; Etymologie und Herkunft dieser Aera Cura (oder ^era- 
curat) bleiben unsicher: fremd ist sie jedenfalls.] 

») Cic. JN. D. II, 26, 66. Anders Varro 1. 1. V, 66. [Viehnehr führt Varro 
wie dives (§ 92) so auch Dis auf die Wurzel von divus zurück, halt also 
unzweifelhaft beide Wörter für identisch. Dasselbe that Lygdamus (Tibnll 
III, 3, 38, wo das überlieferte me vocet in vastos amnes nigramque pcUudem 
dives in ignava luridus Orcus aqua zu halten, die Änderung Däis jedenfalls 
unzulässig ist. — Die Identität von Dis, dives ist sicher: die contrahirten und 
vollen Formen sind in den Casus und in der Comparation (vgl. auch plautini- 
sehe ditiae) gewifs ursprünglich in gleicher Geltung ,\ wenn auch nicht immer 
in der Schrift ausgedrückt gewesen: für den JNominativ bietet das pälignische 
soUns des (=s dis), d. h. omnibns dives, nach Bücbelers wahrscheinlicher Deu- 
tung Rh. Mus. 35, 73, einen urkundlichen Beleg. — Die Analogie des euphe- 
mistischen nXovTfov mit Dis pater ist nicht abzuweisen (vgl. Welcker I, 392), 
aber die Annahme eines Inppiter Dis weder durch C. I. L. 1, 188 [Di\ti Diove 

Prell er, Rom. Mythol. II. 8. Aufl. 5 



66 SIEBENTER ABSCHNITT. 

Die Verstorbenen selbst heifsen gewöhnlich Man es d. h. die 
Reinen, die Lichten, die Guten ^). Sie werden gedacht als Geister 
d. h. des irdischen Leibes entkleidet und unsterblich wie die Götter, 
daher der sehr alte und auf den Grabinschriften so oft wiederholte 
Ausdruck Divi und Dii Manes. Der eigentliche Wohnsitz dieser 
Manen ist die tiefe Erde^), aus welcher sie nur zu gewissen Jahres- 
zeiten und bei nächtlicher Weile hervorkommen, um auf der Erde, 
immer im sublunarischen Kreise umherzuschweifen. Nicht selten 
wird der Ausdruck Dii Manes auch für die Unterwelt und das Reich 
456 der Geister überhaupt gebraucht, deren „ Mutter '' d. h. die Erde 
deshalb unter andern Namen auch den der Mania fährte. Ja in 
dem Sprachgebrauche der Augurn hiefsen Manes überhaupt die 
Götter, wie die Grundbedeutung beider Wörter, Manes und Divi, in 
der That in dem Sinne der lichten Reinheit und der Güte über- 
einkommt*). 

noch etwa darch Herbeiziehang des templum lovis Ditis von Sinope bei Tac. 
Hist. IV, S3 zn rechtfertigen. Mommsens Annahme eines Disiovü, DUovis ist 
falsch (oben I, 262), die Erganzaug jener Inschrift ist, wenn du Adjectiv sein 
soll, der Stellung wegen unzulässig (vgl. Liber pater, aber: luppiter Über); 
aber auch die Annahme eines DU- luppiter ist höchst bedenklich: Dis ist 
lovis f rater (Tert. Nat I, 10). Tacitüs spricht von einem fremden Kult, dem 
des Zsvg 2iv(07titris, vielleicht (wie G. Hirschfeld erinnert) des aus Münzen 
bekannten Baal (Ritter Erdk. 18, 779): der sprachliche Ausdruck scheint sich 
an das griechische Z, nXovaiog, xiijaiog anzulehnen.] 

1) S. Paul. p. 122. 125, Fest. p. 146, Non. Marc. p. 66, Serv. V. A. II, 
268, III, 63, oben I, 83. Die Griechen übersetzen daher Manes durch j^^t^ctto/. 
Ober Dii Manes s. Cic. de Leg, II, 9, 22, Piin. H. JV. VII, 188 f., Fabretti 
Inscr. p. 79 und 86. 

*) Plin. XXXIII, 2 imus in viscera terrae et in sede Maniuni opes quae^ 
rimus. Vgl. die Sammlung von allerlei Stellen und Ansichten über die Manen 
bei Serv. V. A. III, 63. 

*) Paul. p. 156 Manes dii ab auguribus vocabaniur, quod eos per omnia 
manare credebant, eosque deos superos atque inferos dicebant. Vielmehr sind 
auch hier Manes das Gegentheil von Immanes, die Lichten, die Reinen, vgl. 
den Cerus manus und manni i. e. boni im Liede der Salier bei Paul. p. 122, 
Fest. p. 146. [Die von P. hier noch a. Inschrift Or. 1480 » C. I. L. 5, 5609 
hat nicht I. 0. M. Dis Manibus sondern Dis [De]abu[s]. — Für die nothwendige 
neue monographische Behandlung der Manes sind wieder die stadtrömisehen 
Grabschriften abzuwarten. Hier nur soviel: 1) Es ist wohl längst bemerkt 
worden, dafs d(is) m(anibus) auf keiner republikanischen Grabschrift vorkommt: 
C. I. L. 1, 1639 ist augusteisch, deorum Maamum das. 1, 1410 wahrschein- 
lich eine der seltenen Kultusinschriften (vgl. 5, 7747 intra consaeptum maeeria 
locus deis Manibus consacratus). 2) Die geschlechtliche Differenzirung dis dea- 



DIE UNTERWELT UND IHRE GÖTTER. 67 

Sehr bezeichnend ist für das Weitere die Vorstellung von dem 
sogenannten mundus, wie er namentlich bei der Anlage von neuen 
Städten auf einem öffentlichen Platze ausgegraben wurde, angeblich 
nach etruskischem Ritus ^). Es ist eine tiefe Grube in der Form 
«ines umgekehrten Himmels, deren unterer Theil den Dis Manibus 
4. h. den Geistern der Verstorbenen und den Göttern der Unterwelt, 
4lem Orcus, der Ceres, der Tellus u. s. w. heilig war und durch 
«inen eignen Stein, den sogenannten lapis manalis, welcher für die 
Pforte der Unterwelt galt, verschlossen wurde ^). Bei der Anlage 
von Städten wurde zuerst diese Grube gegraben und die Erstlinge 
von allerlei Feldfrüchten, auch von jedem Anwesenden eine Hand- 
voll heimathlicher Erde hineingeworfen °), offenbar um sich der 
<^unst dieser mächtigen Götter der Tiefe im Leben und im Tode 
2U versichern und sich auf diesem Boden ein für allemal festzu- 
setzen. Dann wurden die Grenzen der Stadt wie im Kreise um 



hus Manibus (Grab eines Ehepaars C. I. L. 5, 6053) ist siogulär, selten kommt 
(statt Manes) inferi vor: so schon eine von 24 Grabschriften gemeiner Leute 
etwa der ciceronischen Zeit (Ball, dell' ist. 1873, 53 ff. {deU infereU), wäh- 
rend die übrigen wie gewöhnlich keine Bezeichnung der Götter habeo ; so C. I. L. 
by 1071 an der Schmalseite eines Grabsteines (Aqaileja, aram deum inferuin). 
Über die verwandten dei parerUeg uoten S^ 483. 3) Vielleicht haben wir noch 
das Nentram manum, Unterwelt, (vgl. diunif sub dio) in der oben S. 10. 22 a. 
ältesten römischen Inschrift Dvenos med feced en Tnanom^ wo schwerlich an 
manus, der Todte, zu denken ist: Jordan, Hermes 16, 237.] 

*) Varro 1. 1. V, 143 oppida condebant in Lotio Etrusco ritu. Vgl. Fest. 
|>. 285 Rituales libri und Plut. Rom. 10. 

•) Fest. p. 154 Mundus, — Quid ita dicatur sie refert Caio in cominen- 
iariis iuris civilis: y,Mundo nomen impositum est ab eo mundo qui supra nos 
esty Jorma enim eius est, ut ex his qui intravere cognoscere potui, adsimiUs 
illi\ Eius inferiorem partern veluti consecratain Dis Manibus clausam omni 
tempore nisi his diebus — maiores censuerunt habendam etc. Paul. p. 128 
Manalem lapidem putabant esse ostüim Orci per quod animae inferorum ad 
superos manarent, qui dictmtur Manes. Nach Fest. p. 142, 22 hiefs er Cereris 
mundus, nach Macrob. I, 16, 17 war er dem Dis Pater uod der Proserpioa 
heilig und jener Verschlufs die faux Plutonis. Vgl. den Dillestein der Deut- 
schen Mythologie h. Grimm 766 [vgl. Simrock Myth.^ 444]. 

') Nach Ovid F. IV, 820 wurde die Grube mit Erde zugeschüttet uod 
darüber ein Altar errichtet, auf welchem alsbald Feuer angemacht wurde, 
vermuthiich um die Superi nicht weniger als die Inferi zu ehren. Nach. Plut. 
Rom. 10 befand sich der Mundus in Rom auf dem Comitium. Vgl. lo. Lyd. 
de Mens. IV, 50. [Jede Stadt hat ihren mundus: so die palatinische und die 
Siebenhügelstadt Rom; die Koma quadrata im engeren Sinne ist der mundus 
der palatinischen Stadt.] 

5* 



68 SIEBENTER ABSCHNITT. 

diesen Mittelpunkt beschrieben d. h. mit einer ehernen Pflugschaar, 
467 vor welcher ein Stier und eine Kuh, beide von weifser Farbe, die 
Kuh nach innen, der Stier nach aufsen gespannt wurden, der so- 
genannte primigenius sulcus gezogen, wobei die hinter dem Pfluge 
gehenden Personen Sorge trugen dafs alle Schollen einwärts von 
der Furche zu liegen kamen. Diese so gezogene Ackerfurche ist das^^ 
Pomerium; wo ein Thor sein soll, wird die Pflugschaar ausgenom- 
men und der Pflug aufgehoben, daher die ganze Stadtgrenze, aucb 
die Mauer, für heilig galt, nur nicht die Oeifnung der Thore, durch 
welche so manches Unheilige und Unreine aus- und eingeht^). 
Mithin ist das ganze Geschäft wesentlich das eines Ackerbauers und 
die Göttin Erde, welche man dabei versöhnt, zugleich die Saaten 
emporsendende und die Todten bergende; daher auch die Tage, an 
denen der Mundus geöfl'net wurde, nicht ohne Grund in die Zeit 
der Erndte und der neuen Aussaat fielen. Es geschah dieses nehm- 
lieh dreimal im Jahre, am 24. August d. h. in der Zeit der Erndte, 
da am 25. der Ops Consivia geopfert wurde, und am 5. October 
und 8. November. Natürlich wurden diese Tage, wo das Geister- 
reich offen stand, so dafs die Schaaren der Schweigenden ungehin- 
dert aus- und einfahren konnten, für religiös gehalten: daher man 
sich an ihnen aller wichtigeren Geschäfte und Unternehmungen so- 
wohl im Staate als in der Familie ängstlich enthielt, also keine 
Schlacht lieferte, kein Heer ausschrieb, nicht mit dem Heere aus- 
rückte, keine Gemeindeversammlung hielt, nicht in die See stach, 
nicht sein Weib heimführte u. s. w.*). 

Die weiblichen Göttinnen der Unterwelt dürfen, obwohl sie 
unter verschiedenen Namen und Bildern vorkommen, doch sämmt- 
lich für Personificationen der guten Mutter Erde gehalten werden. 
Namentlich gehört dahin die mit der Zeit zu einem Popanz der 
Volkskomödie gewordene Mania, deren ursprüngliche Bedeutung 

*) Daher über diesen das fascinum als Amulet. Vg]. Becker Haodb. 1,. 
94 ff. Die Heiligkeit der Mauera bezeugt Cic. N. D. III, 40, 94 proque Urbü 
muriSf quos vos Pontifiees . sancios esse dicitis dUigentiusque Urbem religion». 
quam ipsis moenibus cingitis, Plut. Qu. Ro. 27 nav let^og aßißtjXov xal 
leQov vofi(^ovai. [Sioo und Details des ganzen angeblich etruskischen (viel- 
mehr italischen) Gründungsritus werden in den neueren Controversen über 
den Begriff des Pomerium berührt: vgl. Mommsen R. Forsch. 2, 23 ff., Jordan 
Top. 1, 1, 163 ff mit INissen Pomp. Unters. 466 ff.] 

>) Fest. p. 142, 23 und 154, Paul. p. 156, Varro bei Macrob. S. I, 16^ 
16. [Mommsen G. I. L. 1 p. 373. Huschke, Jahr 169. 335.] 



DIE UNTERWELT UND IHRE GÖTTER. 69 

man daran erkennt, dafs die Compitalien eigentlich ihr und den 
Laren gegolten haben und in ältester Zeit mit Menschenopfern ge- 458 
feiert sein sollen, anstatt deren man später allerlei Puppen und 
Popanze vor den Thüren des Hauses aufhing, die nun auch maniae 
oder maniolae genannt wurden^). Andre nannten Mania die Mutter 
oder Grofsmutter der Laren oder der Larven, welche letztere für 
«in böses Gespenst galt, mit welcher die Kindermädchen den Kin- 
dern drohten, denn gute Menschen, so glaubte man später, wurden 
zu Laren, böse aber zu bösartigen und in der Nacht rastlos umher- 
schweifenden Larven und Manien d. h. Gespenstern^). Andre wissen 
von dunklen und schwarzen, der Mania verwandten Göttinnen^), 
welche Furrinae [auch Forinae?] hiefsen und früher gleichfalls 
zu den angeseheneren Cultusgöttern gehört hatten, später aber meist 
verschollen waren. So gab es in Rom jeilseits des Tiber gleich über 
der Holzbrücke einen Hain der Furrina, der in der Geschichte vom 
Tode des C. Gracchus genannt zu werden pflegt*); auch gab es 
einen eignen Flamen Furrinalis und noch später in den Kalendern 
«inen eignen Tag der Furrinalia oder feriae Furrinae am 25. Juli. 
Doch wufsten damals Wenige von diesen auch auf dem Lande hin 
und wieder verehrten Göttinnen, die Cicero mit den Furien ver- 
gleicht, deren Name allerdings mit demselben Stamme fus und für 
zusammenhängt, also eigentlich die Dunklen, die Finstern bedeu- 
tete*): der grade Gegensatz zur Dea Dia d. h. der Lichten, welche 

*) Macrob. I, 7, 34, wo u. a. idque aliquamdiu observatum ut pro fami- 
liarum sospitate pueri mactarentur Maniae deae matri Lamm. Varro 1. 1. IX, 
61 videmus enim Mamam matrem Lamm dici. Vgl. Aroob. III, 41. 

3) Paul. p. 128, Fest. p. 128 Manias, vgl. Aroob. VI, 26, Martiao. Cap. 
II, 162, MuQck de fab. Atellao. p. 43 sqq. So wurden die Kinder bei uns mit 
<der Frau Holle und Berhta bedroht, Grimm D. M. 481. 

') Martiao. Cap. II, 164 fn his etiam locis Summanes eorumque prae- 
^tiies Mona atque Mantuona^ dii etiam quos aquihs dicunt (oben I, 52), item 
Fura Furinaque et Mater Mania. 

*) Appian B. C. I, 26, Oros. V, 12, Plut. C. Gracch. 17, Aurel. Vict. de 
vir. ill. 65, vgl. Becker Handb. 1, 144. lo einer Inschr. aus Rom b. Or. n. 
2551, Mommseo I. N. 6892 wird eine ara Forinarum geoaont. [Von den a. 
:Schriftstellern nennt allein der sog. Victor den Hain mit Namen {lucum Fur^ 
rianae die Brüsseler Hs.), dazu Cic. de nat. d. III, 18, 46. lieber Plutarchs 
•äkaog *Eqivv(ov vgl. flg. S. A. 1. Die a. römische Inschrift ist die Grabschrift 
«ines lanista ad ar{am) Forinar{um). Dazu kommt eine zweite römische C. 
I. L. 6, 422, lifivi) oiptimo) m{aximo) H{erculi) ^ug^tisto sacr{um) Genio Fo- 
rinamm et cultoribus huius loci u. s. w. (wahrscheinlich in Trastevere gefundeo).] 

6) Varro 1. 1. V, 84; VI, 19, VII, 45, vgl. die Kai. Maff. Pinc. AUif. z. 



70 SIEBENTER ABSCHNITT. 

aber gleichfalls die Laren und die Mutter der Laren in ihrer Um- 
gebung hat, so dicht drängten sich in diesem Kreise der Erdgott- 
heiten auch im alten Italien die Gegensätze des Lichten und de» 
Finstern, des Holden und des Unholden, des Geheuren und des Ud- 
469 geheuren^). Die Diebe d. h. die im Dunkel Schleichenden (fures^ 
auch laverniones genannt) verehrten in Rom eine eigne Schutzgöttin, 
die La Tema, welche an der Via Salarla gleichfalls einen eignen 
Hain hatte, ja es führte nach ihr sogar ein Thor den Namen der 
p. Lavernalis*): höchst wahrscheinlich dieselbe Göttin in einer an- 
dern Gestalt, da der Name wohl mit dem der Laren und der Larven 
zusammenhängt, ihre Bedeutung aber als Göttin des Schweigens 
und der Verborgenheit genau dem Wesen der Dea Muta oder 
Tacita entspricht, welche ausdrücklich mit der Lara oder La- 
runda identificirt wird. Der Sabinerkönig T. Tatius soll die Römer 
diese Göttin verehren gelehrt haben ^); als Mater Lamm galt sie 



25. Juii [Afommsen C. I. L. 1 p. 389] und Cic. ad Quiot. fr. III, 2, 4 ab eo 
ponticulo qut est ad Furinae Satricwn versus, N. D. lü, 18, 46. Es ist der- 
selbe Stamm, der io für, fuscns, ^rvus u. a. zu Grunde Hegt, s. Paul. p. 84. 
93. [Vgl. Corssen Beiträge zur lat. Formen!. S. 205. Jordan, Krit. Beitr. 
135. 358.] 

1) [Die Zeugnisse stehen so: Furrina heifst die Göttin (immer im Sin- 
gular), das Fest Furrinalia (so der Kai. entscheidend, ebenso die überwiegende 
Zahl der hs. Zeugnisse). Doch könnte das rr so gut wie pp in dem klassischen 
luppüer (oben I, 186) nur durch die Lange des vorausgehenden Vokals veranlafst 
worden sein, daher die Identität einer alten Fürina mit einer der späteren 
Förinae nicht unbedingt zu leugnen ist (alt four- ^^/ör-). Demnach ist eine 
sichere Deutung des Wortes unmöglich, zumal die alten Zeugnisse so gut wie 
wertlos sind. Denn Ciceros (de nat. d. a. 0.) cur non Eumenides, quartim — 
apud nos ut effo interpretor, lucus Furinae j deae sunt (daher auch Plnt. 
a. 0. aXaog *Eqivv(ov) zeig^, verglichen mit Varros Unwissenheit (1. lat. VI, 19.. 
Vlly 45), dafs wir es hier mit einer jener lediglich an den Klang, nicht an That- 
sachen, anknüpfenden Spielereien zu thnn haben, auf deren Quelle oben I, 31 
A. 2 hingewiesen worden ist. Schwerlich ist daher dem Zeugnifs des Mare. 
Cap,, das bestimmter klingt, mehr Werth beizulegen.] 

*) Varro 1. 1. V, 163, Paul. p. 117 laverniones, vgl. Novius bei Non. 
Marc p. 483, 20 [Plaut. Aul. 442 und Fr. Cornicul. u. Frivol.] und Horat. 
£p. I, 16, 57 ff. und dazu der Comm. Croq. Lavema in via Salaria lucfim 
habet. Est autem dea furum. et simulacrtim eins fures colunt et qui consilia 
sua volunt tacita^ nam preces eius cum silentio exercentur [aus dem sogen. 
Acren; die letzte Bemerkung werthlos]. Auch Arnob. IV, 24 gedenkt ihrer.. 
[Curtius Gr. Etym. 5362 f. bringt den Namen mit lücrum, XaCa zusammen.] 

') Varro 1. 1. V, 74, Lactant. I, 20, 35 Quis cum audiat Deam Mutam 
ienere risum queeU? Hanc esse dicunt ex qua sint nati Lares et ipsam Laram 



DIE UNTERWELT UND IHRE GÖTTER. 71 

speciell für die Mutter des an allen Kreuzwegen verehrten Paars der 
Lares compitales; als „Stumme" und „Schweigende" wurde sie noch 
zur Zeit des Ovid von abergläubischen Frauen und Mädchen bei der 
Todtenfeier der Feralien angerufen. Natürlich heilst sie so in dem- 
selben Sinne wie die Manen taciti und silentes genannt wurden; 
doch suchte man ihren Namen später nach griechischer Weise durch 
eine Liebesgeschichte des Jupiter zu rechtfertigen. Sie sei eine Quell- 
nymphe des römischen Tiberthals gewesen, eine Tochter des Almo^ 
ihr ursprünglicher Name Lala^). Als Jupiter die Juturna liebte und 
ihr nachstellte, warnt Lala die schöne Nymphe, obgleich Jupiter und 
der eigne Vater es ihr verboten hatten; ja sie geht zur Juno um 
dort zu klatschen. Darum hat Jupiter ihr die Sprache genommen 
und sie durch Mercur zu den Manen führen lassen, da sei fortan 
ihre Stelle. Mercur aber gewann sie lieb und so ist sie von ihm 
die Mutter der Lares compitales geworden. Dahingegen andre Ge- 
stalten dieser alten Erd- und Manengöttin wieder recht deutlich ihr 
eigentliches Wesen ausdrücken, so namentlich die Geneta Mana,46o 
welcher der auch den Laren heiUge Hund geopfert wurde, mit 
einem Gebete worin man dieser Göttin den Wunsch ans Herz 
legte, dafs Niemand aus der Familie „ein Guter" werden d. h. 

nominant vel Larundam, Ausod. Technop. de diis v. 9 Larunda progenitus 
Lar, Vgl Ovid. F. II, 581 ff. und Placid. gl. p. 478 [60, 25 D] Larundam 
quam, quidam viam (aviam.7) dicunt [lamiam scheint überl. za sein, und ist 
richtig ; gemeint ist Mania (oben S. 68). Über die Bildung von Lara (Larunda) 
vgl. Corssen Ausspr. 1', 309; Larunda ähnlich wie divas Commolenda, Defe- 
runda, Fata Scribunda u. a.]. 

*) Lala ist Lara vermöge der gewöhnlichen Vertauschung von 1 und r. 
Nach Plut. Numa 8 wurde Tacita (vgl. Ovid F. ü, 570) als Muse d. h. als 
JNymphe im Hain der Gamenen verehrt, in dessen Nähe sich auch der Almo 
befand. [Ob Ovid's Behauptung prima sed iüi dicta bis antiquum syUaba 
nomen erat ea vitio ,positum nur der Versuch ist die nachmalige muta von 
früherem XaXiZv herzuleiten oder ob Lala, welches sonst nirgends als Name 
der Göttin vorkommt, wirklich ein solcher war, lafst sich nicht ausmachen. 
Dafs etr. Laroy Lala, Laran, Lalan nebeneinander hergehen (Corssen, Spr. d. 
Etr. 1, 252) würde nur dann Beweiskraft haben, wenn der Znsammenhang 
dieser etr. und der lat. Wörter erwiesen wäre, was nicht der Fall ist (vgl. 
oben I, 82 A. 2). Bemerkeoswerth ist endlich, dals die Gleichung m4äer 
Lamm = Mania «= Lara (Larunda) sich bei den Schriftstellern deutlich als 
mehr oder weniger subjective Auffassung einführt, während die einzige 
erhaltene Kultusurkunde, in welcher sie vorkommt, keinen 
dieser Namen bringt: Laribus, matri Lamm heifst es in den Arvalacten 
v. J. 183. 218. 224 (Benzen, Acta S. 146). 



72 SIEBENTER ABSCHNITT. 

Sterben möge^). Denn offenbar ist „der Gute'* hier zu verstehen wie 
roanus, ein guter Geist, ein Seliger. Also eine Göttin über Leben und 
Tod, Geburt und Sterben, welche sehr an die Venus Libitina erinnert. 
Manches Eigenthümliche hatte auch in dieser Beziehung der 
Glaube der Etrusker, obwohl er sich nicht wesentlich von dem 
bisher geschilderten Gtauben des alten Italiens unterschieden zu 
haben scheint. Auch hier muis, da jener Ritus der Städtegründung 
so bestimmt von den Etruskern abgeleitet wird^), der Cultus der 
Erdgötter die allgemeine Wurzel der Vorstellungen von der Unter- 
welt gewesen sein. So scheint es auch zwei männliche Todesgötter 
gegeben zu haben, einen welcher dem römischen Dis Pater ent- 
sprach und bei den Etruskern Mantus hiefs, welchem die Stadt 
Mantua und andre etruskische Städte geweiht waren ^), was also 
wieder auf den mundus und jene Gebräuche der Städtegründung 
zurückführt. Der andre entspricht als furchtbarer Todesgott dem 
lateinischen Orcus, nur dafs dieser bei den Etruskern gewöhnlich 
mit dem griechischen Namen Charun genannt wurde, nachdem 
Xdqiav in der Praxis des attischen Theaters aus dem bekannten 
Fährmann zu einer populären Schreckgestalt des Todes überhaupt 
geworden war*). Auch dieser in den etruskischen Gräbern und auf 
ihren Grabkisten sehr gewöhnliche Charun scheint indessen nicht 
Mos ein Dämon des Todes, sondern auch des schaffenden Lebens 
gewesen zu sein*), obwohl für gewöhnlich allerdings die Idee des 



^) Plut. Qa. Ro. 53, welcher dabei ans Aristoteles den merkwürdigen 
Passus einer Buodesurkunde zwischen den Arkadern und Lakedämoniern an- 
führt: fjLTiökv XQ^^'^ov noulv (in dem Sinne von anoxiiwvvai) ßofj&siag ;^«^tv 
ToZs kaxtavC^ovai, twv Teyearojv. [Ferner Plin. XXIX, 58 Genäae (lies Genetae] 
Manae catulo res divina fit. Osk. Tafel von Agnone (Zwetaj. I. Ose. 9) A 15 
deivai Genetai. Da bei Plut. rsvetiri steht, so hat Mommsen Dial. 137. 253 
richtig Gen-eta mit Mon-eta verglichen, für den Begriff Panda Cela.] 

«) [Doch s. dagegen Jordan Top. 1, 1, 167. 174. 265. 272. 283. Von 
einer zuverlässigen Darstellung der etruskischen ^ Vorstellungen von der Unter- 
welt' kann bei dem jetzigen Stande der Etruskologie nicht die Rede sein.] 

') Serv. V. A. X, 198 alü a Tarchone Tyrrheni ßratre conditam dicunf, 
Mantuani autem ideo nominatam, quod Etrusca lingua Mantum Ditem Patrem 
appeUant, ctä etiam cum ceteris urbibus et hanc contecravit. Vgl. die Schol. 
Veron. p. 103 ed. Keil. [Mantus nach Pott in der Zeitschr. f. vergl. Sprachf. 
8, 185 f. der Todtenwächter, von Manes und tueri.] 

^) Ambrosch de Charonte Etrusco, Vratisl. 1873 [vgl. die Notizen in 
Müllers Etr. 2«, 103 und Preller Gr. Myth. 1», 673.] 

^) So erscheint er ithyphallisch auf einer von Braun erwähnten Vase 



DIE UNTERWELT UND IHRE GÖTTER. 73 

furchtbaren Todesgottes überwiegt, des gewaltsamen, alle Bande des 
Blutes und der Liebe zerreifsenden , keine Jugend, keine Schönheit 
schonenden. Alles gewaltsam niederschlagenden Todes, wie sich diesen 
die Phantasie des Volkes auch sonst am liebsten vorstellt. Es ist 46i 
eine gräuliche, wilde Gestalt von halbthierischem Aussehn, immer 
mit einem gewaltigen Hammer bewaffnet, mit dem er seine Beute 
trifft, bisweilen auch noch mit einem Schwert. Bald sieht man 
ihn vor der Pforte der Unterwelt sitzen, bald aus derselben hervor- 
treten, oder er ist mit andern Genien des Todes beschäftigt liebende 
Paare, die sich zum letztenmal die Hände reichen, zu trennen. Auf 
andern Denkmälern führt er den Todten zur Unterwelt, wobei der 
Todte gewöhnlich beritten ist, auf andern sieht man ihn mit andern 
Dämonen des blutigen Todes mitten unter den Streitenden eines 
Schlachtfeldes oder einer Mordthat. Oder er ist einer der höllischen 
Plagegeister in der Unterwelt, wie die Phantasie der Etrusker über- 
haupt an solchen Bildern infernalischer Plage reich war, obwohl 
auch in Rom daran kein Mangel war^). Ueberhaupt lehren uns 
die etruskischen Grabgemälde und die Sculpturen ihrer Todtenkisten 
aufser dem Charun noch verschiedene andere Genien des Todes, 
männliche und weibh'che, kennen, bald in der Gestalt der griechischen 
Erinyen, bald in der geflügelter Schicksalsgottheiten, bald sind es 
lichte und schöne, bald finstre und häfshche Gestalten ^), Der Todes- 
gott mit dem Hammer pflegte später zu Rom unter den Masken und 
mimenartigen Zwischenspielen der blutigen Arena des Amphitheaters 
aufzutreten % 



Anoal. d. Inst. Arch. IX p. 272 uod einer Bacchantin gegenüber gestellt auf 
einer Vase des Berliner Museums bei Ambrosch T. 1. 

^) Plaut. Capt. V, 4, 1 f^idi ego muUa saepe picta quae Acherunti fierent 
cructamenta. Lncret. III, 1014 carcer et horribüis de saxo iactu^ deorsum, 
verber a^ earnifices, robur, pix, lammina, taedae. Vgl. Cic. pr. Cluent. 61, 17 1^ 
Tusc. 1, 6, N. D. II, 1, 5, luven. II, 149. [Plautus ist hier wohl von dem 
Original abhängig: gemeint sind jedenfalls griechische Darstellungen der Strafen 
der Unterwelt, wie sie vielfach vorkommen und in Nachbildungen, z. B. den 
Wandbildern des Columbariums der Villa Pamfili, erbalten sind (s. die Notizen 
Griech. Mytb. l^ 682). Auch die übrigen Stellen sind von den griechischen 
Vorstellungen abhängig.] 

^) Verschiedene Bilder aus der etruskischen Unterwelt bei Gerhard Gottfa. 
der Etr. t. VI. Mehr bei G. Dennis die Städte und Begrabnifsplatze der 
Etrusker S. 289. 490. 49S fif. 

^) TertuU. ad Nat. I, 10 Risimus et meridicofd ludi de deU bisum, quod 
Ditis Pater, lovis frater, gladiatorum exsequias cum malleo deducit etc. 



74 SIEBENTER ABSCH^ilTT. 

Sehr bedeutend war auch hier der Einflufs der griechischen 
Mythologie sowohl auf die Etrusker als auf die Rumer. So ist der 
Acheron auch in Italien in solchem Umfange zu einem Symbole 
für alle Ahndungen und Schrecknisse der Unterwelt geworden, dafs 
die Etrusker sogar ihre priesterliche Litteratur, so weit sie sich auf 
die Seelen der Verstorbenen und allen dahin gehörigen Gottesdienst 
und Zauber bezog, einen eignen Abschnitt der von dem Wunder- 
knaben Tages inspirirten Aufzeichnungen, nach dem Acheron be- 
469 nannten ^). Ohne Zweifel hat auch hier aufser dem Epos vorzüg- 
lich der Gottesdienst von Cumae eingewirkt, dessen alter, durch die 
Sage vom Qdysseus bekannter Todtendienst und das damit verbundene 
Todtenorakel am 1. Avemus durch ganz Italien berühmt war und 
trotz der Lichtungen, welche Agrippa in dem umgebenden Walde 
vorgenommen hatte'), bis zu den letzten Zeiten des Heidenthums 
ausdauerte. Von den römischen Dichtem hatte zuerst Ennius zu- 
gleich von der Seelenwanderung und in der Weise Homers von den 
Verstorbnen und der Unterwelt gedichtet (Lucret. I, 11511.). Später 
hat Virgil seiner Aeneis nach dem Vorbilde älterer Nekyien und 
nach Anleitung des cumanischen Todtendienstes jenes schöne und 
sinnige Gemälde einverleibt, welches sowohl wegen seiner Eigen- 
thümlichkeit als wegen seines die spätere Vorstellung bis Dante be- 
herrschenden Einflusses vorzüglich zu beachten ist^). Aeneas ist in 

') S. die Sacra Acherontia, qaae Tages composnisse dicitnr, 
b. Serv. V. A. VIII, 398 und die libri Acherontici b. Arnob. II, 62, vgl. 
0. Müller, Etmsk. 2', 26. Auch io Rom aod bei den römischeo Dichtern^ 
Eonius, Lucrez, den älteren Tragikern sind der Acheron [Acheruns, Pernio. 
Plant. Capt. a. 0., plautinisch 'wie die Städtenamen constrnirt: Acherunii 
Locativ] ond die Acherusia templa das gewöhnliche Bild für die Unterwelt, 
z. B. b. Ennias p. 102 Vahlen: Acherunsia templa alta Drei salvete w/erOy 
paUida /eft, obnubila temelfris hca, [Vgl. die oben für OnMs angezogeneii 
Stellen.] 

») Strabo V p. 244, vgl. Philolog. 1S47 p. 485. [= Prellers aasgew. 
Anfs. S. 517.] Dabei passirten allerlei Zeichen und Wonder, s. Serv. und 
Philargyr. x. Virg. Ge. II, 162. Unter den Mimen des Laberias gab es einen 
betitelt: Lacas Avernas and Necyomantia. Aneh Lnerex beschäftigt 
sich mit diesen Cberliefernngen VI, 740 ff., 762 ff., desgleichen Petroaias e. 
120. iNoch das feriale Capaanam bemerkt x. 27. Juli: PROPECTIO AD IFER 
AVfiRM, wo Nommsen liest inferias, ich möchte lieber lesen ad Inferos d. 
h. xa dem Heiligthnme der Inferi am Avernas. Es ist der Rest eines alten 
Sommerfestes der Unterirdischen. 

[') in topograghischer Hinsicht besonders die schon I, 17 a. Sehrifl von 
Jorio Viaggio di Enea all* iaferno. Neapel 1$25.] 



DIE UNTERWELT UND IHRE GÖTTER, 75 

Cuinae, um die dortige Sibylle, eine Dienerin des Apollo und der 
Artemis, welche in dieser Zeit allgemein mit der Hekate identificirt 
wurde, wegen seiner Zukunft zu befragen. Er bittet, da der Ein- 
gang in die Unterwelt in der Nähe sei, noch einmal seinen Vater 
sehn zu dürfen, und die Sibylle unterrichtet ihn willig wie er dahin 
gelangen könne. In dem Haine der stygischen Juno d. h. in der 
den Averner See umgebenden, der Proserpina geheiligten Waldung 
stehe tief verborgen ein Baum mit einem goldnen Zweige, der erst 
gebrochen sein will (ist er gebrochen, so treibt der Baum alsbald 
einen gleichen Zweig), ehe der Weg in das Reich der Schatten sich 
öffnet ^). Auch müsse Aeneas zuvor für die Bestattung seines jüngst 46s 
verunglückten Geehrten Misenus sorgen. Als die Trojaner beschäftigt 
sind im nahen Walde das Holz zum Scheiterhaufen zu fällen, kommen 
zwei Tauben geflogen, die Boten seiner Mutter Venus. Sie fuhren 
ihn durch den Wald bis an den Avernus, wo sie sich auf jenem 
Wunderbaume niederlassen. Aeneas bricht den Zweig und reicht 
ihn seiner Führerin, der Sibylle, worauf beide in einer finstern 
Höhle am See der Hekate und den Unterirdischen ein Opfer bringen, 
derselben Höhle aus welcher die für alle über den See hinfliegen- 
den Vögel tödtlichen Dünste hervordrangen und welche nach dem 
Glauben des Volks für einen Eingang in die Unterwelt galt. Kaum 
ist das Opfer gebracht, es war gegen Sonnenuntergang, da dröhnt 
es in der Tiefe, rauscht es im Walde, heulen dfe Hunde, denn Hekate 
naht: worauf die Sibylle sich mit dem Zweige in die Höhle stürzt, 
Aeneas ihr nach mit gezücktem Schwerdte*). Zuerst führt sie der 
Weg wie durch einen dunklen Wald, durch den der Mond bei be- 
w^ölktem Himmel ein unsichres Zwielicht wirft. Dann kommen sie 
an die Schwelle des Orcus, wo die Trauer und die Sorge wohnt,. 
Krankheiten und Alter, Furcht und Hunger, Schlaf und Tod, auch 
der Krieg und die Zwietracht und die Furien haben dort ihre 



*) Auch Ovid Met. XIV, 113 ff. wcifs von diesem Zweige. Serv. V. A. 
VI, 136 erinnert an einen Gebrauch im Haine der Diana von Aricia, welche 
später anch wie alle Dianen für identisch mit der Trivia und Hecate galt, 
doch will der Gebrauch sonst nicht passen. Da der Zweig spater in der 
Unterwelt an der Schwelle der Proserpina niedergelegt wird, so dachte ihn 
Virgil sich als Bittzweig, (jbrigens scheint der weit verbreitete Glaube an 
die magische Kraft des Misteis zu Grunde zu liegen, s. Grimm D. M. 11 56 ff. 

') So wehrt Ulysses bei Homer den Geistern mit gezücktem Schwerdte. 
Vgl. Petron. 62 gladium strinxi et in tota via [so Buch.] umbras ceddi donec 
ad viUam amicae meae pervenirem. 



76 SIEBENTER ABSCHNITT. 

Kammern, und die Träume hocken auf einer uralten Ulme; auch 
lagern hier alle mythischen Ungethüme, Centauren und Scyllen, der 
schreckliche Briareus und die lernäische Schlange, die feuerspeiende 
Chimäre, die Gorgonen und Harpyien und Geryon mit seinen drei 
Leibern. Darauf gelangen sie an den Acheron, der in den Cocytus 
fliefst, wo Charon mit seinem Nachen schaltet, schrecklich und gräu- 
lich anzusehn, mit dickem Barte und stechenden Glutaugen. Zu 
ihm strömen alle Schatten, wie wenn die Blätter des Waldes beim 
ersten Frost von den Bäumen fallen, oder wie sich die Zugvögel 
sammeln, wenn sie vor dem Winter in den wärmeren Süden eilen. 
Alle bitten um die Überfahrt, doch können nur die hinüber und 
damit zur Ruhe gelangen, welche wie es die Religion verlangt be- 
stattet und begraben sind. Die Armen, welchen dieser letzte Dienst 
nicht geworden: hundert Jahre schweben sie umher an dem Ufer, 
bis sie endlich zugelassen werden! Sobald Charon die beiden über- 
gesetzt hat, treffen sie zunächst auf den Cerberus; dann begegnen 
464 ihnen die wimmernden Seelen der in der ersten Lebensknospe ge- 
storbnen Kinder, darauf die durch ungerechten Spruch Verurtheilten, 
dann die Selbstmörder, die sich nun vergeblich in das Leben zurück- 
sehnen. Nicht weit davon dehnen sich die „traurigen Felder", wo 
die in unglücklicher Liebe Verst(u*bnen auf heimlichen Pfaden unter 
Myrtengebüsch umherirren, immer noch den Pfeil der Liebe im 
Herzen. Endlich kommen sie an die Grenzen dieses Bezirks, wo 
die im Kriege gefallnen Helden weilen, die des thebanischen und 
des troischen Kriegs. Die Sibylle treibt zur Eile, denn schon meldet 
Aurora das kommende Licht des neuen Morgens. Da gelangen sie 
an den Scheideweg von Hölle und Elysium. Rechts liegt die alte 
Wohnung des Pluton und der Proserpina, bei denen die Seligen 
wohnen, links geht es hinab zur Hölle und zu dem tiefen Weltab- 
grunde des Tartarus. Einen Blick hinab wirft Aeneas und er sieht 
in der Tiefe eine mit dreifacher Mauer umgebene, von dem glühen- 
den und kochenden Strom des Phlegethon umkreiste, am Thor von 
der Tisiphone bewachte Burg, aus welcher ewiges Heulen und schal- 
lendes Gerassel von Ketten und Geifseln hinauftönt. Die Sibylle 
weifs es von ihrer Herrin, dafs Rhadamanthus dort gebietet. Der 
foltert die schuldigen Seelen so lange bis sie gestehen; dann werden 
sie eine Beute der Furien und es öffnen sich die Pforten der Hölle, 
aus welchen kein Entkommen möglich ist. Drinnen haust Scylla 
mit fünfzig Schlünden; nach unten dehnt sich der Abgrund zwei- 



DIE UNTERWELT UND IHRE GOTTER. 77 

mal so tief wie der Himmel nach oben. Da wälzen sich auf dem 
tiefsten Grunde der ewigen Finsternifs die Titanen ; auch die Aloiden 
büfsen dort ihren Frevelmuth und der freche Salmoneus und die 
beiden Lapithen, Ixion und Peirithoos: mit ihnen die welche ihre 
Brüder gehafst, ihren Vater geschlagen, gegen ihre CHenten falsch 
Zeugniis abgelegt haben, auch die Geizigen, welche nur für sich ge~ 
sammelt haben, die im Ehebruch Gestorbnen und alle Yerräther am 
Vaterlande und an der heiligen Treue. Schaudernd eilt Aeneas mit 
seiner Führerin weiter, einen schattigen Weg durch den Hain der 
Proserpina, bis sie an die Götterburg der Unterirdischen gelangen. 
Aeneas betritt die Schwelle, besprengt sie mit frischem Wasser, 
heftet den goldnen Zweig an den Thürpfosten und folgt der Sibylle 
weiter in die Gehlde der Seligen. Welche himmhsche Schönheit 
und Anmuth empfangt sie dort, welch liebliches Grün, ein im reinsten 
Lichte strahlender Himmel, ewiger Sonnenschein und unvergänghcher 
Frühling. Einige üben ihre Glieder, Andre tanzen im Reigen, 
Orpheus, der thrakische Priester, spielt auf seiner Laute und 
singt die süfsesten Lieder. Aeneas trifft dort die Heroen seines 465 
Stammes, den Ilus, Assaracus und Dardanus. Er bewundert das 
Geschirr der Helden, ihre Waffen, ihre Rosse: lauter Schattengebilde, 
aber dieselbe Lust, die sie früher im Leben gewährten. Andre 
lagern im Grase und schmausen und singen den Päan im duften- 
den Lorbeerhaine, an der Quelle des silbernen Bachs, der so schön 
durch den Wald rauscht: ein herrliches Land mit üppigen Thälern, 
schimmernden Strömen, duftenden Hainen, ragenden Bergen, die 
ihre Scheitel in eine ewig heitre Luft empor strecken. Hier weilen 
die welche fürs Vaterland gefallen sind, die reinen Priester und 
Sänger, die welche sich durch ihre Erfindungen, ihre Thaten um 
die Menschheit verdient gemacht haben. Sie sammeln sich um die 
Angekommenen, Musäus unter ihnen, eines Hauptes länger als alle 
übrigen^). Dieser führt sie über eine Höhe in einen blühenden 
Thalgrund, wo Anchises den Schaaren der Seelen zusieht, welche 
vom Quell der Lethe trinken und dann von neuem auf die Ober- 
welt zurückkehren. Als Vater und Sohn sich am Entzücken des 
Wiedersehns gesättigt hatten, erklärt Anchises dem Sohne die Wieder- 
geburt der Seelen. Derselbe Weltgeist, welcher Himmel und Erde 

^) Plato de Rep. II p. 363 C. gedenkt eines Gedichtes über das Leben 
der Seligen, welches unter dem IXamen des Musaos ging. Auf dasselbe deatet 
Virgil. 



78 SIEBENTER ABSCHNITT. 

und die Gestirne und alle Materie beseelt, ist auch die Ursache des 
Lebens für Menschen und Vieh, Vögel und Fische. Eine feurige 
Kraft von himmhschem Ursprung, welche aber durch den Stoff des 
Leibes gedämpft und geschwächt wird: daher die Begierden, die 
Furcht, die Sorge, die Lust, das blinde Verlangen der verhafteten 
und verfinsterten Seele. Auch mit dem Tode löst sich dieses ver- 
hängnifsvoUe Band nicht völlig, sondern es ist eine dauernde Reini- 
gung nach dem Tode nöthig, damit der eingewurzelte Schaden ge- 
hoben werde. Daher werden Einige für ihre Sünden gepeinigt, 
Andre durch scharfe Luft, jähen Sturz des Wassers oder durch Feuer 
gereinigt, worauf sie geläutert ins Elysium geschickt werden: bis 
der Geist seine volle Reinheit und Klarheit wiedergewonnen hat und 
nach dem Trunk der Lethe von neuem in das körperliche Leben 
zurückkehren kann. Noch zeigt Anchises dem Sohne die glorreiche 
Reihe der Aeneaden und Roms Zukunft bis August, und endlich 
kehren die Lebenden durch eins der beiden Thore des Traums 
wieder in das Leben zurück. 

Bei den späteren römischen Dichtern ist hier wie in allen 
466 Stücken der Einflufs Virgils wohl zu bemerken, aber mehr in der 
äufserlichen Einkleidung der Bilder als in dem tieferen Zuge der 
Ahndung und des Gemüths, welcher jene Dichtung beseelt. Auch 
haben diese Jüngern Dichter zu viel Lust an dem Gräfslichen und 
Abenteuerlichen; das mehr und mehr in finsterm Aberglauben er- 
starrende Heidenthum brachte es so mit sich^). Merkwürdig ist 
bei Lucan und Statins die Hinweisung auf einen Obersten der 
Teufel, der im tiefsten Abgrunde des Tartarus hausend alle übri- 
gen Mächte der Unterwelt beherrscht: wahrscheinlich ein Bild des 
Orients, wenigstens glauben die Ausleger darin den aus der Bibel 
bekannten Beelzebub zu erkennen^). 

2. Die Devotion, 

Die furchtbare Seite der Unterwelt tritt am meisten in dem 
alterthümhchen Gebrauche der devotio hervor*). Diese ist eine 



») Vgl. Lucan. Pharsal. VI, 662 ff. und 695 ff. , Stat. Theb. IV, 472 ff., 
Silius Ital. Pub. XIII, 522 ff. [Im AUgemeiDeD vgl. Friedläoder Sitteng. 3, 615 ff.] 

•) Lucao. VI, 742 Parotis? an iüe compeUendus erit, quo numquam terra 
vocato non concussa tremit etc. Stat. Theb. IV, 514 ni te Thymbraee vererer 
et triplUsis mundi summum, quem scire nefastum est, lUum sed iaceo etc. 

') [Vgl. Marquardt Verwaltang 3, 268.] 



DIE DEVOTION. 79 

• 

eigenthümliche Art von votum d. h. an die unterirdischen Götter 
gerichtet und ein Gelübde auf den Tod und gänzliches Verderben 
der Feinde, indem man durch gewisse Opfer und Ceremonien die 
Mächte der Unterwelt gegen diese zu erregen glaubte. In gewissen 
Fällen ist sie mit stellvertretender Selbstaufopferung verbunden, 
wenn nehmlich ein grofses Unheil für eine Stadt, ein Heer, ein 
Land u. s. w. zu befürchten war und ein Bürger oder der Feldherr 
den grollenden Zorn der Götter dadurch auf sich lud, dafs er sich den 
Unterirdischen für Alle preisgab. In Rom knüpfte sich eine solche 
Erinnerung an den 1. Curtius auf dem Forum, welcher seinen Namen 
nach Einigen von dem Sabiner Mettus Curtius bekommen hatte, 
welcher durch seinen Sturz in dieses Wasser den Sieg des T. Tatius 
entschieden habe, nach Andern von einem edlen Römer M. Curtius^). 
Ein gräfslicher, unergründlicher Schlund öffnet sich mitten auf dem 
Forum, der nicht ausgefüllt werden kann, es sei denn daüs das 
römische Volk sein Bestes hinein werfe. Da stürzt sich M. Curtius, 
der beste Krieger seiner Zeit, in voller Waffenrüstung hinein, nach- 
dem er sich vorher devovirt und dabei feierlich zu den Göttern 
der Ober- und der Unterwelt gefleht hatte. Hinter ihm schüttet 467 
das Volk fromme Gaben und Feldfrüchte in den Abgrund, der sich 
über dem Helden schlieüät: eine Erzählung welche sehr an jenen 
Mundus auf dem Comitium (S. 67) erinnert. Ein andrer Fall der 
Art ist die Devotion der Alten nach der Schlacht an der Allia 
(s. I, 139), ein dritter und der bekannteste die Devotion der beiden 
Decier, des Vaters und des Sohnes, in den verhängnifsvollen Kriegen 
mit den Latinem und Samnitem^. Eine nächtliche Erscheinung 
sagt es den römischen Consuln, dafs die Unterwelt, wenn sich einer 
der beiden Feldherrn devovire, das ganze Lager der Feinde dem 
Untergang preisgeben werde. Am andern Morgen kommt es zur 
Schlacht, der Flügel des Decius weicht, also ruft er den Pontifex 
herbei, um sich und die Schaaren der Feinde der Unterwelt weihen 
zu lassen. Der Pontifex heilst ihn die Prätexta anlegen (das Feier- 
kleid aller sacralen Gelegenheiten), den Kopf verhüllen, die Hand 
unter der Toga ans Kinn legen, sich mit den Füßsen auf einen 
Speer stellen, und so die Devotionsformel nachsprechen: „Janus, 

1) Liv. VII, 6, Dionys. II, 42, Dio Cass. fr. 30 p. 26 Bekk. [Schwegler 
1, 484. Ueber die abweichende Deatang des Namens des locus Curtius bei 
Varro V, 150 vgl. Jordan Top. 1, 1, 519 A. 47.] 

«) Liv. VIII, 6. 9. 10, X, 28. 29, Val. Max. I, 7, 3. 



80 SIEBENTER ABSCHNITT. 

■ 

Jupiter, Vater Mars, Quirinus, Bellona, ihr Laren, Novensilen, In- 
digeten, ihr Götter die ihr über uns und über die Feinde Macht 
habt und alle guten Geister (Diique Manes), ich rufe euch, ehre 
euch, bete zu euch um Gunst und Gnade, dafs ihr der römischen 
Quiritengemeinde Kraft und Sieg verleihen, die Feinde aber der 
römischen Quiritengemeinde mit Furcht, Schrecken und Tod schla- 
gen wollt. Wie ich es mit Worten gesagt, so weihe ich für das 
gemeine Wesen der Quiriten, das Heer, die Legionen und Hülfs- 
Völker der Quiritengemeinde die Legionen und Hülfsvölker der 
Feinde mit mir allen guten Geistern und der Erde (Diis Manibus 
Tellurique)". Darauf gürtet er sich mit dem gabinischen Gurt [I, 120], 
springt in voller Rüstung aufs Pferd und jagt mitten hinein in die 
feindlichen Heerschaaren. Es war als ob ein wilder Geist des 
Schreckens vor ihm hergehe, als ob er die Feinde mit sich in die 
Unterwelt hinabziehe. Wie er sank, wie er stürzte, ergossen sie 
sich in wilder Flucht über das Blachfeld; man fand seinen Leich- 
nam erst am folgenden Tage, so dicht waren die feindlichen Leichen 
und Speere über ihm aufgeschüttet. Livius setzt zur Erläuterung 
des Gebrauches hinzu, dafs der Oberfeldherr, wenn er die Legionen 
der Feinde devovire, nicht immer sich selbst zu devoviren brauche, 
sondern da£s auch jeder andre römische Bürger und Legionarsoldat 
468 seine Stelle vertreten könne. In dem Falle dafs der Devovirte nicht 
selbst umkomme müsse ein wenigstens sieben Fufs hohes Bild von 
ihm in der Erde begraben und darüber ein blutiges Sühnopfer ge- 
bracht werden; wo ein solches Bild begraben sei, dürfe kein römi- 
scher Magistrat seinen Fufs hinsetzen. Wenn ein Oberfeldherr sich 
devovire und nicht wie Decius wirklich den Tod leide, so könne 
derselbe femer keine gottesdienstliche Handlung begehn, weder in 
seinem eignen noch in des Staates Namen. Bei der Devotion thue 
er gut seine Waffen dem Vulcan oder sonst einem Gotte zu weihen. 
Der Speer, auf welchem er bei der Devotionsformel gestanden, dürfe 
nicht in die Hände des Feindes kommen; geschehe es, so müsse 
Mars mit Suovetaurilien gesühnt werden. So sehr war auch hier 
das Ceremoniel ins Einzelne ausgebildet, ein sichrer Beweis dafs 
solche Devotionen in dem altern Italien bei dem blutigen Wechsel 
der Schlachten unter so vielen streitbaren Völkern nichts Seltenes" 
waren. Auch liegt etwas Aehnliches in solchen Fällen zu Grunde, 
wo ganze Schaaren sich dem Tode weihen, wie bei einem Ausfall 
der Etrusker aus Fidenä, wo eine Schaar sich mit brennenden 



DIE DEVOTION. 81 

Fackeln und in wilder Begeisterung, wie Furien auf die Römer 
stürzt^), desgleichen bei der I, 352 besprochenen Vereidigung ganzer 
Schaaren zum Kampfe auf Leben und Tod. Ja es pflegten auch be- 
lagerte Städte auf ähnliche Weise devovirt zu werden, nachdem ihre 
Götter zuvor evocirt worden waren, gleichfalls mit einem bestimm- 
ten Ritus, von welchem uns aber nur die Devotionsformel bekannt 
ist, welche sich der Evocationsformel unmittelbar anschlofs und 
gleichfalls mit der Berufung sowohl der Mutter Erde als des Ju- 
piter endete ^). So wird auch die in den römischen Annalen wieder- 
holt erwähnte Ceremonie der lebendigen Yergrabung eines Mannes 
und einer Frau von ausländischem Herkommen auf einer gewissen 
Stelle des Forum Boarium am besten als Devotion aufzufassen sein, 
indem aller Wahrscheinlichkeit nach dieses Paar, der Grieche und 
die Griechin, der Gelte und die Geltin u. s. w. stellvertretend die 
ganze Nation bedeuten, also diese devovirt werden sollte^). Ja diese 469 
Art von Verfluchungen und Verzauberungen (devotiones und defi- 
xiones), wodurch man sich im öffentlichen und im privaten Leben 
seiner Feinde oder selbst der Angehörigen zu entledigen suchte, 
wurde mit der Zeit immer häufiger, vorzüglich unter den bösen 
Kaisem, einem Tiberius und einem Nero, wo der wildeste Aberglaube 
und die schmählichste Angeberei mit einander wetteiferten*). 



^) Liv. IV) 33. So sieht man auch die etmskischen Priester hin und 
wieder mit Schlangen nnd Fackeln, s. Dennis a. a. 0. 1, 256. 

') Macrob. III, 9, 9, wo aber aach die Formel überarbeitet ist. Er setzt 
hinzu: In Antiquitatibus autem haec oppida inveni devota: ionios (so Vistonios B) 
FregeUas, Gabtos, Feios, Fidenas : haec intra ItaUam / praeterea Carthaginem et 
Corinthum, sed et multos exereüus oppidaque hosHum Gattorunif Hispanorum, 
Afrorumy Maurorum atiarumque genttum^ quas prüei loquuntur annales, VgL 
Inl. Capitol. Max. et Balb. 8 und Flav. Vopisc. Aurelian. 21. 

') Wenigstens mufs man dieses nach der Art wie Plinius H. JN. XXVIII, 12 
davon spricht voraussetzen: Boario vero in foro Graecum Graecamque de- 
fossos out aliarum gentium cum quibus tum res esset eiiam nostra aetas 
vidit etc., während andre Schrifsteiler diese Opfer als Sühnungsopfer schildern, 
die auf Veranlassung der Sibyllinischen Bäcber von Zeit za Zeit wiederholt 
wurden, s. Becker Handb. d. R. A. f, 485. [Vgl. oben I, 118, F. Liebrecht im 
Philologus 21, 688.] 

*) Tacit. Ann. II, 69, ÜI, 13, IV, 62, XII, 65, XVI, 31. Vgl. PHn. H. N. 
XXVIII, 19 deßgi quideni diris precaUonibus nemo non mOuit, die Inschriften 
b. Henzen z. Or. 61 14 ff. [6114 = C. I. L. 1, 818], 7408. 7409 und Marquardt 
Handb. 4, 134. [Vgl. Preller Ausgew. Aufs. S. 3 10 f. Die seitdem bedeutend 
vermehrten Funde verzeichnet Bfarquardt Verwaltung 3, 109 f. Besonders 
Preller, Rom. MythoL U. 3. Aufl. 6 



82 SIEBENTBR ABSCHNITT. 

3. Die Ludi Tarentini und Saeculares, 

Bei andern Gelegenheiten erscheinen die Unterweltsgötter von 
der entgegengesetzten Seite einer heilenden und verjüngenden Kraft, 
wie die Mutter Erde, Consus und Saturnus zugleich segnende Götter 
sind und der Unterwelt angehören. So vorzüglich in den merk- 
würdigen Ueberlieferungen von einem alten Altare der Unterirdischen 
im Terentum, einer am Tiber gelegenen Strecke des Marsfeldes, 
an welchen sich später die Stiftung der Saecularspiele anlehnte. Der 
Name Terentum oder Tarentum hängt wahrscheinlich mit dem sabi- 
nischen Worte terenum d. i. moUe zusammen, so dafs er ein weiches 
Uferland, eine Marsch bedeuten würde ^). In den Ueberlieferungen 
der Saecularspiele wird immer hervorgehoben, dafs dort einmal ein 
Feuer oder ein feuriger Dampf aus der Erde aufgestiegen sei, daher 
dieser Theil des Marsfeldes auch das feurige (campus ignifer) ge- 
nannt wird^. Man schrieb diese Wirkung den unterirdischen Göt- 
tern zu und stiftete ihnen deshalb einen Altar, welcher sich wie der 
des Consus in der tiefen Erde befand und nach der späteren Legende 
470 schon in dem Kriege zwischen Rom und Alba Longa gestiftet worden 
wäre. In diesem sei den Römern ein in schwarzen Feilen gehüllter 
Mann von schrecklichem Ansehn erschienen, welcher vor der Schlacht 
ein Opfer für die Unterwelt gefordert habe; eine Ueberlieferung welche 
zugleich an den Gebrauch der Devotion und an den feuerspeienden 
Cacus, welcher wohl auch nur eine Erscheinung des Gottes der 
Unterwelt ist, so wie an den Orcus der romanischen Mährchen er- 
innert, in welchen jener alte Todesgott gleichfalls wie ein schwarzes, 



wichtig ist die von Bäeheler (Rh. M. 1878, 1 ff.), Bag^e (Altitalische Stadien 
Christiania 1878) oDd Hascbke (Die neae oskische Bleitafel L. 1880) erläuterte 
oskische V. der Vibia.] 

^) Macrob. S. Ill, 18, 13 Nux terenUna dieäur quae ita moÜis est ut viof 
attrectata Jrangatw, De qua in libro Favorini sie reperäur: Item quod fui' 
dam Tarentinas oves vel nuccs dicunt, quae sunt terenJtinae a tereno, quod est 
Satnnorum lingua m^Ue, unde Terentios quoque dictos putat Farro ad Ldbonem 
primo. Es ist das gpriechische j^qtjv, rigeVy das gewöhnliche lateinische teres 
und tener. Andre Ableitungen b. Fest. p. 351. [Auch der Name der Tribas 
TereÜna gehört hierher und die Etymologien von terere und terra beweisen 
dafs terentum die correcte Schreibart war, wie sie die etymologisch richtige 
ist. Jordan Top. 1, 1, 181 A. 49.] 

s) Valer. Max. II, 4, 5, Zosim. 11, 1—3, vgl. Becker Handb. 1, 628. [Über 
sonstige vulkanische Ausbrüche in Rom Jordan Top. 1, 1, 119 ff.] 



LUDI SAEGULARES. 83 

behaartes und riesiges Ungethüm geschildert wird^). Damals also 
sollen die Römer jenen Altar gestiftet, denselben aber nach dem 
Opfer wieder zugeschüttet haben, bis er bei einer aufserordentlichen 
Veranlassung, wo dieselben Götter der Tiefe sich als heilende zu er- 
kennen gaben, von neuem aufgefunden wurde. Bei einer schweren 
Seuche, welche Rom und die Umgegend yerheerte, erkrankten dem 
Yalesius^), einem reichen Bauer in der Gegend des sabinischen 
Fleckens Eretum am obern Tiber, seine Kinder, zwei Söhne und 
«ine TochtOT, dergestalt daijs man an ihrem Leben verzweifelte. Der 
Vater geht an den Heerd um warmes Wasser för die Fiebernden zu 
holen, da fallt er in seiner Verzweiflung nieder vor den Laren des 
Hauses und bietet sein Leben für das der Kinder. Alsbald ertönt 
«ine Stimme, .die Kranken würden genesen, wenn er sie auf dem 
Tiber nach Tarent bringe und dort mit warmem Wasser vom Heerde 
4)es Dis Pater und der Proserpina erquicke. Vaiesius denkt an die 
Stadt Tarent, trägt die Kinder in einen Kahn und schifft strom- 
abwärts, bis ihn die Nacht am Marsfelde zu landen nöthigt Die 
Kleinen liegen wieder im Fieber und leiden Durst; da er im Schiffe 
kein Wasser wärmen kann, hört er von dem Schiffer dafs in der 
Nähe ein Rauch aufsteige, an einem Orte den man Tarentum nenne. 
Er erkennt seinen Irrthum, schöpft Wasser aus dem Flusse, wärmt 
dieses an j^er Stelle und bringt es den Kindern, welche darauf in 
«inen tiefen Schlaf fallen und genesen. Als sie erwachen erzählen 
sie dem Vater, sie hätten im Traume gesehen wie ihnen ein un- 
bekannter Gott mit einem Schwamm den Körper abgewaschen habe; 
derselbe habe gefordert dafs bei dem Altare des Dis und der Pro- 
£erpina, woher ihnen der heilende Trank gekommen sei, dunkle 
Opferthiere geopfert und nächtliche Lectisternien und Spiele gehalten 
werden sollten. Der Vater läfst nun auf jener Stelle nachgraben; 
da findet sich zwanzig Fufs tief unter der Erde jener Altar mit einer 
Dedication an die Unterirdischen. Als Vaiesius das vernommen, 471 
opfert er die dunklen Opferthiere (furvas hostias) und feiert die 
Spiele und Lectisternien drei Nächte hinter einander, weil ihm drei 
Kinder durch jene Götter vom Tode errettet worden waren ^). Es ist 



1) Grimm D. M. 454, vgl. oben I, 52. 

*) [Über die Quelle der Geschiclite, Valerins Aotias, den angeblichen Sa- 
tiner Valesios und die hostiae furvae (fusvaet) Jordan Krit. Beitr. S. 107. 
135. 358. Vgl. 0. Hirschfeld Wiener Studien 1S81, 100.] 

*) Vielmehr ist die Dreizahl der Kinder erst ans der Dreizahl der Nächte 

6* 



84 SIEBENTER ABSCHNITT. 

dieses die Familiensage der Yalerier von dem Ursprünge der Sae- 
cularspiele, deren Geschichte ein gelehrtes Bütglied dieser Familie, 
der Geschichtsschreiber Valerius Antias mit Eifer untersucht hatte, 
Yalesius oder Valerius, der reiche sabinische Bauer, ist der Stamm* 
vater der römischen Yalerii, deren Name Heil und Wohlsein bedeu- 
tete und wirklich der mythische Ausdruck alter gentiler Sacra der 
Heilgötter, ija diesem Falle der unterirdischen, gewesen sein mag. 
In einem andern Berichte lautet die Erzählung noch wunderbarer« 
Ein Blitz schlägt die Bäume des Hains (der Laren) nieder, der Tor 
dem Hofe steht. Das bedeutet den Tod der Kinder. Verzweifelnd 
fallt nun Valerius am Heerde nieder und verspricht seine Seele und 
die seiner Frau für die Kinder: da ertönt dieselbe Stimme aus dem 
zerstörten Haine. Immer ist die Hauptsache, daüs er ^n jener Stelle 
im Marsfelde durch die unterirdischen Götter Genesung für seine 
Kinder gefunden und darauf den nächtlichen Gottesdienst derselben 
gestiftet habe. Er selbst, dieser Stammvater der Valerier, soll danach 
benannt worden sein Manius Valerius Terentinus, von den Manen, 
von der Heilung und nach dem Terentum. 

Also wahrscheinlich Gentilsacra, welche wie so manche andre 
mit der Zeit zu öffentlichen erhoben wurden: wobei es interessant 
ist zu beobachten wie die doppelte Beziehung dieses Gottesdienstes, 
die auf die Unterwelt und die auf Heilung und Verjüngung, sich 
auch in dieser neuen Gestalt behauptet hat und immer dieselbe ge- 
blieben ist. Leider ist nur die Ueberlieferung von den römischen 
Saecularspielen eine sehr verworrene. Die Familienansprüche der 
Valerier und die künstlichen Berechnungen imd Erdichtungen der 
Sibyllinischen Quindecemvim, welche seit August, vermuthlich auch 
schon früher ofßciell mit diesen Spielen zu thun hatten und sie des-» 
halb möghchst alt zu machen suchten, endlich verschiedene Methoden 
ein sogenanntes Saeculum zu berechnen durchkreuzen sich hier der- 
gestalt, dafs es schwierig ist eine klare Uebersicht der Hauptsachen 
zu geben ^). 



entstanden. Diese Zahl ist bei allen Sühnungen "wie beim Todtendienste die 
heilige. 

1) Vgl. Roth über die römischeo Saecularspiele im Rh. Mus. f. Philol. 1B53 
S. 370 ff. [Vgl. Th. Mommsen Chronologie 172 ff. Bergk August! r. gest ind. 
(HaUe 1873) S. 74 ff. 0. Hirschfeld Wiener Studien 1881 S. 99 ff. und die 
Übersichten bei Marquardt im (alten) Handb. 4, 337 f. Verwaltung 3, 370 L 
Die Gontroversen drehen sich um die verschiedenen Ansätze der yoraugusti- 



LUDI SAEGULARES. 85 

Was zunächst den Begriff eines Saeculum betrifft, so ist der- 472 
selbe in dieser Gestalt etwas Etruskisches und durch Vermittlung 
der etruskischen Haruspicin nach Rom gekommen. Zunächst bedeutet 
saeculum dasselbe was Generation oder Zeitalter (ccidv), eine be- 
stimmte Periode, innerhalb deren sich das Leben der Menschen oder 
der Staaten vollendet und abschliefst^). Die Staaten durchleben 
viele Saecula, der Mensch nur ein einziges, welches nach der Theorie 
der Etrusker für das Leben der Staaten zum Maafsstabe diente. Wer 
von den am Gründungstage einer Stadt Gebomen am längsten lebte, 
gab nach den etruskischen Ritualbüchern durch die Dauer seines 
Lebens bis zu seinem Todestage das Maafs des ersten Saeculum, der 
von den an diesem Tage Gehörnen am längsten Lebende das des 
zweiten u. s. f. Um aber solche Zeitabschnitte noch auffallender zu 
machen, werden von den Göttern vor dem Ablaufe jedes Saeculums 
Zeichen geschickt, welche die Menschen auf eine neue Wendung der 
Dinge vorbereiten sollen : allerlei aufserordentliche Naturerscheinungen, 
über welche in den Büchern der etruskischen Haruspices genaue 
Aufzeichnungen zu finden waren. Daher auch die Geschichtsbücher 
der Etrusker, welche nach Varro seit dem achten Saeculum ihrer 
Nation geführt wurden, sowohl über die Zahl der ihrer Nation im 
Ganzen gegönnten Saecula als über die Dauer, Wendepunkte und 
Zeichen der einzelnen Saecula berichteten. Da stehe geschrieben 
dafs die ersten vier Saecula jedes 100 Jahre gedauert habe, das 
fünfte 123, das sechste 180, das siebente gleichfalls 180, das achte 
sei das laufende, das neunte und das zehnte seien noch zu erwarten 



sehen Spiele und deren Gründe and haben noch kein endgiltiges Ergebnifs 
gehabt.] 

») Varro 1. 1. VI, 11, Censopin d. d. n. 17, Zosim. D, 1. 0. Müller Etr. 
2, 332 [fehlt in der 2. A.] glaubt dafs saeculnm nnd rjXtxia dasselbe Wort ist. 
Auf den iguvinischen Tafeln nnd osklschen Sprachdenkmälern bedeutet zicolom 
nicht saeculum, sondern dies, s. Aufrecht und Kirchhoff Umbr. Sprachd. I, 107, 
II, 12, [A. Mommsen Die Säcula der Etrusker im Rhein. Museum, n. F.^ 12, 
539 ff. Die correcte Orthographie seit der Zeit des Augustos (Capit. Fasten 
C. I. L. 1 p. 442, Mommsen R. F. 2, 59) kennt nur saeculum^ ludi saeculares, 
selbst in Inschriften seit dem 3. Jahrh., in denen die Vertauschung von e und 
ae sonst häufig ist, ist secuhtm selten (z. B. kommen in C. I. L. 8 auf etwa 
12 Beispiele mit ae nur 2 mit e). Von den bisher aufgestellten Etymologien 
{vgl. Vanibeky Griech.-lat. W.-B. 979) empfiehlt sich am ehesten noch die 
Bücheler's, bei PoUe de artis voc. Lucret. (Progr. d. Vitzthnmschen Gymn. 
Dresden 1866) S. 57: von sa-, vgl. Sa-e-turntts (dazu prosapiat Cart. £t^ 
379), Saat, yevsa. Unmöglich ist die Mommsen's, von saepire.] 



86 SIEBENTER ABSCHrnTT. 

und würden die letzten sein. Auch in Rom wurden ähnliche Zeichen 
beobachtet, z. B. im J. 666 d. St., 88 v. Chr., wo der marsische 
Krieg zu Ende ging, der scharfe Klageton einer Trompete, welcher 
bei heiterm Himmel so laut ertönte, dals alle Menschen sich darüber 
entsetzten^): worauf „die Weisen unter den Etruskern^* sich in dem- 
selben Sinne, nur mehr im Geschmacke der Geistlichkeit vernehmeD 
lassen. Ein andres Zeichen der Art schien dem etruskischen Haruspex 
478 Vulcatius der Stern zu sein, welcher bei den Leichenspielen des Cäsar 
im J. 43 y. Chr. bei hellem Tage erschien und yon Octavian für 
den Geist seines Adoptivvaters erklärt wurde. Jener Haruspex nannte 
ihn dagegen vor allem Volk einen Kometen, welcher den Ausgang 
des neunten und den Anfang des zehnten Saeculums verkündige, 
mit dem Zusätze dafs er selbst alsbald seinen Geist aufgeben werde^ 
weil er gegen den Willen der Götter dieses Geheimniüs verrathen 
habe. Und wirklich sank er noch vor dem SchluXs seiner Rede 
entseelt zusammen*). 

Dafs es auch die SibyUinischen Bücher an solchen Weissagungen 
von einer periodischen Erneuerung der Dinge nicht fehlen Ueüsen, 
beweist das merkwürdige Gedicht Yirgils, die vierte Ecloga. Auch 
waren es diese Bücher, welche zu der Stiftung regelmäHsig wieder- 
kehrender Saecularspiele die erste Veranlassung gaben, wie es scheint 
erst im Verlaufe des ersten punischen Krieges; denn alle früheren 
Saecularspiele sind erst durch spätere chronologische Klügelei in die 
römischen Annalen gekommen. Und zwar scheint man sich dabei 
eben an jene gentilen Traditionen der Valerier angeschlossen zu haben : 
ein Beweis mehr, dafs diese wirklich früher des Dienstes der Unter- 
irdischen auf dem Terentum pflegten, bis im Laufe des ersten 
punischen Kriegs die ersten öfl'entlichen ludi Tarentini und hernach, 
je nachdem man das Saeculum zu 100 oder zu 110 Jahren berech- 
nete, denselben Göttern regelmäfsige ludi Saeculares veranstaltet 
wurden. So soll schon der erste Consul P. Valerius Poplicola jenen 



') Auch Varro hatte davon erzählt, io einer eigenen Schrift de saeculis 
s. Serv. V. A. VIII, 526, v^l. Said. v. ZvUms, Dio fr. 102 p. 91 fiekker. 
[Wahrscheinlich in dem so betitelten 15. Bach der Hamanae, der Quelle des 
Censorin: 0. Gruppe Hermes 10, 51.] 

*) Serv. V. Ecl. IX, 47. Die Berechnung der dem römischen Volke za- 
{gemessenen Dauer von 1200 Jahren bei Censorin 17, 15 ist dagegen ein Re- 
snltat römischer oder umbrischer Auguralwissenschaft, nicht etraskischer Ha* 
ruspicin. 



LUDI SAECULARES. 87 

von dem Ahnherrn seines Geschlechts gestifteten Gottesdienst auf 
Veranlassung einer Pest wiederholt haben, nach Einigen im J. 245, 
nach Andern im J. 250 d. St., dann wieder ein Valerier im J. 298 
d. St., wo M. Valerius und Sp. Verginius Consuln waren: daher nach- 
mals Einige jene Spiele des ersten Consuls, Andre diese spätem für 
die ersten römischen Saecularspiele gehalten wissen wollten^). Ehen 
so hegen über die zweiten ganz verschiedne Berichte vor, indem 
einige Referenten das J. 353 d. St. nennen, wo Rom wieder von 
Krankheit und Noth bedrängt gewesen sei und unter den BüUtär- 
tribunen des Jahres wirküch wieder ein Valerier genannt wird^), 
dahingegen Verrius Flaccus das J. 406 d. St. , die Aufzeichnungen 474 
der Quindecemvirn, eine Hauptquelle dieser apokryphischen Nach- 
richten, dagegen das J. 408 genannt zu haben scheinen^), immer 
solche Jahre wo ein Valerier Consul war. 

Die wirkhchen ersten Saecularspiele, gewöhnlich galten sie für 
die dritten, wurden nach den glaubwürdigsten Berichten im J. 505 
d. St., nach den Aufzeichnungen der Quindecemvirn im J. 518 ge- 
halten, auf Veranlassung der Sibyllinischen Bücher und als ludi 
Tarentini, aber mit dem Beschlüsse (und erst dadurch wurden sie 
Saecularspiele), dafs sie fortan mit jedem neuen Saeculo wiederholt 
werden sollten. Ohne Zweifel war es diesesmal noch der Glaube an 
Erneuerung der Zeiten und Abwendung einer schweren Gefahr, 
welcher den Anla£s zu der Wahl grade von diesen Spielen der 
Unterirdischen gab. Ist dieser Glaube mit der Zeit verloren ge- 
gangen, so war das die natürliche Folge der ganz mechanischen 
Berechnung des Saeculums zu 100 oder 110 Jahren; denn so diffe- 
rirte nachmals die Rechnung, wovon eine neue Verwirrung der Zeiten 
und unter den Kaisern sogar eine lächerUch oft wiederholte Feier 
der Saecularspiele die Folge war. Damals gab der ungünstige Ver- 
lauf des ersten punischen Kriegs und eine aufserordentUche Sorge 
den AnstoDs; nehmhch der BUtz hatte in die alte Servianische Mauer 

1) Val. Max. II, A, 6, Zosim. III, 3, ve^l. Fest. p. 329, Censorin 17, Plut. 
Popl. 21. 

*) L. Valerius Potitus IV. Zosimus U, 4 Deiint iha irrig eloen Consul. 
Nach Liv. V, 13 wurde um dieselbe Zeit das erste Lectisteraiain gehalten. 

<) Fest. p. 329 in einer verstümmelten Stelle [Roth a. 0. S. 374, Mar- 
qaardf im (alten) Handb. S. 338] nannte ein Jahr wo Popillins Laenas Consul 
war, vermnthlich das J. 406, M. Pop. Laen. IV, M. Valerie Corvo Coss., die 
Commentarii XV vir. b. Censorin 17, 10, 408: amio CCCC et t decimo M, 
Falerio Corvino (curmino die Hss., Corvo Mannt.) // C. Poetelio cos. 



88 SIEBENTER ABSCHNITT. 

zwischen der p. Collina und Esquilina so heftig eingeschlagen, dafs 
ein Theil derselben trotz ihrer aufserordentlichen Festigkeit einge- 
stürzt war. Die Sibyllinischen Bücher versprachen Hülfe in der Noth, 
wenn man den unterirdischen Göttern, d. h. dem Dis und der Pro- 
serpina im Marsfelde (vielleicht wurden hier zuerst die griechischen 
Namen anstatt der älteren einheimischen genannt) in drei auf ein- 
ander folgenden Nächten Tarentinische Spiele halte und dazu dunkle 
Opferthiere (furvas hostias) schlachte, auch eine regelmäüsige Wieder- 
kehr dieser Spiele nach Ablauf jedes Saeculums gelobe^): das war 
476 also die eigentliche Stiftungsurkunde, aus welcher die sacralen Be- 
stimmungen jener Legende natürlich erst später entstanden sind. 
Andre sprechen von einer Feier dieses Festes an drei Tagen und 
drei Nächten und einem schon damals abgesungenen Saecularcarmen ; 
doch ist zu befürchten dafs diese Angabe erst aus der späteren Feier 
der Saecularspiele unter August auf diese frühere übertragen ist. 

Neue Widersprüche sind hinsichtlich der vierten, eigentlich der 
zweiten Saecularspiele zu schlichten. Wahrscheinlich wurden sie 
grade hundert Jahre nach den ersten, also im J. 605 d. St., 149 
V. Chr., zu Anfang des dritten punischen Kriegs gefeiert. Doch ver- 
legten sie Andre auf das J. 608, noch Andre, namentlich jene Com- 
mentare der Sibyllinischen Quindecimvirn, welche das Saeculum zu 
110 Jahren berechneten, auf das J. 628 2). 

Die nächsten Saecularspiele waren die des August, welche im 
J. 737 d. St., 17 V. Chr. gehalten wurden und in der Geschichte 
dieses Gottesdienstes in mehr als einer Hinsicht Epoche machen. In 
den Stürmen des letzten Ausganges der Republik war er so gut wie 
viele andre vergessen worden; August zog ihn nicht allein wieder 
hervor, sondern er erlaubte sich auch mehrere Neuerungen. Die 



1) Censoria 17, 8, vgl. Comm. Crnq. z. Horat. Carm. Saec. 1, wo der Ur* 
Sprung dieser Spiele sogar auf Numa zurückgeführt wird [freilich ist diese 
ganze Darstellung, welche, abgesehen von der nicht schwer wiegenden Hin- 
Weisung auf Numa und der bedenklichen Angabe des Gonsulats des Ap. Clau- 
dius Pulcher, mit Censorin übereinstimmt und sich als ein Excerpt aus Ver- 
rius Flaccus giebt, wegen des Schweigens des Porphyrion und des 'Acren' 
wieder höchst auffällig], Liv. Epit. 1. XLIX, Val. Max. II, 5, 5. Bernays 
macht im Rh. Mus. f. Phil. Xli (1857) S. 436 ff. darauf aufmerksam, dafs mit 
dem J. 505 d. St. auch die regelmäfsige und amtliche Aufzeichnung der Pro- 
digien beginne, was wahrscheinlich mit der etruskischen Saeculartheorie zu- 
sammenhänge. 

3) Censorin und Liv. Epit. I. c, Fischer Rom. Zeittafeln z. J. 605. 628. 



LUDI 9AECULARES. 89 

merkwürdigste habe ich schon oben (l, 310) beim Apoll besprochen; 
es ist die Verschmelzung des Dienstes der Unterirdischen mit dem 
der Capitolinischen Götter und seines Lieblings- und Schutzgottes, 
des Palatinischen Apoll: eine Theokrasie welche in der Geschichte 
des römischen Gottesdienstes überhaupt sehr bemerkenswerth ist und 
ohne Zweifel daher entsprang, dafs nach dem damaligen Glauben die 
Gnade und Hülfe dieser himmlischen Götter als Schutzgötter des 
Staates und des Kaisers bei einem so verhängnifsvollen Zeitabschnitte 
wohl noch wichtiger war als die der Unterirdischen. Dazu kam dafs 
die Quindecemvirn der Sibyllinischen Bücher, die eigentlichen An- 
stifter und Anordner der Tarentinischen Saecularspiele, durch August 
zugleich die Priester des Palatinischen Apoll geworden waren. Ihnen 
also wurde damals auch die Bereclfnung der Zeit überlassen, wobei 
sie das Saeculum zu 110 Jahren nahmen und von dem J. 737 rück- 
wärts gehend auf die Jahre 628, 518, 408 und 298 geführt wurden, 
wo nach ihren Berechnungen also nun die früheren Saecularspiele 47« 
trotz aller abweichenden Ueberlieferungen guter Quellen gehalten sein 
mufsten ^). Ueber die Feier selbst geben Zosimus II, 5 und ein von 
ihm mitgetheiltes Sihyllinisches Orakel, welches vermuthlich damals 
publicirt wurde, genaue Nachricht. Vorher, es war im Sommer^), 
ging ein Herold durch Rom und durch Italien mit dem auch später 
bei derselben Gelegenheit wiederholten Rufe der Ankündigung von 
Spielen, quos nee spectasset quisquam nee spectaturus esset ^). Einige 
Tage vor dem Feste wurden von den Quindecimvirn auf dem Capitol 
und im Tempel des Palatinischen Apoll die zu den vorgängigen Rei- 
nigungen nöthigen Materialien d. h. Fackeln, Schwefel und Asphalt 
vertheilt, wobei alle Sklaven als nicht zur Theilnahme berechtigt 

^) CeDsoria 1. c, vgl. Zosim. 1. c, Soeton Octav. 3J, Dio LIV, 18. Alle 
sprechen von den fiiaften Saecalarspielen, eia sichrer Beweis dafs auch das 
bei Censorio erwähnte Edict des August nacb vorhergegaogner Berechnung der 
Quindecimvirn denselben Ausdruck gebraucht hatte. Die Disposition des Festes 
machte Ateius Capito, der berühmte Jurist und eben so grofse Kenner des 
pontificalen Rechts. 

') Man vermuthet im Juli, zur Zeit der ludi Apollinares. Die Angabe bei 
Zosimus xaTct rr^v wQctv rot S-^QOvg wird bestätigt von Claudian de VI Cons. 
Honor. 388 tarn flavescenUa centum messibtt* aestivae detondent Gargara 
falces etc. 

') Diesen Herold sieht man auf den Münzen Augusts von diesem Jahre 
und auf denen der Gens Sanquinia, ferner auf denen Domitians, s. Eckhel 
D. N. VI p. 385. Überhaupt sind die römischen Münzen, namentlich die Do- 
mitians, reich an Beziehungen auf diese anfserordentliche Feier. 



90 SIEB£I>(TER ABSCHNITT. 

zurückgewiesen wurden. Zugleich erhielt das Volk an denselben 
Statten und im T. der Diana auf dem Aventin eine Spende von 
Waizen, Gerste und Bohnen^). Dann begann die eigentliche Feier, 
welche jetzt sowohl den obern Göttern als den untern galt, also 
sowohl bei Tage als bei Nacht stattfand, drei Tage und drei Nächte 
hinter einander. Geopfert wurde dem Jupiter und der Juno auf dem 
Capitol, dem Apollo, der Latona und der Diana im kaiserUchen 
Palaste, und endlich den Parcen, den Göttinnen der Geburt und dem 
Dis nebst der Ceres und Proserpina d. i. der herkömmUchen Gruppe 
unterirdischer Gottheiten. In der ersten Nacht begab sich der Kaiser 
nach dem Terentum, um dort an drei Altären drei schwarze Lämmer 
zu opfern, welche ganz verbrannt wurden^). Zugleich wurde auf 
477 einer Bühne bei künstlicher Beleuchtung ein für diese Gelegenheit 
gedichteter Gesang vorgetragen, auf welchen die herkömmUchen 
Spiele folgten. An dem auf diese Nacht folgenden Tage zog eine 
Procession aufs Capitol, um hier die vorgeschriebenen Opfer zu 
bringen, und von dort zu jener Bühne, um Apollo und Artemis zu 
feiern. In den folgenden Nächten scheinen die Opfer und Spiele 
der Unterirdischen wie früher fortgedauert zu haben; am zweiten 
Tage aber zogen die Frauen aufs Capitol, um dort auch ihrerseits 
zu beten und zu singen. Endlich am dritten Tage wurde der Gesang 
im Tempel des Palatinischen Apollo von neun Knaben und Mädchen 
aufgeführt, verschiedne Hymnen und Päane in griechischer und in 
lateinischer Sprache, darunter bekanntlich das für diese Gelegenheit 
bestimmte Gedicht des Horaz. 

Auf diese Spiele des August folgten schon im J. 800 unter 
Claudius neue Saecularspiele, weil dieser Kaiser, beiläufig ein ge- 
lehrter Alterthümler, der Ueberzeugung war dafs August und seine 
Rathgeber nicht die rechte Zeit beobachtet hätten. Also ging er auf 
die allerdings besser beglaubigte Ueberlieferung zurück, nach welcher 



^) Auf den Münzen Domitians, wo der Kaiser selbst bei diesen Verthei- 
lungen präsidirt, werden diese FRVGes genannt, jene Reinigungsmittel (tcc 
xad-ccgaia, kvfiaTa) dagegen SVFfimenta. 

') Nach den Münzen Domitians wurde bei derselben Gelegenheit von dem 
Kaiser der Tellus ein Schwein geopfert, vgl. Horat. Carm. saec. 29, nach 
Andern in dieser ersten Nacht am Tiber den Unterirdischen ein Bock und ein 
Lamm, später auf dem Capitole dem Jupiter ein Stier. Auch der Gesang der 
Knaben und Madchen im T. des Palat. Apoll, gleichfalls in Gegenwart des 
Kaisers, ist auf diesen Bildern abgebildet. 



LUDI SAECULARES. 91 

die dritten und vierten Saecularspiele um 500 und 600 gefeiert 
worden waren, behauptete dals die fünften hätten um 700 gefeiert 
werden müssen, und glaubte seinerseits die eben bevorstehenden 
nicht unterlassen zu dürfen. So zog denn wieder der Herold mit 
seinem stattlichen Rufe durch Stadt und Land, wurde aber nicht 
wenig ausgelacht, da wohl noch Manche lebten, die vor 63 Jahren 
die Spiele des Augustus mitgemacht hatten: ja es fand sich sogar 
ein Mime, der damals getanzt hatte und jetzt von neuem auftrat^). 
So gab es nun vollends zwei verschiedene Canones, welchen die spä- 
teren Kaiser nach Belieben folgen konnten. Und wirklich fanden 
beide ihre eifrigen Anhänger, was bei der zunehmenden Lust an 
Schauspielen aller Art nicht auffallen kann. So folgte dem Canon 
des August zunächst Domitian bei der im J. 841, also 41 Jahre 
nach der des Claudius veranstalteten Feier, von welcher sowohl die 
Dichter als die Münzen der Zeit zeugen und bei denen der Geschichts- 
schreiber Tacitus als Quindecimvir beschäftigt gewesen sein mufs^); 
ferner Septimius Severus im J. 957 d. St., die achten Saecularspiele 478 
in der ganzen Reihe, wobei freilich der Abstand von 110 Jahren 
nicht ganz genau beobachtet wurde ^). Dahingegen dem das Saeculum 
zu 100 Jahren berechnenden Canon des Claudius vielleicht Antoninus 
Pius folgte*), dann gewifs die beiden Philippe, Vater und Sohn, 
welche im J. 1001 nach sicherer Ueberlieferung der Münzen und der 
Schriftsteller wieder Saecularspiele gefeiert haben ^). In den folgenden 
Zeiten ging man sogar noch einen Schritt weiter, indem man fort- 
gesetzt an beiden Canones festhielt, aber das Maafs eines Saeculums 
auf die Hälfte reducirte, also das des August auf 55, das des Clau- 
dius auf 50 Jahre. So ist es zu erklären dafs Gallien schon wieder 
im J. 1012, also 55 Jahre nach den Spielen des Septimius Severus, 
und Diocletian und Maximian im J. 1051, also 50 Jahre nach denen 
der beiden Philippe Saecularspiele hielten^). Diese sind aber auch 



1) SuetoaCland. 21,Plm. H. N. VII, 159, Censorin 17, 11. [Vgl. Mommsea 
a. 0. S. 192 und dagegen 0. Hirschfeld a. 0. S. 101.] 

») Tacit. Abd. XI, 11, vgL Martial. IV, 1, 7, X, 63, Sut. Sil. I, 4, 17, IV, 
1, 37, Saeton Domit. 4, Zosim. II, 4, Censorin 1. c. Der Altar im Terentum 
wurde nach jeder Feier wie der des Consns von neuem zugeschüttet. 

s) Herodian IH, 8, Eckhel D. N. VJI p. 185. 

*) Aurel. Victor Caes. 15 celebrato magnißce Urins nongentesimo. 

^) Aarel. Vict. Caes. 28, vgl. Eckhel D. JV. VII p. 323 sqq. und den Chronogr. 
y. J. 354 p. 647 ed. Mommsen; Hi seculares veros in Circo Max, ediderunt 

•) Eckhel D. N. VII p. 409, VIII p. 20 sqq. 



92 SIEBENTER ABSCHNITT. 

die letzten geblieben, denn weiterhin, in den Zeiten des Constantin, 
war das Heidenthum schon zu ohnmächtig geworden, als dafs man 
auf diese veralteten Traditionen wieder hätte zurückkommen mögen. 

4. Die ludi Tauni, 

Aufser diesen Spielen werden noch ludi Taurii als solche ge- 
nannt, welche gleichfalls dem Dienste der Unterirdischen gegolten 
hätten. Sie sollen schon unter Tarquinius Superbus und zwar auf 
Veranlassung einer Seuche gestiftet sein, und der Name soll mit 
dem herkömmhchen Opfer der unfruchtbaren Thiere zusammen- 
hängen^). Da diese Spiele im Circus Flaminius begangen wurden, 
die Saecularspiele im Marsfelde beim Terentum, so müssen sie von 
479 diesen verschieden gewesen sein, wie beide denn auch der Zeit nach 
keineswegs zusammenfielen^). Also vermuthlich eine ähnliche Art 
von Spielen, nur dafs sie nicht wie die Saecularspiele regelmäMg, 
sondern unregelmäfsig und in Folge aufserordentlicher Veranlassungen, 
wie sie innerhalb der langen Fristen der Saecularspiele von Zeit zu 
Zeit vorkommen mochten, den unterirdischen Göttern gelobt und 
gehalten wurden. 



^) Serv. V. A. H, 140^ nach welchem die hostia taurea d. i. sterilis der 
forda d. i. gravida entgegengesetzt wurde. Andre Erklärangen b. Paul. p. 350, 
Fest. p. 351. [Die im Ganzen aus dem Auszag herzustellende Stelle des Festua 
lautet: [Taurii ludi in]stiiuti dis inferis ex [lihris fatalihus] Tarquinio 
regnante, cum [magna incidisset] pestilentia in muUeres [quae laborabant ex] 
fetu. ei (si die Hs.) facti sunt ex car[ne divendita populo] taurorum immo- 
latorum. ob hoc [ludi Taurii] appellati sunt et fiunt [in circo Flaminio ne] 
intra muros evocentur di [inferi]. So Jordan in engem Anschlufs an die erste 
Erklärung bei Servius. Müller bat schon gesehen (p. 412) dafs Paulus falsch 
interpretirte (er excerpirt pestilentia — quae fuerat facta ex eame u. s. w.). 
Festus denkt also an eine visceratio, wie bei dem ebenfalls tarquinischen Jup- 
piterfest auf dem Albanerberge (I, 212 f.). Bei Servius findet sich der Rest 
der besseren Überlieferung: die Frauen, denen partus male cedebat, d. h. die 
nicht gebären konnten, hiefsen wie die hostiae steriles: iaureae, danach das 
Fest, welches dies Unglück beseitigen sollte. Daraus wird bei Festus eine 
Frauen seu che und das Fest heifst nach den Opfer stieren. Leider ist die 
bei ihm folgende Erklärung des Varro nicht zu enträthseln. Es bleibt frag- 
lich ob das Zeugnifs für hostia taurea glaubwürdig ist und somit die Deutung 
unsicher.] 

«) Vgl. Varro 1. 1. V, 154 und Liv. XXXIX, 22, nach welchem im J. 
567 d. St. zwei Tage lang ludi Taurii reUgionis causa gefeiert wurden. 



LUDI TAURII. BESTATTUNGSGEBRÄUGHE UND TODTENFEIER. 93 

Bestattungsgebräuche und Todter^feier, 

Mancherlei Licht auf die Vorstellungen von der Unterwelt und 
dem Schicksal der Verstorbnen werfen auch die Gebräuche der 
Todtenbestattung und die verschiedenen auf Todtendienst und Unter- 
welt bezüglichen Opfer und Feste, von denen wir im Folgenden 
das Wichtigste d. h. dasjenige was religiösen Inhalts ist hervor- 
heben ^). 

Bei den Gebräuchen der Bestattung lassen sich vier Acte unter- 
scheiden, der der Ausstellung des Leichnams, collocatio, nQO&eaig, 
der des Leichenzugs, der exsequiae, pompa funebris, ferner der der 
Bestattung, in älterer Zeit humatio, später funus im engern Sinne 
des Worts*), endlich der unmittelbar folgenden Familien- oder öffent- 
lichen Feier des Verstorbnen d. h. der feriae denicales und der ludi 
funebres. So lange der Todte im Hause ist, ja so lange er nicht 
rite bestattet d. h. durch alle ihm nach religiösem Herkommen und 
pontificalem Gesetz gebührenden Ceremonien zu einem seligen Geiste 
geweiht ist, so lange gilt das Haus und die Familie für unrein 
(domus funesta), denn alles Todte verunreinigt. Daher eine ganze 
Reihe von Reinigungs- und Sühnungsgebräuchen, welche gleich bei 
der Bahre des Verstorbnen beginnen. Zur Warnung für alle Vor- 
übergehende, namentlich für die Priester, wird eine Kiefer oder eine 
Cypresse vor die Thür gestellt^); das Haus selbst wird mit einer 
eignen Art von Besen ausgekehrt, daher der als Erbe zur Bestattung 
Verpflichtete der Auskehrer (everriator, s. oben I, 377) genannt 
wurde ; ferner wurde gleich jetzt, im Angesichte des Leichnams, die 48o 
porca praesentanea und später, vor der nächsten Emdte, die porca 
praecidanea geopfert (S. 7), beide um die Familien zu reinigen 
und die Ackergöttin, welche die Verstorbenen in ihren Schoofs auf- 
nimmt, günstig zu stimmen. Dann folgte, nachdem die Ausstellung 
angeblich sieben Tage lang gedauert hatte ^), der Leichenzug über 



1) [Vgl. besonders Lübbert Qoaestiones pontiEcales B. 1859 S. 70 ff. und 
die Sammlungen Marquardt's Privatleben 1, 330 ff. Verwaltung 3, 295 ff.] 

*) Serv. V. A. II, 539 funus enim est tarn ardens cadaver, quod dum por- 
tatur exsequias dicimus, crematum reUquiaSy candäum tarn sepulcrum. Vgl. 
Sueton Dom. 15. In dem älteren Sprachgebrauch ist funus das Ganze der Be- 
stattung, speciell der Leichenzug. 

») Plin. H. N. XVI, 40. 139, Serv. V. A. IH, 64, IV, 507 u. A. Die Räucher- 
pfanne bei der Bahre (Paul. p. 18 acerra) diente wohl nur zur Reinigung der Luft. 

*) Serv'. V. A, V, 64 Jpud maiores utriuhi qms fUisset exstinctus, ad dO" 



94 SIEBENTER ABSCHNITT. 

das Forum vor die Stadt, vor welchem Thore jedesmal das Begräb- 
nifs war, gewöhnlich mit einem sehr zahlreichen Gefolge und präch- 
tiger Ausstattung, Leichenmusik, Klageweibern, Mimen u. s. w., wie 
denn schon die zwölf Tafeln gegen diesen Luxus einschreiten mufsten. 
Endlich schritt man zur Beerdigung, humatio, denn dieses blieb auch 
später der gewöhnliche Ausdruck, obgleich man damals mit seltenen 
Ausnahmen die Todten verbrannte: eine wahrscheinlich von den 
Eti^uskern und den Griechen angenommene Sitte, da die Todten 
früher sowohl in Italien als ziemlich allgemein bei allen Völkern be- 
graben d. h. der Mutter Erde wiedergegeben wurden, dals sie sie 
berge und heilige^); denn auch in dieser Hinsicht ist der religiöse 
Glaube die Seele des äuüserlichen Gebrauchs. Namentlich war in Rom 
das ganze Pontificalgesetz Numas, in welchem die Sorge für die Todten 
einen Hauptabschnitt bildete, auf die Voraussetzung des Begrabens 
begründet, und in einzelnen Geschlechtern behauptete sich die alte 
Sitte sehr lange, z. B. in dem der Cornelier bis Sulla, welcher aus 
Furcht vor Wiedervergeltung, da er sich an den Reliquien des Marius 
vergriffen hatte, zuerst von dem alten Gebrauche seines Hauses ab- 
gewichen sein soll. Auch hatte das Pontificalgesetz selbst für die 
spätere Zeit des Verbrennens einige symbolische und stellvertretende 
Gebräuche der früheren Beerdigung zur unumgänglichen Bedingung 
eines rechten Begräbnisses gemacht d. h. eines solchen, welches die 
Kraft hätte, zugleich die Reste des Verstorbenen zu heiligen und die 
Familie seiner Hinterbliebenen zu reinigen'). Besonders gehört dahin 



mum suam referebahir — et iüic erat Septem diebus. Octavo ineendebatur^ 
nono sepeliebatur y unde Uoratius (Epod. 17, 48) novendiales dissipare 
pulvere s. Inde etiam ludi, qui in honorem mortuorum celebrabanturf noven- 
diales dicuntur. Später scheint die Ausstellnng gewöhnlich nur drei Tage ge- 
dauert zu haben, s. Gomm. Grnq. z. Horat. 1. c. [Doch ist diese Behauptung, 
ehe nicht die Quelle nachgewiesen ist, trotz der beschönigenden Bemerkungen 
Marqoardt's Privatl. a. 0. S. 338 nicht zu verwerthcn. Vgl. Lübbert a. O. 
S. 76.] 

1) Cic. de Leg. IJ, 22, 56, Tusc. I, 12, 13, Plin. H. JN. II, 154, VII, 187. 

») Varro 1. 1. V, 23, Cic. de Leg. If, 22, 55 und 57, Paul. p. 148 mem- 
brum abscidi mortuo, [Doch galt den Römern als Gesetz des Numa die von 
Plinius XIV, 12 überlieferte Bestimmung vino rogum ne respergito, welche, 
obwohl verhältnirsmärsig spät formulirt , doch für die Vorstellung der RSner 
von dem hohen Alter des Verbrennens ebenso beweiskräftig ist wie für die 
Annahme, dafs im ältesten Todtenkult die Verwendung des Weins unbekaaut 
war (Heibig Ital. in der Poebeoe S. 71). Auch scheinen thatsächlieh die letz- 



BESTATTUNGSGEBRÄUCHE UND TODTENFEIER. 95 

die Sitte, dem Todten eine Erdscholle mit in das Grab zu werfen 48i 
und wenigstens einen Finger von ihm nicht zu verbrennen, son- 
dern zu beerdigen: wozu dann noch verschiedene andre, von dem 
Religionsgesetze vorgeschriebene und von den Pontifices überwachte 
Gebräuche, Spenden und Opfer kamen, welche zusammengenommen 
den Erfolg hatten, den Ort der Bestattung zu einem sepulcrum d. h. 
zu einem Heiligthume zu machen ^), den Geist des Verstorbenen 
aber nicht allein zu beruhigen, sondern auch zu erhöhen d. h. zu 
einem reinen und geistigen Wesen gleich den übrigen Dii Manes 



ten Funde in den ältesten Nekropolen Roms jene Vorstellang zu bestätigen 
(Jordan Top. 1, 1, 549), obwohl ein sicheres chronologisches Datum noch nicht 
gewonnen ist. Wohl zu beachten ist dabei die Frage ob rogus entlehntes 
^oyog (nachweisbar nur in der Bedeutung horreum) oder ob rogos, wie es 
den Anschein hat, den Griechen und Italikern in der Bedeutung 'Holzstofs für 
die Leichenverbrennung' gemeinsam war (Jordan Krit. Beitr. 84). Eine defini- 
tive Lösung kann erst eine zusammenfassende Darstellung der ältesten ita* 
lischen Gräberfunde bringen, deren Ergebnifs zur Zeit noch nicht zu über- 
sehen ist. — Über Sulla vgl. Granius Licinianus p. 43 Ronner A.] 

') Daher die sepulcra maiorum zu den öffentlichen Heiligthümern einer 
Stadt gehören, vgl. Liv. XXVI, 13, 13. Flor. II, 7, 4. Daraus entstanden 
mit der Zeit förmliche Tempel, Mausoleen [Paus. VIII, 16, 4; maesoleum ist 
die gewöhnliche Form seit der augusteischen Zeit Jordan Top. 2, 16] u. s. w. 
Non. Marc. p. 464 templum et sepulcrum dici potest veterum audoritate ^ mit 
Hinweisung auf Virg. Aen. IV, 457, vgl. Sil. ItaL I, 81 ff., XV, 260 ff. u. A. 
[Selten und wohl nur in dem in der f. A. bezeichneten Sinne wird das einzelne 
Grab geradezu aedes oder templum genannt. (Wilm. Ex. 293. 307, Eph. epigr. 
4, 489), wovon das ebenfalls singulare «acronum (Bull. d. I. 1873, 13) wieder 
verschieden ist (unten zu S. 498). Der gewöhnliche Name sep-ul-crum (sep" 
d'io) ist wohl trotz der Kürze des Vokals an saep-es, arix-og anzuschliefsen. 
Denn jeder Todte erhielt ursprünglich in, d. h. unter der Erde (daher con- 
dere, Consus, cubiculum conditivum: oben), seine umfriedigte Ruhestätte, 
später ein darüber errichtetes Haus mit vestibulum {forumt) und ambäus. 
Dieses Grundstück liegt extra urbem, in solo prmäo (beziehungsweise gentis) 
und ist locus religiosusj d. h. Knltstätte der manes (inferi) überhaupt und der 
dei patentes der einzelnen Familie. Daher das singulare sacr(um) religiosum 
Bull. d. L 1862, 5. Auch Massengräber unbemittelter Leute (Halbbürger?) 
auf solum publicum, (esquilinische puticuU^) sind sehr alt; später die collegia- 
len columbaria. Diese Entwickelung in Rom (vgl. Jordan Krit. Beitr. 87) ist 
vermuthlich die gemeinitalische (über Pompeji Nissen P. Stnd. 381 ff.). Ein 
saeeüum einer Todesgöttin als Schutzgottheit einer ganzen Nekropole (zu Ca- 
pua, Duhn Bull, deir ist. 1876, 171 ff.) scheint bis jetzt noch vereinzelt zu 
stehen. — Übrigens wird eine monographische Bearbeitung des Gegenstandes, 
welche dringend nothwendig ist, wiederum die Vollendung des Corpus ab- 
warten müssen.] 



96 SIEBENTER ABSCHNITT. 

ZU machen^). Das Grab wurde mit Wein besprengt und dem Lar 
d. h. dem Geiste des Verklärten ein Opfer von Widdern darge- 
bracht, ferner ein eignes Opfermahl für denselben bereitet und an 
seinem Grabe hingesetzt: das ist das sogenannte silicernium, welches 
Wort zugleich sprichwörtlich für hochbetagte Greise gebraucht wurde, 
denen es, wie es scheint, gewöhnlich preisgegeben wurde *). Aulserdem 
sorgte man fleifsig für Blumen und Bäume auf dem Grabe, Myrten 
und Rosen, Veilchen und Lilien und andre anmuthige Gewächse, 
482 denn es galt sowohl in Italien als anderswo der Glaube, dals zwischen 
dem Verstorbenen, der in dem Grabe ruhe, und den Gewächsen 
seiner Erddecke ein inniges Wechselverhältnifs bestehe, ja dafs der 
Gemüthsart des Verstorbenen gemäfs bald zartere bald wildere (Je- 
wächse aus derselben keimten, womit auch der bekannte Nachruf: 

^) Vgl. Plut. Qa. Ro. 14, wo erzählt wird, dafs beim fnnus die Söhne 
eines Verstorbenen mit verhülltem Haupte, die Töchter irber mit blofsem 
Kopf und gelöstem Haare zu folgen pflegten, und dann von den Hinterblie- 
benen überhaupt nach Varro hinzugesetzt wird: xal ytiQ inl rav Taqxov, 
dig (priat Baggatv^ negurTgifpovrai xa^aneg &€oSv tegä Tifimrtsg ra i&v na' 
rigtov fiyrifiara^ xal xavaavreg rovg yoveig otav offr^tp nqtoToy Ivrvj^cjai 
yeyovivai, tov te&mjxota Xfyovat, Natürlich schlofs sich hier die Consecra- 
tion sehr leicht an, wie in Griechenland der Heroendienst und die Apotheose. 
Vgl. Tertull. Apolog. 13 Quid omnino ad honorandos eos (sc. deoi) facUü 
quod non etiam mortuU vestris conferaUs? [Damit hängen wohl die verein- 
zelten Beispiele der Umnennung eines Verstorbenen in eine Gottheit zusammen 
wie der Claudia Semne in Fortuna-Spes- Venus , oder Offitae Feneri Cupidmi 
wferorum u. ä. (s. Wilm. Ex. 240 — 242), hiermit wiederum die Benennung 
des Grabmals als aedes, templum (S. 95, 1). Doch sind dies alles verhältnifs- 
mäfsig späte Anomalien, welche dem griechischen, nach Italien verpflanzten 
Heroenkult entstammen.] 

*) Tertull. 1. c. Quo differt ab epulo lovis silicernium? a simpulo öbbal 
ab haruspice pottinctor? Nam et haruspex mortuis apparet. Über das silicer« 
nium, griechisch nsqCSeinvw, vgl. Fest. p. 294, Paul. p. 295, wo, glaube ich, 
der Name richtig erklärt wird, quia cuius nomine ea res instituebatur, is tarn 
Silentium cerneret, vgl. oben S. 64 A. 6, Non. Marc. p. 49^ Donat. z. Terent. 
Adelph. IV, 2, 48, Serv. V. A. V, 92, Fulgent. p. 560 [der ein nicht existiren« 
des silicemius mit einem gefälschten Gitat belegt: Lersch S. 38], Arnob. VII^ 
24. [Ähnlich Aufrecht Zeitschr. f. vergl. Spracbf. 8, 211 ff. Corssen Ausspr. 
1 ', 443 rechtfertigt die alte Erklärung, farcimmis genus, unter Vgl. von Fest. 
347 silatum,] Obba ist das Instrument zur Weinspende [Jahn z. Fers. S. 204. 
Vgl. das vielleicht damit zusammenhängende oboos der I. von Gagliari und 
die Glosse des Philox. obua: Eph. epigr. 4, 488.] Auch hier waren die Zwölf 
Tafeln gegen den Luxus eingeschritten, Fest. p. 158 mnrrata. Der poUinctor 
hatte für den Leichnam sowohl auf dem Paradebette als bei der Bestattung zu 
sorgen, s. Tertull. de Spect. 10, Scorp. 7. 



B^STATTUNGSGEBRÄUCHE UND TODTENFEIER. 97 

Sit tibi terra levis! zusammenhängt^). Endlich folgte zum Beschlufs 
der ganzen Feierlichkeit an dem Grabe selbst eine Reinigung mit 
Wasser und Feuer und eine Räucherung mit Lorbeer für alle die 
am Leichenzuge theilgenommen^), in der Familie aber an dem- 
selben neunten Tag der Bestattung das sacrum oder sacrificium 
novendiale, auch feriae^enicales (a nece) genannt, ein letz- 
tes Sühnungsopfer und ein Todtenschmaus, welche in grofser Stille 
und mit solcher Gewissenhaftigkeit beobachtet wurden, dafs selbst 
die Hausthiere an diesem Tage Ruhe hatten und für die Soldaten, 
welche sich nach geschehener Aushebung zu stellen hatten, aus- 
drücklich die Bestattung und eine solche Familienfeier als gültige 
Entschuldigung vorbehalten blieb*). Auch die Spiele, welche in ver- 
mögenderen Familien zu Ehre der Verstorbenen gegeben wurden, 
fielen auf diesen Tag, daher sie bald ludi funebres bald ludi noven- 
diales genannt werden^). Vornehmhch waren zu diesem Zwecke 
Ciladiatorenspiele beliebt, was in dem alten Glauben seinen Grund 
batte, daJOs an dem Grabe eines Verstorbenen Blut und zwar 
Meoschenblut flieüsen müsse '^), daher sie auf diesem Wege in Rom 



^) Grimm D. M. 786 ff., Koberstein Vermischte Aufsätze Leipz. 1858 
S. 33 ff., Bötticher der Baumcultus der Helleaea S. 282. 292. 452 ff. 457. 
{Vgl. Marquardt Privatl. S. 357: horti, pomaria, lacus gehören zu den gewöhn- 
lichen Requisiten. Charakteristisch Petron. S. 71 und die Inschrift Wilm. 315.] 

*) Paul. p. 2 aqua et iffni. p. 117 laureäti. 

») Gell. N. A. XVI, 4, 4, Colum. II, 22, 5, Cic. de Leg. II, 22, 55. Vgl. 
PauL p. 70 denicales feriae, Fest. p. 242 privatae feriae, Serv. V. A. V, 64, 
Porphyr, z. Horat. Epod. 17, 48, Tacit. Ann. VI, 5, Petron. 65. [Besonders 
aber vgl. die genaue Schilderung des Appulejns Met. IX, 30 und die Nachricht 
hei Cicero in Vat. 12, 30, dafs man bei dem sich anschliefsenden epulum nicht 
mehr in Trauer erschien : es bildet den Schlul's der Tranerzeit. Hierauf bezieht 
sich wahrscheinlich die oben S. 22 A. 1 a. römische Gefäfsinschrift einom 
sienoine (d. h. dienoni) ma[n]o statod und die Widmung des Gefäfses lovei 
JSat(umo), dem Lichtgott und dem Todtengott: Jordan Hermes 16, 239 f. Vgl. 
Macr. I, 16, 25: lanum lovemque — nominari atro die non oportet. Die Ver- 
sehiedeBheit des saeram novemdiale und der feriae denicales hat Lübbert 
Comment. pont. 75 ff. nachgewiesen.] 

^) Auch diese Spiele werden, wie jene Ferien, als Beweis für die gött- 
liche Verehrung der Verstorbnen angeführt, s. Varro b. Augustin C. D. VIII, 
26, vgl. Macrob. S. I, 16, 4. 

6) Serv. V. A. III, 67, V, 78, vgl. Valer. Max. II, 4, 7, Liv. Epit. XVI. 
Heber die Darstellungen von Leichenspielen in den etruskischen Gräbern von 
Chinai, Tarquinii u. s. w. Dennis die Städte und Begräbnifsplatze der £tr. 2, 
603. [Müller £tr. 2^ 224.] 

Preller« Bom. MythoL IL 3. Aufl. 7 



98 SIEBENTER ABSCHNITT. 

zuerst Eingang fanden, man sagt nach dem Vorbilde etruskischer 
und campanischer Sitte. Zuerst soll es bei dem Begräbnisse des 
D. lunius Brutus in demselben Jahre 264 v. Chr., wo der erste 
punische Krieg ausbrach, vorgekommen sein dafs die von vielen 
488 Geschlechtern zum Todtenopfer gesendeten Gefangenen paarweise 
zum Kampf auf Leben und Tod einan^^r gegenübergestellt wurden, 
worauf dieselben gewöhnlich auf öffenüichen Plätzen der Stadt ver- 
anstalteten Fechterspiele zu Ehren der Verstorbenen bald allgemeinen 
Anklang fanden, aber lange Zeit nur bei solchen Gelegenheiten her* 
kömmlich blieben. 

Aufser dieser Privat- und Familienfeier, die sich natürlich von 
Zeit zu Zeit, namentlich« bei der Wiederkehr des Sterbetages, durch 
Spenden am Grabe, Bekränzen desselben u. s. w. wiederholte und 
unter dem Worte parentaüo und parentalia verstanden wurde, gab 
es aber auch eine allgemeine und öffentliche Todtenfeier, eine Art 
von Allerseelenfest, wie es am Schlüsse des Jahrs in dem allgemeinen 
Sühn- und Reinigungsmonate d. h. im Februar, von einigen Familien 
aber ausnahmsweise im December begangen wurde ^). So war nament- 
lich die Woche vor dem 21. Februar eine herkömmliche Zeit der 
dies parentales, wo jede Familie ihre Todten [sie heillsen Dei 
parentes] feierte^), bis endlich am 21. der Tag derFeralia den 



^) Cic. de Leg. 11, 21, 54, Plut. Qu. Ro. 34, vgl. Marqnardt Handb. d. 
R. A. IV, 258 ff. [Verwaltung 3, 298 ff.]. Weil der Februar der herkömmliche 
Mooat der Todtenfeier war, leitete man später seinen Namen gewöhnlich von 
einem besondern Dens Febrnus d. h. Dis Pater ab, welchen die ältere (Jeher- 
lieferung aber nicht unter diesem Namen kennt, s. Macrob. S. I, 13, 8, Placid. 
gl. p. 472, lo. Lyd. d. Mens. IV, 20. [Die Inschrr., welche die parentalia 
erwähnen und z. Th. spat sind, s. bei Marqnardt. Die allgemeine Geltung de» 
Fests bezeugen auch die grammatischen Regeln der Append. Probi Gramm, 
lat. 4, 193, 8. 196, 5. 199, 4.] 

^) [Die Cornelia Gracch. mater (bei Nepos, S. 123 Ha.): ubi morttia ero 
parentabis mihi et invoeabis deum par entern. Lex regia b. Fest. 230: si 
parentem puer verberit, ast olle plorassä, puer divis parentum sacer esto. In» 
Schriften Du Parentibus: nur ans Verona C. I. L. 5, 3233 ff. (auch ^ug^usUs 
3290) und Rom C. I. L. 6, 9659 und Bull. d. inst. 1876, 193 bekannt. Mehr* 
bei Jordan Hermes 15, 530 ff., der aber übersehen hat CLL. 1, 1241: P, 
Octavi A, l. Phäom, \ ossa heic sita sunt \ deis inferum parentum \ ossa ni 
violato und Varro VI, 23 nach Mommsen's Verbesserung (R. Forsch. 2, 3): 
dies parentum (tarentum F) u4ccae Larentinas. Die dei (divi) parentum sind 
die Götter der heimgegangen en Eltern. Der uralte Kult hat sich, wie man 
sieht, nur in engen plebejischen Kreisen erhalten und ist in den Manenkultr 
aufgegangen. Vgl. auch Huschke Jahr 186.] 



BESTATTUNGSGEBRÄUCHE Und TODTENFEIER. 99 

BeschluDs dieser Todtenfeier zu Ende des alten Jahres bildete und 
am folgenden Tage, also am 22., das allgemeine zum Gedächtnifs 
der Verstorbenen begangene Familienfest der Caristia gefeiert 
wurde, so daJGs sich in diesen beiden Festen die altherkömmliche 
£inthei]ung der Leichenfeier in das Todtenopfer am Grabe und den 
letzten Todtenschmaus im Kreise der Familie von neuem darstellt. 
Denn die Feralia waren ganz den Gräbern und den in ihnen ver- 
borgenen Divi Manes gewidmet^), indem man ihnen dann allerlei 
Speise und fromme Gaben brachte und sie auf jede Weise zu be- 
ruhigen suchte. Mehr berichtet Ovid F. II, 531 ff. über diesen Ge- 
brauch, den die Ueberlieferung auf den frommen Aeneas und die 
Verehrung seines verstorbenen Vaters zurückführte. Mit geringen 
Gaben sei den Manen genug gethan, einer bekränzten Scherbe, einer 
Hand voll Salz oder Korn, oder etwas Wein mit eingebrocktem 
Brode, oder zerpflückten Veilchen, der ersten Gabe des jungen Jahrs. 
Das solle man in die Scherbe thun und diese dann mitten auf dem 
Wege hinstellen und dazu ein frommes Gebet für die armen Seelen 
sprechen. Einst im langen Kriege waren sie vergessen worden. Da 484 
befiel die ganze Stadt ein grofses Sterben und die Seelen kamen in 
der Nacht schaarenweise aus ihren Gräbern hervor und wimmerten 
und klagten auf allen Strafsen, in der Stadt und draufsen auf dem 
Lande, ein ganzes Heer von wehklagenden Geistern. Sobald man 
ihnen wieder die Ehre gegeben, war sowohl das Sterben vorüber 
9ls dieser grausige Spuk. Doch darf man während dieser Aller- 
Seelen-Tage nur der Todten gedenken; nur an den Gräbern darf 
die Fackel leuchten, nicht im fröhlichen Gedränge des Hochzeits- 
zuges; nur dort darf geopfert werden, den Manen und den unter- 
irdischen Göttern, nicht den übrigen Göttern, deren Tempel in diesen 
Tagen vielmehr verschlossen wurden^). NamentUch war dieses auch 
die Zeit wo man jener Spukgestalten des alten Volksglaubens, der 
Mania, Muta und Tacita und wie sonst die „Mutter der Laren" hiefs, 
mit allerlei Mährchen und abergläubischen Gebräuchen gedachte, die 
sich vorzüglich in den Kreisen der Ammen und der Kindermädchen 
fortpflanzten. So schildert Ovid bei dieser Gelegenheit eine Alte, 
vde sie von neugierigen Mädchen umgeben die Tacita durch einen 



*) Varpo 1. 1. VI, 13, vgl. Kai. Malf. Farnes. [Caer.: s. jetzt Eph. epigr. 
3, 8], Paul. p. 85, Macrob. I, 4, 14; 13, 3; 14, 7, 

*) iDdessen wurde auch bei den Gebeten und Opfern der parentatio der 
Aofang mit Janus und Jupiter gemacht, s. Macrob. I, 16, 25. 

7* 



100 fllEBEI^TER ABSCHNITT. 

Zauber verherrlicht, der gegen die böse Zunge und den bösen Blick 
helfen sollte^). Erst nimmt sie mit drei Fingern der Hand drei 
Häufchen Weihrauch und thut diese unter die Schwelle in ein Mause- 
loch. Dann wickelt sie allerlei Spruche murmelnd wollene Fäden 
um eine Weife von dunkler Farbe ^), wobei sie sieben schwarze 
Bohnen im Munde hin und her bewegt. Endlich nimmt sie den 
Kopf einer Mäna^), der mit Pech beschmiert und mit einer ehernen 
Nadel durchbohrt ist, näht das Maul zu und dörrt den Kopf an 
einem Feuer, in welches sie auch Wein tröpfelt, dessen Rest sie 
mit den Mädchen austrinkt. Auf dieses Fest also folgten gleich am 
nächsten Tage die Caristia, welche auch das Fest der Cara 
486Cognatio genannt wurden^) und dadurch sehr passend bezeichnet 
werden. Es war nehmlich recht eigentlich ein Fest der lieben Ver- 
wandtschaft, welches durch die ganze Stadt familienweise mit gegen- 
seitigen Geschenken und fröhlichen Mahlzeiten gefeiert wurde und 
auf die traurige Zeit der Aller-Seelentage als ein Fest der blühenden 
Gegenwart und der liebevollen Vereinigung aller Hinterbliebenen 
folgte'^). Zugleich war es ein Fest der Eintracht, wo mancher alte 



^) Vs. 579 Uostües Unguas inimicaque vinximus ora, 

') Vs. 573 Tum cantata Ugat cum fusco licia rhombo. Diese Lesart 
scheint mir besser als plumbo [das jedoch allein überliefert ist], weil der 
rhombas und das Spinnen und Drehen immer wesentlich zum Zauber gehört, 
so gut wie die licia d. h. woUene Fäden, vgl. Petron. 131 iUa de sinu licium 
protulit varii coloris fiUs iniortum cervicemque vinxit mjeam, vgl. Virg. Ecl. 
VIII, 73, Ovid. Amor. 1, 8, 8. Dagegen dienten Bleitafeln zum Eingraben von 
Zaubersprüchen [wie solche zahlreich erhalten sind: oben S. 81 A. 4]. 

^) Der oft erwähnte Fisch, der wegen seines Namens die Seele, anima, 
vertritt. [Vgl. Mercklin in den N. Jahrbb. f. Philol. 81, 282 f.] 

«) Caristia heifst das Fest bei Ovid F. II, 615 ff. und Val. Max. II, 1, 8, 
Cara Cognatio bei TertuU. Idololatr. 10 und in der lex collegi Aescnlapi et 
Hygieae bei Fabretti Inscr. p. 724 n. 443 [= Wilm. Ex. 320] , vgl. Martial. IX, 
54. 55. Das Wort caros galt speciell dem Gefühle der Verwandtschaft, s. Cic. 
d. Off. I, 17, 57 cari sunt parenteSf cari liberij propinquiy famiUares, sed 
omes omnium caritaies patria una complexa est. Auf einen ähnlichen Gebrauch 
in Athen deutet Plin. XXXV, 134 Athenion — pinxit — Athenis ßrequenUam 
quam vocavere syngenicon. [Doch s. Brunn Künstler 2, 133. — Die Bildung 
des Namens Car-is-tia weicht von der der Namen der Öffentlichen Feste 
ab: sie gehört wohl in die Reihe von soll-is-timus u. ä. (Corssen Ausspr. 1*, 
215. 1022). Von den aug. Kalendern haben den 22. Febr. nur Maff. und Caer. 
(Eph. ep. 3, 6 f.): beide bezeichnen ihn als 'comitial' und erwähnen des Festes 
nicht: es ist demnach sicher nicht Staatsfest. Vgl. Mommsen CLL. p. 387.] 

^) Ovid vs. 617 Scilicet a tumuUs et qui periere propinquis Protinus ad 






BESTATTUNGS6EBRÄUGHE UND TODTENFEIER. 101 

Familiengroll ausgeglichen wurde, auch ein Fest des Familienruhms, 
indem man unter den Verstorbenen am meisten der berühmten 
Vorfahren gedachte und von ihnen sang und erzählte. Natürlich 
wurde auch den Göttern des Geschlechts und den guten Laren des 
Hauses gehuldigt, durch welche und mit welchen jede Familie in 
der ab- und zugehenden Schaar der Gebomen und Gestorbenen sich 
fortpflanzte: bis man am Abende mit einer Weinspende und mit 
herzlichen Glückwünschen für das Wohl der Sippen und des ge- 
liebten Vaterlandes auseinanderging. Vergleichen läfst sich damit 
ein im J. 1505 von dem Bürgermeister Jo. v. Spreckelsen in Ham- 
burg gestiftetes Familienfest^), nur dafs dieses der religiösen Weihe 
entbehrte, welches dort der namentlich in Rom tief gemüthliche 
Dienst der Todten und der Hausgötter gewährte. Alljährlich kamen 
alle des Namens v. Spreckelsen und ihre Nächst- Verschwägerten zum 
festlichen Mahle zusammen, am Pfingstmontage Nachmittags 4 Uhr, 
daher das Fest in der Familie die „Pingst-Hög^^ d. i. das Pfingstfest 
hiefs. Das Mahl hatte seine bestimmten Gerichte ; einer der Vettern 
war der Ordner und Schaffner: bei ihm fanden sich alle Verwandte 
zusammen und pflegten in der geschmückten Halle eines fröhlichen 
Verkehrs. „Sie gedachten in Treuem der heimgegangenen Eltern, 
Vorfahren oder der sonst in letzter Jahresfrist geschiedenen Lieben, 
sie schlössen sich einträchtiglich an einander, theilten Lust und Weh, 
freuten sich ihres Wohlergehens und trösteten einander in betrübten 486 
Zeitläuften, stifteten und erhielten vertrauliche Freundschaft, bere- 
deten auch wohl manch künftig Ehebündnifs, und wo es Noth that, 
da halfen sie sich aus, in herzlicher Liebe oder um der Familie 
willen." [Ob das auf den 24. Februar fallende Fest Regifugium 
mit diesen Festen einen religiösen Zusammenhang hat, ist eine noch 
ungelöste Frage ^).] 

6. Der CuUus der Laren, 

Das Wort Lares [älter Lases] scheint ursprünglich wie Manes 
den allgemeinen Sinn von guten Geistern der Erde gehabt zu haben, 



VW08 ora r^erre tuvat, Postque tot amUsos qukquid desanguine restctt u^spt- 
oere et generis dinwnerare gradus, 

*) 0. Beneke Hamburger Geschichten und Denkwürdigkeiten, Hamb. 1856 
S. 53 ff. 

') [S. die Notizen bei Marquardt Verw. 3, 310 nnd besonders Hasehke 
Jahr 227.] 



102 SIEBENTER ABSCHNITT. 

nur dafs der Begriff Manes speciell die Güte und Reinheit dieser 
Geister hervorhebt, Lares dagegen eigentlich ,,die Herrn ^^ bedeutet 
gleich dem griechischen Worte ^Qoasg^), wie die italischen Laren und 
die griechischen Heroen denn in der That viel Verwandtes haben ^). 
Mit der Zeit aber wurden, wie Divi Manes speciell die Geister der 
Verstorbnen sind, so auch die Laren meist für die verklärten Geister 
der Vorfahren gehalten: wodurch eine gewisse Idealität dieses Be- 
griffs keineswegs ausgeschlossen wird, da z. B. der lar familiaris 
eines Hauses als dessen Ursprung und idealer Schutzgeist nicht der 
Geist eines verstorbnen Mitgliedes desselben gewesen sein kann. So 
ist auch der Kreis, innerhalb dessen die Laren thätig gedacht werden, 
zu ausgebreitet als dajjs man ihn blos von den Geistern der Ver- 
storbnen ausgefüllt denken könnte, wie andrerseits das verwandte 
Wort larva wie lemur zunächst im Allgemeinen den Geist eines Ver- 
storbnen, anima, tpvx^ bedeutet, dann speciell den in der Nacht 
umgehenden Geist. Daher die schwankenden Vorstellungen und Er- 
klärungen der Alten, nach welchen der Volksglaube bei dem Worte 
Laren meist an die Schutzgötter der Wege und Strafsen dachte, 
während Nigidius Figulus sie bald für die Schutzgötter der Häuser 



^) [Oben I, 89: der griechische Uebersetzer des lod. rer. gest. des Aa- 
gustus giebt aedem Lamm mit '^qcSov wieder, worüber Bergk Aug. res g. 
S. 64 irrt. Vgl. noch Bücheler Index 1. Bonn. 1878/79 S. 19.] 

') [Lases (so das Arvalenl. oben S. 33 und andere älteste Sprachdenk- 
mäler, Jordan Krit. Beitr. 135), jünger Lares (nicht dei Lares, denn C. I. L. 
2, 804 ist fremd) Ungewisser Herkunft (vgl. las-civtu?) und mit den gleich- 
klingenden etr. Wörtern, wofern diese nicht etwa entlehnt sind, nicht ver- 
wandt (oben I, 82), sind ihrem Wesen nach (Jordan Vesta u. die Laren S. 18) 
ursprünglich Flurgö'tter (als solche werden sie geradezu definirt bei Cic. Legg. 
U, 8^ 19, angerufen im Arvallied, verehrt in Gampanien (S. 492) und im Arval- 
hain Henzen Acta 145), haften daher an domus famiHaque des grundbesitzen- 
den römischen Bürgers (stehend Lar famiUariSj Lares familiäres y daher lar 
metonymisch Haus, Heerd) und behüten wie auf der Flur so in der Stadt Weg 
und Kreuzweg (viales, compitales), Ihre enge Verbindung mit den Penaten, 
Vesta und dem Genius (unten) stimmt dazu wohl und ist zugleich die Wurzel 
der späteren, grofsentheils griechisch gefärbten Vermischung mit Penaten und 
Genien aller Art, von welcher sich auch P. nicht losmachen konnte. — Die 
von Brunn veranlafste Katalogisirung des Denkmälervorraths hat eine neue 
Grundlage geschaffen: s. Jordan Annali 1862, 300 ff. (mit den ?lachträgen von 
Reifferscheid das. 1863, 121 ff.), ders. Vesta u. d. Laren, Berliner Winckel- 
mannsprogr. 1865, Annali 1872, 19 ff. und Ann. 1881. Vgl. Matz-Duhn A. 
Bildw. 3649. — Aufserdem vgl. besonders Hertzberg De diis patriis Roma- 
norum Halle 1840. Preuner Hestia-Vesta S.236ff. Rubino Vorgeschichte S. 196ff.] 



DER GULTUS DER LAREN. 103 

erklärt bald mit den kretischen Kureten und idäischen Daktylen yer- 
glichen, Yarro aber bald die italischen Manen und Genien bald die 
griechischen Heroen zur Vergleichung herbeigerufen hatte'). Noch 
später, als man die Geister aller Arten und Klassen durch einander 487 
zu werfen und nur noch etwa nach dem Unterschiede yon guten 
und bösen zu sondern pflegte, hiefs es gewöhnlich dafs die Seelen 
von guten Menschen nach ihrem Tode zu Laren, die yon bösen zu 
Larven würden^). 

Jedenfalls war auch der Glaube an diese guten Erdgeister ein 
allgemein italischer, da er sich nicht blos bei den Latinern, sondern 
auch bei den Sabinern nachweisen läfst und bei den Etruskem 
fichon wegen der Identität des Sprachgebrauchs vorausgesetzt werden 
.darf*). Und zwar wird man auch hier den ländlichen Laren- 
glauben gewils für den ältesten halten dürfen, wo sie als segnende 
und behütende Geister der Flur, des Weinbergs, der Wege und alles 
ländlichen Verkehrs verehrt wurden, im Hause aber als familiäres, 
unter denen namentlich der lar familiaris schlechthin der eigentliche 
Schutzgeist der Familie ist, der für die Fortdauer derselben sorgt 
und gelegentlich auch selbst zeugend auftritt. So in der merk- 
würdigen Sage vom Ursprünge des Königs Servius Tullius, welcher 

dadurch nach lateinischem Glauben für einen Sohn des lar familiaris 

f 

im königlichen Hause der Tarquinier erklärt wird und als Sohn eines 
Laren auch die Larenfeier der städtischen Compitalien gestiftet haben 



») Arnob. HI, 41 vgl. Hygin. f. 139. Nach Serv. V. A. V, 64 vgl. VI, 
152 wären die Verstorbeoea eines Hauses in alter Zeit sogar in demselben 
begraben worden, doch ist das wohl nur eine Conjectur um die Entstehung 
des Dienstes der Hauslaren und der Penaten zu erklären, die man für die 
freister der Verstorbenen hielt [s. I, 89 und Jordan Top. 1, 1, 171]. Nach 
•Falgent. ezpos. p. 560 wurden die Leichen von Kindern unter vierzig Tagen 
dicht am Hause unter dem Schirmdache {suggrunda oder suggrundium) ein- 
ipescharrt, daher solche Gräber suggrundaria hiefsen. [Doch s. über diese 
werthlose Spielerei des Fälschers Lersch Fulg. S. 37 und unten S. 496.] 

*) Apulej d. Deo Socr. c. 15 p. 152 Oudend., Augustin C. D. IX, 11, Mar- 
tian. Cap. If, 155. [Diese nur auf dem philosophirenden Synkretismus be- 
drohende Anschauung gilt den Neueren noch immer als alte Ueberlieferung. Doch 
ist die Quelle derselben wahrscheinlich sehr alt: I, 31 A. 2.] 

') Varro 1. L V, 74. Die Etrusker rühmten sich im Besitze gewisser 
•Sacra zu sein, durch welche die Geister der Verstorbnen zu Göttern (dii 
•aiiimales) d. h. zu Laren und Penaten erhoben wurden, s. Arnob. H, 62, Serv. 
,V. A. m, 168. [Müller Etr. 2>, 26: über die Verschiedenheit der Wörter 
lat. Loses etr. lasa und larth I, 82.] 



104 SIEBENTER ABSCHNITT.^ 

soll ^) , während in der Familientradition der Valerier die Laren de» 
Heerdes oder des Hains vor der Thure ihres Ahnen im Sabinerlande 
dem verzweifelten Vater den Weg zur Rettung der Kinder zeigen 
(S. 83). Nicht weniger alterthümlich ist die Sage von dem be- 
rühmten Seher Atta Nayius, wie dieser als Kind in seiner sabinischen 
Heimath die Schweine hütete und sich von seiner Heerde einst, da 
er eingeschlafen war, einige Thiere verlaufen hatten. Er weinte bitter- 
lich darüber, denn er fürchtete den Zorn des strengen Vaters; dann 
aber fafste er sich ein Herz, ging zu der Larencapelle des nächsten 
Weinbergs und bat die Laren mit heifsem Gebete, dafs sie ihni 
wieder zu seinen Schweinen verhelfen möchten; wenn er sie wieder- 
finde, wolle er ihnen die gröfste Traube in dem ganzen Weinberge 
darbringen. Er fand die Thiere und wollte das Gelübde erfüllen, 
488 aber wie sollte er es anfangen um genau die gröfste Traube des 
Weinbergs aufzufinden? Traurig bat er um ein Zeichen, da fand er 
durch Eingebung die Kunst der Beobachtung des Vögelflugs und eine 
Traube von wunderbarer Gröfse, worüber der Vater hinzukam und 
den Geist seines Sohns erkennend ihn in die Stadt zu den Meistern 
der Weissagekunst und andrer Wissenschaft führte. So wissen wir 
auch aus Cicero dafs die Laren auf dem Lande allgemein in Hainen 
verehrt wurden'), und der den sanften Stimmungen des ländlichen 
Lebens ergebene Tibull versichert H, 1, 59: „Auf dem Lande war 
es, dafs zuerst ein Knabe aus Frühlingsblumen Kränze flocht und 
damit die alten Laren schmückte", während nach Cato r. r. 2 jeder 
Hausvater, wenn er aufs Land geht, zuerst den lar fiimiliaris be- 
grüfsen und erst dann seinen Umgang durch die Felder halten solL 
Selbst die Compitalienfeier des Servius Tullius ist nur für die Ueber- 
tragung eines ländlichen Gebrauchs auf die Stadt zu halten, da e» 
so gut auf dem Lande wie in der Stadt vici und compita gab und 
sowohl diese gröfseren Quartiere als die einzelnen Häuser und Höfe 
neben ihren schützenden Silvanen auch behütende und segnende 
Laren verehrten. 

1) Dionys. Hai. IV z. A., Plio. fl. N. XXXVI, 204 [vgl. Schwesler 1, 715.) 
') Cie. de Leg. II, 8, 19 bicos in agris habento et lamm sedes [obea I, 
106]. 11, 27 neq^e ea quae a maiorilnu prodäa est cum dommis Uanfmmh' 
lis potita iMjktHÜ välaeque eonspectu religio Lamm repudianda est Vgl. Senr. 
V. A. I, 441, III, 302 uBd oben I, 82. In Rom gab es n. a. einen vicns la- 
roB nuraliom. [In der 12. Region, Capit Rasis C. I. L. 6, 975: doeb ist die 
Lesaag aicht sieber; vieUeiebt eber putealüim, Jordaa Top. 2, 586, Herme» 
2, 416.] 



DER GULTUS DER LAREN. 105 

Den larfa miliaris schlechthin lehren uns verschiedene SteUen 
bei Plautus näher kennen. So in dem Prologe zur Aulularia, wo 
der lar familiaris selbst auftritt und den Zusammenhang des Stücks 
erklärt. Er sei der Schutzgeist des Hauses. Viele Jahre schon be- 
hüte er dasselbe und der Vater wie der Grofsvater des jetzigen 
Hausherrn seien seine guten Freunde gewesen. Der Grofsvater habe 
ihm einen Schatz anvertraut, den er heimlich am Heerde berge; den 
wolle er jetzt der einzigen Tochter des Hauses zuwenden, einem 
guten und frommen Mädchen, das ihm täglich Gaben spende, etwas 
Weihrauch und Wein oder Kränze und sonst etwas ^). Eben so 
Trinumm. 39 ff., wo der Familienvater beim Wechsel der Wohnung 489 
seine Frau auffordert den lar zu bekränzen, damit ihnen auch die 
neue Wohnung gesegnet sei. Neben diesem lar familiaris im Sin- 
gular, welcher auch der lar schlechthin heifst oder als Lar Pater 
angerufen, auch nicht selten schlechtweg für Haus und Heimath 
genannt wird^), giebt es dann auch viele lares oder lares fami- 
liäres, welche wie jener von der Familie als Schutzgötter verehrt 
und sehr oft neben den Penaten genannt und mit diesen verwechselt 
werden^), wie diese beiden Klassen von Geistern denn auch neben 



^) Man kannte in Italien auch eine eigne Klasse von Geistern, welche von 
verborgenen Schätzen wissen und dieselben behüten. Sie heifsen incubones 
und tragen Kappen (ein Symbol ihres verborgenen und heimlichen Wesens). 
Wenn man ihnen dieselben ranbt, kann man sie zur Oflfenbamng des Schatzes 
zwingen. Also ganz wie unsre Hausgeister. Petron. S. 38 vgl. Grimm D. 
M. 479. 

>) Plant. Merc. V, 1, 5 Dil Penates meum parmtiem famiUaeque Lar 
Pater, Horat. Od. I, 12, 43 avüus apto cum lare fundus. Der Prolog des 
Laberius bei Macrob. II, 7, 3 eques Romamis ex lare egressus meo domum 
revertar namus, Sallust. Cat. 21 ülos binas aut amplius domos continuare, 
nobis larem familiärem nusquam uUum esse? Sene'ca Med. 20 per urbes erret 
ignottu, egens, eopsul, — incerti laris. Martial. XI, 82, 2 lar conductus, [Vgl. 
noch Stat. Silv. 11, 3, 16. Dl, 1, 65. 83.] Virgil Ge. IV, 43 gebraucht lar 
von dem Stocke der Bieoen, wie er ihnen v. 155 auch Penaten zuschreibt, 
Valer. Place. IV, 45 von dem Neste der Vögel. 

') Cic. Rep. V, 5, 7 ad vitam autem usumque vivendi ea descripta ratio 
est tustis nuptüs, legitimis liberis, sanctis Penatium deorum Larumque 
familiarium, sediJbus (d. h. durch Eintheilung des Grund und Bodeos unter 
den verschiednen Familien und Hausständen), ut omnes et communibus commo- 
dis et suis uterentur. De Domo 41, 108 ista tua pulchra Liberias deos Pe- 
nates et familiäres meos Lares earpulit. Vgl. pro Quinct. 26, 83 und 
27, 27, Virg. Aen. IX, 258. Ennins Ann. vs. 163: Vosque Lares, tectum 
nostrum qui funditus curant» [Der Vers wird ohne Angabe des Autors bei 



106 SIEBENTER ABSCHNITT. 

einander auf dem Heerde yerehrt wurden. Alles was die Familie 
Theures, Heimathliches und an schönen und lieben Erinnerungen 
besafs, was sie in Freud und Leid bewegte, sowohl die wichtigeren 
Momente des Tages als die des Jahres, Geburtstage, Hochzeiten, 
Sterbefalle, Abreise und Wiederkehr des Hausvaters u. s. w.. Alles 
pflegte man diesen Göttern ans Herz zu legen, mit ihnen zu be- 
rathen, zu ihnen dafür zu beten und bei dem Gebete fromme Gaben 
darzubringen: daher das römische Alterthum keinen innigeren, 
keinen eigentlicheren Ausdruck für das was wir Heimath nennen 
hatte als wenn es an die Laren und an die Penaten erinnerte^). 

Nach alter Sitte, sie erhielt sich am längsten auf dem Lande, 
war das Atrium der allgemeine Familien- und Speisesaal und in 
demselben der Heerd die Statte der Laren und der Penaten, vor 
490 welchem die Familie bei allen feierlichen und fröhlichen Gelegen- 
heiten zusammenkam und namentlich die tägliche Mahlzeit in trau- 
licher Geselligkeit einnahm^). Hier standen die Bilder der Laren, 



Charisius citirt und könnte von Lncilius herrühren: die Lesung steht fest, P. 
gab unrichtig tectum et nomen. Vgl. Jordan Vesta n. d. Laren S. 16 Ann. 
1872, 38.] Bei Sueton Calig. 5 heifst es zur Charakteristik der Verzweiflung 
nach dem Tode des Germanicus: lapidata sunt templa, suhvertae deum araey 
Lares a quibusdam familiäres in publicum abiecti, partus coniugum, expositi. 
Or. n. 1666 [«» C. L L. 3, 4160] Laribus domesticis, [Nur scheinbar hieher 
gehört das fremdartige diis Laribus GapeUcorum gentiUtatis C. L L. 2 , 804, 
eher die zu S. 498 a. Denkmäler.] 

^) [Wahrscheinlich ist der Plural Lares ursprünglich nur von den Gom- 
pital- und den übrigen Gattungen von Laren gebraucht und hat erst allmäh- 
lich (besonders seit dem Socialkriege) den Singular verdrängt (Jordan Ann. 
1872, 37 £f.). Seit der ciceronischen Zeit pflegen Lares famHiares (neben dn 
Penates) die Götter bezw. deren Bilder {renidentis Hör. £po. 2, 65), lar {Utr 
famiUaris) metonymisch das Hans (den Heerd) zu bezeichnen. Daher poetisch 
die Anrede an die Frau lar mihi haec quondam C. I. L. 3, 754, 15. (s. Jordan 
Vesta u. d. Laren S. 17 A. 41.) Bei Plantus findet sich Lares familiäres nur 
Rud. 1207 ; Lar familiaris noch bei Pomponius (Ribb. Com. p. 198) ist Atel- 
lanentitel.] 

3) Serv. V. A. I, 726 nam, ut ait Cato, et in atrio et duobus ferculis 
epulabantur antiqtu. Non. Marc. p. 531, 14 nübentes {assem alium) — infoco 
Lamm famiUarium ponere. Plaut. Aulul. II, 8, 16 haec imponentur in foco 
nostro hart Horat. S. II, 6, 65 ipse meique — ante larem proprium vescor. 
Ovid. F. VI, 299 ante focos olim scammis considere longis mos erat et mensete 
credere adesse deos, Plin. H. N. XXVllI, 267 focus Larum, quo famiHa 
convenit [die Lesung unsicher]. Colum. XI, 1, 19 consuescat (viUcus) rustieos 
circa larem domini focwnque familiärem semper epulari atque ipse in conspectu 
eorum similiter epuletur» Schol. Horat. Epod. 2, 43 iuxta focum dii Penates 



DER CULTUS DER LAREN. 107 

einfach aus Holz geschnitzt, daher die anmuthige Dichtung Tibulls 
I, 10, 15, wenn er die väterlichen Laren um Schutz bittet, wie 
sie seine zarte Jugend, da er noch zu ihren Pulsen herumgelaufen, 
behütet und bewahrt hätten, dieselben alten hölzernen Larenbilder, 
welche der fromme Grofsvater mit einfachen Gaben verehrt habe, 
einer Traube, einem Aehrenkranze, in aufserordentlichen Fällen 
etwa mit einem Opferkuchen. Vorzüglich hatte die Hausfrau, die 
Schaffnerin des Heerdes, die Pflicht für den lar familiaris und die 
Laren überhaupt zu sorgen, daher sie nach Cato r. r. 143 den Heerd 
vor allen Dingen rein halten und täglich ehe sie zu Bette geht ab- 
kehren, an den Kaienden, Iden und Nonen jedes Monats aber einen 
Kranz auf den Heerd legen und dabei dem lar familiaris nach bestem 
Vermögen eine Spende darbringen und zu ihm beten solle, wozu 
bisweilen auch das Opfer eines Schweines hinzutrat. Besonders 
waren die Kaienden jedes Monats ein Tag solcher frommen Gaben ^), 
vor allen übrigen Kaienden wie es scheint die des Maimonats, 
welcher Tag in dem Kai. Venusinum [vgl. Mommsens Anmerk.] als 
Tag der Laralia bezeichnet wird, die nach Fest. p. 253 zu den 
Sacra popularia gehörten d. h. zu solchen Gottesdiensten, welche 
ohne bestimmtere Betheiligung der Priester familienweise und in 
allen Hausständen begangen wurden. Dahingegen der Kranz bei 
den verschiedensten Gelegenheiten, namentlich bei allen Familien- 
festen die Laren schmückte, und zwar immer ein recht grofser 491 
und schwerer Kranz, so dafs die kleinen Larenbilder gewöhnlich 
ganz in Blumen und Blättern versteckt waren ^). Aufserdem be- 
kamen die Laren bei jeder Mahlzeit ihre bestimmten Opfer von 

.positi fuerunt Laresque inscripti ideo, quod ara deontm Larum focus sit ha- 
büus. [Doch ist diese Glosse des sog. Comm. Cruq. werthlos. Porph. z. d. 
JSL (as < Acren'): quia ara deum Penatum est focus. Die Lareo stammen aus 
V. 66.] Daher die drei Gebote nach Varro bei Non. Marc. p. 479 Non male 
dicere, pedem in focum non imponere, sacrificari und die Zusammenfassung 
aller Heiligthümer einer Stadt in der Formel arae et foci d. h. die Heilig- 
thömer der Tempel und der Häuser, s. Serv. V. A. 111, 134. 

*) TibuU. I, 3, 33 ut mihi contingat patrios celebrare Penates reddereque 
anäqtto metutrua iura Lari. Vgl. Propert. IV (V), 3, 53, Horat. Od. III, 19, 
9 und 23 z. A. Caelo supinas si ttäeris manus nascente luna, rtistica Phi- 
dyle, si iure placaris et horna frage Laves avidaque porca. 

*) Paul. p. 69 Donaticae coronae. [Daher an der Seitenwand des sacrarium 
im Hause der sog. casa del doppio larario in Pompeji ein grofser Kranz in 
Stuck dargestellt ist, was Avellino Bull. Nap. 1844 p. 2 richtig gedeutet hat: 
unten S. 498.] 



108 SIEBENTER ABSCHNITT. 

Speise und Trank, die ihnen, nachdem die erste Schüssel abgegessen 
war, unter andachtsvollem Schweigen in kleinen dazu bestimmten 
Schüsselchen (patellae) auf den Heerd gesetzt und in die Flamme 
geschüttet wurden, bis nach dem Rufe Dii propitii! die Mahlzeit 
fortgesetzt werden konnte^). Daher bei Plautus Cistell. II, 1, 46 
der Ausdruck: Di me oranes magni minutique et patellarii d. h. 
die grofsen, die kleinen und die Hausgötter, die man taglich be- 
köstigt und die ganz nothwendig zur Familie gehören. In den 
verschiedensten Wendungen und Ausdrucken wiederholt sich dieses 
Gefühl, dafs die Laren recht eigentlich die belebenden und be- 
seelenden Geister des Hauses sind. Jedes Fest trifft sie mit: Ge- 
burtstage, der Eintritt eines Sohns in die männlichen Jahre, wo 
die Bulla der kindlichen Jahre den Laren geweiht wurde, das jähr- 
liche Erinnerungs- und Familienfest der Caristien, die Feier der 
glücklichen Rückkehr eines Familienmitgliedes oder eines Freundes 
von der Reise oder aus der gefahrvollen See oder aus dem Kriege, 
wo den Laren auch wohl ein Stück der Beute geweiht wurde, der 
Genesung aus schwerer Krankheit^), aber auch aUe Noth der 
Familie, Dürftigkeit, Trauer u. s. w. ^). Die Bilder, welche auf 
dem Lande bei feierlichen Gelegenheiten mit Wachs gehöhnt wur- 
492 den ^), in der Stadt meist von Stein oder Metall waren, hatten 

1) Serv. V. A. I, 730, vgl. oben S. 32 A. nod die Erzählung^ von der 
Ocrisia, welcher sich der Lar familiaris bei diesem Speiseopfer in der Flamme 
des Heerdes zeigt, s. Diooys. IV, 2, Ovid F. VI, 621 ff., Plut. de fort. Ro. 10. 
Vgl. Plin. XXVIII, 27 in mensa läique id, (ein zur Erde gefallener Bissen) 
reponi adolerique ad larem piatio est, Varro b. Non. p. 544 patella: Qwh- 
circa oportet bonum civem legibus parere et deos colere, in pateUam dare 
fitxQov xQäag, Ovid F. 11, 634 mUriat ineindos mixta patella lares. Vgl. 
Pers. S. III, 24 c. Schol. Bei Petron. 60 werden die Larenbilder auf den 
Tisch gesetzt, weil der Heerd nicht in der Nähe ist Sie heifsen hier Cerdo, 
Felicio und Lncio. 

>) Plaut. Aulul. II, 8, 15, Horat. S. H, 3, 163, Propert. U (III), 30, 23, Ovid 
F. II, 629 ff., Pers. S. V, 30, Invenal. XII, 86 ff., 113, vgl. Henzen z. Or. n. 
5770*^ C, Salvius Eutychus Lar{ibus) cas(anicis) oh redit(um) Reetmae 
nep. V, [s.]. [Daher die Privatlaren des Manlins auf der Ära von Care (unten 
S. 498), manche Erzbilder solcher Privatlaren und die Larenbiisten-Torlonia 
mit der Bulla dargestellt sind: lordan Annali 1862, 338 vgl. Ann. 1881.] 

«) Propert. IV (V), 1, 127; 3, 53, Tibull. I, 1, 23. 

^) Horat. Epod. 2, 66 positosque vemas — drcum renidentes Lares, wenn 
dieses nicht auf den fettigen Glanz der Speiseopfer zu beziehen ist. Invenal. 
XII, 87 inde domum repetam graeiles ubi parva Coronas accipiunt fragiU st- 
mulacra nitentia cera [u. das. Heinrich]. 



DER CULTUS DER LAREN. 109 

ihre herkömmliche Darstellung mit aufgeschürzten Togen und Hör- 
nern, Schalen oder Kannen in der Hand^). TertuUian erzählt, dafs 
man mit diesen Bildern so wenig Umstände mache, dais sie sobald 
sie abgenutzt wären und eben kein Geld da sei, auch wohl yer- 
pfändet, verkauft und zu allerlei unsaubern Zwecken ausgetauscht 
würden^); doch kann dieses nur von der Stadt und den späteren 
Zeiten gelten, wo man unter den Laren die Hausgötter überhaupt 
verstand und die Bilder von diesen in den anständigeren Häusern 
gewöhnlich von Silber waren. 

Nächst den lares familiäres sind die lares compitales oder 
viales die wichtigsten, sowohl auf dem Lande als in der Stadt. 
Man kann sie lares pubUci nennen im Gegensatze zu den lares 
privati^), denn ihr Gottesdienst gehörte allerdings zu den öffent- 
lichen; doch gingen sie zunächst nur das compitum an, welches 
unter ihrem Schutze stand, d. h. den Kreuzweg und das zu dem- 
selben gehörige ländliche oder städtische Quartier, von dem sie 
eben verehrt wurden. Compitum ist nehmlich eigentUch der Punkt 
wo mehrere Wege sich treffen, dann das über einer solchen Weg- 
scheide errichtete Gebäude mit Durchgängen und Capellen, immer 
an lebhaften Yerkehrspunkten, daher die gesammte Nachbarschaft 
dort zusammenzukommen, gemeinschaftliche Angelegenheiten zu 
berathen, volksthümliche Feste zu feiern pflegte, namentlich auf 
dem Lande.^). Eben deswegen hatten vorzüglich die schützenden 



*) Ovid F. II. 634 incinctty Pers. V, 31 succincti. Vgl. die Nachweisua- 
gen bei 0. Jahn zu ds. St.'';, und bei 0. Müller Handb. d. Arch. § 405, 7. 
[Über die zahlreich erhalteneD KaastdarstellaDgea vgl. die oben S. 102 A. 2 a. 
Litteratar. Die Darstellung ist stets dieselbe : sie tanzen {hcdenies schon Navius S. 
495), halten in der erhobenen R. das Rhyton, in der L. die Patera, sind bekränzt 
(mit Lorbeer?), zuweilen mit der Bulla geschmückt und tragen eine hochge- 
schürzte Chlamys. Der Typus also ist griechisch, fast genau entsprechend 
dem des Dionysos auf der Terracotta Gampana Opere in plast. T. 31. S. Jor- 
dan Ann. 1862, 337, Vesta u. d. Laren S. 19. Irgend welche Verschiedenheit 
der Typen der Haus- , Compital- und Kaiserlaren, welche regelm'äfsig als 
Paar erscheinen, ist nicht nachweisbar.] 

') Tertnll. Apolog. 13, vgl. luven. VIII, 110 ipsi deinde Lares, si quod 
^pectabile Signum, si quis in aedicula deus unicus, 

') Plin. H. N. XXI, 11 iam ^tunc coronae deorum honos erant et lamm 
pubUcorum. privatorumque ac sepulcrorum, et Manium, 

*) Pers. IV, 28 mit den Schollen und Auslegern, vgl. Philargyr. z. Virg. 
Ge. II, 382, Isidor. Orig. XV, 2, 15 u. a. In der einfacheren Bedeutung des 
Scheidewegs, ubi plures viae competunt, wird das Wort z. B. von Varro b. 



110 SIEBENTER ABSCHNITT. 

Laren der ganzen Nachbarschaft (vicinia von vicus) dort ihre 
Capellen, sowohl auf dem Lande als in der Stadt, wo die Laren- 
capelle so wesentlich zu den Heiligthömem der Bewohner des 
Strafsenquartiers gehörte, dafs nach altem römischen Herkommen 
493 jede junge Frau, wenn sie zuerst in das Haus ihres Mannes ein- 
trat, nicht blos diesem und den lares familiäres des Hauses, sondern 
auch denen des nächsten compitum einen As geben und sich damit 
symbolisch in die neue Genossenschaft einkaufen muDste^). Und 
zwar sind diese lares compitales die Schutzgeister des gesammten 
Verkehres der Nachbarschaft und als solche immer viales*), der 
Zahl nach in der Stadt immer zwei, welche mythologisch für Bruder, 
nehmlich für Söhne des Mercurius und der Lara galten^). Dem 
gemäfs gab es auch sowohl ländliche als städtische Compitalien, 
wie namentlich Cato jener wiederholt gedenkt und auch yon den 
festlichen Schmausen der Landleute bei ihnen wiederholt die Rede 
ist^). Um so häufiger werden die städtischen genannt, welche 



NoD. Marc. p. 94 und von Pers. V, 35 gebraucht, in der eines Gebaades b. 
Grnt. p. 107, 1 [G. I. L. 5, 3257 Verona] compitum refecerunt tectum. parietes 
aUevarunt, valvas limen de pecunia sua dant (3 magistri und 3 ministri), 
Mommsen ]. N. 1504 paganU (eines der pagi von Benevent) — porticufn cum 
apparatorio et compüum a solo pecunia sua fecerunt (Nasellins Vater und 
Sohn, zugleich mit einer Summe für ein Festmahl ea condicione ut non, lun, 
pagum lustrent, [Ländlicher Larendienst in Campanien , Mommsen C. I. L. 1, 
570; von Sklaven in Mantua 1, 602; vilici widmen comp(üum) aram, Lari- 
[bus] in der Gegend von Genua 5, 7739 Add., aed{em) Lar{ibus) zu Carsioli 
1, 1305. Ein compitum vetustate conlabsum den Matronae restitnirt (Alpen) 
5, 7228. Über compitum und vicus Jordan Top. 1, 1, 535.] 

^) Varro b. Non. Marc. p. 531. Zu vergleichen ist der Raufschilling, 
welcher für die Gehörnen, die Neubürger und die Verstorbenen in den Kasten 
der Lncina, luventas und Libitina gethan werden mufste. Auch mufste bei 
jeder Compitalienfeier jedes Haus einen Opferkuchen steuern, Dioays. H. IV, 14. 

^) Varro 1. 1. VI, 25 Compitalia dies attributus Laribus ut alibi; ideo 
ubi viae eompetunt tum. in compitis sacrifictdur. Man liest gewöhnlich Laribus 
compitalibus , doch würde es leichter und natürlicher sein zu ändern viahbus, 
vgl. Plaut. Merc. V, 2, 22 invoco vos Lares viales ut me bene tuveÜSy und die 
Inschriften b. Or. n. 1762 HC. I. L. 3, 1422]. 1894 [beidemal Lari viali, in 
Spanien mehrfach Laribus vialibtts^ sicher 2, 2518. 2987]. lieber Tertull. de 
Spectac. 5 s. oben S. 26 A. 1. 

*) Ovid F. II, 613 fiique gravis geminosque parit qui compita servant et 
vigilant nostra semper in Urbe lares. Vgl. oben S. 70. 

*) Cato r. r. 5, 3 und 57, vgl. Plin. H. N. XIX, 114, Anthol. lat ed. 
H. Meyer n. 105, 27, Grut. p. 106, 13, Fabretti p. 232, 610. 



DER CULTUS DER LAREN. 111 

Seryius Tullius, nach dem Glauben des Volks der Sohn eines Laren, 
in Wahrheit als Begründer einer das ganze Rom zusammenfassenden 
stadtischen Emtheilung in sogenannte yici gestiftet hatte. Mit 
dieser Eintheilung hängt es zusammen, dafs damals für alle zu 
demselben vicus gehörenden Bürger beim nächsten compitum eine 
Capelle der Laren und eine jährliche Feier derselben gestiftet 
wurde, mit einem gemeinschaftlichen Opfer, zu welchem jedes zu 
dem yicus gehörige Haus einen Opferkuchen steuern mufste. Bei 
dem Opfer soUten nach der Einsetzungsformel denen die es im 
Namen der yicinia brachten nicht Freie, sondern Sklayen zur Hand 
gehn, als ob die Laren diese am liebsten sähen: wahrscheuiUch 
ein Rest der guten alten Zeit, wo die Sklaven dem Familienleben 
noch so yiel näher standen und, wie sie auf dem Felde mitarbei- 
teten, so auch bei der Erndte und andern ländlichen Festen mit- 
feierten: worin man später einen von den yielen Zügen der Güte 
und Menschenfreundlichkeit finden wollte, die man sich von dem 
sehr populären Könige Servius Tullius erzählte. Der Zeit nach fiel 
dieses Fest bald nach den Saturnahen, doch waren die Tage nicht 494 
bestimmt, sondern sie wurden jährlich angesagt'). Unter den 
Gebräuchen waren manche, welche an Todtendienst und frühere 
Menschenopfer erinnerten. So wurde vom Volke der Gebrauch 
beobachtet, den Laren in der Nacht allerlei Gegenstände, namentlich 
Knäuel und Puppen von Wolle an den Kreuzwegen und vor den 
Hausthüren aufzuhängen und dabei in den Häusern Köpfe von 
Mohn oder Knoblauch zu opfern, welche wie jene Knäuel (pilae) 
und Puppen (maniae) für die Häupter und Leiber der Familien- 
mitglieder gelten sollten: wobei man sich erzählte dafs der böse 
Tapquinius einst wirkliche Kinder als Opfer für die Laren und 
Mania, ihre Mutter, gefordert, der gute Brutus aber dafür den mil- 
deren Gebrauch eingeführt habe^). So scheinen bei diesem Feste 



^) Varro l. 1. VI, 25, Paul. p. 62 conceptivae feriae, Macrob. S. I, 16, 6. 
Nach Dionys. IV; 14 fielen sie gleich nach den Satnrnalien, nach Cic. in Pis. 
4, ad Att. II, 3^ VII, 7, 3 gewöhnlich in den Januar [im J 693 auf den 1. Jan., 
im J. 704 war der 4. Jan. dies compäalicius. Die Kalender der Zeit Constan- 
tins fixiren die ludi compitales auf den 3. bis 5. Januar: Mommsen CLL. 1 
p. 382]. Die Ankündignngsformel des Praetor hat Gellins N. A. X, 24 erhalten: 
Dienoni (für die nono) populo Romano Quiritibus Cmnpitalia erunt, Quando 
eoncepta fuerintf nefas. Vgl. Macrob. I, 4, 27 und Marini Atti p. 128. 

') Paul. p. 121 laneae effigies, p. 239 pilae^ vgl. INon. Marc. p. 538 Farro 



112 SIEBENTER ABSCHNITT. 

auch Suhnopfer und andre Opfer zum Andenken an die Verstor- 
benen an den Kreuzwegen dargebracht zu sem^). Dahingegen auf 
der andern Seite diese Compitalien wegen der dabei herkömmlichen ' 
Spiele und Lustbarkeiten, welche ohnehin gewöhnlich in compitis 
d. h. auf den Yersammlungsplätzen der Tici veranstaltet wurden, 
ein sehr heitres und volksthömliches Fest waren, bei welchem der 
alte Dorfcharacter der Stadt und ihrer aus so vielen Dörfern und 
kleinen Städten Latiums zusammengesiedelten Bevölkerung wieder 
einmal recht vernehmlich durchblickte. Denn wie in der Stadt bei 
den compitis d. h. an den Strafsenecken immer am meisten Leben war, 
indem dort die meisten Anschläge zu lesen waren und bald eine Auction 
bald eine Versammlung gehalten wurde ^), so waren auch die Faust- 
495 kämpfer, Schauspieler, Gladiatoren, welche sich bei den Compitalien 
dort sehen liefsen, zwar nicht immer die besten, dafür aber die 
volksthümlichsten ^) ; daher auch die reicheren Bürger solche Spiele 
oft gaben oder unterstützten, um sich dadurch bei dem gemeinen 
Manne beliebt zu machen. Ja es entstanden in den Zeiten der 
Demokratie und Demagogie eigne collegia compitalicia d. h. Vereine 
zum Behuf dieser Spiele, deren Vorsteher, von den Demagogen der 
Zeit unterstützt, die ludi compitalicii zu geben und dafür solchen 

Sesquiulixe: SusperuUt Laribus manias (marinas die Hss.), moües piUu, reticula 
ac strophia, and Macrob. 1, 7, 34. 

*) Propert. IV (V), 1, 23 parva saginati Uistrahant compita porci. Charts. 
I, 13, 5 p. 20 Compitalia übt eos qui peregre moriuniur colunt parentarium 
dicitur [so die Hs. p. 33, 27 Keil, der jedoch bemerkt dafs diese Erklärung 
zu p. 34, 4 Parentalia v&cvaia gehört]. Auch Prudent. adv. Symmach. 1, 190 
tot templa deum Romae quot in Urbe sepulcra Heroum numerare licet, quas 
fabula Manes Nobilitat, noster populus veneratus adorat, meint die compita. 

2) Vgl. Cic. de lege agr. 1, 3, Horat S. 11, 3, 25; 6, 50, luvenal V, 112. 
XV, 42. Ammiau. M. XXVIII, 4, 29 videre licet per fora et compita et plateas 
et conventicula circulos muüos coUectos. Vgl. meine Regionen S. 79 ff. 

^) Horat. Ep. I, 1 , 49 Quis circum pagos et circum compita pugnax magna 
coronari corUemnat Olympia? Vgl. Sneton Octav. 43 und 45, Tacit. Bist. II, 95. 
Auf solche Spiele beziehe ich auch das Fragment des Naevius b. Fest. p. 230 
[penem antiqui codam] , Comici lat. ed. Ribbeck p. 20 f Theodotum compellas 
[so die Hs.], qtii aras Compitalibus sedens in ceUa Hrcumtectus tegetibus Lares 
Uidentes peni pinxit bubulo, wo die spielenden Laren höchst wahrscheinlich die 
üblichen Vergnügungen dieser Spiele vergegenwärtigen sollten. [Seal.: Theo 
dotum compella qui ans — circumtecta ohne den Vers herzustellen; Rib.: 
T, I compües [nuper] qui mit einem Flickwort. Sicher ist dafs ludentes tan- 
zend heifst: oben S. 109 A. 1.] Afranius hatte eine fabula togata, Laberius 
einen Mimus unter dem Titel Compitalia gedichtet. 



DER GULTUS DER LAREN. 113 

Demagogen, einem Clodius und Consorten, mit ihrem Anhange unter 
dem Janhagel zu jedem beliebigen Gegendienste bereit waren; daher 
diese Spiele und jene Clubbs für den Senat und die Partei der 
Optimalen ein nicht geringer Greuel waren ^). Erst als August 
die politischen Clubbs gänzlich beseitigt, den yicis und compitis aber 
eine polizeiliche Ordnung und in den Yiertelsmeistem (den magistris 
vicorum) einen verantwortlichen Vorstand gegeben hatte, kamen die 
Compitalien und die ludi corapitalicii wieder zu Ehren, wie denn 
damals auch regelmässige Bekränzungen der lares compitales vor- 
geschrieben^) und für die Feier der Compitalien den neu eingesetzten 
Yiertelsmeistem der Hauptdienst zugewiesen wurde. Zugleich 
wurde von ihm eine Einrichtung getroffen, welche gewifs mehr wie 
alle übrigen dazu beigetragen hat, seinen Namen und sein Andenken 
im Volke zu befestigen. Zu den beiden Laren jeder Compitalcapelle 
wurde nehmlich damals der Genius Augusti d. h. sein personilicirter 
Geist und Lebensdämon, der nach seinem Tode zum Gott erhoben 
wurde, hinzugefügt, so dafs das römische Volk fortan durch die 
ganze Stadt, und nicht allein in Rom, sondern auch in Italien und 
soweit sich die neue Einrichtung sonst verbreitete^), neben jenen 
altherkömmlichen Schutzgeistern des Quartiers den individuellen 496 
Schutzgeist dieses Fürsten verehrte, welcher somit in dieselbe Stellung 
eines populären Schutzgeistes mit einrückte^). 



^) Cic. ia Pis. 4, 8 und dazu Ascoa. p. 7 Or. [6 S. u. K.], vgl. Mommsea 
de collegiis p. 74 sqq. 

>) Sueton Octav. 31, Porph. z. Horat. S. II, 3, 281. 

>) Vgl. die aus verschiedeDeo Gegenden gesammelten Inschriften b. Or. 
D. 1654 ff. und Boissien Inscr. de Lyon p. 48 sqq. [In den Provinzen ist der 
Kalt selten ; einigemal kommen Lares Augusti in Spanien vor, Genius Augusti 
et Lares G. 1. L. 3, 5158, ein collegium Larum et imaginum d, n, Caesaris 
das. 3, 4038. Uebrigens ist die correcte Bezeichnung Lares Augusti GenU 
Caesarum (C. }, L. 6, 445. 449. 451), d.h. laribus domns Angustae et Geniis 
imperatornm (bezw. des Caesar), genau entsprechend dem Kult des Genius 
des Hausherrn neben den Laren des Hauses, worüber unten (Genien).] 

^) Ovid. F. V, 145 Mille Lares Geniumque ducis qui tradidit iüos ürbs 
habet et vici nutnina trina colunt. Vgl. Marini bei Visconti Mus. P. CI. IV 
p. 298 ff., meine Regionen S. 82 ff. und W. A. Zumpt de Augustalibus et Seviris 
August, p. 3 sqq. [Die zahlreichen Inschriften (groi'se Arae in Florenz und im 
Vatican) bezeugen, dafs die neuen magistri am 1. August 746 ihr Amt an- 
traten. Vgl. die Notizen Jordan Ann. 1862, 321 ff. Top. 1, 1, 303. Auch in 
Pompeji finden sie sich. Prozession der Vicomagistri, Camilli (?), Larenbilder 
tragend, Lateran: Schöne u. Benndorf p. 344 T. Xm, 1. Verlorenes Laren- 
denkmal, Zeichnung bei Pighlus: Jordan Ann. 1872, 38.] 

Preller, BOm. Mythol. II. 8. Aufl. 3 



114 SIEBENTER ABSCHNITT. 

Es ist noch übrig von verschiedenen Arten und besondem Bei- 
namen dieses stadtischen Larendienstes zu sprechen, in welchen sich 
einzehie Reste des älteren Glaubens erhalten hatten, da sonst die 
Restauration des August wie in andern Fällen das Alte meist be- 
seitigt hatte. Zunächst gehören dahin die Lares grundules, 
wahrscheinlich eine alte Larencapelle, wo zu den beiden Laren ein 
Mutterschwein mit dreifsig Jungen hinzugefugt war, wohl mit Be- 
ziehung auf die bekannte Ueberlieferung von den albanischen Colo- 
nien^). Ferner die Lares praestites d. h. die behütenden Vor- 
steher und Beschützer der Stadt, welche als solche von einem Hunde 
begleitet und selbst mit Hundsfellen bekleidet waren: auch ein sehr 
alter, aber mit der Zeit verfallener Altar, an dem man am 1. Mai, 
dem alten Festtage des Laren, opferte, welcher seit August zu einem 
allgemeinen Festtage der städtischen Laren überhaupt erhoben worden 
war'). Femer gab es Lares Hostilii, denen man einen Schutz 
der Stadt gegen die Feinde zuschrieb^), wo anderswo von einem 

') NoD. Marc. p. 114 Grundules [grunduUis die Hss.] Lares dicuntur Romas 
constüuti ob honorem porcae, quae iriginta pepererat. Vgl. Cassius Hemina 
b. Diomed. 1 p. 379 ed. P., wo dieses Wooder auf die GränduDg Roms bezogen 
wird [p. 384 K. Grundiles Lares dictos accepimus uod in den Worten des H. 
Larihus Grundüis (nur die Hs. des Scioppius hatte 9in%eh\\c\i grundiUbus)], und 
Arnob. I, 28 Grundulios Lares, Man leitete den Namen ab von grunnire d. i. 
grunzen. [Die von G. I. Vossios aufgestellte, von O. Müller Etr. 2', 93 vgl. 
239, Schwegler 1, 323 u. a. angenommene Meinung, das Wort hänge mit sug- 
grundOy suggrundium, (ungewisser Herkunft) zusammen, die Lares grundiles 
seien 'Laren unter der Grnnda, dem vorspringenden Sims des Hauses*, ist zo 
verwerfen. Ein Wort grunda kennen wir nicht, und die Erfindungen des 
Fälschers Fulgentius (oben S. 103 A. 1) kommen nicht in Betracht. Die Form des 
Worts steht nicht sicher, eben so wenig die Erklärung. Sollten grundilü und 
hostilii näher zusammengehören, etwa als Gegensätze? Wundersames bei 
Rubino Vorgeschichte S. 222 ff.] 

') Ovid. F. V, 129 ff., eine in mehr als einer Hinsicht unklare Stelle, 
Plut. Qu. Ro. 51. Der Name Lares Praestites ist zu erklären wie lup. Prae- 
stes, Genius Praestes u. s. w., s. Martian. Cap. II, 152 c. nota. Der Hund war 
auch der Mana Geneta heilig, s. oben S. 71. [Ovid schrieb wahrscheinlich 
V. 131 (von der am 1. Mai dedicirten arä): arserat (ara erat die besten Hss., 
doch ars erat die Mnnch. von 1. Hd.) illa quidem Larihus (so die jungen, 
Curihtis die Ueberlieferung), sed multa vetustas destruii u. s. w. So Jordan Ann. 
1862, 328; beistimmend Haupt Op. 3, 356, nur dafs er Curibus retten will, 
was doch kaum angeht, da von einem in Rom zu Grunde gehenden Altar die Rede ist.] 

*) Paul. p. 102. Da aber hostis in alter Sprache der Fremde ist, so dürfteo 
es ursprünglich die in der Fremde behütenden Laren gewesen sein. Uebrigens 
vgl. Ovid F. V, 135 Stant quoque pro nobis et praesunt moenibus ürbis etc. 



DER GULTUS DER LAREN. 115 

Lar Victor und von Lares militares die Rede ist und auf einer 
Münze der Familie Caesia die Laren als zwei sitzende und leicht 
bekleidete, mit einem Speer bewaffnete Jünglinge, zwischen denen 
ein Hund sitzt, abgebildet werden. Aufserdem werden Lares 
permarini genannt, welchen L. Aemilius Regillus nach einem 
glücklichen Seetreffen mit der Flotte des Antiochus einen Tempel 497 
gelobt hatte, der im Marsfelde lag und im J. 575 d. St. (179 v. Chr.) 
von dem Censor M. Aemilius Lepidus eingeweiht wurde. Diese 
Laren hatten auch einen eignen Festtag am 22. December^). Aufser 
diesem Tempel der Laren gab es einen zweiten, der auf der Höhe 
der Sacra Via beim Aufgange zum Palatium lag und den Laribus 
publicis heilig war. Augustus nennt ihn unter seinen Neubauten^); 
der Dedicationstag war der 27. Juni, welches also wahrscheinlich 
der zweite jener beiden yon August für den Cult der städtischen 
Laren angesetzten Festtage war. Endlich werden Lares alites 
erwähnt d. h. geflügelte Laren, nach denen ein yIcus in Rom be- 
nannt war. Also wurde den Laren Hülfe und Beistand bei den 
verschiedensten Veranlassungen zugeschrieben; und auch die Bilder 
der Laren können höchstens in gewissen Grundzügen, namentlich 
darin dafs sie immer als Brüderpaar auftraten, dieselben gewesen 
sein, da sie sonst wenigstens in älterer Zeit hinsichtlich der Dar- 
stellung und der Attribute sehr verschieden gewesen sein müssen^). 

und Propert. III (IV), 3, 10 Uannibalem Lares Romana sede fugantes: daher 
der Genius Tatanus, Non. Marc. p. 47. Lares Militares b. Or. n. 1665, Henzen 
n. 5631 H C. 1. L. 3, 3460. 3463], Lar Victor Or. n. 1673. [Martis et Pacis 
Lari auf einer Inschrift in Bonn, Rhein. Mus., n. F., 19, 53.] 

^) Liv. XL, 52, wo die Verse der Dedication erhalten sind. Den Dedi- 
cationstag giebt Macr. S. I, 10, 10, Fasti Praen. 22. Dec: Laribus perma 
RimS IN PORTicu nuNrCIa. [Mommsen C. L L. 1 p. 409.] 

') Mon. Ancyr. t. IV, 7, vgl. Tacit. Ann. 24, Solin. 1, 23 Ancus Marcius 
in summa Sacra Fia, übt aedes Lamm, Die Inschrift vom J. 750: Laribus 
Publicis Sacrum, imp, Caesar Divi /. Augustus — ex stipe quam po- 
pulus ei k, lanuar, apsenti contulü ist in derselben Gegend gefunden, s. Or. 
n. 1668 [S. C. I. L. 6, 456 'in ipso fere Palatini montis in forum descensu', 
gewifs wenigstens unweit der aedes wie die gleiche I. v. J. 745 — Folcano 
nicht weit vom alten Volcanal, bei S. Adriano.] Den Tag bemerkt Ovid F. 
VI, 791. Ob der bei Cic. N. D. III, 25 erwähnte T. der Laren derselbe ist, 
mufs dahin gestellt bleiben. [Wohl sicher; ebenso der bei Obs.Prod. 41 erwähnte]. 

*) [Die Zweiheit der späteren Haus- und Kaiserlaren hat Reifferscheid 
Ann. 1863, 128 ff. auf die Compitallaren zurückgeführt: vgl. Jordan Ann. 
1872, 37. Damit ist das Problem nicht aufgeklärt. Man hat an den Einflufs 
der Dioskuren gedacht, ohne hinreichenden Grund.] 

8* 



116 SIEBENTER ABSCHNITT. 

Aus solchen Elementen also bildete sich mit der Zeit ein Cultus 
der Laren, der von dem altem in mehr als einer Hinsicht ver- 
schieden war. Zunächst insofern als man die Laren immer mehr 
mit den Genien und Seelen der Lebenden oder Verstorbenen iden- 
tificirte, in welchem Sinne der Genius Augusti zum lar piiblicus 
und die lares compitales zu lares Augusti werden konnten und in 
diesem Sinne namentlich am 1. August, dem Namenstage des August, 
gefeiert wurden^). Femer dadurch dafs auch die Familienlaren 
mehr und mehr mit dem Culte berühmter Verstorbenen und dem der 
Schutzgötter des Hauses und Hofes überhaupt identificirt wurden '). 
498 Endlich konnte auch der Umstand nicht ohne bedeutenden Einflufs 
auf den Dienst der Laren bleiben, dafs der alte Familiensaal mit 
dem Heerde, wo die Bilder der Laren standen, in der Stadt den 
bequemeren und eleganteren Einrichtungen der Neuzeit weichen 
mufste; daher wir ^itdem eigne Lararien d. h. Larenschränke und 
Betcapellen erwähnt finden und zwar entweder gleich beim Eintritt 
in das Haus in einem Wandschrank auf der Diele, wo die silbernen 
Larenbilder beim Ein- und Ausgange begrüfst und bei festlichen 
Gelegenheiten durch Schmuck und Opfer geehrt wurden^), oder 

^) Ovid F. V, 147 Quo feror? Atigustus mensü mihi Garminis üis habet. 
Auch die von Aug^t im J. 7 v. Chr. ein^erührtea Vicomagistri traten ihr 
Amt am 1. Aognst an, welcher nach Papencordt Cola di Rienzo S. 125 noch 
jetzt ein Freudentag in Rom ist. 

') Or. n. 1604 Silvano lari agresti A, Larcius Proculus [C. I. L. 6, 646.] 
>) Hieronym. in Esai. VI c. 57, 7 nuUusque fuerit locus qui non idolota- 
triae sordibus inquinalus sit, in tantum ut post fofes domorum idola ponereniy 
quos domesiicos appellänt lares, et tarn publice quam privatim animarum, sua-- 
mm sanguinem funderent. Vgl. Petron. S. 29 und die Inschriften b. Or. n. 
3S38, Benzen n. 5770. [Auch Marquardt Verw. 3, 123. Privatl. 1, 234 hat das 
überreiche Material kaum berührt. Das Wort lararium ist nur ans den 
Script, bist. Aug. nachgewiesen und ist sicher erst in der Zeit, als lar allge- 
mein Schutzgeist hiefs und die penates ganz verdrängt waren, an die SteUe 
des ursprünglichen und jeden Aufbewahrungsort von sacra supellex (daher 
auch von Hausgötterbildern) bezeichnenden sacrarium getreten. — Saerarium, 
als Hauscapelle: Cic. Verr. IV, 2,4. 6, 11. Mehr bei Jordan Top. 2, 274 ff. 
Hermes 14, 576. — In Pompeji hat natürlich jedes Haus sei es nur einen 
Schrein für die Hausgötter, sei es eine eigene Kapelle gehabt: die letzteren 
sind vielfach erhalten und befinden sich in verschiedenen Theilen des Hauses 
(Atrium, Peristyl, Alae), wie schon Avellino (Descr. di una easa — la 
quarta alle spalle u. s. w. N. 1843 S. 19 f.) bemerkt hat. Vgl. Jordan Ann. 
1862, 330 f. Besonders stattliche oder merkwürdige Beispiele: verbeck* 
234. 260 (Genio M(arci) n{ostri) et Laribus duo Diadumeni liberti) und 
Avellino BulL JVap. 1844 p. 1 f . vgl. Fiorelli Descr. p. 204 (casa del doppio 



DER GULTUS DER LAREN. 117 

neben dem Schlafzimmer, wo namentlich die Vornehmeren eine 
eigne Betcapelle der Laren zu haben pflegten^). Auch wurden nun 
aufser den Familienlaren im älteren Sinne und den Hausgöttern 
auch die Genien von Lebenden und Verstorbenen häufig mit ver- 
ehrt, in allen Privathäusern vor allen der Genius des jedesmaligen 
Kaisers, in vielen die von geliebten Freunden und Lehrern oder von 
grofsen Gönnern^). Denn natürlich hatte der Hausgottesdienst im 
Wesentlichen denselben Verlauf wie der öffenliche, so dafs in beiden 
Kreisen die allgemeine Krankheit der Zeit, Apotheose und Theo- 
krasie, in gleichem* Maafse um sich griff. Hatte doch der Kaiser 
Alexander Severus in seinem Palaste nicht allein ein, sondern zwei 
Lararien, das eine neben seinem Schlafgemache, wo er morgens 
seine Andacht zu verrichten pflegte und wo man aufser einer Aus- 
wahl der consecrirten Kaiser die Bilder von solchen Männern sah, 
die durch Weisheit und Heiligkeit berühmt geworden waren, Apollo- 
nius von Tyana neben Christus, Abraham neben Orpheus und andre 
Auserwählte, auch Alexander den Grolsen und die Bilder der Ahnen. 
Das andre Lararium enthielt die Bilder von berühmten Dichtem, 
Schriftstellern und Helden der griechischen und römischen Vorzeit, 
das des Virgil, des Cicero, des Achill u. A. '). 

7. Die Larven und Lemuren. 

Wurden die Laren als holde und gute Geister gedacht, so waren 499 
die Larven die unholden, die ungeheuren Geister des römischen 
Volksglaubens, die als Gespenster umgehenden Seelen der Verstor- 
benen, sei es dafs sie' in Folge eines Versäuran^ßses der vorgeschrie- 
benen religiösen Gebrauche nicht zur Ruhe gekommen waren oder 
dafs sie sonst erregt und umgetrieben wurden; denn wie bei andern 

larario, Kranz: oben S. 107 A. 2). In der Nähe einer Küche steht Laves 
propi[ti]os ang^escbrieben (vgl. oben). Dem Haaskapellenwesen nahe steht die 
Einrichtang kleiner Knltnsstatten in Ställen (s. Epona), kaufmännischen Ge- 
schäften, Speichern, Kasernen u. s. w. (s. Genien).] 

^) Sueton Domit. 17 vgl. Octav. 7 nnd die Fortana aurea oder regia im 
Schlafzimmer der Kaiser, laL Capitolio. Antonln. P. 12, Ael. Spartiao. Sev. 23. 

>) Sueton Vitell. 2, lul. Capitol. M. Antonin. Ph. 3. Eben dahin gebärt 
die Verehrung der -Laren eines Hauses durch einen dienten desselben, Or. n. 
2411. 2412. [C. I. L. 5, 4340. ,Vgl. besonders die Ära ans Gäre C. ManUo C. 
f, cons, perpet, clienies patrono, auf der Rückseite Fortuna (?), auf den Seiten 
die Laren: Mon. dell' ist. 6, 13, Ann. 1858 vgl. 1862, 309» Schb'ne-Benndorf 
Lat. n. 216.] 

') Ael. Lamprid. Alex. Sev. 29. 



118 SIEBENTER ABSCHNITT. 

Völkern, so glaubte man auch in Rom nicht allein an die Möglich- 
keit eines Verkehrs zwischen Verstorbenen und Lebendigen, sondern 
auch an bestimmte Epochen der Jahreszeit und gewisse Tage, wo 
die Geister aus ihrer dunklen Tiefe emporkämen und auf der Erde 
umgehend ihre ehemaligen Wohnungen und ihre Angehörigen auf- 
suchten. Natürlich verband sich damit bald der Glaube, dafs solche 
Spukgeister entweder durch eigne Verschuldung oder in Folge 
schwerer Unbill, die sie erlitten, namentlich eines gewaltsamen 
Todes, nicht zur Ruhe kommen konnten^): daher die Larven ins- 
gemein für böse und verdammte Geister von schrecklicher Gestalt 
und sinnverwirrender Wirkung gehalten wurden, die gewöhnlich 
gleichbedeutenden Lemuren*) aber vermöge der in der römischen 
Volkssprache früher und jetzt sehr gewöhnlichen Verwechslung von 
1 und r mit dem gewaltsamen Tode des Remus in Verbindung ge- 
bracht wurden, dessen zürnender Geist von dem Bruder Romulus 
erst durch die Stiftung eines eignen Sühnfestes der Lemurien habe 
zur Ruhe gebracht werden können^). Dieses Fest wurde in drei 
Nächten, am 9. 11. und 13. Mai begangen und scheint ursprünglich 
nichts weiter als ein allgemeines Todtenfest gewesen zu sein, wie 
600 das der Feralien im Februar , nur dafs man bei diesen die Todten 
an ihren Gräbern durch Opfer und Gebete versöhnte, bei den Le- 
murien aber sie als nächtlich umgehende und ihre alten Wohnungen 
und Gewohnheiten aufsuchende dachte, also die zu ihrer Beruhigung 
nöthigen Gebräuche im eignen Hause verrichtete. Diese von jedem 
Hausvater beobachteten Gebräuche beschreibt Ovid ausführlich*). Um 



^) Liv. III, 58, 11 Manetque Firginiae, mortuae quam vivae felicioriSf per 
tot domos ad petendas poenas vagati nuUo relicto sonte tandem qiäeverunt. 
[Porph. z. Her. £p. 2, 208 noctumos lemuret : umbras vagantes hominum ante 
diem mortuorum et ideo meiuendas,] Vgl. Plant. Mosteil. II, 2, 68 und über 
dea Gespeosterglanbea überhaupt Lncret. I, 131 ff., Virg. Aeo. X, 641. 

») Horat. Ep. II, 2, 208, Pers. V, 185 c. Schol., Non. Marc. p. 135 Le- 
mures larvae noctumae et terrificationes inutginum et bestiarum, Augastia G. 
D. IX, 11. Andre gebrauchen das Wort Lemnres voo den Geistern der Ver- 
storbenen überhaupt, Larvae von den Gespenstern der Bösen, Apul. de deo 
Socr. 15 p. 152 vgl. Apolog. 35 p. 535, Martian. Cap. II, 162. 

») Ovid. F. V, 451 ff., Serv. V. A. I, 276 u. 292, Porphyrion z. Horat. 1. c. 

*) Fast. V, 419 ff., Porph. a. 0., die Kai. Maff. Venus, z. 9. 11. 13. Mai 
UDd Paul. p. 87 fabam. [Vgl. C. I. L. 1 p. 393, vgl. Huschke Jahr 227.] 
Auch Varro b. Non. Marc. p. 135 spricht von diesem Gebrauche: Quibu* 
temporibus in sacrü fabam iactant noctu ae dicunt se lemures domo extra 
ianuam eiicere. 



LARVEN UND LEMUREN. 119 

Mitlernacht erhebt sich derselbe, schreitet mit blofsen Füfsen durch 
das Haus und macht mit der Hand das Zeichen, welches die Geister 
scheucht^). Dann wäscht er sich die Hände mit reinem Quellwasser, 
steckt schwarze Bohnen in den Mund, wirft diese wieder durch das 
Haus schreitend hinter sich und sagt dazu neunmal ohne umzn- 
blicken: „Dieses gebe ich her und mit diesen Bohnen erkaufe ich 
mich und die Meinigen/' Denn ungesehn schlupfen die Geister 
hinter ihm her und sammeln die Bohnen auf. Dann reinigt er sich 
abermals mit Wasser, schlägt an ein ehernes Becken und bittet dafs 
die Geister nun sein Haus verlassen mögen. Hat er dieses neun- 
mal mit den Worten: Manes exite paterni! wiederholt, so darf er 
umblicken, denn er hat dem alten Brauch Genüge gethan. Hernach 
erzählt auch Ovid das Mährchen vom Geiste des Remus und fügt 
endlich hinzu, in älterer Zeit sei dieser Tag viel heiliger und fest- 
licher gewesen, auch seien damals wie an den Feralien die Tempel 
verschlossen gewesen und man habe ebenso sorgfaltig wie an jenen 
Tagen alle Heirathen vermieden. Mit der Zeit wurde namentlich 
die Vorstellung von den Larven noch immer mehr im Sinne des 
Volksglaubens an böse Geister und Gespenster ausgebildet. Sie 
schlagen die Lebendigen mit Wahnsinn^) und sind selbst in der 
Unterwelt für die Verstorbenen schreckliche Plagegeister^). Man 
dachte sie sich wie abgezehrte Gliederfiguren und Skelete^) und 
nannte nun auch die Mania im Sinne dieses Gespensterglaubens 501 
nicht mehr die Mutter der Laren, sondern die Mutter oder die 
Grofsmutter der Larven. 



') Vs. 433 Signaque dat digitis medio cum poUice iunctis, Occurrat tacito 
ne levis umbra tibi, 

2) Paol. p. 119 larvati; Noo. Marc. p. 44 cerriti et larvati, vgl. Plant. 
Amphitr. JI, 2, 145, IV, 3, 2, Aulul. IV, 4, 15, Captiv. HI, 4,66, Casiaa III, 
4, 2, Meaaechm. V, 4, 2 n. a. 

8) Plin. H. N. 1 praef. 10, Seneca Apocol. 9, 3. 

*) Seneca Ep. 24, 18 larvalem habitum nudis ossibus cohaerentium. Ad- 
thol. lat. 1647, 12 macies larvalis, Ammiaa. M. XXXI, 1, 3 larvale simula- 
crurn regis. Daher b. Petroo. 34 eine solche larva voa Silber, nc aytata ut 
articuli eius vertebraeque laxatae in omnem partem flecierentur auf deo 
Tisch geworfen wird, um nach der beliebten Sitte der Alten durch die Er- 
innerung an den Tod zum Lebensgenufs aufzufordern. Paul. p. 128 SutU qui 
maniam larvarttm matrem aviamve putant. Wie unsre des Teufels Grofs- 
mutter. 



ACHTER ABSCfliriTT. 

Die Götter des flüssigen Elements. 



«02 Sehr dürftig ist in Italien die Mythologie des Meeres geblieben, 

ein sicherer Beweis dafs weder Rom noch seine Vorfahren den Zug 
zur See und zu den Wundern des Meeres fühlten, der die ganze 
griechische Geschichte und Mythologie bewegt. Italien ist in dieser 
Beziehung nicht über die ersten Anfange hinausgekommen ; wie neuer- 
dings auch bemerkt worden ist, dafs die lateinische Sprache in allen 
auf das Seewesen bezüglichen Worten von Haus aus sehr arm ist 
und bei weitem ihre meisten Ausdrücke der Art von den Griechen 
entlehnt hat. Desto alterthümlicher und volksthümlicher war auch 
hier die Verehrung der wunderbaren, allbelebenden Elementarkraft 
des Wassers, so weit es durch eine unmittelbare Naturwirkung in 
Quellen und Flüssen an die Erscheinung tritt und befruchtend, rei- 
nigend und beseelend auf die Erde und ihre Vegetation, auf Thiere 
und Menschen wirkt. Ja es scheint wohl dafs diese Verehrung der 
Quellen und Flüsse in dem alten, an schattigen Gründen und an 
Quellen reichen Italien vorzugsweise verbreitet war, so da£s selbst 
die italischen und sicilischen Griechen, welche ihren Münzen zufolge 
gleichfalls in der Verehrung der Flufsgötter sehr weit gingen, in 
dieser Hinsicht von der einheimischen Bevölkerung angeregt gewesen 
sein mögen. 

1 . Neptunus, 

Der Name Neptunus, der bei den Etruskem Nethuns und Ne- 

thunus lautete, scheint mit nare, vd(o, vicuj vgl. vavg und navis, 

M8 zusammenzuhängen^), also ursprünglich einen Gott der Fluth und 

^) S. Schömaoo za Cic. N. D. II, 26. Nethaos ist die gewöhnliche Form 
der etrnskischen Spiegel; Nethonns ist Dachgewiesen von 0. Jahn Vasenb. S. 



NEPTÜNÜS. 121 

alles Fliefsenden und Strömenden zu bedeuten, wie bei den Griechen 
Okeanos und Poseidon, Nereus und Acheloos. Eine specielle Be- 
ziehung auf das Meer schliefst indessen seine Zusammenstellung 
mit der weiblichen Salacia, einer Personification der Salzfluth, in 
sich, während Yenilia oder Yenelia, welche gleichfalls für seine 
Gattin, in andern Sagen aber für die Mutter der Canens vom Janus, 
in noch andern für die des Rutulerfursten Turnus galt, eine der 
Liebesgöttin Venus verwandte Quellengöttin gewesen zu sein scheint^). 



39 T. IV D. VgL Aroob. III, 40, Sery. V. A. VIII, 285 und den Namen der 
etraskischen Stadt Nepet, auch Nepete und Nepte. Etymologieen der Alten 
b. Varro 1. 1. V, 72, Cic. 1. c., Arnob. III, 31. [Die Etrnsker bezeichnen mit 
dem Lehnwort Nethuns den griechischen Poseidon (Müller £tr. 2*, 54, Corssen 
Spr. d. Etr. 1, 313), zur Zeit der Entlehnung des Worts wird demnach auch 
der römische Neptunus pater (so in alter Sprache, oben I, 56 A. 1, und noch 
in dem Arvalengebet v. J. 101, unten zu S. 505) schon Meeresgott gewesen sein. 
Allein diese Zeit ist für Rom eine yerhältnissmäfsig späte (vgl. Deecke Forsch. 
2, 141) und es ist also über die ursprüngliche Bedeutung des Neptunus damit 
Nichts entschieden. Ritus und Zeit seines Fests aber (S. 505) fuhren darauf 
(mit Huschke Jahr 221) den Gott in nahe Beziehung zu der drohenden Dürre 
der Jahreszeit zu setzen, mag man ihn nun gradezu als den Gott der ersehn- 
ten Regenwolke (Nep-tunus vgl. neb-tUa, nüb-es, vitp-os Curt.' 294) denken 
oder als den Gott der durch diese genährten, in jener Zeit versiegenden 
Quellen. Nur darf man nicht (mit Huschke 153, unten zu S. 504) einen 
Landwassergott construiren, für welchen weder der tUerque Neptunus des 
Catull noch die I, 195 A. 1. a. räthselhafte Darstellung des Juppiter-Ncptun (?) 
zu verwenden ist. Für Rom schliefst (wie Jordan Top. 1, 1, 430) hervor- 
gehoben hat, die späte Entwickelung des gesammten Seewesens die Annahme 
eines ursprünglichen Poseidon, also auch die des * fluthschaffenden Gottes' 
(Corssen Ausspr. 1 ', 434) ans, und die Gattinnen Salacia und Venilia beweisen 
Nichts (unten).] 

1) Varro 1. 1. V, 72, Augustin C. D. VII, 22, vgl. Virg. Aen. X, 76 und 
dazu Servius und die Intp. Mai. p. 103 ed. Keil, Ovid Met. XIV, 334. Ve- 
nulus ein mythischer König aus der Vorzeit von Tibur oder Lavinium. Virg. 
Aen. VIII, 9 Serv. Wäre der Name Venilia eines Stammes mit ventus, so 
würde auf die Wurzel yä, wehen zurückzugehen sein. Da Venilia in den 
Indigitamenten aber auch als Göttin des Verlangens genannt wurde, so wird 
der Name wohl wie der der Venus erklärt werden müssen. Ueber Salacia 
Neptuni in alten Gebeten I, 55. Sie wird auch der Tethys und der Am- 
phitrite gleichgesetzt und war also die eigentliche Meeresgöttin, s. Cic. Tim. 
fr. XI, Serv. V. Ge. I, 31, Aen. I, 44, Pacuvius b. Fest. p. 326 hinc saeoir 
Uani Salaciae fugimus [vgl. Appul. Met. 4, 31 Apol. 31]. Martian. Cap. 1, 54 
nennt neben dem Neptunus eine weibliche Göttin Neverita, vielleicht ein 
weiblicher NffQSvs, wie die Empedokleisehe Nrjajis. [Der Name ist wahr- 
scheinlich verdorben. — Dem früh zum Poseidon umgeformten Neptunus 



122 ACHTER ABSCHNITT. 

Auch finden sich weiter keine eigenthümlicnen Ansätze zu einer 
poetischen und mythologischen Verherrlichung des Meeres und seiner 
Wunder und Abenteuer, sondern Alles, was sonst noch zu erwähnen 
ist, scheint entweder etruskischen oder griechischen Ursprungs zu 
sein. Den Einflufs der Etrusker sind wir freilich auch hier genauer 
abzuschätzen nicht im Stande; doch ist zu erwarten dafs ein Volk, 
w^elches das obere und untere Meer von Italien beherrschte und mit 
den Griechen lange um die Herrschaft auf dem Meere kämpfte, auch 
in seiner Mythologie und in seinen Sagen viel von dem Meere er- 
zählt haben wird, wie denn wirklich auf den etruskischen Gräbern 
viele Bilder von weiblichen und männlichen Seeungeheuern und ge- 
flügelten Seedämonen zu sehen sind, welche auch hier den Zug zum 
£04 Phantastischen verrathen^). Auch könnten die Fabeln von den 
Skyllen und Charybden und die von den Sirenen, welche in den 
Gewässern von Italien und Sicilien besonders zu Hause waren, wie 
die vom Könige Phorcus auf Corsica und Sardinien, welcher nach 
Yarro mit dem Könige Atlas um die Herrschaft gestritten haben 
und darauf in einen Meeresgott verwandelt sein soll*), wohl etrus- 
kischen Ursprungs sein, obwohl das Etruskische auch hier sehr 
schwer von dem Griechischen zu sondern ist. Gewifs ist dafs Rom 
und das geschichtliche Italien sich aus dieser letzten Quelle die 



könnte ja eine ursprüngliche Salzflnthgöttiu Säl-ada gepaart worden sein; 
wenn sie aber wirklich davon heifst dafs sie sälum ciet (Fest. 326 vgl. Varro), 
so ist sie eine Göttin der Wellenbewegung (Gurt. ^372) und also wie die 
Wörter sälum. natiseaque (so die Formel für die durch die Bewegung hervor- 
gebrachte Krankheit) nicht einheimisch. Die Herleitung von salax und die 
daraus gefolgerte Gleichsetzuog mit Venus als dea meretricum (Kassel. Serv. 
Aen. I, 720) ist eine werthlose Spielerei. Fenilia (unda quae ad laus venu 
neben S. qvue in salum redü Aug. a. 0.) ist nicht sicher deutbar. Da- 
gegen scheint die in der alten Handelsstation Nauportus (Oberiaibach) vor- 
kommende Aequorna (so oder Aecorna, Aecurna) CLL. 3, 3776. 
3831. 3832 nach Mommsens Darlegung zu C. 1. L. 1, 1466 eine alte latinische 
Göttin der Kauffahrer zu sein; alt freilich auch nur in dem i. d. v. A. angedeute- 
ten Sinn, d. h. so jung wie der ebenfalls umgeformte Portunus. Noch in 
späterer Zeit, als INeptun langst Poseidon bedeutete, zeigt sich die Unfähig- 
keit ihm eine passende Gesellschaft zu geben in der sporadischen Verknüpfung 
mit den Nymphen (C. L L. 3, 3662. 6, 536) und der singulären Weihuag 
Neptuno et dis aquatilib(us) (Comer See 5, 5258).] 

^) G. Dennis die Städte und Begräbnifspl. Etruriens S. 480 ff. 

«) Serv. V. A. V, 824. Nach Alexander Polyh. b. Serv. V. A. X, 388 
war Rhoetus, Marrubiornm rex, ein Sohn des Phorcus. 



NEPTÜNÜS. 123 

ganze wohlbekannte Bilderwelt des Seelebens angeeignet hatte, Tri- 
tonen und Nereiden, unter denen Amphitrite nicht selten auf den 
römischen Münzen erscheint^), während sich die übrigen Nereiden 
hin und wieder truppweise an der Küste sehen liefsen und die Tri- 
tonen sich in den vielen Grotten und Höhlen derselben Küste auf 
ihren Muscheln hören liefsen; wozu man später auch von See- 
menschen, Seeelephanten, Seeböcken, Seebäumen und vielen andern 
Ungethümen der See phantasirte ^). Der Herr und König über diese 
Wunderwelt, der griechische Poseidon, erscheint in Rom mit andern 
griechischen Göttern zuerst bei dem einige Jahre vor der Eroberung 
Vejis auf Veranlassung der Sibyllinischen Bücher veranstalteten ersten 
Lectisternium *). Er wurde fortan unter dem einheimischen Namen 
Neptunus, aber nach griechischer Weise zugleich als Seegott und 
als Gott der ritterlichen Uebungen verehrt. Als Seegott [auch als 
Gott gröfserer Binnenseen, wie des Comer- und Gardasees] ist er 
bald der wilde, gewaltige, trotzige, wie ihn die Dichter gerne schil- 
dern*), bald der beruhigende, wie er in den Häfen an der Seite der 



^) Auf denen der Crepereia und des P. Plautios Hypsaens [bei Mommsen 
N. 268. 283: so zuerst Borghesi Dec. 11, 9 = Oeuvres 2, 35]. 

») Plin. H. N. IX, 9 f., XXXII, 144. 

') S. oben I, 149 f. Sonst war im südlichen Italien ^besonders berülimt 
der Poseidon von Tarent, s. Horat. Od. F, 28, 29, Mommsen in den Ber. d. 
K. Sachs. Ges. d. W. 1849 S. 49 ff. Bei einem Lectisternium der zwölf Göt- 
ter im Hannibalischen Kriege erscheint Neptunus nach griechischer Weise an 
der Seite der Minerva, s. Liv. XXI 1, 10, 9, vgl. die Inschr. a. England b. Or. 
n. 1338 [C. I. L. 7, 11] Neptuno et Minervae templum pro salute do[mus] di- 
vinae — [colle]gium fabrorum u. s. w. [vgl. Hübner a. O.J 

*) Plaut. Trin. IV, 1,6 Ennius Sat. p. 156, Virg. Aen. I, 124 ff. Ennius 
nennt in den Annalen vs. 490 das Meer imber Neptuni, dahingegen Naevius 
b. Paul. p. 58 cocus edit Neptunum, Fenerem, Cererem unter Neptun die 
Fische, unter Venus die Gemüse versteht. Bei Catuil. 31, 3 ist uterque Nep- 
tunus der des Meeres und der des festen Landes. Vgl. b. dems. 64, 28, 
Priscian 11, 585 [11, 7, 39] die Form Thetis Neptunine, [In Comum wurden 
alljährlich Neptunalia gefeiert (G. I. L. 5, 5279); der oben erwähnte Stein 
Neptuno et dis aquctlUibtu ist im Comer See gefunden, wodurch Catulls uterque 
Neptunus, der Gott des Meeres und seines heimischen Sees, eine bestimmtere 
Beziehung erhält (irrig auch Hnschke Jabr 153). An der zweiten Stelle hat 
die Ueberliefernng putcherrima nectine (neptine), woraus Haupt Op. 1, 52 mit 
gröfster Wahrscheinlichkeit Nereine hergestellt hat. — Vgl. noch die grofse 
Widmung der piseatores von Pedum in den Seealpen Neptuno (dargestellt im 
Nachen stehend mit Füllhorn und Dreizack) C. I.X.. 5, 7850. — Uebrigens ist 
der Mangel an Neptunussteinen zu Rom (C. I. L. 6, 584 — 87) und sonst im 



124 ACHTER ABSCHNITT. 

«05 Tranquillitas, der griechischen Galene, und der sanften Winde ver- 
ehrt wurde (T, 330 f.). Für den Vorstand der ritterlichen Uebungen 
scheint er besonders im Circus Flaminius gegolten zu haben, wäh- 
rend sich im Circus Maximus der alte latinische Gott Consus be- 
hauptete, den man nachmals für einen Neptunus equester hielt 
(S. 24). Beim Circus Flaminius befand sich auch der einzige 
Tempel des Neptun, welcher von diesem Gotte in Rom erwähnt 
wird, ein von Cn. Domitius entweder neuerbauter oder wiederher- 
gestellter Tempel, in welchem sich eine der berühmtesten Gruppen 
des griechischen Meisters Scopas befand, Neptun und Thetis und 
Achill und ein Zug von Nereiden und Tritonen auf und unter 
allerlei Meeresungeheuern ^). Neptunalia wurden am 23. Juli gefeiert 
mit eignen Spielen, entweder am Tiber oder in Ostia an der See 
und im Freien, denn es werden Laubhütten (umbrae) erwähnt, durch 
welche man sich in der heifsen Jahreszeit vor der Sonne zu schützen 
suchte^). Sonst waren Portunus, der alte Hafengott ^), und die 
Laren (S. 114) die Götter, denen man das Glück und die Erfolge 
zur See zuschrieb, obgleich die Römer auf letztere im Allgemeinen 
bei weitem weniger Gewicht legten als auf die zu Lande erfochtenen 



Reich (meist Widmaogeo Neptuno Augusto, mit Sarapü verbanden 3, 3637. 
8, 1003, mit den Capitolioern 3, 4363) aufTällig.] 

1) Plia. H. N. XXXVI, 26, vgl. die Inschr. b. Grat 318, 5 [» Or. 32 
verdächtig?] AboMcardo Aug. Ldb. aedituo aedis Neptuni, quae est in Circo 
Flaminio. Eine ara Neptuoi in circo Flaminio erwähnt Liv. XXVIII, 11. 
[Der Kaieoder hat 23 Sept. (Arv.) Neptuno in campo, 1 Dec. (Amit.) Neptuno 
Pietati ad cir{cum) Flamin{ium), — Bronn ist der Ansicht (Sitznngsber. d. 
Manch. Ak. 1876, 344), dafs der grofse Poseidonfries in der Glyptothek von 
dem neuerdings (s. BulL arcb. mun. 1, 212 ff.) bei S. Salvatore in Campo 
gefundenen Tempel stammt, dieser eben jener Neptunnstempe) sei. Vgl. Jordan 
in Barsiaos Jahresb. 1875, 787. 1876, 188.] 

') Kai. Maff. Pinc. Allif. z. 23. Jnli, [dazu Mommsens Anmerk.] Varro 1. 1. 
VI, 19, Horat. Od. III, 28, Tertull. de Spectac. 6, Paul. p. 377 umbrae vocantur 
Neptunalibus casae frondeae pro tabemaculis. Die Neptunalia, welche am 1. 
Sept. zu Ehren des Siegs bei Actium gefeiert sein sollen, beruhen auf einer 
falschen Lesart des Kai. Maff. b. Or. II p. 398. [Neptunalia in Comum: oben 
S. 123. Das Fest fällt zwischen die Lucaria und die Fnrrinalia (21. 25. Juli), 
von denen jenes sicher, dies vielleicht mit der ersehnten Abwehr des Sonnen- 
brands zu thun hat; daher Huschke, Jahr 221, die umbrae der Neptunalia 
wohl richtig in demselben Sinne deutet. Dem Seegott Neptun kann das Fest 
nicht gegolten haben.] 

') S. oben [I, 177. 323, unten 512]. Aber auch Portunus wurde später 
ganz als Neptunus gedacht. 



NEPTÜNÜS. 125 

Siege. Erst Sextus Pompejus gefiel sich so in seiner kurzen See- 
herrschaft, dafs er sich einen Sohn des Neptunus nannte und zu- 
letzt wirklich als solchen gebehrdete ^). Dann war es Agrippa, der 
gröfste römische Seeheld, der nicht allein die Flotte des Sextuß 
Pompejus, sondern auch die des Antonius und der Kleopatra eigentlich 
geschlagen und sich dabei durch verschiedene sinnreiche Erfindungen 
um das Seewesen verdient gemacht hatte, durch welchen Neptun in 
Rom noch einmal zu Ehren kam. Er gründete ihm nehmlich zum 
Andenken an jene Siege im Marsfelde ein Heiligthum und eine Halle, 
welche fortan das ausgezeichnetste Denkmal der römischen Seeherr- 
schaft blieben^). An den Wänden der Halle sah man die griechischen 506 
Bilder und Sagen von den Argonauten und ihren Abenteuern. 

2. Die Quellen und Flüsse, 

Für den allgemeinen Ursprung der Quellen und Flüsse galt 
Janus, er und sein Sohn Föns oder Fontus, welcher in Rom an 
mehr als einer Stelle verehrt wurde ^) und auch sonst in Italien 



») Dio XLVIII, 19. 31, Appian b. c. V, 100. 

') Dio LIIF, 27. Dieselbe Halle wird als t6 Jloaei^toviov erwähnt ib. fr. 
57, 60, wo auch von einem Altare die Rede ist, und LXVI, 27. Später heifst 
das Gebäude Basilica JNeptuni, s. die Regionen d. St. R. S. 177. Den von 
Agrippa dedicirten Neptun sieht man auf seinen Münzen, stehend, nackt, die 
Chlamys über die Schultern, in der R. einen Delphin, in der L. den Dreizack, 
also ganz nach griechischer Weise. Auch untJ^r den spätem Kaisern ist nur ^- 
ausnahmsweise von Neptun die Rede, s. Eckhel D. N. VI p. 330. [Neptuno 
patri wird im J. 101 pro reditu des nach Dacien abgehenden Trajaa von den Ar- 
valen ein Gelübde gethan. Henzen Acta S. 124. Von Bildern des latioisch- 
römischen Neptun kann wohl nicht die Rede sein : individuelle Auffassungen wie 
die Darstellung des Fischerpatrons mit dem Füllhorn (Genius, oben S. 123 A. 4) 
kommen nidit in Betracht. Ueber den angebl. Juppiter-Neptnn oben S. 121 A.] 

') Ueber die ara Fonti am Janiculum s. I, 176. Aufserdem gab es ein 
delnbrum Fontis, welches C. Papirius Maso im J. 231 y. Chr. ex voto ge- 
stiftet hatte, Cic. N. D. III, 20, 52. Auch die p. Fontinalis setzt ein der- 
artiges Heiligthum voraus. In den Urkunden der fr. Arvales wird Föns t. 
32 u. 43 erwähnt: Firginibus divis, Famulis divis, LaribuSy Matri Larum, 
Fonti, Florae etc. [S. Henzen Acta S. 146. Ueber die Fontes in der 13. Re- 
gion Roms s. Jordan Forma urbis S. 43 C. I. L. 6 p. 25 und über die fontes 
des römischen Bodens, speziell den Quellreichthum bei der porta Fontinalis, 
jetzt Lanciani in der Schrift I comentari di Frontino intorno le acque e gli 
aquedotti Rom (Mem. d. acad. dei Lincei Bd. 4) 1880], desgleichen auf einer 
Inschrift aus Caudium in Campanien bei Mommsen I. N. n. 1853. Sonst kom- 
men auch Fontes im Plural vor, z. B. b. Or. n. 1223. 1635. 1636 [C. I. L. 6, 



126 ACHTER ABSCHNITT. 

bin und wieder erwähnt wird. In Rom wurde diesem Gotte, der 
als jugendlicher Janus abgebildet wurde (I, 184), am 13. October 
ein eignes Fest gefeiert, an welchem man Kränze in die Quellen 
warf und auch die Brunnen bekränzte^). Denn überall wo das 
Wasser durch die eigne Kraft der Natur zum Vorschein kam und 
wo es, um mit den römischen Juristen zu reden, als caput aquae 
eine perpetua causa hatte, glaubte man auch ein numen annehmen 
und demzufolge anbeten und dieser Gottheit durch fromme Gaben 
huldigen zu müssen, daher bei allen Quellen und längs den Strö- 
mungen gröfserer Bäche Haine, Altäre und Tempel errichtet und 
viele religiöse Gebräuche beobachtet wurden. Eben deshalb schien 
Jede Ueberbrückung eines Flusses und vollends die Veränderung 
seines Stromlaufes bedenklich, jede Verunreinigung einer Quelle durch 
Baden oder auf andre Weise ruchlos. Wurde doch auf einigen Ge- 
wässern sogar alle Schiffahrt verboten^). 
Ä07 Während fons immer männlichen Geschlechts ist, werden die 

Flüsse und Bäche bald männlich bald weiblich gedacht, je nach der 
stärkeren oder zarteren, männlich schöpferischen oder weiblich em- 
pfänglichen Naturwirkung, die in ihnen beobachtet wurde. So wird 
selbst das Wort amnis, obgleich gewöhnlich männlich und eine grö- 
fsere Strömung fliefsenden Wassers bedeutend, bisweilen auch weiblich 



404. 166. 2, 466 vgl, 3, 1566. 5, 754. Das Wort ist abzuleiten a fnndendo, 
s. Paul. p. 84 und Varro I. 1. V, 12S fons unde funditur e terra aqua viva, 
[S. Corssen Beiträge zur lat. Formenlehre S. 215. Curtins B204f. — Auf 
einer spanischen Inschrift: Fontano et Fontanae C. I. L. 2,150. Wie bei 
Schriftstellern aqua, fons perennis so kommt auch auf Steinen dies Epithe- 
ton vor: C. I. L. 5, 5766 Fonti perenni, Lanciani a. 0. S. 28 Fons perennis (in 
einem Nymphäum), 3, 3382 Nymphis perennibus. Synonym sind aqua profluens 
(Gegensatz conclusa Cic. nat. d. 11, 7, 20 und die Ortsangabe ab Aqua 
conclusa der Hermes 15, 535 erörterten Inschrift), viva (auch in den putei, 
Gegensatz cistemae Jordan Top. 1, 1, 452), und das im sacralen Sprachge- 
branch technische TnaruiUs.] 

») Varro 1. l. VI, 22, vgl. Kai. Maff. Amitern. u. Paul. p. 85. 

>) Tacit. A. I, 79 Optume rebus mortalium consuluisse naturam, quae sua 
ora fluminibusy suos cursus, utque originem ita ßnes dederit. Spectandas 
etiam religioTies maiorum, qui sacra et lucos ei aras patriis amnibus dicaverint. 
Vgl. Ann. XIV, 22 und Plin. Ep. VIII, 8 vom Clitumnus: Pons termimts sacri 
profonique. in superiore parte navigare tantum, infoa etiam natare concessum. 
Ib. 20 vom 1. Vadimonis: Nulla in hoc navis {sacer enim est), sed innatant 
insulae herbidae etc. Vgl. Rudorff Zeitschr. f. geschichtl. Rechtsw. XV, 214 ff. 
[Mommsen bei Bruns Fontes iuris R. antiqui ^252 ff.] 



QUELLEN UND FLÜSSE. 127 

gebraucht^), während das Wort lympha oder lumpha, oscisch Diumpa, 
speciell die in Quellen und Bächen waltende weibliche Gottheit be- 
zeichnet, wie das griechische Wort vvfKpi]^). Gewöhnlich werden 
die Götter der Flüsse als königliche und väterliche Greise ge- 
dacht [oben I, 62 A. 1], die in dem Bette des Flusses hausen, in 
alten Zeiten wohl aber auch als menschliche Könige über die Land- 
schaft geherrscht haben, die weiblichen Quellgöttinnen als singende 
und zaubernde Wasserfrauen, welche nach dem Volksglauben denen 
die sie im Wasser gesehen den Sinn berücken '), aber sonst weiblich 
fürsorgende Heil- und Geburtsgöttinnen sind und wegen der reini- 
genden und heilkräftigen Natur ihres Wassers bei allen gottesdienst- 
lichen Verrichtungen, besonders aber von den Frauen und Jung- 
frauen gesucht werden. Daher die im späteren Alterthum weit ver- 
breiteten, aus Griechenland stammenden Nymphaeen, deren es 
auch in Rom viele gab, d. h. künstlich eingerichtete und mit Bild- 
werken und Malereien anmuthig ausgezierte Quellengebäude, welche 
zugleich zur religiösen Verehrung der Nymphen bestimmt waren öos 
und zu andern sich anschliefsenden Lebenszwecken, namentlich zu 
Hochzeiten dienten. [Auch hatten die Nymphae in Rom auf dem 
Marsfeld einen Tempel, welcher zeitweilig den Censoren als Archiv 
diente,]*) 

') Varro 1. I. V, 28 erklärt amnis id flumen, quod circuü aliquid, nam 
ab ambitu amnis, — Oppidum Interamna quod inter amnes est constitutum, 
/4ntemnae quod ante amnis, qui Anio, influit in Tiberim, Aach sagte mao 
amois vom Tiber, s. Horat. Od. I, 2, 18 uxorius amnis. Desseonageachtet 
sa^e man auch Petronia^amnis; Fest. p. 250. 

') Amnes und Lympbae zusammen unter vielen Mächten and Göttern der 
Frachtbarkeit in der oscischen Inschr. von Agnone bei Mommsen Unterit. 
Dial. S. 128. Aach Varro nennt die Lympha anter den Göttern des Acker- 
baas, 8. oben I, 68, 2. [Mommsen Dial. 256 hat Diumpa (vgl. Limpidus) zu- 
erst für ein italisches Wort erklärt and danach auch C. I. L. 4, 815 L[u]mpas 
Romanenses (als Göttinnen der Bäder) hergestellt. Doch ist dies wohl nicht 
zweifellos: diumpa (= dumpa) könnte ein in sehr alter Zeit entlehntes 
XvfAffa sein: man denke an das sicher entlehnte triumpus. — Nymphae Lym- 
phaeque C. I. L. 5, 3106.] 

') Daher die lymphati and lymphatici, welche den griechischen vvfiipo- 
XriTCToig entsprechen, Varro 1. 1. Vif, 87, Paul. p. 120, Tertuil. d. baptism. 5, 
Auch die Fabeln vom Nymphenraab scheinen in Italien verbreitet gewesen zu 
sein, vgl. die Geschichte vom schönen Trasimesus, den die Mymphen des 
Sees geraubt, b. Sil. Ital. Fan. V, 7 ff. 

^) [Kult der Nymphen verbunden mit dem Kult des Silvanus, Hercules 
u. s. w. : Jahn Arch. Beitr. S. 62 f. Jetzt ist das Material (besonders in C. I. 



128 ACHTER ABSCHNITT. 

Dem Fontus als Gott über alle Quellen entspricht gewisser- 
mafsen [uturna^), die gute, die heilende Nymphe schlechthin, wie 
dieses auch der Name aussagt, lu-t-uma von iuvare. Es scheint 
wohl dafs sich der Volksglaube in Latium seit alter Zeit mit ihr 
beschäftigt hatte ; daher noch die römischen Dichter aUerlei latinische 
Fabeln von ihr zu erzählen wissen. Bald heilst sie eine Geliebte 
des Jupiter, welche von ihm zur Königin über alle Flüsse und Ge- 
wässer in Latium erhoben ist, bald die Gattin des Janus, welche 
von ihm den Quellengott Fontus geboren^). Bei Yirgil ist sie die 
Schwester des Turnus von Ardea und eine Freundin der albanischen 
Juno, obgleich Jupiter sie vor aUen übrigen Nymphen des Landes 
liebt; daher wohl ein alter Cultuszusammenhang einer ihr geheiligten 
Quelle mit den latinischen Heiligthümem auf dem Albaner Berge 
angenommen werden darf. Auch gab es in der Nahe des durch so 
manche latinische Sagen geweihten Flusses Numicius im Gebiete von 
Ardea und Lavinium eine Quelle luturna *), deren Verehrung höchst 
wahrscheinlich älter war wie die der römischen Juturna, welche 
mithin, wie in andern Fällen andre Heiligthümer, nur eine örtliche 
Uebertragüng des in Latium allgemein verehrten Namens gewesen 
sein möchte. Denn auch in Rom waren verschiedne Quellen nach 
ihr benannt, einmal der bekannte lacus luturnae auf dem Forum in 
der Nähe des T. der Castoren *) , zweitens eine Quelle im Marsfelde, 
wo Lutatius Catulus der Juturna sogar einen Tempel gestiftet hatte. 
Und auch in Rom galt dieses Wasser für das reinste, das heiligste, 
das wohlthätigste , für das Wasser schlechthin, daher alle Gottes- 
dienste und alle Leidende davon zu schöpfen' pflegten und aUe Ge- 
werke, welche mit Wasser zu thun hatten, der Juturna ein eignes 

L. 2. 3) bedeatend vermehrt. Nymphäeo io Rom: Jordan Top. 2, 380. Lan- 
ciaoi a. 0. 12. 28 n. sonst. Die aedet Nympharum (unzweifelhaft bezieht 
sich auf diese das Fest des 23 Aüg. (Arvalkal.) [Nymplhis in campo) erwähnt 
Cic. p. Mil. 28, 73: mehr Jordan Forma urbis p. 30 § 13.] 

^) [Aelter Diutuma wie die Aufschrift eines vatic. Weihwasserbeckens (?) 
gelehrt hat: Tomassetti Bull, dell' ist. 1871, 136. Mommsen Eph. epigr. 1, 36 
macht darauf aufmerksam dafs auch bei Cic. p. Cln. 36, 101 und Florus 1, 28 
(2, 12, im Palat.) ad, apud Diuturnae stehe. Deshalb ist vielleicht die Ab- 
leitung von iuvare (welches kein anlautendes d hat: doch ist diutuma ur- 
sprünglich?) aufzugeben. Mit DianuSj Diana (div-) bringt das Wort Corssen 
zusammen Beitr. z. ital. Sprachenk. 357. Vgl. jedoch oben I, 167 A. 2.] 

«) Virg. Aen. XH, 135 ff., Ovid F. H, 583 ff., Arnob. ffl, 29. 

^) Serv, V. A.«Xn, 139, vgl. Bormann altlatin. Ghorogr. S. 58. 

*) [Vgl. Jordan Top. 2, 49.] 



QUELLEN UND FLÜSSE. 129 

Fest feierten^), die luturnalia am 11. Januar, an welchem Tage auch 
ihr Tempel eingeweiht worden war und Carmenta (I, 405) neben 
ihr gefeiert wurde. 

Nicht minder alt und merkwürdig ist der Glaube an die hei- 
ligende und begeisternde Kraft der Nymphe Egeria, welche vor- 
züglich wegen ihrer Liebe zum Könige Numa bekannt geworden ist, 
da sie doch ursprünglich in dem latinischen und römischen Volks- 
glauben eine viel allgemeinere Bedeutung gehabt haben mufs. Selbst 509 
die Dichtung vom Numa scheint nur ein besondrer Zug des älteren 
Volksglaubens an die begeisternde und weihende Kraft der Nymphen 
überhaupt zu sein, wie sich derselbe Glaube in den Dichtungen vom 
Janus und der Juturna, vom Picus und der Canens, vom Evander 
und der Carmenta sowie darin ausspricht, dafs Picus und Faunus 
ehe sie weissagen von einer Quelle am Aventin trinken ; dahingegen 
der Name Egeria beweist dafs dieser Nymphe gleich der Carmenta 
zugleich eine entbindende Kraft zugeschrieben wurde ^). Endlich 
vdssen wir dafs die Vestalinnen nach einer angeblich von der Egeria 
selbst eingegebenen Vorschrift des Numa das zu den taglichen Rei- 
nigungen und Waschungen ihres Dienstes erforderliche Wasser aus 
ihrem Quell schöpften. Ihr Cultus begegnet uns gleichfalls sowohl 
in Latium als in Rom. Dort rühmte sich der bekannte Hain der 
Diana von Aricia einer Quellengöttin Egeria, welche für die Pflegerin 
des Virbius galt und als Dienerin der Diana von den Frauen gewifs 
vorzugsweise als entbindende Göttin verehrt wurde, obwohl man 
auch hier von Numas Liebe zu ihr erzählte*). In Rom wurde sie 
in dem bekannten Haine vor der p. Capena in der Umgebung der 
sogenannten Camenae oder wie sie in älterer Form heifsen Cas- 
menae d. h. Carmenae verehrt*), welche deutlich den Carmentes in 



») Varro 1. L V, 71, Serv. I. c, vgl. Orid F. I, 462. 

*) Paul. p. 77 Efferiae nymphae sacrißcabant prcuegnantes , quod eam pU' 
tabant facile conceptam alvum egerere. Vgl. Plin. H. N. VII, 48 uno abortu 
duodecim puerperia egesta.^ [S. auch Pott in der Z. f. vergl. Sprachf. 8, 96.] 

8) Virg. Aeo. VII, 763 Serv., Ovid F. IH, 273 £f., Met. XV, 487 ff. , Schol. 
luven. S. III, 17. Vgl. oben I, 314 und Mommsen I. N. 5728 aus Cliternia: 
Lumppeis Dian . . 

^) Varro 1. 1. VII, 26, Paul. p. 43. Dafs auch sie Quellnymphen waren, 
wahrscheinlich die von kleineren Quellen in der Nähe der grSfseren Egeria, 
geht hervor aus Varro bei Serv. V. Ecl. VJI, 21 vgl. TertuU. in Marcion. I, 
13 und Vitruv VO, 3, 1 von einem Wasser, welches so süfs sei, utinecfon" 
Mnalis ab Camenü nee Marcia saUens desideretur. Solpicia Sat. 67 Nam lau^ 
Preller, Bom. MjthoL II. 8. Aufl. 9 



130 ACHTER ABSCHNITT. 

der Umgebung der begeisternden Nymphe und Geburtsgöttin Car* 
menta (I, 405), der Mutter des Evander, entsprechen und wie jene 
Canens, die Geliebte des Picus, ursprünglich keineswegs den poeti- 
schen Gesang der Dichter, sondern den zaubernden und orakelnden 
der Faune und der Fatuen ausdrücken sollten; obwohl sie später 
von den römischen Dichtem ganz nach Art der griechischen Musen^ 
610 welche ursprünglich gleichfalls Quellnymphen gewesen waren, ver- 
ehrt und angerufen wurden. Der Hain dieser Camenen, vor Alters 
ein anmuthiges Thal mit reichlicher Bewässerung, irischem Rasen, 
schattigen Bäumen und kühlen Grotten, wie sie ehemals überhaupt 
in den Umgebungen von Rom nicht selten gewesen waren, lag gleich 
vor jenem Thore und nicht weit von dem T. des Honos und der 
Yirtus, mit welchem die Quelle der Egeria und jener Hain bei dem 
rastlos fortschreitenden Anbau der gewaltigen Stadt später sehr ins 
Gedränge kam^). Angeblich hatte schon Numa dort eine kleine 
Capelle der Musen von Erz gestiftet, welche, später, nachdem sie vom 
Blitz getroffen war, zuerst in jenem benachbarten Tempel, dann in 
dem des Hercules Musarum aufbewahrt wurde. Ein andrer Tempel 
der Camenen wird ei*wähnt auf Veranlassung einer Dedication des 
Dichters Accius, welcher in demselben seine eigne Portraitstatue in 
Lebensgröfse aufgestellt hatte ^). 

Unter den Flüssen beschäftigte natürlich der Tiber die Römer 
am meisten. Im Gottesdienste hiefs er Tiberinus, auch Divus 
Tiberinus und Pater Tiberinus^), unter welchem Namen er im 
Gebete gewöhnlich angerufen wurde, und zwar mit dem Zusätze: 
Adesto Tiberine cum tuis undis, oder wie es bei Ennius und mit 

r^a Numae fontesque habitamus eosdem. [Vgl. Frootia. aq. 1, 4 und den 
vicus Camenarum der 1. R.] Später gab es in derselben Gegend einen Ort^ 
den die Griechen wegen seiner reichlichen Bewässerung ^EvvSqCu nannten, s. 
Corp. I. Gr. n. 5968. [Der Zusammenhang von Cämeria und casmen, Carmen, 
Carmenta ist sehr unwahrscheinlich. Vgl. oben 1, 4 A. 1 und Jordan Krit. 
Beitr. 131 ff.] 

^) Liv. I, 21, luvenal Sat. IIl, 10 ff., vgl. Becker Handb. I, 513 ff. 

«) Serv. V. A. I, 8, Plut. Numa 13, Fun. H. N. XXXIV, 19. Von der 
Muse Tacita bei Plut. N. 8 s. oben S. 70. 

8) Virg. Ge. IV, 369 Pater Tibennus. Serv. V. A. VIO, 330 Tiberinus 
— a pontifidbus indigüari soleL Zu vs. 31 in sacris Tiberinus, in coenolexia 
Tiberis, in poemaie Tibris vocatur. Vgl. die In sehr, aus Hortanum in Ktrurien, 
in der Nähe der Vereinigung des Nar mit dem Tiber, b. Fabr. p. 432, 6 Sear 
jitusius etc. primus ommum aram Tiberino posuü, quam caligatus voverat, 
und die aus der Gegend von Tuder b. Or. n. 4946 Divo Tiberino. 



QUELLEN UND FLÜSSE. 131 

geringer Veränderung bei Virgil heifst: Pater Tiberine tuo cum 
flumine sancto ^) : wo also zugleich das väterliche Walten des mäch- 
tigen Stromgottes, des Herrn und Vaters aller kleineren Gewässer 
seines Gebiets ^) und die Heiligkeit seiner Fluth für den Glauben su 
und den Cultus so vieler Gegenden und Menschen hervorgehoben 
wird. Die Sage kannte ihn als einen alten König seiner Landschaft, 
bald als einen König von Veji, welches einst mit seinem mächtigen 
Arme über den ganzen untern Lauf des Stroms, vom Soracte bis 
zur Mündung geherrscht hatte, bald als einen latinischen Aboriginer- 
könig oder einen König von Alba Longa, welcher in dem Tiber ver- 
schwunden sei, wie Aeneas im Numicius verschwindet^): das ge- 
wöhnhche Bild unter welchem man sich die historische Existenz 
der Ortsgenien hohem Ranges d. h. der sogenannten Indigeten ver- 
gegenwärtigte. Noch eine andre Tradition nannte Tiberinus einen 
Sohn des Janus und der Camasene (I, 183). In Rom fugte man 
die Dichtung hinzu, dafs Rhea Silvia, nachdem sie die ZwiUlnge des 
Mars geboren, von ihrem harten Oheim in den Tiber gestürzt, hier 



^) So betet llia in ihrer Notk bei £nDins Ann, 55 und so Aeneas b. Virg. 
Aen. Vlir, 72, vgl. Servias. 

') Virg. Aen. Vm, 77 Comiger Hesperidum fluvius regnator aquarum. 
Fronto £p. d. orat. p. 249 ed. Rom. (p. 129 Nieb.) Tiber amnis et dominus 
et fluenttum circa regnaior, Enmusi Post quam consistü fluvius quiest omnünt* 
princeps qui stib caeruleo . . . Vgl. die Inschr. bei Or. n. 1054 [= C. I. L. 6, 773] 
Impp. Diodetianus et Maximianus Augg, perpurgatis fontium rivis et itineribtis 
eorum ad peremum. usum refectis Tiber ino Patri aquarum, omnivm et 
repertoribus mirabilium fabricarum priscis viris honori dederunt eurante aqttas 
L, AeUo D[i]on\y\sio c. v, [ond die Bescbreibang des Aethicas (hinter Gronovs 
Mela S. 40): Jordan Top. 1, 1, 393.] Dafs Tiberinas auch in den Genealo- 
gieen der umliegenden Städte und Landschaften oft genannt wurde, darf man 
ans Virg. Aen. X, 199 sehliefsen: Ocnus — fatidioae Mantus et Tusci filius 
amnis. 

^) Varro 1. I. V, 30, wo der angeblich ältere Name Albula offenbar die 
weifslich gelbe Farbe des Flusses ausdrückt (flavus Tiberis), wie Nar eigent- 
lich sulfurens bedeutete, vgl. Liv. I, 3, Ovid F. U, 387, Met. XIV, 614, Serv. 
V. A. VIIF, 72 Tiberim alii a rege Aboriginum dictum volunt qui iuxta di- 
micans interemtus esty aUi ab eo rege (1. a beor. rege d. i. a Feiomm. rege), quem 
Glaucus Minois filius in Italia inieremit, alii — ab Albano rege, qui in eum 
ceddit. Vgl. Virg. Aen. VlII, 330 Serv. Der Name ist auf den in vielen 
altitalischen Ortsnamen hervortretenden Stamm tib- oder tif- zurückzuführen 
und scheint einen Gebirgsstrom zu bezeichnen, vgl. Tebae, Tibur, Tiburnus, 
Tifata, Tifernns, Mommsen Unterit. Dial. S. 300. [Corssen Krit. Nachtr. 201, 
Jordan a. 0. 123.] 

9* 



132 ACHTER ABSCHNITT. 

aber von dem Stromgotte liebreich aufgenommen und zu seiner 
Gemahlin und königlichen Stromgöttin erhoben worden sei^): eine 
Sage, in welcher sich der alte latinische Glaube an eine heiligende 
und vergeistigende Kraft des strömenden Wassers wiederholt und 
zugleich die specielle Beziehung des Tiberstroms zum römischen 
Yestadienste angedeutet ist. Uebrigens konnte es nicht fehlen, dafs 
eines so mächtigen Stroms, von dem das Wohl und Schicksal der 
Stadt in mehr als einer Weise bedingt war, bei dem Gottesdienste 
der Römer vielfach gedacht wurde; da namentlich seine häufigen 
Ueberschwemmungen, welche die niedrigeren Theile der Stadt immer 
612 stark heimsuchten, vollends in der älteren Zeit den Eindruck nicht 
allein einer starken, sondern auch einer jähen und heftigen Natur- 
kraft machen mufsten. Daher viele Gebete und Anrufungen sammt 
andern Gebräuchen und gottesdienstlichen Verrichtungen der höheren 
römischen Priesterschaft, von welchen sich manche Kunde erhalten 
hat. Sowohl die Pontifices als die Augum pflegten ihn in ihren 
Gebeten für das Wohl der Stadt oder sonst bei öffentlichen Gelegen- 
heiten anzurufen^) und dabei nach Art solcher Gebete mit allerlei 
Beinamen, die seine Natur und Wirkung ausdrückten, auszustatten, 
wie er z. B. in den Urkunden der Augum wegen seiner schlangen- 
artigen Windung vom Marsfelde bis zum Aventin Coluber d. h. die 
Schlange genannt wurde, bei einer andern Veranlassung wegen der 
Wirkung seines Stroms auf die anliegenden Aecker Serra d. h. die 
Säge, bei einer andern Rumon, welches wahrscheinlich wie Almo 
der Nährende ist^). Und zwar müssen solche gottesdienstliche Acte 
seit sehr alter Zeit bestanden haben, da Romulus als ihr Stifter ge- 
nannt wird und bei Virgil gelegentlich nach Art des ältesten Cultus 
von einer heiligen Eiche des Pater Tiberinus die Rede ist *). Sonst 

^) Horat. Od. I, 2, 17. Nach Porphyrioa z. ds. St. hatte Enoins auch 
diesen Vorgang dichterisch beschrieben. Vgl. auch Claudian in Prob, et 
Olybr. Cons. 225 {Tiberis) paUa graves humeros veHat, quam neverat uxor Uta 
percurrens vitreas sub gurgelte teUu, Nach einer andern Tradition war sie 
die Gemahlin des Anio geworden, Ovid Am. III, 6, 45, Serv. V. A. I, 273. 

») Cic. N. D. HI, 20, 52, Serv. V. A. VIII, 330. 

») Serv. V. A. VIII, 95, vgl. Virg. A. VIII, 62 Ego suniy pleno quem flu- 
mine cemis strmgentem ripas et pingvia culta secatäenty caeruleus Thybrü, 
caelo gratissimus amnisy und dazu Servias, wo Rumon erklärt wird quasi ri- 
pas ruminans et exedens. [Die Etymologie ist neuerdings vielfach besprochen, 
auch Rumon und Roma in Verbindung gebracht, ohne entscheidenden Erfolg. 
S. Jordan Top. 1, 1, 197.] 

^) Aen. X, 423, Augustin C. D. IV, 23 ut quid ergo constituU Romulus 



QUELLEN UND FLÜSSE. 133 

pflegte man es wohl dahin gestellt sein zu lassen ob seine Wohnung 
in Rom sei und zwar auf der Insel, wo ihm am 8. Dec. geopfert 
wurde, oder an seiner Einmündung ins Meer d. h. zu Ostia^ welches 
gleichfalls ein geweihter Ort war. [In spätester Zeit werden Tiberi- 
nalia am 17. August, dem alten Fest des mit dem Tiberinus nicht 
zu verwechselnden Portunus erwähnt, ohne dafs es möglich wäre 
die Veranlassung dafür festzustellen.]^) Eigne Spiele wurden ihm am 
7. Juni jenseits des Tiber von den Netz- und Angelfischern seines 
Stroms gefeiert, welche dadurch daüs sie die Fische zum Opfer des 
Yulcanus lieferten auch zu diesem Gottesdienste in einer eigenthüm- 
lichen Beziehung standen. Bei den Dichtem erscheint er nach grie- 
chischer Weise als gehörnter Flufsgott oder als majestätischer Wasser- 
greis, welcher zuweilen zwischen den Pappeln seines Ufers aus der 
Fluth emportaucht, angethan mit einem feinen Linnen von bläu-sis 
lieber Farbe und das Haar mit Schilf bekränzt^). So vergegen- 

deos lanuntj lovem^ Martern^ Picum, Faunum, Tiberinum, Herculem et si quos 
aUos? Vgl. Seneca ib. VI, 10. 

*) Kai. Amitero. z. 8. Dec. Tiberino in Insula, vgl. Serv. V. A. VUI, 66 
und Merkel z. Ovid Fast. p. CXLVIT. Auf eioea Hain an der M'dndung deutet 
Virgil Aen. VIT, 29 ff., auf eine religiöse Verehrung der Quelle Aen. VIII, 75. 
Von Ostia sagt Serv. A. I, 13: Ostiam veteres consecratam esse voluerunt si- 
cut Tiberim. Auch bei den Etruskern wurde Tiberinus jedenfalls [?] als Gott 
verehrt. [Zum 17. Aug. hat der augustische Kalender Port(unaliä); feriae 
Portuno; Portuno ad poniem Aemilium (diese Ortsbezeichnung Amit. Vall. u. 
Allif. Eph. epigr. 3, 85) : nur der Kai. der constantinischen Zeit (Philoc.) hat 
Tiberinalia und daraus schliefst Mommsen C. I. L. 1 p. 399 Tiberinus sei 
Portunus. Allein 1) kann derselbe Kalender (Amit.) denselben Gott nicht z. 8. 
Dec. Tiberinus, zum 17. Aug. Portunus nennen (dasselbe gilt von F'oltumus, 
(unten S. 52t), 2) wissen die Alten nicht einmal von einer Aehnlichkeit des 
Portunus und Tiberinus (oben I, 177 f.); 3) wenn Mommsen anführt, dafs am 
selben Tage dem Janus am Marcellustheater geopfert werde, dies aber sich so 
erst erkläre, da Janus der Vater des Tiberinus sei, so ist einmal letzteres 
eine vereinzelte als werthlos zu betrachtende Mythographengrille (wer ist die 
Mutter Camesene? oben I, 183), dann das Zusammenfallen dieser wie anderer 
Festtage möglicherweise rein zufaUig. — Ob Tiberinus eine eigne aedes 
anf der Insel (oder sonst wo in Rom) hatte, ist unbekannt, die Lage der 
aedes des Portunus {Portunium) mit der des yons Aemüius, bei welchem sie 
stand, controvers. Jordan Top. 1, 1, 432. 409 vgl. Mommsen Eph. epigr. 4, 
2. Eine zweite aedes stand in portu Tiberino, wenn dies auf Ostia zu be- 
ziehen ist: nur diese erwähnt Varro VI, 19. Indessen ist es bei der sonsti- 
gen Ueberelnstimmung Varros mit dem augustischen Kalender mindestens auf- 
fallend, dals er die aedes in Rom nicht genannt haben sollte.] 

«) Virg. Aen. VIU, 31 ff., 77. Vgl. Aen. X, 205 velatus arundine glauea 
Mincius, 



134 ACHTER ABSCHNITT. 

wärtigten ihn auch die Künstler in ihren Bildern zu Rom und zu 
Ostia, von denen das berühmte Bild des liegenden Stromgottes zu- 
gleich eine bildliche Andeutung des reichen Lebens giebt, welches 
sich im Alterthum von der Quelle bis zur Mündung auf seiner Fluth 
und an den Ufern bewegte, eine lebhafte Schiffahrt und Fischerei, 
reicher Anbau von Villen und Gärten, und an der Mündung wieder 
das geschäftige Leben einer Handelsstadt, welche nächst Puteoli lange 
die bedeutendste an dieser Küste und namentlich unter den Kaisern 
durch die regelmäfsige Kornzufuhr aus Aegypten und Africa von 
höchster Wichtigkeit war. Daher auch die Parallele des Nil und 
Tiber in den bekannten Bildern und bei andern Gelegenheiten, so-* 
wohl in Alexandrien als in Rom ^). V/ 

Die merkwürdigsten Beweise der ^ohen religiösen Verehrung, 
welche diesem Stromgott in alter Zeit bei den Römern gewidmet 
wurde, sind aber einmal die specielle Beziehung des Amtes und 
Namens der Pontifices zu dem Brückenbau über seinen Strom und 
zweitens das merkwürdige Opfer der sogenannten Argei. Jene, die 
Ableitung des Namens der Pontifices a ponte faciendo, wird fast 
allgemein angenommen, und die dagegen erhobenen Bedenken sind 
«14 in der That von geringem Belangt), so deutlich liegt die Zusammen- 



1) Die Statae des Tiber s. Mus. P. Cl. I, 38, Millio Gal. Mytfa. I, 74, 
308. Auch auf alezandrinischen Münzen sieht man das ßild des Tiber, s. 
Eckhel D. N. IV p. 63, vgl. ib. p. 69 Tiber und ]Nü "Ofiovoia d. h. Eintracht 
zwischen Rom nnd Ae^pten, wovon die Kornzufahr wesentlich abhing. Nach 
solchen Vorbildern wurden auch der Rhenus, Danubius u. a. Flüsse als liegende 
Greise mit der Wasserurne und characterisirenden Arributen abgebildet. [Die 
yatic. Statue des Tiber sieht Heibig als eine Nachahmung der nach ihm in 
der Ptolemäerzeit erfundenen Statue des Nil (Piocl. I, 37) an (Unters, über 
die camp. Wandm. S. 29). Sonst kommt der Tiber vor auf den Reliefs, 
welche die ßegegnnng von Mars und Rhea Silvia darstellen (s. die Notizen 
bei Schöne-ßenndorf Lat. N. 47, Heibig Bull. d. I. 1864, 255).] 

') Varro 1. 1. V, 83 Pontifices ^ vi Scaevola Quintus pontitfex maxumus 
dicebaty a posse et /acere ut potifices. Ego a ponte arbüror, nam ab hu mbH- 
ctus est /actus primum et {ui F) restitutus saepe , cum ideo sacra et uls et 
eis Tiberim non mediocri rüu fiant, Dionys. H. II, 73, IH, 45 xai jr^v ^vkl- 
vr^v yiifvqaVf ^v aviv x^^lxov *al atdrqov ^ifAig vn aviaiv diaxQar&^adui 
rciv ^vlatv kxuvog (Ancus Marcius) ini&tTvai rtp Tißigei i^y^ai^ tflf ä^Q^ 
Tov TiaQoVTog Sia(pvXaTtovatv Ugäv eJvai vo/dCCovres» €i &i n novriaeuv 
ttvirg /ligog, ot l€Qo<pdvTai d-SQanivovat, &va£ag riväs iniTsXovvTes afia jy 
nagaaxevy najQCovg. Plut. Num. 9, wo richtiger blos vom Eisen die Rede 
ist, Suid. y. IlovtCifi^y Marquardt Handb. IV, 184 ff. [S. Mommsens entscheidende 
Darlegung Her. d. sächs. G. 1850, 203 ff*, und das Weitere bei Jordan Top. 1 , 1, 395 ffl] 



/ 



QUELLEN UND FLÜSSE. 135 

Setzung des Worts vor und so wesei^tlich hängt diese Benennung <?) 
mit der religiösen Anschauung der alten Zeiten zusammen. Denn 
überall sind die Elementarkräfte heilig, darunter vorzüglich die fi[ie-> 
fsende Strömung des Wassers, und überall galt es für eine An- 
mafsung der Menschen, ja unter Umständen für einen Frevel, wenn 
das von Natur in freier Kraft dahinströmende Element durch Ueber- 
brückung gleichsam unterjocht wurde, wie in demselben Sinne die 
Brücke, welche Xerxes über den Hellespont geschlagen hatte, bei 
den Griechen f&r einen Frevel galt. Der Tiberstrom war überdies 
oft ungestüm und gefährlich, daher man, wenn seine Ueberschwem- 
mungen die Stadt beschädigten und die Brücke hinwegiissen, darin 
um so mehr einen Zorn des Gottes erkennen mochte.^ Daher das 
anhaltende, einzig auf religiösen Gründen beruhende Herkommen 
der Republik, nur den einzigen Pons Sublicius zu dulden und diese 
Brücke nicht allein nur aus Holz zusammenzusetzen, sondern auch 
jede Anwendung von Eisen dabei aufs gewissenhafteste zu vermeiden, 
aus denselben Gründen weshalb auch sonst das Eisen für etwas die 
heiligen Stätten Verletzendes galt (I, 131). Auch wurden jedesmal, 
wenn diese Brücke neu geschlagen oder wiederhergestellt werden 
sollte, allerlei Opfer und Cerimonien an beiden Ufern und auf der 
Brücke selbst vorgenommen und zwar unter der Oberaufsicht der 
Pontifices, zu deren Insignien deshalb auch die Axt gehörte. Be- 
denken wir daüs bei solchen Benennungen gewöhnlich eine einzelne 
Function, früher die angesehenste, herausgegriffen wird, während die 
€ompetenz der Behörde sich mit der Zeit erweiterte, wie dieses bei 
den römischen Pontifices erst nach Vertreibung der Könige der Fall 
gewesen sein kann, so werden jene Bedenken noch weniger ins Ge- 
wicht fallen, auch nicht der Gebrauch desselben Namens pontifices 
für die priesterliche Oberbehörde in andern Städten von Latium 
und Italien, wobei ohne Zweifel der römische Sprachgebrauch der 
bestimmende war. Dahingegen die ähnliche Benennung eines alten 
priesterlichen Geschlechts in Athen, der FeipVQatoij welche aus 
Böotien eingewandert auf der heiligen Strafse nach Eleusis ange- 
siedelt wurden und die Brücke über den Ilissos unterhielten, wobei 
sie gewisse ihnen eigenthümliche Sacra beobachteten, schon von den 
Alten als passende Analogie angeführt wird, y Nicht weniger merk- 
würdig sind die Arg ei, welche den Cultus und die Stadtchronik 
von Rom in der doppelten Bedeutung örtlicher Heroen der ältesten 
Stadtquartiere und in der von menschlichen Figuren beschäftigten, 



136 ACHTER ABSCHNITT. 

« 

«10 die aus Binsen geflochten und als Aequivalent früherer Menschen- 
opfer an den Iden des Mai in den Tiberstrom geworfen wurden» 
Gewöhnlich hielt man sie für Begleiter des Hercules, welche mit 
diesem aus Argos nach Rom gekommen, aber nach seinem Abschiede 
dort geblieben wären und die Saturnia d. h. die angebliche Stadt 
des Saturn am Fufse des Capitols (S. 12) bewohnt hätten^). Her- 
nach stürzen sie sich aus Sehnsucht nach ihrer Heimath in den 
Strom und werden seitdem als Heroen in 24 durch die Altstadt 
zerstreuten Capellen verehrt, welche man ihre Gräber nannte^), 
offenbar als Ortsgenien (Laren oder Indigeten) der 24 oder mehr 
Quartiere, in welche die Altstadt bis zu der neuen Eintheilung der 
Stadt durch August zerfiel. Bei diesen Capellen wurde am 16. und 
17. März von den Priestern ein Umzug gehalten, bei welchem die 
Flaminica Dialis mit ungekämmtem Haar, also in Trauer erschien^): 
wahrscheinlich ein Gedächtnifs zum Andenken an diese Heroen, 
welche den Compitallaren nahe verwandt gewesen sein mögen, io 
einer Zeit wo der Abschied von dem Winter und die Nähe des 
Frühlings sich in allerlei Sühnungs- und Freudefesten aussprach» 
Am 15. Mai aber fand ein gleichfalls nach ihnen benanntes Süh- 
nungsfest auf dem Pons Sublicius statt, bei welchem die Beziehung 
auf den Stromgott der Stadt unverkennbar ist; und auch hier waren 
vornehmlich die Pontifices betheiligt, sie und die immer eng mit 
ihnen verbundnen Yestalischen Jungfi^auen. Zuerst brachten die 



^) Varro 1. 1. V, 45 Argeos dietos putant^a prmeipibus, qui cum Hercule 
Argivo venerunt Romam et in Saturnia subsederunt. Vgl. Dionys. I, 34, 
Macrob. I, 7, 27, Ovid F. V, 650 E Id^yeTos ist die griechische Form, vgl. 
Tibur Argeam bei Horat. Od. II, 6, 5, Ovid Am. III, 6, 46, denn auch Tibur 
galt für eine Gräadung argiviscfaer Ansiedler. [Ueber die Argeer s. Jordan 
Top. 2, 237 ff. , wonach Einzelnes zu berichtigen ist. Ueber Sprachliches in 
der aus den pontificischea Büchern bei Varro erhaltenen Argeerorkunde Frei» 
bisch Tilsiter Osterprogr. 1876 S. 6 f. Havet Mem. de linguist. 4, 234 f.] 

^ Paul. p. 19 Argea loca Romae appeUantur, quod in hü sepuUi essent 
quidam. Argivorum illustres viri. Vielmehr nannte man auch diese Capellen 
im sacralen Sprachgebrauche Argei, s. Liv. I, 21, wo Nnma diesen Cnlt ein- 
setzt: muUa alia sacrißcia locaque sacris faciendis, quae Argeos pontifices 
vooant, dedißamt, Dionys. 1, 39 zählt dreifsig solcher Capellen, Varro 1. 1. 
V, 45 sieben und zwanzig [der Widersprach Varros mit ihm selbst beruht 
lediglich auf der sicher corrupten Stelle V, 45, wo ebenfalls XXIF gelesen 
werden mufs. Jordan a. 0. S. 238], dahingegen er VH, 44 nur von 24 Binsen- 
männern spricht. Vgl. Schwegler R. 6. 1, 376 ff., Marqnardt Handb. IV, 200 ff. 

•) Ovid F. III, 791, Gell. X, 15, 30 u. A. 



QUELLEN UND FLÜSSE. 137 

Pontifices gewisse vorbereitende Opfer, dann stürzten die Yestalinnen 
in Gegenwart der Prätoren und andrer bürgerlicher Magistrate 24 
von Binsen geflochtene Menschen -Puppen, die man Argei nannte, 
mit zusammengeschnürten Händen und Beinen von der Brücke in sie 
den Strom ^), angeblich zur Erinnerung an jene Begleiter des Her- 
cules oder weil dieser den stellvertretenden Gebrauch anstatt der 
früheren Menschenopfer eingeführt habe. Und in der That sollen 
früher bei dieser oder einer andern Gelegenheit wirkliche Menschen, 
und zwar sechzigjährige Greise in den Strom gestürzt worden sein; 
wenigstens wird das Sprichwort sexagenarii de ponte von den 
Alten u. a. von einem solchen Gebrauche erklärt und auch wohl 
unmittelbar auf das Argeeropfer bezogen^). Die Erklärung des grie- 
chischen Namens für diese ältesten Yiertelsgenien der Stadt ergiebt 
sich von selbst, wenn wir annehmen, dafs sie ursprünglich nach 
italischer Weise ohne bestimmtere Personißcation und Benennung 
verehrt wurden, wie der bei dem Cultus des römischen Hercules zu 
Grunde liegende Genius der Stadt und der Stadtflur, den man später 
mit dem argivischen Hercules identificirte. War dieses einmal ge- 
schehen, so lag nichts näher als jene ihm gleichartigen Yiertels- 
genien für seine Begleiter zu halten. Die andre Tradition, nach 
welcher sie für Saturnii galten, erklärt sich durch dieselbe Yoraus- 
setzung, dafs sie die Bedeutung von örüichen Aboriginern und seg- 
nenden Genien hatten, denn Saturnus und sein Geschlecht ist ja 
nur das Collectivbild für jene älteste Zeit einer paradiesischen Segens- 
fülle. Die Binsenmänner, welche in den Strom geworfen wurden, 
können ursprünglich nicht die Yiertelsgenien selbst, sondern nur 
die nach ihnen benannten Stadtviertel vertreten haben, von denen 
vermuthlich jedes ein solches Bild, früher also wohl einen Menschen 
zu dem Gesammtopfer zu stellen hatte. 

Neben dem Tiber wurden in jenem Gebete der Auguni, leider 
weils man nicht bei welcher Gelegenheit, auch einige seiner klei- 
neren Nebenbäche in der Nähe der Stadt genannt, namentlich der 



1) Varro 1. 1. VII, 44, Paul. p. 15 Argeos, Dionys. I, 38, vgl. üvid F. V, 
621 ff., Plut. Qu. Ro. 32, Macrob. S. I, 11, 47. 

') Fest p. 334 Sexagenarios, Paul. p. 75 Depontani. Zu vergleichea 
ipvären die bei der Austreibung des Todes ins Wasser geworfeaen Poppea, s. 
Grimm D. M. 728 ff., doch pafst die Jahreszeit des römischen Opfers nicht zu 
dieser Vorstellung. Eher pafst der alte und weit verbreitete Glaube, dafs 
der Stromgott, der Nix oder die Nixe, sein jährliches Opfer fordere, s. ib. 462. 



138 ACHTER ABSCHNITT. 

Spino, Almo und Nodinus (Cic. N. D. III, 20, 52) [und möglicher- 
weise (oben I, 56) gehörten zu diesen Turpenus Pater und 
Albsis Pater]^), besondre Gebräuche von derselben priesterlichen 
Behörde aber namentUch bei dem Uebergange jedes höheren Beam- 
teten der Stadt über jeden, auch den kleinsten Nebenflufs des Tiber 
beobachtet: worin sich wieder der Glaube an ein jedem fliefsenden 
fii7 Gewässer einwohnendes Numen deutlich ausspricht. Man nannte in 
diesem priesterlichen Sprachgebrauch jedes aus beständiger Quelle 
fliefsende Wasser fons manalis^), hielt es aber nur dann für nöthig 
besondre Uebergangs- Beobachtungen, die man auspicia peremnia 
nannte ^), anzustellen, wenn aus einer derartigen Quelle der Bach zu 
einem amnis wurde d. h. in ein gröfseres Flufssystem abflofs; wie 
diese Anspielen denn namentlich hinsichtlich der Petronia amnis im 
Marsfelde erwähnt werden, welcher Bach von den Magistraten bei 
allen im Marsfelde vorzunehmenden Geschäften überschritten werden 
mufste*). 

Auch die gröfseren Nebenflüsse des Tiber sind ohne Zweifel 
auf ähnliche Weise wie er selbst, der für ihren gemeinschaftlichen 
Herrn und Vater galt, verehrt worden, z. B. der schweflige Nar und 



^) [Bei Cic. a. 0., in ttugurum precatione Tiberinum Spinonem j4lmonem 
Nodinum alia propinquorum fluminum nomina videmusy ist Almonem Coojec- 
tur : anemonem {anienem die Leidener von 2. Hd.) die Hss. — Das Erztäfelchen 
mit der WidmaDg Alhn Patre (Eph. epigr. 2, 198 =» C. I. L. 6, 3672) ist im 
römischen Kunsthandel ohne sichere Provenienz aufgetaucht. Pränestinisch ? 
An j4lb(e)sis, j4lbula erinnern die Herausgeber. Vgl. auch Alburnus oben I, 
155 A. 1. — Prän estinische Ära Turpeno pai[ri\ C. I. L. 1, 1541 p. 562 vgl. 
Bull, deir ist. 1863, 122^ wo an Tolenus erinnert wird. Vgl. unten Volturnus, 
Falacer.] 

2) Fest. p. 157, Paul. p. 128. 

^) Fest. p. 245 Peremne dicitur auspicari qui amnem aut aquam, quae ex 
sacro oritur, auspicato transit. Das sacrum ist die Quelle, der fons manalis, 
vgl. Horat. Od. I, 1, 21 nunc ad aqutie lene caput sacrae, Cic. N. D. II, 3, 9 
klagt über die Vernachlässigung der peremnia auspicia. [Das vielbesprochene 
sacrificium peremne (von amnis; vgl. Mommsen Staatsrecht 1', 93 A. 6) hat 
jedenfalls Nichts mit perennis (von annuSy d. h. toto anno fluens, oben S. 126) 
zu thun.] 

*) Fest. p. 250 Petronia amnis. Die Quelle dieses Bachs hiefs Cati fons, 
Paul. p. 45. Die Angurn hatten überhaupt viel mit den FIüsscq und fliefsen- 
dem Wasser zu thun, s. Serv. V. A. IX, 24 seeundum augurum morem, apud 
quos fuerat consuetudo ut, si post aeeeptum augtiarium ad aqttam venissent, 
inclinati haurirent exinde ei manibus et fusis precibus vota promüterent , ut 
Visum perseveraret augurium, quod aquae intereessu disrumpitur. 



QUELLEN UND FLÜSSE. 139 

der liebliche Anio, welche sammt dem Avens das sabinische Heimath- 
land in der Gegend von Reate durchströmten, wo auch der 1. Velinus 
und der See von Cutilia durch manche alte Sage und manchen alten 
Brauch geheiligt waren (I, 408 f.). Doch hören wir von diesen Ge- 
wässern nur gelegentlich und selbst von einer religiösen Verehrung 
des Anio, der bei Sublaqueum (Subiaco) und Tibur vorbei das Bett 
des Tiber sucht, ist etwas Bestimmteres nicht überliefert; wenn 
anders nicht vieUeicht der bei Tibur und an dem Wasserfalle des 
Anio verehrte Tiburnus^), welcher für einen der Gründer von 
Tibur galt, eigentlich der als Divus Pater und Indiges verehrte 
Stromgott Anio war, welcher bekanntlich jetzt allgemein Teverone 
heilst. Dazu kommt die Verehrung der weissagenden Nymphe oder 
wie man sie später nach dem Vorbilde der Cumanischen Sibylle und 
andrer Seherinnen nannte der Sibylla Albunea, welche zu Tibur sis 
am Ufer des Anio ein Heiligthum hatte, in dessen Strom der Sage 
nach ihr Bild mit einem Buche in der Hand gefunden war. Ihre 
früher auf der Burg von Tibur im Tempel des Hercules aufbe- 
wahrten Sprüche wurden vom römischen Senat später auf das 
Capitol in die allgemeine Niederlage solcher Runen (sortes) ge- 
schafft^). Offenbar ist sie die Nymphe, die Fauna der Solfatara 
von Tibur, deren bereits oben (I, 383) auf Veranlassung des alten 
und im latinischen Alterthum weitberühmten Faunusorakels von 
Tibur gedacht ist. Selbst der Fluüsgott Anio galt wegen dieses 
Orakels später für einen Sohn des Apollo, noch bestimmter aber 
wird der andre Gründer von Tibur Catillus als ein dem Faunus ver- 
wandter Prophet dadurch charakterisirt, dafs ihn die Sage bald einen 
Begleiter des arkadischen Evander, bald einen Sohn des argivischen 
Propheten Amphiaraos nannte^). Später waren diese Sagen freilich 

^) Horat. Od. I, 1 , 12 domus Albuneae resonantis et praeceps Anio ae 
Tihumi Ulcus et uda mobüibus pomaria riuis, Sueton v. Horatli: domus eius 
ostendäur circa Tiburm luculum. Vgl. Stat. Silv. I, 3, 74, Plin. H. N. XVI, 
237 Tiburtes quoque originem muUo ante urbem Romam habent. apud eos ex- 
tant iUces tres etiam Tibumo eonditore eorum vetustiores apud quas inavgu- 
ratus traditur, \\%\. Alburnns oben S. 138 A. 1.] 

«) Lactant. I, 6, 12 nach Varro, vgl. Serv. V. A. VIII, 336 aUi etiam 
Tiburtem dictam sc, Carmentam, Tiball. II, 5, 69, Stat. Silv. I, 3, 79. Einige 
übersetzten den Namen Albunea in den griechischen Leacotbea, wobei man 
gleichfalls an Schwefel dachte, Serv. V. A. VII, 83. Die späteren Bäder 
heifsen immer aqaae Albolae, s. Strabo V, 3, 11, Vitruv. VIII, 3, 2, Plin. 
XXXI, 10, Sueton OcUr. 82, Martial. I, 13 u. A. 

3) Solin. 2, vgl. Horat. Od. I, 18, 2 etrca mite solum Tüniris et moenia 



140 ACHTER ABSCHNITT. 

meist verschollen, der alte Cultus durch die Zeit verdunkelt, dagegen 
die Quelle zu einem häufig besuchten Heilbade geworden, dessen 
sich schon August bediente. Es war eine kalte Schwefelquelle, in 
der man entweder badete oder man trank das Wasser, namentlich 
sollen die Bäder zur Stärkung der Nerven und bei Verwundungen 
sehr heilsam gewesen sein. Eine aus diesem Orte erhaltene Inschrift 
spricht den Dank eines rüstigen Jägers aus, der sich in Etrurien 
auf der Eberjagd eine Wunde geholt hatte und bei jener Quelle Hei- 
lung fand, worauf er zum Dank sein Bild, wie er zuerst wieder zu 
Pferde safs, in Marmor ausgehauen neben der Quelle aufstellte^). 

Wie man auf dem Lande die Quellen verehrte, davon giebt das 
liebliche Gedicht des Horaz eine Vorstellung, durch welches er die 
619 Quelle seines sabinischen Landgutes, die durch ihn berühmt ge- 
wordne Quelle der Bandusia verherrlicht hat. Od. HI, 13. Man 
bekränzte sie mit Blumen, schüttete Wein in das Wasser und 
schlachtete bei festUchen Gelegenheiten auch wohl ein Böcklein'), 
dessen Blut man gleichfalls in das Wasser tropfen und mit diesem 
dahinfliefsen liefs. Von der Verehrung gröfserer Bäche ist die des 
Clitumnus in Umbrien ein lehrreiches Beispiel, nach der Be- 
schreibung des jungem Plinius ep. VIU, 8. Seine Quelle war sehr 
reich und voll, das Wasser bis zur Durchsichtigkeit klar und dabei 
frisch wie Schnee, das Ufer reichlich mit Bäumen bestellt, die Felder 
der benachbarten Stadt Mevania durch diesen Flufs reich gesegnet 
und durch eine Zucht von weifsen Stieren berühmt, deren für den 
Gebrauch des Gottesdienstes geweihte Farbe man der Wirkung dieses 
Wassers zuschrieb^). Daher ein vor vielen angesehener Cultus dieses 



Catili, Vir^ Aen. VIT, 670. Catilos oder CatiUns ist i. q. Catus, der Ge- 
scheute, der Seher. Es scheint dafs er speciell als Gründer der Barg von 
Tibur verehrt wurde, wo der T. des Hercules lag^. 

') S. die von Haupt und Lachmanu hergestellte Inschrift bei Mommseo 
I. N. n. 7146. Mehr über die Quelle und die Räder bei Canina sull' antico 
edifizio dei bagni delle acque Albule, Bullet, dell' Inst. Arch. 1855 p. XXXIII, 
die letzte Arbeit des würdigen und yielverdienten Mannes, welcher selbst in 
diesen Bädern Heilung suchte. 

') Oder ein zartes Schweinchen, Martial. VI, 47. 

8) Virg. Ge. II, 146 und dazu Philarg., Prop. II, 19, 25, Sil. Ital. IV, 
544 ff., VI, 647. Vgl. Sueton Calig. 43. [Dafs der Gott Juppiter Clitumnus 
hiefs, wird zwar Prellern nachgeschrieben, sagt aber keiner der angeführten 
Schriftsteller; nur Vlbius Sequester de flum. behauptet es: Clitumnus Umbriae, 
übi luppiter eodem nomine est. Dies Zeugnifs aber ist um so weniger glaub- 



QUELLEN UND FLÜSSE. 141 

Flufsgottes, dessen die Alten oft gedenken. Der Hain mit einem 
Tempel befand sich in der Nähe der Quelle, darin das Bild des 
Gottes und sogenannte sortes d. h. auf Blättern oder auf Stäben 
geschriebene Orakelsprüche wie die der Albunea von Tibur oder der 
Fortuna von Praeneste. Um den Tempel sah man viele kleinere 
Capellen für eben so viele Götter zweiten Ranges, deren jeder seinen 
Namen und seinen besondern Cultus hatte; zum Theil waren es die 
Götter kleinerer Quellen, die sich in den Clitumnus ergossen und 
als deren Herr und Vater er verehrt wurde. Ihn selbst nannte man 
lupiter d. h. Divus Pater CUtumnus, welches nach Analogie des 
Pater Tiberlnus, Pater Reatinus und ähnlicher Fälle zu erklären ist 
(I, 95). lieber den Strom war eine Brücke geschlagen, welche die 
Grenze zwischen dem heiligen und dem profanen Theile des Flusses 
bildete, in welchem letzteren man baden durfte. Viele Inschriften 
des Danks und der Huldigung bedeckten die Säulen und die Wände 
des Tempels. 

Um so leichter würd uns die Verehrung des Flusses NumXcus 
oder Numlcius^) bei Lavinium verständlich werden, welcher die 
Sage und Dichtung der Latiner und Römer so viel beschäftigte. Es 
ist der geweihte FluDs der Vesta und der Penaten von Lavinium, in 
dessen Wellen Aeneas verschwunden war: ein Flufs den die Sage 520 
in früheren Zeiten reichlich und voll durch den fruchtbaren Grund 
von Lavinium strömen und erst später, nachdem der Gottesdienst ver- 
nachlässigt worden sei, so erbärmlich zusammenschrumpfen läfst^). 
Merkwürdig sind die Erzählungen wie Aeneas in diesem Flusse und 
durch die Kraft seines Wassers zum Indiges oder lupiter Indiges 
geworden, denn als solcher wurde er an seinem Ufer in einem Haine 
verehrt, in welchem man den Grabeshügel des troischen Helden 
zeigte. Entweder opfernd oder in einem siegreichen Gefechte mit 
den Feinden Latiums verschwindet er plötzlich in dem Strome, 
worauf jenes Heiligthum gestiftet wird, bei welchem die römischen 



lieh, als Plioius in seiner umständlichen Beschreibung det lucus schwerlich 
den Namen verschweigen konnte. Vgl. oben I, 195.] 

^) Beide Formen kommen vor, s. Drakenborch z. Liy. I, 2, 6. [Ntnniciüt 
scheint die beliebtere zu sein.] Der Name scheint verwandt zu sein mit dem 
des Nnma und des JVumitor, des frommen Bruders des wilden Amulius. 

') Virg. Aen. VII, 150 Serv, Es ist entweder der Rio di Turno bei 
Praticftj dem alten Lavinium, oder der Rio Torto zwischen Pratica und Ardea. 
[Für diesen entscheidet sich Nibby Analisi 2, 415, vgl. Westphal Kampagne S. 13.] 



142 ACHTER ABSCHNITT. 

Pontifices jährlich mit den Consuln opferten. Dabei wird immer 
dem Wasser des heiligen Stromes die Kraft zugeschrieben, durch 
welche der sterbtiche Aeneas zum unsterblichen Gott geworden sei ^), 
ja dieser Aeneas Indiges wird hin und wieder geradezu wie der im 
Numicius waltende und herrschende Flufsgott beschrieben, so dafs 
er ursprünglich wohl nichts Anderes gewesen ist als der Divus Pater 
Numicius, der Flufsgott als Indiges und als Stifter der Penatenstadt 
Lavinium gedacht, deren Yestadienst mit diesem Culte durch den 
Gebrauch seines heiligen Wassers eng verbunden war. Vielleicht 
war es nur die Folge einer Namensverwechslung, hier und in andern 
Fällen, daüs Aeneas, als die Sage von ihm einmal eingedrungen war, 
mit diesem Indiges identificirt wurde, so gut wie bei der Anna 
Perenna, wobei zuerst gewifs nur die beständige Strömung (amnis 
perennis) der NumiciusqueUe gemeint war, dann aber die kartha- 
gische Anna durch die geschäftige Sage herbeigezogen wurde'). 
681 Unter den Flüssen Campaniens hat jedenfaUs der Yolturnus 
d. h. der sich Wälzende, der Rollende, von volvere (Vol-t-umus, 
wie Sae-t-urnus, lu-t-urna) einen lebhaften Cultus der ganzen 
Umgegend veranlafst, wie sich davon auch noch in dem feriale Ca- 
puanum einige Spuren erhalten haben ^). Auffallend ist es dafs wir 



1) TibuU. II, 5, 43 illic sandus eris, cum te veneranda Numici unda deum 
eado miterü Indigetem» fuveoal. XI, 63 von Aeneas und Hercules: alter aquis 
alter flammis ad sidera müsus. Vgl. Ovid Met. XIV, 588 ff. und die beiden, 
oben I, 94 f. angeführten Stellen b. Dionys. I, 64 und Arnob. I, 36. Bei Liv. 
I, 2 und Plin. H. N. III, 56 heifst der am Numiciiis verehrte Gott lupiter 
Indiges, und dies scheint der wirkliche Gultusname gewesen zu sein. £s 
scheint nicht dafs der Name Aeneas im Cultus hinzugefügt wurde. 

3) Ovid F. ni, 647 ff, Ygl. oben I, 343 f. und Sil. Ital. YHI, 50 ff. Da das 
Wort und der Begriff amnis zugleich männlich und weiblich ist und in der 
älteren und ländlichen Sprache wohl auch etwas anders gelautet hat, vgl. 
Mommsen Unterit. Dial. S. 248, so könnte der amnis Numicius wohl auch 
den Namen des Aeneas herbeigezogen haben. Hat man in gläubigen Zeiten 
doch selbst das Janiculum des Namens wegen für eine Gründung des Aeneas 
erklärt. [Vgl. Rabino Vorgeschichte 132 f. und Brunn Annali 1864, 356 ff., 
welcher den Numicius auf einer pränestinischen Cista dargestellt glaubt. 
Doch ist die Deutung der ganzen Gomposition unsicher.] 

^) S. oben I, 163. Am 1. Mai und am 25. Juli sind Lustrationen am 
Flufs d. h. am Volturnus vorgeschrieben, die erste bei Casilinum, an derselben 
Stelle, wo das jetzige Gapua liegt, die andre bei der Brücke der Dianenstrafse, 
welche von Gapua in nordöstlicher Richtung zum Flusse und zum T. der 
Diana auf dem Berge Tifata führte. 



QUELLEN UND FLÜSSE. 143 

denselben Cultus auch in Rom finden, wo noch die Kalender der 
Augusteischen Zeit am 27. August eine Feier der Yolturnalia an- 
merken und dieselbe in einem dieser Kalender ausdrücklich für ein 
dem Flusse Volturnus dargebrachtes Opfer erklärt wird^), welcher 
nicht wohl ein andrer sein kann als der durch ganz Italien bekannte 
Flufs von Capua oder Yolturnum, wie diese Stadt in früherer Zeit 
geheifsen hatte ^). Also bleibt nichts Anderes übrig als eine lieber- 
tragung dieses Cultus von Capua nach Rom anzunehmen. Yer- 
muthlich geschah es in der Zeit (seit dem J. 543 d. St., 211 v. Chr.), 
wo die Römer die Stadt Capua gänzlich aufhoben und von ihrem 
reichen Gebiete in solcher Weise Besitz ergriffen, dafs Rom fortan 
an die SteUe von Capua trat^): bei welcher Gelegenheit also jener 
Cult des Fluüsgottes und alten Eponymen der Stadt nach Rom über- 
tragen worden wäre, wie bei andern Gelegenheiten die Culte von 
Alba, von Veji, von Lanuvium u. s. w. Wie sehr im üebrigen durch 
ganz Campanien und überhaupt im südlichen Italien die Flüsse und 

1) Alle Kalender bemerkea zum 27. Aag^. VOLTurnalia oder VOLTVRN., 
[ferioie Foltitmo der Arvalkal.] das KaL Capranic. aach der Ausg. voo Momm- 
sen L N. d. 6748 setzt hinzu: VOLTVRIN. FLVMINl SACRIFICIVM. [C. I. L. 
1 p. 400.] Auch bei Varro 1. 1. VI, 21 ist deshalb zu schreiben FoltumaUa 
a deo FoUvmo, cuiwi feriae tum [vortunaUa-vortumo F], vgl. Paul. p. 379 
FoÜurnalia VoUumo suo deo sacra faciehant , cuitis sacerdotem Foltumalem 
vocantf d. i. der flamen Volturnalis. Freilich konnten beide Namen, Volturnus 
und Vortumnus, in der Aussprache leicht verwechselt werden, s. oben I, 455. 
[Arnobius III, 29 nennt den Janus patrem Fonti^ Fultumi generum, lutumae 
marüumy woraus mit Wahrscheinlichkeit hervorgeht, dafs der deus Folturnus, 
der in Rom ein Hauptfest hatte, nicht der cam panische Flufsgott ist: weiter 
aber kann nicht mit Mommsen G. I. L. 1 p. 400 geschlossen werden, dafs er 
eben deswegen Tiberinas sein müsse (nach der von Mommsen selbst adop- 
tirten angeblichen Legende ist Janus der Vater, nicht der Sohn des Tiberinus, 
oben S. 133 A. 1). Da Folturnus auch der Name eines Sturmwindes ist (altitonans 
Lucr. V, 742, oben I, 330 A. 2; Liv. XXII, 43. 46; nach Colum.XII, 2, 65 gleich 
Eurus, weht 17. Sept.), so kann sehr wohl der römische Gott Volturnus ein 
Wirbelwinds- (Gewitter-) Gott sein, der die Wasserläufe urplötzlich anschwel- 
len läfst (wie es der Jahreszeit des Festes angemessen ist), womit ein späte- 
res sacrißctum flumini vereinbar wäre. Auch die Combinationen von Huschke 
Jahr 251. 357 sind hinfällig. — Möglich dafs auch der Divus Pater Fa- 
lacer (Varro V, 84. VII, 45), der ebenfalls seinen Flamen hatte, hierher- 
gehört, lieber Padus Pater oben I, 56; der Sarnus erscheintauf pompej. 
Wandbildern in dem Kostüm der Flufsgötter.] 

') Liv. IV, 37. Es gab auch eine römische Golonie Volturnum unweit 
der Mündung des gleichnamigen Flusses, Varro 1. 1. V, 29. 

*) Liv, XXVJ, 16. Daher die capuanischen Münzen mit dem Namen der Römer. 



144 ACHTER ABSCHNITT, 

Quellen den Glauben und die Einbildungskraft der Bevölkerung be- 
«S2 scbäftigen, beweisen theils die Münzen der griechischen Städte z. B. 
die von NeapeP), theils die hin und wieder erzählten Fabeln von 
sterblichen Menschen, welche in die Quelle eines Flusses gestürzt 
zu gehörnten Flufsgöttem geworden (I, 97 A. 1), oder von Flufs- 
göttem, denen ein Silvan entspringt (I, 397) u. dgl. m. 

Eine andre Reihe von gottesdienstlichen Beobachtungen und 
entsprechenden Sagen schliefst sich an die vielen Wärmbäder 
und Heilquellen, welche durch ganz Italien sehr zahlreich waren 
und im Alterthum auch von Leidenden aller Art überall sehr fiieilsig 
besucht wurden. Die warmen Bäder waren insgemein nach grie- 
chischer Sitte dem Hercules geweiht, daher sich die Fabel von der 
Geryonsfahrt und seiner Wanderung durch Italien auch in Padua 
festgesetzt hatte'). Anderswo hielt man solche Heilquellen oder 
Gewässer von heilender Kraft für eine Gunst der Ortsgottheit und 
warf allerlei fromme Gaben für sie ins Wasser, Münzen, kleine 
Götterbilder, Köpfe oder andre Glied mafsen des menschlichen Kör- 
pers, welche geheilt worden waren : von welcher Sitte sich ein merk- 
würdiges Beispiel in einem Alpensee auf Mte Falterona, auf welchem 
der Arno entspringt, erhalten hat *). Wo dagegen vulkanische Wir- 
kungen, namentlich aufsteigende Schwefeldämpfe beobachtet wurden, 
an denen Italien so reich ist und im höhern Alterthum noch reicher 
war, da pflegte man die Mefitis*) anzubeten, welcher wir als 

^) Dessen Flafsgott Sebethos auf Münzen und Inschriften als Gott er- 
scheint, s. Or. n. 1647, Mommsen I. N. n. 2445 und die Münzen im Bullet. 
Arcfa. Napol. 1852 n. 3. 6. 8. t. IV. Vg^l. die Inschriften aus der Umgegend 
von Neapel bei Mommsen I. N. n. 2599 Nummi Nympharum und Or. 1648 
Nymphis Aufidi Servatrie, Soor, Eine interessante Sammlung von grofs- 
griechischen Münzen mit verschiedenen Bildern von Flufsgöttern giebt Riccio 
repert. delle monete di citta antiche Nap. 1852 t. 1. [Vgl. Holm Gesch. Si- 
ciliens 1, 177. 408.] 

>) Sueton Tib. 14. Vita Theodorici p. 149. Thermen des Hercules bei Caere er- 
wähnt Liv. XXn, 1, zu AUifae in Samnium eine Inschrift b. Mommsen I. N. n. 4758. 

8) S. Braun im Bullet, dell' Inst. 1842 p. 179—184, 6. Dennis die Städte 
und Begräbnifspl. Etruriens S. 431 ff. [Aehnliche Beispiele nicht selten: von 
hervorragender Bedeutung die aquae ApoUinares am sabatinischen See (bei 
Vicarello), berühmt durch den Fund der Silbergefäfse, Münzen u. s. w. Henzen 
zu Or. 5210 und mehr b. Jordan Top. 2, 48. Vgl. aoch die oben a. Bleitafel 
von Arrezzo uti vos Aquae ferventes Hv[e] v[o\s Nimfas [si\ve quo aUo no- 
mine voUis appe[l]lari Wilm. Ex. 2749.] 

^) [Das Wort Mefitis (dies, nicht Mephitis, ist die richtige Schreibung) ist 
ungewisser Herkunft, nach Suffix und Stammbildung schwerlich lateinisch.] 



QUELLEN UND FLÜSSE. 145 

einer alten italischen Gottheit im mittleren Italien nicht selten be- 
gegnen, z. B. beim See von Amsanctum im Waldgebirge der Hir- 
piner, neben welchem sich eine der Mefitis geheiligte Höhle befand, 
aus welcher wie aus der Höhle am Averner See bei Cumae (S. 75) 
erstickende Dämpfe aufstiegen, daher man auch hier an einen Ein- 
gang in die Unterwelt glaubte^). Auch in Tibur wurde Mefitis ver- sas 
ehrt und zwar als Mann neben der Albunea^), desgleichen in Rom, 
wo es einen lucus Mefitis auf den Esquilien gab, ein sicherer Be- 
weis dafs auch dort einst gasartige Dämpfe aufgestiegen waren ^), 
ferner zu Benevent in Samnium, zu Potentia in Lucanien, zu Atina 
in Campanien u. s. w., auch zu Cremona in der Lombardei ^). Auf 
der Insel Ischia hatte man bei vollkommner Hellenisirung des Orts 
die gleichartigen Heilquellen dem Heilgotte Apoll und den Nymphae 
oder Lymphae Nitrodes oder Nitrodae gewidmet, welche aus Bild- 
werken und Inschriften bekannt sind'^). 

Auch der Cultus der Paliken in Sicilien mag sich hier an- 
schliefsen, da er mehr der einheimischen Bevölkerung als den 
Griechen angehört zu haben scheint und diese Paliken wesentlich 
Dämonen von Schwefelquellen waren, die von vulkanischen Kräften 
getrieben wurden, freilich unter sehr eigenthümlichen und auffallenden 
Bedingungen, welche dem Naturgefühl der Alten um so mehr im- 
ponirten. Aeschylus hatte sie in einer seiner Tragödien verherrlicht 



^) Die schöne Bescbreibuog des Orts b. Virg. Aeo. VII, 563 ff., zu welcher 
Stelle Servius bemerkt, dafs Varro alle gleichartigen Statten in Italien anf- 
gezählt hatte. Vgl. Plin. H. N. 11, 208 und 240 f. , Gic. de Divin. I, 36, 79, 
Clandian r. Proserp. II, 350. Amsanctum ist, wie Serv. A. VII, 565 [Tac 
Hist. in, 33] richtig erklärt, locus amsanctus t. e. omni parte sanctus, [Hs. 
Schreibart ist Ampsanctum^ griech. lA.vaav%(ot s. Fabr. Gloss. s. v. Die Ety- 
mologie ist unsicher.] 

') yiT%, A. VII, 84 Albunea nemorum quae maxima sacro fönte sonat 
saevamque exhalat opaca meßtim. Dazu Servius: Mefitis proprio est terrae 
putor, gut de aquis fiascitur sulfuratis — j41ü Mefitim deutn volunt Leucotheae 
(d. i. Mbuneae) conexum. 

•) Varro 1. 1. V, 49, Fest. p. 351 a. [Jordan Top. 1, 1, 122. 2, 520.] 

^) Cremona: Tacit. Hist. III, 33 [und die vielleicht nach Cremona gehörige 
Inschrift aus guter Zeit C. I. L. 5, 6353], vgl. Mommsen I. N. n. 376—378, 
1403, 4540, Henzen n. 5808 ff. 

^) L. Stephani Ind. Schol. Dorp. a. 1850, Braun Ant. Marmor w. II t. Vb, 
Gerhard Neap. Ant. Bildw. S. 142 n. 546. 547, Mommsen I. N. n. 3513—3518. 
Der Ort heifst noch jetzt Nitroli. Den Bildwerken zufolge scheinen dort auch 
gymnische und musische Spiele gefeiert worden zu sein. 

P r e 1 1 e r , ROm. Hjthol. II. 8. Aafl.^ \Q 



146 ACHTER ABSCHNITT. 

und ältere und neuere Reisende und Gelehrte haben sich oft mit 
dieser Erscheinung beschäftigt^). Der Ort befand sich im Oberlande 
des Flusses Symäthos, schon im Innern der Insel, zwischen £nna 
und Syracus; wahrscheinlich ein zusammengestürzter Krater, in 
dessen innerster Senkung sich noch jetzt bei nasser Jahreszeit Wasser 
zu sammeln pflegt, welches durch vulkanische Dämpfe, die aus der 
Tiefe durch verschiedene Löcher aufsteigen, emporgetrieben wird. 
In alter Zeit mufs diese Wirkung und Erscheinung weit energischer 
gewesen sein, da gewöhnlich von zwei Becken (Krateren) in diesem 
634 Grunde die Rede ist, aus denen das heilse und erstickende Dämpfe 
verbreitende Schwefelwasser bei unergründlicher Tiefe immer von 
neuem aufgähre und in hohen Sprudeln emporspringe. In der Nähe 
dieses Phänomens wurden jene Paliken als wohlthätige Dämonen 
verehrt, obwohl sie eigentlich nur die personificirte Naturerscheinung 
selbst waren. Bald hiefsen sie Kinder des Adranos, eines durch 
ganz Sicilien von der indigenen Bevölkerung verehrten Halbgottes^ 
bald des Yulcan und der Nymphe Aetna, bald, un(^ dieses war die 
durch Aeschylus verherrlichte Fabel, nannte man sie Söhne des 
Zeus und der Thalia, einer Tochter des Yulcans vom Aetna, welche 
sich aus Angst vor der eifersüchtigen Juno in die Erde flüchtet,^ 
worauf diese anstatt ihrer die PaUken gebiert^). Doch unterschied 
man an dem Orte selbst zwischen den beiden Sprudeln, die man 
Delli nannte, und den göttlich verehrten Paliken, welche für Heil- 
götter und gute Genien des Ackerbaus und der Schiffahrt galten. 
Bei jenen Sprudeln pflegten auch Reinigungseide unter eigenthüm- 
lichen Gebräuchen abgelegt zu werden, indem man die Schrecknisse 
des Orts zur Erschwerung des Gewissens und das Auf- und Nieder- 
steigen der Schwefelsprudel zu einer Art von Gottesurtheil benutzte^ 
dahingegen das benachbarte Heiligthum der Paliken auch als Orakel 
und Asyl für Sklaven häufig aufgesucht wurde, auch in dem sici- 
lischen Sklavenkriege, welcher hier sogar recht eigentlich seinen 
Heerd hatte. 



>) Macrob. S. V, 19, 15 ff. Vgl. 6. Michaelis, die Paliken, ein Beitrag 
zur Würdigung altitalischer Culte, Dresden 1856. [Holm Geschichte Siciliens 
1, 75 f. 368 f.] 

3) Daher der Name, naXiv yaQ Xxova" Ix axorovg rdJ' eis tpaog, wie e» 
bei Aeschylus hiefs. Vgl. die Beschreibungen der Sprudel b. Strabo VI p. 
275, Silenos b. Steph. ß. v. HaXixi^, Est ist eine Nachbildung der böotischeo 
Fabel von der Geburt des Tityos. Vermuthlich ist weder der Name Delli 
noch der der Palici griechischen Ursprungs. 



NEUUTEE ABSCHNITT. 



Die Götter des feurigen Elements. 



Es gehören dahin Yolcanus als Gott der Naturkraft des Feuers, 625 
welche beseelend und bildend, aber auch zerstörend wirkt, und Vesta, 
die Göttin der Feuerstätte, sofern sie für das menschliche Leben die 
Bedingung aller Ansiedlung und veredelten Häuslichkeit ist, auch die 
Göttin der Altarflamme, welche von der Erde zum Himmel empor- 
weist. Beide zusammen ^), in mancher Hinsicht aber auch Yolcanus 
allein, erinnern sehr an den indischen Agni (ignis), den Feuergott 
der Veden, welcher gleichfalls sowohl die leuchtende, erwärmende 
und verzehrende Macht des Feuers als der Feuergott des Altares 
und des häuslichen Heerdes, also des Familienlebens und des Gottes- 
dienstes überhaupt ist. Der Yesta gesellen sich im römischen Cultus 
die freundlichen Haus- und Heerdgeister der Penaten, welche sie 
auch in das öfientliche Leben des Gemeindeheerdes hinüberbegleiten. 

]. yolcanus. 

Der Name wird sowohl in den besseren Texten der Schrift- 
steUer als in den Inschriften gewöhnhch Yolcanus^) geschrieben, 
später Yulcanus. Eine befriedigende Etymologie ist bis jetzt nicht «ae 



^) Nach Dionys. 11, 50 verehrte sie schon T. Tatius zusammen. Dagegen 
ist die Zusammenstellang bei Liv. XXII, 10 die griechische. 

s) YOLCANI POGOLOM auf einer Schale aus Tarquinii, die sich jetzt in 
ßerlin befindet [G. T. L. 1, 50]. Münzen von Aeseruia mit der Inschrift YOL- 
GANOM [G. I. L. 1, 20]. Vgl. OreHi n. 1380 ff. [und mehr bei Gorssen, 
Ausspr. 2«, 150 f.]. 

10* 



148 NEUPTTER ABSCHNITT. 

gefunden^). Um so verständlicher ist der Name Mulciber, wie der 
Gott besonders als allverehrter Waffenschmied gleich dem deutschen 
Wieland und dem griechischen Hephästos genannt wurde, von mul- 
cere d. h. von der erweichenden, die festen Metalle flüssig machenden 
Kraft des Feuers*). Bei den Etruskern hiefs er Sethlans, welcher 
Name vermuthlich mit dem griechischen ai&siv und dem älteren 
Namen der Insel Lemnos Ald-dlfjj Ald-aXtaj Aid-dXsia zusammen- 
hängt, den auch die Insel Elba mit ihren grofsen Yorräthen von 
Eisen und Kupfer führte^): welche Schätze in Populonia und sonst 
bei den Etruskern, da ihr Land überhaupt an Metallen reich war, 
zu allen Künsten und Uebungen des Schmiedegotts, Schmelzöfen, 
Münzstätten, den berühmten kunstreichen Metallarbeiten u. s. w. 
reichlichen Anlafs darboten. 

In den älteren Gülten und Sagen erscheint Yulcan bald als zer- 
störende bald als wohlthätige, nicht selten auch als beseelende und 
zeugende Kraft, ja wie Vesta und der indische Agni auch als Gott- 
heit des Heerdes, der über dem Bestände der Familie wacht und 
im Staate Gesellung und Verbindung fördert*). In der pränestini- 

^) Nicht zu gebraachen siad die Etymologieeo bei Varro 1. 1. V, 70 und 
Isidor Orig. VIII, 11, 39. Cicero IN. D. III, 24, 62 verzichtet aaf jede Er- 
klärang. A. W. Schlegel dachte an das indische al-kÄ, feuriges Meteor, s. 
Pott etymol. Forsch. 1 S. 128. 265. Neuerdings haben Mehrere nach dem 
Vorgange von Secchi den ans Hesych und Münzen von Phästos bekannten 
Zeas Velchanos oder Gelchanos verglichen. Andre das „phönicisch-pelasgische" 
Wort Tilx^v^ 8- Gerhard Gotth. d. Etr. S. 6. 29, Rofs Ztsch. f. A. W. 1851 
n. 50, Hnschke die osk. n. sabell. Sprachdeokm. S. 11. 198. [Grassmann Z. f. 
vg. S. 16, 164: von W. var, warm (vgl. Fick Wörterb. 1, 772). Dieselbe Wur- 
zel willCorssen (Sprache d. Etr. 1, 527) in dem aus der etrusk. Glosse (Festus 
S. 18) arse verse, averte igjiem gefolgerten ^ver-t-üy Feuer, erkennen. Am 
ehesten wird man sich mit der Vergleichnng von ulkd, Feuerbrand befreunden 
können. Die ursprüngliche Bedeutung (unten) stimmt damit wohl.] 

s) Paul. p. 144 Mulciber, Macrob. VI, 5, 2, vgl. die Inschr. b. Or. n. 1382 
[= C. I. L. 5, 4295] Folk, Miti sive Mulcibero L, yeüii u. s. w. [Das uns 
lediglich aus der Dichtersprache bekannte Wort mulc-i-ber (vgl. Corssen 
Ausspr. 1*, 166) stammt möglicherweise aus der sacralen Terminologie; ähn- 
lich gradivus oben I, 348.] 

») 0. Müller Etrusker 1 S. 240. 

^) [Die Paare Volcanus-Maia und Volcanus-Stata Mater kennzeichnen die 
ältere und jüngere Epoche der Auffassung. Der ursprüngliche Feuergott ist 
mit der Stadtgründung eng verbunden, doch so dafs die area Foleani den 
Sinn einer Sühn statte des stets gefahrdrohenden Feuer- und (wie das 
Fest zeigt) Sonnenbrands ist (im Gegensatz zu dem in den Dienst des Hauses 
gestellten Vestafeuer), während die Kultusstätte vor das Thor verlegt ist 



VOLCANÜS. 149 

sehen Sage galt deshalb Caeculus, der Gründer der Stadt, für einen 
Sohn des Feuergottes, der „am Heerde" gefunden wird, dann unter 
den Hirten aufwächst und endlich wie Modius Fabidius in Cures, 
wie Romulus in Rom das Volk der Umgegend um sich versammelt 
und den Staat gründet ^). Nach der latinischen und römischen Sage, 
wie Dionys und andre Schriftsteller sie erzählen^), wurde Servius 
Tullius, der volksfreundliche König und neue Gesetzgeber, in dem- 
selben Sinne für den Sohn des Yulcans gehalten, welcher bei dieser 
Gelegenheit in der Flamme des Familienheerdes der Tarquinier als s» 
lar farailiaris d. h. als Schutzgott des Hauses (S. 104) erscheint. 
Tarquinius und die weise Tanaquil sitzen beim Mahle, bei welchem 
Ocrisia (d. i. die Burg-Jungfrau, von ocris), die gefangene Königs- 
tochter aus Corniculum, als Magd aufwartet. Als sie nach der Sitte 
des Mahls die Speiseopfer zu den Laren des Heerdes trägt und den' 
Wein in die Flamme schüttet, streckt sich ihr aus der Flamme ein 
fascinum entgegen. Erschrocken meldet sie es der Tanaquil, diese 
aber heilst sie sich bräutlich schmücken und so an den Heerd 
setzen, worauf sie nach neun Monaten den Servius Tullius gebiert. 
Auch soll sich Yulcanus bei seinem Sohne wie beim pränestinischen 
Caeculus nicht unbezeugt gelassen haben. Denn einst, da Servius 
als Knabe schlummerte oder, wie Andre erzählten, da er nach dem 
Tode seiner vielgeliebten Gattin in tiefen Seelenschmerz versunken 
war, sah man sein Haupt und das Haar von lichter Flamme lodern. 
Ein wohlthätiger und befruchtender Naturgott ist Yulcan auch 
als Gatte der alten latinischen, der Bona Dea nahe verwandten Göttin 
Maia, welche zu Rom in alten Gebetsformeln als Maia Yolcani ver- 
ehrt wurde und ihr Opfer am 1. Mai durch den flamen Yolcanalis 
erhielt^); eine ähnliche Yerbindung also wie die zwischen dem 



wie die des ebenfalls wegen seiner gefahrdrohenden Natur gefürchteten Mars. 
Der jüngere Gott der Feuersbrnnste ist das Symbol der werdenden Grofs- 
Stadt. Die Beziehungen des Y. zur Schmiedekunst sind (abgesehen von dem 
nicht klaren mulciber) sicher ans griechischen Yorstellungen erwachsen; die 
griechische Yorstellong Ton der 'vnlcanischen' Kraft des Hephaistos ist in 
Italien nie heimisch geworden.] 

^) Yirg. Aen. YII, 678 fr. mit den alten Aaslegern. 

«) Dionys. IV, 2, Ovid F. VI, 621 «f., Plin. H. N. XXXVI, 204, Plnt. de 
Fort. Ro. 10. Dieselbe Geschichte abenteaerlich entstellt und auf Alba Longa 
und die Geburt der Zwillinge übertragen b. Plat. Rom. 2. [Schwegler 1, 703.] 

•) Gell. N. A. Xm, 23 (22), vgl. Macrob. I, 12, 18. Varro 1. 1. V, 84. 
Nach Piso hiefs die uxor Vulcani nicht Maia, sondern Maiesta. Doch ist 



150 NEUNTER ABSGHNITr. 

lemnischen und ätnäischen Hephästos und der Naturgöttin Aphrodite, 
der römischen Venus, daher auch diese Gruppe der römischen Vor- 
stellung nahe lag und von Horaz in den bekannten Versen von der 
wiederkehrenden Lust des Frühlings Od. I, 4, 5 ff. angewendet wird. 
Unter den römischen Cultusstatten des Feuergottes ist besonders 
merkwürdig das alte Volcanal des Comitiums^), welches wie eine 
Art von Staatsheerd erscheint, gleich jenem Heerde in Praeneste, 
an welchem der Gründer der Stadt gefunden wurde. Es war kein 
eigentlicher Tempel, sondern nur eine über das Comitium erhöhte 
Fläche (area), wahrscheinlich mit einer Feuerstätte und einem 
Saeptum, wie auch die andern sogenannten Volcanalia in Rom zu 
denken sein werden. Indessen hatte dieser Platz für die Stadt und 
den Staat eine ganz besondere Bedeutung, da er durch die alte 
Erinnerung an die Verbündung der Römer und Sabiner und eine 
£28 eben so alte Praxis der bürgerschaftlichen Versammlungen geweiht 
war. Hier sollen Romulus und T. Tatius ihre Zusammenkünfte ge- 
halten haben, wie später die verbündeten Römer und Quiriten und 
die Patricier überhaupt hier beriethen, auf dem comitium, für dessen 
geheiligten focus nach Art des spätem Vestadienstes also dieses 
Vulcanal gehalten werden darf. Romulus soll es gestiftet und eine 
eherne Quadriga als Wahrzeichen seines Triumphs über Cameria auf 
demselben aufgestellt haben; ein Lotosbaum, welcher sich bis zur 
Zeit des Plinius auf demselben Platze erhalten hatte, galt für eben so 
alt als die Stadt ^). Die poU tische Bedeutung des Platzes wurde 
vollends die vorherrschende, seitdem durch Tullus Hostilius am Co- 
mitium die Curia Hostilia entstanden war, zu welcher später die 
Rostra, die Gräcostasis und andre Gebäude des bürgerlichen und 
politischen Lebens der Stadt hinzutraten. Doch blieb dem Volcanal 
nach wie vor auch seine rehgiöse Bedeutung; ja es wurde noch 

dieses derselbe Name d. h. die VergröTserode, Wachstham Verleihende, vgl. 
oben I, 398. 

^) [Es gab in Rom zur Zeit Ciceros und wohl auch später nur eine 
aede$ Fdcani^ extra urbem (unten zu S. 531 z. B.), auf der orea Fokani hat 
eine aedes desselben nie gestanden. Jordan Eph. epigr. 1, 230 ff.] 

») Dionys. IT, 50. 54, Plin. XVI, 236, Plut. Rom. 24, Qu. Ro. 47, vgl. 
Becker Handb. I S. 287. [Detlefsen Annali dell' Instit. 1860 p. 149.] Da der 
Mundns sich unter dem Comitium befunden haben soll, und über demselben 
nach Ovid F. IV, 820 ff., nachdem die Grnbe zugeschüttet worden, ein Altar 
errichtet und Feuer angemacht wurde (S. 67, 3), so könnte dieses vielleicht 
mit dem Vulcanal zusammenhangen. 



VOLCANÜS. 151 

einmal zu einer Statte der Ausgleichung und Verschmelzung feindr- 
ücher Elemente, als Cn. Flavius, derselbe welcher die Fasten ver- 
(MTentlichte (I, 161), auf demselben Platze, wo einst Romulus und 
Tatius einander die Hände gereicht hatten, eine Capelle der her- 
gestellten Eintracht, jetzt der zwischen Patriciern und Plebejern 
errichtete^). Das alte Heiligthum des Feuergottes aber erkennt maü 
z. B. daran dafs wiederholt solchen Personen, die vom Blitze, dem 
Feuer des Himmels, getroffen waren, auf dem Yolcanal Statuen er- 
richtet wurden, wie Yulcanus denn wenigstens bei den Etruskem, 
deren Aruspices in solchen Fällen zu entscheiden pflegten, als Feuer- 
gott zugleich ein blitzschleudemder Gott war'). 

Das Hauptfest des Vulcan fiel in den heifsen Monat August, 
wahrscheinlich deshalb, weil Sonne und Feuer bei den Alten, auch 
bei den Römern oft gleichbedeutend gedacht und für einander ge- 
setzt werden'). Es war der 23. August, an welchem Tage später 
auch circensische Spiele zu Ehren des Vulcan gehalten wurden^), cn 
Ein in religiöser Hinsicht sehr merkwürdiger und gewifs sehr alter 
Gebrauch dieses Tages war der dafs die Römer dann, wahrscheinlich 
jeder Familienvater für sich und die Seinigen, gewisse Fische als 
Opfer in das Feuer (des häuslichen Heerdes) warfen; ohne Zweifel 
waren es die auch sonst als stellvertretendes Opfer pro animis hu- 
manis erwähnten kleinen Fische, welche man in Rom maenae nannte. 
Diese wichtigen Fische wurden von den Tiberfischern geliefert, aber 
nicht auf dem gewöhnlichen Fischmarkte, sondern auf einer area 
Yulcani feilgeboten (vermuthlich nicht jener alten, sondern auf dem 
Platze vor dem Vulcanustempel im Marsfelde), wofür ihnen die Stadt 
dadurch lohnte dafs sie am 7. Juni durch den Stadt- Prä tor eigne 
Fischerspiele (ludi piscatorii) für die Zunft der Fischer und den 



1) Liv. IX, 46, Plin. XXXIII, 17, Ovid F. VI, 93. Der Platz hiefs des- 
halb fortan die area Vulcaoi et Concordiae, Liv. XL, 19, vgl. XXXIX, 46. 

>) Pest. p. 290 stataa, Gellias N. A. IV, 5. 

*) Eaniiis b. Varro r. r. 1, 4 von den vier Elementen: aqtuif terra, anima 
(die Luft) et sol, b. Varro 1. L V, 59 von der menschlichen Seele: est de 
tue sumptus igniSf isque totus mentis est. Vgl. die Sage vom Prometheus bei 
Probus und Serv. z. Virg. EcL VI, 42 und das Sonnenrad bei Grimm D. M. 578. 

^) Varro 1. 1. VI, 20, vgl. die Kalender [mit Mommsens Anmerkung], 
Qiter denen der KaL Capran. hinzufügt: Volcano in Circo Flaminio. 
Nach Dio. LXXVni, 25 schlug es am Tage der Volcanalien ein , weil Macrin 
das Wagenrennen zu Ehren des Vulcan abgeschafft hatte. [Ueber den Tempel 
S. 531.] 



152 NEUNTER ABSCHNITT. 

guten Ertrag ihres Gewerbes am jenseitigen Stromufer halten liefs^). 
Die Yolcanalien aber wurden nicht allein in Rom, sondern auch in 
Ostia gefeiert, wo ein mehrfach erwähnter praetor sacris Volcani 
faciundis dabei den Vorstand hatte ^): vermuthlich derselbe Gottes- 
dienst und mit denselben, den Fischfang im Tiber so nahe an- 
gehenden Gebräuchen, in denen sich zugleich der alte Glaube, dafs 
das menschliche Seelenleben dem Feuer verwandt sei, recht ver- 
nehmlich ausdrückt. Ein andrer Festtag des Yulcan war der 23. Mai, 
wo die beim Gottesdienste gebrauchten Trompeten und ähnliches 
Metallgeräth lustrirt und dabei dem Yulcan geopfert wurde ^), wie 
am 23. März ein ähnlicher Gebrauch mit einer Feier der Minerva 
680 verbunden war. Also galt Yulcan bei dieser Gelegenheit für den 
kunstreichen Schmied und Yorsteher aller Gewerke, welche im 
Feuer schaffen und arbeiten. 

Sonst ist er gewöhnlich der verzehrende Feuergott*) und zwar 
in der doppelten Bedeutung eines solchen dem das durch Feuer zu 
Yertilgende geweiht wird, und eines solchen der über jede Feuers- 
gefahr und Feuersbrunst gebietet, also auch gegen dieselbe Schutz 
gewährt. In jener Beziehung wird Yulcan nicht selten unter den 
Kriegsgöttern erwähnt, da es in Italien ein altes Herkommen war, 
nach gewonnener Schlacht die geringere Beute auf dem Schlacht- 
felde selbst zu verbrennen und zu diesem Zwecke den Yulcan und 
andern Göttern der Yernichtung zu weihen'^); es sei denn dafs auch 

1) Fest. p. 210 und 238 piscatorii ludi, Ovid F. VI, 237 ff. oben S. 133. 

>) S. die Inscbr. b. Marini Atti p. 357 ^ Or. n. 1381, vgl. n. 2204. 
2205. [In Ostia gab es eine aedes Folcani und einen pontifex Folkani et 
aedium saerarum. Ygl. Visconti Annali 1868, 378 ff. Momnisen Eph. epigr. 
3, 326 ff. Lanciani in Fiorelli's Notizie 1880, 475, der erinnert, dafs Y. hier 
jedenfalls um Schutz gegen die Verheerung der Docks und Speicher angerufen 
wurde.] Weil die Vulcanalien in die Zeit fielen, wo die Tage abnahmen, 
fing Plinius d. Ä. mit diesem Tage an des Morgens bei Licht zu arbeiten; 
dieses und weiter nichts sagt die oft misverstandne Stelle bei seinem Neffen 
ep. 111, 5, 8. 

') Ovid F. V, 725, wo purae tubae die geweihten, zum Gottesdienste be- 
stimmten tttbae sacrorum sind, vgl. die Kalender z. 23. Mai und oben I, 293. 
Auch auf den römischen und andern italischen Münzen erscheint Vulcan ge- 
wöhnlich als Schmied, mit Hammer und Feuerzange. 

^) Ennius Ann. v. 477 cum magno strepäu Folcanom ventus regehat, 
Attius Nyctegr. p. 168 ed. Ribbeek. ScandU oras, laterum iexta {flamma) 
Volcani edax, Virgll Aen. V, 662 Furü immissis Fokanus habenis transtra 
per et remos et püUas abiete puppes, 

») Liv. I, 37, Vm, 10, XXX, 6, XU, 12, vgl. Virg. Aen. VIII, 561 und 



YOLGANUS. 153 

dabei das Bild des göttlichen Waffenschmiedes im Spiele war, wenig- 
stens sind es immer Waffen, welche dem Yulcan bei solchen Gelegen- 
heiten geweiht werden. Andrerseits war es allgemeiner Gebrauch 
den Feuergott als Schutz gegen Feuersbrünste zu verehren, zu 
welchem Behufe allerlei Beschwörungsformeln an die Wände der 
Häuser gemalt wurden, wodurch man diese unter den Schutz Yul- 
cans zu stellen glaubte. Und zwar halfen auch darin die Etrusker 
mit ihrem Aberglauben aus, wenn anders eine der beliebtesten For- 
meln der Art Arse Verse, welches averte ignem bedeuten soll, 
wirklich etruskischen Ursprungs ist^). In Perusia wurde sogar, 
nachdem im Kriege zwischen Octavian und Antonius die ganze Stadt 
bis auf das Yulcanal abgebrannt war, fortan Yulcan anstatt der Juno, 
die sonst in den etrurischen Städten Schutzgöttin zu sein pflegte,, 
als Schutzgott verehrt^). In Rom, wo die Strafsen bis auf den 
grofsen Brand unter Nero in der Regel enge, die Häuser hoch, also 
die Feuersbrunste meist sehr verheerend waren, wurde neben dem 68i 
Vulcan eine Stata Mater verehrt, als weibliche der Vesta ver- 
wandte Schutzgöttin der Strafsen und öffentlichen Plätze, welche 
das Feuer zum Stehen brachte und sowohl die Häuser als das 
Strafsenpflaster gegen seine verheerende Wirkungen schätzte. Das 
erste Beispiel eines Bildes dieser Stata Mater sah man auf dem 
Forum, nachdem dieses durch Cotta gepflastert worden war; hernach 
verbreitete sich dieser Cultus schnell durch die ganze Stadt und die 
einzelnen vici, daher sich verschiedene Inschriften erhalten haben, in 
denen die Yiertelsmeister, vicorum magistri, der Stata Mater solche 
Heiligthämer stiften^). Augustus errichtete später auf dem Forum, 



Liv. XLV, 33 precatus Martern, Minervam Luamque Matrem (S. 418 f.) et 
ceteros deosy quibus spob'a hostium dicare ius fasque est, [Vgl. oben I, 351 
A. 2.] Eben dahin gehört der VOLKANVS VLTOR auf Münzen des Augast, 
s. Eckhel D. N. VI, 96, welcher auch den Volkanas militaris b. Grat. 1069, 
5 aus demselben Gebrauche erklärt. 

') Plin. XXVIII, 20 etiam parietes incendiorum deprecationibus conscri- 
buntur. Vgl. Paul. p. 18 Arseverse und die oft besprochene Inschrift aus 
Cortona b. Or. n. 1384, welche Huschke im Rh. Mus. f. Philol. 1856 S. 364 ff. 
aus dem Umbrisehen zu erklären versucht. [Oben S. 148, 1.] 

>) Appian b. c. V. 49, Dlo Cass. XLVIII, 14, wo auch das Bild der Juno 
gerettet wird. [Beide sagen lov *H(pcuauCov.] 

') Fest. p. SlT'Statae Matris, vgl. meine Regionen d. St. R. S. 84 und 
OreUi n. 1386— 1388 [=^ C. i. L. 6, 763. 764. 766] Henz. 5685 [=> das. 765 
Rom?]. Stata Mater ist zu erklären wie lupiter Stator, quae sistit incendia. 



154 NEUNTER ABSCHNITT. 

vermuthlich neben jenem Bilde der Stata Mater, auch ein Bild des 
Yulcanus, von welchem die Dedicationsinschrift gleichfalls erhalten ist 
(Grut. 61, 1 = C. I. L. 6, 457), ein Vorgang welcher gleichfalls in 
den übrigen Theilen der Stadt Nachahmung fand; wenigstens wurde 
bald darauf [752], nachdem eine Feuersbrunst den Aventin verheert 
hatte, die bei dem Yicus Armilustri in der Gegend von S. Alessio 
zum Stehen gekommen war, von den dortigen Yiertelsmeistem dem 
Yulcanus Quietus und der Stata Mater ein Heiligthum gestiftet^). 
[Domitian stellte den Dienst an einem Altar des Yulcan inmitten 
eines eingehegten und jeder profanen Benutzung entzogenen Platzes, 
der wie es scheint zur Sühne nach dem neronischen Brande errichtet 
war, wieder her und verordnete dafs alijälirlich an den Yolcanalien 
daselbst ein rothes Kalb und ein männliches Schwein geopfert werden 
sollte^).] Ja dieser Cultus verbreitete sich mit der Eintheilung der 
Stadt in vici und der Ortspolizei der vicomagistri auch aufserhalb 
Roms über die Municipien und sonst, daher ähnUche Inschriften in 
verschiedenen Gegenden vorkommen'). Aus demselben Grunde pflegte 
man, eben weil Yulcan mit der Zeit immer mehr zu einem Gott 
der Feuersbrünste wurde, die Tempel desselben lieber aufserhalb 



Gewöhalich wird sie für eine Nebenform der YesU gehalten, vgl. die Inschrift 
aus Lyon bei Boissieu p. 15, Henzen n. 5686 Atigustae deae Vesttie^ Augnsto 
deo Folcano. [Doch sagt Festas: Statae matris simulacrum in foro colebatur : 
podquam id f coHattravit ne lapides igni eorrumperentur , qui plurimus ihi 
fiebat noctumo tempore , magna pars popuh in mos quique vieos retttderunt 
eins deae cuUum, Welcher Cotta? Jordan Top. 1, 1, 525 schreibt id Sulla 
stravit (bezieht aber falsch id 9ui forum). Dafs die I. C. I. L. 6, 457 unter 
einem Bild des Vulcan stand, ist schon wegen der ähnlichen 456, wie Momm- 
sen sah, nicht wahrscheinlich. Der Fundort ist nahe dem Vulcanal. Dafs 
fortan Vulcan vicatin verehrt wurde, beweisen die römischen Inschriften des 
Yulcanus Quietus 802. 801 (im vicus Sabuci), der SUU Mater 763—766, der 
Stata Fortuna Augusta 761.] 

1) Or. n. 1385 [» C. I. L. 6, 802], vgl. Mommsen I. N. n. 6776, Uoterital. 
Dial. S. 134. 

>) [S. die merkwürdige Inschrift C. I. L. 6, 826. Vgl. Jordan Top. 1, 1, 
488. 491.] 

*) [Doch kann dafür wohl nur die Inschrift Henz. 5634 ^^ C. I. L. 3, 500 
(aus Patrae) angeführt werden; die übrigen Anführungen Prellers beruhten 
auf Versehen. Auch Vulcan allein ist auf Steinen nicht so häufig wie man 
erwarten sollte: GaUien Henz. 5688. Wihn. 2193 (Nemausus, INarbo); C. I. L. 
3 (verhältnifsmäfsig am häufigsten; als Volcanus Angnstus). 5. 7; fehlt ganz 
2. 8. Auch die Dedicationen von Privatleuten in Rom sind wenig zahlreich 
(zu C. I. L. 6 noch Eph. epigr. 4, 270 n. 766); über Ostia oben S. 152.] 



YOLCANUS. 155 

der Stadt anzulegen. Und wirklich lag der einzige bekannte Tempel 
dieses Gottes in Rom nicht in der Stadt, sondern im Harsfelde, 
wahrscheinlich in der Nähe des Circus Flaminius, in welchem auch 
die curcensischen Spiele der Yolcanalien am 23. August gehalten 
wurden ^). 

2. Festa und die Penaten^). 

Der Name Yesta ist nicht etwa aus dem griechischen "^EdTia 532 
entstanden, wie man später in Rom glaubte (Cic. N. D. II, 27, 67), 
sondern beide sind von demselben Stamme abzuleiten, welcher im 
Sanskrit vas lautet und wohnen, verweilen bedeutet'). Also eine 
Göttin des Heerdfeuers, sofern dieses der Mittelpunkt und das 
Princip des häuslichen Lebens ist, ja in weiterem Umfange auch 
des städtischen und bürgerlichen Lebens, da der Staat und die Stadt 
wesentlich auf «der Zusammenfassung vieler Häuser und Faraihen 

») Vitruv. I, 7, Plut. Qu. Ro. 47, Liv. XXIV, 10. Auf M. des Valepiao 
und Gallien wird eio T. des Valcaa angedeutet, welcher bei andauernder 
Pestilenz als Heilgott angerufen wurde, Eckhel D. N. VIT p. 384. [Livius a. 
0. : tacta de caelo — aedem in Campo f^olcanL Derselbe scheint im Kai. 
23. Aug. (oben S. 151, 4) in Circo Fktminio genannt zu werden^ wird von Cicero 
erwähnt Verr. II, 61, 151; 69, 167 und von Plut. Q. R. 47, Rom. 27 gemeint, 
aus welcher letzteren Stelle zugleich zu schliefsen ist, dafs er für uralt galt. 
S. Jordan Eph. epigr. 1, 230 f.] 

') [Vgl. A. Preuner Hestia-Vesta, Tübingen 1S64, Jordan Vesta and die 
Laren B. 1S65.] 

') Pott, etymol. Forsch. 1 S. 279. Im Griechischen gehören zu demselben 
Stamme KofA,atf itpäauov d. i. olxogy auch äatv d. i. die Stadt als Inbegriff 
sämmtlicher Häuser. [Diese Ansicht, welche früher viele Vertreter hatte (vgl. 
Preuner 144 f.), ist jetzt j^ohl ziemlich allgemein aufgegeben: ves-ia^ FiO-rCa 
gehören zu vfu- glänzen, brennen. Corssen Ausspr. 1>, 580 f. Wie iVulcan 
die ungebändigte, immer Verderben drohende Naturkraft des Feuers, so ist 
Vesta die 'wohlthatige' Kraft desselben, die 'der Mensch bezähmt, bewacht', 
die Grundbedingung des sefshaften häuslichen Lebens. Aufserhalb des Kreises 
des latinisehen Stammes ist Vesta bisher nicht nachgewiesen: die vols- 
kische Vesuaa, die Corssen verglich, gehört schwerlich hierher (oben 1,454); 
in den umbrischen und oskischen Denkmälern fehlt jede Spur des Namens 
and des Kults; der Annahme Nissen 's, der alte Rundbau auf der sogenannten 
Barg von Pompeji sei das (vorrömische) Vestaheiligthnm (Pomp. Stud. 338 f.), 
ist wenigstens das von ihm construirte Fundament zu entziehen (Jordan in Bur- 
sian's Jahresber. 1879, 414). So bleibt nur die 'sabinische' VesU Varro's 
V, 74 die ebenso latinisch ist wie die übrigen dort genannten Gottheiten des 
'Sabiners' Numa. Die sporadischen Vestasteine späterer Zeit geben nur Zeug- 
oifs für die Verbreitang des stadtrömischen Kults. Vgl. S. 536.] 



156 NEUNTER ABSCHNITT. 

mit einem und demselben Gesellungsprincipe beruht, welches von 
den Alten gleichfalls unter dem Bilde eines lodernden Heerdfeuers 
dargestellt wurde. Daher die innige Gesellung der Penaten, welche 
eigentlich Hausgeister sind, auch mit der öffenthchen Vesta in Latium 
und Rom. Im häusUchen Leben entsprach sie eben so wesentlich 
der festen und altherkömmlichen Einrichtung des latinischen und 
wohl überhaupt italischen Hauses, nach welcher das Atrium mit 
seinem Heerde und den auf diesem verehrten Göttern die Mitte 
und das Herz des gesammten häushchen Verkehres war. Ja das 
Atrium selbst hatte seinen Namen von dem Heerdfeuer, um welches 
es sich ausbreitete; es ist nehmlich eigen tUch die Küche und die 
damit unmittelbar zusammenhängende Diele ^), die in der Mitte einen 
offenen Raum hatte, wo der Rauch abzog und der Himmel von 
oben hineinbhckte. Eben diese Diele war der allgemeine Familien- 
saal, um welchen die einzelnen zur Wohnung erforderlichen Räume 
(Kemenaten) herumlagen; auf derselben aber bildete wieder der Heerd 
(focus, culina) mit seinem Yestafeuer und den Bildern der Laren 
und Penaten das alte Familienheiligthum, bei welchem täglich und 
588 bei allen festlichen Gelegenheiten die Familienandacht verrichtet 
wurde und an welchen alle theuersten Erinnerungen hingen. Dort 
versammelte sich die Familie zum täglichen Mahle (S. 106), dort 
stand auch das Ehebett, dem Eingange gegenüber (lectus genialis, 
adversus), eine Stätte der schaffenden Genien des Hauses, dort war 
das matrimonium, in welches die junge Frau bei der Hochzeit 
feierlich eingeführt wurde, dort die Spinnstube, wo die Hausfrau 
unter ihren Mägden waltete, den Heerd und die Arbeit zugleich 
beaufsichtigend, während der Hausherr in derselben Halle als das 
Familienoberhaupt gebietet, zur täglichen ArSeit ein- und ausgehend. 
Den Eingang von der Strasse her bildete das vestibulum, mit 

^) Serv. I, 726 tot et culina erat, unde et atrium dictum est; atrum emm 
erat ex fumo. Vgl. A. Kuhn in der Zeitschr. f. vgleh. Spracbf. VI, 239, 
welcher auf den Zend-Stamm Ätar d. i. Feuer zurückgeht, welcher Stamm sich 
auch im Sanskr. atharvan und in einigten andern Ableitungen erhalten habe. 
Auch atd-cu, aid-uXri, atSniXos hänge damit zusammen, wahrscheinlich auch das 
lateinische aedes. Weiterhin ist atrium der Name für jeden gröfseren Saal 
geworden. [Neuerdings ist an das ähnliche fiiXad-qov erinnert worden. Die 
atria publica (z. B. Lihertatis) sind Gebäude mit umgebenden oder davor- 
liegenden Höfen. Jordan Forma urbis p. 29. 'Haus' heifst ofru^m ncht, wie 
Nissen Pomp. St. 626 f. will. Im Uebrigen mufs auf die förderlichen Unter- 
suchungen des letzteren über das Haus verwiesen werden.] 



YESTA UND DIE PENATEN. 157 

welchem das religiöse Gebiet der Yesta des Heerdes begann ^), wäh- 
rend der offene Raum in der Mitte der Diele, das sogenannte ca- 
yaedium sowohl za den praktischen Zwecken eines inneren Hofes 
und Gartens als zur Verehrung andrer Hausgötter diente^). Feuer 
und Wasser sind die Elementarbedingungen jedes Hausstandes, daher 
beide Elemente auch gleich wesentUch zu jedem Dienste der Yesta 
gehörten, sowohl dem öffentlichen als dem des Hausherrn und der 
Hausfrau, von denen diese deshalb, wenn sie durch den Hochzeits- 
zug in das Haus eingeführt wurde, mit Feuer und Wasser kam, 
und jener, wenn die junge Frau ihm an der Schwelle entgegentrat, 
dieselbe mit dem Feuer und Wasser seines Heerdes empfingt). 
Dazu kam die Bedeutung des Heerdes für die Zubereitung und den 
Vorrath der tägUchen Nahrung, welcher letztere penus genannt 
wurde, von welchem wieder die am Heerde verehrten dei Penates 
ihren Namen haben *) : ein sichrer Beweis dafs diese ursprüngUch 534 



*) Ovid F. VI, 295 M focus a flammis et quod Jovet omnia dictus , qui 
tarnen in primis aedibus ante fuit. Hinc quoqtte vestihulum dici reor unde 
precamur etc. Vgl. INoo. Marc. p. 53 vestibala, Varro b. Serv. V. Ecl. VIIT, 
29, A. II, 469. [Schon die Bedeutung^ von vestibulum, Platz vor der Thür 
— dies ist unbestritten — schliefst die Herleitung von Vesta aus. Die jetzt 
durch Nissen Pomp. Stud. 632 und Marquardt Privatl. 1, 222 in Umlauf ge- 
setzte Annahme, es sei eine 'Nebenform* von stabulum (vor dem Hause sei 
der Hof mit den Stallen zu denken) wird sprachlich durch die Bemerkung 
*vgl. iaravai stare, ^EatCa f^esia' gestützt, als ob die griechische Perfect- 
reduplication i- für einen Präsensstamm ^vestare* spreche und als ob davon 
nicht wieder völlig verschieden wäre das in Fes-ta Fea-rCa identisch er- 
haltene Digamma! — Sprachlich möglich dagegen sind die beiden auch von 
den Alten versuchten Ableitungen ve-sttb-tUum vgl. pro-stib-ulum (nau-stib- 
ulum?)y 'Aus'- oder 'Aufsenstand' {wie ve-gtiff-ium 'Aus'- oder 'Aufsentritt') 
oder vest-i'bulum (vgl. pat-i-bulum, lat-i-bulum), aber nicht als Ankleide- 
resp. Kleiderort, was sachlich nicht angeht, sondern als der (das Innere) be- 
kleidende, verdeckende Ort, was aber wegen des i und wegen der angenommenen 
metaphorischen Bedeutung sehr unwahrscheinlich ist. Jenes bleibt also nach 
wie vor das Wahrscheinlichste.] 

•) Virg. Aen. 11, 512 fiP., VII, 59; Plin. H. N. XVH, 166, Sueton Octav. 
92 u. A. 

') Paul. p. 2 aqua et igni, p. 87 facem. Vgl. Varro 1. 1. V, 61 , b. Non. 
p. 182 titionem, b. Serv. V. A. IV, 103, Dionys. II, 30, Ovid F. IV, 782, Stet. 
Silv. I, 2, 4—6. 

*) Cic. N. D. II, 27, 67 schlägt eine doppelte Etymologie vor, sive a 
penu ducto nomine^ est enim omne quo vescuntur homines penus , sive ab eo 
quod penitus insident, ex quo etiam petietrales a poetis vocantur. Die Ablei- 
tung von penus ist die richtige, denn penas verhält sich zu penus wie opti- 



158 NEUNTER ABSCHNITT. 

als freundliche Hausgeister gedacht wurden, die für den Bedarf des 
taglichen Brodes sorgten. Denn der penus, von welchem im reh- 
giösen Sinne des Penatendienstes die Rede ist, darf unmöglich von 
dem Heerde der Yesta getrennt werden, wie diese Göttin denn selbst 
in ihrem öffentlichen Dienste einen sogenannten penus d. h. einen 
Yorrath der zu ihrem Dienste erforderlichen Elementarbedürfnisse 
hatte. So bestand auch der häusliche Dienst der Penaten wesentlich 
darin dafs man sie wie die Laren beim täglichen Mahle betheiligte 
und auf eignen Platten und Tischen nach altem Herkommen 
namentlich Salz und einige Speisen vor ihren Bildern hinstellte, zu 
welchem Behufe auch in den Zeiten der gröbsten Einfachheit in 
jedem Hause wenigstens ein Salzfafs und eine kleine Speiseschüssel 
von Silber vorhanden sein mufste^), während Andre auch wohl 
nach jedem Mahle für diese freundlichen Hausgeister einige Speisen 
auf dem Tische liegen und dazu auch die Lampen brennen liefsen^). 
Ein BUck auf die gleichartigen Zustände und den gleichartigen 
Glauben unsrer eignen Vorfahren wird alles dieses so viel Richter 

mas zu optimus, vgl. primas, cnias, Aotias, Fest. p. 253 penatis. Doch ist za 
bedeoken dafs das Wort penus zu demselben Stamme gehört wie penes, peni- 
tns, also schon dadurch für etwas zu den Penetralien des Hauses Gehöriges 
erklärt wird, wie der Heerd und die Penaten, vgl. Paul. p. 208 penetraUa 
sunt penatium deorum sacraria. Serv. V. A. 111, 12 penates ideo appeUantur 
quod in penetralUms aedium coli solebant. Virg. Aen. V, 660 conclamant ra- 
piuntque focis penetralibus ignem, Non. Marc. p. 51 pmä, penus ei penoris 
— proprietatem docti veteres hanc esse voluerunt, quod quae in ea sunt quasi 
penitus et in penetraUhus recondantur. Mehr über den Begriff von penus fo. 
Klausen Aeneas und die Penaten S. 636 ff. [In der technischen Sprache heifst 
es stets (vgl. oben I, 82) de i penates, wie umgekehrt nicht dei Laves, son- 
dern Laves: so die Eidesformel pev lovem deosque penates (unten S. 545 f.), so 
die technischen Benennungen der aedes deovum Penatium und aedes Lavum (Au- 
gustus im Mon. Anc. u. sonst), so die Dedicationen dis penatibus, Laribus, Einen 
Singular penas oder penaUs kannte die Sprache nicht und hielt auch Antistios 
Labeo (Fest. 252 & 9) nur theoretisch für möglich. Dieser strengen formellen 
Scheidung entspricht die eben so strenge begriffliche, über welche mehr zu S. 535.] 

») Naevius b. Probus z. Virg. Ecl. V, 31 p. 14 Keil, Liv. XXVI, 36, 6, 
Plin. XXXIII, 153, Val. Max. IV, 4, 3, Fest. p. 157 mensae, p. 329 und 344 
salinum, Arnob. II, 67 in penetvalibus et culinis pevpetuos fovetis foeos , sa- 
cvas facitis mensas salinovum appositu et simulacvis deorum, vgl. Porphyrion 
z. Horat. Od. 11, 16, 14. Nach Serv. Aen. I, 736, III, 257, VII, 111 waren 
diese Tische häufig Brodtische, mensae paniceae; daher der bekannte Zug der 
latinischen Aeneassage. 

») Plut. Sympos. Qu. VII, 4, 1 und 7. Nach dem Kai. rust. Farnes, 
wurde auf dem Lande regelmäfsig im Januar den Penaten geopfert. 



VESTA UND DIE PENATEN. 159 

verständlich machen. Denn auch in dem alten deutschen, namentlich 
norddeutschen Bauernhause bildete der Heerd den Mittelpunkt, hinter 
welchem die Frau vom Hause thronte und das Ehebett stand, so 
dafs sie Alles übersehen konnte und Tag und Nacht unter Augen 
hatte. Auf einem solchen Heerde brannte das Feuer den ganzen 
Tag und glimmte selbst die Nacht hindurch; nur wenn der Haus- 
herr gestorben war, wurde es ausgelöscht. Selbst in dem reicheren 
Biirgerhause war die Küche eine stattUche, oft schön gewölbte Halle, 
und in geselligen Stunden versammelte sich wohl auch die Familie 
in der Küche und verzehrte ihr Abendbrod am häuslichen Heerde. 586 
Auch wies der Volksglaube immer dort den guten Hausgeistern ihren 
Sitz an und in eigens am Heerde angebrachten kleinen Nischen legte 
man ihnen Speise hin, auch etwas Reisholz und von Zeit zu Zeit 
ein Käppchen und ein Röckchen zum Lohn für treue Dienste ^). Bei 
den Alten war dieser Glaube an gute Hausgeister um so mehr aus- 
gebildet, als er eben nur eine, die gemüthliche Seite ihres allgemein 
eingreifenden Geisterglaubens ist; das Wesentliche ist aber auch hier 
dafs der Heerd als geistiger Mittelpunkt des Hauses auch der Sitz 
der Hausgeister ist, sowohl der Laren als der Penaten, welche mehr 
dem Namen als ihrem Wesen nach verschieden zu sein scheinen. 
Denn was S. 105 von der Sorge der Laren für das Haus und die 
Familie gesagt ist, das gilt auch von den Penaten^). Auch diese 
sorgen und schalfen für das Wohl des ganzen Hauses und aller 
Hausgenossen, freuen sich oder leiden mit ihnen, je nachdem das 
Haus blüht oder verfallt, einig ist oder entzweit u. s. w. Bei ihnen 
schwört man [unten S. 545 z. E.], mit ihnen verbündet man sich, sie 



^) J. Moser patriot Phantasieen 3, 139, Riehl über die Familie 164. 
Ueber die Speiseopfer Grimm D. M. 478. Auch die Perser brachten ihren 
Genien Speiseopfer, Athen. VI p. 252. 

*) Sery. V. A. II, 469 singula emm membra domus sacrata sunt diis ut 
cuHna diis Penatibus etc. III, 178 focis, quia privatum sacrificium sequitur, 
nam Penatibus sacrißcat. XI, 211 focus est ara PenaUum, Daher Virg. 
Aen. I, 704 and Macrob. S. I, 24, 22 Penates für focas sagen. [Doch hat 
sich der begriffliche Unterschied zwischen /or, lares und dei penates (S. 102. 158) 
erst allmählich verwischt. Mit Recht betont ihn Rnbino Vorgeschichte 196 
scharf in dem Sinne von Serv. V. Aen. II, 514 penates sunt omnes dei qui 
domi coluntur and sondert Heibig in seinem Katalog der Wandgemälde n. 60 ff. 
von den stets gleich gebildeten Doppellaren als 'Penaten' eine wechselnde 
Reihe von Göttern, an deren Spitze öfters Juppiter, als die im Hause ver- 
ehrten Penaten.] 



160 NEUNTER ABSCHNITT. 

gewähren allen Mitgliedern der Familie das sie überall begleitende 
Gefühl einer Heimath, eines durch Natur und alte heilige Gewohn- 
heit befestigten, unter allen Umständen zuverlässigen Anhaltes für 
das ganze Leben. Sie waren für den Römer die Götter seiner 
Väter und seines Stammes, die welche für den Besitz seines Hauses 
sorgten, in seinem Innersten hausten und seine Wände und Räume 
rings behüteten^). Kurz die Vorstellung von diesen freundlichen 
Geistern führte von den verschiedensten Seiten zu dem einen Ge- 
danken an Haus und Hof, an Weib und Kind, an Vater und Mutter 
zurück, mit welchem alle zarteren und feineren Fäden unsers Ge- 
müthslebens auf unsichtbare Weise zusammenhängen. Auch hat 
dieser Cultus der Hausgötter in ihren verschiedenen, ganz nahe 
6S6 unter einander verwandten Klassen sich bis an die letzten Grenzen 
des Heidenthums behauptet^), worauf er allmählich in den ins Christ- 
liche übersetzten Glauben an Schutzengel, Schutzheilige u. s. w. über- 
gegangen ist. 

Diesen häuslichen Gewohnheiten also entspricht aufs genaueste 
der öffentliche Dienst der Vesta und der Penaten, denn beide sind 
auch hier aufs engste verbunden und der Staat beruht in seinen 
Anfängen überall auf patriarchalischer Grundlage. Jede Stadt hatte 
ihre Vesta und ihre Penaten, gewifs nicht blos bei den Latinem, 
wo man die Penaten später von troischer Einwirkung ableitete, son- 
dern auch bei andern italischen Völkern, da wenigstens die Vesta 
von Varro 1. 1. V, 74 auch unter den sabinischen Gottheiten, Penaten 
aber auch bei den Etruskern genannt werden'). Auch herrschte in 
Italien wie in Griechenland die Sitte, dafs die Pflanzstädte das Feuer 

^) NaclKDioDys. I, 67 übersetzten die griechischen Schriftsteller das la- 
teinische Wort Penates bald durch ol narQfpoi,, bald durch ot y€vid-lio$, oder 
durch ol xTTjatot, ol /a,vxio£, ol igxeTot, so vielseitig war diese Vorstellang: 
^otxe Sk, setzt er hinza, jovrav ixaarog xard iivog idSv avfißfßrixaiojv av- 
toTg notsTa&ai rrjv intxXi^OiV , xivSvvevovöC t€ ndvtss d/LL(ogyin(og to aur* 
Uyetv. [Die aedes deorum Penatium heifst dem griechischen Uebersetzer des 
augustischen Index 10, 12 vabg] d-([wv xarotx]t^C(ov , dem Vf. der Schlafs- 
recapitulatioB 18, 23 [d-eaiv 7t]arQCojv.] 

') Cod. Theodos. XVI, 10, 12 [v. J. 392: s. Ritters Aosg. Bd. 6, 309]: 
Nullus omnino — secretiore piaoulo Larem i'gne, mero Genium, Penates nidore 
veneratus accendat lumina, imponat Iura, serta suspendat. Es sind die täg- 
lichen Speiseopfer fdr die Laren und Penaten und die Weinspende für den 
Genius Natalis gemeint. 

') [Ueber die Sabiner vgl I, 8. Die angeblichen etruskischen Penates, 
zu denen auch Joppiter Juno Minerva gehören sollen, stammen aus der von 



VESTA UND DIE PENATEN. 161 

ihrer Yesta an dem Heerde ihrer Mutterstadt entzündeten und die- 
selben Penaten wie sie verehrten ;V. wie dieses auch der Kern der 
mit der Zeit sehr verwilderten Ueberlieferung von der Vesta und 
den Penaten in Lavinium, Alba Longa und Rom ist. ^£s leidet wohl 
keinen Zweifel dafs Alba Longa die gemeinschaftliche Metropole von 
Lavinium und von Rom war; aber in Folge der frühen Zerstörung 
Albas und der Auflösung der alten latinischen Bundesverhältnisse 
bis auf das zwischen Rom und den Laurent^rn ist es gekommen, 
dafs Lavinium zur latinischen Bundesstadt schlechthin und zur my- 
thischen Metropole von Rom wurde; daher seine Vesta und seine 
Penaten, welche vollends nach der Anknüpfung an die Aeneassage 
nicht mehr nach Alba Longa, sondern nach Troja hinwiesen, von 
Rom aus immer mit grofser Devotion verehrt wurden. Denn auch 
hier waren Vesta und die Penaten aufs engste verbunden, daher die 
römischen Consuln und Dictatoren, wenn sie nach altem Herkommen 
beim Antritte ihres Amtes und beim Abtritte von demselben den 
latinischen Bundesgöttern in Lavinium ihre Huldigung darbrachten, 
immer aui^er dem lupiter Indiges am Numicius, welcher für Aeneas 
gehalten wurde (S. 141), der Vesta und den Penaten in Lavinium 
mit Hülfe der Pontifices und andrer Priester ihr Opfer darbrachten^). 
Auch haben sich von diesem alten latinischen Vestadienste in La- ssr 
vinium noch andre Traditionen erhalten, z. B. darin dafs Amata, 
die Gattin des Latin us und Mutter der Lavinia, einen Namen führt, 
der in der pontificalen Sprache eine Vestalin bedeutete, ferner in 
der Angabe dafs das Wasser zu diesem Vestadienste aus dem Nu- 
micius geholt werden mufste, endlich in der Erzählung von zwei 
im T. der Penaten zu Lavinium d. h. im Vestatempel schlafenden 
Jungfrauen, also Vestalinnen, von denen die eine wegen ihrer Un- 
keuschheit vom Blitze getroffen sei^). Von den Penaten ist häufiger 
die Rede, weil diese Penaten von Lavinium, seitdem die Einwan- 
derung des Aeneas mit den troischen Penaten für ausgemacht galt, 
für die bürgerlichen Ursprungsgötter von Lavinium und Rom galten^), 



Nigidius a. a. zurechtgemachten etruskischen Theologie: Arnob. III, 40, 
Müller £tr. 2*, 89 vgl. oben I, 70.] 

^) Macrob. III, 4, 11, Val. Max. I, 6, 7, Ascon. Cic. Scaar. p. 21 [18 K. 
n. Seh.], Sery. V. A. II, 296, HI, 12, VIII, 664, Schol. Veron. Aen. I, 259. 

») Serv. V. A. III, 12, VII, 150, Gell. I, 12, 19. 

*) Varro 1. 1. V, 144 oppidum quod primum condüum in Lotio stirpü 
Romanae Lavinium , nam ibi dii Penates noitri. Plut. Coriol. 28 Aaovhiov \ 

F r e 1 1 e r , Rom. Mythol. II. 8. Aufl. 1 1 



*ij 



162 NEUNTER ABSCHNITT. 

obwohl die spätere Klügelei nicht versäumte auch das Feuer auf 
dem Heerde der Vesta von Lavinium, Alba und Rom von dem 
Feuer der troischen Vesta abzuleiten '). Alle diese alterthümlichen 
Sacra von Lavinium aber werden noch in einer unter dem Kaiser 
Claudius concipirten Inschrift^) die sacra principia populi Romani 
Quiritium nominisque Latini genannt d. h. die Heiligthämer an 
welche sich die Traditionen vom Ursprünge sowohl der römischen 
Bürgerschaft als der latinischen Nation überhaupt knüpften. 

Auch in Alba Longa hatte es einen sehr heiligen Dienst der 
Vesta und der Penaten gegeben. Daher die Sage dafs Ascanius die 
von Aeneas in Lavinium angesiedelten Penaten mit nach Alba ge- 
nommen habe, dafs dieselben aber zweiwal freiwillig nach Lavinium 
zurückgekehrt seien, worauf man beschliefst die Bilder in Lavinium 
zu lassen und zu ihrer Pflege 600 Ansiedier von Alba nach Lavi- 
nium zurückzuschicken : ein entstellter Nachklang der ursprünglichen 
Thatsache, dafs auch Lavinium von Alba Longa aus gegründet 
worden^). Auch hatte sich trotz der Zerstörung der alten Haupt- 
stadt jener Dienst seiner Vesta und seiner Penaten, vermuthlich das 
688 wahre Stammes- und Centralheiligthum für sämmtliche Latiner, auf 
der ehrwürdigen Statte noch später erhalten, wo Rom für diese 
Sacra sorgte, nachdem es angeblich durch eine von dem albanischen 
Berge herab erschallende Stimme dazu ermahnt worden war. Es ist 
dieses die Vesta Alb an a, welche sich freilich später der römischen 
Vesta gegenüber eine untergeordnete Würde gefallen lassen mufste^)^ 
wie der albanische Jupiter neben dem Capitolinischen. Auch alba- 



onov xal ^kviv Uqä *P(Ofjia£ois naxQt^fov anixetio xal tov yivovg tjOav av- 
roTg a^;|fal_(ffa t6 n^fotTjv Ixeivriv xtCaai tov uiiveCav. 

») DioDys. U, 65, Prop. IV (V), 4, 69, Ovid Met XV, 730, F. I, 528, 
m, 29, VI, 227, Lucan V, 400, IX, 990 ff., Schol. Veron. V. Aen. II, 717. 

') Or. D. 2276, Mommsen I. N. d. 2211. [Ueber diese s. besonders Ra- 
biao Vorgeschichte S. 72 ff.] 

') Diooys. I, 67. Aach von Lavinium ond Rom wird dieselbe Fabel er- 
zählt, Serv. V. A. III, 21. Sie will nichts weiter sagen, als dafs die Penaten 
von Lavinium damals för die ältesten galten. 

^) luvenal. IV, 60 quamquam diruta servat ignem Troianum et Fettam 
coUt Alba minorem. Vgl. die Schollen und Ascon. Cic. Mil. p. 41 [35 K. u. 
Seh.]. Virgines Albanae, Or. n. 1393. 2240 = [CLL. 6, 2172] Firgmi 
Maximae Arcis Albanae \ Lncan IX, 990, Stat. Silv. IV, 5, 2 'prisca Teueres 
Alba colit lares. Auch in Tibur gab es einen alten Galt der Vesta, Marini 
Atti p. 6 und 22 n. 39, Or. n. 2239, Bormann altlatio. Ghorogr. S. 228. 



YESTA UND DIE PENATEN. 163 

nische Penaten werden erwähnt und für den Cultus von beiden 
albanische Vestalinnen, Virgines Albanae. 

Was endlich den öffentlichen Vestadienst yon Rom anlangt, so 
stritt man sich später ob Romulus oder Numa für den Stifter des- 
selben anzusehen sei. Unmöglich könne Romulus, der Sohn einer 
Vestalin, der in priesterlicher Wissenschaft Gebildete, der in Alba 
erzogene Gründer der Stadt, diese ohne eine Vesta gelassen haben. 
Dennoch ist dieses nur spätere Reflexion und yon der älteren Ueber- 
lieferung wird es aUgemein als Thatsache anerkannt, dafs Numa der 
Stifter sowohl des Pontificats und der theokratischen Verfassung 
überhaupt, durch welche die bis dahin getrennten Römer und 
Sabiner zu einer bürgerlichen und geistlichen Gemeinde wurden, 
als des Yestadienstes war, welcher das heilige Symbol und der 
ideale Mittelpunkt dieser Gesammtverfassung und eben deshalb aufs 
engste mit dem Pontificate verbunden war. Der Tempel dieser Yesta 
mit dem dazu gehörigen Haine lag am Abhänge des Palatin gegen 
das Forum und die Sacra Via; das atrium Vestae oder atrium Regium, 
gewöhnlich schlechthin Regia genannt, wo der Pontifex Maximus 
und die Vestalinnen wohnten, stiefsen unmittelbar an diese Plätze. 
Der angeblich von Numa selbst gegründete Tempel war rund, wie 
man ihn auch auf Münzen abgebildet sieht, d. h. er war eigentlich 
nur die überbaute und überwölbte Feuerstätte der Vesta, auf welcher 
das ewige Feuer brannte ^), kein templum im engern Sinn des Worts 
d. h. nicht von den Augum geweiht, daher auch keine Sitzungen 689 
des Senats in ihm gehalten werden konnten. Ein eigner, durch 
Matten umspannter Raum in diesem Tempel hiefs der penus Vestae, 
welcher als Aufbewahrungsort für die zum Dienste der Göttin und 
andern sacralen Bedarf nöthigen Vorräthe diente. In einem andern. 



^) Fest. p. 262 rotandam, Ovid F. VI; 263 ff., Plat. Nama 11 Nofxag 6k 
Xiynai xal to t^s *Eatiag legov iyxvxliov mqißakia&ai, t^ dößiiTT<p nvql 
qiqovqdv, Serv. V. A. VII, 153. Vgl. Ovid F. VI, 2n mo tu aliud Fetiam 
quam vivam iniellige flammamy v. 295 Esse diu stulius Vestae simulacra pu^ 
tavif mox didiei curvo nuUa subesse tholo, Ignis inexstinctus templo celatur 
in iüoy efßgiem nuUam Vesta nee ignis habent. [Abbildang aaf Münzen: M. 
des Gassins Vesta Cohen R^p. Gass. 8, des Titus Gohen Emp. Tit. n. 120 
Morelli Tit. V, 21, Vespasian das. Vesp. n. 212 ^ Morelli Vesp. II, 25, der 
Jalia Domna Gohen Emp. n. 3. 205. 207. — lieber die Form vgl. noch Jordan 
Vesta n. d. Laren S. 8, Heibig Italiker in d. Poebeae 52 f. Wahrscheinlich 
ist der Unterbau des Tempels an der Ostseite des Gastortempels noch erhal- 
ten: vorläufig Jordan in Borsians Jahresber. 1875, 772 f.] 

11* 



164 NEUNTER ABSCHNITT. 

nur den Yestalinnen zugänglichen Räume befanden gich das Palla- 
dium und andre verborgene Heiligthümer; denn der Tempel selbst 
mit dem lodernden Heerdfeuer war bei Tage Jedem zugänglich und 
nur in der Nacht war der Zutritt von Männern untersagt. Ein Bild 
der Vesta, wie sie später nach dem Vorgänge der Griechen auch in 
Rom etwas Gewöhnliches waren, gab es in diesem Tempel nicht; 
wohl aber befand sich ein solches im Yestibulum des Tempels^). 
Die gröfste Einfachheit und die gröDste Reinheit, diese in dem 
prägnanten Sinne des Alterthums, wo sie zugleich äufisere Reinlich- 
keit und innere Reinheit (castitas, äyvoTfjg) bedeutet, waren die 
Grundzuge des Yestadienstes; daher alles Cultusgeräthe, die heiligen 
Geföfse u. s. w. einfaches Thongeschirr sein mufsten^), und die 
Waschungen mit frischem, von der Quelle geschöpften Wasser täg- 
lich^) und aufserdem bei besondern Gelegenheiten noch viele aufser- 
ordentliche Reinigungen und Sühnungen vorgenommen wurden. Daher 
auch die jungfräulichen Yestalinnen, welche schon im zarten Kindes- 
alter in den Dienst der Yesta eintraten und sich demselben wenig- 
stens dreifsig Jahre lang mit der strengsten Enthaltung von allem 
Umgange mit Männern und allem Familienleben widmen mufsten: 
ein Dienst welcher aufser der Pflege des heiligen Feuers wesentlich 
mit dem Schöpfen, Tragen, Anwenden des reinigenden Wassers be- 



^) Liv. Epit. LXXXVI Q. Mudus Scaevola Pont, Max, fugiens in vesti- 
bulo aedis Feslae occisus est, Cic. N. D. III, 32, 80 sagt ante simulacrum 
Festaey S%\, d. Orat. III, 3, 10 Flor. HI, 21. Vesta ist auf den Münzen des 
Vitellins, Caligula, Yespasian u. a. bald sitzend bald stehend abgebildet, im- 
mer verschleiert und ganz bekleidet, mit den Attribaten der Schale und der 
Fackel, des simpulum und des Scepters, des Palladiums u. s. w. [Bilder der 
Vesta (Jordan a. 0. S. 5 f.) auf Wanden von Häusern in Pompeji häufig, stets 
Charakter isirt als Göttin des Hausheerds (durch die Laren zu beiden Seiten) 
und des Pistrinum (durch den Esel zur Seite, bestes Bild das von Jordan 
a. 0. publicirte, vgl. Heibig Wandg. 7. 63 ff.), auch durch Brod, Aehreo, 
Modius, wie auf dem von Fabretti Col. Trai. 339 publicirten, jetzt verlorenen 
Relief mit Inschrift FeHae sdcrum («» G. I. L. 6, 787). Die übrigen Attri- 
bute, Schleier, Stephane, Füllhorn, Scepter, Patera zeigen nur z. T. Anlehnung 
an den Typus der griechischen Hestia : wichtig ist dafür die Vergleicbung 
der neuerdiogs gefundenen fast identischen Darstellung der Terra Mater 
(oben II, 4), auch wenn man nicht auf den Rundtempel beider oder die stoische, 
schon von Varro vorgetragene Lehre Terram Festam esse (Arnob. III^ 82 
vgl. Ov. F. VI, 267. Augustin. Giv. VH, 16. 24) besonderes Gewicht legen will.] 

«) Val. Max. IV, 4, 11, Prop. IV (V), 1, 21 ff. 

») Plut. Numa 13, vgl. Tacit. Hist. IV, 53, Suid. v. Novfx&i. 



YESTA UND DIE PENATEN. 165 

schäftigt war, weshalb auch die Yestalinnen in der Sage und 
Legende meist Wasser schöpfend und Wasser tragend geschildert 
werden. 

Auch die Einsetzung dieser Yestalinnen ^) wird einstimmig dem 
Könige Numa zugeschrieben. Anfangs waren ihrer vier, dann wurden, 
seit Tarquinius Priscus oder Servius Tullius, sechs gewählt, welche 
Zahl auch später die normale blieb. Wie sie durch den Pontifex 
Max. gewählt (capirt) wurden , immer aus den besten und unbe- 540 
scholtensten Familien der Stadt und solchen Häusern, wo beide 
Eltern am Leben waren, so standen sie fortgesetzt unter der Auf- 
sicht und oft sehr strengen Zucht des Pontifex M., welcher gewisser- 
mafsen ihr geistlicher Yater war und auch über den Dienst der 
Yesta die Oberaufsicht führte, so dafs die Yestalinnen zu ihm in 
einem ähnlichen Yerhältnisse standen, wie sonst im Gottesdienste 
die Camillen zu den Flamines. Zwischen dem sechsten und zehnten 
Lebensjahre traten sie ein, indem sie sich zu einem dreifsigjährigen 
Dienste yerpflichteten, während dessen sie die ersten zehn Jahre 
lernten, die zweiten zehn den Dienst ausübten und in den dritten 
zehn die Novizen unterrichteten: ein Leben welches mit manchen 
Ehren und Auszeichnungen, aber dafar auch mit vielen und schweren 
Entbehrungen yerbunden war. Immer mufsten sie in der Nähe der 
Yesta verweilen und das heilige Feuer Tag und Nacht hüten, sich 
selbst vor jeder Yerunreinigung bewahren, namentlich jeden Ge- 
danken an ein eheliches Glück vor dem Ablauf der dreifsig Jahre 
unterdrücken ; und war diese Frist abgelaufen, so konnten sie zwar 
austreten und sich vermählen, doch geschah es sehr selten und maa 
glaubte dafs sie kein Glück ins Haus brächten. Auszeichnungen 
waren die Heiligkeit ihrer Person und die Ehrfurcht des Yolks, ein 
so würdiges Auftreten im Publicum, dafs selbst die höchsten Be- 
hörden vor ihnen auswichen, manche Privilegien in civilrechtUcher 
Hinsicht, endlich das schöne Recht der Gnade und des sacralen 
Schutzes, da ihre Begegnung den zur Strafe geführten Yerbrecher 
fettete, ihre Begleitung vor jedem Angriff schützte, ihre Fürbitte 
allen Angeklagten mächtige Hülfe bot. Aber welche Strafe auch in 
solchen Fällen, wo sie ihrer Pflicht und ihres Gelübdes vergessen 
hatten 1 Das Erlöschen des heiligen Feuers war jedesmal eins der 
schlimmsten Zeichen, welches den Staat treffen konnte: daher die 



1) [Ygl. den Abschnitt bei Mar^trdt Yerwalton^ 3, 323.] 



166 NEUNTER ABSCHNITT. 

schuldige Vestalin dafür von dem Pontifex M. mit blutigen Streichen 
auf blolsem Rücken gegeifselt wurde ^). Das Schlimmste aber er- 
wartete sie, wenn sie sich auf verbotenem Umgang ertappen liefsen: 
und in der älteren Zeit war schon eine Abweichung yon der vor- 
geschriebenen höchst einfachen Tracht, ein freieres Betragen, eine 
ungewöhnliche Bildung im Stande den schlimmsten Verdacht zu er- 
641 wecken '). War die Schuld erwiesen, so wurde die schuldige Yestalin 
in einem unterirdischen Gemache lebendig begraben, der Verführer 
aber entblöfst in einen Block gespannt und in diesem auf öffent- 
lichem Markte zu Tode gegeifselt ^). Unter Tarquinius soU der erste 
Fall der Art vorgekommen sein ; im Laufe der Republik wiederholte 
sich der Scandal in den Jahren d. St. 273, 419, 481, 482, 538, 
bis endlich im J. 640 (114 v. Chr.) drei schuldige Vestalinnen auf 
einmal betroffen und zwei von ihnen erst dann bestraft wurden, als 
die Götter selbst durch schreckliche Zeichen ihren Zorn über solche 
Schaamlosigkeit der Zeit offenbarten^). Bald darauf schien, auch 
die letzte Scheu vor der sonst so heiligen Yesta gewichen zu sein, 
als im J. 82 v. Chr. der Pont. M. und ausgezeichnete Rechtsgelehrte 
Q. Mucius Scaevola, eine Zier seines Namens und der römisches 
Nobilität, von den Marianern vor dem Bilde der Yesta, zu dem er 
sich aus der Curie geflüchtet hatte, niedergehauen wurde und ein 
andermal, bei einem ähnlichen Blutvergiefsen, ein wilder Haufen bis 
in den Hof der Vestalinnen eindrang *). Während doch früher Vesta 
selbst, wenn die ihrem Dienste geweihten Jungfrauen ohne Ver- 
schuldung angeklagt wurden, mit unerhörten Wundem zu ihrer 
Rettung eingeschritten war. So hatte einst Aemilia nach dreiüsig- 

») Liv. XXVIII, 11, 6, vgl. Val. Max. I, 1, 6, Liv. Epit. XU, lal. Obseq. 
8 (62). Vgl. Paul. p. 106 ignis Vestae and Plat. JNama 10. 

s) Liv. IV, 44, 11, Vni, 5, 7. Die Rleidang war weifs. Alle Salben und 
alle Blumen waren verboten. Bei aUen Opfern erschienen sie mit einem 
grofsen weifsen Kopftuche, dem s. g. snfifibulam. [Die littertrischen Notizen 
über die Tracht bei Marqnardt a. 0. S. 327. Vgl. Heibig Berichte der Manch. 
Akad. 1880, 515. Angebliche Bilder bei Prenner a. 0. 295. Doeh kommt 
wohl nur die Darstellnng auf den Altären der Magna mater und navisalvia 
(oben) in Betracht.] 

') Plnt. 1. c. Zonar. Ann. VII, 8 p. 29 [Bd. 2 S. 107 Dind.]. 

^) S. oben I, 446 und die näheren Umstände besonders b. Dio Ctss. fr. 
87 p. 85 Bekk. Die andern Fälle findet man bei Livins, Dionysius und Orosius. 
Im J. 681 wurde Fabia, eine Schwester der Frau des Cicero, des verbotenen 
Umgangs mit Catilina angeklagt, aber vor Gericht freigesprochen. 

s) Appian b. c. I, 54 u. 88, vgl. S. 164, 1 und Loean II, 126 ff. 



TESTA UND DIE PENATEN. 167 

jährigem Dienste aus Nachlässigkeit, nicht aus sträflicher Leiden- 
schaft das Feuer verlöschen lassen, wäre aber dennoch mit dem 
Tode bestraft worden, wenn die strenge Göttin nicht ihr Gebet erhört 
und vor dem ganzen CoUegium der Pontifices und den übrigen Jung- 
frauen an einem Zipfel ihres Kleides das Feuer von neuem ent- 
zündet hätte ^). Und eine andre Vestalin Namens Tuccia hatte die 
falsche Anklage verletzter Keuschheit dadurch zu nichte gemacht, 
dafs sie starken Muthes hinab zum Tiber ging, vor allem Volk aus 
seiner Fluth in ein Sieb schöpfte und das Wasser in diesem Siebe 
hinauf bis zum Forum trug, um es dort vor den FüDsen der Pon- 
tifices auszuschütten. 

Das Feuer der Vesta durfte als ein heiliges, wenn es je er- 
loschen war, an keiner andern, durch das Leben und seine Bedürf- 542 
nisse entweihten Flamme entzündet werden, sondern es mufste der 
Natur von neuem abgewonnen werden, entweder so, dafs man ein 
Stück Holz von einem fruchttragenden Baume so lange bohrte bis 
sich eine Flamme bildete, worauf das Feuer in einem ehernen Siebe 
aufgefangen und schleunig in den Tempel der Vesta getragen wurde, 
oder durch Entzündung eines neuen Feuers an der Sonne, dem 
Urquell des Feuers*). Ja dieses Feuer der Vesta wurde aUjährlich 
zur Zeit des alten Jahresanfangs d. h. am 1. März erneuert (I, 316), 
grade wie auf der Insel Lemnos jährlich einmal ein neues und rei- 
neres Feuer von dem Sonneneilande Delos geholt und in alle Häuser 
und Werkstätten vertheilt wurde. Und so durfte auch das zum 
Culte der Vesta erforderliche Wasser nur ein fiiiefsendes sein, wie 
es entweder der Tiberstrom oder die Quellen der Stadt spendeten, 
namentlich die Quelle der Egeria im Haine der Camenen (S. 164). 
Das Röhrwasser der Aquäducte war ausdrücklich ausgeschlossen und 
selbst das fliefsende Wasser, welches die Vestalinnen zum Dienste 
der Vesta auf ihren Köpfen herbeitrugen, durfte von ihnen nicht 
auf die Erde gestellt werden, daher sie sich zu diesem Zwecke 
eigner GefäüBe bedienten, die nicht ohne ihren Inhalt zu verschütten 
auf die Erde gestellt werden konnten^). 



») Dionys. II, 68, Prop. IV (V), 11, 53, Val. Max. I, 1, 7, vgl. obeo I, 
138. Das Wassertragen im Siebe ist auch sonst ein gewöhnliches Gottes- 
nrtheil, s. Grimm D. M. 1066. 

*) Paul. p. 106 ignis VesUe, Plat. Nama 9. Vgl. Grimm D. M. 570 ff. 
aber das s. g. Notfener. [S. auch Kahn Herabkanft des Feuers S. 40.] 

») Fest. p. 158 murics, Serv. V. A. XI, 339, vgl. Prop. IV (V) 4, 15, 



168 NEUI<(TER ABSCHNITT. 

Ein eignes Fest der Yesta wurde im Juni gefeiert, mit Ge- 
bräuchen in denen zugleich der Grundcharakter der Reinheit und 
Einfachheit und die Beziehung der Yesta auf Nahrung und Speisung 
im Sinne der alten Zeit anschaulich hervortritt. Am 7. Juni wurde 
der penus der Yesla geöffnet, um an diesem und den folgenden 
Tagen aufs sorgfaltigste gesäubert und ausgekehrt zu werden; daher 
diese Tage für religiös bedenklich galten, so dafs man Hochzeiten 
vermied und die Gemahlin des Flamen Dialis in diesen Tagen weder 
ihr Haar kämmen noch ihre Nägel beschneiden noch ihren Mann 
berühren durfte^). Am 9. folgte das eigentUche Fest der Yesta, 
die Yestalia, wo die Matronen der Stadt mit blofsen Fulsen zum 
Tempel der Yesta wallfahrteten, um an dem Geraeindeheerde in ein- 
648 fachen Schusseln Speiseopfer darzubringen^), wie sie sonst an ihrem 
eignen Heerde den Laren und Penaten des Hauses darbrachten. Zu- 
gleich war dieser Tag in Erinnerung der alten Zeit, wo jeder Haus- 
stand noch selbst sein Gebäck besorgte und der Heerd allgemein 
auch zur Bereitung des Brodes diente, ein allgemeines Fest der 
Muller und Bäcker, bis hinab zu den Müllereseln welche die Möble 
trieben, also nach der gemüthlichen YiTeise der Allen auch mit bei 
diesem Feste betheiligt wurden. Mühlen und Mühlesel wurden an 
diesem Tage mit Kränzen geschmückt, den Eseln auch an Schnüren 
aufgezogene Brödchen um den Hals gehängt, wie bei einer andern 
Gelegenheit dem Octoberpferde (I, 366); es ist noch ein Bild von 
dieser heitern Lust in einem pompejanischen Gemälde erhalten, wo 
Affloren die Menschen vertreten und es sich in einer Mühle unter 
bekränzten Eseln mit Blumen und Bechern wohl sein lassen, wäh- 
rend einer von ihnen im Yordergrunde beschäftigt ist einem Esel 
den Kranz um den Hals zu legen ^). Endlich am 15. Juni wurde 
die Reinigung des Tempels beendigt, indem man an diesem Tage 
allen Unrath entweder in den Tiber warf oder am Capitdinischen 
Steige in einem eigens dazu bestimmten, durch die sogenannte Mist- 
Pforte verschlossenen Hofe unterbrachte; daher von nun an Yesta 

Ovid F. III^ 12. Ein solches GeVAta hiefs vas fatile, daher homo futilis ein 
Meosch der nichts bei sich behalten kann. 

1) Fest. p. 250 penvs, Ovid F. YI, 223 ff., Kai. GonsUnt. 7. Juni. 

«) Ovid F. VI, 304, 389 if. 

)) 0. Jahn Archäol. Ztg. 1854 S. 192 [Heibig Waadgem. n. 777], vgl. 
Ovid F. VI, 303 if. Prop. IV (V), 1, 21 If., LacUnt. I, 21, 26 und das Bild 
im Mus. Borbon. VI, 51, b. Gerhard Ant. Biidw. 62, 3. [S. auch Herzog im 
Rh. Moseiim, n. F., 14, 20 f.] 



VESTA UND DIE PENATEN. 169 

wieder ganz rein war und die römischen Mädchen wieder unbe- 
denklich freien und der Prätor wieder Recht sprechen durfte*). 

AujGser dem Feuer der Vesta gab es in ihrem Tempel noch 
gewisse verborgene Heiligthümer , welche nur den Vestalinnen und 
Pontifices zugänglich waren und vor dem Publicum so verborgen 
gehalten wurden, dafs nur Wenige genau unterrichtet waren. 
Namentlich ist von diesen Heiligthümem die Rede bei der Zerstö- 
rung Roms durch die Gallier, wo sie durch den Flamen Quirinalis 
und die Vestalinnen zum Theil in kleinen Fässern verpackt in der 
Nähe der Wohnung jenes Flamen vergraben, zum Theil nach dem 
befreundeten Caere gerettet wurden^). Gewöhnhch aber wurden sie 
in dem s. g. penus interior der Vesta d. h. dem Penetrale des Tem- 
pels aufbewahrt, auch hier in thönernen Fässern, die bei den Alten s«« 
zur Aufbewahrung sehr verschiedener Gegenstände dienten; daher 
diese Heiligthümer sonst auch die sacra penetralia der Vesta genannt 
werden ^). Namentlich gehörte dahin das troische Palladium, welches 
in solchem Grade heilig und verborgen gehalten wurde, dafs selbst 
der Pontif. M. L. Metellus, als er es im J. 241 v. Chr. bei einer 
Feuersbrunst aus dem Tempel rettete, darüber, so glaubte man 
später, das Licht seiner Augen eingebüfst hatte ^). Doch ist aufser 
diesem Bilde wiederholt noch von andern Heiligthümem die Rede, 
wobei man zunächst an alterthümliche Symbole und Penatenbilder 
nach Art der zu Lavinium im Vestatempel bewahrten zu denken 
hat, wo allerlei Bilder und Symbole von Metall und Thon verwahrt 
wurden, Heroldstäbe und alterthümliche Götterfiguren, welche für 
die troischen Penaten galten, wie diese denn auch sonst immer als 



1) Kai. Maff. Veoos. 15. Jnai, vgl. Varro 1. 1. VI, 32, Paol. p. 259, Fest, 
p. 344 stercus, Ovid F. VI, 223 ff. 

*) Liv. V, 39. 40, Fiat. Camill. 20. 

>) Lamprid. Heliog. 6. Dieser penas interior ist wohl za nnterscheidea 
von dem peoas exterior der Opfer vorrätbe, s. Fest. p. 161 a. 1. Penetralia 
Sacra, penetralia sacrificia sind überhaupt solche, welche in dem Allerheilig- 
sten eines Tempels sich befinden oder vorgenommen werden, s. Fest. p. 250 
penetr. sacrif. 

*) Ovid F. VI, 431 ff. Früher hatte man ihm den Verlust seiner Angen 
durch die Feuersbrunst zum Ruhme angerechnet und dafür in die Carle zu 
fahren erlaubt, s. oben I, 299 und Dionys. II, 66, wo er nicht Mos das Palla- 
dium, sondern die anoggrira überhaupt rettet, wie auch Liv. fipit. XIX sacra 
nennt. Ueber die Feuersbrunst, welche auf eine grofse Fluth folgte, 8. Oros. 
IV, 11. 



170 NEUNTER ABSCHNITT. 

kleine Figuren von Holz oder Stein beschrieben werden'). Aufser 
diesen und andern Reliquien, welche bei den Alten immer sehr 
heilig gehalten wurden und für magische Unterpfander des öffent- 
lichen Wohls galten'), wurde auch jenes alte Symbol der zeugenden 
Naturkraft, welches zugleich für das sicherste Amulet gegen allen 
646 Schaden des Neides und des bösen Blicks galt, am Heerde der Yesta 
von ihi*en jungfräulichen Dienerinnen verehrt^): ein merkwürdiges 
Beispiel von der Naivität alter Sitte und alten Glaubens. Was die 
Penaten von Rom [d. h. die Penaten des Staats, im Gegensatz zu 
denen des Hauses] betrifft, so gab es für diese später allerdings 
einen eignen Tempel, welcher an den Velien lag, in der StraCse die 
vom Forum zu den Carinen führte. Dort sah Dionys ihre Bilder, 
der diesen Tempel als eng und dunkel, die Bilder als zwei sitzende, 
mit Speeren bewaffnete Jünglinge beschreibt, denen man auch sonst 
häufig in den älteren Tempeln zu Rom begegne; und in der That 
finden wir sie auf römischen Münzen gleichfalls so abgebildet. In- 
dessen unterscheidet jener Schriftsteller selbst bei dieser Gelegenheit 
jene allgemein zugänglichen Bilder und gewisse geheime Heiligthümer 
im T. der Vesta, von denen er nicht sprechen wolle*), und noch 



1) Timäus b. Dionys. 1, 67 (oben I, 152, 1) vgl. Serv. V. A. I, 378, III, 
148; Schol. Veron. Aen. II, 717, Lobeck Agiaopb. p. 1240. Nach Platarch 
Gamill. 20 dachten bei jenen verborgenen Heiligthiimern der Vesta die Meisten 
an das Palladiom, Andre an die samothrakischen Heiligthümer, welche Darda- 
nns nach Troja, Aeneas nach Italien gebracht hatte. Das sind eben die Penaten. 

^) Liv. XXVI, 27 Fettae aedem petitam et aetemos ig^et et condäum m 
penetraU fatale pignus imperii Romanik womit das Palladium gemeint ist. 
Ovid F. VI, 359 Iliacae pignora Festae, 439 pigncra fatalia, Aogastin €. 
D. III, 18 Sacra fataUa, Sieben pignora imperii zählt Serv. V. A. VII, 188 
Septem fuerunt paria (1. pignora) quae Imperium Romanum tenerent: acus 
(Lob. Agl. p. 304 liest cestusi ich möchte eher lapis für das Richtige halten, 
s. oben S. 55) Matris Deum, quadriga ßctiUs Feientorum (I, 221 f. )> ei- 
tleres Orestis (das. 316), sceptrum Priami, velum lUonae^ Palladium y Aneilia 
(das. 355). [Die ganze Theorie ist eine Grammatikerschralle , welche an die 
Septem montes^ septem mtroy septem fiumina (Jordan Top. 1, 1; 448) u. ä. an- 
knöpft. £in ganzes Buch hat darüber Cancellieri geschrieben: Le sette cose 
fifttali di Roma antica Rom 1812.] 

*) Plin. H. N. XXVIII, 39 qui deus inter sacra Romana a Festalibus co- 
/i tur etc. Vgl. oben I, 230. II, 49. 

*) Dionys. I, 67. 68. In einer in demselben T. befindlichen Inschrift las 
er DENATfiS für PENATES, indem er da» alterthümliche P für D hielt. 
Mehr über diese populären Penatenbilder auf Münzen n. s. b. Klausen Aeuea 



VESTA UND DIE PENATEN. 171 

bestimmter erfahrt man aus der Erzählung bei Tacitus Ann. XV, 41 
vom Neronischen Brande, dafs damals der T. der Yesta cum Pena- 
tibus populi Romani verbrannt sei, so dafs sich also jene ältesten 
und heiligsten Bilder in diesem Tempel befunden haben müssen. 
Penaten des römischen Volks, das sind die öffentlichen im Gegen- 
satze zu denen der Privaten; dahingegen beide, sowohl die öffent- 
lichen als die privaten, in dem nicht selten erwähnten Schwüre beim 
Jupiter und den Penaten zu verstehen sind, dem höchsten und 
besten Gott, welcher vom Capitole aus über den ganzen römischen 
Staat waltet, und den unsichtbaren Haus- und Heerdgeistem, welche 
aus dem Innersten aller Häuser und des Gemeindeheerdes für das 
V\^ohl aller Familien sorgen. Die spätere Zeit gesellte zu diesen 



n. d. F. S. 660 ff. Aach bei Virg. Aen. III, 147 ff. erscheinen die troischen 
Penaten dem schlafenden Aeneas in meuBchlicher Bildung. Bei ^chol. Pers. 
V, 32 sind die Penaten mit den Laren verwechselt. [Dionys. sagt: tdSv Tgtoi-' 
xtov iixoves, as näaiv oqSv d-ifjiis (so cod. Urb., anaaiv ogäv Sifiag 
cod. Ghis., für difias schrieb dann Stephanas öevasy Gojacins 6evttiag) hti- 
y^ifnjv txovaai drilovöav tovg üsvatas. Dann fahrt cod. Urbinas fort: (fo- 
xovat yaQ fioi, tov ^ firptov yqafxfxaxog eifQtjfiivov ol nalaioi ttjv ixstvov (fi/- 
vafXiV Sfjlovv ro dikxa (lEvQrifAivov t^ 6iXta tviv ^xbCvov SCfvafiiv ol nakaol 
der Gbisianos). iial &k vsavkn a. s. w. Sicher ist dafs ag näöiv ogäv S'ä^ 
fjLig (wie mit Urb. zu lesen ist) im Gegensatz steht za : oaa fjikv öqSv anaaiv 
ov ■d-ifiiSy was c. 67 von den troisch-lavinischen Penaten gesagt wird; sehr 
wahrscheinlich, was Ambrosch Stnd. n. And. S. 230 ff. ausführt, dafs 6oxov0i 
— 6ikta Glosse ist. Aber weder ibm noch anderen ist es gelangen, deren 
Ursprang nachzuweisen und alle Versuche bei D. den Text einer Inschrift her- 
zustellen (aas &Sf£is, ^€/ug macht Ambrosch z/«; fiayvigV) sind verkehrt. Aach 
Rubino Vorg. 191 klammert sich an die nicht tiberlieferte and unmögliche 
Lesung ^evag, was Penas (1) heifsen soll. — In der aedes deum Penatiutn 
in Felia (so August Ind. 4, 8) , d. h. der aedes der dei penates publiei, sah 
Dionys. a. 0. viovCat 6vo xa&^fievoi Sogara ^leUritpoteg, trjg nalaiäg toya 
tixy^^- A.^f diese deutet man auf der Münze des M. Fonteias ^zwei jugend- 
liche Köpfe mit Myrthen- oder Lorbeerkränzen, darüber Sterne' mit Beischrift 
^{enates) p(ublicij (so Mommsen Münzw. S. 573) und auf der des C. Sulpicius 
zwei ähnliche mit Beischrift d{ei) p(finates) p{ubliei) (s. dens. S. 576 vgl. Ru- 
bino Vorgeschichte S. 186 f.). Genauer entsprechen die sitzenden, Speere 
haltenden Jünglinge auf der M. des Gaesius mit Beischrift Lares (Mommsen 
S. 560), nur dafs sie durch den dazwischen sitzenden Hund als Lares prae- 
stites (oben) charakterisirt sind. Jordan Ann. 1862, 329. Vgl. Köhler Ann. 
1863, 204 ff. — Der saeerdos deum Penatüim auf zwei Grabsteinen aus dem 
Grabe der Volusier zu Rom (G. I. L. 6, 2266. 2267) kann nicht, wie Henzea 
will, Priester der Hausgötter der Volusier sein: ebensowenig klar aber ist 
ob und wie er zum römischen Staatskult gehört] 



172 NEUNTER ABSCHNITT. 

himmlischen auch die Herrn der Erde d. h. die Divi oder die con- 
secrirten Kaiser und den Genius des regierenden Kaisers^). 
146 Yesta war aber als Göttin des heiligen Heerdfeuers der Stadt 
und aller Häuser auch die Göttin des heiligen Feuers überhaupt 
d. h. jedes Altarfeuers, daher sie wie Janus bei jedem Gottesdienste 
mityerehrt und wie jener Gott zuerst so sie zuletzt genannt wurde ^): 
eine Bedeutung für den Gottesdienst im Allgemeinen, welche von 
ihr auch auf ihre Dienerinnen, die Yestalischen Jungfirauen über- 
gegangen war. Denn auch diese werden bei verschiedenen gottes- 
diensüichen Veranlassungen als solche genannt, welche für das 
römische Volk beten oder gewisse sehr heilige Sacra verrichten. 
Namentlich war dieses der Fall bei dem Geheimopfer der Bona Dea 
am 1. Mai (I, 401), desgleichen bei dem der Ops Consivia am 
25. August, bei welchem sie mit den Pontifices den Dienst hatten, 
und bei andern Gelegenheiten^). Ueberhaupt wurde dem Gebete 
der Vestalinnen eine ganz besondere Kraft zugeschrieben (I, 138), 

^) So in der Schwnrformel der Sadtreehte von Salpensa und Malaca: 
iurare per lovem et Divom jiugustum et Divom Titum jiugustvm ^ GeHkim 
Imperatori* Caetaris Domüiard Augusti deosque Penates quae fieri oporteat 
se facturum. Vgl. den Schwur der baDtiaischen Tafel (zwischee 625 and 
636 a. U.): iouranto per lovem deosque [Penateis sese quae ex hae lege ßeri 
oport]ebit facturum, Cic. Acad. Fr. II, 20, 65 iurarem per lovem deosque 
Penates und die gleichartige ZoaammensteUaDg der Capitoliniachen Götter 
überhaupt oder des lup. 0. M. allein mit den Penaten b. Liv. m, 17 und Or. 
n. 1675 H ^' 1- L- 7, 236 /. 0, M, dis deabusque hospäaUbut penatibutque], 
1677 [» 3, ICSI L,0. M, et dis penatibus, Or. 1678 (Atina) lavi et du pMoti- 
bus. [C. I. L. 2, 4076 (Tarraco, nach Hübner's sicherer Ei^änzung) /. 0. M, 
lunoni Mmervae Genio praetorii constdaris diu p[ena£\ibus. Verdächtig 5, 5726. 
Zur Formel des Beamtenschwurs Mommsen Stadtrechte S. 460 f., Staatsr. 2', 
783, oben I, 65. 93.] 

') Cic. N. D. II, 27 Fis autem eius ad aras et focos pertinet, Itaque in 
ea dea, quae est rerum custos tntimarum, omnis et preeaUo et saerißcaUo ex- 
trema est Vgl. oben I, 63. 166 u. luvenal VI, 385 et /arre et vino lanum 
Festamque rogäbat. Vellei. II, 131 lupüer CapäoUne et auetor et stator Ro- 
mani nominü, Gradive Mars perpetuorumque custos Fetta ignium. Viele 
fieispiele von solchen Anrufungen und Opfern, die mit dem Janus animngen 
und mit der Vesta endigen, geben die tabb. fr. Arval., welche t. 43, 12 auch 
eine Vesta Deorum Dearumque nennen [s. Benzen Acta S. 147]. 

*) Vgl. die Anrufung des Apoll oben I, 302, ihre Hülfe beim Argeer- 
opfer S. 136, ihre Theilnahme an den Idusopfern, namentlich dem des März, 
Horat. Od. III, 30, 9, oben I, 363, endlich Serv. V. A. X, 228 Firgines Feetae 
eerta die ibant ad Regem sacrorum et dioebant: Ftgäasne Rex? FigÜal vgl. 
I, 350 A. 1. 



YESTA UND DIE PENATEN. 173 

daher sie täglich im T. der Yesta für das allgemeine Wohl des 
Volkes beten und auch in Zeiten der Noth oder auf Veranlassung 
von Prodigien für Alle beten und Gelübde thun, später aber in 
gleicher V^eise auch für den Kaiser und die kaiserliche Familie ihr 
Gebet sprechen mufsten^). Und so erscheinen sie auch bei der 
Bereitung von heiligen Materialien zum Behufe von Opfern und 
Sühnungen als solch« die nicht blos der Vesta, sondern, auch darin 
wohl von den Pontifices angeleitet, dem römischen Gottesdienste 
überhaupt dienen, namentlich bei den Fordicidien und Pahlien' 
(oben I, 416. II, 6) ; obwohl auch die mola salsa, welche von ihnen 
dreimal im Jahre nach einem vorgeschriebenen Ceremoniel bereitet 
wurde, nicht blos dem Culte der Vesta, sondern auch dem andrer 
Götter gedient haben mag^). Diese drei Tage waren die der Luper- mt 
calien, der Vestalien und der Idus des September, lauter sehr alte 
und heilige Festtage, die für Rom und das römische Kalenderjahr 
eine hohe rehgiöse Bedeutung hatten. Die Aehren zu dem dazu 
erforderhchen far wurden vom 7. bis zum 14. Mai von den drei 
ältesten Vestalinnen immer an einem Tage um den andern in 
£rndtekörben gesammelt und darauf von allen gedörrt, geschroten 
und gemahlen. Zu diesem Mehl wurde dann das mit gleicher 
Sorgfalt zubereitete Salz gethan, welches ungereinigt erst in einem 
Mörser gestolsen, dann in einem thönemen, bedeckten, mit Gips 
überzogenen Topfe in einem Backofen ausgekocht, darauf mit einer 
Säge von Eisen in Stücke zerschnitten wurde, um endlich in der 
Vorrathskammer der Vesta in einem Fasse aufbewahrt und in dem- 
selben mit fliefsendem Wasser angefeuchtet zu werden. Aus diesen 
Zuthaten also wurde von ihren reinen Händen das sogenannte far 
pium oder die mola casta salsa zubereitet, welche hernach von 
ihnen bei jenen heiligen Opfern fär das Wohl des römischen Volkes 
gebraucht wurdov Aus jener doppelten Bedeutung der Vesta als 
der Heerd- und der allgemeinen Cultusgöttin mag es sich ferner 
erklären, dafs in gottesdienstlichen Urkunden, namentlich denen der 
Arvalischen Brüder, neben der Vesta schlechthin d. h. der immer 
jungfräulich gedachten des Heerd- und Altarfeuers eine besondre 
Vesta Mater genannt wird, worunter ich eben jene allgemeine 

1) Cic. pr. FoBteio 17, 36 (21, 47), Horat. Od. J, 2, 26 ff., Appian b. c. 
II, 106 vgl. Eckhel D. N. VII p. 101. 

*) Fest. p. 158 maries, Non. Marc. p. 225 sal, Serv. V. Ecl. VIII, 82. 
* Vgl. Paul. p. 65 casta mola uad die UqoI ä^oroiy aJUro/, fivliLves der Griechen. 



174 NEUNTER ABSCHNITT. 

Cultusgöttin verstehen möchte, wie sie den letzten Abschluls des 
römischen Göttersystems bildete, nicht als ob sie im Gegensatze zur 
jungfräulichen Vesta als eine mütterliche Göttin gedacht worden 
wäre, sondern in demselben Sinne wie die Zusätze Pater und Mater 
nach unvordenklichem Herkommen auch sonst im römischen Cultus. 
gebräuchlich waren'). 
£48 Hatte man in früheren Zeiten die Ueberlieferung dafs die 

Penaten von Lavinium, Alba Longa und Rom die troischen seien, 
auf Treu und Glauben angenommen, so wollte man später den 
historischen Zusammenhang ergründen und wurde dadurch in 
schwierige Untersuchungen verwickelt, welche von einer falschen 
Voraussetzung ausgehend nur zur Verwirrung fähren konnten. Unter 
den Griechen hatte sich zuerst Timäos von Sicilien auf diese Frage 
eingelassen und sich deshalb selbst nach Lavinium, also gewiljs auch 
nach Rom begeben; nach ihm versuchten sich verschiedene andre 
Gelehrte in allerlei abenteuerlichen Combinationen, welche man bei 
Dionysius L 67 fr. nachlesen mag. Unter den Römern vertieften 
sich Varro und Nigidius Figulus mit grolsem Eifer auch in diese 
Untersuchung. Bei der Frage nach der Geschichte der sogenannten 
Palladien, aller Cultusbilder einer kriegerischen Schutzgöttin, die in 
vielen Städten zu finden waren und zuletzt alle von einem und 
demselben Orte abstammen sollten, lag wenigstens die alte durch 
das Epos verherrlichte Ueberlieferung vor, dafs das troische das 
älteste von allen gewesen. Von troischen Penaten dagegen konnte 
genau genommen gar nicht die Rede sein, da der Begriff der 
Penaten etwas so specifisch Römisches ist, dafs die Griechen ihn 
nur durch verschiedene Umschreibungen zu übersetzen wuLsten 
(S. 160, 1). Man half sich gewöhnlich dadurch dafs man bis auf 
Samothrake und seinen geheimniHsvollen Gottesdienst zurückging. 
Von dort liefs die gewöhnliche Sage den Dardanos nach der Küste 

^) S. oben I, 56. Ein Pontifex Vestae Matris wird erwähnt b. Or. n. 
1181 [^ J. R. N. 1883]. Verschiedene Erklärungen b. Marin! Atti p. 378 sqq. 
Dafs Vesta als Feuergöttin nothwendig jungfräulich zu denken, bemerkt Isidor 
Orig. VIII, 11, 67. 68. Porpbyr. b. Euseb. Praep. Ey. ID, 11 p. 110€ ed, 
Colon. 1688 [§ 15 Dind.] sagt nichts als dafs die eine Erde unter verschiedenen 
Namen angebetet werde, die centrale Erde als jungfräuliche Hestia, die nährende 
als Mutter u. s. w. Von der Vesta Mater ist gar nicht die Rede. Im Ral. 
Gonstant. Id. Febr. Virgo Vesta parentat ist wohl zu lesen: Virgo Ve- 
Stalls, denn der 13. Februar gehört zu den dies parentales. [Vgl. Mommsen 
G. I. L. 1 p. 386.] 



YESTA UND DIE PENATEN. 175 

von Troja übersiedeln; also hiefs es daüs die auf Samothrake ver- 
ehrten Kabiren oder Grofsen Götter {S'eol fieydXoij dii magni) auch 
die troischen und römischen Penaten seien, welche Dardanos von 
Samothrake nach Dardanien, Aeneas von Troja nach Lavinium ge- 
bracht habe. Schon der ältere Annalist Cassius Hemina hatte in 
dieser Weise yon Aeneas und seinen Penaten erzählt, später ver- 
suchte Yarro eben deshalb jene Gottheiten von Samothrake und die 
römischen Penaten im Sinne seines theologischen Systems auf die 
beiden Grofsen Götter, d. h. den Himmel und die Erde zu deuten ^). 
Andre Forscher, namentlich Nigidius Figulus, hielten Apollo und 
Neptun, die Erbauer der troischen Burg, für die Penaten von Troja, £49 
vermischten dann aber weiter auch die Spitzfindigkeiten der etrus- 
kischen Götterlehre mit dieser ohnehin so verwickelten Unter- 
suchung^). Noch andre erklärten die drei Capitolinischen Götter 
Jupiter, Juno und Minerva für die öffentlichen Penaten, wobei sie 
dieses Wort in dem sehr allgemeinen Sinne von Schutz- und 
Lebensgöttern überhaupt verstanden. Im Allgemeinen ist festzuhalten 
dafs alle Götter geringeren Grades, welche dämonenartig gedacht 
und eben deshalb nur klassenweise benannt und angerufen wurden, 
eigne Namen ursprünglich nur ausnahmsweise führten, in Griechen- 
land sowohl als in Italien; daher sie der späteren Forschung, 
welche Alles historisch bestimmen und auf einen fortlaufenden 
Zusammenhang zurückfähren wollte, natürlich um so mehr zu tbun 
gaben. 

Nachdem es seit August herkömmlich geworden war, dafs der 
jedesmalige Kaiser als solcher zugleich Pontifex Max. war, kam der 
Yestacult und das Institut der Yestalinnen unter die persönliche 
Aufsicht der Kaiser, was sowohl seine guten als seine sehr schlimmen 
Folgen hatte. August wirkte auch hier als Restaurator, indem er 
die Yestalinnen so gut es ging wieder zii Ehren brachte, den Raum 
ih^ Wohnungen durch Ueberlassung der Regia erweiterte, ihnen 
eigne Plätze im Theater anwies u. s. w.; doch war es schon dahin 



J) Macpob. S. III, 4, 7 und 9, vgl. Serv. V. A. 1, 378, III, 12. 148. Die 
weitre AasfUhruDg der Ansiebt Varros von den Grofsen Göttern (Dis Magnis, 
Potentibns) s. de ling. lat. Y, 58, bei Prob. z. Virg. Ecl. Vi, 31 p. 21 ed. 
Keil; Augrustin C. D. Vü, 18. Bei Virg. Aen. VIII, 679 kämpft August bei 
Actium cum patribus populoqtie, Penatibtis et Magnis DU, wo die letzteren 
wobl die samothrakischen Schutzgötter zur See sein sollen. 

>) Macrob. HI, 4, 6. 8 vgl. Arnob. III, 40 und obeji I, 87. % 



176 NEUNTER ABSCHNITT. 

gekommen, dals die altadligen Familien sich scheuten ihre Töchter 
zu dieser Würde herzugeben, daher er sich genöthigt sah auch 
solche Familien, welche von Freigelassenen abstammten, zur Con- 
currenz zuzulassen^). Dafür brachten die Yestalinnen ihrer Vesta 
am 6. März, an welchem Augustus Pontifex Max. geworden war 
(im J. 12 y. Chr.), ein eignes Dankopfer ^). Bald darauf, am 
28. April, folgte ein neuer Festtag der Vesta, welcher demselben 
Kaiser seine Entstehung verdankte. Derselbe hatte nehmlich bald 
nach seiner Wahl zum Pontif. M. und in Folge dieser neuen Würde, 
welche nach altem Herkommen einen Cult der Vesta und der 
Penaten nothwendig in der Nähe haben mufste, neben der alten 
Vesta und ihren verborgenen Heiligthümern einen neuen Palatini- 
schen Cultus der Vesta und der kaiserlichen Penaten in seinem 
Palaste gestiftet, welcher dem des Palatinischen Apollo gewisser- 
mafsen entsprach, so dafis seitdem nun auch diese Vesta ihren eignen 
Festtag hatte, und zwar wie gewöhnlich an ihrem Stiftungstage ^). 
060 Den unter Nero mitverbrannten T. der alten Vesta am Forum stellte 
Vespasian wieder her, die unter den Nachfolgern Augusts wieder 
sehr verfallene Zucht der Vestalinnen fand einen sehr strengen Auf- 
seher in Domitian, unter welchem verschiedene Uebertretungen des 
Keuschheitsgelubdes zuerst mit dem Tode der Verführten und Ver> 
bannung der Verführer, dann nach alter Weise bestraft wurden^). 
Unter Commodus bedrohte eine Feuersbrunst, welche den Friedens- 
tempel zerstörte, auch den neuen T. der Vesta, bei welcher Ge- 
legenheit die Vestalinnen das Palladium mitten über die Straise in 
den kaiserlichen Palast retteten*). Caracalla und Heliogabal er- 
laubten sich die schnödesten Mishandlungen der Vestalinnen und 
der Vesta ^). Dennoch behauptete sich der alte Gottesdienst bis in 
die letzten Zeiten des Heidenthums. Sowohl die römischen als die 
albanischen Vestalinnen bestanden noch in der Zeit des Symmachus: 

dSjr 

1) Saeton 31 u. 44, Dio Cass. UV, 27, LV, 27. ^ 

«) Ovid F. IJJ, 417 ff., Kai. Maff Praeo. 

«) Ovid F. IV, 949 fl., Met. XV, 864, Verr. Flacc. Fast. Praeo. z. 28. 
April. Die kaiserlicheo Penateo sind als solche laurigeri, s. Martial. VIII, 1, 1. 
Vgl. SnetoQ Octav. 92 und die Beschreibung des Palastes des Priamus b. 
Virg. Aen. II, 512 ff. [VieUeicht gebort das oben I, 299 A. 2 erwähnte Pal- 
ladium Palatinum hierher.] 

*) Sueton 8, Plin. Ep. IV, 11, 6. 

') Herodian I, 14, 5. 

«) Dio LXXVII, 16, Herodian. V, 6, 2, Lamprid. Heliog. 6. 



VESTA UND DIE PENATEN. 177 

ja es scheint sich dieses Institut in ecclesia pressa noch einmal 
recht zusammengenommen und in seiner Würde bei den Gläubigen 
gehoben zu haben ^). Noch Constantin hatte ihre Priyilegien un- 
geschmälert gelassen; erst Gratianus, der erste Kaiser welcher nicht 
mehr Pontifex Max. sein wollte, liefs mit den übrigen Tempelgütern 
auch die der Testa einziehen. 



^) Ambrosch Stad. u. Aod. S. 18. [Die datirten Ehrendenkm'äler der 
yestalischeo Jungfraaen CLL. 6, 2131 fif. reichen von 240 bis 301 p. G. 
Vgl. Jordan Eph. epigr. 3, 291.] Ein schlimmes Sittenzeugnifs stellt Minuc. 
Felix Octav. c. 25 , 10 ff. den Vestalinnen und den römischen Priestern 
überhaupt. 



Preller^ Rom. Mjthol. II. 3. Aufl. 22 



ZEHS TEE ABSCHNITT. 



Schicksal and Leben. 



551 Ich stelle unter dieser Ueberschrift die Götter zusammen, 
welche ihren Cultus mehr der Abstraction und dem Glauben an 
das Dämonische als dem älteren Polytheismus der Naturreligion 
verdanken. Es sind zunächst die Mächte des Schicksals und der 
nahe verwandte Cultus der Genien in seiner specielleren Anwendung 
auf das Leben, dann die Götter der alten pontificalen Indigitamenta, 
welche sich wieder dem Cultus der Genien anschliefsen lassen, 
endlich alle übrigen Hulfsgötter und Personificationen des praktischen 
Lebens, wie sie entweder die griechische Bildung oder die natürliche 
Neigung der Römer zur abstracten Begriffsbildung von selbst mit 
sich führte. Denn auch in der griechischen Mythologie ist die Per- 
sonificirung abstracter Gedanken die Quelle vieler Neubildungen ge- 
wesen, obwohl ihr Ursprung gewöhnlich ein poetischer war und die 
ganze Summe solcher Begriffsgötter im Vergleiche mit den wirklich 
mythologischen immer eine geringe geblieben ist. Bei den Römern 
( dagegen begegnet uns gleich in der frühsten Periode ihrer Glaubens- 
jgeschichte eine grofse Anzahl dämonischer Mächte, deren Ursprung 
'wesentlich Reflexion und Abstraction ist, nur dafs die Begriffsbildung 
(dieser Zeit noch wesentlich die des Cerimonialgesetzes und der 
; priesterlichen Liturgie ist und deshalb mit dem Gepräge einer naiven 
'\ und alterthümlichen Frömmigkeit auftritt. Dahingegen mit der Zeit, 
ne mehr der Naturglaube seine Frischfe und das alte Cerimonial- 
; gesetz seine Kraft verlor, auch diese Schöpfungen immer nüchterner 
geworden und zuletzt zur blofsen Convention einer halb politischen 
halb pantheistischen Religiosität herabgesunken sind. 



FORTUNA. 179 

1. Fortuna, 

Schicksal und Glück sind eigentlich verschiedene Begriffe; auch 662 
deutet Manches darauf, dafs man sich in Italien dieses Unterschiedes 
wohl bewuTst war. Dennoch mufete für gewöhnlich die Anbetung 
der Fors oder Fortuna sowohl dem einen als dem andern Bedürf- 
nisse des menschlichen Gemüthes entsprechen, aufser und neben 
den eigentlichen Cultusgöttem eine dämonische Macht von unbe- 
stimmter, ja unendlicher Tragweite zu verehren, welche bald in gün- 
stigen bald in ungünstigen Füguilgen als die Quelle alles Unver- 
hofften und Unberechenbaren im Verlaufe des menschlichen Lebens 
angesehen werden konnte. Jedenfalls war die Anbetung dieser 
dämonischen Macht schon im alten Italien eine weit verbreitete. 
Denn nach Yarro 1. 1. Y, 74 verehrten auch die Sabiner eine weib- 
liche Macht der Fors oder Fortuna, obwohl sie sie anders benannten, 
und in Umbrien gab es eine Stadt des Namens Fanum Fortunae^), 
bei welcher ein altes und angesehenes Heiligthum vorausgesetzt 
werden darf, da nur aus solchen bedeutendere Ortschaften hervor- 
zugehn pflegen. Endlich in Latium waren die Fortunen zu Antium 
und Präneste seit unvordenklicher Zeit berühmt, aufser welchen 
bei Liv. XXI, 62, 8 noch eine Fortuna in Algido, dem bekannten 
Waldgebirge der Aequer, genannt wird^). Ueberall mag Fortuna in 
älterer Zeit mehr als positive Glücksgöttin, in späterer als indiffe- 
rentes Geschick gedacht worden sein; wenigstens läfst sich dieses 



^) Gromat. vet. p. 30. Daher Fanestris Fortuna ib. p. 256. [Ein For- 
tunae fdnum und ein Histriae fdnum, jedes ab C. Fibio Färo patre inchoa- 
tum Q. Caesius Macrinus perfectt et dedicavü G. 1. L. 5, 30S. 309 in Rovigno 
in Histrien (wegen fanum Jordan Hermes 14, 577 f.). Vielleicht ist auch der 
Fortuneakult in der alten latinischen Kaufmannsstadt Virunum in Noricum (da- 
selbst auch Hercules und Epona) recht alt vgl. G. I. L. 3, 477S mit 5, 778 
(Fortunae Ferunienn^ Aquileja).] 

') [Sehr alt ist die Doppelwidmung Maurte-Forhme de praidad zu Tuscn- 
lum G. I. L. 1, 63. 64 (oben I, 351, 2), ebenso ein Tbongefafs mit der Aufschrift 
Fortunai pocolo{m\ welches zu der Klasse der mit Götternamen rersehenen 
Gefafse gehört, welche bisher für ausschliefslich südetrurischen Fundorts gal- 
ten, aus Calabrien: Dressel Annali 1880, 329 vgl. Heydemann Ber. d. sächs. 
Ges. d. Wiss. 1878, 141. — Dafs das Wort /or* (von /ero wie *or* von «ero), 
wovon fort-una (vgl. port-unus, Nep-tunus, ves-una u. a.), nicht ausschliefs- 
lich latinisch ist, zeigt o&k. foH-is = lat. /or^-e, vielleicht auch pälignisch 
^pälignisch-lateinisch?) forte{s) faber (Inschr. v. Gorfininm Notizie 1879, 224), 
das Bücheier mit Recht (Rh. Mus. 1880, 73) fortunae faber erklärt.] 

12* 



180 ZEHNTER ABSCHNITT. 

(bei dem römischen Culte der Fortuna nachweisen. Hier galt nehmlich 
Servius TuUius, der Lieblingskönig des Volks, in seinem Munde für 
das rechte Glückskind^) und deshalb auch fär den Urheber alles 
älteren Fortunadienstes: der Sohn des Genius und der vertraute 
Liebling der Fortuna, welche den Sohn der Sklavin bis zum Könige 
erhöht hatte, freilich ohne den widernatürlichen Leidenschaften seiner 
Tochter und dadurch der endlichen Katastrophe seines Geschicks 
vorbeugen zu können. Man zeigte nehmlich in Rom zwei Tempel 
der Fortuna, welche man vor allen übrigen für alt und für ächte 
Stiftungen des Servius hielt; der eine hiels der der Fors Fortuna 
M8 und lag aulserhalb der Stadt am rechten Tiberufer, beim ersten 
Meilensteine der Via Portuensis, der andre der der Fortuna schlecht- 
hin, welcher auf dem Forum Boarium lag. Jene war ganz vorzugs- 
weise die Glücksgöttin des günstigen Zufalls, wie sie am meisten 
vom gemeinen Manne angebetet wurde ^), welcher das Aufserordent- 
liche von ihr erwartete und dabei des Servius gedachte; obwohl 
nach dem Beispiele dieses Königs auch andre Mächtige sie verehrt 
und ihr in derselben Gegend noch andre Tempel gestiftet hatten^). 
Am 24. Juni, unserm Johannistage, war der Stiftungs- und Festtag, 
wo namentlich alle Gedrückten und Hoffenden, auch die Sklaven, 
aus der ganzen Stadt zu dieser Fortuna eilten, entweder über die 
Brücken oder in schaukelnden Kähnen auf dem FluTs, der an diesem 
Tage viel lustiges und leichtfertiges Volk zu tragen hatte, die Kähne 
mit Blumen geschmückt, die Rudernden tapfer zechend und in fröh- 
lichen Gesängen des guten Königs und seiner verschämten Geliebten 

^) Der Ausdrack Fortaoae filios findet sich bei Horat. S. II, 6, 49, Patron. 
43. Ausnahmsweise nennt Plat. d. fort. Ro. 5 den Ancas Marcius als Stifter 
des Fortanadienstes. [Schwegler 1, 712.] 

2) Cic. de Leg, II, 11, 28 Fortuna sit vel Huiusce Diei — vel Fors, in 
quo incerti casus sigmßcantur magis, Terent. Phorm. V; 6, 1 Fortuna, 
Fors Fortuna, quantis commodäatibus hunc onerastis dient! Wozn Donat be- 
merkt, das Fest der trans Tiberim verehrten Fors Fortana werde vorzüglich 
von denen gefeiert, qui sine arte aliqua vivunt, [Vgl. die Citate bei Non. 425 
und die verdorbene Stelle des Varro bei dems. 144: si hodie nenu {noenumt) 
venis; cras quidem si vener is f meridiem die natalis Fortis Fortuna^,] Vgl. 
Ovid F. VI, 772 Plebs colit hanc, quia qui posuit de plebe fuisse feriur et ex 
humili sceptra tulisse loco. Die Gi-iechen übersetzen aas Misverstand Tv^^ 
avÖQsCa, Dionys. IV, 27, Plat. 1. c. 

3) Neben dem T. d. Servius TuUius baute Sp. Carvilins Max. als Sieger 
über die Samniter und Etrusker im J. 461 d. St., 293 v. Chr. ein zweites 
Heiligthum, Liv. X, 46. Einen andern T. der Fors Fortana stiftete Tiberius 



FORTUNA. 181 

gedenkend^). Dahingegen die Fortuna des Forum Boarium durch 
die Erinnerung an den Tod des Servius zu ernsteren Gedanken auf- 
forderte. Wenigstens glaubte man dort neben dem Bilde der Göttin 
ein Bild des Servius zu besitzen, ein ganz yerhülltes Bild, welches 
Niemand berühren, geschweige denn sehen durfte und von dem man 
Wunder über Wunder erzählte'). Es war ein Bild von Holz und 
vergoldet, ganz in zwei Togen eines alten und künstlichen Gewebes 
verhüllt, welche die kunstreiche Tanaquil, die königliche Pflegemutter 
des Servius mit eigner Hand für ihn gewebt und welche er als 054 
König getragen hatte ^). Warum das Bild so verhüllt war, das 
wufste Niemand genau zu sagen. Gewöhnlich hiefs es, Fortuna 
habe diesen Mann so heifs wie keinen geliebt, aber als Göttin nur 
verstohlen und heimlich, daher sie bei nächtlicher Weile durch ein 
kleines Fensterchen in seine Kammer geschlüpft sei^); deshalb halte 
sie auch jetzt noch sein Bild unter der Toga verborgen. Die Klugen 
versicherten, die Plebs sei nach dem schmählichen Tode des Königs 
so aufgeregt gewesen, dafs man sein Bild aus PoUtik verhüllt habe; 
die Wundergläubigen, dafs die schreckliche Tochter gleich. nach dem 

beim sechsten Meilensteine der Via Portnensis, s. Becker S. 479, meine Re- 
gionen S. 216. [Vgl. Mommsen im G. I. L. 1 p. 395. Henzen Scavi nel bosco 
de ' frat. arv. p. 1 00 f. Bei oder im Ai^valenhain, also ungefähr am 6. Meilen- 
steine (oben S. 30, 1) sind die drei archaischen Widmungen an die Fors For- 
tuna der lanii Pücinensesj lanie» und violaries, rasariesy coronaries (G. I. L. 6, 
167 — 169) gefanden worden. Diese werden zu dem alten Heiligthum gehören, 
dessen Fest die vor 17 p. G. (d. h. vor der Gründung des tiberianischen) 
redigirten Kalender (Amit. Esq.) auf denselben Tag ansetzen wie das des 
Heiligthums ad primum. In der Nähe des ersteren erbaute Tiberius seinen 
Tempel: das zweite ist wohl das Tuxcciov in den Gärten Gäsars Dio XLII, 26.] 

1) Ovid. F. VI, 765 ff., Varro 1. 1. VI, 17 und die Kalender z. 24. Juni* 
Vgl. noch Or. 1770 [« G. I. L. 6, 170] Numint FortU Fortunae, die Widmung 
eines Soldaten, und eine M. des Gal. Val. Maximianns, wo auf dem Rev. 
FORTl FORTVNAE, das Bild mit dem Steuer, dem Füllhorn und dem Rade. 
Aus Liv. XXVII, 11 sieht man dafs das alte Bild der Fors Fortuna den ge- 
wöhnlichen hohen Kopfaufsatz hatte. [? In cella Fords Fortunae de capite 
Signum, quod in Corona erat, in manum sponte sua prolapsum.] 

*) Ovid F. VI, 563 ff., vgl. Dionys. IV, 27 u. 40, Val. Majc. I, 8, 11, 
Becker S. 481, Ganina Mon. d. Inst. 1854 p. 60. 

') Plin. H. N. Vlü, 194, Non. Marc. p. 189 undulatum. Plinius weifs 
auch von einem mit sehr alten Prätexten bekleideten Bilde der Fortuna, welches 
Servius TuUius geweiht hatte und später Sejanus besafs, vgl. Dio LVIII, 7. 

*) Ovid vs. 577 Nocte domum parva solita est inirare fenestra, unde Fe» 
nesteüae nomina porta tenet Es war eine Stelle am Palatin, bei der Woh- 
nung des Tarquinius Priscos, dabei ein s. g. thalamos Fortunae. 



182 ZEHNTER ABSCHNITT. 

Morde ihres Vaters in diesen von ihm gestifteten Tempel zu gehen 
und unter die Augen seines Bildes zu treten wagte, worauf dieses* 
die Hand vor seine Augen erhoben und sich für immer verhüllt 
habe. So spielte auch in Rom die Phantasie des Volkes, während 
in Wahrheit diese Fortuna gar keine Glücksgöttin im gewöhnlichen 
Sinne des Worts, sondern eine yomehmlich von den Frauen ver- 
ehrte Göttin der weiblichen Zucht und Sitte gewesen zu sein scheint, 
daher auch jenes verhüllte Bild, welches selbst die Frauen nicht 
berühren durften, von besser Unterrichteten für ein entsprechendes^ 
Bild der Schaamhaftigkeit gehalten und Fortuna Virgo genannt 
wurde ^). Aber natürlich liefs sich das Volk seinen Glauben nicht 
nehmen. Vielmehr als der Tempel gelegentlich vom Feuer verzehrt 
und nur jenes Bild gerettet wurde, erkannte alle Welt in diesem 
neuen Wunder die Hand des Vulcan, desselben (xottes, welcher den 
Servius im Feuer des Heerdes gezeugt habe. 
£65 Plutarch, welcher sich in einer eignen Schrift mit der Fortuna 

der Römer beschäftigt, hat viele andre Beinamen gesammelt, unter 
welchen diese Göttin in Rom verehrt wurde, meistens in alterthüm- 
liehen Culten, welche die gemeine Ueberlieferung gewöhnlich gleich- 
falls für Stiftungen des Servius hielt. Sie drücken die verschiedenen 
praktischen Beziehungen dieser dämonischen Macht aus, deren Be- 
griff in dieser Hinsicht eben so elastisch ist wie der des Genius,, 
bald auf den ganzen Staat bald auf gewisse Stände, Kreise und 
Klassen der Bürgerschaft, einzelne Corporationen und hervorragende 
Personen. Oder sie schildern den natürlichen Wankelmuth dieser 
Göttin, wie sie den Menschen bald ihre Gunst bald ihre Ungunst 
zeigt, den Einen mit trügerischen Hoffnungen täuscht, dem Andern 
Wort hält, immer wechselnd, immer flüchtig, immer neuen Glauben 
findend. Die wichtigste unter diesen verschiedenen Fortunen ist die 
Fortuna Publica oder Fortuna Populi Romani, zwar nicht 

*) Varro b. Non. Marc. p. 189 a qtäbusdam dicitur esse FirginU Fortu- 
nae ab eo quod duobus tmduiaiig togis operium, \gL Fest 242 [vgl. Momm-; 
sen C. L L. 1 S. 150 zu 540], wo das Bild der Podicitia in foro BoariO; wel- 
ches Einige fdr das der Fortana hieltea, vermathlich dasselbe Bild ist. Auch Plut. 
d. Fort. Ro. 10 kennt eine Fortuna Virgo in Rom, desgleichen Arnob, 11, 67 'puella- 
rum toguUis Fortunam dqfertU ad Firginalem, Togen tragen in alter Zeit nicht 
Mos die Männer, sondern aach die Frauen. Dazu kommt dafs der Tag des 
solennen Opfers dieser Fortuna der der Matralia am 11. Jnni war d. h. des 
matronalen Festes der Mater Matuta, deren T. auch von Servius Tullius 
gestiftet wurde und vermuthlich neben dem der Fortuna lag (I, 322). 



FORTUNA. 183 

SO alt wie die übrigen, aber oft genug erwähnt^). Plutarch sagt 
von dieser G&ttin, sie habe dem persischen und assyiischen Reiche 
früh den Rücken gekehrt, sei durch Macedonien flüchtig hindurch 
geeilt, habe in Aegypten und Syrien tinter Ptolemäem und Seleu- 
ciden eine kurze Blüthe geweckt und den Karthaginiensem hin und 
wieder gelächelt, bis sie nach Rom gekommen sei und ihre Flügel 
abgelegt, die Schuhe ausgezogen, von der rollenden Kugel ein für 
allemal herabgestiegen sei um zu bleiben, von dort aus über alle 
Welt zu herrschen und über diese ihre wahre und letzte Heimath 
alle Reichthümer der Erde und des Meeres, aller Flüsse und aller 
Goldgruben auszuschütten. Also die Tyche der Stadt in dem poli- 
tischen Sinne des Worts, wie sie in den hellenischen und helleni- 
stischen Städten angebetet zu werden pflegte. Obgleich in Rom 
nicht sowohl dieser griechische Gottesdienst als vielmehr der be- 
rühmte Cultus der Fortuna Primigenia von Präneste das nächste 
Vorbild gewesen zu sein scheint; wenigstens gab es eine Fortuna 
Publica Primigenia sowohl auf dem Capitol als auf dem Quirinal. 
Die Stiftung von jener ward in der gew&hnlichen Tradition wieder 
dem Servius Tullius zugeschrieben '), die auf dem Quirinal war im ßse 
Laufe des Hannibalischen Kriegs im J. 204 v. Chr. gelobt und zehn 
Jahre darauf am 25. Mai eingeweiht worden [unten 562 f.], welcher 
seitdem als Stiflungstag gefeiert wurde; doch gab es aufser ihr auf 
demselben Hügel noch eine andre Fortuna Publica, welche am 
5. April gefeiert wurde ^). Einen natürlichen Gegensatz zu diesem 



») Liv. I, 46, 5, n, 40, 13, III, 7 1, Fortuna ürbis, VI, 30, 6, VII, 34, 6, 
Cic. pr. Mil. 32, 87 und A. [Anck C. L L. 1, 702.] Auf den M. des M. Ar- 
rius Secaedos bedeutet F. F. R. Fortuna Populi Romani. Ihr Bild ist mit 
einem reichen Diadem geschmückt [Borghesi Oeuvres 1, 126 f.]. 

') Plut. 1. c. 10, Qu. Rö. 106. In der bekannten Inschrift von Präneste, 
Anthol. I n. 622 [Grut. 52, 5] kb'onen die Worte Tu quae Tarpeio coleris vi- 
cina Tonanti doch auch nur die Verehrung der pränestinischen Fortuna sowohl 
in Präneste als auf dem römischen Capitol bedeuten. Vgl. dem. AI. Protr. 
4, 51 [Bd. 1 S. 56 Dind.], wiehern zufolge sich dieser T. in der Nähe der s. 
g. porta stercoraria befand. [Weiteres darüber bei Jordan Top. 1, 2, 64.] 

«) Ovid F. IV, 375, V, 729 und die Kalender z. 5. Apnl u. 25. Mai [ein 
dritter Festtag 14. Nov. ist allein aus dem Arvalkalender bekannt], vgl. Liv. 
XLIII, 13 und Becker S. 579. In der Nähe der p. GoUina gab es eine Gegend 
ad tres Fortuna s. [Vitruv. III, 2, 2 vgl. das an den Adoptivsohn Sallust's 
gerichtete Epigramm des Krinagoras Anth. Plan. 4, 40 (nachgetragen von 
Zangemeister Hermes 2, 469 f.) und ausführlich über die Stadtgegend und die 
Tempel Jordan Arch. Zeitung 1871 S. 77 ff. Jetzt kommen noch die Noten 



184 ZEHNTER ABSCHNITT. 

Begriffe bildet die bei Plutarch erwähnte Fortuna Privata (idia) 
auf dem Palatin, vermuthlich eine coUective Glucksgöttin des bürger- 
lichen Familienlebens, dahingegen andre Fortunen mit Rücksicht auf 
die einzelnen Stande, Klassen und Geschlechter der Bevölkerung 
benannt waren. So zunächst die oft erwähnte F. Muliebris, welche 
zu Ehren der römischen Frauen und zum Andenken an den Abzug 
des Coriolan gestiftet worden war. Das Heiligthum befand sich beim 
vierten Meilensteine der Yia Latina, an derselben Stelle wo Coriolan 
sich damals zur Umkehr hatte bewegen lassen; auch wurden die 
jährlichen Opfer und Gebete für das Wohl der Stadt an demselben 
Tage von den Frauen dort dargebracht. Valeria, eine Schwester 
des Yalerius Publicola, welche an ihrer Spitze gestanden, war auch 
die erste Priesterin. Von den Bildern war das eine auf Staats- 
kosten; das andre aus einer Collecte der Frauen gestiftet; mit 
welchem letzteren sich das Wunder begab dafs es nach der Dedi- 
cation zweimal mit lauter Stimme sein Wohlgefallen ausdrückte, 
daher es fortan nur von solchen Frauen, die in der ersten Ehe 
lebten, berührt und bekränzt werden durfte ^). Also eins der wich- 
tigsten Denkmäler des hochherzigen und von dem Staate bei mehr 
als einer Gelegenheit anerkannten Patriotismus der römischen Frauen, 
während in einer andern Gegend der Stadt ein prächtiger T. der 
F. Equestris aus späterer Zeit an einen der zahlreichen Erfolge 
erinnerte, durch welche die römische Ritterschaft so oft das Glück 
557 der Schlachten entschied. Diesmal wurde die Schlacht in dem spa- 
nischen Kriege vom J. 179 v. Chr. geschlagen, wo der Feldherr 
Fulvius Flaccus, als er die Feinde in aufgelöster Flucht davonsprengen 
sah, jenen Tempel der Fortuna und aufserordentliche Spiele des 
Jupiter gelobte. Er befand sich in der Nähe des von Pompejus 
erbauten Theaters, wo ihn noch Yitruv nennt, wo er aber bald 



des Kalenders von Cäre 25. Mai und des ArvalkaL 14. Nov. hinza: s. Mommsen 
Eph. epigr. 3, 9. ], 41.] 

») Liv. II, 40, Dionys. VID, 55 ff., Val. Mall I, 8, 4, V, 2, 1, Plat. Marc 
37, d. Fort. Ro. 5, Fest. p. 242, Serv. V. A. IV, 19, Tertali. Monogam. 17, 
Augostin C. D. IV, 19, Lactaot. II, 1, 11. Der Rnf des Bildes lautete: Rite 
me matronae dedisUs rüeque dedicastis. Vielleicht war es eine Neuerung 
dafs Frauen eine Dedication vollzogen. Das erste Opfer wurde Kai. Decemb. 
des J. 267 d. St. gebracht, nachdem der Krieg glücklich beendet war. Der 
T. und das andre Bild wurden im folgenden Jahre vom Consul Proculus Vir- 
ginius am 6. Juli geweiht, und ohne Zweifel war dieses der Jahrestag des 
Ereignisses und der regelmäfsige Festtag [vgl. Jordan Eph. ep. 1, 234 f.]. 



FORTUNA. 185 

darauf durch eine Feuersbrunst zerstört zu sein scheint^). Wieder 
in andrer Hinsicht zu erwähnen sind die F. Barbata, welcher die 
männliche Jugend die Ersthnge des Bartes zu weihen pflegte^), die 
F. Virilis, welche in den Bädern verehrt und als eine Göttin der 
Befruchtung von den Frauen neben der Venus angerufen wurde ^), 
und die F. Sieia, deren Heillgthum sich in der Gegend des Vicus 
Sandaliarius befand*). Einen noch engeren Begriff haben endlich 
solche Fortunen, welche durch die Eigennamen von Personen oder 
von Grundstucken als individuelle Schutzgöttinnen oder als die von 
Corporationen, von Gebäuden u. s. w. bezeichnet werden, in welchen c^ 
Fällen die Identität der Fortuna mit der Tutela d. h, dem weib- s» 
liehen Genius vollends einleuchtet. So wird eine Fortuna TuUiana, 
Torquatiana, Flavia') genannt, desgleichen eine Fortuna Horreorum, 
eine Fortuna Praetoria und die Fortuna Cohortis I Batavorum, eine 
Fortuna Municipii in den Municipialstädten u. s. w. ®). Daher neben 
dem Genius des Kaisers und in gleichem Sinne wie dieser auch 
eine Fortuna Caesaris oder Fortuna Augusta verehrt und bei der- 




1) Liv. XL, 40. 44, XLII, 3. 10, lol. Obseq. 53,. [Vitrav. Hl, 3, 2] vgl. 
Becker Handb. I S. 618. 

») TertoU. ad Nat. ü, 11, Augustio C. D. IV, 11, vgl. oben I, 261, 2. 

>) S. oben I, 449, 2. Inschriften bei Henzen z. Or. n. 5796. 5797 (» C. I. 
L. 2, 2701. 6, 182 und Fronto, anten S. 560] kennen eine eigne Fortuna 
Balnearis, auch Fortunae Balneares, welche pro salute angerufen werden, 
also als Heilgöttinnen des Orts gedacht wurden. Vgl. die Fortunae Salutares 
bei Or. 1767 [Fortunae salutari G. I. L. 6, 201. 202, Fortuna mit Aesculap 
und Hygia das. 7, 164. 8,8782] und Anthol. lat. n. 899 Fausta novum domint 
condens Fortuna lavacrum Invitat fessos huc properare viros, 

«) Plin. H. N. XXXVI, 163, Or. n. 18, Becker S. 561. [Seia gewöhnlich: 
da aber die Inschr. nach Smetins' Abschrift (29, 6 «» Grut. 79, 5) Sieiae 
Fortunae hatte, so wird auch bei Plinius Fortunam quam. Sieiam {si tarn Leid., 
seiani die übrigen) appeüant zu schreiben sein (so Jordan Top. 1, 1, 161 A. 
17). Prellers Vergleichung (im Text) von Seia und Consivia mufste also ge- 
strichen werden. Der Name ist unerklärt.] 

>) [Or. 1769. CLL. 6, 204. 187; eine luvenima das. 189, Pientiana 
Eph. epigr. 4, 261 b. 727, Cancesis G. L L. 6, 185 {Camc^ giebt Duhn zu 
Matz Ant. Bildw. n. 859; Palatin): sämmtlich stadtrömisch. Die anderwärts ' 
ohne Familiennamen häufig vorkommende F. domestica, conservatrix (so nament- 
lich G. I. L. 3 und 7) ist dieselbe; daher auch als Patronin des Geschäfts 
mit Mercur gepaart (G. I. L. 2, 2103. 2407. 8, 2226; auch als F, redux 3, 5938) 
und in Pompeji mit diesem vielfach unter den Penaten (Heibig Wandg. n. 
73 ff.). VgL Silvan.] 

>) Or. n. 1754, 1756, 4881, Mommsen I. N. n. 5163 [G. L L. 6, 188] u. a. 



186 ZEHNTER ABSCHNITT. 

selben geschworen wurde ^), wie die Kaiser selbst ein eignes Bild 
der Fortuna in dem seit August zur kaiserlichen Wohnung geweihten 
Palatium, aber auch auf Reisen bei sich führten, welche Fortuna 
regia oder aurea hiels und wie eine Schutzgöttin des höchsten Ober* 
hauptes von einem Kaiser auf den andern übergingt). 
558 Andre Beinamen characterisiren die Fortuna als wechselnde 
Glucksgöttin, welche unter den yerschiedensten Veranlassungen an- 
gerufen wird und solche Gebete bald erhörend bald nicht erhörend 
die Herrin und Herrscherin über allen guten Ausgang der Dinge 
bleibt. So die F. Respiciens, welche auf dem Palatin und auf 
den Esquilien verehrt wurde, ein häufiger Beiname der günstigen 
Glücksgöttin, wie der Venus ^). Desgleichen . die F. Obsequens 
d. i. die Gnädige, die Gefällige, welche gleichfalls oft erwähnt wird 
und nach welcher ein Vicus der ersten Region benannt war^). 
Ferner eine Fortuna Huiusce Diei oder wie sie in den Kalen- 
dern und auf Inschriften helfst Huiusque Diei d. i. die dem grie- 
chischen Kairos entsprechende Glücksgöttin der günstigen Gelegen- 
heit, welche als solche von einem Tage zum andern neu ist. Es 
scheint einen Tempel von ihr beim Circus Maximus und einen an- 
dern im Marsfelde gegeben zu haben ; einer davon war von Catulus 
in der entscheidenden Schlacht mit den Cimbern gelobt worden, 
wahrscheinlich derselbe welcher wiederholt wegen der in seiner 
Nähe befindlichen Kunstwerke von ausgezeichnetem Werth erwähnt 
wird. Ihr Festtag wurde am 30. Juli mit circensischen Spielen 



^) Dio LIX, 4. 14, Mommsen I. N. n. 2219 ff. [Fortuna Augusta, wie andere 
dei ^ugusU^ als Penaten des Kaiserhauses häufig; besonders Weihangen ao 
dieselbe aus militärischen Kreisen, z. B. C. I. L. 3 und 8. Tempel in Pompeji: 
Füssen Pomp. St. 182 f. Auch F. stahili pro saltUe dominorum 3, 5156 «^ 
vgl. Redax.] 

*) lul. Capitol. Antooin. Pins. 12, Ael. Spartian. Sev. Imp. 22. 23. 

') Plut. d. Fort. Ro. 10, wo zn lesen ist xal iv AtaxvJUaig ^Entatgs- 
ffO(JLivrig* Auf dem Palatin gab es einen eignen Vicns Fortnnae Respicientis 
[capit. Basis]. A^ch Dio XLIl, 26 meint doch wohl diese Fortuna, indem er 
einen „nicht übersetzbaren*' Namen so umschreibt: rpf ix tov navia td i€ iv 
Toig 6(fdülfji6ig xal t6 xfxtoniv xdi iipOQav xtä ixloyC^aS^at XQV'^**^ ^'^'^ 
f^TjSk iniXaV'S-aviad'ai l| otoiv oiog iyivfTo iöqvoavto. [Auch wohl Plautus 
Capt. 835: respiceJ: Fortuna quöd tibi nee fäcit nee fäeiel, me iubes.] 

«) Plut. 1. c, Qu. Ro. 74, Plaut. Asinar. III, 3, 126. Inschriften b. Or. 
n. 1751 [= CLL. 5, 5247], Henzen n. 5789 H !> 1153; dazu 6, 191] und 
Münzen des Antoninus Pius schreiben F. Opsequens. 



FORTUNA. 187 

begangen^). Eben so die F. Viscata, eigentlich die mit Vogelleim 
bestrichene, also dieselbe welche sonst F. Dubia hiefs^), die mit 
eitlen Hoffnungen ködernde und verlockende. Etwas Aehnliches ist 
die im Vicus Longus verehrte F. evelmg, welche gewöhnlich durch 
F. Bonae Spei übersetzt wird®), auch die F. ßrevis d. i. die un- 669 
stete, eine kurze Zeit dauernde, zu welcher den Gegensatz bildet 
die von Horaz Od. III, 29, 53 gepriesene und auf Münzen des Com- 
modus erwähnte F. Manens. So gab es femer eine F. Mala in 
ungesunder (jegend, dahingegen die Bona Fortuna in vielen Dedi- 
cationen gepriesen wird*). Noch wird in Born erwähnt eine F. 
anOTOoniXiog ^ deren lateinischer Name fehlt, und eine F. Mam- 
mosa d. h. die abgelebte mit hängender Brust in der Begion der 
Piscina Publica, wo ein Vicus nach ihr benannt war*), endlich die 
sehr häufig auf Inschriften und Münzen genannte Fortuna Bedux 
d. i. die Göttin der glücklichen Beise und Heimkehr, welcher seit 
der Begierung des August bei längerer Abwesenheit der Kaiser 
Altäre, Tempel und Opfer gestiftet zu werden pflegten. Als Augustus 
nehmlich im J. 19 v. Chr. am 12. October aus Asien nach Bom 
zurückkehrte, wurde dieser Tag ein für allemal zu einem Festtage 
erhoben und ein Altar der F. Bedux gestiftet, dessen Dedication am 
15. Dec. erfolgte*). Daraus wurde hernach eine schuldige Conve- 



*) S. die Kall. z. 30. Juli. Die Basis Capitolioa oeoDt einen Vicas 
Haiasqae Diei in der 10. Region. Vgl. Plat. Mar. 26, Plin. H. N. XXXIV, 
54. 59. [Zumpt zu Cic. Verr. IV § 126.] Cic. de Leg. II, 11, 28 setzt er- 
klärend binza: nam valet in omnes dies. 

^} Es gab einen Viens F. Dabiae anf dem Aventin [capit. Basis]. Vgl. 
Plat. II. cc, Lncilins bei Non. IVfarc. p. 396 Omnia viscatis manibus (d. h. 
mit solchen an denen Alles hängen bleibt) leget, omnia sumet. Seneca ep. 8, 3 
viscata beneßda, Plin. ep. 9, 30 viscatis hamatisque munerihus. 

<) Plat. Fort. Ro. 10, Qa. R. 74, vgl. Becker S. 580 und die Tempel der 
Spes and Fortana, rgl. m. Regionen S. 13. 139 [Jordan Top. 2, 23. 37 
vgl. unten S. 617]. 

«) Mala Gio. N. D. III, 25 n. A. b. Becker S. 82 [Plant. Rad. 501]; Bona 
Or. n. 1743. 1744 [=» C. I. L. 8, 1009], Fortunae Bonae Domestieaej Benzen 
n. 5787 Bona Fortuna Domina Regina. Feneri genetriei, Fortunae bonae, 
Ballet. delP Inst. 1858, p. 96. [Vgl. G. I. L. 6, 183. 184 und das pervetus 
signmm^ lignettm Bonae Fortunae im Sacrarinm des Mameftiners G. Heios. Cic. 
Verr. IV, 3, 7, doch wohi keine grteehiMhe 'Aya&rj Tvxri (s. Hxilm.)] 

^) S. meine Rfigienen S. 20 ü. 196 nnd itber die Bedetitang des Adj. mam- 
mos« M. Hertz Viudie. Gellianaff Gi^fsw. 1858 p. 7. 

^) Kai. Amitern. z. 12. Oct. a. 16. Dec., auf welclrea Tag dieser Kaien- 



188 ZEHNTER ABSCHNITT. 

nienz z. B. bei der pomphaften Rückkehr DomitiaDS aus Germanien, 
wo man sogar einen eignen T. der F. Redux im Marsfelde decre- 
tirte, während andre Altäre der Art in andern Gegenden der Stadt 
gelegen haben werden, wie jedesmal die Rückkehr des Kaisers durch 
diese oder jene Vorstadt erfolgte. Auch fehlte'' es nicht an Nach- 
ahmung in andern Städten, entweder mit Beziehung auf den Kaiser 
und andre hohe Personen, oder um überhaupt den Heimkehrenden 
Gelegenheit zu geben, gleich am Thore der Vorsehung ihren Dank 
auszudrücken^). So wird hin und wieder auch eine F. Dux als 
Geleitsgöttin erwähnt. Noch andre Namen haben sich aus verschie- 
denen Gegenden durch Inschriften erhalten, welche meist den Schutz 
der Fortuna entweder daheim oder im Felde anrufen^), bis endlich 
660 Trajan der Fortuna als allgemeiner Weltmacht einen eignen Tempel 
stiftete, in welchem am Neujahrstage geopfert wurde®). Es ist die- 
selbe Göttin, von welcher Plinius sagt dafs sie vor allen übrigen 
Göttern angerufen, gescholten und gelobt werde, wie bei Lucian in 
der Götterversammlung Momus sich beklagt dafs Niemand mehr den 
Göttern opfern wolle, weil ja doch eigentlich nur Fortuna regiere. 
In der bildlichen Darstellung waren ihre gewöhnliche Attribute das 



der die Dedication verlegt, wahrend das Kai. CumaDum den 15. Dec. nenot. 
Vgl. KeUermaDo b. 0. Jahn Spec. epigr. p. 15. 

1) Martial VIII, 65, vgl. die Inschriften b. Or. n. 332. 922. 1760. 1762 
[= C. I. L. 3, 1422 F. reduei, Lari mah, Romae aetemae vgl. die Verbin- 
dung von Genius loci, F. redux, Roma aetema, Faium bonum 7, 370]. 1764. 
3096 f. [= C. I. L. 6, 196—200, die grofsen Denkmäler aas der Zeit Vespa- 
sians gefanden auf dem Forum Romanum] 4083, Henzen n. 5791, Mommsen I. 
N. n. 6756, 6879. F. Dux auf Münzen des Gommodus und b. Mommsen n. 4831. 

') Or. n. 1736 Deae Fortunae Tutelae. 1737 Fortunae ^diutrici et Tu- 
telae. 1745 [C. I. L. 6, 178. 179], Henzen n. 5788 F. Conservatrici [und öfters 
C. I. L. 3, vgl. oben S. 185, 5]. Or. 1748 Genio loci et F. Magnae. [G. I. L. 6, 
190 F. Memon\ 1753 F. Opiferae. Henzen 5792. 93 F. Supera. 5795 F. Fictrix 
cum simulacris Fictoriarum, Mommsen I. N. 4311 F. Sanctae. [Die von 
Preller hier noch aus Nibby Anal. 2, 649 angezogene F. Tranquilla (mit 
'Portumnus') gehört in die Reihe der von Orell. 1586 verurtheilten Ligo- 
rianischen Fälschungen.] 

') lo. Lyd. d. Mens. IV, 7, welcher sie rriv navTfov T^XV^ nennt. Plin. 
H. N. n, 22 Toto quippe mundo et omnibus locis omnibusque horis omnmm 
vocibus Fortuna sola invocatur ac nominatur, una aceusatuTy una agitur rea^ 
una cogitatur, sola laudatur, sola arguiJtur et cum eonviciis coläur, volubiUs 
ü plerisque, a plerisque vero et caeea existimatay vaga, inconstans, incerta, 
varia indignorumque fautrix. 



FORTUNA. 189 

Füllhorn als Inbegriff aller guten Gaben und das Steuerruder als 
Symbol ihrer unsichtbaren Lenkung aller Dinge, während das Fluch- 
tige und Veränderliche ihres Wesens durch einen Aufsatz von Federn 
auf ihrem Kopfe, die rollende Kugel unter ihren FuTsen und ein 
hinzugefugtes Rad ausgedruckt wurde ^). Andre Bilder heben andre 
Eigenschaften hervor, bis zulet^ auch sie zur pantheistischen Heil- 
und Segensgöttin geworden ist.NtjC 

Unter den Gülten der Fortuiwh aufserhalb Roms wissen wir von 
dem der Nortia in Vulsinii nur so viel, dais in ihrem Tempel die 
Jahresnägel eingeschlagen wurden, wie in Rom in dem des Gapito- 
linischen Jupiter^). Mehr ist bekannt von der Fortuna Primi- sei 
genia zu Präneste, einer Natur- und Schicksalsgöttin von allge- 
meiner Bedeutung, welche für die Mutter des Jupiter und der Juno 
galt und ihren Willen durch Loose offenbarte, die in dem Felsen, 
auf welchem der Tempel stand, durch ein Wunder zu Tage gekommen 
waren. Numerius Suffucius, ein edler Pränestiner, war durch viele, 
zuletzt drohende Trauroerscheinungen angetrieben worden auf einer 
gewissen Stelle in diesem Felsen nachzugraben. Als er dieses end- 
lich trotz des Spottes seiner Mitbürger that, fanden sich jene Loose 
d. h. Stäbe von Eichenholz, in welche alterthümliche Buchstaben 



^) Das Füllhorn und das Steuer erwähnen Petron. 29, Plat. d. Fort. Ro. 
4, Aroob. VI, 25, Lactant. III, 29, 7, die übrigen Attribute Fronte erat. p. 
125 ed. JNieb. [p. 157 Nab.] Omnis ibi Fortunas, Antiates^ Praenestinas , Re- 
gpicientesy balnearum etiam Fortunas omnes, cum pennis {phenis die Hs.], cum 
rotü, cum ffubernaculo reperias, Cic. Pia. 10, 22 Fortunae rotam pertimescere 
[vgl. Tac. dial. 23]. Ovid ex Ponte II, 3, 56 Dea in orbe stans. Pacuvins 
b. Ribbeck trag. lat p. 104 Fortunam insanam esse et caeeam et brutam per- 
hibent philosophi saxoque mstare in ghboso praedicant volübili. Vgl. Grinun 
D. M. 825 ff. Aufser den Münzbildern sind viele Bronzen erhalten, unter den 
pompeianiscben Alterthümern und sonst, s. Monum. d. Inst. 1840 T. XVI. 
XVII. [Ebenso Wandbilder, z. B. Heibig n. 73 ff. Manches Zweifelhafte, wie 
die sitzende Göttin mit Füllhorn auf dem lateran. Altar n. 216. Ahnlich 
Matz-Dnhn Ant. Bildw. 895. Rad: Dütschke A. B. in Oberit. 4, 20 zu n. 26.) 
Eine pantheistische Fortuna omnium^ gentium et deorum im Bullet. Arch. Nap. 
1855 t. Vn, 1 p. 182. Mehr b. 0. Müller Handb. d. Arch..§ 398 und Wieseler 
D. A. K. II t. 73. 

») S. oben I, 258, luvenal. S. X, 74 Schol. [vgl. Philol. 16, 443], TertuU. 
ad Nat. II, 8, Apolog. 24. Einen T. dier Salus oder Fortuna in dem etros- 
kiscben Ferentinum erwähnt Tacit. Ann. XV, 53. [Mach Bergk im Philol. 16, 
443 ist Nortia = Nevortia, uiiQonog, nach Corssen Spr. d. Etr. 2, 14 f., vgl. 
1, 608 ^> Gnor-tia, Kennerin: beides schwebt in der Luft, da das Wort 
wie der Kult wohl sicher nationaletnukisch ist. Vgl. Müller Etr. 2\ 52 f.] 



190 ZEHNTER ABSCHNITT. 

eingegraben waren; man zeigte die wunderbare Stelle später in dem 
Fortunentempel, dicht bei dem sitzenden Bilde der Fortuna mit den 
beiden göttlichen Säuglingen in ihrem Schoofse. Ein zweites Wunder 
liefs zu derselben Zeit auf demselben Felsen Honig aus einem Oel- 
bäum fliefsen, nach dem Ausspruche der Seher ein göttliches Zeug- 
nifs für die untrügliche Wahrhaftigkeit jener Loose ; daher man aus 
dem Holze dieses Oelbaums eine Lade machte und sie in derselben 
yerwahrte. Wenn man sie zu befragen wünschte, mufste man sich 
mit C^bet und Opfer an die Göttin des Tempels wenden, worauf 
ein Knabe jene Loose zuerst mischte und dann eines zog^). Der 
stehende Beiname dieser Göttin Primigenia, wie sie namentlich auch 
in den an Ort und Stelle gefundenen Dedicationen heifst, bedeutet 
die Erstgeborne und Allerzeugende ^), denn die höchsten Götter des 
Himmels und der Erde, Jupiter und Juno, galten hier für ihre 
Kinder und safsen als solche in ihrem Schoofse, dem Schoofse der 
säugenden Mutter, welche als solche von allen Müttern mit der 
gröfsten Andacht verehrt wurde*). Beide Götter wurden aber auch 

^) Cic. de Divio. II, 41, 85 vgl. I, 18, 34. Sors io Gestalt eines Koabeo 
mit einer Lade auf den M. des M. Plaetorins Gestianas b. Riccio t. 36, 2. 
lieber die Weissagung per sortes s. Marqnardt Handb. IV, 103 ff. [Verwaltung 

3, 92 f. Auch an andern Orten Italiens war das Orakel durch Sortes üblich: 
das Prodigium sortes attenuatas wird aus Caeere und Falerii gemeldet (Liv. 
XXI, 62. XXn, ], 11) und Tiberins befragt, sorte trada, das oraculum Gery- 
onis iuxta Patavium, Doch sind die Spuren eines Fortanendienstes auch 
dort nachweisbar und in dieser Gegend eine Anzahl bronzener, mit Ringen 
zum Aufreihen versehener Täf eichen gefunden (früher fälschlich sortes Prae- 
nestinae genannt), auf denen in schlechten Hexametern die Zukunft prophe- 
zeit wird, z. B. laetus lübens petüo: dabitur, gaudebis semper, oder deincerto 
certa ne fiant st sapis caveM, S. Alommsen CLL. 1 p. 267 ff., Ritschi Dp. 

4, 395 ff, Düntzer Philol. 20, 368 f., Bücheier Jahrb. f. Phil. 87, 773 ff. — 
Ein sortüegus Fortunae Primigeniae von Präaeste Or. 2303, ein sortüegus 
ah Fenere Erycina das. 2304 »= C. I. L. 6, 2274; aber offenbar trieben auch 
privatim sortüegi (oder wie es in der Volkssprache heifst sortilogi: Jordan 
Ind. lect. aest. Königsb. 1882 S. 19 f.) vielfach ihr Wesen. Ein sortOogus 
in Pompeji Notizie d. scavi 1880, 185, eine sortüoea (1. sortüoga) im castel- 
Inm Arsacalitannm C. I. L. 8, 6181 vgl. Porph. z. Hör. S. I, 114.] 

') Or. n. 1756 ff. [Fortunae primigeniae ausgeschrieben: CLL. 1, 1133 
Or. 1757. 1758, abgekürzt F. P, CLL. 1, 1129. 1132 Or. 1759; F, Prae- 
nestinae Or. 1756 (s. oben I, 429).] 

') Cic. 1. c. Is est hodie locus saeptus religiöse propter lovis Pueri, qui 
lactens cum Tunone Fortunae in gremio sedens, mammam appeiens, castissime 
colitur a Matribus d. h. von den mit Kindern gesegneten Matronen. Das Bild 
der Fortuna war stark vergoldet, s. Piin. H. N. XXXIII, 61 crassissimae ex 



FORTUNA. 191 

sonst in diesem Culte neben ihr verehrt, Jupiter als Puer und zwar 
mit besondrer Beziehung auf die Loose, Juno in einer eignen Ab- 
theilung des Tempels und in einem eignen Monate^). Der heiligste 568 
Festtag war der 11. April, wo der Fortuna Primigenia und dem 
lupiter Puer von den Ortsbehörden geopfert und zugleich ein Tag 
bestimmt wurde, wo das Orakel Alien zugänglich sein sollte'). Das 
Alterthum dieses Gottesdienstes . und Orakels war gewüjs ein sehr 
hohes, doch dauerte es geraume Zeit ehe das letztere auch bei den 
Römern, welche unter allen Latinern die Pränestiner am längsten 
zu fürchten hatten, öffentliche Anerkennung fand. Noch im ersten 
punischen Kriege wurde ein römisdier Consul, welcher sich nach 
Präneste begeben hatte um dort die Loose der Fortuna vor seinem 
Auszuge selbst zu befragen, durch eilende Boten des Senats und 
Bedrohung mit Lebensstrafe daran verhindert^). Im Hannibalischen 
Kriege dagegen, wo die Pränestiner sich nach der Schlacht bei 
Cannae durch ihre tapfre Yertheidigung von Casilinum sehr ver- 



iis (bratteis) Praenegtincie vocantur, etiatnnum retinente nomen Fortunae inau- 
rato fideUssime ibi simulacro [woraus Pr. irrig auf einen Beinamen der Göttin 
aurea schlofs]. 

^) Des Monates gedenkt Ovid F. VI, 62, eine eigne Abtheilung des Tempels, 
welche das lunonarium hiefs, ist neuerdings durch eine merkwürdige, im 
Bezirk des alten Heiligthnms gefundene Inschrift bekannt geworden : L, Sario- 
lentis Naevius Feutus consularü ut Triviam, in lunonario, vi in pronao aedis 
ttatucmi j4ntomm August, (wahrscheinlich des Caracalla), Apottinis, Isi^ 
Tyehes, Spei, ita et hone Minervam Fortunae Primigeniae dono dedit cum ara: 
wo also alle diese Bilder von demselben Mann in denselben T. geweiht wurden, 
s. Monum. d. Inst. 1855 p. 85. Früher war Jupiter auch als Imperator in 
Präneste verehrt worden, s. oben I, 206. 

>) Verr. Place. Fast. Praenest. III Id. April. [Mommsen G. I. L. 1 p. 410] : 
sacrificiVM MAXIMum; FORTVNAE PRIMIGeniae, VTRO EORVM DIB ORA- 
CLVM PATET. IIVIRI VITVLVM I. Diese Dunmvirn werden auch pr. Non. 
Mart. bei einem Opfer zu Ehren des August erwähnt. Das Kalb galt jeden- 
falls dem lup. Puer. Als orakelnder Gott heilst dieser Jupiter in Inschriften 
lop. arkanus, s. Anthol. lat. n. 622, 16, wo neben ihm und der Fortuna auch 
Apollo als Gott aller Weissagung verehrt wird, vgl. Or. n. 2391. 3045. Wie 
die „Präoestinischen Schwestern^' b. Stat. Silv. I, 3, 79 sieh zu diesem Ora- 
kel verhalten, ist nieht klar. Vgl. Paul. p. 368 Tenitae credebantur esse sw- 
Uum deae dictäe quod tenendi haberent potestatem, 

*) [Nepot. Auszug aus] Val. Max. I, 3 [Luiatium Cereonem — fama extitit 
velle ad Praenestinam Fortunam sortes ndttere sive coüigere, hoc cognito 
senatus inhibuU extraria responsa u. s. w. , Paris Lutatius — profäbitus est 
sortes Fortunae Praenestinae adire. Die Versuche den ersteren zu verbessern 
{sortes adire ut ipse consideret Pr.) sind verschwendet]. 



192 ZEHNTER ABSCHNITT. 

dient machten^), scheint auch ihre Fortuna allgemeines Vertrauen 
568 erworben zu haben, daher fortan sowohl die obersten Staatsbehörden 
als selbst fremde Könige .in ihrem Tempel zu Präneste opferten und 
dort wie auf dem römischen Capitole für das Wohl des römischen 
Volks beteten. Darauf wurde Präneste und wahrscheinlich auch 
sein Fortunatempel im Kriege zwischen Marius und Sulla von der 
Hand des letzteren sehr schwer getroffen, dann aber wieder aufge- 
richtet, da er die verwüstete Stadt neu bevölkerte und auch jenen 
Tempel verschönerte'), wahrscheinlich sogar von neuem aufbaute, 
so dafs er sich seitdem auf mächtigen Substructionen über die ganze 
Höhe zog und die Stadt in die darunter gelegene Fläche hinab- ' 
drückte. Dieses neue Präneste wurde wegen seiner schönen und 
gesunden Lage immer viel besucht, auch von den Kaisern, unter 
denen sich Fortuna und ihre Loose in ungeschwächtem Ansehn be- 
haupteten^). Endlich hatte auch die alte Hafenstadt Antium an 
der latinischen Küste eine berühmte Fortuna, welche der pränestir 
nischen manchen Abbruch gethan haben mag. Horaz hat sie in dem 
schönen Gedichte Od. I, 35 verherrlicht, auf Veranlassung einer 
kriegerischen Unternehmung des August, bei welcher diese Göttin 
und ihr Orakel wahrscheinlich consultirt wurde. Auch sie galt für 



^) Liv. XXIII, 19. Der damalige Prätor der Pra'nestioer M. Anicios hatte 
das Andenken an diese Waffenthat in mehr als einem Monumente verewigt: 
Statua eius indicio fuit Prcieneste in foro statuta, loricata, amicta toga, cum 
titüLo lamnae aeneae irucripto, M. Ardeium pro milüibus qui Casüini in prae- 
sidio fuerint votum vovisse, Idetn titulus trünis ngnis in aede Fortunae p(h- 
säls ßiü subiectus. Die tria signa sind Fortuna mit Jupiter und Juno als 
herkömmliche Gruppe auch bei Votivbildern. Bald darauf, im J. 204 v. Chr. 
weihte P. Sempronius Tuditanus einen T. der F. Primigenia zu Rom, welcher 
auf dem Quirinale lag s. Liv. XXIX, 36, 8, XXXIV, 53, 5, daher die Sem- 
pronier mit dem Bilde der Fortuna münzten. 

8) Fun. H. JN. XXXVI, 189, vgl. Strabo V, 3 p. 238, Bormann Altlat. 
Chor. S. 207. [Die früheren Ansichten über die grofse Ausdehnung des For- 
tanenheiligthnms will Marucchi Bull, dell' ist. 1881, 248 fiP. beseitigen: doch ist 
die topographische Untersuchung erst im Entstehen begriffen.] 

8) Sueton Octav. 72. 82, Tib. 63, Domitian 15, Gell. N. A. XVI, 13, 
Lamprid. Alex. Sev. 4. [Daher die leider unvollständig gelesene Widmung 
Fortunae \ Praenestin[ae] \ u4ug{ustorum) n{ostrorum) ... C. I. L. 3, 1421 (Sar- 
mizegethusa). — lieber die fälschlich 'SortesPraenestinae' genannten Paduaner 
Sortes oben S. 190, 1. Die ebenfalls fälschlich 'cistae mysticae' genannten haupt- 
sächlich in Präneste gefundenen Bronzegeräthe, die Pr. erwähnte, gehören 
nicht hierher: es sind Toilettennecessaires vornehmer Damen. Vgl. Jordaa 
Krit. Beiträge S. 13 ff.] 



FORTUNA. 193 

eine allgemeine Schicksals- und Heilgöttin, welche über Leben und 
Tod, zu Lande und zu Wasser gebiete und als Schutzgöttin von 
Rom und Latium in weiten Kreisen gefurchtet werde. Horaz bittet 
sie die bestehende Ordnung der Dinge zu wahren und schildert sie 664 
wie immer die herbe Nothwendigkeit ihr voranschreite , Klammern 
und Keile und geschmolzenes Blei in der Hand führend, während 
die Hoffnung und die Treue an ihrer Seite gehn. Eigentlich waren 
es zwei Fortunen, welche in diesem Gottesdienste verehrt wurden, 
daher gewöhnlich im Plural von ihnen die Rede ist; und zwar 
wurden sie als Schwestern gedacht, die eine, wie die Münzen der 
gens Rustia lehren, kriegerisch und bewehrt, die andere matronal ^). 
Es scheint dafs jene den Beinamen der Fortuna Equestris föhrtCf 
diese den der F. Felix im Sinne der fruchtbaren und befruchtenden^). 
Orakel ertheilten sie durch Bewegung der Bilder, indem dieselben 
auf einer Bahre getragen wurden, eine Art der Weissagung welche 
sich auch in Aegypten, Syrien und Karthago nachweisen läfst. 

Anhangsweise mag hier auch von den Parcen und von andern 
Mächten des Schicksals die Rede sein. Die Parcae sind eigentlich 
Göttinnen der Geburt wie die Carmentes, denn das Wort hängt zu- 
sammen mit partus. Ursprunglich hiefsen sie Parca von der Geburt 
überhaupt und Nona und Decuma von den beiden entscheidenden 
Monaten der Geburt, doch scheint man später, um sie den griechi- 
schen Mören zu assimiliren, die Parca weggelassen und zur Nona 
und Decuma eine Morta als Todesgöttin hinzugefügt zu haben ^), so 
dals sie fortan wie jene das individuelle Lebensschicksal in der Stunde 
der Geburt und des Todes entschieden. Das sind die drei spinnen- 
den Schwestern, deren Erscheinung und Thätigkeit von den römi- 
schen Dichtern und Bildwerken bis auf einige Nebenumstände ganz 
nach dem Vorbilde der griechischen Mythologie ausgeführt wird^). 



>) Riecio t. 41, 2, Wieseler D. A. K. II t. 73, 937—939. [Vgl. Mommsen 
M. 618 A. 447.] Vgl. Saeton Cal. 57, Martial. V, 1, 3, wo sie veridieae so- 
rores heifseD, Or. ■. 1738. 1740. 

') Tacit. Ana. III, 71. Fortunae Felici auf einer Inschrift ans Antinm 
b. Fabretti p. 632. Ueber das Orakel s. Macrob. I, 23, 13. 

>) Varro b. Gell. N. A. III, 16, Tertnll. d. An. 36. 

«) Catnll. 64, 306 ff., vgl. Klausen Zeitschr. f. A. W. 1840 n. 27>-30. 
Auch den Etmskern waren die Namen und Bilder der griechischen Mören ge- 
läufig, nur daf« sie sie mit den ihrer Vorstellung geläufigeren Attributen aus- 
statteten, s. oben S. I, 259. [K. Walter, Zs. f. vg. Spr. W. 12, 378 stellt 
Parca zu pledo flechten: vgl. Curtius Et.> S. 166. Steine äufserst selten: 
Preller» Rom. HythoL IL 3. Aufl. 13 



194 ZEH.NTER ABSCHNITT. 

Daneben ist viel die Rede vom fatum und den fatis [richtiger 
Fati, Fatae, s. unten]. Jenes ist eigentlich das gesprochene Wort, 
der ausgesprochene Wille des Jupiter als höchsten Weitregierers, aber 
auch der andern Götter, so dafs also dieser Begriff ganz der griechi- 
665 sehen Atda oder Jioq Alaa entspricht^). Dagegen kommt der 
Plural in der doppelten Bedeutung vor sowohl der particulären Schick- 
sale von Menschen, Städten u. s. w. und des darüber durch den 
Mund von Propheten, Sibyllen u. s. w. verlauteten Götterwülens^) 
und in der sehr eigenthumlichen Uebertragung auf weissagende 
Frauen, welche, alt zu sein scheint und sehr an die Fatui oder Fatuae 
d. h. an die Weissagung der Fauna (I, 382 ) erinnert. So in dem 
alterthumlichen und volksthumlicheu Ausdruck Fata Scribunda 
für die singende Geburtsgöttin ') und in dem seit dem Augusteischen 
Zeitalter auch in der Litteratur immer weiter um sich greifenden 
Gebrauch des Wortes Fata für die Parcen, während in der Volks- 
sprache daraus zuletzt der Name und Begriff der Feen entstanden 
ist*^). Daher die Tria Fata auf dem römischen Forum der spateren 

Sum {mono?) (Paiicü) C. 1. L. 3, 4443, Parcahm et Bonae Deae 5, S242 (Aqai- 
leja!); allein 3, 5795. 1, 928 (matribus P. Das. 418. 927); auch P. AugtuHs 
5, 3280 ff. (Verona).] 

») Serv. V. A. X, 628 lovis vox fatum est. Ib. XIl, 808 Inno sdens fa- 
tum esse quidquid dixerit lupiter, Isidor Orig. VI 11, 11, 90 fatum dicunt 
quidquid dii fantur, quidquid lupüer faJtur. 

*) Daher fata lovis, fata lanonis, aber auch fata Troiae, fata Popnli Ro- 
mani, fata mea u. s. w. Speciell wird auch hier immer an den Tod gedacht, 
daher fato t'angi, dies fatalis, fatifer ensis u. dgl. Aber auch die weissagen- 
den Sprüche sind fata, daher libri fatales, fata Sibyllina, fata Pytbiae, vgl. 
Ennius ed. Vahlen p. 7 doctusque AnchiMü^ Fenut quem pulcherrima dwum 
fata docet fari^ dminum ut pectus haberet, d. h. Venus hatte ihm die Gabe der 
Weissagung verliehn. 

') Tertullian de An. 39, vgl. Augnstin C. D. IV, 11 m deabus üUs, quae 
fata ncuceniibut canunt et vocantur Carmenteg. [Natürlich ist Fata Scribunda 
weiblich, wie Diva Deferunda, Commolenda u. a. (oben S. 70, 3). Corssen will 
sie in der etrnskischen Lasa wiedererkennen, Spr. d. fitr. 1, 564 f.] 

*) Propert. IV (V), 7, 51 luro ego Fatorum nulli revidubile Carmen. Stat. 
Silv. V, 1, 259 ubi supplice dextra pro te Fata rogat, Theb. VIII, 26 Fata 
ferunt animas et eodem poUice damnant. Vgl. Gell. N. A. 111, 1 6, 9, Fnlgeot. 
Mythol. I, 7, die Fata Victricia hei Eckhel D. JN. VIII p. 6 and die Inschriften 
ans sehr verschiedenen Gegenden bei Or. n. 1771 ff. Dativ Fatabas b. Benzen 
n. 5799. In der Volkssprache sagte man Fatus meus: Petron. 42. 77. Ueber 
den romanischen Sprachgebrauch Grimm D. M. 382. [Volkssprache und Kultus 
scheinen nur geschlechtig differenzierte Fati, Fatae gekannt zu haben: die 
Personification des Neutrums entspringt aus der griechischen Philosophie und 



FATUM UND FATA. 195 

Kaiserzeit und eine Strafse in tribus fatis, wobei vielleicht auf die 
drei Sibyllen in der Nähe der Rostra (I, 306, 2) zurückzugehen ist. 
Die griechische Nemesis wurde unter diesem Namen höchst wahr- 
scheinlich aus Angst vor dem Beschreien und dem Zauber des bösen 
Blicks u. a. von den Triumphirenden verehrt (I, 230). Man pflegte 
nehmlich diese Göttin auch sonst in demselben Sinne anzurufen und 
dabei den Ringfinger der rechten Hand erst mit dem Munde nafs 
zu machen, dann hinter das rechte Ohr zu legen, weil der Speichel 
und das Ausspucken für ein Mittel gegen den Zauber galt, die Stelle 
hinter dem rechten Ohre aber in eine besondere Beziehung zur Ne- 566 
mesis gesetzt wurde ^). 

2. Der Cultus der Genien, 

Da von dem Wesen und den verschiedenen Arten der Genien 
bereits die Rede gewesen ist"), so bedarf es hier blos eines Nach- 



beherrscht die philosophireode Dichtung. Fatis Fata[bus] weiht der Baaer 
vom Gardasee noch im J. 200 p. C. sein tegurium (d. h. tugurium^ bäurisch 
=: dediculä) C. I. L. 5, 5005 (oben I, 422 A. 2), ein anderer irgend Etwas 
Fatis mascuUs — ex voto (das. 5002). Drei weibliche Büsten bezw. ver- 
schleierte stehende Frauen zeigen dafs C. I. L. 2, 3727. 3, 4151 die Fatae, d. h. 
Moeren, zu verstdiiensind; cui(quae überl.) Faie concessenmt 2, 89, wo Hühner 
an ital. ' le fate ' erinnert. Daher kein Grund mit dems. (Bd. 7 p. 330) in der 
I. 7, 370 Genio lod, Fortun(ae) reduciy Romae aetemae et Foto bono an Fatum 
(sUtt an Fatus) zu denken; auch Fatis 5, 705. 8217 Fatis Dervonihus 5, 4208 
divinis et Barbarie{ianist) 775 und . . . Fatoru[m\ ... 5, 4296 müssen danach 
wohl als geschlechtig aufgefafst werden. — ^icht entscheidend dagegen ist der 
im Text erwähnte späte Ausdruck ra XQia (päta (so Prok. Goth. I, 25: in 
tribus Fatis heifst die Kirche S. Adrian o).] 

>) Plin. H. N. XI, 251 (quae dea Latinum nomen ne in Capäolio quidem 
invenit), XXVIII, 22 (cuius ob id Romae simulacrum in Capitolio Romae est). 
Auch in Capua und Venafrum wurde Nemesis angebetet, s. Mommsen I. N. n. 
3584. 4605. [Aus der Inschrift Nemesi sive Fortunae CLL. 3, 1125 und 
dem Datum der Wiederherstellung eines templum Nemesis zu Aquiacum in 
INieder-Pannonien Eph. epigr. 4, 127 n. 431, 24 Juni 214, dem Tage der Fors 
fortana (oben S. 180), schliefst Mommsen z. d. St. auf die Identität dieser beiden 
Göttinnen.] 

') [Oben I, 75. Das unermefsliche inschrifUiche Material bedarf neuer 
monographischer Behandlung. Einstweilen vgL Jordan Annali 1872, 19 ff. Die 
starke Ausdehnung des Geniencultns in der Kaiserzeit ist nicht, wie Eyssen- 
hardt (Römisch und Romanisch B. 1882 S. 106 f.) meint, ein Zeichen des Unter- 
gangs der alten Religion. Er ruht vielmehr mit wenigen Ausnahmen noch 
ganz auf der Grundlage des strengen altitalischen Glaubens an die Verkörpe- 
rong des göttlichen Waltens in unzähligen göttlichen Individualitäten. Die 

13* 



196 ZEHPITER ABSCHNITT. 

trags aber ihre Verehrung im häuslichen und öffentlichen Leben. 
Im Hause waltete der Genius theils als der befruchtende Schutzgeist 
der Ehe, durch welche die Familie fortdauert, theils als individueller 
Schutzgeist der einzelnen Familienmitglieder. Die geheiligte Stätte 
von jenem ist das Ehebett (lectus genialis) der Hausflur, früher wohl 
das wirkliche Ehebett von Vater und Mutter, später wie es scheint 
nur ein symbolisches, welches bei Vermählungen dem Genius oder 
den Genien geweiht wurde ^). Denn gewöhnlich wurden in solchen 
Häusern, wo es Mann und Frau gab, zwei Genien verehrt, eigent- 
lich ein Genius und eine Juno. Die gewöhnliche bildliche Dar- 
stellung dieser dämonischen Wesen war hier wie überhaupt die 
Schlange (serpens draco), die mau deshalb gerne bei sich in den 
Häusern und in den Schla&immern hielt, in Rom ein so gewöhn- 
licher Gebrauch, daüs Plinius sagt, die Schlangenbrut würde, wenn 
ihr nicht die Feuersbrünste Einhalt thäten, den Menschen über den 
Kopf wachsen ^). Daher die Erzählung von der übernatürlichen Ab- 
kunft des Scipio (oben I, 236). Die Ehe seiner Eltern sei lange un- 
fruchtbar gewesen, so daüs der Vater schon die Hoffnung auf Nach- 
kommenschaft aufgegeben hatte, bis man einmal, als der Vater gerade 
verreist gewesen, im Schlafgemache bei der schlafenden Mutter eine 
grolse Schlange habe liegen sehn ^). Aehnlich wurde von dem Vater 
567 der Gracchen erzählt, dafs er einst auf seinem Ehebette ein Schlangen- 

auffalleBde Erscheioiin^ der Vervielfältigung derselben erklärt sich einftieh 
aus der Vervielfalti^Bg der Steindenkmäler jeder Art. Es ist derselbe Prozefs 
der zahlreiche lacella im älteren Sinne in aediculae oder aedes verwandelt hat.} 

^) Paul. p. 94 genialis lectus qui nuptüs sternUur in honorem Genü, 
Arnob. II, 67 cum in matrimonia convenüisy ioga sternitis lectulos (vgl. Varro 
b. Non. Marc. p. 541 toga) et maritorum genios advocatis. Censorin d. d. n. 
3, 3 NonnulH binos gemos in his duntaxat domibus, quae essent moHtae eo^ 
lendos putoüerunt. Vgl. oben 1, 78 f. 

*) Plin. H. JN. XXIX, 72, vgl. die Geschichte vom Kaiser Tiberiua bei 
Sueton 72 und die vom Tode des Plotin b. Porphyr, v. Plot 2, ferner Seneca 
de Ira II, 31, 6, Martial. VII, 87, 7, Lucian Alex. 7, Philostr. Her. VIII, 1 
p. 706. Auch die Schätze behütenden dracones kannte der römische und 
griechische Volksglaube, Paul. p. 67. [Am belehrendsten sind die zahlreichen 
Darstellungen der Schlangen in Pompeji: wo sie paarweise dargestellt sind 
(keineswegs immer, wie hei dem Genius Annali 1872 tav. d'agg. B), pflegen 
sie als männlich und weiblich (jene durch Ramm) charakterisirt zu werden. 
Heibig Wandg. n. 30.] 

«) Liv. XXVI, 19, Gellius N A. VI, 1. Vgl. die verwandte Erzählung 
von der übernatürlichen Zeugung des August durch eine Schlange im T. des 
Apoll d. h. durch den Genius dieses Gottes h. Sueton Octav. 94, Dio XLV, 1. 



DER GÜLTUS DER GENIEN. 197 

paar gesehen und deshalb die Haruspices befragt habe. Diese riethen 
ihm eine von beiden zu tödten, die andre zu entlassen, mit dem Be- 
merken dafs der Tod des Männchens seinen Tod, der des Weib- 
chens den seiner Gattin, der edlen Cornelia, der Tochter jenes Scipio, 
zur Folge haben werde: worauf Tiberius aus Liebe zu seiner Frau 
und weil sie die jüngere war die weibliche Schlange entschlüpfen 
läfst und bald darauf wirklich stirbt^). In diesen Fällen also ist 
der Genius das schöpferische Princip der Familie; in andern identi- 
ficirt er sich völlig mit den einzelnen Personen als Genius mens, 
tuus u. s. w. oder Inno mea, tua, welcher in der Familie als Genius 
natalis gefeiert wird'). Der Geburtstag ist der natürliche Festtag 
dieses unsichtbaren Wesens, denn er ist zugleich der angebome 
Schutzgeist des einzelnen Menschen und die CausaUtät seines Lebens; 
daher man bei der Geburtstagsfeier den Gebrauch beobachtete dem 
Genius nur unblutige Gaben darzubringen, Weihrauch, Wein, Kränze, 
Opferkuchen u. dgl., keine blutigen, weil an einem Tage, der dem 
Opfernden selbst oder einer geliebten Person das Leben gegeben, 
keinem Geschöpfe das Leben genommen werden dürfe ^). Immer 



^) Cic. de Divio. I, IS, 36, Plat. Ti. Gracb. 1. Dem D. Laelius erschienea 
ZQ Rom in lecto uxoris duo angues in diver mm eiapsi, worauf er bald darauf 
im Sertorianiscben Kriege starb, lul. Obseq. 58. 

') [Es läfst sieb jetzt, naraeotlicb an der Hand der pompejaniscben Wand- 
bilder, zeigen (Jordan a. 0. S. 30 ff.), dafs im Hause an erster Stelle der 
geniut des lebenden Hausberrn (daher dieser porträthaft dargestellt), neben 
ibm regelmäfsig die Laren des Hauses verebrt wurden. Daher habeas pro- 
püeos deo9 iuos tres (C. I. L. 4, 1679 vgl. Petron. S. 60)? Daber in Pompeji 
die Widmung der Hauscapelle g^enio M{arci) n[ostri) et Laribus duo Diadumeni 
liberti (a. 0. S. 30 Heibig S. 18), vgl. genio domim (gewidmet von Liberten) 
C. I. L. 5, 1868, PhoehuM ser{vus) genio ipsius d. d, (d. b. des Herrn, scbwer* 
lieb eines Kaisers, wie erklärt wird), genium Clodi ßomani Hermes ser(vus) 
fecit (also unter eine Statuette), genio SimiUs famüia das. 6, 257 — 259 u. a. m. 
Genau entspricbt diesem Hausknlt der privati der Hauskult des prioceps: 
Genius Caesaris, Lares Augusti (unten). — ßioe pbilosopbirende Betracbtuag 
des Genius im Hause geben die Annali 1872 tav. BG pnblioirten Bilder auf 
dem Pfeiler eines Pistrinums in Pompeji: der Genius (Porträt) opfernd an 
einem Altar um den sieb die Scblange riagelt; der Genius (ideal, jugeodlieb, 
capülatus) das Steuer des mit vollem Segel dem sicberen Hafen entgegenfahren- 
den Lebensscbiffes haltend. Vgl. zu dem darüber a. 0. S. 21 f. von Jordan 
bemerkten (Lebenssebiff auf Grabmälera) vgl. CLL. 5, 691. 2225. 6, 1321. 
Visconti Bell. arcb. munie. 1873 p. 255 ff.] 

') Gensorin d. d. n. 2. 3. TibuU. H, 2; IV, 5, wo der Geaius angeredet 
wird: Mane Geni cape iura libens etc. [Vgl. Marquardt, Privatleben 1, 244.] 



198 ZEHNTER ABSCHNITT. 

ist der Genius als solcher gut und die Ursache aller guten Gaben 
und Stunden, die das Leben des einzelnen Menschen schmücken, 
auch die Ursache seiner körperlichen und geistigen Gesundheit^), 
mit einem Worte sein guter Geist: daher die Schwüre und Be- 
schwörungen bei dem eignen Genius oder dem eines andern, bei 
welchen letzteren neben dem Genius des Freundes, der Geliebten 
oft seine Rechte d. h. seine Ehre, seine Augen d. h. das Licht 
seines Leibes, seine Penaten d. h. die Heiligthümer seines Hauses 
und seiner Heimath genannt werden^). Doch ist der Genius als 
individueller Schutzgeist auch den Schwankungen und Irrungen der 
£68 menschlichen Natur unterworfen, daher Horaz bei der Frage warum 
von zwei Brüdern der eine Müfsiggang, Spiel und Wohlleben liebe, 
der andre harte Arbeit und ununterbrochene Thätigkeit, dafür den 
Genius verantwortlich macht'). So ist auch der Genius des einen 
Menschen mächtiger als der des andern, in welchem Sinne einst 
ein ägyptischer Priester zum Antonius sagte, dafs sein Genius den 
des Augustus fürchte (Plut. Anton. 33). Uebrigens begleitet dieser 
Genius den ihm anvertrauten Menschen durch das ganze Leben, von 
der Stunde der Geburt bis zum Tode, wie ein unsichtbarer Freund 
und Rather, immer zum Guten und Freudigen helfend, aber auch 
mitleidend und mitfühlend^). Ja man glaubte dafs der Genius bei 
drohender Lebensgefahr selbst auf das heftigste mitbeängstigt werde : 
welches auch der Rem der bekannten Geschichte des Brutus und 
des Dichters Cassius von Parma ist, welchen vor ihrem Tode nicht 
ein böser Geist , sondern ihr Schutzgeist in der Gestalt eines sich 
Entsetzenden, von äufserster Furcht Bewegten erscheint, während 



^) Die Stiro war dem Genius geweiht, wie das Ohr dem Gedäehtnisse, 
die Finger (womit man zählt) der Minerva, die Kniee dem Mitleiden n. s. w. 
Daher man beim Gebet zum Genius die Stirn berührte. Serr. V. Bei. VI, 
3, Aen. III, 607. 

*) Horat. Ep. I, 7, 94 Quod te per Genium deaetramque deasfue PenaUs 
obseero et obtesior, Tibull. IH, 6, 47 oben 1, 271, 1 und IV, 5, 8 perque tuo9 
oculos per Geniumque rogo. 

*) Horat. £p. II, 2, 187 Seit Genius^ natale eames qui temperat astrum, 
naturae deus kumanae, mortalis in unumquodque eaputy voltu nrntaMH*^ alhus 
et ater. Daher die Redensarten genitan propitium^ iratum^ stnittrum habere 
d. i. deos iratos habere, düs iratis natum esse, 

^) Censorin. 3 Genius üa nobis adsiduus observator appasitus eH^ ui ne 
puncto quidem temporis longius abscedat, sed ab utero matris aeeepios ad eop- 
tremum vttae diem comiteiur. Vgl. Seneca Bp. 110, 1, Apulei. de Deo Soer. 
c. 16 p. 156 Oud. 



DER CULTUS DER GENIEN. 199 

in einem andern Falle der Schutzgeist den dem Tode verfallenen 
Menschen ehe dessen Stunde kommt verläfst^). Die dualistische 
Unterscheidung zwischen zwei Genien jedes Menschen gehurt nicht 
dem Volksglauben, sondern der Philosophie (I, 88). 

Wie die einzelnen Familien und Personen so haben auch die 
CoUeclivpersonen der Völker, Städte, Bürgerschaften u. s. w. ihre 
Genien^), welche überall mit grofsem und abergläubischem Eifer 
verehrt wurden. In Rom glaubte man in diesem Sinne an den 
Genius Publicus oder Genius Populi Romani als Schutzgeist, ur< 
sprunglich ein geschlechts- und namenloses Wesen (I, 62), bis man 
später nach griechischer Art auch hier die bestimmtere Personüici- 
rung zuliefs. Zuerst wbd er beim Anfang des zweiten punischen 
Kriegs (218 v. Chr.) erwähnt, wo unter verschiedenen nach Anleitung 
der Sibyllinischen Bücher angeordneten Gebräuchen auch ein Opfer 
ton fünf gröfseren Thieren an den Genius beschlossen wird (Liv. 
XXI, 62, 9). Höchst wahrscheinlich hatte er schon damals seinen ^69 
Stand auf dem Forum, in der Nähe des Concordientempels, in der 
Gestalt eines bärtigen Mannes mit dem Diadem, der in der R. das 
Füllhorn, in der L. ein Scepter trug, anstatt welcher Darstellung 
sich später die des Jünglings mit dem Fruchtmaafs auf dem Haupte, 
der Schaale in der R., dem Füllhorn in der L. geltend machte^). 
Ein regelmäfsiges Opfer wurde am 9. Oct. dargebracht ; dais er auch 
sonst viel verehrt wurde, beweist die häufige Erwähnung auf Münzen 

1) Fiat Brut. 36. 48. Valer. Max. I, 7, 7. Amraian. Marc. XXI, 14. 

3) Symraaeh. Ep. X, 61 tU antmae nageuntur, ita populis nataleg genii 
dividuntur. Vgl. Prodentins c. Symm. II, 369. 

') Dio XL VII, 2, L, 8. Die ältere Form aof M. der Cornelia (Leotali 
Spintheris) mit der Inschrift 6. P. R. und der friiheren Kaiser, wo das Bild 
des Genius bisweilen die Züge des Kaisers annimmt, die jüngere aof den M. 
Diocletians, s. Eckliel D. N. V p. 181, VII p. 97, VIII p. 8. [Dargestellt ist 
der genitu p, R, z. B. anoh auf dem westlichen Bogenschlufs des Titusbogeos ; 
auch auf dem (in Abbildungen erhaltenen) Giebel des capitolinischen Jupplter- 
tempels? Jordan Top. 1, 2, 101 A. 97. Alle Geniendarstellnngen sind sich 
ähnlich: in der L. Füllhorn, r. Patera; jugendliche Gestalt: daher vereinzelt 
auch capi2/a/tf« (oben 197, 2) oder buUaius {nuten); Bekleidung: Chlamys. Daher 
die Abgrenzung des Genius und des Bonns Eventus schwierig, die der einzelnen 
Genien (z. B. ^. p. R. und ff, exercüus) überhaupt nicht möglich. Der Genius 
des Hausherrn oder des Kaisers (oben 197, 2) als opfernd dargestellt ist natür- 
lich velatus. Als charakteristisches Merkmal tritt das FüUhorn in der wahr- 
scheinlich verschriebenen Stelle des Ammian XXV, 2, 3 hervor: vidit — 
speeiem ÜUan Genü Publiei — veüäa cum capite comueopia (Visconti: velatum 
cepüe cum eomu copiae, vgl. Jordan Ann. 1872 S. 28 f.).] 



200 ZEHNTER ABSCHNITT. 

und Inschriften^). Der Kaiser Aurelian stiftete ihm ein goldnes 
Bild auf den in derselben Gegend befindlichen Rostren; von Julian 
wird erzählt dafs er den Genius Publicus, welcher ihm vor seiner 
Erhebung auf den Thron in Gallien erschienen war, auch vor seinem 
Ende auf dem Feldzuge gegen die Perser wiedergesehen habe, dies- 
mal in trauriger Gestalt und mit verhülltem Haupt und Füllhorn. 
Natürlich wurde dieser Genius auch aufserhalb Roms viel verehrt, 
doch hatte jede gröfsere Stadt auch ihren eignen Genius, auch die 
Länder und Völker, deren Genius in älterer Zeit auch wohl Feind- 
schaft und kriegerische Rüstung gegen Rom auszudrücken wagte. 
So der Genius von Italien auf einer Münze aus der leidenschaft- 
lichen Zeit des Bundesgenossenkriegs in Italien, wo der Genius ge- 
panzert und mit Schwerdt und Lanze bewaffnet dasteht, den Fuljs 
auf ein am Boden liegendes Feldzeichen setzend, neben ihm der 
Stier als Symbol von Italien ^). Auch hatten diese örtlichen Schutz-' 
geister hin und wieder wie die Schutzgöttinnen eigne Namen, wie 
deren Varro verschiedene erhalten hat'), welche zum Theil zu der 
Klasse der Genien und Fortunen gehört haben mögen. Gewöhnlich 
aber nennen sie sich einfach nach dem Orte, dessen höheres Lebens- 
princip sie darstellen, und drücken durch ihre Attribute nur den 
670 Segen des Friedens und der Fülle aus. Zahlreiche Inschriften ver- 
anschaulichen die weite Verbreitung und Ausdehnung dieser ein- 
fachen Art das Sichtbare mit dem Unsichtbaren in Verbindung zu 
setzen. So die Genii Coloniae z. B. Ostiensium, Puteolanorum, 
welcher letzte im Sinne der lebhaften und reichen Handelsstadt, 
des wichtigsten Hafens im südlichen Italien, auf ausgezeichnete Weise 
gefeiert zu sein scheint und in einigen Dedicationen Sanctissimus 
Dens oder Sanctissimus Dens Patrius genannt wird, der von Stabiae, 
von Benevent, und von vielen andern Colonieen und Municipien *), 

») Or. n. 1683 /. 0. M, et Genio P, R. d. 1684 fSiJ quü hane aram 
laeserä, habeat Genium iratum Populi Romani et Numina Divorum d. h. der 
coosecrirteD Kaiser. V^l. Henzea n. 5774 [<» C. I. L. 6, 248] nad die Regionen 
d. St. R. S. 141. [Vgl. Doch C. I. L. 3, 1351. 3650.] 

*) J. Friedläoder Osk. MÜDzen t. IX, 1—5 S. 75 ff. 

') Nach Varro werden b. Tertnll. ad Nat H, 8, Apol. 24 als solche ört- 
liche Schatzgötter, qui per Italiam municipaU contecratione censeniur, genannt: 
Ctuinientium Delventmtu, Namiennum FUidianug (I, 372) Atmentmm Nu' 
mUemus, Aicutanorum ^ncharia, f^oUimensvum NorOa, Ocrieulanorutn Ftdentia 
(Or. n. 1869), Sutrinorum Hostia, FaUsoorum Pater Curis (I, 278). 

«) Mommsen I. N. 2464—72, vgl. Or. 1690 ff., Henzen n. 5775 ff. und über 
den Genius Lugdani Boissieo Inscr. d. Lyon p. 46. [Beispiele bietet jetzt in 



DER GÜLTUS DER GENIEN. 20 t 

neben denen hin und wieder auch Genien der pagi conventus sowie 
von ganzen Provinzen und Ländern erwähnt werden^), aber auch 
die von Legionen, Lagern, Collegien, Zünften, Verkaufsplätzenu.s. w.^). 
Denn auch die Plätze, die StraÜBen, die Thore, wo viel Leben war 
und ein eigen thümliches durch den Ort bestimmtes Treiben sich 
offenbarte, wurden unter den Schutz eines eignen Genius gestellt, 
dessen herkömmliches Schlangenbiid dann nicht selten im Sinne der 
Einwohner einen kräftigen Fluch gegen Yerunfeinigung des Ortes 
aussprach^), auch die zahlreichen Bäder und die Theater, wie die 
interessante . Vorstellung des Ortsgenius in Gestalt eines grofsen 
serpens draco aus dem Theater zu Capua erhalten ist^), die ein- 
zelnen Quartiere, Häuser, Ställe'^) u. s. w. Vollends in der freien 
Natur, wo ein heimlicher Platz liebe Erinnerungen weckt, eine 



«. 



Fülle für diese wie für die in deo ff. A. A. aufgeführten Genien das C. I. L., 
besonders Bd. 2 und 3. Bin g, vici 8, 2605. Vgl. A. 2.] 

^) Or. D. 16S5 ff., Henzen n. 5778. 

>) Or. n. 1704—1711, 4087, 4922, Henzen n. 5780 ff. [In Ostia diente 
ein grofser Platz hinter dem Theater als Marktplatz: er war von Säulen- 
hallen und von den Zunfthäusern der Geschäftsleute umgeben. Auf dem 
Schaft einer jener Säulen befindet sich das Reliefbild einer Aedicula, in 
welcher ein 6e nius mit der Bulla um den Hals, 1. Füllhorn, r. über einer Art 
libirend dargestellt ist: darunter die Inschrift Genio caftro\rum peregri' 
nor{um) \ OptaHanus et Pudern frurn{entarn) Jratres \ ministerio — Rasur | 
Vota tolverunt, Lanciani Notizie 1881, 115 f. Die frumentarii sind die zu 
den peregrini gehörigen, deren Lager in Rom auf dem Cälius stand. — Unter 
den zahlreichen Genä eagtrorum, eohortium u. s. w. in Rom ist merkwürdig 
die im Prätorianerlager gef. I. 6, 216 Ginio (so) et Fortunae Tuielaeque huius Um 
eohortium praetorütrum, — Sonstige, vom römischen Staat und Volk an {g, 
senatus popuUque romani C. I. L. 3, 592 pUbei 6, 249), kaum zählbar. Be- 
sonders scheint man ihrer in den öffentlichen Speichern und auf Märkten be- 
durft zu haben: Rom genio congervatori horreorum Galbianorum, Leonianorum^ 
Seianorum (6, 236— 238 vgl. 235), sonst 2, 2991, areae frumentariae 8, 6339, 
macelU 2, 2413; commerd 3, 3617 c. et negotiantium das. 4288. Endlich g. 
curiae (8, 154») und g. teholae (3, 876. 8, 2601—2603.] 

') Persins I, 113 Finge duos angues: pueri sacer est locus y extra mejitel 
Vgl. StTY. V. A. V, 85 nulkts locus sine genio est , qui per aangucm plerum- 
que ostendäur und 0. Jahn Pers. p. 111. [Pomp<yi: oben S. 196,2.] 

«) Winckelmann Werke I t. 11, MiUin Gal. Myth. 38, 139, Mommsen I. 
N. n. 3577. 

*) Prudent. c. Symm. II, 444 Quamquam cur Genium Romae mihißngitis 
unum, cum portis, domibus, thermiSf stabulis soleatis assignare suos genios, 
perque omnia membra Urbis perque locos geniorum miUia multa, ne propria 
vacet angulus uüus ab umbra? 



202 ZEHNTER ABSCHNITT. 

schöne oder erhabne Aussicht die Seele beschwingt, eine fruchtbare 
Trift oder ein wohlbestellter Acker die Vorstellung göttlichen Segens 
erregt, liebte man es sehr durch einen einfachen Altar und das 
Bild einer Schlange an die höhere Ursache und die verborgene Seele 
des Orts zu erinnern. Und zwar wurde in allen diesen Fällen häufig 
neben dem genius loci oder anstatt desselben die weibliche Fortana 
671 oder Tutela verehrt, namentlich die letztere, welche noch specieller 
als Fortuna die Bedeutung eines örtlichen oder persönlichen Schutz- 
geistes hatte ^). 

Eine sehr wichtige Art des Cultus der Personalgenien wurde 
mit der Zeit der des Genius des jedesmaligen Kaisers, welcher so- 
mit gewissermafsen an die Seite des Genius Publicus trat. Wie 
man den Genius eines Freundes, eines Gönners verehrte und ihm 
an seinem Geburtstage spendete, so war es auch wohl sehr natur- 
lich, wenn der Genius oder die Fortuna solcher Männer wie des 
Cäsar, des Augustus von ihren Anhängern und überhaupt von den 
Bürgern privatim viel verehrt wurden'). Also etwas Aufserordent- 
liches und Verderbliches wurde dieser Cultus erst dann, als er im 
Sinne des Despotismus gesetzlich gefordert und wenn unterlassen 
bestraft wurde, wie diese Wendung denn sehr bald eintrat. Augustus 
ging auch hier voran, indem er seinen Genius in allen Gompital- 
capellen der Stadt zu den beiden von jeher verehrten Laren hinzu- 
fügte (oben S. 113). Dieser Cultus blieb auch unter den folgenden 
Kaisern, für welche selbst nach dem Aussterben des Hauses der 
Julier Augustus immer der göttliche Urheber der neuen Staats- 
ordnung und der Kaiser schlechthin geblieben ist; nur dafs fortan 
auch der Genius des regierenden Kaisers öffentlich verehrt werden 
mufste, worauf namentlich die schlimmeren Kaiser mit unerbitt- 



>) Or. n. 1698 [» C. I. L. 2, 3021 : wo Höbner zu \gl, welcher bemerkt 
dafs der in Spanien häufige Städtename Tadela eben Tutela ist.] Deo Tu» 
tel{ae) Genio Loci n. 1699 [== C. I. L. 6, 216] Ginio et Fortunae Tutda^qm 
huius loci n. 1700 [= C. I. L. 5, 3304] Tute[lae] tU^mus] RupilUae. [6, 77^ 
Tutelae Candidüme]. AcU fr. Arv. t. XXXII [13. Mai 183] Sive deo ntw 
deae, in emus tutela hie lucus locusve est, Petron. 57 ita Tutdam hume lud 
habeam propitiam. Ib. 105 Tutela novit. Vgl. fickbel D. N. VIII p. 136 sqq., 
Fabretti Inscr. p. 79, Marioi Atti Arv. p. 374 sqq., Boissieu Inser. de Lyoa 
p. 11 n. 9. 

*) Virgil. Ecl. I, 43 der auf regelmäfsige Opfer an den Kalendea, W6 
man den Haaslaren opferte, deutet. Vgl. Horat. Od. IV, 5, 33 IT., Ovid P. 
n, 635. 



DER GULTUS DER GENIEN. 203 

lieber Strenge hielten. Eine naturliche Folge von diesem Cultus 
war die gleichfalls allgemeine und öffentliche Geburtstagsfeier des 
Kaisers, auch sie ein Nachlafs der Zeiten des Cäsar und August, 
und der Schwur beim Genius oder bei der Tyche des Kaisers, denn 
so übersetzten die Griechen gewöhnlich den lateinischen Genius. 
Schon unter Augustus war dieser Schwur gewöhnlich^). Tiberius 
sperrte sich nach seiner Weise, doch überwogen Gewohnheit und 
Angst ^). Caligula und die späteren Gewaltherrscher belegten die 572 
Unterlassung oder den Misbrauch mit harten Strafen'). 

Noch eine eigenlhümliche Art der Genienyerehrung ist die der 
genii deorum (I, 85) und die an den Gräbern der Verstorbenen, 
wo der genius dem griechischen iJQ(og entspricht und wie gewöhn- 
lich unter dem Bilde einer Schlange vorgestellt wurde, daher auch 
die Gräber nicht selten Bilder von Schlangen zeigen^): auch dieses 
mit der Zeit eine allgemeine Sitte, wie die späteren Kalender denn 
selbst das Todtenfest der FeraUen im Februar Genialia oder Ludi 
Genialici nennen'). Endlich ist zu bemerken dalÜB auch die Götter 
hin und wieder im Privatcultus als Genien eines Hauses d. h. als 
deren Schutzgötter verehrt wurden*), in demselben Sinne wie Sulla 
den Apoll, Cicero die Minerva, der römische Senat die Victoria als 
seine Schutzgöttin verehrte. 



') Horat. £p. 11, 1, 16. Später wurde daraus der Schwur beim Augustus 
schlechthin oder dem numen Augusti oder dem Divus Augustus, s. Sueton 
Claud. 11, Tacit. Ann. I^ 73. [Die Stadtrechte von Salpensa (25 f.) und Malaca 
(59) geben die Formel des Beamteneides zur Zelt Domitians: per lovem, et 
divum Augustum — daudütm — FespaHanum — Tüum et Genüim impera- 
toris CaesarU Domüiani deosque Penateg (Mommsen Stadtr. S. 461 ; vgl. oben 
S. 172). ~- Widmungen genio August! (oder ^. et maiestatt) C. 1. L. 2, 3523. 
3, 5158. 6, 252 ff. und sonst] 

») Dio LVII, 8 vgl. LVJn, 2. 6. 12. 

«) Sueton Calig. 27 vgl. Ulpian Dig. XII, 2 de lurei. 13, 6. 

*) Virg. Aen. V, 75 ff., Valer. Flacc. HI, 457, Sil. hal. II, 581 ff., vgl. 
die Erzählung vom Grabe des Scipio b. Plin. H. N. XVI, 234 und L. Fried- 
länder de oper. anagl. in monnm. gr. sepolcr. p. 39. 

^) Das Feriale Capuannm z. 11. Febr. und das Kai. Constantii z. 11. und 
12. Febr. vgl. oben S. 98 und über die Genien der Verstorbnen I, 83 A. 3, 
vgl. Mommsen I. N. n. 3778 aus Capua, Boissieu loser, de Lyon p. 47 n. 29. 30. 

*) [Doch ist die von P. hier angezogene I. Or. 1257 unecht, die ganze 
Behauptung an sich zwar riehtig, aber nur in dem Sinne, dafs jedes Hans 
resp. jeder Hausvater nach freier Wahl besondere Sohutzgötter zu den Pe- 
naten des Hauses wählt: worüber oben S. 159 A. 2.] VgL die Inschrift des 
Alfinius Fortunatus oben S. 51 A. 1, A. W. Zumpt z. Rutil. M. Namatian vs. 16. 



204 ZEHTfTER ABSCHNITT. 

S. Die Götter der fndigitamenta. 

Mit den Genien vergleicht Censorin recht passend die zahl- 
reichen Schutz- und Lebensmächte, welche in den pontificalen In- 
digitamenten angerufen wurden, indem sie sich im Grunde nur da- 
durch Ton den gewöhnlichen Genien unterscheiden, daüs diese ein 
für allemal denselben Menschen oder denselben Ort unter ihren 
«78 Schutz genommen hatten, jene kleineren Götter oder numina da- 
gegen (I, 58) nur bei gewissen Veranlassungen des menschlichen 
Lebens als mitwirkende Mächte hervortreten. Sie haben insofern 
eine gewisse Aehnlichkeit mit den Engeln des populären Glaubens, 
welche gleichfalls nicht blos für persönliche Schutzengel galten, 
sondern auch für Gelegenheitsengel möchte ich sagen d. h. für 
solche welche nur bei bestimmten Gelegenheiten als wirksam ge- 
dacht und als solche namentlich in einzelnen alten Kindergebeten 
und Kinderliedem geschildert werden^); wie denn wirklich schon 
die christlichen Kirchenväter diese hälfreichen Lebensmächte jener 
alterthümlichen Gebetsformeln mit unsern Engeln verglichen haben. 
Dennoch war dieser Glaube in Italien und Rom sehr alt, da er 
wesentlich auf dem Gottesdienste des Numa und den von ihm for- 
mulirten priesterlichen Gebeten beruhte, welche speciell als An- 
rufungen solcher Mächte Indigitamenta genannt wurden (I, 134). 
Ja man darf behaupten, dafs nur ein solcher mehr pantheistischer 
als polytheistischer Glaube, wie der der religiösen Gesetzgebung 
Numas zu Grunde liegende, im Stande war neben den wenigen 
Hauptgöttern des Himmels und der Erde, die er aufstellte, eine so 
grofse Schaar von dienenden Mächten zuzulassen, daher diese eben 



M Vgl. [das Gebet: Pfeiffers Germaoia 5, 448 ff.]: Ich will lieyat soUafea 
gehe, Zwölf Engel sollen mit mir gehn^ Zween za Häupten, Zween sar Seiten, 
Zween zun Füfsen, Zween die mich decken, Zween die mich wecken, Zween 
die mich weisen Zo dem himmlischen Paradeisen. Vgl. Simrock Deutsches 
Kinderbuch n. 167 und das Lied n. 44 Fünf Engel haben gesangea, Fumi 
Engel kommen gesprungen, Der erste bläst das Feuer an. Der andre stellt das 
Pfännel dran, Der dritt schütt das Süppchen nein, Der vierte thut brav Zucker 
hinein u. s. w. INoch naher liegt der Vergleich der begleitenden Dämonen des 
griechischen Göttercnltus z. B. In dem der Demeter des uiS^evs d. L der 
Reifende, dno rijg xa^ndiv adqvvOiüig Etym. M., der rEVttvXMig, des Hux^av, 
des ^YfjL^vaioe in dem der Aphrodite, Lob. AgI. p. 630 und 1234, de^jixgvwos 
und andrer Satyrn und JNymphen in dem des Dionysos, der das mensohliehe 
Leben in den verschiedensten Thatigkeiten vor- und nachbildenden Eroten nad 
Psychen in der späteren griechischen Kunst. 



DIE GÖTTER DER INDIGITAMENTA. 205 

deshalb, sobald der griechische Polytheismus um sich griff, je länger 
desto mehr aus dem Gedächtnils des Volks und der Praxis des 
priesterlichen Gebets verloren gegangen sind. Sie erschienen übri- 
gens in diesen Gebeten nicht allein , sondern zusammengestellt mit 
den Hauptgöttern des älteren römischen Glaubens, welche aber bei 
solchen Gelegenheiten gleichfalls nicht in ihrer vollen Geltung und 
gesammten Wirkung, sondern nur in der speoiellen Beziehung auf 
den jedesmal vorliegenden einzelnen Fall einer Geburt, einer Ver- 
mählung u. s. w. angerufen werden: ein Beweis mehr dafs die In- 
digitamenta nicht, wie man neuerdings gewöhnlich angenommen, 
priesterliche Verzeichnisse des ältesten Götterglaubens gewesen sind, 
sondern für gewisse Veranlassungen des Lebens bestimmte Gebets- 
und Anrufungsformeln. Es wäre sehr wichtig wenn diese Veran- 
lassungen sich näher bestimmen lieüsen, indessen wird dieses kaum 674 
weiter möglich sein als sofern diese Gebete selbst auf gewisse Ge- 
legenheiten hindeuten. Auch ist wohl zu bedenken daljs unsre 
Kenntnifs von denselben nicht unmittelbar auf den priesterlichen 
Originalurkunden, sondern nur auf den Auszügen Varros beruht, 
oder vielmehr gröfstentheils nur auf den Auszügen, welche die 
Kirchenväter zum Behufe ihrer Polemik aus jenem Werke Varros 
gemacht hatten. So mufs es auch dahin gestellt bleiben ob Varro 
diese vielen Götternamen in jenen priesterlichen Urkunden zu einem 
ähnlichen Ganzen zusammengestellt gefunden hatte, wie er selbst sie 
in einem Werke zusammengestellt hatte, oder ob sie nicht vielmehr 
in jenen Urkunden in viele einzelne Gruppen zerfielen und je nach 
den besondern Veranlassungen des Cultus oder des Lebens in ver- 
schiedenen Gebeten und Liturgieen zusammengestellt waren, welches 
letztere ich aus verschiedenen Gründen für das Wahrscheinlichere 
halte. Varro hatte nehmlich diese Götter, wie wir aus Augustin 
C. D. VI, 9 erfahren, in zwei Abtheilungen behandelt, indem er zuerst 
sämmtliche Götter aufzählte, welche das menschliche Leben unmittel- 
bar, von der Geburt eines Jeden bis zu seinem Tode betrafen, und 
zweitens diejenigen Namen zusammenstellte welche nicht sowohl den 
Menschen selbst als seine äufserlichen Bedürfiiisse, Lebensunterhalt^ 
Kleidung u. s. w. angingen ^). £r hatte ferner dazu einen erklären- 



^) Aagastin 1. c. Denique et ipse Farro eommemware et enumerare de09 
coepit a eonceptUme hominis: quorwn numerum est exorsus a Imno eamque 
seriem perduxit usque ad decrepiti hominis mortem et deos ad ipsum Ao- 
minem pertinentes elausit ad Neniam deam, qme in Jünarilms senumcan" 



206 ZEHNTER ABSCHNITT. 

den Commentar hinzugefügt, indem er Jeden Götternamen entweder 
aus dem Sprachgebrauche oder aus den Gewohnheiten der alten 
Zeit erläuterte, welche Erläuterungen er zum Theil in andern Schriften 
noch weiter ausgeführt hatte: so dafs wir auf diesem Wege Wel 
Wichtiges und Interessantes über die Sitte und Sprache des höheren 
«75 Aiterthums erfahren. Nur dals wir uns wie gesagt genügen lassen 
müssen auf den Spuren Yarros, von welchem hier wie gewöhnlich 
alle späteren Schriftsteller abhängen, einherzugehn, ohne uns daraus 
einen unmittelbaren Schlufs auf die Gestalt und Beschaffenheit der 
Indigitamenta selbst zu erlauben. 

Nach dieser Anleitung also und den Auszügen der beiden 
Kirchenväter Tertullian und Augustin, die das Meiste erhalten haben, 
wollen wir zunächst die Götter aufzählen, weiche mit Beziehung auf 
die Schwangerschaft und Geburt einer Mutter und die erste Woche 
des Kindes, wir wissen nicht ob bei einer und derselben oder bei 
verschiedenen Cultusgelegenheiten angerufen wurden^). Durch sorg- 
faltige Prüfung dieser Texte und Ausscheidung aller überflüssigen 
Polemik, welche diesen Schriftstellern die Hauptsache war, gewinnen 
wir eine fortlaufende Reihe von Göttern und Götternamen, deren ge- 
meinschaftliche Beziehung das menschliche Leben ist, wie es keimt, 
ans Licht tritt und sich dann weiter entwickelt: alte Cultusgötter, 
deren Namen in dieser und den folgenden Reihen die leitenden 
Begriffe und gleichsam die Knotenpunkte des liturgischen Gesammt- 
gedankens sind, und eine grofse Anzahl von helfenden und dienenden 
Gottheiten (potestates, numina), deren Benennungen und Personifi- 
cirungen nicht allein sehr genau, sondern hin und wieder auch, wie 
mich dünkt, mit Zartheit und Innigkeit auf alle Miniaturbeziehungen 



tatur. Deinde coepit deos aUos ottendere, qui pertinerent non ad ipsum 
hominem.y sed ad ea quae sunt hominig, sieuH est victus atque vestüus 
et quaecunque alia huic väae sunt necessaria^ ostendens in omnibus quod sü 
cuiusque munus et propter quid cuique debeat suppUcari. Mit Uorecht hat man 
diese erklärenden Zusätze Varros auf die Originalurkunden der Indigitamenta 
bezogen, verführt durch Servius V. Ge. I, 21, wo es von diesen llbri pontifi- 
cales heifst, qui et nomina deorum et rationes ipsorum nominutn continent, 
quae etiam Farro didt : in welcher Stelle diese letzten Worte, verglichen mit 
der genaueren Angabe Augustins beweisen, dafs dieser Grammatiker seine 
Weisheit eben auch nur dem Varro verdankte. 

1) Tertullian ad Nat. II, 11, de An. 37, Augnstin C. D. IV, 11 und 37, 
VII, 2 und 3. Vgl. Ambrosch in dem I, 134, 2 angeführten Buche und Mar- 
quardt Handb. der R. A. IV S. 7—21. [Verwaltung 3, 10 ff.] 



DIE GÖTTER DER 1NDI61TAMENTA. 207 

des menschlichen Lehens eingehen. Zuerst wird Janus genannt, 
üherall der Anfang der Dinge, auch jedes Gebets und Opfers, hier 
Consivius d. h. der Anfang alles keimenden Lebens (I, 171), dann 
Saturnus, weil jede Ehe eingegangen wurde liberorum procrean- 
dorum causa oder wie die Griechen mit ihrem lebhafteren Gefühle 
für alles Natürliche sagten, ijtl (fjtoQia, in' oQovta Ttaiöaov, daher 
der Gott aller Saaten auch hier an seiner Stelle war (oben S. 21). 
Dann folgen Liber und Libera, welche schon deshalb, weil sie 
in dieser nach Anleitung der Indigitamenta gebildeten Reihe mit 
aufgeführt werden, für altrömische Cultusgötter gelten müssen. 
Liber ist in diesem Zusammenhange der Gott der männlichen 
Zeugungskraft, Libera die Göttin des weiblichen Empfangnisses ^). 
Beide werden aus demselben Grunde zusammen genannt, aus welchem 676 
wir auch weiterhin in diesen Gebetsfragmenten häufig männliche 
und weibliche Mächte (Divi Patres und Divae Matres) zusammen* 
gestellt finden werden: weil nehmlich nach einer dem ganzen Heiden- 
thum gemeinsamen Grundanschauung die polarisch entgegengesetz- 
ten Erscheinungen des menschlichen und animalischen Geschlechts- 
lebens auf einen gleichartigen Gegensatz der göttlichen Causalität 
zurückgeführt werden. Diese Gottheiten also sind es, welche das 
eheliche Beilager segnen und befruchten; andre, gröüstentheils 
dienende Genien der Juno oder auch die abgesonderten Eigen- 
schaften dieser höchsten Gottheit alles weiblichen Lebens, werden 
als solche angerufen welche die keimende Frucht im Mutterleibe 
bilden und pflegen. So die Fluonia, auch Fluviona oder Flu- 
vionia, ursprünglich nur ein Beiname der Juno, welcher dieser 
Göttin durch die Hemmung der monatlichen Blutabsonderung während 
der Schwangerschaft einen wesentlichen Einflufs auf die Erzeugung 
und Ernährung des Kindes im Mutterleibe zuschrieb '). Ferner nach 
TertuU. d. An. 37 die weiblichen Mächte Alemona, welche die 
zarte Frucht nährt, und die beiden Göttinnen der entscheidenden 
Monate, Nona und Decima, endlich die Partula als die bei der 
Geburt selbst behülfliche Göttin: über welche drei Göttinnen wir 
durch einen ausführlicheren Auszug aus dem 14ten Buche der Re- 



*) !NacIi Aagustin IV, 11 weil jener viroram, diese femioaram semioibas 
praeest, nach VII, 2 quod marem effuso semine liberat, wahrend Libera (Venus) 
den Frauen denselben Dienst thne. Vgl. ib. VI, 9 oben S. 48. Natürlich 
stammen diese Erklärungen aus dem Werke Varros. 

») Plin. H. N. VII, 66 vgL oben I, 275. 



208 ZEBÜTER AfiSCHüITT. 

bgionsallerthümer Yarros, in welchem er über diese GöUer gebandelt 
hatte (I, 71, 2), von Gellius N. A. lU, 16 belehrt werden. Varro hatte 
dort nehmlich gelehrt dals die Geburl frühestens im achten, qiftte- 
stens im elften Monate erfolge, wobei er sich auf Aristoteles be* 
rufen hatte. Die alten Römer aber hätten auf solche auIkercHrdent- 
liche Fälle keine Rücksicht genommen, sondern den neunten und 
zehnten Monat für die gewöhnliche Zeit angesehen und danach ihre 
Parcen d. h. Geburtsgöttinnen benannt, die eine Ton der Geburt 
überhaupt, die andre yon jenen beiden Monaten (S. 564). Femer 
schliefst sich hier an die unvermeidliche Anrufung der Inno Lu- 
cina als der eigentlichen Entbindungsgöttin (I, 271), endlich die 
der männlichen Gottheiten Yitumnus und Sentinus, die dem 
Kinde Leben und sinnliche Empfindung verleihen M, und die des 
Jupiter selbst in seiner Eligenschaft alsDiespiter, d. i. der Gott 
des lichten Tages, welcher das neugebome Kind mit dem Alles 
belebenden und beseelenden Lichte empfängt. Auch Vitumnns 
677 und Sentinus werden nur für besondre Abstractionen von dem all- 
gemeinen Begrüfe Jupiter zu halten sein, welche hier wie überall 
für die höchste Quelle aUes Lebens und aller Beseelung galt*). 

Es folgen die eigentlichen Geburtshelferinnen, denen so zu 
sagen die Manipulation bei der Entbindung oblag, wie die Griechen 
in demselben Sinne neben der Hera und Artemis noch die Eileithya 
oder mehrere Göttinnen desselben Namens verehrten. Zunächst ge- 
hört die Candelifera, weil bei der Entbindung eine Kerze an- 
gesteckt wurde, wahrscheinlich als sinnliche Darstellung des Lichtes, 
an welches das Kind durch die Geburt gelangt; und zwar durfte es 
nur eine Kerze sein, keine Oellampe, weil der Geruch einer ver- 
löschenden Lampe für sehr gefährlich galt'). Femer die beiden 
Carmen tes, welche durch Besprechung und magische Formeln bei 



') Per quem viviscat inJans e< tentiat pnrnum, TertalL tA Nat. U, 11. 

*) Macrob. S. I, 10, 15 quod aestimaoerunt antiqui aninuu a love dari dt 
rwrnu post mortem eidem reddi, wo freilich dieser letzte Znsatx umtk gpite- 
rem GÜaben schmeckt. Doch galt Luft und Lacht inmer for das Priaeip 4er 
BeseeloDg, anima [avt/Liog), welches Wort Eddius gleichbedentead Hiit L«ft 
gebraachte, nad SoDnenlicht, s. Enains b. Varro 1. 1. V, 59, r. r. I, 41, p. 5 
nad 168 ed. Vahleo, Pacavins p. 71 ed. Ribb., Griam D. M. 786, oben S. 
151, 3. 

*) PHd. H. N. VII, 43 Miseret atque etiam pudet aerttmantem ptam Ht 
fnoota antmaÜum superbissimi origo, cum phrumque abortus eatum 9tbr m 
hicer na r u m fiat exstinctu. 



f 



DIE GOTTER DER INDIGITAMENTA. 209 

der Entbindung helfen und selbst bei dieser Hand anlegen, daher 
man eine Prosa oder Porrima und eine Postverta unterschied, 
je nachdem das Kind zuerst mit dem Kopfe oder umgekehrt ans 
Licht kam^). Ferner gehört hierher die Nymphe Egeria (S. 129), 
daher der häufige Gebrauch des Namens Egerius im alten Latium, 
und Numeria d. i. die Göttin der schnellen und leichten Geburt, 
daher Numerii eigentlich solche hiefsen, welche schnell und leicht 
zur Welt gekommen sind'), auch Natio, als eine alte, auf dem 
Gebiete von Ardea verehrte Geburtsgöttin ^); dahingegen die soge- 
nannte Nixi Dii griechischen Ursprungs waren und hier nur als 57s 
gleichartige Wesen erwähnt werden mögen. So nannte man nehm- 
lieh drei Götterbilder, welche auf dem römischen Capitol vor der 
Cella der Minerva zu sehen waren und nach Einigen aus der Beute 
des syrischen Kriegs, nach Andern aus der korinthischen Beute 
stammten. Sie befanden sich in knieender Stellung, galten aber 
für hülfreiche Götter der Entbindung und werden als solche auch 
bei Ovid. Met. IX, 293 neben der Lucina angerufen: eine Darstel- 
lung welche sich am natürlichsten dadurch erklärt dafs die Alten das 
Niederknieen bei der Entbindung für förderlich hielten*). 

Endlich eine Reihe von Gottheiten, welche das neugeborne 
Kind schützen und pflegen, theils männliche theils weibliche. 
Augustin lY, 11 nennt zuerst die Op s, d. i. die Mutter Erde als kinder- 
pflegende Göttin (oben S. 22, 1), daher bei den Römern das neu- 
geborne Kind nach alter Sitte alsbald auf die Erde gelegt oder ge- 
stellt wurde^). Dann der Dens Yagitanus, der dem neugebornen 



1) S. oben I, 406. Ein aaf dem umgekehrten Wege, zuerst mit den Füfsen 
ans Licht Gekommener heifst Agrippa, s. Plio. VII, 45, Gellius XVI, 16. 

') Varro in der Satire Catus vel de liberis educandis b. Non. Marc. p. 352 : 
ut qui contra celerüer erard nati Jere Numerios praenominabant, quod qui cäo 
Jädurüm quid se oslendere volebat, dicebat numero id fore: quod etiam in 
partu precäbantur Numeriaey quam deam solent indigetare etiam pontißces. 

') Cic. N. D. m, 48, 47 Quodsi tales dei sunt, ut rebus humanis inter- 
sint, Natio quoque dea putanda est: cui cum Jana circiwnus in agro j4rdeati 
rem divinum, facere sotemus: quae, qtäa partus matronarum tueaUir, a nascen- 
tibus Natio nominata est. [So die Hss., nur cod. Vindob. an erster Stelle ratio; 
Orelli beidemal Nascio,] 

*) Welcker U. Sehr. 3, 185 fl., vgl. meine Griech. Myth. 1, 320. [*=402 
der 2. A. lieber die Form nixi vgl. Corssen Krit. Beiträge zur lat. Formen!. 
S. 20 ff. Breal T. Eugub. 121. — Die Nachricht über das capitolinische Ana- 
tbema hat Festus S. 174. 177, vgl. Jordan Top. 1, 2, 17.] 

^) Ovid Trist. IV, 3, 46 tactaque nascenti corpus haderet humus, Suetoo 
Preller, Rom. Mjthol. II. 8. Aufl. 14 



210 ZEHNTER ABSCHNITT. 

Kinde mit dem ersten Schrei den Mund öffnet^), und die De a La- 
va na, welche die Kinder von der Erde wieder aufhebt, nach der 
bekannten Sitte das neugeborne Kind vor dem Vater auf die Ej*de 
zu legen, worauf dieser es aufhob und damit seine Pflege und Er- 
ziehung übernahm, aber auch alle Rechte der väterlichen Gewalt 
sich vorbehielt^). Ferner die beiden eng verbundenen Göttinnen 
Cunina und Rumina (I, 418). Jene ist die Schutzgöttin der Wiege, 
in welcher sie das Kind vor Schaden und Zauber behütet, während 
Rumina für die volle Brust der Mutter oder der Amme beim Nähren 
des Säuglings sorgt ^). Einen wichtigen Moment brachte weiter für 
Knaben der neunte, für Mädchen der achte Tag der Geburt, d. L 
679 der sogenannte dies lustricus, wo das Kind seinen Namen bekam 
und zugleich lustrirt und gegen allen Zauber geweiht wurde, nament- 
lich dadurch daüs man ihm allerlei zierliche Kleinigkeiten (crepundia) 
und die ßulla um den Hals hängte, ein goldenes Medaillon mit darin 
verborgnen Schutzmitteln (praebia) gegen den Neid und bösen Blick. 
Darauf bezieht sich die Verehrung der Dea Nundina, welche von 
diesem neunten Tage ihren Namen hat^). Auch wurde an diesem 
Tage dem Kinde, welches nun als eigne Person ins Leben trat, 
eine Art von Prognostikon seiner Zukunft gestellt, was Veranlassung 
gab, alle Schicksalsmächte anzurufen, Fortuna und die Carmentes 
und die Fata Scribunda (S. 194). Der neunte Tag wurde zu diesen 
Gebräuchen ausersehen, weil dieser überhaupt und so auch für die 
Wöchnerinnen ein kritischer Tag ist, die sich erst dann von ihrem 
Lager wieder erheben und an dem Familienleben von neuem An- 
theil nehmen. 

Eine zweite Reihe von solchen dienenden Mächten bilden die 



Octav. 5 esse se possessorem ac vehit aedüuum soli, quod primum D. Augustus 
nascens cUtigisset, Vgl. 1, 376, 2. 

^) Qui in vagitu os aperit, Tertull. 1. c. vgl. Augustio. IV, 8 aut F'agi" 
tano (vaticano die Hss.); qui infantum vagitihus praesidet. IV, 21 Quid n»> 
cesse erat Opi Deae commendare nascentes, Deo Faticano vagientes, Deae Cu- 
ninae iacentes etc. Varro wollte oehmlicb auch den Deus Vaticaous wie Va- 
gitanus erklären, s. Gell. N. A. XVI, 17 uad oben I, 3S2, 3. 

*) Dionys. II, 26 ff., Virg. A. IX, 212, Horat. S. II, 5,46, Intpp. Terent. 
Heaut. IV, 1, 13. 

^) Lactant. I, 20, 36 Coliiur et Cunina, quae infantes in cunis tuetur ac 
fascinum submovet. Vgl. Augustio IV, 34. Die Inschr. b. Or. n. 1851 ist 
unächt. 

*) Macrob. S. I, 16, 36, vgl. 0. Jahn Leipz. Ber. 1855 S. 44. [Eioiges 
Hierhergehörige bei Marquardt Privatleben 1, 82 f.] 



DIE GÖTTER DER mDIGlTAHENTA. 211 

Namen der Götter und Göttinnen, welche die Jugend des zarten 
Kindes behüten und pflegen, es essen und gehen und sprechen lehren, 
die verschiedtien Gemuthsafl'ecte und geistigen Thätigkeiten in ihm 
entwickeln, mit ihm aus und eingehn und es in die Schule be- 
gleiten/), bis zur luventas und Fortuna barbata, mit welchen wieder 
ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Zunächst gehören dahin die Po- 
lin a und Edüsa, denn dieses scheinen die richtigen Formen der 
sehr verschieden geschriebenen Namen zu sein^), d. h. die beiden 
Göttinnen, welche das Kind, nachdem es entwöhnt worden, an 
Speise und Trank gewöhnen. Ein andrer Schriftsteller fugt, gleich- 
falls aus Varro, die Cuba hinzu, die das Kind von der Wiege ins 
Bettchen legt^). Weiter schliefst sich hier an die Dea Ossipago,68o 
welche dazu hilft, dafs die Knochen der Kinder fest und derbe 
werden (I, 275, 5), ferner die göttlichen Mächte des Stehen-, Gehen- 
und Sprechenlehrens, welche nun wieder männlichen Geschlechts 
sind, wahrscheinlich weil man sich jene Göttinnen, die Potina Edusa 
Cuba mehr nach Art der Ammen, diese dagegen mehr nach Art der 
Pädagogen dachte. Sie hiefsen D i v u s Statanus oder Statilinus 
und Divus Fabulinüs, welchen beim ersten Stehen und Sprechen 
der Kinder ein Dankopfer gebracht wurde*). Andre nennen eine 



^) Im Allgemeinen kann man sie Dil Natritores neDnen, wodurch auf 
einer M. des Saloninus die griechischen d-eol xovQOTQ6(foi übersetzt werdea, 
Eckhel D. N. VII p. 421. 

*) Augustin. IV, 1 1 Diva Potina potionem ministratf Educa escam praebet 
IV, 34 sive Educa et Potina escam potumque sumpserunt. Vgl. VI, 9 TertuII. 
ad Nat. II, 11, wo sie Potioa u. Edula heii'seo, und Varro im Catus b. Non. 
Marc. p. 108 [= 480], wo zu lesen ist: Cum primo cibo et poiione iniiiarent 
pueros, sacrificabantur ab edulibus Edusae, a potione Potinae nutrices. Educa 
ist abzuleiten von educare in dem Sinne von füttern, nntrire, s. Non. Marc, 
p. 447 f^arro Cato vel de liberis educandis: Educit enim obstetrix, educat 
nutrix, instituit paedago^us, docet magister, [Da bei INonius 3 mal edusa, bei 
Augustin ebensooft educa, bei Tert. (?) edula, bei Donat (s. fg. A.) edulia 
überliefert ist so hat man die Wahl: da edula, edulia offenbar mit Anlehnung 
an edulia verschrieben, educa aber an educere, educare, nicht an manducus 
(Pott, E. F. 2, 1, 382) erinnern würde, so ist wohl die seltenere (daher wohl 
nicht leicht durch Abschreiber hergestellte) Bildung Ed-üs-a vorzuziehen. 
Jordan Krit. Beitr. z. Gesch. d. 1. Spr. 120.] 

•) Donat. z. Ter. Phorm. I, 1, 11 apud Farronem. legitur initiari pueros 
Eduliae et Poticae et Cubae Divis edendi et potandi et cubandi, ut primum a 
lacte et cunis transferuntur. 

*) Non. Marc. p. 532 Statilinum et Statanum et Fabulinum praesides deos 
Farro Cato vel de lib. educandis puerilis aetatis (v. puerilitatis) ajfirmat: 'alii 

14* 



212 ZEHNTER ABSCHNITT. 

weibliche Göttin Statina und fügen zu der ganzen Gruppe noch 
die Ade na und Abeona hinzu, welche wohl nicht die Beschützer 
der Kinder beim Aus- und Eingehn sind, sondern die der ersten 
Laufversuche mit dem bekannten Ab- und Zulauf zwischen zwei 
Paaren schützender Arme. Dem Fabulinus stand noch ein besondrer 
Farinus zur Seite, auch ein Locutius^), von denen jener sich 
auf die ersten Sprechlaute des Kindes bezieht; dahingegen Fabulinus 
schon ein Ausdruck des zusammenhängenden Schwätzens, Locutius 
aber der des deutlichen Sprechens ist. Nun beginnt das Kind aus- 
zugehn, in die Schule zu gehn. dort etwas zu lernen. Auch dabei 
begleiten es eigne Schutzgötter, zunächst die Iterduca und Do- 
miduca, welche es die ersten Wege aus dem Hause und wieder 
in dasselbe zurückgeleiten, ferner alle die Mächte, welche das Ge- 
müthsleben und die geistigen Affecle und Anlagen des Kindes wecken 
und bilden^). So zunächst die Mens, welche einen verständigen 
Sinn in den Kindern erzeugt, Divus Volumnus und Diva Vo- 
lum na, das sind die Götter des Verlangens, während die von Ter* 
tuUian genannte Diva Voleta mehr das sittliche Wollen (velle) im 
681 Gegensatze zu dem Nicht- Wollen (noUe) ausdrückt*). Ferner die 
Paventia oder Paventina von dem kindlichen Affecte des Ban- 
gens und Schreckens und Venilia d. i. die Göttin des sichern 
Hoffens und der unbefangenen Erwartung*). Ihnen schliefsen sich 
weiter an Volupia und Lubentina oder Lubia als Göttinnen 

Statano et Statäino, quorutn nomina habent scripta pontifices, Sic cum primo 
Jari incipiebant, sacrißcabani Divo Fabiäino'. Vgl. Tertull. ad Nat. II, 11, d. 
Aq. 39, Angnstia IV, 21. 

*) Tertull. 1. c. (Detis est dictus) et ab effatu Farinus (v. Farmus) et 
aliis a lo(quendo Locutius), Vgl. Varro 1. 1. VI, 52 fatur is qui primum 
homo sißTuficabilem ore mittit vocem. Ab eo ante quam üa faciant pueri di" 
cuntur infantes, quom id faciant iam Jari etc. Vielleicht uoterschiedeo 
sich der Statanus und Statilious (von statuere) ähnlich wie der Fariaas und 
Fabalinus. Ueber den in der Nähe des Vestatempels verehrten Aius Locutius 
oder Loquens s. oben I, 56, 1. 61, 2. 

>) Augustin IV, 11 und 21, VII, 3, Tertull. 1. c. 

^) Beo Folumno et Deae Folumnae fnascentes commendantj ut bona vel- 
lentj August. IV, 21. Doch sind diese Namen nicht von velle abzuleiten, sondern 
von volup (Volup-nus). 

^) De spe quae venit FeniUa, August. I. c. Auch bei Tertullian ist Venilia 
die dea spei. Zu Grunde liegt eine Erklärung Varros, s. Intp. Mai. V. A. X, 
76 [Farro rerum div]inarum XJIII de dis certis: Spes cum conciliata non frustra 
esset et euenisset, [FeniUae sacrißca]bantur , quam, deam cum Neptuno coniun- 
gunt multi. Vgl. oben S. 121, 1. 



DIE GÖTTER DER INDIGITAMENTA. 213 

I 

der Lust und des sinnlichen Verlangens ^), ferner Praestana oder 
Praestitia, das ist eine Göttin des Strebens und der Kraft, wie 
Yalentia und Pollen tia, welche gleichfalls zu Rom in besonde- 
ren Bildern verehrt wurden *). Daher sich diesen Göttinnen alsbald 
der männliche Agonius und Peragenor gesellt, begleitet von der 
weiblichen Agenoria, lauter Numina der ausfährenden und durch- 
setzenden Thatkraft, wie sie in Rom so frühzeitig erweckt und ge- 
übt wurde ^). Ferner gehören in diese Reihe die Stirn ula d. i. 
der heifse und heftige, mit Aufregung verbundene Trieb der Liebe, 
des Ehrgeizes u. s. w. , daher man diesen Namen später auf die 
griechische Semele, die Mutter des Bacchus, übertrug, sammt ihrem 
Widerspiel der Dea Murcia d. i. die Göttin der Ermüdung und 
Erschlaffung, wie sie auf jede heftige Aufregung folgt, eigentlich 
Venus (I, 438). Weiter Strenua d. i. die Göttin der gesunden 
leiblichen Entwickelung und Numeria und Camena nach den 
beiden Hauptstücken des römischen Schulunterrichts, dem Rechnen 
und Singen d. h. Auswendiglernen und Vortragen guter Lieder*), 
endlich der Divus Gatius, der die Kinder gescheut (catos) macht '^), 082 
Co usus, durch welchen sie Nachdenken und Rathschlagen lernen, 
und Sentia, welcher sie gute Gedanken (sententias) und den treffen- 
den Ausdruck derselben verdanken. Ihren letzten Abschlufs be- 



1) August. IV, 8 aut Folupiae, quae a vohiptaie appeÜata est, aut Liben- 
tinae, cui nomen a Uhidine, Vgl. oben I, 440. 

') Tertull. ad Nat. II, 11 (praestajntiae Praestäiam. Arnob. IV, 3 nennt 
die Dea Praestana, welche auf Veranlassung eines kräftigen Lanzenwurfs des 
Bomulus verehrt worden sei, vgl. Plut. Rom. 20, Serv. V. A. Ilf, 46. Die 
Göttin Polleotia wird erwähnt b. Liv. XXXIX, 7, 8, vgl. Plaut. Cas. IV, 4, 3. 
Eine Diva Peta a rebus petendis dieta nennt Arnob. IV, 7. 

') Tertull. 1. c. ab actu Peragenorem, Augustin IV, 16 Deam ^genoriamy 
quae ad agendum excüarelj Deam Sttmulam, quae ad agendwn ultra modum 
stimularetf Deam Murciam, quae praeter modum non moveret ac faceret homi- 
nem, ut aü Pomponius (der Attellanendichter), m,ttrcidum i, e, nimis desidio- 
sum et inactuogum. Vgl. IV, 11 und Paul. p. 10 Agonium etiam putabant 
deum dici praesidentem rebus agendis, 

^) Numeria quae num.erare doceatj Camena quae caneroy August! n. fV, 11. 
Sonst ist Minerva die GSttin der Schulen, namentlich des Memorirens, s. Aug. 
VII, 3 cui per Uta minuta opera puerorum memoriam, tribuerunt. 

B) Aug. IV, 21 quid opus erat deo Catio Patre, qui catos t. 0. acutos 
faceret. Daher die Namen Cati und Corculi. Ein merkwürdiges Beispiel der 
vollständigen Benennung dieser Gottheiten mit Divus Pater, Diva Mater s. 
oben I, 56. So heifst es weiterhin b. Aug. VI, 9 Deus Pater Subigus et Dea 
Mater Prema. 



214 ZEHNTER ABSCHNITT. 

kommt diese Periode durch die luventas und Fortuna Bar- 
bata, welche die endlich mündig gewordenen Jünglinge verehren 
(I, 261), während die Mädchen hei demselben Lebensabschnitte 
der Venus, der Diana und der Fortuna Virginalis ihre Huldigung dar- 
brachten (I, 450, n, 182). 

Eine neue Reihe bilden die Gottheiten der Ehe und des ehe- 
Hellen Beilagers, man kann sie im Allgemeinen die Dii Nuptiales 
nennen, neben welchen die Bräute noch sogenannte Camelae Vir- 
gines angerufen haben sollen (I, 100), vermuthlich eine Gruppe von 
Nymphen, welche mit der Zeit den griechischen Beinamen yafiijl&a& 
angeilommen hatten. Die übrigen Namen, soviel wir von dieser 
Reihe wissen, denn die Auszüge der Kirchenväter werden hier etwas 
tumultuarisch und verweilen mit besondrer Vorliebe beim Obscönen^), 
lassen sich nach den verschiedenen Acten einer römischen Hoch- 
zeit ordnen. Zuerst sei erwähnt die Dea luga und der Dens 
lugatinus, jene eigentlich die Juno (I, 280), welche überhaupt in 
diesem Kreise wieder die dominirende (röttin ist. Beide, luga und 
lugatinus, sind recht eigentUch die Götter der ehelichen Verbindung 
überhaupt, des coniugium. Weiter schliefsen sich an die Dea Af- 
ferenda ab afferendis dotibus, welches auf einen eignen dazu an- 
gesetzten Act schliefsen läfst, wo der Vater, die Verwandten, die 
Clienten ihre Gaben und Geschenke zur Mitgift und Aussteuer dar- 
688 brachten. Weiter der Dens Domiducus und die Dea Domi- 
duca oder Iterduca, welche sich auf den festlichsten und fröh- 
hchsten Act einer antiken Hochzeit beziehn, die Heimführung der 
jungen Frau in das Haus des sie dort erwartenden Mannes. Die 
Braut erschien dabei in Rom zuerst als nupta, als nova nupta, wie 
es bei CatuU in dem allerliebsten und höchst malerischen Hoch- 
zeitsgedlchte 61, 80 heifst, d. h. mit dem sogenannten flammeum 
verschleiert, einem grofsen Kopftuche von dunkelgelber oder feuer- 
rother Farbe, welches die Gemahlin des Flamen Dialis als Priesterin 
der Juno immer trug^). Darunter war das Haar gescheitelt, zu 
welchem Zwecke die sogenannte caeUbaris hasta gebraucht wurde 
(I, 278), und in sechs Zöpfe geflochten, nach Einigen weil dieses 



>) Tertull. ad Nat. ir, 11, Augustio IV, 11, VI, 9, Arnob. IV, 7 uod 11. 

^) Paul. p. 89. 92 flammeo, Plia. H. N. XX\, 46, JNod. Marc. p. 541. Sehol. 
luvenal. VI, 225 u. A. [Marquardt Privatleben 1, 43. Heibig Sitzuogsber. d. 
Müncb* Ak. 1880 S. 521, ia welcher Abhaodlang überhaupt oeue Aufschlüsse 
über den oben erörterten Gegenstand gegeben sind.] 



DIE GÖTTER DER INDIGITAMENTA. 215 

die alte Nationaltracht der römischen Mädchen überhaupt gewesen, 
nach Andern weil die Vestalinnen ihr Haar eben so trugen^). 
Aufserdem war der Kopf mit einem hohen thurmartigen Aufsatze 
geschmückt^), bei dem übrigen meist sehr kostbaren Anzüge aber 
war von besondrer Wichtigkeit der kunstreich geschürzte Gürtel, 
welcher immer aus SchaafwoUe gewebt sein mufste und mit dem 
sogenannten Herculesknoten geschürzt wurde ^). Geführt wurde die 
Braut von zwei Knaben aus guter und noch blühender Ehe, während 
ein andrer Knabe von gleicher Herkunft mit einer brennenden 
Fackel, welche vom Weifsdorn oder Hartriegel genommen wurde, 
ein dritter Knabe oder auch ein Mädchen mit einem Becken voll 
Wassers, das aus einer reinen Quelle geschöpft sein mufste, vor- 
aufschritt*). Aufserdem wurde ein farreum d. h. ein aus far ge- 
backner Kuchen und Rocken und Spindel vor ihr hergetragen '^), 
während sie selbst drei Asses bei sich führte, um dieselben bei dem 
* Antritte ihrer neuen Würde an ihren Hausherrn, an die Laren des 
Hauses und an die nächsten Compitallaren des Quartiers zu geben 
(oben S. 109). Natürhch fand sich dazu noch allerlei andre Be- 
gleitung von Verwandten und Freunden der Braut und des Bräuti- 
gams mit Musik, Gesang und Scherz, namentlich in der beliebten 
Manier der fescennini versus (oben S. 50), oder der fescennina lo- 
cutio, wie Catull sich ausdrückt. Ein andrer herkömmlicher Ge- 584 
brauch war das Ausstreuen von Nüssen, welche bei demselben 
Dichter von einer allegorischen Person, dem Concubinus, ver- 
theilt werden, einer Personification des Liebesabenteuers und der 
ungebundenen Neigung, welche jetzt von dem Manne Abschied nimmt. 



^) Fest. p. 339 seois criaibus. Vgl. 0. Müller zu Paul. p. 63 v. comptus. 
[Heibig a. 0. S. 515.] 

») Lucao. n, 354 ff. 

^) Paal. p. 63 Cioxiae Innonis und Ciogulo. 

*) Fest. p. 245 patrimi et matrimi, Paal. p. 87 facem, vgl. die verschiedeneo 
ErkläruDgen bei Plio. H. N. XVI, 75 und Varro b. Serv. V. A. IV, 103, Ecl. 
VIII, 29, Non. Marc. p. 112 fax. Um die Hochzeitsfackel rissen sich zuletzt 
die beiden Parteien der Braut und des Bräutigams, ne aut uxor eam sub lecto 
viri ea nocte ponat aut vir in sepulcro comburendam curet, quo utroque mors 
propinqua alterius utrius captari putcdur, Fest. p. 289. Die fünf Fackeln oder 
Kerzen, von denen Plut. Qu. Ro. 2 spricht, gehören wohl zu einem andern 
Acte der Vermählungsfeier, desgleichen der Camiil mit der Lade verborgener 
Heiiigthümer b. Varro 1. 1. VII, 34, Paul. p. 50 und 63 {cumerum), 

6) Plin. H. N. XVin, 10, Plut. Qu. Ro. 31. 



216 ZEHNTER ABSCHNITT. 

um sein Regiment dem Gott der Ehe zu überlassen. Das Aus- 
streuen der Nüsse bei dieser und bei andern Gelegenheiten wird 
von den römischen Alterthumsforschern verschieden, aber nicht 
richtig erklärt^). Vielmehr haben die Haselnüsse bei vielen und 
verschiedenen Völkern eine erotische Bedeutung, als Sinnbilder der 
Liebe, der Befruchtung, der Lebensverjüngung, wie dieses neuer- 
dings aus jenen alten italischen und aus französischen und deut- 
schen Gebräuchen, Sprichwörtern und Liedern ausführlich nach- 
gewiesen ist^). Ja es haben sich sogar in einigen Gegenden von 
Frankreich ganz ähnliche Hochzeitsgebräuche erhalten, da man in 
der einen Nüsse über das am Altare knieende Paar zu schütten, in 
einer andern der Braut in der ersten Hochzeitsnacht dieselbe Frucht 
zu spenden pflegte. Die Anrufungen und Personificationen des Hy- 
menaeus und des Talassio oder Talassius dagegen, wie sie uns 
gleichfalls durch die anmuthigen Gedichte Catulls 61 und 62 ver- 
gegenwärtigt werden, sind theils griechischen theils sabinischen Ur-* 
Sprungs, wie die sabinische Sitte überhaupt bei den matronalen 
Ueberlieferungen und Hochzeitsgebräuchen der Römerinnen einen 
bedeutenden Einflufs behauptete^). Talus soll ein vornehmer Sa- 
biner und Genosse des T. Tatius, Talassius ein beim Raube der 
Sabinerinnen hervorragend betheiligter Genosse des Romulus ge- 
wesen sein, der zu dem sprichwörtlichen Gebrauche seines Namens 
bei allen Hochzeiten Anlafs gegeben habe^): vielleicht ursprünglich 
nur ein Beiname des Quirinus (L 371), aus welchem mit der Zeit 
685 diese historische Person geworden war. Endlich gelangte der Zug 



>) Virg. Ecl. VIII, 30, Fers. I, 10, vgl. obeo S. 17. 42 und Serv. z. Vir^ 
a. a. 0., Schol. Veron. p. 76 Keil. Vorzüglich dienten die nnces iaglandes za 
diesem Zweck, s. Plin. H. N. XV, 86, vgl. oben 1, 109, 1. [S. jetzt Ersilia Cae- 
tani Lovatelli im Ball, della com. arch. comnnale 1882, 55 ff.] 

') Mannhardt in der Zeitschr. f. deutsche Mythol. u. Sittenk. 3, 95 ff. 

') Lucan. II, 368 Non solüi lusere sales nee more Sabino excepit tristis 
convicia festa maritus. 

^) Liv. I, 9, vgl. Dionys. II, 46, Hieronym. b. Mommsen üb. den Chronogr. 
V. J. 354 S. 691. Talus war nach Fest. p. 359 ein gewöhnlicher Vorname der 
Sabiner. Ein Rntuler Talus b. Virg. Aen. XII, 513. Varro erklärte den Namen 
durch Tttlagov d. i. quasillom , also Talassio für eine Personification der den 
Matronen obliegenden Wollarbeit, Serv. V. A. I, 651, Plut. Qu. Ro. 31. Andre 
Erklärungen b. Rofsbach d. röm. Ebe S. 345 und Huschke die osk. und sabell. 
Sprachdenkm. S. 244. [Marquardt Privatleben 1, 52 A. 5. Der Name ist nicht 
erklärt, die Annahme Merklins es sei ein griechisches Beiwort des Consas, 
^aXaaaiogj unhaltbar.] 



DIE GÖTTER DER INDI6ITAMENTA. 217 

an die festlich geschmückte Schwelle des Hauses, wo neue Ge- 
bräuche zu beachten waren. Zunächst wurden die Thurpfosten von 
der Braut mit Oel oder Fett bestrichen und mit wollenen Binden 
umwunden^), letzteres in dem gewöhnlichen Sinne der Heiligung 
und Consecration, während bei jenem Gebrauche das gewöhnliche 
Fett oder Oel wohl nichts Anders als reichliche Fülle und exube- 
ranten Segen ausdrücken sollte, das Wolfsfett dagegen, welches 
Einige vorzogen, indem sie demselben eine averruncirende Wirkung 
zuschrieben (ne quid mali medicamenti inferretur), eine bestimmtere 
Beziehung auf "den Dienst des Mars andeutet. Wegen des ganzen 
Gebrauches hiefs Juno unter andern auf Hochzeit und eheliche Ver- 
bindung deutenden Beinamen auch Unxia^), während als eigne 
Schutzgötter der Schwelle und des Aus- und Eingangs Forculus und 
Limentinus und die Weibliche Göttin Cardea verehrt wurden, von 
denen hernach die Rede sein wird. Weiter mufste die Braut mit 
der gröfsten Vorsicht jeden Anstofs an der Schwelle vermeiden, da- 
her sie gewöhnlich, um jeder Möglichkeit eines bösen Omens zu- 
vorzukommen, über dieselbe hinübergetragen wurde ^). Von der 
Schwelle gelangte sie durch das Vestibulum in den Familiensaal, 
wo der Mann ihr mit Feuer und Wasser vom Heerde des Hauses 
entgegentrat (oben S. 157), sie aber ihn mit der altherkömmlichen 
Anrede empfing: Ubi tu Gaius ego Gaia, nach der gewöhnlichen Er- 
klärung mit Beziehung auf Gaia Caecilia oder Tanaquil, das Ideal 
einer guten Hausfrau; doch war eigentlich auch hier wohl nur die 
Sorge für ein gutes Omen im Spiel, denn der Name Gaius ist ent- 
standen aus Gavius (die oskische Form ist Gaavius), welches mit 
gaudere (gav-isus) zusammenhängt, also auf Freude und hebliches 
Wesen hindeutet^). Darauf läfst sie sich in dem Saale auf einem 

») Plio. H. N. XXVIII, 135, Serv. V. A. IV, 458, vgl. Non. Marc. p. 69 Jdi- 
patum veteres honeste pro pingui et succulento et opimo posuerunt. Bei den 
Persern glaubte man sich darch Eioreibuog mit Löweofett eine besondre 
Gnnst beim Volk oder bei den Königen zu verschaffen, Plin XXVIII, 89. 

') Martian. Cap. II, 149 Iterducam et Domiducam, Unxiam, Citixi- 
am mortales pueüae dehent in nuptias convocare, ut earum et itinera protegas 
et in optatas domos ducas et cum postes ungant faustum omen affigas et 
cingulum ponenies in thalamis non relinquas. 

8) Plaut Cas. IV, 4, 1, Catoll. 61, 166, vgl. Non. Marc. g. 53 vestibnla, p. 
479 sacrificantur, Varro b. Serv. V. Ecl. VIII, 30, Plut. Qu. Ro. 29. 

^) Mommsen Unterit. Dial. S. 253, Aufrecht in der Zeitschr. f. vgl. Sprachf. 
I, 232, [Mommsen Römische Forschungen 1, 12,] vgl. Paul. p. 95 Gaia Caecilia, 
Quintil. I, 7, 28, Plut. Qu. Ro. 30. 



218 ZEHNTER ABSCHNITT. 

686 wollenen Vliefse nieder^), denn sie ist unter dem Schutze der Man- 
tuina eingetreten und wird auf dieser Stätte nun bleiben, aber 
nicht um die Hunde in den Schoofs zu legen, sondern um sie fleifsig 
zu rühren und unter den Mägden bis in die Nacht hinein zu 
spinnen, wie uns die keusche Lucretia geschildert wird. So ist sie 
also in matrimonium ducta d. h. feierlich eingeführt in das Haus, 
wo sie fortan als materfamilias leben und walten soll, nachdem die 
Ehe selbst an der den Genien des Hauses geweihten Stätte (S. 196) 
vollzogen und mit dem Segen der Fruchtbarkeit gesegnet worden. 
Auch dieser naturliche Act und Gedanke wurde im Sinne dieser 
alterthümlichen Frömmigkeit durch eine eigne Reihe von liturgischen 
Anrufungen und entsprechenden Gebräuchen ausgedrückt, auf welche 
die Kirchenväter in ihrem polemischen Eifer nur zu gerne zurück- 
kommen. Zunächst gehören dahin die Anrufungen der (luno) 
Cinxia und Virginensis, jener mit Rücksicht auf die Lösung 
des Gürtels der Braut, dieser weil diese jetzt ihre Jungferschaft 
preisgiebt. Weiter die für unsre Gewöhnungen allerdings sehr an- 
stöfsige Huldigung an einen eignen Genius des weibUchen Empfang- 
nisses und der männlichen Befruchtung, den Mutunus Tutunus, 
bei welcher sich die junge Frau auf ein fascinum setzte^). Endlich 



^) Paul. p. 114 In pelle lanata nova nupta considere solet — , qtiQd testetur 
lanißcii officium se praestaturam viro. Vgl. Plut. Qu. Ro. 31, Liv. 1, 57. 

2) S. aufser Tertull. ad Nat. 11, 11 uad Apolog. 25 Augustin C. D. IV, 11 
Mutuntis vel Ttäunus, Arnob. IV, 7 Tutunus , cuius immanibus pudendU hor^ 
rentique fascino vesiras inequitare matronas et auspicabile dudtis et optatis. 
Vgl. ib. 11 und Lactaot. I, 20, 36 colüur et — Tutinus, in cuius sinu pu' 
dendo nubentes praesident, ut iUarum pudicitiam prior deus delibasse videatur. 
Augustin. VI, 9 Priapus nirnis mascukis, super cuius immanissimum et tun- 
pissimum fascinum sedere nova nupta iubehatur more honestissimo et reUgio- 
sissimo matronarum,. VII, 24 in celebratione nuptiarum super PnHapi scapum 
nova nupta sedere iubebatur. Die beiden Namen erklärt Salmasius fixercitatt. 
Plin. ad Sulin. XXIV p. 219, Mütünus durch das griechische (ivivog s. fAvX' 
jcjv d. i. t6 ywaixsTov, Tütünus durch noa&rj, noad^tav, äol. noS-btov^ lat. 
Puttunas und Tuttunus. Arnob. V, 18 nennt diese Genien des ehelichen Bei- 
lagers deos conserentes. [Vgl. 0. Jahn in den Jhrbb. des V. v. A. F. im 
Rheinl. 27, 48. Sicher ist Mutunus Tutunus oder Mutinus Titinus (denn 
die Existenz dieser, vielleicht einer jüngeren Form, darf durch die unten a. 
Inschr., Lact. 1,20,36, Fest. 154 und das- wahrscheinlich hierhergehörige y/toe- 
tino des Lucilius V. 46 Lachm. als sicher gelten) ein Doppelname wie Aius 
Locutius, sicher auch der Zusammenhang von Mutun-us mit mutun-ium^ mut^ 
toniuniy membrum virile (Löwe Prodr. gloss. 302) ; unsicher die Herkunft von 
Tutun-us, An Toit-esia Beiname der Ops (oben S. 22), erinnert Jordan. Hermes 



DIE GÖTTER DER INDIGITAMENTA. 219 

folgende den weiteren Verlauf des ersten ehelichen Beilagers be- 
treffende Gottheiten: ein Dens Subigus, ut viro subigatur (virgo). 
eine Dea Prema, ut subacta ne se commoveat prematur, ferner 
die Dea Pertunda, quae praesto est virginalem scrobem effodienti- 
bus maritis, und die Dea Perfica, welche das Werk vollends zum 687 
guten Ende ausfuhrt^). Dafs solche Gottheiten nicht blos in den 
priesterlichen Gebetsformeln existirten, sondern in und aufserhalb 
Roms auch vom Volke und zwar von Männern und Frauen ange- 
betet wurden, beweist die Capelle des Mutunus Tutunus in Rom» 
in welcher die Frauen verhüllt zu opfern pflegten, und ein neuer- 
dings in der Gegend von Rimini aufgefundenes seltsames ßildwerk 
in der Gestalt der Hufe eines Pferdes oder Esels mit der Inschrift 
Prema — Arimn(ensis oder -si?) Mutino^), welches sich auf den 
Cultus einer Göttin der Viehzucht und der thierischen Begattung 
zu beziehen scheint. 

Auch bei den übrigen Lebensbeziehungen lassen uns die Ex- 
cerpte der Kirchenväter im Stich; nur die Reihe der den Tod und 
das ßegräbnifs betreffenden numina läfst sich einigermafsen her- 
stellen. Eine Viriplaca, welche in einer Capelle auf dem Palatin 
verehrt wurde, deutet auf gestörtes Vernehmen zwischen Mann und 
Frau. So oft zwischen beiden Streit entstanden war, behauptet 
Val. Max. 11, 1, 6, gingen sie in diese Capelle, sprachen sich dort 
rund und offen gegeneinander aus und kehrten darauf versöhnt 
wieder in ihr Haus zurück. Die Reihe der Todesgötter beginnt bei 
TertuUian ad Nat. H, 15 mit dem Dens Viduus, welcher die Seele 
von dem Körper scheidet (viduat) und als Todesgott nicht inner- 
halb der Stadt, sondern vor derselben verehrt wurde. Ihm schliefsen 
sich an der Dens Caeculus, der die Augen der Sterbenden 
bricht (qui oculos sensu examinat), und die gleichfalls zu Rom ver- 
ehrte Dea Orböna, welche das Licht der Augen vollends aus- 
löscht'). Dann folgt die eigentliche Todesgöttin Mors oder Morta, 

16, 242 zweifelod. £ioe EntlehnnDg aus dem Griechischen ist nicht wohl 
denkbar.] 

») Augüstin. VI, 9, Arnob. IV, 7. 

') Festus p. 154 [Mutini Tutini sacellum fuit in ^elis — (über die von 
Müller falsch ergänzte Stelle vgl. Jordan Top. 2, 24] f., 257; der Aaszug giebt 
weiter:) cui mulieres velcdae togis praetextatis (praetextisl) solebant sacnßcare.] 
Mooum. d. Inst. Archeol. 1854 p. 83. [Or. He. 6110.] 

') Quae in orbäatem lumina exstinguit, so ist b. Tertulliao a. a. 0. für 
semina zu lesen. Vgl. Lucret. III, 1023 lumina sis ocuUs etiam bonW j4ncus 



220 ZEHNTER ABSCHNITT. 

welche von Einigen zu den drei Parcen gerechnet wurde ^), darauf 
sssLibitina als die Göttin der Leichenbegängnisse (I, 440) und 
Nenia d. i. die Personification der üblichen Todesklage, mit welcher 
Yarro die Reihe dieser auf den Verlauf des menschlichen Lebens 
bezogenen Gottheiten beschlossen hatte. Sie hatte eine eigne Capelle 
vor dem Viminalischen Thor, wahrscheinHch doch in der Nähe des 
lucus Libitinae. Es ist die Göttin der Todesklage, wie sie während 
des Leichenzugs entweder von den Verwandten oder von dazu ge- 
mietheten Klageweibern (praeficae) gesungen wurde'). Mit dieser 
Klage, deren schwermüthige Laute in dem Namen der Nenia nach- 
klingen, war eine kurze Aufzählung der Verdienste des Verstorbenen 
verbunden, wie uns davon das Libell des Seneca vom Tode des 
Kaisers Claudius 12 eine anschauliche Vorstellung giebt. Von diesen 
unter Begleitung von klagexiden Flöten während des Leichenzugs 
vorgetragenen Gesängen werden von genauen Schriftstellern unter- 
schieden die Klagen und Gesänge, welche am Grabe des schon Be- 
statteten unter den Klängen einer eignen Art von Tuben von so- 
genannten Siticines vorgetragen sein sollen. 

Auf diese erste Reihe also folgte bei Varro eine zweite, welche 
alle äufseren Verhältnisse und Bedingungen des menschlichen Lebens 
wiederspiegelte, Nahrung, Kleidung u. s. w. Leider liegen bei diesem 
Abschnitte gröfstentheils nur abgerissene Excerpte der späteren 
Schriftsteller yor; doch lassen sich folgende Gruppen unterscheiden. 
Zuerst die Namen solcher Götter, deren Thätigkeit sich auf das 
städtische und örtliche Leben, den Häuserbau und die noth- 
wendigsten häuslichen Einrichtungen bezogt), an ihrer Spitze ver- 
muthlich wieder Janus, hier als Gott der Bögen und Durchgange, 



reliquitj qui melior muUis qiiam tu fuü, v. 103 t lumine ademto emimam, 
moribundo corpore fudü. Plio. H. N. VII, 141 Metellus orbam luminihus exe- 
gü senectam, XI, 150 Coclües — qin aUero lumine orbi nascerentur, und den 
Gebrauch der Wörter orbus fdr caecus, orbitas für caecilas. Dieselbe Göttin 
wird erwähnt b. Cic. N. D. III, 25 nod Plin. II, 6 ideoque etiam publice Febrü 
fanum in Palatio dicatum est, Orbonae ad aedem Lca*um ara et Malae FortU" 
nae Esquiliis. Andre erklärten sie weniger richtig für eine Schutzgöttin der 
orbi d. h. der Verwaisten, Arnob. IV, 7, vgl. Paul. p. 183. [Vgl. Preller 
Aasgew. Aufsätze S. 306 ff.] 

Tertull. 1. c, Cic. N. D. III, 17, 44, Gell. N. A. III, 16, 11 oben S. 193. 

3) Paul. p. 163, Non. Marc. p. 66 und 145, Cic. de Leg. 11,24,62, v^l. 
Gell. N. A. XX, 2, Non. M. p. 54 siticines. [Marquardt Privatleben 1, 342.] 

') Vgl« die leider sehr entstellte Uebersicht bei Tertull. ad Nat II, 15. 



DIE GÖTTER DER INDIGITAMENTA. 221 

und neben ihm eine entsprechende weibliche Göttin, die Diva 
Aiquis und lana. Dann wurde vermuthlich das sehr alte städtische 
Fest Septimontium erwähnt, wo auf sieben Höhen der Stadt von 
den Bewohnern der benachbarten Quartiere den Schutzgöttern dieser 
Höhen (montes), wie es scheint, ein Opfer dargebracht wurde, nehmiich 
auf dem Palatium, den Vehen, dem Fagutal (I, 113, 2), einer ehe- 
mals befestigten Höhe über der Subura, dem Germalus d. h. der 
Ecke des Palatin wo die Zwillinge (germani) gefunden worden, 
endlich dem Oppius und Gispius, mit sacralen Beziehungen und Er- 589 
innerungen, über welche leider kein genauer Bericht vorliegt^). 
Weiter gab es einen eignen Divus Ascensus und eine Dea GH- 
vicola, Personificationen der vielen Steige (clivi) und Gruben im 
alten Rom, wo man um von dem einen Quartier ins andre zu ge- 
langen viel bergauf und bergab laufen mufste^); daher sich hier 
auch die Di vi Limi [?] anschliefsen mögen d. h. die Schutz- 
genien der schiefen Abhänge*). Femer gehören dahin die Götter 
der Schwellen, der Deus Forculus und die Diva Gardea, Di- 
vus Limentinus und Diva Lima [?], endUch der gelegent- 
lich erwähnte Divus Lateranus*), ein eigner Schutzgeist der 
Herde, welche von ungebrannten Backsteinen erbaut wurden. Wieder 
andre Genien und Schutzgeister der Art hatten es mit den Küchen 
und Backöfen (oben S. 9), den Bädern (S. 185, 3), den Ställen, den 
Gefangnissen, den Bordellen zu thun, wie z. B. in den Ställen ge- 
wöhnlich die Epona verehrt wurde. Es sind männliche oder weib- 
liche Ortsgenien, welche sich von den gewöhnlichen Genien in der 
That nur dadurch unterscheiden, daüs sie je nach der besonderen 
Beziehung des Orts oder der damit herkömmlich verbundnen Thätig- 
keit einen eignen Namen bekommen hatten. Eine andre Reihe 
solcher Personificirungen bezog sich dagegen auf die Hülfsmittel und 
Bedingungen des täglichen oder bürgerlichen Lebens, den Erwerb 



^) Becker Haodb. I, 222 ff., Marquardt IV; 159 [Verwaltung 3, 184]. lieber 
die Subura vgl. Fest. p. 309. 

') Luciao de Merc. Good. 26 av «f* ad-kiog ja jukv naga^gaf^iov tä 6h 
ßa&Tiv avavitt noXkä xal xaravra (ToiavTTj yäq tog olad-a rj noXtg) neQiiX- 
&ü)V l'&Q(oxag T€ xal nvevati^g, 

') Aroob. IV, 9 Quis curatores obliquitatum Lim o s (so Sabell. : die Hs. lemonsy 
LmoTte« Hildebr.), quis Satumum praefidem sativis, quis Mo nt in um montium? 

*) Aroob, IV, 6 Lateranus — deus est focorum et genius^ — quod ex 
laterculis crudis caminorum istud exaedificetur genus, 9.. Quis Limentinum^ 
quis Limam (1. Limentinam) custodiam liminum gerere. Vgl. TertuU. L c. 



222 ZEHNTER ABSCIIiNITT. 

u. s. w. ^). So der Deus Ilonorinus, ein eigner Gott der Ehren- 
stellen, die Dii Lucrii als Götter des Gewinnstes, die Dea Pe- 
cunia als götlliche Macht des Geldes, welche in Rom bekanntlich 
immer sehr viel gegolten hat. Auf die beiden Arten des Geldes 
beziehn sich der Deus Aesculanus und sein Sohn, wie Augustinus 
690 ihn nennt, der Deus Argentinus^), die Personificationen des 
£rz- und Silbergeldes, \Yelches letztere in Rom selbst erst seit 
dem J. 485 d. St., 269 v. Chr., fünf Jahre vor dem ersten puni- 
sehen Kriege geprägt wurde, woraus man zugleich einen SchluHs 
auf das Alter dieser Gebilde ziehen kann. Eben dahin gehört der 
Deus Arculus, der Gott der Kasten und Laden, in denen man 
das Geld verwahrte (Paul. p. 16). Wieder auf eine andre Reihe von 
städtischen Lebensbeziehungen deutet die Diva Fes so na d. L eine 
Schutzgöttin der Ermüdeten, welcher sich die in verschiedenen Gegen- 
den vor der Stadt verehrte Quies anschliefsen mag, eine Göttin des 
Ausruhens am Wege und der stillen Sammlung von der Mühe des 
Lebens und dem Geräusche der Stadt*). Ferner die Diva Pei- 
lonia, welche die Feinde vertreibt und sich insofern mit dem 
Deus Tutanus und Deus Rediculus gesellen mag, den man 
auf der Stelle verehrte wo llannibal, angeblich durch aufserordent- 
liehe Gesichte bestimmt, vor Rom umgekehrt war*). 

Vollständiger ist die Reihe der Götter des Ackerbaus (dii 
agrestes), welche Varro höchst wahrscheinlich in demselben zweiten 
Abschnitte unter den zum Unterhalte des menschlichen Lebens ge- 
hörenden Göttern behandelt hatte. Die bestimmenden Hauptgötter 
sind hier Tellus, Ceres, Saturnus, Ops u. s. w. Ihnen gesellen sich 

») S. namentlich Aug^ustin. C D. IV, 21, Arnob. IV, 21. 

') Augustin 1. c. nam ideo patrem Argentini Aesculanum posuerunt, quia 
prius aerea pecunia in usu esse coepit, post argentea. Vgl. IV, 28, Plin. FI. N. 
XXXIII, 44. Gold wurde erst 62 Jahre später geprägt. Da ein Deus Aurious 
nicht verehrt wurde, wäre die Zeit zwischen dem ersten und zweiten puni- 
sehen Kriege etwa als Grenze dieser Sprachbildungen fcstzuhnlteo. 

^) Augustin IV, 16 nennt eine aedes Quietis extra p. Collinam, Llv. IV, 41 
ein fanum Quietis an der via Labicana. Vgl. August. IV, 21 [wo die Hss. 
Fessona, nicht Fessonia geben] und Cic. Or. I, 1 qui locus quietis et tranquil" 
litatis plenissimus fore videbalur, in eo maximae rnoles molestiarum et turbU" 
leniissimae tempestates exstiterunt. 

*) [Pellonia: Aagustin. IV, 21.] Paul. p. 283 Rediculi fanum, Plin. H. N. 
X, 122, Non. Marc. p. 47 Tutanus, wo dieses Bruchstück aus einer Satire Var- 
ros erhalten ist : Noctu Hannibalis cum fugavi exercitum Tutanus, hoc Tutanu* 
Romae nuncupor, Hacpropter omnes qui laborant invocant. 



DIE GÖTTER DER INDIGITAMENTA. 223 

für das Einzelne zunächst die Dea Rusina (von rus), der Dens 
lugatinus, die Dea Collatina, die Dea Vallonia, je nach- 
dem der zu bestellende Acker entweder im offnen Felde oder an 
Bergesabhängen oder auf einem Hügel oder im Thale gelegen war^). 
Weiter wurden als Schutzgottheiten der Saat vornehmUch die beiden 
der Telius oder Ops verwandten, also weiblichen Göttinnen unter- 
schieden, Seia und Segetia. Jener Name ist von sero sevi ab- 
zuleiten, so dafs sie eigentlich Sevia heifsen müfste^), denn es ist 591 
speciell die Göttin der Aussaat, die das noch im Schoofse der Erde 
schlummernde Korn behütet und befruchtet, wofür auch die Namen 
Fructiseia und Semonia vorkommen. Dahingegen jene andre 
Göttin, welche auch Segesta hiefs, die Göttin der schon aus der 
Erde hervorprossenden Saat (seges) ist ^). Weiter entsprechen dann 
den einzelnen Entwickelungsstadien der keimenden, wachsenden und 
reifenden Saat über der Erde folgende Schutzgötter. Zunächst die 
Proserpina, welcher Name vermuthlich aus dem der griechischen 
Persephone entstanden ist, in diesem Zusammenhange aber die Für- 
sorge der Ceres oder Telius für die aus der Erde hervorkeimenden 
Halme ausdrückt*), ferner ein Divus Nodutus, welcher dem auf- 
strebenden Halm von einem Knoten zum andern emporhilft*), eine 
Volutina, welche die deckenden Hülsen der Aehren bildet, endlich 
die Patelana; welche diese Hülsen öffnet, damit die Aehre daraus 
hervorwachsen kamt*). Bei einem andern Schriftsteller wird noch 

^) Augustia C. D. IV, 8 Nee agrorum munus uni alicui deo commütendum 
arbitrati sunt, sed rura deae ßusinae, iuga montium deo lugatino, colUbus 
deam CoUatinam, vallibus f^alloniam. 

2) [Vgl. jedoch Pütt Etymol. Forschungen, 2. Aufl. II, 1, 564.] 

*) Augustin IV, 8. 21, vgl. Macrob. S. I, 16, 8 apud veteres quoque qul no- 
minasset Salutem, Semoniam^ Seianit Segetiam, TuUlinam ferias observabat. 
Die Dea Segetia sieht man in einem eignen T. auf M. der Salonina, der Ge- 
mahlin Galliens, Eckhel D. N. VII p. 418. Nach Plin. H. N. XVIII, 8 standen 
die Bilder der Seia und Segesta im Circus, ein drittes Bild aber, welches 
neben ihnen stand, hatte einen verborgenen Namen. Immer sind die Göttinnen 
der Saat zugleich Göttinnen der Geburt und des Todes, daher zur mystischen 
Allegorie besonders einladend. 

*) Augnstin 1. c. Praefecerunt ergo frumentis germinantibtis Proserpinam. 
Arnob. III, 33 et quod sota in lucem proserpant cognominatam esse Proserpinam, 
Vgl. oben S. 50 f. 

*) Augustin IV, 8 geniculü nodisque culmorum deum Nodutum, c. 11 a 
nodis Nodutum, Arnob. IV, 7 Nodutus [nodutis die Hs.] dicitur deus qui ad 
nodos perducü res satas. 

*) Augustin IV, 8 involumentis foÜiculorum deam Fohitinamj cum folli- 



224 ZEHNTER ABSCHNITT. 

genauer zwischen einer Dea Patellana und einer Dea Patella 
unterschieden, von welchen jene die Aehre aus der umgebenden 
Hülse hervorlocke, diese aber die Göttin der hervorgeti'etenen und 
im Lichte des Himmels reifenden Aehre sei^). Also wäre diese die 
692 eigentliche Erndtegöttin , die blonde Ceres der Griechen (^ayS-^ 
Jfjfi^TfjQ, flava Ceres), und in der That scheint die Erndtegöttin in 
dem alten Italien meist unter diesem Namen verehrt worden zu 
sein. Wenigstens nennen die iguvinischen Tafeln eine Göttin Pa- 
de IIa und die oskische Weihinschrift von Agnone eine Patana*), 
die höchst wahrscheinlich mit jener Patella identisch sind, und 
auch die Dea Panda, welche am Abhänge des Capitols verehrt 
wurde, wo nach ihr ein Thor die p. Pandana hiefs, ist mit Recht 
mit ihr verglichen worden, da auch dieser Name auf denselben Cult 
einer Erndtegöttin zurückführt^). Es scheint sogar daHs dieser 
Name bei den Sabinern und andern Völkern des mittleren Italiens 
der gewöhnliche anstatt der latinischen und römischen Ceres ge- 
wesen ist*). Doch giebt es auch hier für den weitern Verlauf der 
Reife des Getreides bis zur Erndte und Einspeicherung noch eine 



cult patescant, ut spica exeot, Deam Patelanam [so Dombarts Text]. Wie 
geoau auch hier im praktischen und sacraleo Sprachgebrauche unterschieden 
wurde, sieht mau aus Paul. p. 211 pen7iatas impennatasque agnas in 
Saliari carmine spicas significat cum aristis et alias sine aristis^ agncu novo* 
vobiit intelligi. Serv. V. Ge. I, 314 spicos de maturis frugibus abusive dici- 
mus, nam proprie spicus est cum per culmi J'olliculum i, e, extremum tumo^ 
rem aristae adhuc tenues in modum spiculi eminent. 

^) Bei Arnob. JV, 7 lese ich: Patellana numen est et Patella, ex quibus 
una est patef actis, patefaciendis frugibus (für rebus) altera praestituta, 

^) Aufrecht und Kirchhuff Umbr. Sprachd. 2, 80, Mommsen Unterit. Dial. 
128 u. 135. [Vgl. Bücheier im Bonner Festprogr. 22. März 1881 S. XX.] 

B) Verschiedene Erklärungen bei Arnob. IV, 3, welcher sie Dea Panda yel 
Pantica nennt, und bei Nun. Marc. p. 44 pandere, wo diese Stelle aus Varro 
de yita pop. Ro. lib. 1 angeführt wird: Hanc Deam, Melius (also ward sie in 
den Liedern der Salier genannt) putat esse Cererem, sed quod in asylum 
(nehmlich das inter duos lucos) qui confugisset, {ei) panis daretur, esse nomen 
ficium a pane dando pandere, quod est apenre. Die p. Pandana war mit der 
p. Saturnia identisch, Becker Handb. I, 119. daher es nahe liegt bei der Panda 
an die Ops zu denken. [Doch s. Jordan Top. 1, 2, 122.] 

*) Serv. V. Ge. I, 7 Säbini Cererem, Panem appellant, wo also höchst 
wahrscheinlich zu schreiben ist Pandam. Auch in Varros Satiren kam der 
Name Panda vor (I, 346, 2) und eine Göttin Empanda nennt Paul. p. 76. 
Vgl. die Göttin JlavSiva auf Münzen von Hippon und Terina, welche durch 
die Attribute von Mohnköpfen und Aehren als Ceres bestimmt wird. 



DIE GÖTTER DER INDIGITAMENTA. 225 

ganze Reihe einzelner Gottheiten, welche nicht selten mit den Bei- 
namen der griechischen Demeter übereinkommen ^). So ward zur 
Dea Hostilina gebetet dafs sie die Aehren in gleicher Höhe 
wachsen lassen möge, denn hostire ist in der altern lateinischen Sprache 
i. q. aequare^), zur Flora dafs sie die Blüthe des Getreides in ihren 
Schutz nehme, zum Dens Lacturnus oder Lactans, dafs er 
die jungen, noch milchigen Aehren, zur Matura dafs sie das 
reifende Korn behüte^). Auf sie folgt die Dea Runcina, welche das 
Geschäft besorgt, welches die Alten runcari segetes nannten d. h. die 599 
Saat durch Ausrupfen des Unkrauts und der unbrauchbaren Aehren 
reinigen, darauf die DeaMessia, welche das reife Korn schneidet, 
endlich die Tu tili na, welche das Einfahren und Einheimsen des 
geschnittenen Korns*), und eine Dea Noduerensis, welche das 
Aiisdreschen des Getreides auf der Tenne besorgt*). Und hier dürfen 
wir auch auf das oben S. 5 aus Serv. V. G. I, 21 erwähnte Gebet 
des Flamen beim Opfer der Ceres zurückkommen, wo zuerst Tellus 
und Ceres, gewifs aber auch der männliche Tellumo oder Saturnus 
und nach ihm folgende männliche Götter angerufen wurden: der 
Vervactor, Reparator, Imporcitor, Insitor, Obarator, Occator, Sarritor, 
Subruncinator, Messor, Convector, Conditor, Promitor, durch welche 
Namen die wichtigsten Geschäfte des Landmanns von der Aussaat 



Tog, Griech. Mythol. I, 475. [= 601 der 2. A.] 

^) Augustin IV, 8 cum segetes novis aristis aequantur, quia veteres aequare 
hostire dixerunL Vgl. Fest. p. 270 redhostire, 

') Augustin 1. c. florescentibus frutnenUs deam Floram, lactescentüms 
deum Lactumum [so Domb.: deam Lacturciam Vulg.], maturescentibus deam 
Maturam [matutam Domb., richtig?]. Zam Lactaroas vgl. Virgil G. I, 315, woza 
Servius bemerkt: Farro in libris Divinarum dicit deum esse Lactantem, quise 
infundit segeUlms et eas Jacit lactescere. Et sciendum inier lactantem et lacten^ 
iem koc interesse, quod lactans est quae lao praebet, lactens cui fraebeAur, Vgl. 
JNemesian. Cyneg. 290 inde ubi pubentes ealamos duraverit aestas laotentesque 
urens herbas siccaverit omnem messibtu humorem, culmisque arm4xrü aristas etc. 

^) TertuU. Spectac. 8 vom Circus: Columnas Sessias (leg. Seias) a semen- 
tationibus, Messias a messibus^ TutuUnas a tutelis fructuum sustinent Wahr- 
scheinlich standen auf jeder Säule drei gleichartige Göttinnen, vgl. Plin. H. 
JV. XVIII, 8. Tutilina: Augustin. 1. c, Non. Marc. p. 47, [Varro V, 163, 
Macr. 1, 16, 8], Grut 99, 6 [wohl falsch]. So feierte man in Athen der De- 
meter eigne 'EjuxUldia, 

*) Arnob. IV, 7 quae praeest frugibus terendis Noduterensis [nodt^ferendis 
die Hs.], 11 Pertundanty Perßcam, Noduterensem, [Terensis beidemal Salmas.] 

P r e 11 e r , Rom. M jthol. II. 8. Aufl. 15 



226 ZEH?fTER ABSCHNITT. 

bis zur Erndte personificirt werden. Yervactor ist nehmlich der 
erste Umbrecher des Ackerbodens, worauf er als vervactum oder 
ager novalis eine Zeitlang ruht ^), Reparator der welcher ihn zum 
zweitenmal umbricht, Imporcitor endlich der wirkliche Pflüger, 
welcher mit dem Pfluge die Balken oder Bänke (porcas) zwischen 
den Furchen aufwirft ^), in welche darauf von dem Insitor die 
Saaten eingestreut werden. Darauf folgt das Geschäft des Obarator, 
694 weicher den Acker nach eingestreuter Saat uberpflugt, und des 
Occator, welcher mit der Egge nachhilft*). Weiterhin, nachdem 
die Saat aufgegangen ist, beginnt die Thätigk^it des Sarritor, 
welcher mit der Hacke das Unkraut aushebt, und des Subrun- 
cinator, welcher vor der Erndte mit der Hand jätet. Endlich be* 
ginnen die Geschäfte des Messor d. h. des Schneiders, des Gon- 
vector, d.h. des Einfahrers, des Conditor d.h. des Speicherers, 
des Pro mit or d. h. des Ausgebers^). In einem andern Zusammen- 
hange wird erwähnt ein Deus Spinensis, den man bat die 
Dornen und andres Gestrüpp (spinas) von den Aeckern zu ent- 
fernen '^). 

Auch für die Geschäfte des Weinbaus, der Baum- und Obst- 
zucht, der Bienenpflege und der Viehzucht gab es wahrscheinlich 
ähnliche Gebete und Personificationen, doch ist hier nur wenig er- 
halten. Zum Weinbau gehört die Dea Meditrina, welcher das 
Fest der Meditrinalia entspricht*). Der Obst- und Baumzucht ent- 



') I. M. Gessoer im lex. rusticum z. Ausg. der Script, rei rust., welcher 
das Wort von vertere und agere ableitet, während Plio. H. N. XVIII, 176 
erklärt: qtiod vere semel aratum est a temporis argumento vervactum vocatur, 
Reparator ist der das Feld von oeuem umbricht, proscindit. Das ganze Ge- 
schäft des zweimaligen Umweodens und das Darauffolgen des Pfluges 'umfafst 
der attische Tginrokeixos» 

*) Paul. p. 108 Imporcitor qui porcas in agro facit arando, Porca andern 
est inter duos sulcos terra eminens. Vgl. Placid. p. 492 [p. 74 D.]. 

^) Plio. H. N. XVIII, 180 aratione per transversum iterata occatio sequitury 
uhi res poscit crate vel rastro etc. Vgl. Virg. G. I, 94, Plaut. Merc. Prol. 71 
tibi arasy tibi occas, tibi seris, tibi eidem metis. Das Wort hängt zusammen 
mit occidere, s. Varro r. r. 1, 31, Fest. p. 181. [S. Kuhns Z. 7, 164.] 

*) [Über promus condus, woher der Name des Gottes, vgl. Ritschi Opnsc. 4, 
291: dazu kommt jetzt ;;romaJVotiziedegliscayi 1881 p.2]f.=Bull. d.i. 1881,8.] 

») Augustin IV, 21. 

^) S. oben I, 197, Paul. p. 123 und den attischen Gebrauch am Tage der 
Pithögien vor dem ersten Trunk zu beten, äßlaßrj xal acoirjQiov avTolg tov 
(paQfidxov jrv ;|f^faiy yeviadai, Plut. Symp. Qu. III, 7, 1. 



DIE GÖTTER DER mDIGITAMENTA. 227 

sprechen Vertumnus und Pomona (I, 541), der Bienenzucht eine 
Dea Mellona oder Mellonia^), der Viehzucht aufser dem Sil- 
vanus, der Pales u. s. w. ein Deus Nemestrinus als Gott der 
nemora. Endlich gab es zwei eigne Göttinnen der Rindviehzucht 
und der Pferdezucht, Bub 5 na und Epöna^). Jene scheint durch 
eigne Spiele, die ludi Bubetii hiefsen, verherrlicht worden zu sein, 
diese, .die Epona von epus anstatt des gewöhnlichen equus (vgl. 
das griech. tnnog^ celt. epo, und die Stadt Epqredia J. Ivrea), 
wurde [namentlich seit der Kaiserzeit] in Italien und den romani- 
sirten, [besonders den ursprünglich von Kelten bewohnten] Ländern 
in den Ställen verehrt, und zwar nicht blos als Schutzgöttin der 
Pferde, sondern auch als die der Esel und Mäuler. Entweder wurde 
in einer Nische in der Mitte des Hauptbalkens, der die Decke des 
Stalls trug, eine kleine Capelle errichtet und ihr Sitzbild in der- 
selben bei festlicher Gelegenheit mit Rosen und andern Blumen 
bekränzt, oder es wurden mit ihrem Bilde ganze Praesepien von 
Pferden, Eseln, Mauleseln und andern Thieren in Gemälden oder 595 
in Bildwerken ausgeführt und für den Gebrauch der Stalle ge- 
weiht '). 

») Augastin IV, 34, Arnob. IV, 7. 

») Aug. IV, 24, 34, Plin. H. N. XVIII, 12. Der durch eine Inschrift aus der 
Gegend der Eifel bekannt gewordene Gaprio scheint dagegen ein celtischer 
Gott zu sein, s. J. Becker Zeitschr. f. A. W. 1851 n. 16. 

8) luvenal. VIII, 156, Apulei. Metam. HI p. 225. Vgl. Tertull. ad Nat. J, 11, 
Apolog. 16, Minuc. Fei. Octav. 28. [Prudent. Apoth. 197. Das hier von P. a. 
Denkmälermaterial ist seitdem vermehrt, die nicht unwichtige Frage ob £pona 
italisch oder keltisch ist (für dieses u. A. Pictet Rev. arch. 1864 II, 311, für 
jenes besonders Gorssen, zuletzt Beitr. z. ital. Sprachenk. S. 128), vielfach er- 
örtert. Letztere steht so: 1) das p in Ep-ona lafst nur die Wahl an kel- 
tischen oder oskischen oder mittelit. Ursprung (vgl. den Namen Epidius) zu 
denken: lateinisch ist das Wort nicht. 2) Das 6 des Suffixes (denn Juven. 
u. Prudent. aa. 00. messen so nicht etwa willkürlich statt Ep-öna: Jordan 
Krit. Beitr. 121) spricht für keltischen Ursprung (vgl. Divonä), die geschicht- 
lichen Verhältnisse gestatten eine frühe Herübernahme von den Galli appo- 
ntissimi ad iumenta (Varro r. r. II, 10, 4) anzunehmen, zumal in Rom und 
Italien die Denkmäler spät und vereinzelt auftreten, auch die aa. Schrift- 
steller nur bezeugen, dafs der Kult (in dieser verhältnifsmäfsig späten Zeit) 
in den niedrigen Sphären verbreitet war, andrerseits auffallender Weise 
die Göttin in den Excerpten Augustins aus Varro nicht vorkommt. — Her- 
cules und Epona C. I. L. 3, 4784 (oben S. 179, 1). 6, 293. 7, 1114 d. — Rom: 
G. 1. L. 6, 293 ; Wandgem. im Circus des D. Romulus, Bianconi de' cerchi ed. 
Fea T. XVI; Gemme (Ann. d.Ists 1866 T. K.); späte Statuette (Ann. 1881 T. S. 

15* 



228 ZEHNTER ABSCHNITT. 

Wie weit die ältere Zeit diesem Triel)e der Personification aller 
sacralen Acte folgte, sieht man auch aus den über die Vorgänge im 
Haine der Dea Dia aufgenommenen Protokollen der Arvalischen 
Brüder t. XXXII u. XLIII [Henzen Acta S. 147]. Einmal soll ein 
Feigenbaum vom Giebel des Tempels entfernt werden. Da wird 
sowohl vor als nach dieser Arbeit (oben S. 35) zuerst den Göttern 
des Orts geopfert, dann aber der Adolenda, Commolenda und 
Deferunda, das sind Personificationen des bei Hinwegräumung 
jenes Baums beobachteten Verfahrens, indem man ihn erst von dem 
Tempel herunternahm, dann zerhackte und endhch verbrannte. In 
einem andern Falle, wo einige von dem Blitz beschädigte Bäume 
aus dem Hain entfernt werden, wird wieder zuerst den Göttern und 
dann der Adolenda und Coinquenda geopfert, welche letztere 
in diesem Falle dasselbe bedeutet was dort die Commolenda, wäh- 
rend die Deferunda von selbst wegfiel. Auch dabei liegt aber keines- 
wegs die blofse Willkür der Personification abstracter Thatsachen zu 
Grunde, sondern eine gewisse herkömmliche, durch priesterliche 
Satzung und Weihung geheiligte Formel. Wurde doch selbst auf 
dem Lande kein heiliger Baum gefallt, kein Hain gelichtet, ohne 
dafs man vorher in einer bestimmten, von Cato r. r. 139 (vgl. 
Plin. H. N. XVU, 267) beschriebenen Weise geopfert und gebetet 
hätte 1). 

4. j4ndre Götter und Personificationen des praktischen Lehens. 

Auf diese Vorstellungen einer älteren, noch meist von priester- 
licheh Satzungen bestimmten Zeit möge nun eine Reihe ähnlicher 
Götter und Personificationen folgen, welche wie jene meist das prak- 

vgl. Mamcchi S. 239 ff.); Pompeji Wandg. (Aon. 1872 T. D vgl. Jordao S. 
47 ff.); Noricum, häufige Inschrr. (3, 184 u. soast; Daciea 788, Panaoniea 
3420); Keltenländer, Schweiz Mo. I. Helv. 219, Germanien Or. He. 5238 f. 
5804, Bildwerke Jahrb. V. A. F. im Rheinl. 3, 47. 8, 129. 26,92. Becker 
Heddernheimer Votivhand Frankf. 1861 S. 6. 21. — Britannien C. I. L. 7, 747. 
1114. — Der Typus der Göttin tritt am deutlichsten auf dem Pomp. Wandg. 
als entlehnt hervor: es ist eine ein Kind im Arm haltende auf einem Maul- 
thier sitzende Kurotrophos. Sonst stehend oder sitzend (Rom. Stat.) zwischen 
zwei Maulthieren und diese streichelnd.] 

^) [Über die Form der Namen Jdolenda u. s. w. oben S. 70 A. 3. Über 
die Sache vgl. Jordan Krit. Beitr. 278 ff. und im Anschlufs an das Spoletiner 
Haingesetz (in welchem es heifst honce loucom nequs violatod — neque cedito^ 
nesei quod die res deina anua ßet: eod die quod rei dinai cau[s]a fi^ sine 
dolo cedre licetod) im Königsberger Ind. lect. hib. 1882/1883 S. 23 ff.] 



DIE GÖTTER DER mDIGITAMENTA. 229 

tische und bürgerliche Lehen betreffen. Theils sind es ältere Götter 
des einheimischen Lebens, theils spätere Personificirungen schon 
ganz abstracter Begriffe, theils endlich griechische Götter, welche 
letztere besonders in diesem Kreise supplementarisch auftreten d. h. öm 
gewisse Berufskreise und Thätigkeiten darstellen und mit diesen 
nach Rom kamen, die das ältere Italien gar nicht oder nicht so 
entwickelt kannte, also erst durch die griechische Civilisation kennen 
lernte. Namenthch gehören dahin die Interessen des Handels und 
Wandels und dessen ganze Profession sammt ihrem griechischen 
Schutzgott, dem Hermes, daher ich dessen lateinischen Stellvertreter 
zuerst einführe, um darauf später die italischen und griechischen 
Heilgötter und endlich die Begriffsgötter yerschiedener Kreise folgen 
zu lassen. 

a. Handel und Wandel, 
Mercurius. 

Schon der Name sagt dafs wir es hier lediglich mit einem 
Handelsgotte zu thun haben, dem Schutzgotte der mercatores und 
des coUegii mercatorum, welches gleichzeitig mit seinem Culte, also 
unter dem Einflüsse griechischer Handelsverbindungen entstand, die 
wir zunächst in Cumae und Sicilien suchen dürfen, s. Liv. II, 34. 
Das ältere Rom hatte einen selbständigen Handelsverkehr gewifs 
nicht gehabt noch gesucht; selbst die Anlage von Ostia unter Ancus 
Marcius drückt schwerlich etwas Andres aus als das Bestreben, sich 
die zu allen Zeiten für Rom aufserordentlich wichtige Zufuhr auf 
dem Tiber zu sichern. Wohl aber verdankte Rom hier wie in allen 
übrigen Dingen den Tarquiniern einen lebhaften und gro£sartigen 
Aufschwung, wie dieses sehr deutlich durch den ersten Handels- 
tractat zwischen Rom und Karthago bewiesen wird. Daher die Er- 
scheinung dafs unter den nationalen Göttern des römischen Glau- 
bens weder ein eigner See- noch Handelsgott sich befinden, denn 
Janus ist dieses nur beiläufig wie Neptunus jenes (oben S. 120). 
Wohl aber hatte sich durch die über das ganze mittelländische Meer, 
namentlich auch über Campanien, das südliche Italien, Sicilien, das 
südliche Frankreich verbreiteten Colonien der Griechen auf diesem 
Meere damals ein eben so specifisch griechischer Handelsverkehr 
gebildet, wie später im Mittelalter und seit demselben durch die 
Handelsverbindungen der Pisaner, der Genuesen, der Venetianer ein 
specifisch italienischer; daher sowohl Rom als Etrurien, sobald sie 



230 ZEHNTER ABSCHNITT. 

in diesen Verkehr eintraten, mit den Yortheilen desselben auch dessen 
Hülfsmittel, Terminologie und religiöse Bilder entlehnten, wie z. B. 
auch die latinische und römische Buchstabenschrift eine Gabe dieses 
697 griechischen, zunächst durch Cumae vermittelten Handelsverkehrs 
ist. In Etrurien hiefs der griechische Hermes Turms ^). Rom 
gab ihm, vermuthlich nach dem Vorgänge andrer latinischer Städte 
den Namen Mercurius^) d. h. des Handelsgottes, denn nur dieses 
bedeutete ihnen der griechische Hermes und nur als solcher ist er 
lange Zeit in Rom verehrt worden. Den näheren Zusammenhang 
erkennt man ziemlich deutlich aus Livius. Nach der Vertreibung 
der Tarquinier litt Rom unter äufsern und innem Verwicklungen 
nicht selten sehr an Kornmangel, daher eben in jener Zeit und 
zwar in denselben drei Jahren 257 — 259 d. St. zugleich der ein- 
heimische Dienst des Saturnus, des alten Kornspenders, gefördert 
und die Dienste der Ceres und des Mercurius nach griechischen 
Mustern eingeführt wurden. Der T. des Mercur wurde im J. 259 
an den Iden des Mai gestiftet, ohne Zweifel mit Rücksicht auf seine 
Abstammung vom Jupiter und der Mala, von denen jener der Gott 
aller Ideen war und diese nun mit der arkadischen Atlantide MaXa^ 
der Mutter des Hermes, identificirt wurde ^). Mit der Dedication 
sollte zugleich die annona geregelt und eine eigne Zunft von Kauf- 
leuten eingerichtet werden (Li v. II, 21. 27), ein deutlicher Beweis 
dafs diese Stiftung zunächst im Interesse des durch den V\^ucher 
der Patricier arg gedrückten Kornmarktes und einer regelmäfsigen 
Verbindung mit den griechischen Handelsplätzen gemacht wurde. 
Jene Zunft heilst bald die der mercatores bald die der Mercuriales ; 
also bildete sie, wie ihr Stiftungsfest mit dem des Mercur zusammen- 
fiel^), zunächst auü^h die engere Gemeinde dieses Gottesdienstes, 

^) [Mit einheimischem, nicht wie auch F. hier noch annahm, ans dem 
Griechischen verstümmeltem Namen. Die Notizen über ihn bei Deecke zu 
Müller Etr. 2, 74.] 

') Auf einem Spiegel bei Gerhard t. 182 [C. I. L. ], 59] wird der Name 
geschrieben MIRQVRIOS: vgl. Vel. Long. p. 2236. [Gr. lat. 7, 77 commtr- 
cium — antiquis relinquamus, apud quos Mircurius item per i dicebatur. 
Merqurio auf einem Altar vielleicht nodi aus republikanischer Zeit G. I. L. 6, 
518: aber gleichzeitig jenem (archaischen) Denkmal Mircurios G. I. L. 1, 1500, 
Mercuris Eph. epigr. 1 n. 21; wie Maqolnia, Macolnia neben einander. Vgl. 
Ritschi Op. 4, 288. — Mircurio noch später, Lissa, G. I. L. 3, 3076.] 

») Ovid F. V, 81 ff., Macrob. S. 1, 12, 19, Plut. Numa 19, lo. Lyd. IV, 52, 
vgl. J, 398 und unten S. 598. 

^) Paul. p. 148 Maus Idäfus mercatorum dies festus erat, quod eo die Mer^ 



MERCURIUS. 231 

welcher ohne Zweifel, wie der der Ceres und andre fremde Gottes- 
dienste (I, 154, 2), in seiner Symbolik und in seinen liturgischen 
Einrichtungen vor der Hand ein griechischer blieb. Mit der Zeit 
ist der römische Mercurius dann zum Gott des Kaufs und Verkaufs 
überhaupt geworden , auch des Budenverkehrs und aller Krämer, 698 
deren es in Rom in allen lebhafteren Strafsen und Plätzen eine 
grofse Menge gab. So hatten nun auch alle diese Strafsen ihre be- 
sondern Bilder und Capellen des Mercurius mit besondern Beinamen ^), 
während der alte Haupttempel an dem südlichen Ende des Circus 
Maximus lag, wo sich zwischen demselben und dem Aventin einige 
Reste von ihm gefunden haben. An den Iden des Mai opferten die 
Kaufleute dem Mercur und seiner Mutter Maia^), indem sie 
sich zugleich durch einen abergläubischen Gebrauch der Gunst und 

curii aedes esset dedicata. Das coUegium der Mercnriales erwähnt Cic. ad 
Qa. fr. II, 5 [und die I. Henz. 6010]. Ähnliche Collegia fanden sich in vielen 
andern Städten Italiens. [Das römische gehört za den GoUegien der pagi: 
vgl. Jordan Top. 1, 1, 278.] 

>) Ovid F. V, 671, Paul. p. 124, Serv. V. A. IV, 638. Fest. p. 161 
Malevoli M er curii Signum erat proxime lanum. Den Namen Malevolus 
habe er geführt, quod in nullius täbemam spectabat, Paul. p. 296 Sobrium 
vi cum Romae dictum putant vel quod in eo tabema nuüa fuerit vel quod in 
eo Mercurio lade, non vino supplicabatur. Vgl. Henzen n. 5094 numtdarius 
a Mercurio Sobrio, [Mercarias sobrius und epulo (C. I. L. 6, 522), der nüch- 
terne und der schmausende Geschäftsmann, dürfen als hübsche Genrebilder 
aus dem römischen Leben angesehen werden.] Ueber den T. des Mercur s. 
Becker S. 470. 

') Macrob. 1. c. Kai. Venus. 16. Mai. Doch waren die Iden d. h. 15. Mai 
der eigentliche Festtag, vgl. noch Martial XII, 67 Maiae Mercurium creastis 
Idus. [CLL. 1, p. 393 z. 15. Mai: dazu der Kalender von Cäre Eph. ep. 
3, 6. 9 [Mercurio et] Maiae ad circ(um) m{aximum).] Eine Inschrift 
aus Lyon bei Boissieu p. 606 nennt Tiber und seine Mutter Livia Mercurius 
Augustus und Mala Augusta. [Daher vereinzelte Widmungen Mercurio Maiae: 
Pompeji l R. JN. 2258 v. J. 740. 2260, Laus Pompeja G. L L. 5, 6354, Byzanz 
3, 740; häufiger im germanisch-keltischen Gebiet Jahrb. V. A. F. Rheinl. 27, 
68. 29, 173. 37, 63. — Der latinische 'Waarengott' hat mit der latinischen 
Erdgöttin Maia-Bonadea nichts zu thun, Mercur -Mala ist ein griechisches 
Paar. Ebenso würde der Todesgott' Mercur der chthonische Hermes oder 
H. Psychopompos sein, wenn er überhaupt sicher nachweisbar wäre. Doch 
genügen dafür die Vermuthungen Nissens Pomp. St. 334 nicht. Der Hahn, 
welchen JVissen als Vogel der Persephone fafst, wird auf Bildern in Pompeji 
zwar vorzugsweise dem Mercur gesellt (Helb. 14. 15. 361. 353 ff.: vgl. dazu 
das Relief G. I. L. 7, 707), aber nicht ausschliefslich (beim Genius und den 
Laren 52. 62, beim Hercules 77). Das ständige Opferthier ist der Bock. 
VgL S. 232 A. 3. Eine runde ara G. L L. 6, 578 ist ein ßtofiog äyvnv^ und 



232 ZEHNTER ABSCHNITT. 

des unmittelbaren Beistandes dieses Gottes der List und alles Be« 
truges zu versichern suchten, welcher eben so wesentlich zum Kram- 
handel der Griechen und Römer gehörte, wie es noch jetzt in den 
Bazars von Smyrna und Constantinopel der Fall ist. Nicht gar weit 
von jenem Tempel des Mercur, in der Nähe der p. Capena befand 
sich eine ihm geweihte Quelle, aus welcher der Kaufmann an diesem 
Tage Wasser schöpfte. In dieses tauchte er einen Lorbeerzweig, 
besprengte sein Haupt und seine Waaren mit dem Wasser und 
betete dabei zum Mercur, wie Ovid F. V, 673 ff. erzählt, dafs 
er die Schuld jedes begangenen Betrugs von seinem Haupte und 
von seinem Kram abwaschen und letzteren trotz alles Betrugs auch 
für die Zukunft mit Gewinn segnen möge ^). Auch bei Plautus im 
Prologe zum Amphitruo ist Mercur noch ganz der Gott des Handels 
und Wandels und bei Horaz heifst es gelegentlich von einem ge- 
schickten Hausmakler, er führe beim Volke den Spitznamen Her- 
curialis'). Doch beweist derselbe Dichter, wenn er sich selbst Od. 
H, 17, 29 einen vir Mercurialis nennt, dafs die Gebildeten bereits 
an den feineren und vielseitigeren Begriff des Hermes gewöhnt waren, 
wie Horaz so schön Od. I, 10 und zwar mit Andeutung des mytho- 
690 logischen Hintergrundes ausfuhrt^). Mit Mercur hatte sich auch 
sein Symbol des friedlichen Verkehrs, das xfjQVxs^op, über das 
mittlere Italien verbreitet und zwar recht früh, wie man aus der 
lateinischen Uebertragung caduceus schliefsen darf*); doch haben 

hat ebenfalls mit dem Wesen des lat. M. Nichts zu thun. Vgl. Jordan Top. 
1, 1, 34. Gott der Wege? C. I. L. 7, 271.] 

^) [Der Name der Mercurquelle hat sich bis ins Mittelalter hinelB er- 
halten : sie ist noch jetzt nachweisbar. Jordan Top. 2, 530, Lanciani Le acqne 
(in den Memorie der ac. d. Lincei ISSO) S. 10 f.]. 

*) Horat. S. II, 3, 24, vgl. Pers. V, 112 nee gluto sorbere saliüom Mer- 
curialem d. h. quae lucri eupiditate movetur, 

') Ovid F. V, 665 pacis et armorum superis imisque deorum arbäer, — 
laete lyrae pulsu^ nitida quoque laete palaestra, quo didicit cuUe Ungua doeeräe 
loqui. Den M. rpy^onofAnog setzt das Mährchen bei Ovid F. II, 606 ff. vor- 
aas, den vofjiiog die Ableitang des Evander von ihm und der arkadische* 
Nikostrate. Auch erscheint auf römischen und romanischen Bildwerken der 
Bock neben ihm als Attribut, z. B. auf dem Relief aus Lyon bei Boiasie« 
p. 13. [S. Wieseler in den Jhrbb. d. V. v. A. F. im Rheinl. 37, 124 ff. Data 
dem M. kein taurus, wohl aber ihm und Liber der caper zu opfern sei, sagt 
Arnobius VII, 21 (vgl. Lübbert Comra. pontif. S. 115). Das wird bestätigt 
durch die Opfer Vorschrift CLL. 8,8246. 8247: edum MercuHo.] VgL das 
vielsagende Gedicht bei Or. n. 1417, Corp. I. Gr. n. 5953 [= C. L L. 6,620.] 

^) Vgl. oben I, 152, 1 und die älteren italischen BroBzemÜDzen, wo 



MERCCRIUS. 233 

sich die einheimischen Fetialen dieses Symboles nie bedient. Von 
Rom aus aber hat sich Mercurius mit dem römischen Handelsver- 
kehre weiter über das ganze Gebiet desselben nach dem Westen und 
Norden verbreitet, wie davon nicht allein zahlreiche Inschriften Zeug- 
nifs ablegen^), sondern auch viele kleine Bronzestatuen, welche ihn 
gewöhnlich mit den beiden herkömmhchen Attributen des Schlangen- 
stabes und des Seckels darstellen^). Besonders häufig finden sich 
solche Bilder und andre Denkmäler desMercuriusdienstes in Lotbringen, 
im Elsafs und in den deutschen Rhein- und Donauländern, wo aller- 
dings auch der römische Handelsverkehr ein sehr lebhafter war. 
Häufig sind diese Denkmäler aber auch auf die Rechnung des ein- 
heimischen d. h. celtischen und germanischen Götterglaubens zu 
setzen, welcher sich bei den Benennungen und Abbildungen seiner 
Götter bekanntUch sehr bald durch die römische Mythologie be- 
stimmen hefs. Wissen wir doch dafs derselbe griechische Künstler 
Zenodoros, welcher den Colofs des Nero gofs, auch den Avernem 
eine Statue ihres Mercurius, ein Werk von grofser Kostbarkeit und 
Schönheit, gegossen hatte®). In der römischen Kaiserzeit durch- 
kreuzten sich mit den griechischen Vorstellungen die vom ägypti- eoo 
sehen Hermes als priesterlichem Gesetzgeber und Stifter aller reli- 
giösen Gebräuche und Culte*). 

Mercurius und sein Stab zu dea ältesten Zeichen gehören. Immer galt der 
caduceas vorzugsweise als signura pacis, doch führten die Fetialen statt seiner 
die sagmina, s. Gell. X, 27, Non. Marc. p. 528, Marcianus Dig. 1, 8, 8, oben 
I, 245. [Ein bronzener caduceus war in die Schwelle des tiberianischen Con- 
cordientempels eingelassen. VherxaQvxsioVy xaQvxiov, caduceus s, Jor &&ik 
Hermes 15, 17: Anklang an cäducus nimmt Gurtins Et. 438 an.] 

') Or. n. 1394 ff. , Henzen n. 5690 ff. Den Handelsgott characterisiren 
folgende Prädicate, Or. n. 1404 [= C. I. L. 5, 6596, lucrorum repertori das. 
6594, lucri repertor in dem S. 232 A. 3 a. Gedicht]; Mercurio lucrorum potenti et 
conservatori, Or. 1409 Deo Mercurio Nundinatori [s. J. Becker Die Heddern- 
heimer Votivhand S. 21, not 7], 1410 Mercurio Neg'otiatort, [Ein mercator 
als Dedicant G. I. L. 5, 7145. Deo M[ercurio] censuaU (?) C. I. L. 3, 5943. 
Im Verein mit Fortuna: oben S. 185, 5. Falsch sind die Inschr. Or. 1411 — 1413. 
Barbarische Beinamen in Rätien: ^rcecius, Cimiacinus G. I. L. 3, 5768. 5773. 
— Übrigens ist die Ausbreitung des Kults ziemlich ungleichmäfsig. In Rom 
sind verhältnifsmäfsig wenig Steine gefunden (G. I. L. 6, 514 — 522), zuletzt 
noch (April 1882) einer auf dem Forum beim Vestatempel deo \ Mercuri[o], 
auf der unteren Fläche steht das Dedicationsdatum 26. März 275.] 

») Pers. S. VI, 62, Schol. Pers. V, 112. 

») Plin. H. N. XXXIV, 45. 

*) S. die M. des M. Aurel bei Eckhel D. N. VII p. 60. [Inschrift C. I. L. 



\ 



234 ZEHMER ABSCHMTT. 

b. Heilgotter, 

Auch hier hat mit der Zeit das griechische Wesen überwogen, 
da die einheimisclien Vorstellungen und Bedürfnisse sowohl was das 
geistige als was das leibliche Heil betrifft einem CultuB besondrer 
Heilgutter wenig entgegenkamen. Jupiter ist die wahre Quelle alles 
Heils, neben ihm etwa Vejovis als Gott der Sühnung und Juventas, 
auch Mars sofern er averruncus ist. Doch stellte sich unter und 
neben diese Götter sehr früh der griechische Apollo, in Rom speciell 
6/ als Medicus verehrt, welchem später sein Sohn Aesculapius nach- 
folgte. Indessen ist einiges Aeltere nachzuholen. So zunächst die 
alte Sabin ische Göttin 

Streiiia 

oder Strenua, deren Name durch die zu Anfang des Jahrs gewechsel- 
ten strenae (I, ISO) verewigt ist. Ihr Cultus soll von dem sabini- 
sehen Könige T. Tatius beriühren ^). Der Name hängt mit dem 
lateinischen strenuus zusammen und bedeutete dieselbe Göttin, welche 
in Rom gewöhnlich Salus hiefs^). Ein altes Heiligthum der Strenia, 
umgeben von einem Haine geweihter Glücksbäume, lag in der Nähe 
des Colosseums, beim Ausgange der Carinen, wo die Sacra Via^in 
ihrer ursprünglichen und priesterlichen Bedeutung begann d. h. 
die Processionsstrafse verschiedner gottesdienstlicher Veranlassungen, 
deren Endpunkte der Hain der Strenia und der alte Auguralsitz auf 
der Capitolinischen Arx waren ^). Aus dem Haine der Strenia wurden 
seit der Stiftung des T. Tatius zu Anfang jedes Jahres geweihete 
Zweige auf die Arx getragen, aus welchem heiligen Gebrauche mit 
der Zeit jener populäre und profane der strenae entstanden ist. 
Der gewöhnliche Name der Heilgöttin also war 



3, 79 ans Ägypten deo Magno Mercurto adoravit vexiüus leg. II n. s. w. (v. 
J. 109). Auch der M, Caelestis 6, 521 scheint hierher zu gehören.] 

1) Symmach. X, i28 (35), 

^) [Strenia a strennum faciendo, daher mit Stimula und Murcia zusammen- 
gestellt: Angnstin. IV, 11. 16. Der Zusammenhang ist unsicher. Natürlich 
ist weder Strenia noch Salus ursprünglich sabinisch, vielmehr recht eigentlich 
römisch-latinisch.] 

^) Varro 1. 1. V, 47 Ceroliensis a Carinarum iunctu dictut Carinaey postea 
cerionia [so F: pote a cerimonia Jordan Top. 1, 1, 196], quod hinc oritur caput 
Sacrae viae ab Streniae sacello, quae pertinet in Arcem etc. Vgl. Fest. p. 290 
oben I, 201, 1. Das Wort Ceroliensis scheint eine sacrale Bedeutung zu haben, 
8. oben I, 80. 



STRENIA. SALUS. 235 

Salus, 601 

auch sie eine sabinische Göttin, daher sich ihr Heiligthum auf 
dem Quirinale befand, wo eine Anhöhe nach demselben collis Sa- 
lutaris und das benachbarte Stadtthor porta Salutaris hiefs. Einen 
Tempel bekam sie erst im Laufe der Samniterkriege. Er wurde 
im J. 452 d. St., 302 v. Chr. eingeweiht und war den kunstverstän- 
digen Römern deswegen theuer, weil ihr eigner Mitbürger Fabius 
Pictor, von welchem dieser Zuname auf seine Nachkommen über- 
ging, ihn ausgemalt hatte. Der Festtag und der Dedicationstag des 
Tempels war der 5. August^). Dafs dieselbe Göttin auch in andern 
Gegenden von Italien verehrt wurde, beweisen verschiedene In- 
schriften^). In Rom wurde sie im öffentlichen Gottesdienste für 
das römische Volk und für den Kaiser angerufen, daher eine eigne 
Salus publica oder Salus publica Populi Romani, welche neben den 
drei Capitolinischen Göttern genannt zu werden pflegt^)', und die 
von Münzen und Inschriften oft erwähnte Salus Augusta oder Salus 
Augustorum *). Zu beiden wurde von den priesterlichen Collegien 

*) [Liv. IX, 43. X, 1.] Kai. Gapranic. Amitern. Antiat. Becker S. 578. 
[Plin. XXXV, 19 exusta tempore Claudii, Dach Henzen Acta arv. p. 94 nicht 
wieder aufgebaut: doch s. Jordan Top. 1, 1, 499 A. 8.] 

') Eine zu Hortanum gefnndne, jetzt im Gregorianischen Museum aufbe- 
wahrte Schale mit der Inschrift Salutes pocolom. [C. I. L. 1,49.] Auch 
von den alterthümlichen Inschriften aus Pisaurum betrifft eine [das. 179] die 
Salus {Sohlte für Saluti). Vgl. Or. n. 1827 Saluti sacrum, aus Signa in 
Latiam. [Bei Plautus sieht man deutlich, dafs Salus noch als echte Göttin 
empfunden wurde: Asin. 713 ff. Capt. 526. 860. Cist. JV, 2, 76. Most. 351. 
Pseud. 709. Poen. prol. 128. Dazu kommt die in älterer Zeit bei keiner Be- 
gegnung unterlassene Sitte des salutem dicere, salvere iubere (vgl. Briss. Form. 
8, 64), der im Staats- wie im Privatleben ständige Wunsch des salvom sospi- 
tem servari: ein Kapitel das einer eingehenden Untersuchung bedarf.] 

9) Fr. Arv. t. 23, 41; 32, 1. 8, vgl. Marini p. 98 [Henzen a. 0.], Or. n. 
1829 [Ferentinum]. 

*) Or. n. 689. 1171. 1577 (= C. I. L. 5, 428]. 2193. 6121. [C. I. L. 3, 1437. 
4162. 8, 8305]. [Die I. aus Rimini He. 6121 verstand Borghesi so: Saluti 
ex voto — aedem S{aluti) A(ugustae) ded{icavit) h{aec) a(edes) S. A, h(abet) 
IL {leges) q(uas) D{ianae) R{pmae) i. n (in) A{venttno). — Die zahlreichen 
Widmungen pro salute domus divmae der einzelnen Kaiser und Angehörigen 
der k. Familie sowie von Privaten an verschiedene Gottheiten (analog 
denen der Laodicenser und Ephesier, salutis ergo G. I. L. 1, 587 f., wahr- 
scheinlich vom Salustempel) sind nicht Widmungen an die Göttin Salus. Solche 
scheinen in Rom ganz zu fehlen, in den Provinzen nur sporadisch vorzukom- 
men: G. I. L. 2, 653. 806. 1391. 7, 100 {Sahdi Reginae) 164 (Fortunae Reduci 
Aescuiapio et Saluti eius liberti et famiUa u. s. w. — vgl. 8, 2579).] 



236 ZEILMER ABSCHNITT. 

und den Behörden des Staats viel und oft gebetet, namentlich zu 
Anfang des Jahrs, bei eintretenden Kranklieiten , an Geburtstagen 
u. s. w., mit der grufsten Feierlichkeit aber vermittelst des soge- 
nannten Augurium Salutis, welches nach einem alten Brauche 
eigentlich jährlich, vermuthlich gleichfalls zu Anfang des Jahres oder 
bald nach dem Amtsantritte neuer Consuln vorgenommen werden 
sollte, aber wegen der vielen dabei zu beobachtenden religiösen 
Rücksichten nicht selten unterblieb. Es bedurfte nehmlich einer 
vorgängigen Anfrage und Beobachtung der öffentlichen Augurn, 'ob 
ein solches Gebet den Göttern angenehm sein wurde, ferner eines 
Tags welcher ohne allen kriegerischen Lärm in- und auüserhalb der 
602 Stadt verliefe: worauf die feierliche Fürbitte für das römische Volk 
und seine höheren und niedern Behörden ^) von den höchsten Staats- 
beamten, vermuthlich mit der gewöhnlichen Betheiligung der Ponti- 
fices gesprochen wurde. Darüber unterblieb der Gebrauch nicht 
selten, vollends in der stürmischen Zeit der bürgerlichen Kriege, 
bis August und später noch einmal Claudius ihn wieder ins Leben 
riefen^). Ausnahmsweise wurde auch wohl für einzelne Personen 
zur Salus gebetet, wie z. B. dem Pompejus im J. 49 v. Chr., als er 
während des Krieges gegen Cäsar in Neapel schwer erkrankte, die 
grofse Auszeichnung zu Theil wurde, dafs durch ganz Italien eine 
öfifentliche Fürbitte für ihn gethan wurde ^). Unter den Kaisern 
wurde dieses vollends zur Pflicht und Nero stiftete sogar pentaete- 
rische Spiele, die sogenannten Neronia, welche seinem Wohle und 
der Dauer seiner Herrschaft galten^). So pflegte man nun auch per 
salutem der Kaiser zu schwören, ein Schwur welchen auch die 
Christen für unverfänglich hielten, während sie den beim Genius 
oder der Fortuna der Kaiser zu umgehen suchten. Uebrigens war 
es mit der Zeit herkömmlich geworden, die alte italische Salus mit 
der griechischen Hygieia, der Tochter und Gesellin Aesculaps, zu 
identißciren , daher auch ihre bildliche Darstellung durch diese be- 
stimmt wurde. Schon im J. 180 v. Chr. wurden auf Veranlassung 
einer schweren Pestilenz specielle Gebete an Apollo, Aesculapius 

») Fest. p. 161 Max. Praet, Dio Cass. XXXVII, 24, vgl. Cic. de Leg. 11, 8, 
20, de Divin. f, 47, 105, Rabino Uoters. I, S. 52. 

*) Dio LI, 20, Sueton Octav. 31, Tacit. Ann. XII, 23. 

«) Dio XLI, 6, vgl. Cic. Tusc. I, 35, 86. 

*) Dio LXI, 21, vgl. oben I, 299. Auch stiftete er nach der VersehwöriiDg 
des Piso einen neuen T. der Salas, Tacit. ib. XV, 74. 



SALUS. CARNA. 237 

und die Salus beschlossen (Liv. XL, 37) und später dachte vollends 
Jeder bei diesem Namen an die griechische Göttin. Ihr Bild sieht 
man auf den Münzen Tibers, Neros, M. Aureis u. A., ein jugendlich 
frisches Mädchen von einfacher Tracht, gewöhnlich mit dem Attri- 
but der Schlange, die sie aus der Schale ti*änkt. Noch eine ver- 
wandte Göttin des altern Volksglaubens ist 

Carna oder Cardea 

denn beide Namen kommen neben einander vor (unten A. 1), ob- 
wohl die Göttin eine und dieselbe zu sein scheint. Einige Schrift- 
steller beschreiben sie als eine Göttin, welche Herz und Eingeweide 
stärke. Andre nennen sie Cardea und eine Göttin der Thürangeln, 
die sie mit den gleichartigen männlichen Gottheiten, dem Forculus und 
Limentinus zusammenstellen. Die Auflösung dieses Widerspruchs giebt oos 
Ovid F. VI, 101 ff., welcher auf Veranlassung ihres Festes an den Kaien- 
den des Juni folgendes Mährchen erzählt^). Am Tiber lag ein alter 
Hain des He lern us^), wo die Pontifices regelmäfsige Opfer brach- 
ten. Daher stamme die Nymphe, welche eigentlich Cranae geheifsen 
habe, aber durch Janus zur Carna d. h. zur Schutzgöttin aller Angeln 
und alles Aus- und Eingangs geworden sei. Als Nymphe sei sie 
keusch und rüstig gewesen wie Diana; sprach ein Jüngling ihr von 
Liebe, so schickte sie ihn mit dem Verbote sich umzusehen ins 
Gebüsch und entwich hinterrücks. Auch dem liebenden Janus dachte 
sie so zu entkommen; aber dieser mit seinem Doppelgesichte war 
nicht zu hintergehen. So gewann er sie, gab ihr das Schutzrecht 
über alle Thürangeln (das ius cardinis) und dazu einen Weifsdorn 

1) Macrob. S. I, 12, 31, vgl. Tertnll. de Idolol. 15, de Corona 13, ad Nat. 
II, 15, Scorp. 10, Augustin C. D. IV, 8, VI, 7. [Merkel zu Ov. F. S. CXLVni 
bemerkt, dafs Ovid die Carna nnd Cardea vermische. Von jener spricht Macr. 
{Carna ist überliefert): sie behütet nach ihm dem Menschen intrinseeus viscera; 
die übrigen scheinen nur an Cardea (bei Ang. schwanken die Hss. zwischen 
carnea und cardea), die Göttin der cardines zu denken. Eine etymologische 
Verwandtschaft beider Namen kann schwerlich angenommen werden. Über die 
Carna vgl. oben I, 153, 1.] 

>) [Bei Ov. 105 schwanken die besten Hss. zwischen elemi (so auch die 
Mallersdorfer) und häemi; bei dems. II, 67 hat man ebenfalls Helerni ge- 
schrieben, allein hier ist avemi oder (Mallersd.) asyli überliefert. Dagegen ist 
Merkels Vermuthung a. 0. bei Festus epit. p. 93, 13 zu schreiben furvum 
bovem id est nigrum immolabant Elemo {eterno angeblich die Hss., Atemo u. a. 
die Herausgeber) sehr ansprechend. Zur Namensform vgl. a. a. Alhumus 
I, 155, 1.] 



238 ZEUxNTER ABSCHNITT. 

(spinam albam), um damit allen bösen Schaden von den Thüren 
abzuwenden, vor allem die gräulichen Strigen, welche in der Nacht 
kommen und den Kindern das Blut aussaugen. Das sind garstige 
Flügelgestalten mit grofsem Kopf, starrenden Augen, dem Schnabel 
eines Raubvogels, aschgrauem Gefieder und scharfen Krallen. Wenn 
die Amme nicht auipafst, schlüpfen sie bei Nacht ein, nehmen das 
Kind aus der Wiege und sättigen sich mit seinem Blute. Strigen 
heifsen sie von stridere, argi^sip, weil sie in der Nacht unheim- 
lich schwirren ; wie sie entstanden weifs man nicht, ob sie ein eignes 
Yogelgescblecht sind oder ob böser Zauber alte Weiber nach ihrem 
Tode in solche Vögel verwandeln kann. So drangen sie auch in 
die Kammer des latinischen Königskindes Proca, welches fünf Tage 
alt beinahe ihre Beute geworden wäre. Sie sogen von seinem Herz* 
blute, vergebens wimmerte das Kind nach Hülfe. Die Amme eilt 
herbei und sieht die Spur der Krallen an der zarten Wange; schon 
hatte das Kind eine Farbe wie das welke Laub der Bäume. Da 
nimmt sie ihre Zuflucht zur Carna, welche gleich an die Wiege des 
kleinen Prinzen tritt, die Eltern tröstet und ihre Noth hilft. Zuerst 
berührt sie die Pfosten und die Schwelle dreimal mit dem Laube 
des Erdbeerbaumes (arbutus), dann besprengt sie den Eingang mit 
Wasser und nimmt die Eingeweide eines Spanferkelchens in ihre 
Hand. Nun spricht sie den Segen: Schont ihr nächtlichen Vögel 
der Eingeweide des Kindes, das zarte Thier gelte füi' den zarten 
604 Knaben, Herz für Herz, Eingeweide für Eingeweide, Seele für Seele. 
Dann legt sie die Stücke ins Freie, Niemand darf sich nach ihnen 
umblicken. Endlich legt sie die Janusruthe von Weifsdom ins 
Fensterloch und nun kann keine Strige mehr hinein und das Kind 
bekommt schnell seine Farbe wieder. Warum man an dem Fest- 
tage der Carna, den Kaienden des Juni, Speck und Bohnen esse 
und der Göttin davon darbringe? Weil man diese Speisen für be- 
sonders nahrhaft hielt ^); vollends wer sie an dem ersten Juni ge- 
nielse, welcher Tag deshalb Kalendae fabariae hiels, der könne das 
ganze Jahr hindurch auf gesunde Eingeweide rechnen. Also das 
derbe Mahl, das nur der gesunde Magen verträgt, zu Ehren der 
Göttin, die Fleisch und Blut segnet und behütet. Eine Göttin die 
der Strenia und Juventas verwandt ist, deren Ovid F. VI, 65 gleich- 

^) Macrob. I, 12, 33 cui piUte fabacia et larido sacrificatur, quod Ms maxime 
rebus vires corporis roborentur. Vgl. Ovid F. VI, 181, Plin. H, N. XVIII, 118. 
[S. auch Mommsen im C. I. L. 1 p. 394.] 



CARJHA. 239 

falls zu den Kalenden des Juni gedenkt, auch der Juno, der eigent- 
lichen Schutzgöttin aller Wochenstuben, welcher diese Kalenden vor 
den übrigeir heilig waren. Weil Carna die Wochenstube an Thür 
und Fenster behütet dafs kein Spuk eindringe, hielt man sie für 
eine Göttin des Ein- und Ausgangs, weil sie sich auf geheimnifs- 
voUe Künste versteht, liebt sie den Versteck. Auf dem Caelius 
hatte sie ein eignes Heiligthum, angeblich hatte es lunius Brutus 
gleich nach Vertreibung des Tyrannen gestiftet, wobei wieder die 
Kalenden des Juni im Spiele sind, aber auch der Doppelsinn des 
Wortes cor. Nehmlich man betete zu ihr um Segen für Herz und 
Nieren und alle Eingeweide ^), wo das Wort cor (xagdiä) eigentlich 
den Magen bedeutete, das zur Gesundheit des ganzen Menschen 
so wesentliche Organ, wie dieses der römischen Plebs von dem klugen 
Menenius Agrippa mit so gutem Erfolge zu Gemüthe geführt wurde. 
Andre nahmen cor für den Verstand und so entstand die Legende, 
dafs Brutus der Urheber dieses Dienstes sei^). Die Slrigen haben 
den Aberglauben der alten Griechen und Italiener auch sonst viel eo* 
beschäftigt. Sie fressen Herz und Eingeweide verstorbener Kinder, 
indem sie dafür Stroh einstopfen, zehren das Mark der Lebendigen 
und rauschen durch die Luft wie unsre Hexen*). Der Weifsdorn 
und der Hartriegel (cornus d. i. xQccpsia, daher der Name Cranae) 
lieferte auch die Hochzeitsfackel (S. 583), der Hartriegel wegen seiner 

*) Ut lecinora et corda quaeque sunt inirinsecus viscera salva conservet. 
Vgl, Lucret. VI, 1150 morhida vis in cor maestum confluxerat aegris. Horat. 
S. II, 3, 29 in cor iraiecto lateris miseri capitisve dolore. Vgl. v. 161 non est 
cardiacus d. h. der an einem schwachen Magen leidet. Manche leiteten den 
Namen Gardea ab von cor. 

3) Macrob. 1. c. quia cordis beneßcio, cuius dissimtdatione hrutus habeba- 
tur, idoneus emendationi publici status exstitü, hone deam quae vüaUbus praeest 
templo sacravit. Vgl. Cic. Tusc. I, 6, 18 Aliis cor ipsum animus videtur, ex 
quo excordeSj vecordes concordesque dicuntur et Nasica ille prudens — Corcu- 
lum et egregie cordatus homo etc. Lacret. V, 1105 ingenio qui praestabant 
et corde vigebant, Petron. 75 Corcülum est quod homines facüy cetera quis- 
quilia omnia. Das fanam Garnae erwähnt aach Tertull. ad Nat. II; 9. 

8) Vgl. Plaut. Pseudol. III, 2, 31, Petron. 63 und 134, Fest. p. 314 Stri[gem, 
ut ait Ferri\us Graeci aigfyya aplpellant], quod maleficis mulieribus nomen 
inditum est, quas volaticas etiam vocant. Itaque solent his verbis eas veluti 
avertere Graeci: ZtqCyy^ anonifAHV wxnßoav, räv Oiqlyy* ano XaiüV^ 
"Oqviv ocv(ovviutov, atQCyy' atxvnoQovg Inl vrjas, wie M. Haupt diese Verse 
hergestellt hat, inl vijag d. h. fort mit ihnen ins Meer, in den Ocean. Vgl. 
Isidor XI, 4, 2, XII, 7, 42, Gloss. Labb. Striga laiaxgvywv xai yvvri (paQfiaxis 
und den verwandten Aberglauben bei Grimm D. M. 992. 1035. 



240 ZEHNTER ABSCHNITT. 

Härte, weswegen man ihn auch zu Lanzenschäften, vermuthlich auch 
zu Thürangeln verwendete, welche bei den Alten als Zapfen oben 
und unten am Thürflügel angebracht und in die obere und untere 
Schwelle eingelassen wurden. Dem Weilsdorn {^dfivog) wurde auch 
in Asien und Griechenland eine Gegenwirkung gegen dämonische 
Einflüsse zugeschrieben, daher man ihn bei Geburten und Leichen- 
begängnissen draufsen an der Thür anheftete oder davon vor der 
Thor verbrannte oder sich und die Häuser mit einer daraus ge- 
wonnenen Salbe bestrich^). Lauter Vorstellungen und Hulfsmittel 
des populären Aberglaubens, welcher sowohl in Griechenland als in 
Italien aufserordentlich erfinderisch war und wie die Geschichte des 
Mährchens bei den Alten einer eingehenderen Beobachtung würdig 
wäre. In andern Fällen half man sich mit der einfachen Personi- 
fication des gefürchteten Uebels, z. B. der 

Fäfris 

welche in dem feuchten Tiberthale von jeher zu Hause gewesen 
ist und zu Rom in drei Capellen verehrt wurde, im Palatium, auf 
dem Platze der Marianischen Monumente d. h. auf dem Esquilin 
606 und in der Langen Gasse (vicus longus) d. h. auf dem Quirinal^. 
Die Leidenden pflegten die Heilmittel, welche sie an ihrem Leibe 
getragen hatten (quae cor|)oribus aegrorum adnexa fuerant), nach 
erlangter Heilung in diese Capellen zu weihn: ein Ausdruck welcher 
auch wieder auf den Aberglauben der Amulete und sogenannter 
neqiajixa schliefsen läfst, welche in der populären Medicin der 
Alten eine groDse Rolle spielten und nicht blos an Hals, Arm und 
Brust, sondern auch an andern Theilen des Körpers getragen wurden % 
Dazu kam endlich der griechische Dienst des 

Aesculapius. 

Es war im Jahre 291 v. Chr., nachdem eine schwere Pest, wie 
sie oft erwähnt werden und gewöhnlich neue Religionen herbei- 
zogen, mehrere Jahre hindurch Stadt und Land verheert hatte, als 
die SibyUinischen Bücher den Rath gaben, den Aesculap von Epi- 

^) Hesych. u. Phot. v. Qtxfxvos. Vgl. Diog. L. IV, 57 und andre Stellen 
bei Bötticher Baumcoltas S. 360. [S. aach Kuhn Herabkunft des Feuers S. 237.] 

>) Cic. N. D. III, 25, 63, de Leg. II, 11, 28, Plin. H. N. II, 16, Val. Max. 
II, 5, 6. [Vgl. Jordan Top. 2, 520. 1, 1, 148 ff.] 

») Marquardt Handb. d. R. A. IV, 116 ff. 



AESCULAPIUS. 241 

dauros, damals dem angesehensten Cultusorte, nach Rom zu holen. 
Man hatte in diesem Jahre nur noch die Zeit zu einer allgemeinen 
Fürbitte an den griechischen Heilgott; aber gleich im nächsten 
Jahre schritt man zur Ausführung^). Noch hatte Rom kein näheres 
Yerhältnifs zu Griechenland, doch durften sich die Legaten auf das 
Gewicht des römischen Namens verlassen. Man führte sie zu Epi- 
dauros in den bekannten Tempel, fünf Million von der Stadt, und 
bat sie zu nehmen was ihrer Heimath frommen werde. Da soll 
sich die heilige Schlange des Aesculap, deren Erscheinung immer 
Heil und Segen bedeutete, zu den Füfsen des Bildes erhoben und 
friedlich langsam den römischen Gesandten gefolgt sein, durch 
die Stadt in den Hafen und auf das Schiff, wo sie sich auf dem 
Hinterdeck in dem Zelte des Führers der Gesandtschaft aufringelte 
und ruhig liegen blieb. Die Römer lieisen sich alsbald in dem Cultus 
dieser Schlange, in welcher man den Genius des Aesculap erblickte^), 
von den Priestern des Ortes unterrichten und eilten heimwärts. 
Unterwegs als sie in Antium anlegten, schlüpfte die Schlange ans 
Land und ringelte sich in dem dortigen Haine des Apollo um eine 
hohe Palme, drei Tage lang, worauf sie auf das Schiff zurückkehrte : 
daher ein angesehener T. des Aesculap auch zu Antium ^). Als das eor 

1) Liv. X, 47, Epit. 1. XI, Val. Max. I, 8, 2, Ovid Met. XV, 622 ff., Plut. 
Qu. Ro. 94, Aurel. Vict. v. ill. 22. [Über den Tempel und über den Kultus 
vgl. Jordan in den Comment. philol. in hon. Mommseni 356 ff. Plinius XXIX, 
16: ideo templum Aesculapü etiam cum reciperetur is deus extra urbem fe^ 
cüse iterumque in insula traduntur. Es gab also ein älteres Heiligthum 
des Äskulap extra pomerium wie ein älteres Apollinar vor der Gründung des 
Apollotempels (oben I, 303 A. 1). Die frühe Verbreitung des Dienstes in 
Italien folgt auch aus der Aufschrift Aisclapi pococolom (so fehlerhaft) auf 
eiaer der fictilia litterata antiquissima (Ritschi Op. 4, 564 ff.) und aus der 
sehr alterthümlichen Umbildung des griechischen Namens jiaxXantog in /4e- 
sdapius (nach Priscians zweifelhaftem Zeugnifs I, 51 nach ^äolischem Vorbild'), 
woraus durch Vokaleinschub Aescolapius (so die dreisprachige Inschrift aus 
Sardinien bei Ritschi Op. 4, 659 ff., vgl. Garrucci Syll. 2200 (republikanisch) 
und vielleicht CLL. 8, 8782), Aeseulapio wie Hercoles aus Hercles wurde. 
Dem vereinzelten Alax^anltp der Bronze von Bologna (Annali 1834 T. E: 
eeht?) liegt jedenfalls schon die italische Form zu Grunde. S. Jordan Krit. 
Beiträge S. 24 ff. — Das alte Aesdapio haben auch die Steine von Narona 
C. L L. 3, 1766. 1767 und Aquileja 5, 727. 728. Asclepius ist auch auf Steinen 
nicht selten, Asculapio (so) vereinzelt (Eph. epigr. 4, 258 n. 719).] 

') in quo ipsum nurnen esse constabat, Liv. Epit. 1. c. 
r ») Val. Max. 1. c, Ovid Met XV, 722, Liv. XLIII, 4. Bei Oros. Bist, ffl, 
22 ist für horrendumque Epidaurium colubrum cum ipso Aesculapii la- 
Preller, Bom. MythoL H. 8. Aufl. 16 



242 ZEHNTER ABSCHNITT. 

Schiff in Rom anlangt, schwimmt die Schlange nach der Tiberinsel 
und wählt sich dort ihr Heiligthum, worauf die Pest alsbald auf- 
hört. Bei Ovid haben sich auch die Wunder dieser Legende sehr 
vermehrt. Der Tempel lag ziemlich in der Mitte der Insel in der 
Gegend der jetzigen Kirche di S. Giovanni, wo man neuerdings 
verschiedene Anatheme, wie sie in Heilanstalten geweiht zu werden 
pflegten, unter dem Kreideniederschlag des Flusses gefunden hat, 
Füfse, Beine, Hände, Arme und andre Gliedmafsen von Terracotta ^). 
In seiner Nähe lag ein Tempel des Veiovis, mit welchem er 
den Festtag am 1. Januar gemein hatte (I, 265 f.). Der Cultus 
und die Ausstattung war ganz der griechische, das Bild mit dem 
Stabe versehen und mit Lorbeer bekränzt, das Opfer das eines Hahns, 
neben welchem Tbiere aus mythologischen Gründen auch die Hunde 
diesem Gott heilig waren (Paul. p. 110). Die symbolische Bedeu- 
tung der Schlange und ihre Heiligkeit leuchtete den Römern um so 
leichter ein, da auch ihr einheimischer Genienglaube diesem Thiere 
eine geweihte Bedeutung verlieh. Jedenfalls war eine Heilanstalt 
mit dem Tempel verbunden, wahrscheinlich wie dieses bei den zahl- 
reichen Asklepieen der Griechen der Fall war, eine Incubation, wo 
die Leidenden sich zum Schlafe niederlegten, um im Traume eine 
Ofl*enbarung über das anzi^wendende Heilmittel zu erlangen*). Die 
ganze Tiberinsel wurde darüber zum Heiligthum und zur Aesculapius- 
inseP); man hatte ihr zum Andenken an die auch in Bildwerken 
verewigte Ankunft der Schlange^) die Gestalt eines Schiffs gegeben 



pide advexerint zu schreiben cum ipso Aesculapio» Das Wort lapide ist 
durch Dittographie eotstanden, ein beim Orosins nicht seltner Fehler. [S. 
Prellers Aasg^ew. Aufs. S. 308 f.] 

1) Canina Bullet, dell' Inst. Arch. 1854 p. XXXVII sq. Vgl. Grimm D. 
M. 1131. 

>) Vgl. Sueton Claud. 25 und die meist griechischen Inschriften dieses 
römischen Aesculapiusdienstes im Corp. I. Gr. III n. 5973 c. — 5980 , wo von 
allerlei wunderbaren Heilungen und im Traume offenbarten Heilmitteln die 
Rede ist , vgl. auch die Inschrift eines Erzblechs b. Marini Iscriz. Alb. p. 5 
und Or. n. 1573. 

') Dionys. V, 13 vr^aog evfiayid^q IdaxXriniov Uqu, vgl. Plut. Publ. 8, 
Sueton 1. c. insula Asclepii, Sidon. Apollin. £p. I, 7 insuJa serpenWs Epidaurii, 
Der Hain des Äskulap, von welchem Val. Max. I, 1, 19 erzählt, ist der auf 
der Insel Kos, s. Dio LI, 9. 

«) S. die M. des Antoninus Pius b. Eckhel D. N. VII p. 32. 33 [Jordan 
Top. 1, 1, 412 A. 25] und das Bronzemedaillon aus der Zeit des Commodus 
bei Wieseler D. A. K. II t. XLI, 778. 



AESGULAPIUS. 243 

d. h. ihre Ufer in dieser Gestalt aufgemauert, wie davon noch jetzt 608 
an der Spitze bei Ponte rotto deutliche Spuren zu sehen sind^). 
Natürlich zog er auch manche griechische Heilkünstler nach sich, 
doch war eben dieses der Grund weswegen sich bei der nationalen 
Partei lange eine entschiedene Opposition gegen alle griechischen 
Heilanstalten behauptete. Im J. 219 v. Chr., ein Jahr vor dem Aus- 
bruch des zweiten punischen Kriegs, hatte sich der erste griechische 
Wundarzt in Rom niedergelassen; er bekam sogar das Bürgerrecht 
und auf Staatskosten einen Laden in compito Acilio, welche Strafse 
eben daher (von äxiofjiai) ihren Namen bekommen hatte ^). Allein 
dieser Arzt wüthete so unbarmherzig mit Messer und Brenneisen, 
dafs der Name eines Chirurgen und der eines Schinders gleichbe- 
deutend wurde und Cato es für seine Pflicht hielt die Römer nach- 
drücklich vor dieser griechischen Kunst, hinter welcher der Alte so- 
gar eine Verschwörung witterte, zu warnen und auf das alte Her- 
kommen der Hausmittel und Arzneibücher zu verweisen. Jetzt hiefs 
es, eben deshalb habe man den T. des Aesculap nicht in der Stadt, 
sondern aufserhalb derselben gestiftet, und als man lange nach Cato 
die Griechen überhaupt aus Italien verwies, wurden die Aerzte nicht 
ausgenommen (Plin. H. N. XXIX, 12ff.). So hat auch später die 
Kunst der Medicin in Rom niemals festen Fufs fassen können; 
wenigstens haben sich die Römer selbst auf dieses Gewerbe, das 
ihnen schon als solches anstöfsig war, nur in seltnen Ausnahmen 
eingelassen, sondern es immer den Griechen überlassen, unter denen 
es natürlich viele Quacksalber und Charlatane gab, zumal da sich 
die Polizei nicht um sie bekümmerte^). Desto mehr hatte auch 



M [Vollkommea erkennbar ist an der dem 1. Ufer zugewendeten Seite 
der als Büste im Belief dargestellte Kopf des Askalap (lockig, bärtig); daneben 
der Schlangenstab, beide das insigne des heiligen Schiffes darstellend. Der £r- 
haltangszustand ist jetzt derselbe wie im 16. Jahrhundert. Jordan Annali 
deir ist. 1867, 389 mit t. K.] 

>) Daher auf den Münzen der Acilia der Kopf der Salus und Valetudo, 
welche hier die griechische Hygieia vertritt. 

') Noch Macrobius S. I, 20, 4 sagt ganz im Sinne der gemeinen Praxis: 
Apoüodorus in libris quibus titulus est nsgl &id5v scribüy quod Aesculapius 
divinatümibus et auguriis praesit. ^ec mirum^ siquidem medicinae atque di- 
vtnatumum consociatae sunt disciplinae. [Der Bauer zu Calos Zeit hat seine 
Hausdi'ät und für aufsergewöhnliche Unglücksfälle seine Zaubersprüche, die er 
absingt (Cato r. r. 156 ff.); im übrigen rechnet er auf den Schutz der Götter 
auf Grund seiner regelmäfsigen Opfer. Aber noch viel später werden auf 

16* 



244 ZEHNTER ABSCfl?IITT. 

der Aberglaube freies Spiel, welcher den Aesculapiusdienst zugleich 
beförderte und bestimmte. Hatte er sich von Griechenland aus 
über den hellenistischen Orient verbreitet, wo er mit allerlei andern 
Culten, namentlich dem des Serapis verschmolz, so verbreitete er 
sich nun von Rom aus durch Italien und die romanischen Länder, 
immer in derselben herkömmlichen Gestalt, Aesculapius und an 
609 seiner Seite Salus oder Hygiea , häufig auch Telesphorus und bis- 
weilen in einer eignen Personification der Gott des Schlafs (Somnus), 
weil in seinem Tempel gewöhnlich der Schlaf zur Heilung führte ^). 
Ein aufserordentlich weit verbreiteter und sehr heihg gehaltener 
Gottesdienst, zu welchem Noth und Aberglaube so häuflg ihre Zu- 
flucht nahmen, dafs Aesculap mit am längsten unter den Göttern 
des Heidenthums gegen das Christenthum ausgehalten hat. Man 
nannte ihn den Herrn und König (JßaaiXsvq), den Heiland (ötazi^q) 
und den Menschenfreund schlechthin {(fiXavd^qodnotcnov) und pflegte 
seine Epiphanieen, seine Wunder, seine Orakel den Christen gegen- 
über mit besonderm Nachdruck geltend zu machen^). 

c. Sieges-y Kriegs- und Friedensgötter, 

Victoria, 

Diese treue Freundin der Römer begegnet uns gleichfalls in ver- 
schiednen Formen, einer einheimischen älteren und der griechischen. 
Eine ältere Siegesgöttin wurde auf dem Palatin verehrt, vermuthlich 
eine der sabinischen Vacuna oder Victoria verwandte Göttin^). AuDser- 



dem Laade des zünftigen Ärzten zum Trotz von der kräaterknndigen Wald- 
fran, der Bona Dea, Waoderkareo vorgeoommea (oben I, 404 A. 2).] 

*) Vgl. die Inschriften b. Or. n. 1572 (f., Henzen n. 5736—38* Eine 
Sammlung von Bildern griechischen und römischen Ursprungs bei Wieseler 
D. A. K. II t. LX. LXI. [Im ganzen Umfang des römischen Reichs sind 
natürlich Widmungen an Äsculap, bezw. Ä. undHygia (vgl. Asclepio et 
saluii commilitonum C. I. L. 6. 20) nicht selten. Charakteristisch C. I. L. 3, 1561 
pro salute Cyrillae quod a longa infirmitaie viriute aquarum numinis tui revocave^ 
runt (über numen oben I, 57) und an demselben Ort 1562 dis et numtnibus 
Aquarum (womit oben S. 144, 3 zu verbinden) ; 5, 6970 medicis Taur{ims) cuÜor^ 
(ibus) Asclepii et Hygiae; das rathselhafte auribus A, et ff, 3, 986 (wie auribus 
Bonae Deae oben I, 404, 2). Aus Rom besitzen wir a. a. noch die lex coÜegU Aescw- 
lapü et Hygiae v. J. 153 (Or. 2417) und eine (nicht pnblicirte?) Basis, vorn 
Aesculapio Epidaurio \ d. pp. \ et Saluti rechts salvos ire links salvos redire (Mos. 
Ghiaram. 121); ähnlich ein Altar im capitol. ^ms. feliop ire, felix redire,] 

2) Orig. c. Cels. III p. 124 ed. Spencer [vgl. C. I. L. 3, 1422.] 

») Dionys. I, 32, Liv. XXIX, 14, vgl. oben I, 407. 



VICTORIA. 245 

dem scheint die zu Rom am Fufse der Yeliae, wo einst das Haus 
des Valerius Publicola gestanden hatte, verehrte Vica Pota eine ältere • 
Göttin des obsiegenden Erfolgs gewesen zu sein; wenigstens wird sie 
in diesem Sinne von Cicero erklärt '). Einen andern T. der Victoria 
weihte der Consul L. Postumius im Samniterkriege, 294 v. Chr., s. 
Liv. X, 33. Vermuthlich lag er auf dem Capitol, wo die wahre Stätte 
der Siegesgöttin war und ein für die Verehrung des lupiter Victor 
bestimmtes Heiligthum wiederholt erwähnt wird (I, 198). Auf dem 
Capitol wurden auch gewöhnlich die jetzt ganz dem anmuthigen und 
lebensvollen Vorbilde der Griechen folgenden Victorien aufgestellt, 
welche bald einheimische Feldherrn bald auswärtige Völker und 
Könige weihten, darunter die goldne, 220 Pfund schwere, welche 
der treue und verständige Hiero von Syracus gleich nach der Nieder- eio 
läge von Cannä schickte (I, 233, 3) ; dahingegen es bei der von Cato 
gestifteten Capelle der Victoria Virgo unentschieden bleibt, ob sie 
auf dem Capitol oder auf dem Palatin gelegen (Liv. XXXV, 9). Bald 
wurden nun auch zur Ehre siegreicher Feldherrn eigne Spiele der 
Victoria gefeiert, namentlich zum Andenken an Sulla und seinen 
verhängnifsvollen Sieg an der p. CoUina, welche Spiele vom 27. Oct 
bis zum 1. Nov. dauerten und zum Andenken an Cäsar und den Sieg 
bei Pharsalus, welche Spiele (ludi Victoriae Caesaris) vom 20. bis 
30. Juli gefeiert wurden und mit denen der Venus Genetrix identisch 
waren ^). Endlich überstrahlte den Ruhm von allen die von August 
in die Curia lulia geweihte Victoria. |Das Bild stammte aus Tarent, 
vermuthlich eine vergoldete Bronzestatue von solcher Bildung, wie sie 

^) Cic. de Leg. IT, 11, 28 quodsi fingenda nomina, Ficae Potae vincendi 
atque potmndi, vgl. Liv. II, 7, Flut. Val. Pohl. 10, Ascon. Cic. Pis. 22 p. 13 
Or. [Alle drei erzählen Poplicola habe gewohnt uM nunc Ficae Potae est; 
so Liv. Flut., Fictoriae Asc. dem Sinne nach ebenso, was also nicht, wie Fr. 
wollte, zu ändern ist.] Bei Seneca Apocol. 9 Diespiter Ficae Potae ßlius — 
numulariolus scheint indessen eine Göttin des Erwerbs gemeint zn sein. 
Arnob. IIl, 25 erklärt Ftcta [vita die Hs., lies Ficä] et Potua sanctisstmae 
victui potuique procurant. [Es war also ein schlechter Witz, wenn man den 
veralteten Namen nach seinem letzten Theil so umdeutete. — Möglicherweise 
ist die geflügelte Lata Fecu neben der sitzenden Menrva auf dem etrusk. 
Spiegel bei Corssen Spr. d. Etr. 1, 246 (welche dieser sicher irrig zu einer 
Vicusgöttin macht) Fica.] 

s) Von den Spielen des Sulla s. Vellei. Fat. II, 27, 6 Merkel Ovid Fast, 
p, XXVII sq., von denen Casars Dio XLV, 7, Merkel ib. p. IX. Jene waren 
6tägige circenses, von den lltägigen Spielen Cäsars waren die 4 letzten 
Tage circenses. [S. Mommsen C. I. L. 1 p. 397, Reifferscheid Annali 1863, 361 ff.] 



246 ZEHNTER ABSCHNITT. 

oft auf den Münzen Augusts erscheint, auf der Weltkugel schwebend. 
Yl// ' August weihte nid verehrte sie zum Andenken an den entschei- 
^ denden Sieg bei Actium ; noch bei seinem Leichenzuge ging sie ihm 

voran, durch das Triumphalthor hindurch zur langen Ruhe im März- 
felde und zur göttlichen Verklärung im HimmeP). Sie blieb dem Senate 
auch in der von Domitian neu hergestellten Curia, deren Stelle jetzt 
wahrscheinlich die Kirche S. Adriano einnimmt; ja sie wurde jetzt 
zur Schutzgöttin des Senats, als Denkmal der von August begründeten 
und auf dem alten Götterglauben beruhenden Ordnung der Dinge, 
daher sich gegen den Ausgang des Heidenthums zwischen der alt- 
römischen und der christlichen Partei ein heftiger Kampf um dieses 
Bild entspann^). Natürlich gab es neben diesen ausgezeichneteren 
Tempeln, Altären und Bildern der Victoria noch eine grofse Menge 
andrer Siegesdenkmäler; war diese Göttin doch wie Fortuna nirgend 
so heimisch geworden als in dieser letzten Haupt- und Weltstadt 
des Alterthums, welche den Sieg und das Glück ein für allemal an 
sich gefesselt zu haben schien. Die Münzen und die Inschriften 
611 geben eine reiche Auswahl von Beispielen, wie sie in den Tempeln, 
an den Triumphbögen, bei den zahlreichen Tropäen, in den Renn- 
bahnen, den Prachtforen der Kaiser zu sehen war, bald nach diesem 
bald nach jenem Umstände zubenannt, unter den Kaisern gewöhnlich 
nach den Feldzugen (Victoria Armeniaca, Parthica, Medica u. s. w.), 
oder nach den einzelnen Siegeln und Regierungen, oder im Allge- 
meinen Victoria Augusta^). • Eben so mannigfaltig war ihre Aus- 
rüstung und Darstellung, je nachdem sie bald fahrend abgebildet 



1) Dio LI, 22, Sueton Octav. 100, Becker Handb. I, 346 ff., vgl. oben 
S. 203. 

') [Vgl. J. Aner Der Altar der Göttin Victoria in der Cnria lulia zu 
Rom. Jahresber. des k. k. akad. Gymn. z. Wien 1859. 0. Gerhard Der 
Streit um den Altar der Victoria. Eine Episode aus der Geschichte des 
Kampfes des Heidenthums mit dem Ghristenthum in Rom. Siegen 1860.] Es 
darf jetzt als ausgemacht gelten , dass die curia (lulia) et continens ei chalci' 
dicum, von Domitian nur umgebaut, in dem chalcidicum (dem späteren atrium 
Minervae) das secretarium senatus untergebracht worden ist, dass die Kirche 
S. Adriano die Stelle der Curie, die Kirche S. Martina die des Secretarium 
einnimmt: vgl. I, 294 A. 3. — P. war noch der irrigen Meinung dafs 
die Curia lulia zerstört, Domitians senatus aber an einer anderen Stelle 
neu errichtet worden sei. — Die Victoria hat also immer ihren alten Platz 
bewahrt.] 

') Auch das römische Militär- und Lagerleben hatte seine eigne Religion, 



VICTORIA. BELLONA. 247 

wurde, was sich auf einen Sieg im Circus bezieht, oder schreitend, 
schwebend, sitzend mit einem Tropäon, einem Yotivschilde beschäftigt, 
oder auf der Weltkugel, gewöhnlich mit dem Attribute der Palme. 
Neben ihr gab es dann aber auch früh eine eigne Kriegsgöttin 

Beüona 

oder Duellona^), welche der griechischen Enyo entspricht und wahr- 
scheinlich sabinischer Abkunft war. Wenigstens soll schon Appius 
Claudius Regillus, welcher im J. 259 d. St. Consul war, die Bilder 
seiner Vorfahren in einem T. der Bellona aufgestellt und mit In- 
schriften versehen haben*), und der bekannte T. der Bellona in Rom 
war gleichfalls die Stiftung eines Claudiers, des berühmten Appius 
Claudius Caecus, welcher ihn im J. 458 d. St., 296 v. Chr. in einer 
heifsen Schlacht mit den Etruskem gelobt hatt^ ^). So gab es auch 
in Präneste einen eignen Tempel der Bellona. Jener römische Tem- 
pel, als dessen Dedicationstag der 3. Juni gefeiert wurde, lag als T. 
der Kriegsgöttin an der Grenze des Marsfeldes d. h. nicht weit von 
der nördlichen Stadtgrenze und dem dortigen Hauptthore; daher er 
sehr geeignet zu solchen Senatssitzungen war, wo es mit den aus 
dem Felde zurückkehrenden Feldherrn oder mit den Gesandten aus- 
wärtiger Völker, welche die Stadt nicht betreten durften, zu ver- 
handeln gab % Später wurde Bellona mit der Virtus identiflcirt. eia 
Die Mythologen nannten sie bald die Gattin des Mars, wodurch sie 
der sabinischen Nerio gleichgestellt wird, bald seine Schwester*). 



in welcher die Victorien, die Tropäen, die Feldzeichen eine hervorragende 
BedeiituDg hatten, s. Tertullian Apolog. 16 sed et Fictorids adoratis, cum 
in tropaeis cruces (das innere Gestell des feretrnm, s. Varro b. Non. Marc, 
p. 55, vgl. oben I, 199, was der Kirchenvater in seinem Sinne deutet) in- 
testina sint tropaeorum. Religio Romanorum tota castrensis signa veneratur, 
Signa iurat, signa omnibus deis praeponit, 

>) Varro VIT, 49. [C. I. L. 1, 196 apud aedem Duelonai v. J. 586: älter 
ist die nnten a. Inschrift Belolai, Vgl. Gorssen Ausspr. 1, 124. Griechisch 
heisft sie immer *Evv(6.] 

») Plin. H. N. XXXV, 12, vgl. Tacit. Ann. IV, 9 Sabina nobilitas, 
Attas Clausus ceteraeque Claudiorum effigies. 

») Liv. X, 19, Ovid. F. VI, 201, Kai. Venns. 3. Juni. Vgl. Dio fr. 109 
p. 97 Bekk. [C. I. L. 1 , p. 287. Über die Identität dieses Tempels mit der 
aedes Bellonae Pulvinensis unten zu S. 734.] 

«) Becker Handb. I, 606, vgl. oben I, 250. 

^) Seneca b. Augustin G. D. Vf, 10, vgl. Lactant. I, 21, 16 und die In- 



■"* 



248 ZEHNTER ABSCHNITT. 

Jedenfalls mufs diese ältere Bellona von der jüngeren asiatischen 
unterschieden werden, auf welche ich zurückkommen werde. — 
Weiter gehören zu den eigentlichen Kriegsgöttern als Gesellen des 
Mars und der Bellona 

Pavor und Paüor 
welchen angeblich schon TuUus Hostilius eigne Heiligthümer gestiftet 
hatte ^), der König welcher in den Erinnerungen der Stadt vorzugs- 
weise für den kriegerischen, tollkühnen und frevelmüthigen galt. Es 
ist zu vermuthen, dafs diese Bilder des panischen Schreckens ur- 
sprünghch mit dem Glauben an Faunus und Silvanus zusammen- 
hingen, da nach italischem Glauben von ihnen der panische Schrecken 
in der Schlacht ausgeht^). Später wurden sie mit den griechischen 
Dämonen der Schlacht Jttfiog und 06ßog identificirt. Pavor ist 
der Schrecken als Gemüthsalfect , Pallor seine äufserliche Wirkung 
des Erbleichens. Man sieht die Bilder von beiden auf Münzen der 
Hostilia, das des Pavor in der Bildung eines entsetzten Mannes mit 
schwachem Bart und gesträubtem Haar, das des Pallor in knaben- 
hafter Bildung, die Miene verstört, das Haar aufgelöst. Ein andres 
in diesen Zusammenhang gehörige Paar sind 

618 Honos und Firtu$ 

d. h. die kriegerische Tapferkeit und ihre Anerkennung durch bürger- 

schrift aas der Gegend von Mainz b. Or. n. 4983, wo ein Hügel der Dea 
Virtas Bellona geweiht wird. Plant. Amphitr. Prol. 42 nennt Virtas, Victoria, 
Mars, Bellona neben einander als herkömmliche Figuren der römischen Tra- 
gödie. Ein vicus Bellonae in Rom b. Grat. 654, 7 [G. I. L. 6, 2235]. 
BELOLAI POCOLOM auf einer Schale, die wahrscheinlich aas Etrarien stammt. 
[G. I. L. 1 , 44 ; mit leichter Verschreibang von / statt n, wie öfters aaf 
GefäTsinschriften a. ä. S. Jordan Krit. Beiträge S. 7. Zar Umschrift gehört 
hier offenbar (was bei den übrigen pocala litterata nicht der Fall ist) das 
Bild: Büste der Enyo, mit Schlangen im Haar. S. dens. Annali 1872, 54f.] 

^) Liv. I, 27, Tertull. adv. Marc. I, 18, Angustin C. D. IV, 23, Seneea 
b. dems. 1. c. Die Nachricht bei Serv. V. A. VIII, 285, dafs Tallas Hostilias 
Salier des Pavor and Pallor gestiftet habe, beraht aaf einem Irrtham. Bei 
Arnob. I, 28 quiPausos revereniur atque Bellonas ist za schreiben Pavor es 
[and so Reifferscheid ohne P. za erwähnen. Vgl. Schwegler 1, 578 A. 1. 
Ganz Unhaltbares (aaf Grand des apokryphen Taanustempels' aaf dem GSlias) 
bei Rabino Vorgeschichte 243 ff*.] 

^) „So brechen in den altböbmischen Liedern Tras and Strach aas Waldes- 
schatten in die Haufen der Feinde, jagen sie, drängen sie im Nacken and 
entpressen den Kehlen laaten Schrei; sie sind geisterhaft and gespenstig.'^ 
Grimm D. M. 188. Vgl. oben I, 381. 392. 



H0N08 UND VIRTÜS. 249 

liehe Ehre^). Es gab in Rom verschiedne Heiligthümer, in denen sie 
bald getrennt bald neben einander verehrt wurden ; das bekannteste 
ist das bei der p. Capena gelegene. Zuerst hatte Q. Fabius Verru- 
cosus im J. 521 d. St., 233 v. Chr. einen T. des Bonos an dieser 
Stelle dedicirt. Diesen erneuerte M. Marcellus, der bekannte Eroberer 
von Syracus, welcher in einem früheren Feldzuge dem Honos. und 
der Virtus einen Tempel gelobt hatte und diese nun zu jenem hin- 
zufügen wollte, wogegen das Collegium der Pontifices Einspruch that, 
weil zwei göttliche Wesen nicht ohne bedenkliche Folgen für die 
bei Prodigien zu beobachtenden Gebräuche in demselben Räume ver- 
ehrt werden könnten. Also liefs er neben der erneuerten Cella des 
Honos eine zweite Cella der Virtus erbauen und beide wenigstens 
architec tonisch zu einem Gebäude verschmelzen^). Das Ganze wurde 
mit den aus Syracus entführten Meisterwerken griechischer Kunst 
geschmückt, das erste Reispiel einer solchen Auszierung mit eroberten 
Kunstschätzen, welche mit der Zeit in Rom immer beliebter wurde. 
Nachmals soll Scipio d. J. nach der Eroberung von Numantia einen 
eignen T. der Virtus gestiftet haben, während Honos einen vor der 
p. Collina gelegnen Tempel dem zufalligen Funde eines Blechs mit 
seinem Namen auf jener Stelle verdankte^). Endlich gab es noch 
einen T. des Honos und der Virtus, den Marius von der Kriegs- 
beute der Cimbern und Teutonen erbaut hatte [und eine Kapelle der- 
selben im Theater des Pompejus]*). In den meisten Fällen also 
hatten diese Stiftungen eine militärische Veranlassung'^), indem die 



«) Vgl. die ScipioBCDinschriften b. Or. n 555 [= C. I. L. 1, 34] Quoieivita 
defedt non honos, Honore is hie situs, quei numquam victus est virtutei. n. 
558 [das. 33] Mors perfeeit tua ut essent omnia brevia, honos fama tnrtusque. 
[Vgl. die Formel honoris virtutisque caussa C. I. L. 1, 635 honoris et viriutis 
caussa Or. 3681 oder honoris caussa das. 533. 1246.] 

») Liv. XXVII, 25, Val. Max. I, 1, 8, Plat. Marceil. 21 u. 28, Becker Handb. 
I, 509. Später scheint der Verfall des Gebäades voq selbst die Zerstrenuag 
jener Kuostzierden zur Folge gehabt za haben, bis Vespasian es von neaem 
herstellen und von guten Meistern ausmalen liefs. 

») Cic. de Leg. 11, 23, Plut. de Fort. Ro. 5. [In der Nähe der alten porta 
Collina ist die archaische Inschrift C. I. L. 6, 3692 M. Bicoleio(s) F, l Honore | 
donom dedet mereto gefunden worden. Vgl. Jordan Top. 1, 1, 221 f.] 

^) Becker S. 405 ff. Doch läfst sich gegen die Lage anf dem Capitol 
Manches einwenden. [Jordan Top. 1, 2, 44 f. — Kalender (Amit.) z. 12. Aug.: 
Hofiori et Firtuti in theatro marmoreo. Nur hier erwähnt.] 

») Vgl. Or. n. 1842 [= C. I. L. 3, 3307] Firtuti et Honon L. Ulpius Mar- 
ellus leg. Aug, pr, pr. Pannon. in f. v. s. [Entweder der berühmte Jurist 



250 ZEHNTER ABSCHNITT. 

614 Feldherrn solche Tempel zugleich als Denkmäler ihres Ruhms errich- 
teten und in diesem Sinne ausstatteten, daher der von Marius erbaute 
Tempel wiederholt ein monumentum Marii genannt wird. Die Köpfe 
der beiden Götter sieht man auf verschiednen Münzen der Republik ^). 
Honos erscheint immer knabenhaft jugendlich mit dichten Locken 
und einem Lorbeerkranz, die weibliche Yirtus auch jugendlich und 
gelockt, aber mit reich verziertem Helm. Dem Honos ist der Kopf 
des Triumpus^) auf den Münzen der Papia ziemlich ähnlich, nur 
dafs er ein reiferes Alter zeigt und hinter ihm ein Tropäon zu sehen 
ist, obwohl auch Yirtus bisweilen neben einem solchen, also als 
triumphirende erscheint. Einen eignen Festtag hatten beide, Honos 
und Virtus, am 29. Mai, welchen Tag Augustus dazu bestimmte*). 
Auch auf den Münzen der späteren Kaiser, des Galba, des Yitellius, 
des M. Aurel u. A. erscheinen sie oft und zwar in ganzer Figur, 
Yirtus gerüstet und als siegreiche Ueberwinderin der Feinde, Honos 
friedlich und mit dem Füllhorn. — Endlich fehlte es dieser spätem 
Zeit auch nicht an einem eignen Cultus der Friedensgöttin 

Pax 

welche eigentlich den befriedigten und beruhigten Zustand eines 



oder eio gleichnamiger unter Commodus. — Steine der yirtus Augusta nicht 
selten: C. I. L. 7. 8. vgl. 2, 1662. S. unten. — Honori stalionis 3, 5123. Firtus 
mit Spes und Patientia 8, 2728.] 

^) Ygl. die Münzen der Aqaillia, der Lollia und der Fufia Mneia. • [Pur- 
gold Arch. Bemerk, zu Clandian. u. Sidon. 30 ff. und in den Miscellanea Capitolina 
Rom 1879 S. 22 ff. sieht Bilder von H. and Y. auf dem Relief des Titusbogens 
(die Rosse des Triumphators führend) und der Ära Pamfili (die Familie des 
Antoninus Plus mit Göttern, darunter Juno Lanuvina) vgl. Duhn zu Matz A. 
Bildw. 3, 114 ff. n. 3684. — H. u. Y. als Eckfiguren eines Sarkophags? Hühner 
zu Dütschke A. B. in Oberit. 1 u. 98 vgL 2 S. 246. — Auf einer Patera des 
Museums von Pest die 'protome mulieris turritae', zu jeder Seite ein 'caput 
muliebre galeatum', neben jedem ein Füllhorn: dazu die Aufschriften salvo 
Au{[g]usto) secuta aurea videmus — Honori C. I. L. 3, 6009, 9.] 

*) Plin. H. N. XXXV, 27 Super omnes Divus augustus in foro suo cele- 
herrima in parte tabulas duas fposuitj quae Belli Jaciem pietam kabent et 
Triumphum. [Die von P. angezogene Münze des Poblicius Malleolns Mommsen 
n. 173, c gehört nicht hierher.] 

') Dio LIY, 18, Kai. Const. [vgl. dazu Mommsen S. 394] Auf M. Hadrianus 
bezieht sich die Yirtus Augusti auf seine rüstige Jägerkraft, auf M. Gal- 
liens erscheint die Virtus Augustorum mit den Attributen des Hercules. 
[Vgl. die oben a. Inschriften.] Nach Zosimus Y, 41 erregte die Ein- 
Schmelzung eines Bildes der Virtus von edlem Metall zur Zeit der Gothen- 
kriege eine allgemeine Bestürzung in Rom. 



PAX. 251 

Landes bedeutet, wo der Ackerbau und alle Künste des Friedens 
gedeihen, denn das Wort hängt zusammen mit paciscor und pacatus, 
vgl. TibuU I, 10, 45 ff. Doch dachte man gewöhnlich an den Gegen- 
satz des Kriegs, in welchem Sinne zuerst Augustus der Friedens- 
göttin einen Altar im Marsfelde stiftete, an welchem dreimal im 
Jahre, am 30. Januar, am 30. März und am 4. Juli geopfert wurde ^). 
Hernach als die Herrschaft der JuUer aufhörte und die Furie des eis 
Bürgerkriegs von neuem wüthete, konnte Galba zuerst auf die Ehre 
Anspruch machen, der Stadt Rom und dem römischen Reiche den 
Frieden wiedergegeben zu haben ^), bis endlich Vespasian den grofsen 
und prächtigen Friedenstempel in der Nähe des Forums errichtete, 
welcher zu den schönsten Monumenten der Dynastie der Flavier ge- 
hörte. Er war mit vielen Kunstwerken von ausgezeichnetem Werthe 
verziert, hatte aber das Schicksal unter Commodus ohne sichtbare 
Veranlassung zu verbrennen, worüber sich eine grofse Aufregung 
im Volke verbreitete. Die gewöhnlichen Attribute dieser Friedens- 
göttin sind der Oelzweig und der Stab des Friedens (caduceus) oder 
ein Füllhorn^). Auf einigen Münzen erscheint sie geflügelt wie die 
Siegesgöttin und in Begleitung einer Schlange, welche an Minerva 
erinnert, ferner mit einer eigenthümlichen Bewegung des Kleides 
von der Brust zum Gesichte, welche sonst der Nemesis eigen ist 

») Ovid F. I, 709 ff., III, 881, Fast. Praen. III Kai. Febr., Amitera. IV Non. 
lul. [vgl. dazu Mommsen], Dio LIV, 35. Die verschiedenen Tage bezogen sich 
auf verschiedene Dedicationen. [Vgl. Jordan Eph. epigr. 1, 233. — Wahrschein- 
lich sind sehr bedeutende Reste des plastischen Schmuckes dieser Ära (grofse 
Reliefs gefunden unter Pal. Fiano am Corso) noch erhalten : v. Duhn, Miscellanea 
Capitolina (R. 1879) S. j 1 ff. und zu Matz A. ßildw. n. 3505 ff.] 

^) Zuerst erscheint die Pax Augusti auf den M. Galbas. Mulier stans 
armorum acervum admota face comburit s, cornucopiaej ein oft wiederkehren- 
der Typus, der sich durch die oben S. 152 besprochene Sitte erklärt. Hernach 
folgen die M. Vespasians mit den Inschriften Pax Augusti, Paci Augusti, 
Paci Orb. Terr, Aug., Pacis Event, und entsprechenden Typen. Über 
den Friedenstempel s. Becker S. 437 ff. und meine Regionen S. 127. [Daher 
auch Steine Paci Augustae, P. A. perpetuae, aetemae nicht selten: C. 1. L. 2. 
3, 3670. 8, 6957. 8441.] 

') Eine Pax glaube ich auch in einer der Figuren des schönen Reliefs 
der Villa Albani, Mon. dell' Inst. 1844 t. IV vgl. Annali p. 155 sqq. zu erkennen. 
Antoninus Pius ist hier von zwei weiblichen Figuren begleitet, deren eine 
sicher Roma ist. Die andre nennt der Erklärer Felicitas oder Abundantia, 
doch deutet der caduceus bestimmt auf die Pax , wie denn auch Roma durch 
das Abnehmen des Wehrgehenks als eine friedliche characterisirt wird. Anto- 
ninus Pius liebte den Frieden über Alles, s. lul. Gapitolin. 9. 



252 ZEHNTER ABSCHNITT. 

und in dieser Uebertragung auf das göttliche Yerhängnifs des Krie- 
ges deutet; daher man diese wahrscheinlich dem Nemesisdienste zu 
Smyrna entlehnte Figur der Friedensgöttin Victoria Nemesis genannt 
hat^). Eine andre der Pax verwandte Personiücation ist die Secu- 
ritas P. R., eine lässig dasitzende Figur, deren Linke mit der Lanze 
bewaffnet ist, während sie ihr Haupt in der Rechten ruhen läfst. 

d. Freiheits-, Glücks- und Segensgötter, 

Diese Reihe mag eröffnen 

616 Liberias 

deren Name mit dem des lup. Liber, Liber Pater und der Libera 
zusammenhängt, also eigentlich den heitern Genufs eines von den 
Göttern der Fruchtbarkeit gesegneten Lebens, Sorglosigkeit und Aus- 
gelassenheit bedeutet, bis später im Sinne des römischen Staatsrechts 
die Freiheit des Rurgers im Gegensatze zur Sklaverei, noch später 
die Refreiung vom Joche der Tyrannei darunter verstanden wurde. 
So ist auch das Rild der Libertas auf den römischen Familienmunzen 
das einer schönen und reichgeschmuckten Frau, die sich von der 
Venus nicht sehr unterscheidet, dahingegen unter Rrutus und Cassius 
die Attribute des Dolchs und der Freiheitsmütze (pileus libertatis) 
hinzutreten. Wo das oft erwähnte Atrium Libertatis der Republik 
gelegen ist nicht sicher auszumachen^). Es war ein Geschäftslocal 
des öffentlichen Lebens, wo Gesetze und Rekanntmachungen ange- 
schlagen, die Censoren ihr Rureau und ihr Archiv hatten, Manu- 
missionen vorgenommen, gelegentlich aber auch Verhaftete unter- 
gebracht wurden. Aufserdem gab es einen eignen T. der Libertas 
auf dem durch so manche Erinnerungen der communalen Freiheit 
geweihten Aventin. Er war gestiftet von Ti. Sempronius Gracchus, 



1) Eckhel D. N. VI, p. 236 sq. Zuerst erscheint diese Figur auf eioem 
Golddenar des Vibius Varus, daan auf einer auf Claudius geschlagenen M. 
aus Smyrna. 

3) Becker S. 458 ff., meine Regionen S. 144. [Jordan Forma urbis S. 30 ff.] 
Interessant ist die Nachricht von P. Com. Lentulus, dem Consul d. J. 592 b. 
C. Gran, Licinian. fragm. ed. Pertz p. 30 [p. 15 Bonn.], derselbe habe im Auf- 
trage des Senats in Campanien Ländereien aufgekauft um daraus Gemeinfeld 
zu bilden, JorTnamque agrorum in aes incisam ad Libertatis fixam reliquä, 
qtiam postea Sulla corrupit. Vermuthlich ist von dem T. auf dem Aventia 
die Rede. 



LIBERIAS. SPES. 253 

dem Vater des Siegers bei Benevent, welcher die lustige Feier dieses 
Siegs, dem so viele Sklaven ihre Freiheit verdankten, mit unver- 
kennbarer Beziehung auf diesen Umstand durch ein Gemälde in 
jenem Tempel darstellen liefs (Liv. XXIV, 16). Endlich wird noch 
ein Atrium Libertatis erwähnt, welches Asinius Pollio erbaute oder 
wieder herstellte und darin die erste öffentliche Bibliothek gründete^). 
Es war an den Iden des April dedicirt worden, daher dieser Tag 
fortan der Libertas und dem lup. Victor zugleich heilig war (Ovid 
F. IV, 621). Unter den Kaisern verstand man unter Libertas die 
Befreiung von dem Joche des Despotismus im Gegensatze zu dem 
milderen Regiment der besseren Kaiser, daher auch die unter Claudius 
und Galba geschlagenen Münzen von wiederhergestellter Freiheit 
reden ^). Commodus hatte vor dem Senat sein eignes Bild im Costüme eir 
des Hercules mit gespanntem Bogen aufgestellt, ein Symbol seiner 
unermüdlichen Grausamkeit und Gewaltthätigkeit. Nach seiner Er- 
mordung hatte der Senat nichts Eiligeres zu thun als dieses Bild 
umzustürzen und dafür das der Freiheit aufzustellen (Herod. I, 14). 
Ferner gehört hieher 

Spes 

die Göttin der Hoffnung, zunächst der Hoffnung des Pflanzers und 
Gärtners, dann die der schwangern Frauen, endlich die der Hoffnung 
auf eine fruchtbare und gedeihliche Zukunft überhaupt. Ihr Bild 
wird uns durch die römischen Münzen und andre Bildwerke oft 
vergegenwärtigt, wie sie mit der L. das Gewand zierlich empor- 
hebend, in der R. eine noch geschlossene oder eben im Aufbrechen 
begriffene Blüthe tragend leise einherschreitet, wie das Mädchen aus 
der Fremde, eine rechte Frühlings- und Gartengöttin; auch liegt 
bei diesen Bildern unverkennbar der alte Typus einer Venus der 
Gärten zu Grunde ®). Wo ihre Bilder einer freieren Auffassung fol- 
gen, wie in einem Relief aus Rom, da ist sie doch mit Blumen 
bekränzt und die Verkünderin einer gesegneten Erndte, auf welche 



1) Becker S. 460. 

>) [Vgl. Schiller Hermes 15, 620 f. Mommsen das. 16, 147 ff.: es handelt 
sich um deo Ausdruck adsertor UberUüü. Vereinzelt der Stein G. I. L. 2, 2035.] 

>) Vgl. Gerhard über Venasidole , B. 1845 , 0. Müller Handb. S. 669 
Ausg. 3. Das Relief b. Boissard IV p. 130, vgl. Tibull. I, 1^ 9 nee Spes 
dentüuaty sed fmgum semper acervos praebeat et pleno pinguia mtuta lacu. 
Über den T. der Spes s. Becker S. 601. 



254 ZEHNTER ABSCHNITT. 

die Aehren und Mohuköpfe in ihrer Hand hinweisen, sammt der 
Unterschrift, laut welcher ein Pförtner des T. der Venus in den 
Gärten des Sallust dieser Spes einen Altar weihte. Im Verlaufe des 
ersten punischen Kriegs wurde ihr ein eigner, später wiederholt 
erneuerter Tempel am Forum Holitorium gestiftet, vermuthlich mit 
Rücksicht auf die Gärtner und Pflanzer, welche dort ihr Gemüse 
feilboten. Aul^erdem gab es eine Spes vetus vor dem esquihnischen 
Thore, in der Gegend der Horti Pallantiani d. h. der Porta Mag- 
giore, wo mehrere gröfsere Gärten neben einander lagen und die 
ganze Vorstadt nach diesem Tempel genannt wurde ^). Im röm ischen 
Kalender war der erste August der Spes am F. Holitorium geweiht 
und der Geburtstag des Kaisers Claudius, welcher deshalb diese 
Göttin sehr verehrte, daher ihr Bild auf seinen Münzen oft zu sehen 
618 ist. Sie war in dieser Zeit schon ganz zur Glücksgöttin im ge- 
wöhnlichen Sinne des Worts geworden, welche man an Geburtstagen, 
Hochzeiten und ähnlichen Veranlassungen anrief, daher sie nicht 
selten das Füllhorn trägt oder mit der Juventas und der Fortuna 
zusammen genannt wird^). Da der Begrifl* der Hoffnung dadurch 
in das Gebiet einer unbestimmten Erwartung verschoben wurde, so 
pflegte man nun auch wohl bei Dedicationen Bonae Spei zu sagen, 
welche schon Cicero in Catil. II, 11, 25 als gute und ruhige Zuver- 
sicht dem Pessimismus und der radicalen Verzweiflung entgegensetzt. 
Eine andre Personification der Fruchtbarkeitt und des positiven 
Glücks ist 



^) S. Becker S. 550, meine Regionen S. 131. [Ein sutor d Spem vetere 
(so) Eph. epigr. 1, 218.] Auch in Ostia gab es einen T. der Spes, Or. n. 3S82 
[vgl. Mommsen Eph. epigr. 3, 319 ff.]. 

2) Horat. Od. I, 35, 21 von der F. Antias: te Spes et alba Fides colä 
[so wohl auch das Distichon auf einem Ziegel von lulia Concordia v. J. 66 
p. C. (Notizie Nov. 1880 p. 425) [Spe]s et vera Fides * * (?) duo cum bona constent 
tum tibi livor iners^ fama perennis erit. Jordan Progr. Acad. Albert. II 1882] 
und die Tvxri svsXnig oben 187^ 3. Bilder der Spes in den T. der präne- 
stinischeu Fortuna geweiht, Or. n. 1758, oben 191, 1. Eine Sacerdos Spei et 
Salutis Aug. in Gabi! Or. n. 2193. Vgl. das Kai. Cuman. XV K. Nov. Eo 
die Caesar togam virilem sumpsit. Supplicatio Spei et luventae. Grut. 1075, 1 
Bonae Spei Aug, [Sonst fehlen Steine. Individuell Patientia, firtus, Spes^ 
oben S. 249, 5 z. E. Die Verbindung von Spes und Fortuna kommt auch in dem 
formelhaften Ausruf Spes et Fortuna valete auf römischen Grabsteinen zum Aus- 
druck, dessen griechisches Vorbild *Elnlg TcaC av Tuxrj fifya xaC^ere 0. Jahn 
in Anthol. Pal. IX, 49 erkannt hat: s. die Notizen bei Benndorf und Schöne 
Lateran S. 345 ff.] 



FELICITAS. 255 

Fdicitas 

welche insofern von der Fortuna wohl zu unterscheiden ist. Denn 
diese ist nur die indifferente Schicksalsgöttin, welche sowohl günstig 
als leidig sein kann (hona Fortuna, mala Fortuna), jene dagegen ist 
unter allen Umständen der befruchtende und anhaftende Segen des 
Glücks, wie dieses schon der Name Felicitas aussagt, welcher mit 
fetus , fecundus zusammenhängt. So sagte man felices arbores 
Yon fruchttragenden Bäumen, felices pueri und puellae von solchen 
Kindern die aus einer noch blühenden und gesegneten Ehe stamm- 
ten^), und forderte diese Art von feücitas d. h. bei guter und 
blühender Abkunft einen schönen und gesunden Leib besonders von 
allen Priestern, zumal von den Vestaünnen. Auch sagte man in 
demselben Sinne Venus felix (I, 448), Mercurius felix (auf Münzen 
des Postum us), Portus Traiani felix von dem Hafen an der Tiber- 
mündung, welcher vorzüglich dazu diente den zur See herbeige- 
führten Kornbedarf für die Stadt zu sammeln und zu speichern; 
wie die Bäcker und ähnliche Gewerke an ihren Häusern etwa das 
gewöhnliche fascinum anzubringen und darunter Hie habitat Felici- 
tas zu schreiben pflegten^). Daher der Zuruf feliciter! beim Mahle, 
bei Hochzeiten, im Theater und sonst , wie es sich auch in Pom- «w 
peji unzählige male an die Wand gemalt findet, und die alte For- 
mel des Glückwunsches bei allen festlichen und feierlichen Gelegen- 
heiten, namentlich auch beim neuen Jahre: Quod bonum faustum 
felix fortunatumque sit oder die von den Consuln häufig gebrauchte 
Formel: ut ea res mihi magistratuique meo, populo plebique Ro- 
mano bene atque feliciter eveniat ^). Endlich und vor allen ist felix 
der Mensch mit welchem der Erfolg ist, diese grofse Gottheit, welche 
das Urtheil der Menge so oft besticht*), in welchem Sinne sich 
namentlich Sulla in römischer Sprache felix, in griechischer ina- 

») Paul. p. 92, Macrob. S. III, 20, 2. 3, Serv. V. A. IV, 167, Seneca 
CoDtrov. I; 2. 

') 0. Jahn in den Leipz. Berichten 1855 S. 75, Jbb. d. V. v. A. F. im 
Rheinl. XIII S. 111. 

^y Marini Atti Arv. p. 274 und 581. Faustus hängt mit favere zusammen, 
fortunatas ist in dem Sinn zu verstehn wie Servias Tullius glücklich war. 
Horat. Od. IV, 5; 18 bildet das Substantiv faustitas, welch($s er wie felicitas 
gebraucht. 

*) luvenal S. VII, 190 felix et pidcher et acer, felix et sapiens et nobilis 
ei generosus, Jelix orator quoque tnaximus et iaculator. 



256 ZEHNTER ABSCHNITT. 

(fqoduoq zu nennen pflegte, weil die Griechen bei solchen Glücks- 
kindern gewöhnlich an eine besondre Gunst der Aphrodite dachten ^). 
Den ersten Tempel der Felicitas soll LucuUus in Rom erbaut haben, 
der dem Sulla sehr ergeben und von der dämonischen Macht des 
Glücks so gut wie jener überzeugt war*). Er lag im Velabrum 
und war mit sehr schönen Kunstwerken aus der Beute des Mum- 
mius verziert; als beim Triumphe Cäsars die Achse seines Wagens 
bei diesem Tempel zerbrach, galt das für eine sehr schlechte Vor- 
bedeutung. Ein zweites t. Felicitatis wurde an der Stelle der alten 
Curia Hostilia erbaut, nachdem Sulla und sein Sohn Faustus diese 
hergestellt, Cäsar aber den Neubau wieder eingerissen hatte®). Femer 
gab es eine Felicitas im Marsfelde und eine Felicitas publica auf 
dem Capitol, wo sie wie Salus publica neben den höchsten Göttern 
angerufen wurde ^). Auf den Münzen der Lollia sieht man ihren 
620 Kopf mit hoher Stirnbinde, auf andern Münzen führt sie als Attri- 
bute das Füllhorn und den Caduceus. Unter den Kaisern ist viel 
Yon der Felicitas Augusti oder der einzelnen Kaiser die Rede, auch 
von der Fehcitas temporum und der Felicitas saeculi, welche unter 
verschiedenen Bildern allegorisch dargestellt wurden. Auch von der 
Laetitia temporum und von der Jucunditas reden und dichten diese 
späteren Zeiten gerne, während die Fruchtbarkeit der Kaiserinnen 
durch Gebete zur Fecunditas verherrlicht zu werden pflegte*). Der 
Felicitas nahe verwandt ist 



^) Plat. Sulla 34, de fort. Ro. 4. Sulla feelix auf Mnnzen seines 
Sohns Faustus, dem Sulla selbst diesen Namen gegeben hatte, wie seiner 
Tochter den Namen Fausta. Vgl. noch Appian b. c. I, 97. 105 und Plin. 
H. N. VII, 137. ^EnaifqodiTog entspricht dem lateinischen venustus, vgl. 
Terent. Aodr. I, 5, 10 Adeon hormnem esse invenustum aiU mfeHeem quem" 
quam ut ego sunt! 

«) Augustin C. D. IV, 18. 23, vgl. Becker S. 482. 

») Dio XL, 50. XLIV, 5. 

^) S. das Fragment eines alten Kalenders aus Urbino b. Fabretti inscr. 
p. 454 [C. I. L. 1 p. 330. 410] und die Acta fr. Arv. t. XV. XVI. XXXVIII. 
Nach dem Kai. Antiat. wurde der Felicitas in Capitolio am 1. Juli geopfert, 
nach dem Kai. Amitern. am 9. Oct. dem Genius Publicus, der Fausta Felieitas 
und der Venus Victrix in Capitolio. [Jordan Top. 1, 2, 46.] 

^) Felicitas Tiberi auf dem neuerdings gefundnen Schwerdte, vgl. 
Sueton Tib. 5 Tiberium quidam Fundis natum existimantj — quod mox 
simulacrum Felicäaiis ex S. C. publicatum ibi sä. Schon auf der ara Augusti 
von Narbonne b. Or. n. 2489 [= Wilmanns Ex. 104] heifst es vom Geburts- 
tage des August: FHII K, Octobr, qua die eum seculi felicitas orbi 
terrarum rectorem edidiU [Besonders häufig war dies seit Severos z. B. j^ 



BONUS EVENTÜS. 257 

"^ Bonus Eventus 

eigentlich eine ländliche Gottheit, denn eventus ist speciell das gute 
Gedeihen und Aufgehen der Feldfrucht ^). In allgemeinerer Bedeu- 
tung aber bringt er jede günstige Fügung und Wendung des Lebens 
und des Geschicks, daher die so oft wiederholte Formel : Quod bene 
eveniat, während das Wort eventus allein wie fortuna den indiffe- 
renten Sinn jeder Schicksalsfügung hat, auch der traurigen, selbst 
des Todes ^). In der griechischen Vorstellung entspricht dem Bonus 
Eventus der gute Dämon, aycc^oq daificov, eigentlich auch ein Genius 
des ländlichen Segens; daher das Bild dieses griechischen Dämons 
auf den römischen übertragen wurde ^). Mit der Zeit scheint dieser 



felieitate et incolumitatem saeculi dominorum nn. (Severus, Caracalla, Geta) 
C. I. L. 8, 2557. So felicisstmo saeculo dominorum nostrorum — (v. J. 294 
bis 305) C. I. L. 8, 608 vgl. 5333; heaiissimo saeculo ddd, nnn, (Constantia 
mit den Cäsaren) das. 1408 (vgl. Marini bei De Rossi Bull. arch. man. 1, 125). 
Felix Roma Ziegelstempel des Atbalarich: De Rossi Bull, di arch. crist. 
1871, 78 f. Invicta Roma felix [C]artago auf einem Stein auf dem Forum 
Brizio Bull. 1872, 236 = Jordan Eph. epigr. 3, 306 n. 167. Auch wechseln 
die Ausdrücke stark: so heifst das saeculum aureum C. I. L. 8, 7015, floren- 
tissimum 4515; dementia saeculi 783, securitas 7095. Daher die prägnante 
und feierliche Bedeutung des Worts, saeculo eorum 'in ihren Tagen' das. 4645, 
woher sich das seculo Constantiano des Ziegelstempels Bull. arch. man. 1, 123 
von selbst erklärt.] Supplicationes templujnque Fecunditati (decretum) aaf 
Veranlassung der Wiederkunft der Poppaea b. Tacit. Ann. XV , 23. Unter 
M. Aurel wird die Fruchtbarkeit der liederlichen Faustina iun. durch Münzen 
mit der Inschrift Fecunditas Augustae und dem Bilde des Kindersegens gefeiert. 

^) So das Opfer des Octoberpferdes ob frugum eventum (I, 363) und 
das Gebet bei den Ambarvalien nach Cato r. r. 141 utique tu fimgeSf fru- 
merkoj vineta virgultaque grandire beneque evenire sinas. Daher Bonus 
Eventus unter den ländlichen Gottheiten b. Varro I, 1, 6 oben I, 68, 2. 

>) Vgl. die Inschriften b. Fabretti p. 409, Marini Atti p. 236, wo in der 
Grabschrift eines früh verstorbenen Kindes dieses zur Mutter sagt: Nolite 
dolore parentes, eventum meum properavit aetas, hoc dedit fatum mihi. 

') Die Attribute sind in der R. eine Schale, in der L. Aehren und Mohn, 
8. Plin. XXXIV, 77, XXXVI, 23. [Ebenso auf Münzen des Galba und Titus 
mit der Inschr. Bon, Event» Ebenso die im Rhein bei Xanten gef. Bronze, 
jetzt im Mus. zu Berlin (Arch. Zeitung 1860, 5), ein Relief des Brit. Mus. 
mit der nach Hübner unverdächtigen Inschrift Bono Eventui (s. C. I. L. 
6, 144). Unsicher ist es demnach, ob eine Serie von Jünglings- oder Knaben- 
gestalten, welche 1. ein Füllhorn halten, hier hergehört: z.B. MatzDuhn 302 ff. 
und die Bronze von Annecy, welche Lenormant (Gollection Auguste Dutuit, Paris 
1879, pl. 3) wegen des deutlichen Rests des Füllhorns in der L. (welchen 
Prellet, Rom. MythoL II. 8. Anfl. 17 



258 ZEHNTER ABSCHNITT. 

6S1 Gott in der allgemeinen Bedeutung eines freundlichen Geschicks noch 
mehr zu Ehren gekommen zu sein, da es später in Rom in der Nähe 
des Pantheon sogar einen eignen Tempel und eine Halle Eventus Boni 
gab^). Auch wird er oft in Dedicationstiteln genannt, namentlich mit 
dem Wunsche eines glücklichen Ausgangs der Unternehmungen, Rei- 
sen u. s. w. der Kaiser. Endlich mag sich hier anschliefsen die Personi- 
fication der für Rom, namentlich das kaiserliche, so überaus wichtigen 

Annona 

« 

d. h. des jährlichen Komvorraths auf dem Markte und der davon 
abhängigen Kornpreise ^). In älterer Zeit reichte die Production Ita- 
liens hin um Rom zu versorgen; ja die Preise sollen damals un- 
glaublich gering gewesen sein. In auTserordentlichen Fällen wurde 
ein eigner praefectus annonae ernannt, in welchem Amte nament- 
lich L. Minucius Augurinus bald nach den Zeiten der Decemvim 
sich um die Plebs sehr verdient gemacht hatte, daher ihm dieselbe 
vor der p. Trigemina ein Ehrendenkmal stiftete. Es war eine Statue 
auf einer aus Getreidescheffeln zusammengesetzten Säule, die man 
auf den Münzen der Minucier abgebildet sieht, welches Geschlecht 
an dem Ruhme seines Vorfahren festhaltend auch später einen ge- 
meinnützigen Sinn zeigte. So erbaute M. Minucius Rufus, welcher 
im J. 110 V. Chr. Consul war, in derselben Gegend eigne Hallen zur 
Aufspeicherung und Yertheilung des Getreides, welche unter dem 
Namen der porticus Minuciae auch unter den Kaisern oft erwähnt 
werden. Und mit diesem von Hallen umgebenen und unter den 
Schutz einer eignen Ortsgottheit gestellten Platze mag auch die Mi- 
nucia porta und das sacellum Minucii zusammenhängen*), welcher 

ViUefosse Gazette archeol. 1876 p. 55 irrig für den Rest eines Gadaceus halte) 
für Bonos Eventus erklärt. Genien? Oben S. 199, 3]. 

^) Ammian Marc. XXIX, 6, 19. Vgl. Or. n. 907 [Benevent: Henzen ver- 
dächtig] und 1780 [= C. I. L. 7, 77; vgl. 97 [For]tune et Bono Evento], 1781 
[Assisi], 1783 [= C. I. L. 5, 3218; das. 4203 Bonum Eventum FI vir. swnorum^ 
Brambach Rhen. 983 Bono Eventui miUtum o. a. m. Rom: C. I. L. 6, 144. 
Mommsen im Archäol. Anzeiger 1860, Sp. 74 ff. Henzen Ballet dell* Instit. 
1858 p. 116]. 

') Gato b. Gell. N. A. II, 28 Non lubet scribere quod in tabula apud 
pontißcem max. est, quotiens annona cara, quotieng lunae aut soUt lumine 
califfo aut quid obstüerit Vgl. Plin. H. ]\. XVIU, 15. 

') Paul. p. 122 Minucia porta Romae est dicta ab ara Minuci, quem deum 
putabant. Ib. p. 147 Minucia porta appellata est eo quod proxima esset saceUo 
Minucü. Vgl. Becker S. 164 und meine Reg. S. 168. [Jordan Top. 1, 1, 236.] 



ANNONA. 259 

letztere vermuthlich der genius loci dieser wichtigen Getreidehallen 
war, wie anderswo ein Genius Fori Vinarii, ein Genius conservator 
Horreorum Galbianorum u. dgl. m. erwähnt werden. Mit der Zeit 622 
wurde dann die Kornzufuhr zur See immer wichtiger, daher Pom- 
pejus dadurch dafs er das Meer von den Seeräubern reinigte und 
jene Zufuhr von neuem regelte noch in den Zeiten Trajans neben 
diesem als Wohlthäter genannt wurde. Darauf erfolgten die von 
einer Generation zur andern aufgeschobenen, zuletzt ganz unerläfs- 
lich gewordenen Bauten und Restaurationen an der Tibermündung, 
namentlich die des Claudius (dessen Verdienste um den Hafen und 
die Annona sich Nero aneignete) und Trajan, durch welche für die 
Bedürfnisse und somit auch für die Ruhe der grofsen Stadt hin- 
länglich gesorgt wurde ^). Seitdem erscheint auch die Personification 
der Annona nicht selten auf Münzen und andern Denkmälern, mit 
und ohne Ceres, meist wird sie durch das Füllhorn und ein neben 
ihr stehendes Getreidemals characterisirt'). Die meiste Zufuhr kam 
in diesen Zeiten aus Africa d. h. aus Numidien über Karthago und 
andere Seeplätze und aus Aegypten über Alexandrien, daher auch 
in diesen Städten in Bildern und Denkmälern der Annona Urbis 
gedacht wurde'). Auf den römischen Denkmälern war sonst auch 
die Copia (daher cornu Copiae), Abundantia und ihr entsprechend 
die Liberalitas der Kaiser eine sehr gewöhnliche Figur. 

^) S. meioea Aufsatz in den Leipz. Berichten 1849 S. 8ff., 27 ff., 146 
[0. Hirschfeld Philol. 29, 1 ff. G. Krakauer das Verpflegungswesen der Stadt 
Rom in der späteren Kaiserzeit, Leipziger Diss. 1874] und die Münzen Neros 
mit der Inschrift Annona Augusti, Ceres, Vgl. das Schreiben Aurelians 
an den Praef. Annonae in Rom bei Fl. Vopisc. 47 Neque enim popido Romano 
saturo quicquam polest esse laetius, Personification der Farnes b. Ovid. Met. 
Vm, 799 ff. 

') Brunn in den Annali dell' Inst. Arch. 1849 p. 135 sqq. [Ders. in den 
Berichten der Münchener Akad. 1881 (Juli) S. 119ff., woselbst er das im Bull, 
arch. communale 1877 T. XVIII. XIX publicirte Sarkophagrelief erklärt 
(Hochzeitsscene inmitten von: rechts- Aegypten, Annona, links Alexandrien, 
Ostia). Vgl. über die Annona auf den bleiernen tesserae frumentariae im 
Anschlufs an Benndorfs Untersuchung Marquardt Verwaltung 2, 124 A. 8.] 

') Vgl. die Inschrift ans Rusicada, einem Hafenorte Numidiens, bei 
L. Renier Inscr. de l'Alg. I n. 2174 [= C. I. L. 8, 7960] statuas duas, Genium 
patriae n{ostrae) et Annonam Sacrae Urbis, sua pecunia posuit, und die 
aus Rom b. Or. n. 181d [= CLL. 6,22] Annonae Sanctae etc. Die 
Alexandriner pflegten darauf zu trumpfen, dafs Rom ohne sie gar nicht be- 
stehen könne, quodque in suo flumine, in stäs nauibus vel abundantia nostra 

vel James esset, Plin. Panegyr. 31, vgl. oben S. 134, 1. 

17* 



260 ZEHNTER ABSCHNITT. 

e. Virtxdes. 

Cicero macht aus den consecrirten Tugenden eine eigne Ab- 
theilung der Götterwelt (I, 73), so geläußg war seiner Zeit diese 
Art von Personification geworden. Indessen kann unter den von 
ihm erwähnten nur die Fides für alt gelten, und auch diese nicht 
628 als Tugend im gewöhnlichen Sinne des Worts, sondern als eine 
sittliche, aus dem Dienste des Jupiters abstrahirte Macht, auf welcher 
alle Zuverlässigkeit im öffentlichen und bürgerlichen Verkehre be- 
ruhte (I, 251). Nicht viel anders verhält es sich mit der Concordia, 
Pudicitia und Mens, welche zum Theil nachweisbar zum Theil wahr- 
scheinlich aus den CuUen der Venus, der Juno, der Fortuna ab- 
strahirt sind, bis endlich nach solchen Vorbildern auch dieser Trieb 
der Consecration immer freier und eigenmächtiger schaltete, nament- 
lich in den Zeiten der griechischen Bildung und unter den Kaisern. 
£ine der ältesten Gestalten ist die der 

Concordia 

d. h. der Eintracht zwischen den Burgern, den Mitgliedern eines Ge- 
schlechts, einer Familie u. s. w. Im Verlaufe der RepubUk ist sie 
meist politisch gemeint, als gute Eintracht der Stände, deren Zwie- 
tracht den Staat so oft in die äufserste Gefahr brachte; daher sie 
der Venus Cloacina nahe steht und ursprünglich wohl nur eine 
Nebenform jener conciliatorischen Venus war, welche wir I, 435 bei 
den Latinern und in Rom nachgewiesen haben. Wiederholt wird 
nach bedeutenden Krisen, wenn sich die Stände endlich wieder ver- 
söhnt haben, der Concordia ein Heiligthum gestiftet^): zuerst von 
Camill, nachdem im J. 387 d. St., 367 v. Chr. durch die Licinischen 
Gesetze ein neuer Boden der Verfassung gewonnen und das gute 
Vernehmen wiederhergestellt war. Höchst wahrscheinlich lag dieser 
Tempel da wo noch jetzt die Ruine der Concordia zu sehen ist, 
gleich hinter dem Bogen des Septimius Severus, wo er nachmals 
von Tiberius von neuem erbaut wurde ^). Weiter wurde wieder nach 
einer bedeutenden Verfassungskrise von dem merkwürdigen Parvenü 
dieser Jahre, dem Aedilen Q. Flavius (I, 161) auf der area Vulcani, 
also gleich über dem Comitium, eine kleine Capelle der Concordia 

^) [Die nicht durchweg sichere Geschichte dieser Tempel ist zuletzt im 
Zasammenhaoge vod Mommsen Hermes 9, 2S7 ff. erörtert worden.] 
«) Ovid F. I, 641 ff., Flut. Camill. 42, Becker S. 311. 



CONCORDIA. 261 

geweiht, welche den sehr erbitterten hohen Adel der Stadt dem 
Volke wiedergewinnen sollte^). Ferner erbaute der Consul Opimius, 
der Sieger über C. Gracchus, im Auftrage des Senats im J. 121 v. Chr. 
einen dritten T. der Concordia, welcher vermuthlich mit der gleich- 
falls von ihm erbauten Basihca Opimia zusammenhingt). Endlich 
gab es auch auf der Burg (in Arce) einen T. der Eintracht, der zu 
Anfang des zweiten punischen Kriegs auf Veranlassung einer glück- 624 
lieh beigelegten Meuterei im Heere gestiftet wurde ^). Der Süftungs- 
tag dieser Concordia in Arce war der 5. Febr. , der der Concordia 
des Camillus dagegen wahrscheinUch der 16. Jan., an welchem Tage 
wenigstens Tiberius seinen neuen Tempel einweihte. Aufserdem 
wurde die Göttin der Eintracht bei dem FamiUenfeste der Caristien 
im Februar (oben S. 100) und am 1. April, dem Tage der Venus 
und der Fortuna Virilis, von den verheiralheten Frauen angerufen, 
in diesen Kreisen also als das gute Princip des Familienlebens. Auch 
betete man zu ihr am 30. März, dem Tage der Pax, wo man sie 
neben dieser und dem Janus und der Salus (Ovid F. HI, 881), lauter 
begriffsyerwandten Gottheiten, anrief. Einen andern Character nahm 
dann freilich auch diese Göttin unter den Kaisern an, da sie fortan 
meist als Augusta auftrat d. h. dem persönlichen Interesse des Kaisers 
und der kaiserlichen Familie untergeordnet wurde. Schon Livia, 
die Gemahlin des August, stiftete mit Beziehung auf diese Ehe, ob- 
schon sie den Frieden in seinem Hause untergrub, ein neues Heilig- 
thum der Concordia, welches auf dem Platze der Porticus Livia lag 
und am 11. Juni seinen Stiftungstag feierte (Ovid F. VI, 631). Auch 
war es Livia, welche jenen alten T. der Concordia beim Bogen des 
Severus unter dem Namen einer Concordia Augusta wiederherstellte, 
obwohl sie die Einweihung ihrem Erstgebornen Tiberius überliefs, 
welcher dieselbe am 16. Jan. des J. 10 n. Chr. vor seinem letzten 
Feldzuge am Rhein in seinem und seines verstorbnen Bruders Drusus 
Namen vollzog*). Das sonst sehr einfache und würdige Bild der 

») Liv. IX, 46, PUB. XXXIII, 17, oben S. 151. 

*) Appiao. b. c. I, 26, Flut. C. Gracch. 17, Vappo 1. 1. V, 156 Senaeulum 
supra Graeeostasim, übt aedis Coneordiae et basiltca Opimia, Vgl. Augustin. 
C. D. III, 25. 

») Liv. XXn, 33, Fast. Praen. Non. Febr. Kurz vor dem Tode Cäsars 
wurde ein T. der von ihm hergestellten Eintracht und ein jährliches Fest der- 
selben beschlossen, doch kam der Bescblufs nicht mehr zur Ausführung, Dio 
XLIV, 4. 

*) S. Fast. Praen., Ovid F. I, 637 ff., Sueton Tib. 20, Dio LV, 8. Auch die 



262 ZEHNTER ABSCHNITT. 

Concordia, deren Kopf auf älteren Münzen mit einem hohen Diadem 
und einem dichten Schleier versehen ist, war in diesem mit vielen 
kostbaren Kuntwerken verzierten Tempel mit Lorbeer bekränzt ^)^ 
6S6 eine Beziehung auf die Siege der beiden Söhne der Livia, welche 
der nicht weit davon am Eingange des Capitolinischen Clivus ge- 
legene Triumphbogen des Tiberius noch weiter ausführte. Später 
ist Concordia nicht selten ein Bild der ehelichen Eintracht und des 
ehelichen Segens im kaiserlichen Hause z. B. auf verschiednen unter 
Antoninus Pius, M. Aurel und Commodus geschlagenen Münzen'). 
Oder es wurde auch wohl die Eintracht der kaiserlichen Brüder ge- 
feiert, wie die zwischen den sich aufs Blut hassenden Söhnen des 
Septimius Severus, Geta und Caracalla, bei welcher Gelegenheit Con- 
cordia das ihr vom Senat zugedachte Opfer selbst vereitelte (Dio 
LXXVII, 1). Endlich wurde Concordia auch aufserhalb Roms viel 
verehrt, entweder in demselben Sinne einer die verschiedenen Ele- 
mente des bürgerlichen Lebens verbindenden Kraft oder wie die hel- 
lenistische ^Ofjbovota d. h. als Eintracht verschiedner durch Religion 
und Vertrag verbundener Städte^). Eine freiere Abstraction ist 

Pietas 

die Göttin der natürlichen Hingebung in dem Pflichtverhältnisse 
zwischen Göttern und Menschen, zwischen Eltern und Kindern und 

laschrifteo erwähnen dieses Tempels oft. [Erhalten sind: die Dedicationsin- 
Schrift des Tempels C. I. L. 6, 89, verschiedene in den Trümmern gefundene 
Votivsteine (das. 90 £f.), die Inschrr. der aedäui aedis Concardiae (das. 2204. 
2205); ferner wird der Tempel und sein pronaos als Versammlungsort der 
Arvalen in den Acten derselben sehr häufig erwähnt.] 

*) Ovid F. VI, 91 P^enit j4polltnea longas Concordia lauro nexa cotnas, 
placidt numen opusque ducis. Vgl. das Bild der Concordia auf den M. der 
Vinicia, wo sie gleichfalls einen Lorbeerkranz trägt und mit Haisband und 
Ohrenschmuck versehen ist, während der ältere Kopf auf den M. der Aemilii 
Lepidi noch ganz einfach und strenge ist. [Vgl. auch H. Gräfe De Concordiae 
et Fidei imaginibus, Petropoli 1858; Bullett. deir Instit. 1859; p. 173.] 

') Verbundene Hände und die zärtliche Taube (Horat. £p. I, 10, 4) dienen 
als Symbol der Eintracht, während Concordia selbst, behaglich dasitzend und 
auf ein Bild der Spes Augusta gelehnt, auf den zu hoffenden Segen deatet» 
Vgl. Gerhard Venusidole t. VI S. 11 ff. 

>) L. Renier Inscr. de TAIg. I n. 1868 [=== C. I. L. 8, 6942] Concordiae oo- 
loniarum Cirtensium. n. 1522 [:= 2342] Concordiae Poptdi et Ordinis, quodsumtue 
reip, manibus copiisque relevaverint. [Das. 757 C. curialis,] Or. 151 Concor" 
diae Agrig^entinorum s. Vgl. Mommsen I. N. n. 4221. 445 5. [ Concordia col» 
legiifabrum Hastensium C. I. L. 5, 7555 vgl. 5612.] 



PIETAS. 263 

Blutsverwandten überhaupt , dem Yaterlande und seinen Söhnen ^). 
Einen eignen Tempel hatte diese Tugend am Forum Holitorium, wo 
später das Theater des Marcellus erbaut wurde, in welchem die be- 
kannte Geschichte als Veranlassung erzählt wurde. Ein armes junges 
Weib aus dem Volke, die ein Kind an der Brust hatte, habe einen 
Vater gehabt (nach Andern war es die Mutter), welcher wegen eines 
Verbrechens zum Tode verurtheilt in strenger Haft gehalten wurde. 
Vergebens versucht sie dem Vater Nahrungsmittel zuzuführen, doch 
läfst man sie endlich zu ihm, worauf der GeföngniTswärter sie eines 
Tages überrascht, wie sie den Hunger des Vaters mit ihrer Brust 
stillt: ein so rührendes Beispiel der Pietät, dafs man beiden das 
Leben schenkt und auf derselben Stelle jenen Tempel zu erbauen 
beschliefst. Eine jener wandernden Geschichten , die an mehr als 626 
einer Stelle als Ortslegenden auftreten, wie man denn in Athen die- 
selbe Geschichte erzählte und hier den Vater Mykon nannte, dessen 
Name in der Ueberlieferung mit dem berühmteren Namen Kimon 
vertauscht wurde ^). In Wahrheit war jener Tempel durch M. Acilius 
Glabrio in der Schlacht bei den Thermopylen vom J. 191 v. Chr. 
gelobt worden, worauf ihn dessen Sohn gleiches Namens einweihte. 
Aufserdem wird noch eine Pietas beim Flaminischen Circus erwähnt? 
wo am 1. Dec. geopfert wurde*). Als im J. 22 n. Chr. Livia bedenk- 
lich erkrankte, machte Tiberius ihr zu Ehren allerlei Anstalten, 
welche vom Senate durch eine Stiftung zu Ehren der Pietas Augusta 
verherrlicht wurden^), daher diese Göttin auch auf den Münzen 
dieser Jahre oft erscheint, ein ernstes Frauenbild mit Schleier und 
Diadem. Sonst ist der Storch das Symbol dieser Tugend^), Aeneas 

1) [Über den schwaDkeaden Begriff des den Italikern gemeinsamen pi-us, 
pi-are, {piare Pietatem Plaut. As. 608) vgl. Jordan im Köoigsb. Ind. lect. hib. 
1882/1883 S. 13.] 

«) Fest. p. 209 pietati, Liv. XL, 34, Plin. VII, 121, Val. Max. II, 5, 1 
V, 4, 7 u. A. Hygin. f. 254 Xanthippe Myeoni patri inehuo carceri lade suo 
aUmentum vitae praesHtit. 

>) Kai. Amitern. Inl. Obseq. 54 (114). 

«) Eckhel D. N. VI p. 150. [PietaH AuguHae ded. 43 p. C. C. I. L. 6, 
562, des Kaisers Trajan v. J. 99 das. 6, 563.] Pietas Inlia d. i. Pola in Istriea. 
Später bezieht sich die Pietas Augnsta auch wohl anf die Stiftungen zu Gunsten 
armer und verwaister Kinder, welche seit JNerva und Trajan oft gemacht 
wurden. Alte Ära der 'Pietas in den Mon. d. Inst IV t. 36 [Schöne und Benn- 
dorf Lateran S. 307 f.]. PietaH et Genio liberum auf einer Grabsehrift Or. n. 
1726. 4577. 

^) P. Syrus b. Petron. 55 Ciconia etiam grata^ pereffrina, hotfita^ pietaH^ 



264 ZEHNTER ABSCHNITT. 

aber, der seinen Vater und die Penaten aus dem Brande rettende, 
das mythologische, Antoninus Pius wegen seiner Dankbarkeit gegen 
Hadrian das geschichtliche Beispiel der Pietät. Weiter die weibliche 
Tugend der 

Pudicäia 

welche das Weib in demselben MaaUse ziert wie die Tapferkeit, 
virtus, den Mann^). Eine alte Capelle der Pudicitia patricia, wo 
die Matronen patricischer Abkunft opferten, gab es auf dem Forum 
Boarium. Einige hielten sie für identisch mit der dortigen Fortuna, 
627 welche gleichfalls speciell die Frauen anging, so dafs diese Capelle 
wohl in ihrem Tempel zu suchen ist^). Ein in den Kreisen der rö- 
mischen Damenwelt ausgebrochener Streit, welcher zur Characteristik 
der ständischen Leidenschaften in den älteren Zeiten der Republik 
dient, hat uns das Andenken an diese Stiftung erhalten. Aus einem 
alten patricischen Hause, dem der Yirginii, war eine Tochter an den 
plebejischen Consul des J. 458 d. St., 296 v. Chr. L. Yolumnius ver- 
heirathet. Solche Mischehen waren nicht weniger verhafst als die 
vielen Rechte und Freiheiten, welche sich die Plebs in jenen Jahren 
errungen hatte: also wollten die hochedelgebornen Damen der Vir- 
ginia nicht mehr den Zutritt zu jenem Gottesdienste erlauben. Um- 
sonst bewies sie dafs sie allen Bedingungen desselben genüge d. h. 
dals sie immer keusch gewesen und demselben Manne noch vermählt 
sei, dem sie als Jungfrau in sein Haus gefolgt war, welches durch 
bürgerliche Ehren und das Gedächtnifs rühmlicher Thaten viele alte 
Häuser verdunkelt hatte ^). So kam sie zuletzt zu dem Entschlufs 



cuUriXf gracilipes, crotalistria. Vgl. die Münzea b. Riccio t. 4, 5; 52, 1. 2. 
[laveoal. 1, 115 f. ut colüur Pax atque Fides Fictoria Virtus quaeque salutaio 
crepitat Concordia nido, vgl. L. Friedläoder io Barsians Jahresb. 1878, 2, 
179 f.] 

1) Liv. X, 23 Hone ego aram Pudicitiae plebeiae dedico vosque hortor ut 
quod certamen virtutis inter viros in hac civiiate tenet, hoc pudicitiae 
inter matronas sü, 

') Liv. 1. c, Fest. p. 242 Pudicitiae sigBom. Vgl. oben S. 182. 

') Immer ist Jangfräulichkeit und UDbescholtene Sitte vor der Ehe, Mono« 
gamie während derselben d. h. die erste und einzige Ehe das wesentliche 
Merkmal der römischen pudicitia, s. Liv. 1. c, Tertullian de exhort. castit. 13 
Denique monagamia apud eÜmicos üa in summo honore est, ut virginilnu 
nubenObus univira pronuba adhibeatur etc. Vgl. de Monog. 17. [Univiria 
als lobendes Prädikat auf den Grabsteinen, Rom: Wilmanns Ex. 224. Or. 
2742.4530; Puteoli: Roll. d. L 1862, 220; auch tiittt;2ra C. L L. 8, 7384 



PUDICITIA. MENS. 265 

eine neue Capelle der Pudicitia plebeia in ihrem eignen Hause in 
der langen Gasse (in vico longo) zu stiften, d. h. denselben Gottes- 
dienst unter denselben Bedingungen der Theilnahme für die Matronen 
plebejischer Abkunft. Beide Culte geriethen zuletzt in Vergessenheit, 
in einer Zeit als die römischen Frauen und Jungfrauen sich weder 
von der Sitte noch von sonst einer Regel des Anstandes beherrschen 
lassen wollten: welchen Verfall der pudicitia die Kundigen seit dem 
J. 154 V. Chr. datirten, als über dem Haupte des Jupiter im Capito- 
linischen Tempel zuerst eine Palme emporgewachsen war und den 
Triumph über den macedonischen König Perseus vorbedeutet hatte, 
an derselben Stelle aber bald darauf ein Feigenbaum, das Symbol 
der Unkeuschheit, sich einnistete^). Nachmals pflegte man der Livia, 
die sich gerne an die Spitze der römischen Damenwelt gestellt sah, 
und andern Kaiserinnen, wenn es ihr Lebenswandel anders erlaubte, 
das Compliment der pudicitia zu machen'). Das Bild dieser Tugend 628 
ist das einer verschleierten Dame, die ihre Rechte in ihrem Kleide 
verbirgt^). Weiter die 

Mens 

schwerUch ein so abstracter Begriff, wie man gewöhnlich annimmt, 
sondern wahrscheinlich eine Nebenform der Venus Erycina, mit 
welcher zugleich ihr auf Geheifs der Sibyllinischen Bücher im J. 217 
V. Chr. ein Tempel auf dem Capitol gestiftet wurde *). Beide Tempel 
lagen neben einander und wir wissen dafs Venus auch als Mimnernia 
oder Meminia verehrt wurde. Die erycinische Venus ist die himm- 
lische, welcher man aufser ihren natürlichen Eigenschaften auch 
manche geistige zuschrieb, daher sie in verschiedenen Beziehungen 



(was nicht zu beaDStandea: vgl. unimamma). Vgl. auch Marqaardt Privat- 
leben 1,41 Friedländer, Sittengeschichte 1^ 465]. 

1) PUn. XVII, 244, vgl. Propert. II, 6, 25. Eine sodalitas podicitiae ser- 
vandae wird erwähnt in dem Bruchstück einer Inschrift bei Fahr, p. 462. 

') Val. Max. VI, 1, 1, vgl. die Ära Padicitiae zu Ehren der Plotina b. 
Eckhel D. N. VI p. 465 und dens. ib. p. 507. 

>) [Die Benennung dieses Typus geht von der Deutung der jetzt im Braccio 
Buovo des Vat. Mus. befindlichen sog. Pudicitia (Clarac pl. 764 n. 1879) aus, 
von der zahlreiche Repliken vorhanden sind (vgl. z. B. Duhn-Matz A. B. 1426 fi^.). 
Die Richtigkeit der Benennung mufs dahingestellt bleiben: das Motiv ist 
griechisch (Heibig Camp. Wandmalerei S. 32).] 

*) Liv. XXn, 10, XXIII, 31, Ovid. F. VI, 241 ff. Vgl. oben I, 445 [und 
Jordan Top. 1, 2, 46]. 



266 ZEHNTER ABSGHPIITT. 

der IVIinerva nahe stand. Bei jener Stiftung, als deren Tag der 
8. Juni gefeiert wurde, meinte man freilich wohl nur einfach die 
Göttin der Besinnung und Besonnenheit, denn es waren die kritischen 
Zeiten nach der Schlacht am Trasimenus. Später in den gleich ge- 
fahrlichen Tagen der cimbrischen Schlachten soll M. Aemilius Scaurus 
eine ähnliche Stiftung gemacht haben, in einer Zeit da schon die 
Aufklärung und die Phrase das Wort führte, daher man damals von 
solchen abstracten Göttern und Göttinnen viel Wesens machte, wie 
Plutarch sagt de Fort. Ro. 5. 10. Sonst heifst diese Göttin, beson- 
ders als Personification einer loyalen Gesinnung, auch im politischen 
Sinne des Worts, gewöhnlich Mens Bona, unter welchem Namen ihr 
in und aufserhalb Rom nicht selten Statuen und Altäre geweiht 
wurden, auch wohl neben der Fides und andern begrififsyerwandten 
Gottheiten, zumal wenn nach einer Periode der Aufregung wieder 
Ruhe und Besinnung eingetreten war^). Der Gegensatz ist Mens 
629 Laeva oder Mala, welche der griechischen Ate entspricht'). Femer 
die specielleren Tugenden der 

Aequitas 

d. h. der Billigkeit, welche schon Aristoteles höher stellte als die 
nach dem Buchstaben des Gesetzes entscheidende Gerechtigkeit. Und 
wirklich scheint sie auch bei den Römern mehr gegolten zu haben 
als die Justitia, deren schöner Kopf uns nur auf den Münzen des 
finstem Tiberius begegnet, dahingegen die Aequitas in Rom und 
Italien oft verehrt und im Bilde dargestellt worden zu sein scheint. 
So ist neuerdings die in grammatischer Hinsicht merkwürdige In- 
schrift Aecetiai pocolom auf einer Schale aus Yulci zur Sprache 

») S. die Inschriften b. Or. b. 1818. 1819 [= CLL. 1, 1237J. 1820, 
Mommsen I. N. n. 5611 [«=» C. I. L. 1, 1167], und besonders die aus Lyon b. 
Or. n. 922, Boissiea Inscr. de Lyon p. 65 Bonae Menii ac Redttci Foriunae 
redhibita et suscepta provineia etc. d. h. nachdem die Provinz nach längerer 
Unruhe wieder zur Ruhe und Ordnung zurückgekehrt war. [Menti Bonae 
sacrum Felix vilicus posutt^ Ära von Garrara (frühe Kaiserzeit?) Ballet, 
dcir Instit. 1859, p. 85 vgl. 1862, p. 48.] Vgl. Prop. III, 24, 19 Mens bona, 
si qua dea es, iua me in sacraria dono, Ovid. Amor. I, 2, 31 Mens bona 
ducetur manibus post terga retortis. Pers. S. II , 8 Mens bona, fo^tna, ßdes, 
[Mit Fides auch auf der I. Or. 1820.] Petron. S. 61 Postquam omnes bonam 
mentem bonamque valetudtnem sibi optarunt. Seneca £p. 10, 4 rog^a bonam 
mentenif bonam valetudinem animi, deinde corporis. Eine M. des Pertinax 
ist dedicirt Menti Laudandae, Eckhel D. N. VII p. 142. 

>) Virg. Aen. II, 54, vgl. die Anecdote b. Seneca de Benef. III, 37. 



AEQUITAS. CLEMENTIA. 267 

gekommen, in welcher man eine ältere oder provincielle Form für 
Aequitatis poculum erkannt hat^). Aufserdem wird Aequitas als 
Göttin genannt von Arnob. lY, 1 und ein Bild von ihr in den T. 
der pränestinischen Fortuna geweiht b. Grut. 76, 3. Endlich ist auf 
den Münzen der Kaiser oft von der Aequitas publica die Rede und 
zwar mit specieller Beziehung auf die vom Kaiser und dem Senate 
geprägten Münzen, welche nichts desto weniger immer schlechter 
wurden. Das gewöhnliche Symbol der Aequitas ist die geöffnete 
Unke Hand welche weil ungeschickter, deshalb auch ehrlicher zu 
sein schien als die rechte. Auch erscheint sie oft mit der Wage 
in der Hand, welches Attribut von ihr auf die Personification der 
Moneta übergegangen ist, also sich speciell auf das Gewicht der 
Münzen bezog. Dieser Tugend nahe verwandt ist die 

dementia 

die hervorstechende Tugend Cäsars, daher man ihm und der de- 
mentia, wie sie sich gegenseitig die Hände reichten, ein gemein- 
schaftliches Heiligthum stiftete^). Gleich nach seinem Tode hiels eso 
es, er habe sich diesen durch seine Milde zugezogen, später er sei 
darüber zum Gott geworden^). Einen um so widerwärtigeren Ein- 
druck macht es, wenn man nachmals auch den hartherzigsten Ty- 
rannen, einem Tiberius und Caligula, mit gleichem Lobe huldigte^). 
Noch andre Tugenden der Art, d. h. solche die man an den Kaisern 
vergötterte, sind die Constantia, welche auf den Münzen des 
Claudius erscheint, dessen Imbecillität man dadurch zur Character- 
stärke stempelte, eine sitzende Frau, die ihre rechte Hand auf den 
Mund legt, weil das Schweigen und Verschweigen von jeher für das 

1) Ritscbl de fictil. litter. Latio. aotiquiss. Berol. 1853. [Op. 4, 283; 
C. I. L. 1; 13] Aecetia steht zanSclist für aeqaitia d. i. aequitas, wie daritia oder 
durities f. daritas, planitia oder plaoities f. planitas ü. s. w., vgl. nequitia 
Yoa neqaus d. i. ne-aequos. In der Form aecetia ist das gewöhnliche i der 
zweiten Silbe mit e vertauscht, vgl. mereto, soledas, oppedeis n. dgl. C aber 
steht für qn, wie curis f. qniris, cum f. quem n. s. w. 

2) Appian b. c. 11, 106, Dio XLIV, 6, VeU. Fat. II, 56, Plin. H.N. II, 
14, VII, 93, vgl. die M. des P. Sepullius Macer mit der Inschrift Clementiae 
Caesaris. 

>) Cic. ad Att. XIV, 22, vgl. den Brief des M. Aurel b. Vulcat. Gallic. 
Avid. Cass. 11. 

*) Tacit. Ann. IV, 74 aram Clementiae^ aram AmidMae effigietque 
circum Caesaris ac Seiani eensuere. Vgl. Dio LIX, 16. Bei Tacit. Ann. I, 
14 wird eine ara Adoptionis erwähnt, III, 18 eine ara Ultionis. 



268 ZEHNTER ABSCHNITT. 

Merkmal eines kräftigen Characters gegolten hat, ferner die Libera- 
litas und Indulgentia, die Freigebigkeit und Gnade, diese letztere 
schon ein Symptom des Despotismus^). Endlich die 

Providentia 

durch welches Wort bald die göttliche Vorsehung bald die mensch- 
liche Vorsicht und Fürsorge bezeichnet wird, beides zum Lobe der 
Kaiser. Bald ist nehmlich von der Providentia Deorum in dem 
Sinne der Vorsehung die Rede welche den Kaisern die Herrschaft 
verliehen, indem sie ihnen das Scepter oder die Weltkugel über- 
reicht oder durch einen Adler aus der Höhe sendet, so daüs man 
diese Idee etwa in die Kaiser von Gottes Gnaden nach unserm 
Sprachgebrauch übersetzen könnte. Bald ist es die Providentia 
Augusta oder Augustorum oder auch die einzelner Kaiser z. B. Divi 
Caesaris, Ti. Caesaris, Divi Titi U.A., welche durch Münzen, In- 
schriften und andre Denkmäler gefeiert wird, in welchen Fällen also 
die Fürsorge der noch regierenden oder schon consecrirten Kaiser 
681 für Rom und die Römer durch ein weises oder strenges Regiment 
oder auch ganz materiell durch Zufuhr von Getreide u. dgl. zu ver- 
stehen ist^). 



*) Vgl. die loschrift aus Cirta b. Renier Inscr. de TAlg. I d. 1835 [= 
C. I. L. 8, 7095 ff.] M. Caecilius Q. f. — praeter statuam aeream Securi- 
tatis Saeculi ei aediculam tetrastylam cum statua aerea Indulgentiae 
Domini Nostri, quas in honore aediUtatis et triummratus posuit et ludos 
scaenicos diebus septem, quos cum missilibiu per quatuor colomat edidit, 
arcum triumphalem cum statua aerea f^irtutis Domini N. Antonini Aug.^ 
quem ob honorem quinquennalitatis poUicitus est, eodem anno sua pecunia 
exiruxit. 

*) Plin. Panegyr. 10 lam te Providentia Deorum primum in locum 
provexerat. Vgl. Marioi Att. Arv. p. 41 und 80, £ckhel D. N. VI p. 507, 
Vn p. 144, VIII p: 10 und 24, Or. d. 689 [= Wilmanns Ex. 64a]. 1826, 5822. 



EILFTEE ABSCHiriTT. 



Halbgötter und Heroen. 



Eine Heldensage und einen Heroendienst im Sinne der grie- 632 
chischen darf man in dem alten Italien nicht suchen. Diese Er- 
scheinungen hängen aufs engste mit dem epischen Gesänge und der 
epischen Dichtung zusammen, wozu es dort nun einmal nicht ge- 
kommen ist. Wohl aber wirkte auch hier das Bedurfnifs eines über- 
natürlichen Anfangs der Geschichte, wo die Götter wie Menschen 
auf der Erde leben und als Könige über die Völker herrschen, wie 
wir einen solchen Glauben in den Fabeln vom Janus, Saturnus, 
Faunus wirklich nachweisen konnten; obwohl auch diese in dem 
Lichte einer patriarchalisch ruhigen und friedlichen, keineswegs 
einer kriegerisch und episch bewegten Vorzeit erscheinen. Dazu kam 
der Glaube an die Semonen und Indigeten, an die Genien und Laren, 
lauter halbgöttliche halbmenschliche Wesen, welche sich zur Aus- 
füllung einer mythischen Vorgeschichte der Nation w^ohl geeignet 
hätten. Aber überall fehlt jenes ästhetische Bedurfnifs, jener poetische 
Trieb der Verdichtung und Localisirung solcher Fabeln, welcher 
allein zum Epos fähren konnte, überall sind solche Züge der Landes- 
sage und des volksthümlichen Gesanges auf der Stufe der Mährchen- 
dichtung stehen geblieben, welche wohl auf einen poetischen Trieb 
im Volke schlielsen läfst, aber durch die priesterlichen und prakti- 
schen Bestrebungen der höheren Stände und des früh entwickelten 
Staatslebens, auch wohl durch den Zudrang ausländischer Bildung 
in ihrer weiteren Entwicklung gestört wurde. Also können hier 
auch nur wenige eigenthümliche und nationale Gestalten zur Sprache 
kommen, der sabinische Semo Sancus und der latinische Hercules, ess 



270 EILFTER ABSCHNITT. 

welcher letztere seinen Namen und die mythische Einkleidung schon 
von dem griechischen Heroen erborgt hat, endlich die älteren, gleich- 
falls sehr entstellten Züge der Aeneas- und der Romulussage. Alles 
Uebrige ist griechischen Ursprungs, die Castoren als ideale Vor- 
bilder der Ritterschaft, Diomedes, Ulysses, Telephus, Aeneas und 
Antenor als älteste Ansiedler des südlichen, mittleren und nörd- 
lichen Italiens: wie diese Fabeln, die letzten Nachklänge der grie- 
chischen Nostendichtung, durch die in Campanien, Grofsgriechen- 
land und Sicilien angesiedelten Griechen sich allmählich verbreitet 
und durch Verschmelzung gleichartiger Sacra zuerst einen festen 
Boden gewonnen hatten, darauf zum Bedürfnifs der conventionellen 
Geschichtsüberlieferung geworden waren. Allerdings ist sehr vieles 
Alte und Einheimische gewifs verloren gegangen. Rom war nach 
seiner ganzen Art und im Drange der Umstände viel zu lange und 
viel zu sehr mit Thaten beschäftigt, um der Erinnerungen seiner 
eignen Vorzeit, geschweige denn der andern italischen Völker, mit 
Worten und Erzählungen pQegen zu mögen ^). Könnten wir nach 
andern Quellen als den römischen über die Sabiner und Samniter, 
Alba Longa und die Latiner urtheilen, so würde freilich auch die 
italische Sagengeschichte eine ganz andre Gestalt haben. 

1. Semo Sancus oder Ditu Fidius, 

Unter diesen Namen ward bei den Sabinem, Umbrem und 
Römern ein Wesen verehrt, welches dem Jupiter in der Bedeutung 
des himmlischen Lichtgottes, wie derselbe sich in Rom vorzüglich 
in dem Institute der Fetialen und andern Zügen eines alterthüm- 
lichen Gottesdienstes darstellt, sehr nahe gestanden haben mufis. 
Der Name Dius Fidius ist . durch sich selbst klar. Dius ist des- 
selben Stammes wie Diovis, dies, dialis u. s. w. (I, 50) und kann 
in dieser Verbindung, da Dius Fidius nicht für einen Gott, sondern 
nur für einen Genius, nach griechischer Vorstellung für einen Heros 
684 galt ^), nichts Anderes bedeuten als einen das Wesen des Diovis oder 



1) Vgl. die Parallele zwischen Griechen und Römern bei Vir(pl. Aeo. VI, 
847 ff., Horat. A. P. 323 ff., Sallust CatU. 8. 

') Paul. p. 74 Dium quod sub caelo est extra tectum ab love dteebatur 
et Dialis flamen et Dius heroum aliquis ab love genus dueens. Dabei 
scheint die falsche Etymologie des Aelius Stilo u. A. zu Grunde zu liegen, 
welche Dius Fidius durch Diovis filius (d wie oft für I) erklärten, s. Varro 
1. 1. V, 66, Paul. p. 147 Medius fidius, Placid. gl. p. 353 [p. 32 D.]. Dpeh 



SEMO SANGÜS ODER DIUS FIDIUS. 271 

Diespiter in irdischen Kreisen darstellenden Halbgott, der auf Recht 
und Ordnung sieht, besonders im menschlichen und internationalen 
Verkehr der Eidschwure und Verträge, der Ehe und Gastfreund- 
schaft; denn Fidius hängt jedenfalls zusammen mit fido, fides, foedus 
in dem I, 189. 245 ff. und 250 entwickelten Ideenzusammenhange. 
Von dem Begriffe des Semo ist I, 90 die Rede gewesen, wo wir 
denselben gleichfalls durch den entsprechenden Begriff des Genius 
zu erklären suchten. Sancus hängt mit dem lateinischen sancio 
und sanctus zusammen, obwohl der alte StammbegrifT der Wurzel 
allgemeiner gewesen sein und der Naturempfindung näher gestanden 
haben mag, wahrscheinlich so dafs Semo Sancus dasselbe bedeutete 
was Dius Fidius, ein dem Himmel entstammendes Wesen der Heilig- 
keit und der Treue ^). Wir haben wiederholt gesehn dafs solche 
Vorstellungen und diese tiefe Innigkeit einer alten Religion des 
Lichtes bei den Sabinem vorzuglich zu Hause waren; so wird auch 
die Verehrung dieses Wesens nach dem einstimmigen Berichte der 
Alten vorzüglich ihnen zugeschrieben ^). Aufserdem ward Dius Fidius 
oder Semo Sancus aber auch bei den verwandten Umbrern unter 
den ältesten und heiligsten Göttern verehrt, wie wir dieses aus den 
iguvinischen Gebetsurkunden schliefsen dürfen, nach denen die Burg 
von Iguvium ocris Fisius d. h. collis Fidius hiefs und Fisus oder 
Fisovius Sancius d. h. Fidius Sancus gleich nach dem höchsten Gott 
Jupiter angerufen wird®). 



darf daraus und aus der Vergleiehung mit Hercules wenigsteus gefolgert 
werden, dafs er nur für einen Halbgott galt. 

1) Auch das Wort sagmina im Gebrauche der Fetialen hängt mit sancire 
zusammen, s. oben I, 245. Nach lo. Lyd. de mens. IV, 58 bedeutete Sancus 
in der sabinischen Sprache den Himmel d. h. i. q. Dius. Es scheint dafs man 
auch Sangus, us declinirte, wie lanus, us, vgl. Liv. VllI, 20, XXXII, 1, Fest, 
p. 241 a 2. Später sagte man gewöhnlich Sanctus für Sancus, vgl. Propert. 
IV (V), 9, 73 Hunc — Sanctum Tatiae composuere Ckires, [Da bei Plin. H. N. 
VUI, 149 in iemplo Sancus^ bei Fest. a. 0. in aede scs (d.h. sanctus, also sancus), 
überliefert ist, und sonst das c in Sane-us durch das Adjektiv sanqu-aUs feststeht, 
auch der Zusammenhang desselben mit sane-io, sae-rum nicht zweifelhaft sein 
kann (vgl. Corssen Beitr. z. ital. Sprachenkunde S. 49), so ist bei Liv. VIII 
das handschriftliche Sango — Sangus , XXXII Sangus nothwendig in Sanco, 
Sancus zu ändern.] 

») Varro 1. 1. V, 66, Ovid F. VI, 213 ff., Propert 1. c, Dionys. II, 49, 
Lactant. I, 15, 8 u. A. 

>) Aufrecht und Kirchhoff Umbr. Sprachd. 2, 137. 187. Fisus verhält 
sich zu Fidius wie das sab. Clausus zu Claudius, osk. Bansae zu Bantiae, gr. 



272 EILFTER ABSCHNITT. 

685 Ueberaus wichtig ist die Bemerkung des Aelius Stilo bei Yarro 

1. 1. V, 66, dafs Sancus in sabinischer Sprache dasselbe Wesen sei 
was in griechischer Hercules, denn es wird sich aus dem weitern 
Verlaufe dieser Untersuchung herausstellen, daüs wirklich der grie- 
chische Name nicht allein in Rom und Latium, sondern auch bei 
den Sabinern und sonst in Italien den altern Namen eines gleich- 
artigen Wesens verdrängt hat, welches mit dem griechischen Her- 
cules sowohl die heroische Natur als die nahe Beziehung zum höch- 
sten Gotte des lichten Himmels gemein gehabt haben mag. So er- 

^ fahren wir gelegentlich, dafs es bei den Sabinern eine eigne Klasse 
von Priestern gab, die sich" Cupenci nannten und speciell für den 
Cult des Hercules^) d. h. also des Semo Sancus bestimmt waren. 

Aus ihrer Metropole Cures brachten die Sabiner unter T. Tatius 
diesen Cultus mit sich nach Rom, wo sie dem Semo Sancus oder 
Di US Fidius auf dem Quirinal, ganz in der Nähe ihres andern National- 
gottes, des Quirinus d. h. des Mars von Cures (I, 370), ein Heilig- 
thum stifteten^). Die Nachrichten von diesem Gottesdienste sind 
nicht zahlreich, doch fehlt es nicht an charakteristischen Merkmalen. 
Zunächst war Dius Fidius vorzugsweise Schwurgott, wie Jupiter und 
Diespiter, daher die alte Schwurformel Me Dius Fidius, welche dem 

fjLiaog ifxiaaog) zu rnedius u. s. w. Zu ocris Fisius in Iguvium wäre zu ver- 
gleichen die Colooie Fida Tuder Gromat. vet. p. 214. Die Bedenklichkeiteo 
der Vff. , ob Dius Fidius und Semo Sancus mit Recht für identisch gehalten 
werden, scheinen mir insofern unbegründet zu sein, als Semo Sancus offenbar 
etwas Anderes sagen will als das alleinige Beiwort Sancus oder Sancins, 
welches in den iguvinischen Urkunden auch als Beiname des Inpiter vor- 
kommt. Jupiter Sancus ist eben der höchste Gott des Lichtes und der Treue, 
Semo Sancus der ihn in den menschlichen Verhältnissen des Rechtes und der 
Verträge darstellende Genius Dius Fidius. 

^) Serv. V. A. XII, 538 Sciendum Cupencum Sahinorum lingua saoerdotem 
vocari. — Sunt autem Cupenci HercuUs sacerdotes. Das Wort ist zusammen« 
gesetzt aus cup und ancus. Jenes scheint mit dem Worte cuprus zusammen- 
zuhängen, dieses mit anculus, anculare (I, 99), so dafs also cupenci eigentlich 
boni miaistri sind, heilige Diener des heiligen Lichtwesens der Treue. [Viel- 
mehr ist cup-en-cus durch Suffixe von W. cup- (oben I, 280, 3) gebildet, wie 
mv-en-cuSf lup-er-cu* (oben I, 126, 1. 380, 4).] 

3) Ovid. F. VI, 213 Quaerebam Nonas Saneo Fidione referrem an tibi Semo 
Pater? Tum mihi Sancus ait: Cuicumque ex iUis dederis, ego munus habebo^ 
Nomina temafero, sie voluere Cures, Vgl. Prop. 1. c. und Fest. p. 241 in aede 
Sancus f qui Dius Fidius vocatur, Varro 1. 1. V, 52 aptul aedem Dii Fidii. Liv. 
VIII, 20 in sacello Sanges adversus aedem Quirini. In der JNähe befand sich 
eine porta Sanqualis. [Der sabinische Ursprung des Gottes ist eine Fabel.] 



SEMO SANCUS ODER DIUS FIDIUS. 273 

Me Hercules oder Mehercule ziemlich gleichbedeutend war^). Und 
zwar durfte nach sabinischer Sitte dieser Schwur nur unter freiem 
Himmel geschworen werden, in welchem Gebrauche man die alte 
Beziehung auf den Gott des Lichtes und des Tages deutlich erkennt; 
daher auch sein Tempel im Dache ein Loch hatte, damit der Him- ese 
mel durchscheine, und wenn zu Hause bei ihm geschworen werden 
sollte, der Schwörende zu diesem Ende aus dem Saale in das so- 
genannte compluvium d. h. den innern unbedeckten Hof des Hauses 
hinaustrat^). [Dazu kommt die wichtige Nachricht, dafs in dem 
alten Heiligthum auf dem Quirinal kupferne kreisrunde Scheiben 
aufgestellt wurden; wie es scheint Symbole der Ewigkeit^).] Ferner 
war Dius Fidius ein Gott des öfTentlichen Gast- und Völkerrechts, 
auch des internationalen Verkehrs und der Sicherheit der Strafsen, 
daher diese unter seinen Schutz gestellt waren und die alte Urkunde 
des von Tarquinius Superbus mit den Gabinern abgeschlossenen 
Bündnisses in seinem Tempel niedergelegt wurde. Endlich mufs 
dieser Sancus auch in der sabinischen Auspicienlehre eine hervor- 
ragende Bedeutung gehabt haben, da eine gewisse Art von Adlern 
in seinem Schutze stand und deshalb avis Sanqualis genannt wurde ^). 

^) Paul. p. 147 Medius fidius. — Quidam exisUmant iusiurandum esse 
per Divi fidem, quidam per diumi iemporis i, e. diei fidem. Vgl. Tertüll. de 
Idololatr. 20. 

^) Varro 1. 1. V, 66 [vgl. Jordan Comm. phil. in hon. Momms. p. 369] 
Olim Diovis et Diespiter dictus, — a quo dei dicti qm inde et dies et divum, unde 
suh divo, Dius Fidius. Itaque inde eins perforatum tectum, ut ea videatur divum 
i. e. caelum, Quidam negant süb tecto per hunc deierare oportere. Non. Marc, 
p. 494 Varro Cato vd de liberis educandis: Itaque domi rüuis nostri qui per 
Dium Fidium iurare vuUy prodire solet in compluvium. 

>) [Livius Vm, 20, 8, vgl. die urfeta (orbita) der Japater Sancns der ignvi- 
nischen Tafeln u. ä. bei anderen Völkern, bemerkt von Zeyss in Kuhns Zeit- 
schrift 20, 129 (dann wieder von Bücheier Bonner Progr. 22. März 1878 S. 15). 
— Leider scheint es nicht ganz sicher zu sein, dafs die neuerdings gefundene 
Basis mit der Dedication an Semo Sancus (unten) ursprünglich zu der darauf 
stehenden Statue gehört: diese zeigt einen ganz nackten, jugendlichen Gott 
mit wagerecht vorgestreckten Armen (vorn abgebrochen; hielt ein Thier?) 
und weit geöffneten Augen ; wie es scheint die Nachbildung eines archaischen 
Apollotypus {ApoUinis et Sancus aedes Liv. XXXII, 1, 10 zu Velitra räumlich 
verbunden ?). Photographie der (jetzt vaticanischen) Statue bei Visconti in den 
Studi e documenti di storia e diritto 2 (1881), 105 ff. Vgl. Bull. delF ist. 
1881, 38f. Bull. arch. commun. 1881, 4f.] 

^) TertuU. ad. Nat. II, 9 est et Sanctvs propter hospitalHatem a rege Ploiio 
(leg. T. Taiio) fanum consecutus. Fest. p. 229 Propter viam ßt sacrificium 
Preller, Bom. MythoL U. 8. Aufl. 18 



274 EILFTER ABSCHNITT. 

Das von T. Tatius gestiftete Heiligthum auf dem Quirinal wurde 
durch Tarquinius Superbus zum Tempel ausgebaut, dessen Ein- 
weihung aber erst in den ersten Jahren der Republik, im Jahre 288 
d. St., 466 V. Chr. vollzogen wurde , und zwar an den Nonen des 
Juni, welcher Tag dem Dius Fidius in coUe auch in dem spätem 
römischen Kalender heilig blieb ^). In diesem Tempel befanden sich 
Spindel und Rocken sowie die Sandalen der Gaia Caecilia oder Ta- 
naquil, der Gemahlin des Tarquinius Priscus, welche von den römi- 
schen Matronen als Ideal einer treuen und gewissenhaften Hausfrau 
verehrt wurde, deren Fleifs und häusliche Tugenden eben durch jene 
Andenken vergegenwärtigt werden sollten^). Auch eine eherne 
Statue dieser königlichen Matrone, welche zugleich für eine gute 
Arztin und Erfinderin von untrüglichen Mitteln des Gegenzaubers 
galt, war in diesem Tempel zu sehn: so dafs Sancus wohl auch, 
637 wie Quirinus und Inno Curitis, die Bedeutung eines Schutzgottes 
der Matronen und ihrer ehelichen Rechte gehabt haben mag. 

Aufser diesem alten Heiligthum des Semo Sancus gab es ein 
zweites auf der Tiberinsel, wo dieser Cultus vielleicht mit dem dps 
Veiovis und des neuerdings bekannt gewordenen lupiter lurarius 
zusammenhängt (I, 267). Die Christen, welche die Inschrift des 
Bildes mifsverstanden, haben daraus gefolgert, dafs der Zauberer 
Simon Magus von den Römern göttlich verehrt worden sei'). End- 



quod est proßciscendi graHa Herculi aut Sanco, qui scüicet idem est deus. Vgl. 
Dionys H. IV, 58, Horat. Ep. 11, 1, 25, Fest. p. 317 Sanqualis avü. 

*) Diooys IX, 60, Kai. Venus., vgl. Liv. VIII, 20. Dionys übersetzt Dius 
Fidius UDgeoau durch Zevg IKariog. 

«) Pilo. H. N. Vin, 194, Plut. Qu. Ro. 30, Paul. p. 95 Gaia Caecilia, 
Fest. p. 238 praebia. 

*) lustin. M. Apolog. I, 26, 56, Tertull. Apolog. 13, Euseb. Bist. Eccl. II, 
13 OS — inl ry noXsi i/lkov r^ ßafftMi *^i"J? ^«of ivo/aiad-t} xal avdqtavjv 
nuQ vfjitv (og d-fbg TsrCfxri'iai iv r^ TlßiQi norarKp fi€T(t^u rdiv Svo y€(fVQ(i5v 
(d. h. in Insula, s. Becker Handb. I, 653), ?;f<üi/ InvyQKtfriv ^ PtofxatXTiv ravTrjv 
ZimaNI /lESl ZArKTXl, Bttsq iart Zlfxiovi &€(p ay{(p. [De Boss! Ball. d. 
ist. 1881,65.] Vgl. die Inschriften bei Or. n. 1860. 1861 [= C. I. L. 6, 567. 
568: jene ist in Trastevere, diese bei S. Silvestro auf dem Quirinal, wahr- 
scheinlich in der Nähe des dortigen Tempels, gefunden worden. Dazu kommt 
jetzt die oben S. 273, 3 erwähnte, im Wesentlichen mit der ersteren über- 
einstimmende. Diese soll wieder bei S. Silvestro gefunden sein: s. Lanciani 
Bull. com. 1881 S. 5. Die Inschriften lauten, 567:] Semoni Sanco Deo Fidio 
sacrum Sex. Pompeius Sp. f, Col. Mussianus quinquennalis decur. bidentaUs do- 
num deditj die andre : Sanco sancto Semoni Deo Fidio sacrum decuria säcerdoium 



SÄBINISGHE SAGEMTRÜMMER. 275 

lieh werden Heiligthumer des Sangus oder Semo Sancus auch in 
Velitrae und in der Gegend von Marino erwähnt^). 

2. Sahinischß Sagentrümmer. 

Wir wollen hier gleich die sonst erhaltenen Sagen des sabinischen 
Stammes anschliefsen, da sie dem Ideenzusammenhange nach hierher 
gehören. Dionys H. II, 48 ff. erzählt diese Sagen nach Varro, einem 
griechischen Schriftsteller Zenodot und Cato, welcher letztere am 
meisten Glauben verdient. Nach ihm war die Hochebene von Ami- 
ternum der eigentliche Stammsitz der Sabiner und ein offner Ort 
(sie kannten nur solche) Testrina ihre Metropole d. h. der Ort, von 
welchem sie den Ursprung ihres Namens und den Heroen, welcher 
denselben zuerst getragen, ableiteten. Er hiefs Sabus oder Sabinus, 
in welchem Worte das b dem äolischen Digamma gleich zu achten 
ist, da die nahe verwandten Samnites d. i. Sabnites auf griechisch 
^avvXTai, und auf einer Münze der Italiker Safineis heifsen : worüber 
man auf die Yermuthung kommen könnte dafs Sabus verwandt sei 
mit Säur, in welchem Worte wir oben I, 268 eine provincielle Form 
für Saul oder Sol erkannt haben^). Genealogisch nannte man diesen 
Sabus einen Sohn des Sancus, welcher nicht allein Nationalgott der ess 
Sabiner, sondern auch ihr ältester König gewesen sein soll'), in 
diesem Zusammenhange aber wohl in der Bedeutung eines himm- 
lischen Urwesens wie lanus oder lupiter aufgefafst werden mufs. 
Die gewöhnliche Sage dachte sich ihn als den ersten Winzer*), 



hidentalütm, redperatü vectigalibus. [568: Sanco Sancto Semon{t) Deo Fidio 
sacrum decuria sacerdotum kidentalivm redperatü vectigalibus\ die neue: Se- 
moni Sanco sancto Deo Fidio sacrum decuria sacerdot{um) bidenialium,] 

^) Liv. XXXII, 1. Vgl. die loschr. aus Marino bei Henzen d. 6999 
-Phileros ex decreto XXX virum sacdbim Semoni Sanco de sua peeunia fecity 
wo die XXX viri als Obrigkeit auf eine kleine Landstadt deuten. 

3) [Dafs Saf' die oskische, Sab- die latinische Stammform desselben 
Namens ist, steht fest. Die Wurzel (sabh-j sadh-t nicht sav-) ist nicht 
erklärt.] 

*) Dionys. 1. c. Kai(ov 6h ÜoQxiog jo fjihv ovo/na t(p ZaßCvwv td^ii 
X€d-jjva£ (pfjOiv inl 2aßCvov xov ^ayxov, 6alfxovoi imxfoqCov, Sil. Ital. 
Vni, 424 Ibant et laeti pars Sanetum voce canebant auctorem gentis, pars laudes 
ore ferebant Sabe tuas, qui de patrio cognomine primus dixisti populos magna 
dicione Sabinos, Augustin C. D. XVIII, 19 Sabini etiam regem suum primum 
Sancum, sive ut alü qui appellant Sanctufn, retulerunt in deos. 

*) Virg. Aen. VU, 179 Paterque Sabinus vitisator curvam servans süb 
imagtne falcem, lo. Lyd. de Mens. I, 5 Zaßlvos ix trig negl rov olvov 

18* 



276 EILFTER ABSCHNITT. 

welcher sein Volk wie Noah den Weinstock pflanzen gelehrt und 
dadurch die älteste Cultur begründet habe, so dafs also in diesen 
ältesten Erinnerungen noch ganz die friedliche Beschäftigung mit 
Acker- und Weinbau durchschimmert. Von Amiternum drangen die 
Sabiner erobernd weiter vor in die fruchtbare Gegend von Reate^ 
wo der sabinische Hercules d. h. Semo Sancus als Pater Reatinus, 
also gleichfalls als Stammvater, Grunder und ältester König der 
Stadt und Landschaft verehrt wurde ^), wie dasselbe Wesen später 
auch in Amiternum für einen Hercules galt. Von Reate endlich noch 
weiter vordringend fanden sie einen neuen Mittelpunkt in Cures, 
einem später dürftigen und kleinen Orte^), von welchem die ältere 
Ueberlieferung aber sowohl T. Tatius als Numa ableitet. Eine alter- 
thümliche Sage über die Entstehung dieses Orts erzählt Dionys H, 4S 
nach Varro. In der Gegend von Reate sei eine Jungfrau vornehmen 
Geschlechts zum gottesdienstlichen Tanze des sabinischen Mars Quiri- 
nus geführt worden. Während des Tanzes in dem Haine eilt sie 
639 in heiliger Verzückung in das innere Heiligthum und wird dort von 
dem Gotte schwanger, wie Rhea Silvia in der Höhle bei Alba. Als^ 
die Zeit gekommen gebiert sie einen Knaben, welcher zum Helden 
seines Volks und zum Gründer von Cures bestimmt war. Sein Name 
sei gewesen Modius Fabidius, wo das erste Wort an den Sabiner 
Mettus oder Metius Curtius und an den Albaner Mettus oder Metius 
Fufetius erinnert, was wieder mit dem oskischen medix oder med- 
dix d. i. Fürst, summus magistratus zusammenhängen mag, das 
zweite Wort an das uralte römische Geschlecht der Fabii, welchei» 
sich vom Hercules abzustammen rühmte und Gentilsacra auf dem 
Quirinal hatte (Liv. V, 46). Dieser Modius Fabidius also wird als- 



yetoqyiag <p€Q(ovvfi(os (ovofxdo&ri' t6 yaQ 2aßivog ovofia anogia xal tffVTav^ 
triv otvov ^laarjjLia^vet, Serv. V. A. I, 532 Oenotria dictOf — ut Farro dicttf 
ab Oenotro rege Sahinorum, Gewöhnlich leiten die Alten den Namen der 
Sabiner ab von aäßead-ai, wegen ihrer strengen Frömmigkeit, s. Varro bei 
Fest. p. 343, Plin. H. N. III, 108. 

^) Sueton. Vespas. 12 conantes quosdam originem Flavii generis ad con- 
däores Reatinos comitemque HerculU, cuius monumenium exstat via SalariOy. 
referre etc. Vespasians Familie stammte nehmlich aus der Gegend Yon Reate. 
Vgl. die Inschriften aus Reate bei Or. n. 1858. 1862 und Ritschi Tit. Mam< 
mianus p. IX sq. und p. XVII [Op. 4,97. 111], und die aus Amiternum bei 
Mommsen I. JN. n. 5756. [=- C. I. L. 1, 1290] 5757. [= C. I. L. 1, 1288.] 

^) Virg. Aen. VI, 810 von JNuma: yrimus qui legibus Urbem fundabit^ 
Curibus parvis et paupere terra mitsus in imperium magnum. 



SABINISCHE SAGENTRÜNMER. 277 

ein wahrer Held beschrieben, übernatürlich grols und stark und 
unüberwindlicher Sieger in allen Schlachten seines Volks. Doch will 
er nicht allein kämpfen, sondern auch friedlich herrschen, daher er 
viel Volks um sich versammelt und in wunderbar kurzer Zeit die 
Stadt Cures gründet, die er nach seinem Vater, dem kriegerischen 
Lanzengotte benannte. 

Nach einer andern Sage waren die Sabiner Abkömmlinge der 
Lakedämonier und ihr Stammvater Sabus ein lakedämonischer Flücht- 
ling, der auf wunderbaren Wegen in diese Gegend verschlagen sei. 
Dionysius II, 49 bezieht sich dabei ausdrücklich auf inländische Ueber- 
lieferung^), so dafs wir dieselbe nicht allzugering achten dürfen. 
Gewöhnlich denkt man an die strenge Zucht der Spartaner und 
Sabiner, als ob man wegen dieser Aehnlichkeit der Sitten die letzteren 
für die Abkömmlinge von jenen gehalten habe; und allerdings gefiel 
man sich später in Rom in dieser Erklärung des erdichteten Zu- 
sammenhangs. Doch fragt es sich ob nicht vielmehr ein genealo- 
gisches Spiel der Griechen, namentlich der Taren tiner, den ersten 
Anlafs gegeben hat. In Tarent nehmlich nannte man nicht blos 
den Ktisten Phalanthos einen Herakliden, sondern alle Tarentiner 
liefseu sich gerne Phalanthiden, also Herakliden nennen^), wie die 
Athenienser sich gerne Thesiden nennen hörten. Da nun dem 
griechischen Herakles der sabinische Sancus entsprach , so lag es 64o 
sehr nahe den Stammvater der Nation Sabus gleichfalls für einen 
Herakliden und Abkömmling von Lakedämon auszugeben, wodurch 
die Tarentiner und Samniter, welche wie Apulien mit Tarent in 
lebhafter Verbindung standen und auch die griechische Bildung früh- 
zeitig von dort angenommen hatten, von selbst zu nahen Verwandten 
wurden. Wird uns doch bei Strabo V p. 250 ausdrücklich von den 
Samnitern überliefert, dafs nach Einigen Lakedämonier sich unter 



*) iv laxoqtais inix(»iqiot,s leyofiivog loyog. Vgl. Serv. V. A. VIII, 638, 
nach welchem auch Cato die Sabiner a Sabo Lacedaemonio ableitete. Daher 
es bei Sil. Ital. II, 8 heifst: PopHeola ingerdis Folesi Spartana propago, vgl. 
Dionys. II, 46 und Sil. Ital. Vlll, 412, XV, 546, wo auch die Claudier von 
Lacedämon hergeleitet werden. [Natürlich hat die 'einheimische' Geschichte 
vom lakedämonischen Ursprung der S. grade soviel zu bedeuten wie das auch 
schon Cato bekannte Tibur Argeo posüum colono. Vgl. auch Schwegler 1, 251.] 

>) Herculeum Tarentum Virg. Aen. III, 551, vgl. Horat. Od. II, 6, 11 
mit dem Schol. d. Porf., Strabo VI p. 426, lustin. III, 4, 12, Steph. B. v. 
Idd^ijvai und Callimachus bei Schol. Dionys. Per. 376 navris a(p* *HqaxXiovs 
irrtv/jiov ^cfia uicixotvis, Ho/a <r iv neSloii oV noXiv *ItaXcSv tpxlaan. 



278 EILFTER ABSCHNITT. 

ihnen angesiedelt hätten und darüber das Volk soviel Neigung zur 
griechischen Sitte und Bildung bekommen habe. Es sei, setzt er 
hinzu, dieses eben nur eine Erdichtung der Tarentiner, welche ihren 
mächtigen Nachbarn zu einer Zeit, wo sie von ihrer nationalen Weise 
schon zu weichen begannen, dadurch hätten schmeicheln und sie 
ihrem eigenen Interesse dienstbar machen wollen: wodurch man von 
selbst an die Lage der Dinge zur Zeit der Samniterkriege und des 
Königs Pyrrhus erinnert wird. Es wird also diese Dichtung wahr- 
scheinlich zunächst die Sabiner von Samnium gemeint haben und 
' von dort erst später auf die andern Sabiner übertragen sein, woraus 
hernach die abenteuerliche, beim Heiligthum der Feronia von Terra- 
cina anknüpfende Erzählung von einer Landung der Spartaner in 
dortiger Gegend entstanden ist (I, 430). 

3. Hercules. 

Man hat auch diesen Namen neuerdings für einen italischen 
erklären wollen, was ich aber nicht für richtig halte. Vielmehr ist 
es der wohlbekannte griechische *^HQaxk^g, dessen Namen die os- 
kisch und latinisch redenden Völker in ihnen mundgerechter Weise 
umgebildet haben, die Osker nach der ihnen eigenthümlichen Aus- 
sprache inHereclus [dann in Herclus], die Latiner und Römer in [Herdes^ 
641 dann in] Hercoles oder Hercules, während die Etrusker gewöhnlich 
Hercle sagten ^) und in Sicilien in der Volkssprache eine eigenthüm- 



^) Mommseo Uoterit. Dial. S. 262, der Name Hereclus oder Herclas, wie 
er bei den Samnitero gelautet habe, sei voq hercere = ^^x£f v, ansschliefsen, 
separiren abzuleiten, also der italische Hercules eigentlich ein Ansschliefser 
des Fremden und Störenden aus unserm Eigen, ein custos domesticus, eine 
Art von Zsvs igxetog: eine Erklärung die auch dem Begriffe nach nicht aas- 
reicht. [Die oskischen und ihnen nächstverwandten Mundarten (die zahlreicheo 
Belege bei Fabretti Gloss. 575 ff. Corssen Kuhns Zs. 11, 401 f. Ausspr. 2, 77 
u. s., zu denen jetzt auch päligoisches Herec[l, .] fe8n[om] Bull, dell' Ist. 1877, 
177 kommt: in Umbrien hat sich der Name noch nicht gefunden), bieten 
übereinstimmend als Grundform Hereclos; Altlateinisch und Etruskisch Hercles, 
jenes dafür (schon 537 d. St.: C. I. L. 1, 1503) mit Vokaleinschub Hercoles 
(nur vereinzelt auf dem Spiegel C. I. L. 1, 56 Herceles), jünger (schon 609 d. 
St.: CLL. 1, 541) Hercules. Die altlateinische Form hat sich in dem Schwur 
hercle (= Herclesl) lange erhalten, im Volksdialekt wie es scheint nicht (denn 
G. L L. 5,4213. 5498. 7, 1114 bedeuten nichts neben den Hunderten von Bei- 
spielen der jüngeren Form). Vereinzelt Herculenti C. L L. 7, 1032, Herclenti 
Freudenberg Herc. Sax. p. 8, 21. — Die beiden italischen Formen i/ercc/- and 
Herd" sind in gesetzmäfsiger Weise aus der griechischen Grundform ent- 



HERCULES. 279 

liehe Deminutivform 'HgvxaXog oder^HQvXXog im Gebrauche war^). 
Hatte sich doch die Sage vou keinem griechischen Heroen so weit 
verbreitet als die von diesem Heros aller Heroen, dem Lieblings- 
sohne des Zeus, dem engverbundenen Freunde des ApoUon, welcher 
alles Ungeheure vertilgend, alle Völker bildend und veredelnd die 
Welt durchzog. Auf Sicilien waren die Sagen und Culte dieses Halb- 
gottes schon durch die Phönicier heimisch geworden, welche den- 
selben Heros in einer mit der griechischen vielfach sich durchkreu- 
zenden Form verehrten; ja es ist nicht unwahrscheinlich dafs auch 
die Etrusker, welche sich von lydischen Herakliden abzustammen 
rühmten, also den Hercules für ihren Nationalheros achteten^), diese 
Mythen direct von Asien her mitbrachten oder kennen lernten. Die 
speciellere Durchbildung und Gestaltung derselben erfolgte durch die 
griechischen Colonieen, unter denen wir aufser Tarent und mit be- 
sondrer Beziehung auf Latium und Rom wieder vorzüglich Cumae 
ins Auge fassen müssen. In Rom tritt Hercules zuerst bei dem 
ersten Lectisternium auf, welches auf Veranlassung einer Pestilenz 
im J. 355 d. St. unter unverkennbarer Einwirkung der Apollinischen 

wickelt (Jordan Krit. Beiträge S. 15 fr.). Die sehr frühe Aufnahme des Namens, 
also auch des Kults, bezeugen ebenso wie die Verbreitung der italischen Namens- 
formen , so die enge Verknüpfung des Begriffes des griechischen Heros 
als des Vorkämpfers aller Civilisation mit verwandten italischen Vorstel- 
lungen: auch hat der griechische Gott, wie P. richtig erkannte, einheimische 
Götter in den Schatten gestellt, ähnlich wie Äsculap.] 

*) Wie uiqCaxvXXog für jiQtajoxXr\g^ Bad-vlXog für Ba&vxXijs, vgl. Hesych. 
s. V. u. Eustath. IL p. 989, 47 nach Sophron und dem sicilischen Satyrdrama, 
s. Valckenaer z. Theoer. Adon. p. 201 B, 0. Jahn Proleg. Pers. p. XCV. 

') Tyrrhenos, nach der Sage von Tarquinii der mythische Stammvater 
der Tyrrhener d. h. der Etrasker, galt gewöhnlich für einen Sohn des lydi- 
schen Hercules und der Omphale, Dionys. I, 2S, vgl. die Sage von Maleos, 
dem Erfinder der Trompete, dem Fürsten von Malea und Regisvilla, bei Müller 
Etr. ], 83; 2, 209 und die Nachweisung bei J. Olshausen im Rh. Mus. N. F. 
VlII, 332 ff., dafs sich im südlichen Prankreich, auf Sardinien, in Ligurien 
und Etrurien viele kleine Häfen und Stationen finden, weiche nach dem Her- 
cules benannt und wahrscheinlich phönicischen Ursprungs waren. In Ligurien 
gehört dahin der portus Herculis Menoeci, iu Etrurien ein teQuv 'HqccxHovs 
zwischen Luna und der Mündung des Arno, der Hafen Labro (Livorno) oder 
ad Herculem und ein portus Herculis bei Cosa. Aufserdem läfst sich der Cult 
des Hercules nachweisen in Caere, Arretium und Viterbo. Für orientalischen 
Ursprung spricht auch der Umstand dafs die grofse Menge der etrusklschen 
Bronzefiguren des Hercules, welche gewifs nach einem alten einheimischen 
Vorbilde, etwa dem zu Tarquinii, gebildet waren, entschieden dem Typus des 
tyrischen Bogenschützen folgen. [Vgl. boch Deecke zu Müller Etr. 2, 74 f.] 



280 EILFTER ABSCHNITT. 

642 Religion gehalten wurde (I, 149), bei welcher letzteren wir durch die 
Sibyllinischen Bücher von selbst nach Cumae gewiesen werden. Es ist 
der bei allen Griechen vielverehrte Hercules äXel^Uaxog neben Apollo 
äXsl^ixaTcog^), den wir trotz der mangelhaften Nachrichten auch in 
Cumae und seiner Umgegend wirklich nachweisen können; denn auf 
cumanischem Gebiete hatte Herakles mit den Giganten gekämpft 
und zwischen dem Averner See und dem Meere einen Damm aufge- 
worfen*), wie er denn auch bei dem Todtendienste und Todlen- 
orakel an jenem See ohne Zweifel als begleitende Figur neben den 
Unterirdischen und Hermes Psychopompos mitverehrt wiurde. Ja 
es läfst sich mit grofser Wahrscheinlichkeit nachweisen dafs selbst 
die Form, in welcher die Fabel vom Hercules seit alter Zeit in Rom 
erzählt wurde, von Cumae aus dorthin verpflanzt oder vielmehr in 
Cumae für Rom gewissermafsen redigirt worden war. 

Diese Form ist die einer Episode der Geryonssage, die aus 
hellenischen und occidentalischen Elementen auf eine merkwürdige 
Weise vermischt ist*). So viel wir wissen hatte Stesichorus von 
Himera in Sicilien, dessen Blüthe in die Regierung des Servius Tul- 
lius fallt, zuerst eine Geryonis in grölserem Umfange gedichtet und 
in derselben wahrscheinlich auch schon manche Localsagen des Lit- 
torals am tyrrhenischen Meere berührt, welches er von seineto Ge- 
burtsorte aus oder durch Vermittlung der benachbarten Griechen 
in Italien wohl kennen konnte, wie dieser Dichter denn auch zuerst 
von der Flucht des Aeneas nach Hesperien gewufst hat*). Später 
hat wahrscheinlich ein andrer Schriftsteller aus Sicilien, Timäus von 
Tauromenium, welcher zur Zeit der Kriege Roms mit den Samnitern, 
mit Tarent und mit Pyrrhus lebte und selbst in Latium gewesen 
war, die Sage in der Form abgeschlossen wie sie bei Diodor von 



1) Griech. Mythol. 2, 108 ff. [= 162 ff. der 2. A.] 

') Diod. S. IV, 21. Pompeii von der pompa Hercnlis, Bauli bei Bajä von 
seiner OchseostalluDg, Serv. V. A. VII, 662. 

') [S. M. Breal Hercule et Cacus. Etüde de mythologie compar^e. Paris 
1863. Vgl. auch die Besprechuog voq F. Spiegel in der Zeitschr. f. vergl« 
Sprachf. 13, 308 ff. Vgl. Gr. Myth. II«, 202 ff.] 

^) Merkwürdig dafs Stesichorus in seiner Geryonis [Bergk Lyrici Gr.« 
975 ff.] des arkadischen Pallantion gedachte , aus welchem nach der gewöhn- 
lichen Tradition der römische Evander, der Gründer des Palatium, stammte, 
s. Paus. Vin, 3, 1. Doch bleibt die Folgerung daraus, dafs schon Stesichorus 
von dem römischen Palatium wufste, sehr bedenklich. Merkwürdig auch dafs 
nach Suidas v. ZjtjaixoQog einer seiner Brüder Mamertinus hiefs. 



HERCULES. 281 

Sicilien IV, 19 — 24 erzählt wird. Doch wird von römischen Schrift- 
stellern auch gelegentlich auf den Verfasser einer Stadtge&chichte 643 
von Cumae verwiesen, welcher von den Ahoriginern, von Cacus und 
Evander, von Hercules und Aeneas nach der gewöhnlichen Tradition 
erzählt hatte ^). Nimmt man dazu dafs Hercules nach seinen Aben- 
teuern in Rom sich nach Cumae wendet und dafs nicht allein Evan- 
der, sondern auch der böse Cacus, wie er gewöhnlich verstanden wird, 
nehmlich als Gegensatz zum guten Evander, Producte einer griechi- 
schen Ueberarbeitung latinischer Fabeln sind, die den campanischen 
Griechen in Folge ihres Verkehrs mit den Latinern früh bekannt sein 
mufsten, so ist es wohl sehr wahrscheinlich dafs wir in Cumae die 
Stätte dieser und andrer Einschwärzungen griechischer Vorstellungen 
in die latinische und römische Geschichte zu suchen haben. 

Um diesen griechischen Masken gegenüber auch gleich den alten 
latinischen und italischen Kern der Erzählung ins rechte Licht zu 
stellen, so ist zunächst wegen der Hauptfigur, des Hercules, bereits 
auf den sabinischen und römischen Semo Sancus und Dius Fidius 
verwiesen worden, welcher dem griechischen Heroen später allgemein 
gleichgesetzt wurde. Der Glaube an diesen Genius des Lichtes und 
der Wahrheit, welcher in einheimischen Sagen zugleich als Held und 
Ueberwinder von Ungethümen gefeiert sein mag, scheint in Italien, 
namentlich auch in Latium, unter verschiedenen, näher oder ent- 

^) Fest. p. 266 Romam, — Historiae Cumanae compontor faitj, Athenis 
quosdam profectos Sicyonem Thespiasque, Ex quibus porro civitatibus ob in- 
opiam domicüiorum compluris profectos in exieras regiones delaios initaliamj 
eosque [a] muUo errore nominaios j4borigvnes [Seh wegler 1, 199, 4], f Quorum 
subiecti qui fuerint caeanmparum viri unicarumque virium imperio [Caci im- 
probt viri u. v, i, Niebnhr, andere aeders: die Stelle ist noch Dicht sicher 
geheilt] , montem Palatium , in quo frequentissimi consederint, appellavisse a 
viribus regentis yaleniiam : quod nomen adventu Evandri Aeneaeque in Italiam 
cum moffna graece loqüentüim copia interpretatum dici coeptum Rhomen. 
Dieser Schriftsteller scheint nicht alt zu sein, doch mochte er ältere cuma- 
nische Traditionen benutzt haben. Aach Dionys I, 42 nennt den Cacns ^vva^ 
arriv Tiva xofii^TJ ßaqßaqov xal avd-QtoTKOv avrjjLiigojv aQj^ovra^ dahingegen 
Solin. 1, 7 nach Gellins erzählt, Cacns sei ans Grofs-Phrygien als Gesandter 
des Marsyas (das Gebiet der Marser am Fnciner See, wie es scheint, s. oben 
1, 392) zum Tyrrhener Tarchon gekommen, aber der Haft desselben ent- 
sprungen und in seine Heimath zurückgekehrt. Daranf habe er sich mit starker 
Macht am Vulturnns und in Campanien festgesetzt und auch die Arkader (die 
Aboriginer des Evander) bedrückt, bis Hercules ihn bezwangen habe. Grofs- 
Phrygiens aber hätten sich nun die Sabiner bemächtigt und dort vo% ihm 
(dem Marsyas d. i. dem Faunus) die Aaspicienlehre gelernt. 



282 EILFTER ABSCHNITT. 

fernter verwandten Auffassungen allgemein verbreitet gewesen zu 
sein. Die ländliche Auffassung dachte ihn sich gewöhnlich als einen 
644 dem Silvanus nahe verwandten Genius des Segens, welcher mit dem 
Füllhorn ausgestattet neben jenem, aber auch neben der Ceres ver- 
ehrt und durch die Verbindung mit Silvanus und den Bei- 
namen agrestis u. a. von den städtischen Formen unterschieden 
wurde: ein Hüter des ländlichen Hofes und der Habe wie Silvanus, 
daher man ihn auch domesticus nannte und custos oder tutor, aber 
auch wie jener ein weidender Hirte und der Hort der Hirten, der 
mit seinen Heerdeu durch ganz Italien zieht: bei welcher Vorstellung 
wieder die griechische Geryonssage anknüpft, welche in einigen Er- 
zählungen sogar den Namen Italia von einem der heiligen Kälber 
(vilulus) dieses Hercules ableitete^). Eine ähnliche Vorstellung lag 
auch bei dem römischen Dienste des Hercules zu Grunde, da er 
auch hier vorzugsweise für einen wohlthätigen Genius der römischen 
Stadtflur und den Urheber alles unverhofften Segens und Reich- 
thums galt, daher man ihm von jedem reichlichen Erwerbe den 
Zehnten darbrachte und dabei den festlichen Schmaus des soge- 
nannten polluctum feierte, aber ihn auch in verschiedenen städti- 
schen und gentilen Ueberlieferungen neben dem Faunus und Sil- 

^) Über den weidenden Hercules und seine Zusammenstellung mit Silva> 
uus, Diana, den Nymphen und andern ländlichen Göttern s. Zoega Bassiril. 
II, p. 115, 0. Jahn Archaol. Beitr. S. 62, Mommsen 1. N. n. 5762, Heozen n. 
5732 u. a. Von einem Opfer, welches am 21. Dec. Herculi et Gereri sue 
praegnante, panibus, mulso gebracht wurde, s. Macrob. S. III, 11, 10. Hercules 
agrestis bei Stat. Siiv. 111, 1, 30 [rusticus Lampr. Comm. 10 (aber nicht rtisti- 
cellus Plin. VII, 83, wo dies vielmehr Personenname ist), vielleicht ca(m)panus 
C. I. L. 6, 303]. H. domesticus als custos oder tutor von Grundstücken, daher 
nach ihnen benannt, Or. n. 1538, Mommsen I. N. n. 1084, 1388, 3579 u. a. 
[Ein Hercules defensor und Silvanus custos C. I. L. 6, 309. 310, ein con- 
servator 305, tutator 343, Fundanius 311, luiianus 334. — Hercules mit 
Terra und Silvan, mit Epooa 3, 1152. 4784; mit Silvanus, (nicht Her- 
etiles silvanusj wie nach Zoegas Andeutung Reifferscheid Annali 1866, 219 f. 
erinnert: das Mifsverständnifs scheint die falsche Lesung des Steins G. I. L. 
6, 329 Hercules [{]nvicte sancte Silvane aliein zu verschulden), häufiger nur in 
Rom: G. I. L. 6, 288. 295—297. 309. 329. Domitian baut am 8. Meilenstein 
der Via Appia dem Hercules einen Tempel (Martial III, 47. IX, 64. 65), 
von dem Reste erhalten sind: zur Seite desselben fanden sich Trümmer eines 
Bauwerkes (sog. Atrium) zusammen mit einer Ära m. d. I. Süvano sacrum 
(jener Tempel wird also fälschlich T. des Hercules und Silvan genannt): 
Nibby Dintorui 3,550, Canina Via Appia S. 173ff. T. 43, Edifizi 5 p. 38f. 
6 T. XLV. Über die erwähnte Inschrift C. I. L. 6, 329 s. unten.] 



HERCULES. 283 

vanus als ländlichen Gott und Urheber der ältesten Geschlechter 
schilderte. So die oft wiederholte Legende von der römischen Laren- 
mutter und Flurgöttin Acca Larentia, wie sie sich als schöne Buhle 
zu dem Hercules der Ära Maxima gesellt habe und darüber von ihm 
mit reichen Besitzungen gesegnet sei, welche durch sie wieder dem 
Romulus oder dem römischen Volke vermacht werden (oben S. 27). 
Ferner die Sage dafs Hercules mit einer Tochter des Evander d^n 
Palas, einen der Pales entsprechenden Dämon der Hirten, und mit 
der Fauna den Latinus, den bekannten Eponymen der Latiner, er- 
zeugt habe^), und die gleichartige andre dafs eine einheimische 
Nymphe vom Hercules den Fabius , den Ahnherrn der Fabier , am 645 
überströme^), oder dafs die Priesterin Rhea von ihm den Aven- 
tinus geboren habe^). Ferner gab es in Rom eine keineswegs zu 
verachtende Tradition dafs der Sieger über den wilden Cacus eigent- 
hch gar nicht Hercules geheifsen habe, sondern Garanus, welcher 
ein Hirt von aufserordentlicher Leibeskraft gewesen und erst später 
mit dem griechischen CoUectivnamen Hercules benannt worden sei : 
eine Tradition in welcher wir den Namen Garanus schon oben I, 80 
durch das alte latinische und italische Wort Cerus d. i. Genius er- 
klärt haben ^). Und doch galt der römische Hercules keineswegs 

^) Dio Cass. fr. 4, 3, Tzetz. Lycophr. 1232, wo Fauna die Fran des FauDUS 
heifst. Bei Dionys. I, 43 hinterläfst Hercnles zwei Söhne, den Pallas von einer 
T. des Evander, die Lanna hiefs (derselbe Name wie Lavinia, vgl. c. 32), und 
den Latinus von einer hyperboreischen Jungfrau, die er mit sich führte und 
vor seinem Abzüge dem Pannus überliefs. Das ist wieder Fauna oder Fatua, 
obwohl man sie gewöhnlich Palanto oder auch eine Tochter des Faunus nannte, 
s. Paul. p. 220 Palatium, lustin. XLIII, 1, 9 e^ ßlia Fauni et Hercule — La- 
tinus procreatur, ' 

«) Plut. Fab. Max. 1, Paul. p. 87. Vgl. Sil. Ital. ü, 3 Fabiut Tirynthia 
proles und VI, 626 ff. 

») Virg. Aen. VII, 656 ff. 

*) Serv. V. A. VUI, 203 De Caco interempto ab Hercule tarn Graed quam - 
Romani consentiunt. Solut Ferrius Flaccus dicit Garanum Juisse pastorem 
tnagnarum wrium, qüi Cacum afflixä, Omnes autem magnai*wn virium apud 
veteres Hercules dictos [so cod. Paris. 7929 nach Thilo]. Vgl. ib. v. 564 tunc 
enim, sicut Varro dicä, omnes qui fecerantfortäery Hercules vocabantur. Die 
alte Compilation Aur. Victor Or. G. R. 8 nennt jenen Hirten Recaranus. 
[Schon Schott zu d. St. erinnert mit Recht (wie Jordan Hermes 3, 408 f. zeigt) 
an den Herakliden Karanos, Sohn des argivischen Pheidon, welcher 
nach einer, wie es scheint, besonders von Theopomp (fr. 30 F. H. G. 1, 283 
vgl. lustin. Vn, 1, 7; Müller Dor. 1, 156 Ausl. zu Herod. 8, 137) verbreite- 
ten Version die Dynastie von Makedonien begründet und Edessa erobert gregem 



284 EILFTER ABSCHNITT. 

nur für einen Genius der Fülle und des ländlichen Segens, sondern 
auch er war, wie jener sabinische Semo Sancus oder Dius Fidius, 
zugleich ein Genius der Wahrheit und der Treue, bei welchem daher 
grade so wie bei jenem geschworen wurde. Ja es wird ausdrück-- 
lieh überliefert dafs solche Verträge, die mit besondrer Feierlichkeit 
vollzogen werden sollten, bei dem ältesten und heiligsten Denkmale 
des römischen Herculesdienstes, der von ihm selbst gestifteten Ära 
Maxima auf dem Forum Boarium beschworen wurden^). Auch 
wurde ihm wie dem Dius Fidius propter viam d. h. vor der Reise, 
also als einem Schutzgotte der ötfentlichen Sicherheit geopfert^): 
646 wie wir andrerseits bei dem sabinischen Hercules d. h. dem in Reate 
und Amiternum verehrten den Gebrauch der Zehntenopferung bei 
jedem aufserordentlichen Gewinn wiederfinden®), da der sabinische 



caprarum imbrem fugientium secutus (lastin a. 0.). Da nan auch die argei 
von den argi vischen Begleitern des Hercules her^^eleitet wurden, so liegt es 
anf der Hand, dafs der Caranus des Verrins (die Verwechselang von c and g 
ist ja ganz gemein und die Form Recaranus in der Origo bestätigt die Ände- 
rung) aus griechischer mythologischer Quelle stammt. Vgl. S. 277. Aus einer 
der vorliegenden verwandten Scholienmasse hatte die Nachricht der Verfasser 
der Origo: möglich, dafs die Umtaufung in Recaranus denselben Grund hat wie 
die des Xutbos in Xipheus c. 2, 1, welche schwerlich den Abschreibern zur 
Last fällt (Jordan Hermes 3, 406), oder ein Seitenstück zu dem viel älteren 
albanischen Königsnamen Aremulus neben Remulas ist. Ebenso ist sprachlich 
neben italischem cer-us angeblich abgeleitetes car-anus schon wegen des Wurzel- 
vokals undenkbar. Für den römischen Hercules also kommt die unglücklicher- 
weise erhaltene ganz werthlose Nachricht des Verrins und ihr Zerrbild in 
der Origo überhaupt nicht in Betracht und es fällt damit die Hauptstütze für 
die Hypothese Reifferscheids 'De Hercule et lunone diis Italoram coniugalibos' 
Annali 1866, 352: weiteres dagegen bei A. Herzog, Stati Epithalamiam (L. 
1881) S. 32.] 

*) Dionys I, 40 oqxoi te yäg in^ avT^ xal aw&ijxat toTs ßovlofiivoig 
ßißaitog TL diangaTtead-av xal öexarsvaets /(»^/uarcay ylvovrai, av^val xux* 
hvxots d. h. ex voto. Über den Eid an der Ära Maxima s. Danz Der sacrale 
Schutz im röm. Rechtsverkehr S. 112 ff. Eine Satire des Varro führte den 
Titel: HerctUes tuam fidem. 

*) Macrob. S. H, 2, 4 Sacrificium aptid veteres fuit quod vocabatur propter 
viam. In eo mos erat ut, si quid ex epulis superfuisset , igne eonsumeretur» 
Vgl. Laberias bei Non. M. 53 f^isus hac nocte ego bidentes (sum. HercuUJ 
propter viam, facere und oben S. 273, 4. Auch der Hercules Ponderum, 
unter dessen Schutz die Gewichte gestellt werden, bei Fabr. Inscr. p. 527 sq. 
H C:. I. L. 6, 336 und] Or. 1530 [« 282 vgl. 298], wird mit Recht auf Schutz 
des Rechts und Eigen thums bezogen. 

') Vgl. die S. 276, 1 citirten Inschriften, besonders diese aus Reate bei 



HERCULES. 285 

Sancus auch schon deswegen, weil er für den Vater des ersten Pflan- 
zers und Winzers Sabus galt, noth wendig zugleich die Bedeutung 
eines ländlichen und befruchtenden Genius gehabt haben mufs. 
Dahingegen in andern latinischen und sabinischen Diensten die krie- 
gerische und politische Bedeutung eines ersten Gründers und Königs 
überwogen zu haben scheint, z. B. in der alten latinischen oder sabi- 
nischen, später verschollenen Stadt Caenina in der Nähe von Rom, 
wo der von Romulus bezwungene König Acron, dessen spolia opima 
zur Verehrung des lupiter Feretrius auf dem Capitole den ersten 
Anlafs gaben, ein Sohn des Hercules genannt wurde ^). Ferner gab 
es einen durch ganz Latium berühmten Cultus des Hercules in Ti- 
bur, dessen prächtiger und reicher, mit Säulenhallen und einer 
Bibliothek ausgestatteter Tempel auf der Burg von Tibur d. h. in 
der Gegend der jetzigen Kathedrale von Tivoli lag und dessen Gottes- 
dienst seit alter Zeit von einer ähnlichen Sodalität von Saliern be- 
gangen wurde, wie der des Mars in Rom und andern Städten^). 

Ritschi tit. Mamm, p. IX [Op. 4, 97], der darin sechs Hexameter erkennt und 
mit einigen Veränderungen so liest: Hercules sancte \ De decuma Victor tibei 
Lucius Mumiut donum \ Moribut aniiqueis pro usura hoc quod dare sese \ yi- 
sum animo suo perfecit, tua pace rogant te \ Cogendei dissolvendei tu ut Ja- 
cilia faxseis, \ Perßcias decumam ut faciat verae raUonis, \ Proque hoc adque 
alieis donit des digna merenU. [Mommsen C. I. L. 1, 542 stellt promiserat 
aas pro usura her und bezweifelt f acuta.] 

*) Prop. IV, (V) 10, 11 Acron Herculeus Caenina ductor ab arce, Acron 
ist der Bargherr, der einheimische Name mag etwa Ocrisins gelautet haben. 
Also war auch dieser Hercules Burgherr, wie jener Fisus Sancins von Ign- 
vium und Hercules von Tibur. Auch bei Dionys. I, 79 ist dieser Cultus ver- 
muthlich vorauszusetzen, desgleichen bei dem sacerdotium Caeninense, welches 
auf Inschriften der Zeit nach Augustus nicht selten erwähnt wird und sich 
entweder auf den Hercules von Caenina oder auf den von August wiederher- 
gestellten Cult des lup. Feretrius bezog, zu dessen Stiftung jener Triumph des 
Romulus Veranlassung gegeben hatte, s. Fabretti p. 119 und 217, Or. n. 2180 
[= C. I. L. 5, 4059]. 2533 (Mommsen I. N. n. 2569). 3349 [» C. I. L. 5, 5128]. 
3442. 3443 und die attische Inschrift bei Keil Schedae Epigr. p. 41 sq. [Doch 
ist über die Gottheit, welche die Caemnenses verehrten. Nichts bekannt und 
in den Inschriften von Trebula Or. 3442 f. Herculanorum Caeninensium nach 
Henzen Annali 1857, 92 beides nicht zu verbinden.] 

2) Tibur Herculeum Prop. II, 23, 44, Martial. I, 13, 1, vgl. Sueton Calig. 8 
urbs Herculi sacra und Strabo V, p. 238. Über den Tempel und dessen Schätze 
luven. XIV, 86 ff.. Gell. XIX, 5, Sueton Octav. 72, Appian b. c. V, 24, über die 
Salier Macrob. S. III, 12, 7 Est praeterea Octavii Hersennii liber qui inscribüur 
de sacris Saliaribus Tiburtiuf, in quo SaUos Herculi institutos operari diebus 
certis et auspicato docet. Vgl. Serv. V. A. VIII, 285 und die Inschrift Or. n. 



286 EILFTER ABSCHNITT. 

[Daher erklärt sich auch die nicht seltene Verbindung des Hercu- 
les und Mars und die Uebereinstimraung ihrer Beinamen Victor, 
647 Invictus (oben I, 352, unten zu S. 650).] Anderswo wie in Cures 
und Reate, hatte dieser alte italische Hercules in Erinnerung an 
den sabinischen Sancus neben den kriegerischen Beinamen Victor 
und Invictus den geweihten Namen Sanctus oder Sanctus Pater bei- 
behalten^), oder doch, wie in der Abgeschiedenheit zu S. Agnone 
in Samnium, trotz aller Verschmelzungen und Neuerungen der städti- 
schen und griechischen Sitte den alten ländlichen Character treu 
bewahrt^). Genug wir müssen bei diesem allgemein verbreiteten 
Herculesdienste , von dem Dionysius sagt dafs man seinen Heilig- 
thümern und Altären fast überall in den Städten, auf dem Lande 
und an den Strafsen begegne ^) , im mittleren Italien wie bei so 
vielen andern scheinbar griechischen Göttern zunächst immer an 
einen altern und nationalen Ursprung denken, welcher durch die 
griechische Hülle erst später verkleidet worden. 

Dasselbe gilt aber auch von den beiden andern Figuren des ge- 
wöhnlichen Mährchens, dem Evander und Cacus. In jenem haben 



3933 = Henzen n. 6499 . . . cur(atori) Jani H{er<mlis) f^{ictoris). [Vgl. die am 
Forum zu Rom gefundene leider verstümmelte Inschr. [H]erculi Tiburtino e[t? 
, , . \ , . . tus Asinius Pananst[u8 . . .] | . . . idemque stationem ... CLL. 6, 
342. Über den Tempel in Tivoli vgl. P. Foncart Revue archeologique 1863, 
1, 81 ff.] 

^) Prep. IV (V) 9, 71 ff. mit Beziehung auf den Sancns von Cures, vgl. 
oben S. 271, 1 und Or. n. 1547 [v. J. 184]. 1548. 6589 [Zeit des Severus]. 7198. 
[Die Beziehung auf Sanctus dieser späten Inschriften ist fraglich. Auch andere 
Gottheiten führen den Namen detis sanctus.] 

') Mommsen Unterit. Dial. S. 128 ff. [So wenig auch die Bedeutung 
sämmtlicber auf dieser Bronze aufgeführter Gottheiten klar ist, so leuchtet 
doch ein, dafs die Gruppe Diüvei Ferehasiüi (Vir-i-asio, I. der Männerschaft 
nach Mommsen), Diüvei Regaiurei (vgl. I. Imperator, Regnator: Neptunum 
regTiatorem marum Naevius Pun. 15 Va.), Hereklüi Kerrnüi den H. unter so 
vielen weiblichen Gottheiten nicht zufällig zum Juppiter stellt, zu dem auch 
Semo Sancus in nächster Beziehung steht. Vgl. Hercules lovius oben 1,1 87, 3. 
— Auch der Hercules an der Grenze der Feldmarken von Nola und Abella 
gehört hierher. Zwetajeff Syll. 56.] 

*) Dionys. I, 40 JioXlaxy ök xal äXXrj rrjg *lTaX(as ävevtat tSfiivr} r(p 
^€(^ xal ß(üfiol xaia noXsig Te t^Qwrat xal nag* o^oZg xal anavltog av 
eÜQoi jig ^ItaXCas /w^or, ^vd-a fitj Tvyxavei Tifx(6fi€Vog 6 ^sog. Vgl. Pseud- 
aristot. Mirab. Ausc. 97, wo aber speciell vom Süden die Rede ist: Xiyovai 
6k TtoXXa/ov rijg ^IraXCag 'HgaxXiovg slvai noXXa /ivrjfioawa iv tatg odoig 
ag ixetvog iTtoQevd-tj» 



HERCULES. 287 

wir wiederholt den alten latinisclien Nationalgott Faunus erkannt, 
in diesem scheint ein unterweltlicher Feuergott gleich dem Dis Pater 
des Taren tum im Marsfelde zu stecken. Die wahre Form des Na- 
mens ist nehmlich Cäcus, Kaxog, woraus die Griechen erst später 
im Gegensatz zu ihrem „Guten Mann" Evander einen bösen Käxog 
gemacht haben. Cäcus aber oder Cacius, neben welchem auch eine 
nach Art der Vesta verehrte Cäca, angeblich seine Schwester, erwähnt 
wird^), ist vermuthlich derselbe Name wie Caecus und Jener prae- 
nestinische Sohn des Vulcanus Caeculus^), den man später durch 
caecutiens erklärte, der aber früher eine unmittelbare Beziehung 648 
zum Feuerdienst ausgedrückt haben mufs, wie xaico, caleo, caldus, 
canus, candere, vielleicht auch caelum, zumal da auch Cacus ein 
Sohn des Vulcan genannt wird. Beschrieben wird er als feuerspeien- 
des Ungethüm, welches aus seiner Höhle im Aventin dem Hercules 
dicken Rauch und Flammen entgegen speit, während dieser von 
oben in die Höhle eindringt und nach Ueberwindung des Cacus 
den ganzen feurigen Abgrund der Schlucht einstöfst'): ein Kampf 
welcher sehr dem eines schützenden Genius der Flur mit vulkani- 
schen Kräften gleicht, die das alte Latium aus reichlicher Erfahrung 



*) Serv. V. A. VIII, 190 Nunc soror sua eiusdem nominis prodidit, unde 
etiant sacellum meruit, in quo ei pervigHi igne Heut (al. per virgines) f^estae 
sacrificatur, Lactant. I, 20, 36 Colitur et Caca, quae Herculi fecit indicium 
de furto houm. 

') OboD I, .148. Aas Gaecas ist Cacus geworden wie ans Saeturnns Sa- 
turnns. Den Namen Gacias ßnde ich bei Mommsen I. N. n. 4024 ans Sinaessa: 
M. Cacius C, F. Cema, ib. 6769, V, 21 D, Cacius Spendo, [Die bis ins Ein- 
zelne gehende Ähnlichkeit der Erzählung mit dem indischen Mythus von dem 
Kampfe des Indra mit dem Rinderräuber Vala ist von v. Rosen und Kuhn er- 
kannt (Schwegler 1, 371), der Sinn der beiden Versionen, wie man meint, zu 
Grande liegenden indogermanischen Vorstellung verschieden erklärt worden. 
Breal Zeitschr. f. vergl. Sprachf. 10, 319 und in seiner Schrift Hercule et 
Cacus S. 110 ff. vergleicht den griechischen Wind xaixlag, Preuner Hestia- 
Vesta S. 386 f. findet die Bestätigung für die Annahme eines Paares von Fener- 
göttern Cacus Caca darin, dafs Gaecilia (nehmlich Gaja), deren Bild imT. des Sancas 
stand, 'aufs bestimmteste an Caeculus, Cacus, Cacca erinnert* (was ebenso 
bestimmt bestritten werden kann) und dafs das 'Atrium Caci zu dem Atrium 
Vestae stimmt' (als ob es nicht sonst noch atria, z. B. Minervae, Liberiatis gäbe). 

«) Virgil Aen. VIH, 190 ff, Ovid F. I, 551 ff. Auf die Spuren eines ge- 
waltsamen Einsturzes der Höhle deutet auch Dionys. I, 39. Vgl. Serv. 1. c. 
Cacus secundum Jabulam Fulcani filius fuit ore ignem ac Jumunt voniens, qui 
vicina omnia populabatur. [Über die wenigen Spuren vulcaaischer Kräfte auf 
römischem Boden Jordan 1, 1, 122.] 



288 EILFTER ABSCHNITT. 

kennen mufste. Es wäre möglich dafs die Fabel erst durch Ueber- 
tragung aus einer andern Gegend nach Rom gekommen wäre, wo 
übrigens jene aufsteigenden Dämpfe des „feurigen Feldes^^ am Tiber 
so bestimmt auf den in diesem Zusammenhange als wildes Unge- 
thüm beschriebenen Gott der Unterwelt zurückgeführt werden (oben 
S. 82), dafs ich eben deshalb auch den finstern und wilden Cacus für 
einen gleichartigen Dämon halten möchte. 

Die gewöhnliche Erzählung lautete dafs Hercules auf der Rück- 
kehr von Erytheia, wo er den Riesen Geryon getödtet und seine 
Rinder entführt hatte, mit diesen über die Alpen und darauf durch 
Ligurien und Etrurien nach Rom gekommen, von hier aber weiter 
nach Cumae und durch den Süden von Italien nach Sicilien gezogen 
sei. In Rom habe er den guten Evander in seiner Ansiedlung auf 
dem Palatin und den bösen Räuber Cacus getroffen, welcher in einer 
Höhle des Aventin am Tiber hauste und die ganze Umgegend un- 
sicher machte. So freundlich Evander den Helden aufnimmt, so 
feindlich erweist sich Cacus, indem er von seinen Rindern einige 
heimlich und beim Schwänze (um durch die falsche Spur zu täu- 
schen) in seine Höhle hineinzieht ^) und diese, auch als ihr Gebrüll 
649 den Raub verrathen hatte, nicht wieder herausgeben wollte. Da er- 
schlägt ihn Hercules mit seiner Keule und stiftet seinem Vater Ju- 
piter wegen des glücklichen Fundes auf der Stelle des Kampfes 
d. h. vor der Höhle, in welcher er die Rinder wieder gefunden 
hatte, einen Altar, an welchem er eins der Rinder opfert (I, 208). 
Darauf wird er von Evander und den Seinigen als Sieger und Retter 
in der Noth empfangen. Sie bekränzen sich mit Lorbeer, ziehn 
ihm mit ihren Heerden entgegen und laden ihn zu Gaste; ja Evander, 
welcher durch die Gabe seiner Mutter um alle Zukunft wufste, be- 
grüfst und verehrt ihn zuerst auf römischem Roden als Gott. Dar- 
über erfreut bewirthet Hercules alle Römer mit seinen Rindern und 
dem Zehnten seiner Beute, beschenkt sie mit erobertem Gebiete und 
stiftet endlich seinen eigenen Gottesdienst, wie er fortan in Rom be- 
gangen werden solle, indem er namentlich zwei edle Famihen, die 



^) £in der griechischen DichtuDg vom Rinderdiebstahle des Herme« ent- 
lehnter Zug. Überhaupt ist die ganze Einkleidung griechisch. Eben deshalb 
vermag ich die Fabel von dem Riesen, der die Rinder des Hercules stiehlt, 
obwohl sie bei den Griechen alt gewesen sein mag, in Rom doch nicht für 
so alt zu halten, wie es bei A. Kuhn in Haupts Zeitschr. f. D. Alterth. VI, 
1848 S. 128 geschieht / 



HERCULES. 289 

Potitier und Pinarier, in den Opfergebruuchen unterrichtet^). So 
ist damals namentlich die Ära Maxima auf dem Forum Boarium, 
wo seine Rinder geweidet hatten, durch ihn selbst gestiftet worden, 
das authentische und zu den ältesten HeiUgthümern der Altstadt 
zählende Denkmal seiner Gegenwart in Rom. Sie lag nicht weit 
von den Eingängen des Circus Maximus zwischen dem Palatin und 
Aventin^), zu den Füfsen der ältesten palatinischen Ansiedlung, wo 
zuerst Evander und dann Romulus sich niederliefsen. Wurde doch 
auch eine sogenannte Stiege des Cacus oder Cacius gezeigt, welche 
von dieser Palatinischen Altstadt hinunter zum Circus und auf 
das Forum Boarium führte, wo ein eignes atrium Caci d. h. ein 
nach ihm benannter Saal noch bestimmter an den vom Hercules 
bezwungenen Unhold erinnerte^). Vermuthlich gehörte er zu den sfto 
übrigen Cultusgebäuden , welche im Laufe der Zeit in den Umge- 
bungen jener Ära Maxima entstanden, theils als nothwendige Räume 
für die vielen Opfer und Opferschmäuse, bei denen es gewöhnhch 
sehr reichlich und festlich herging, theils als Stiftungen von einzelnen 
dankbaren Kaufleuten oder Feldherrn, welche dem Hercules den 
Segen ihrer Habe oder den ihrer Waffen zuschrieben; denn sehr 
bald yereinigte sich mit dem Culte des älteren römischen Genius 
des Segens und der Treue der des griechischen Kallinikos, den man 
durch Victor oder Invictus übersetzte. So wird namentlich ein hei- 
liger Raum oder Saal (fanum, consaeptum, atrium) erwähnt, in 
welchem als Reliquien des griechischen Helden seine Keule, welche 
keinen Hund über die Schwelle liefs, ein mächtiger, mit Pech aus- 



») Dionys. I, 39 ft., Liv. I, 6, Virgil 1. c, Ovid F. I, 542 ff. a. A. 

») Tacit. Ann. XII, 24, Serv. V. A. VIII, 271, Dionys. I, 40. Vgl. die lehr- 
reiche Abh. von De Rossi l'Ara Massima ed il tempio d'Ercole nel foro Boario, 
Annal. deU' Inst. Arch. 1854 p. 28—36. 

^) Diod. IV, 21 70V ^k KaxCov Iv r^ HaXonCt^ xaräßaalg iariv fx^ijtfa 
Xid-CvriV xXlfittxa trjfv ovo^a^ofiivuv an* ixeivov Kaxiav, ovaav nlrfllov r^ 
Tote yivofi^vfig ofxCag lov Kaxlov, Dieses ist das atriam Caci, s. meine Reg. 
d. St. R. S. 132. Jene Treppe heifst bei Solin. 1, 18 Scalae Caci. So möchte 
ich anch bei Platarch Rom. 20 *P(afivlog i^xei) naq« jovg leyo/iävovg 
ßad-fiovg xalijg dxTrjg (gewöhnlich übersetzt durch gradus pulchri littoris), 
ovTot öi dai ne^l trjv eig rov InnodqofAOV tov fiiyav ix Üalaytiov xaia- 
ßaoiv herstellen n.t.l. ß, Kaxiag xlCfiaxog, [Vielmehr ßa-S-fioitg 2xdXfig 
KaxCrjg, wie Bethmann Ball. d. Ist. 1852, 40 glänzend verbessert.] Nach der 
Cosmogr. des Aethicus b. Pompon. Mela ed. Gronov. 1696 p. 40 wäre sogar 
das ganze Fomm Boariam später nach dem Cacus benannt worden. 

Preller, BOm. Mythol. IL 3. Aufl. 19 



290 EILFTER ABSCHMTT. 

gegossener Humpen von Holz, und ein altes angeblich von Evander 
gestiftetes, nach griechischer Weise mit der Löwenhaut bekleidetes 
Bild des Hercules zu sehen war^). Ferner befand sich dort ein 
eigner Tempel des Hercules Victor, aus welchem sich viele Inschriften 
und eine Bronzestatue, welche wie die Inschriften dem Zeitalter der 
Kaiser angehört, erhalten haben ^). Ein zweiter Tempel desselben 
661 Hercules Victor befand sich in der Nähe jenes angeblich von ihm 
gestifteten Altares des lupiter Inventor am Abhänge des Aventin zum 
Tiber, in der Nähe der Salinen und der porta Trigemina^). Von 
jenen beiden alten Geschlechtern, den Potitiern und Pinariern, welche 

^) SoÜD. 1, 10 Suo numini idem Hercules instituit aram quae Mcixima 
apud pontißces habetur, — consaeptum etiam intra quod ritus sacrorum f actis 
hovicidüs docuit Potitios, saceUum Herculi in Foro Boario est, in quo argu- 
menta et convivii et laetae maiestatis ipsius remanent; nam ditnnitus iÜo neque 
canibus neque muscis ingressus est. Etenim cum viscerationem sacricolis daret, 
Myagrum deuni dicitur imprecatus (vgl. Pausan. VIII, 26, 4), clavam vero in 
aditu reliquisse, cuius olfactum refugerunt canes. Id usque nunc dural. 
Vgl. PÜD. H. N. X, 79 and von dem Humpen Serv. V. A. VIII, 276, von dem 
Bilde des Evander, dessen Haapt nach der älteren Weise von der Löwenhaut 
bedeckt war, Plin. XXXIV, 33, Serv. ib. 288. Gemälde des Pacuvius Plio. 
XXXV, 19, welcher dieses Gebäude immer die aedes Herculis in Foro Boario 
aennt. Ein altes Thonbild des Hercules von demselben etruskischen Künstler, 
welcher das erste Bild des Capitolinischen Jupiter aus Thon verfertigte, er- 
wähnt Ders. XXXV, 57, vgl. oben I, 218, 2. [Der Humpen, scyphus, ist neben 
der Keule das stehende Symbol des Hercules: z. B. auf den pomp. Wandge- 
mälden (Heibig 27. 69. 69 b. 77). Auch an dem Herculestempel des Domitian 
an der Via Appia findet er sich (Canina V. Appia T. 43, 4, Edif. 6 T. XL VI, 4).] 
>) Beide befinden sich jetzt im Capitolinischen Museum. [Der Fundort 
der Statue Righetti Campid. 1, 35 ist unsicher: Brunn Künstler 1, 541. Über 
den Typus unten zu S. 656.] Der Tempel, von welchem De Rossi eine Zeichnung 
aufgefonden, war ein Rundtempel (Liv. X, 23) und wurde erst vob Sixtus IV. 
eingerissen. Er lag gleich hinter der Kirche S. Maria in Cosmedin, vor den 
Eingängen in den Circus, näher am Aventin (worauf auch Serv. V. A. VIII, 
276 deutet) als am Palatin, nach weichen Merkmalen De Rossi die Lage der 
Ära Maxima genauer bestimmt hat. Die Dedicationen der zahlreichen In- 
schriften nennenden Hercules bald Victor, bald Invictus, wie diese Namen 
auch in den Inschriften aus Tibur und sonst abwechseln. [Die stadtrömischen 
Inschrr. des Hercules Invictus C. I. L. 6, 317 fi^., des Fictor das. 330 fi^. (victori 
poUenti potenti 328). Jenes ist häufig in dem an Militärinschriften reichen 
3. Bande des C. I. L. (auch pro sakUe der. Kaiser und von Privaten 877. 1028. 
1029), verhältnifsmäfsig auch Bd. 7; selten 5, fehlt 8; dieses fehlt aufserhalb 
Rom fast ganz: anfser Tibur s. 7, 313 (mit Minerva). Über die Verbindung 
mit Mars oben S. 286. Mit Victoria C. 1. L. 3, 22. 5193] 

•) Macrob. S. III, 6, 10, vgL Dionys. I, 39, Plut. Qu. Ro. 60. 



HERCULES. 291 

Hercules selbst in den Gebräuchen seines Gottesdienstes unterrichtet 
haben soll, wird auch sonst oft erzählt. Jenen gebührte der Vor- 
stand des Opfers und der priesterhche Ehrenantheil an den Opfer- 
thieren, während den Pinariern nur eine dienende Verrichtung beim 
Opfer und die Aufsicht über das Heiligthum zustand, so dafs sie 
auch an den häufigen und reichlichen Schmausen aus gelobten 
Zehnten keinen Antheil hatten: eine auch durch die Namen ange- 
deutete Ungleichheit der Rechte, welche durch die Legende begründet 
wurde dafs die Potitier dem Rufe des Hercules, als er das Opfer 
früh Morgens einsetzen wollte, auf der Stelle, die Pinarier dagegen 
zu spät Folge geleistet hätten^). Die Potitier liefsen sich später 
durch Appius Claudius den Blinden verleiten, ihren Antheil an diesem 
heiligen und wichtigen Opfer aus den Händen zu geben und an den 
Staat zu überlassen, seit welcher Zeit der Praetor Urbanus den 
Dienst mit Hülfe von Staatssklaven verrichtete^). Das soll sich an 
den Potitiern alsbald so schrecklich gerächt haben, dafs das blühende 
Geschlecht, welches damals 12 Familien und 30 erwachsene Männer 
zählte, binnen Jahresfrist ausgestorben war, während Appius Clau- 
dius, der im Kriege gegen Pyrrhus und sonst so berühmte Mann, 
als Urheber des verderblichen Rathes eben darüber erbUndet sein 
soll; dahingegen sich die Pinarier bis auf späte Zeiten behaupteten^). 



») Dionys. I, 40, Diod. IV, 21, Liv. I, 7, Macrob. S. III, 6, 12, Serv. V. 
A. VIII, 269 n. A. Es ist wohl zu beachten dafs nur der Name der Pinarii, 
welches Geschlecht sich erhielt, griechischen Ursprungs ist ano Ti]g nsCvag, 
und dafs nach Servius 1. c. der Name des Pinarius ursprünglich ein andrer 
war. [Die Litteratur hei Marqnardt Verwaltung 3, 128.] 

*) Varro 1. I. VI, 54 quod praetor urbis quotatinis facti y quom HercuU 
immolat piä)lice iuvencam. Macrob. S. III, 12, 2 yidemus et in capite praetoris 
urbani lauream coronam, cum rem divinam HercuU facit. Vgl. Serv. V. A. VIII, 
276 und die Inschriften bei Or. n. 1533. 34 und De Rossi I. c. p. 17 sq. und 
29, welche Inschriften die ungestörte Fortdauer des Gottesdienstes bis ins 
4. Jahrh. n. Chr. bezeugen. Die Staatssklaven (servi public!) oder auch Frei- 
gelassenen (Serv. V. A. VIII, 179) waren jedenfalls nur die Gehülfen des 
Stadtprätors. 

') [Patricische Pinarii (Mamercini, Nattae) sind in Rom seit dem 4. Jahrh. 
d. St. bekannt; sie bekleiden die höchsten wie niedere Ämter (Münzmeister): 
vgl. Mommsen Forsch. 1, 90. Die angeblich ausgestorbenen alten Potitii 
sind überhaupt nicht nachweisbar; unter den Tausenden von inschriftlich 
überlieferten Namen kommen wie Potüi (Cognomen, angeblich auch der Va- 
lerier) so Potitü nur in ganz vereinzelten und bedenklichen Beispielen vor 
{PatiHo Romulo Lyon, Wihn. 2572; Potetius C. I. L. 8, 138] ; fehlt im C. I. L. 

19* 



292 EILFTER ABSCHNITT. 

Vielleicht bot dieselbe neue Ordnung des Gottesdienstes eine Veran- 
lassung zu den Reformen im Sinne des griechischen Einflusses, um 
derentwillen derselbe später gewöhnlich für einen schlechthin grie- 
chischen angesehen wurde. 
668 Unter den Opfern und Opferschmäusen dieses Hercules sind 

das ordentliche und die aufserordentlichen zu unterscheiden. Jenes 
ist das jährlich an einem bestimmten Tage, vermuthlich dem 
12. August^), von dem Prätor im Namen der Stadt dargebrachte 
Opfer eines jungen Rindes (iuvencus oder iuvenca), diese die dem 
Hercules als dem Mehrer aller Habe und Spender alles aufserordent- 
lichen Segens^) sehr häufig ex voto dargebrachten Zehnten der Habe 
oder des Gewinns, bei welchen auf das Opfer ein gewöhnlich sehr 
reiches Mahl, das in seiner Art sprichwörtlich gewordne polluctum, 
folgte^). Der Ritus und die Ausstattung des gesammten Gottes- 



2. 3. 5. 7.). Dies ist der scklagendste Beweis dafür dafs die ganze Geschichte 
aus einer kläglichen etymologischen Spielerei heransgespoanen ist.] 

1) Wenigstens bemerkt das Kai. Amitern. zu diesem Tage: Herculi Tfwicto 
ad Circum Max,, welches eben der Hercules der Ära Max. zu sein scheint, 
lo. Lydus d. Mens. IV, 46 spricht von einem Feste des H. Victor am 11. April, 
welches weder die alten Kalender noch Ovid kennen. Als Opfer wird bei 
Varro 1. 1. eine iuvenca, b. Dionys. I, 39 SafiaXig eis, b. Ovid F. I, 579 ein 
tanrus genannt. [Das Opferthier des griechischen Herakles ist das Schwein, 
in Sikyon der Schafbock (Welcker Götterlehre 2, 787). Jenes findet sich 
auch auf den Denkmälern des Hercules, z. B. dem pomp. Wandg. 77; in der 
Opfervorschrift C. I. L. 8 , 8246 f. heifst es agnu{m) — capone(m) Herculi. 
Auch hierüber läfst sich erst urtheilen, wenn die noch fehlende Untersuchung 
über die Opferthiere im italischen Kultus vorliegen wird.] 

') Auch eines unverhofft gefundenen Schatzes, vgl. Horat. S. 11, 6, 10, 
Pers. 2, 10 und den Hercules sub terra medius cubansy sub quo plurunum aurum 
posüum est der Region Transtiberim in den Regionen S. 24. [Die Stelle des 
Curiosum urbis R. XIV ist ein frühmittelalterlicher Zusatz (vgl. Jordan Forma 
urbis S. 52 z. d. St.) und beweist daher schwerlich Etwas. Dagegen mögen 
die sonderbaren Vorschriften über die Behandlung gefundener thesauri auf 
dem Gebiet des Herculestempels an der Grenze von Abella und Nola (Zwe- 
tajeff Syll. 56 Z. 480".) hierhergehören.] Bei Diod. IV, 21 verspricht Hercules 
Alle, die ihm den Zehnten ihrer Habe weihen würden, mit reichem Segen zu 
segnen. Und so sei es geschehn, noXXovg yaq ^Ptofjiaüov, ov fiovov t£v avfA- 
fiiTQOvg ovaCag xexrrifx^Viov, dXXä xal rmf fisyalonXovtüJV riväg €v^fiivovg 
ixöexattvauv ^HqaxkeX xal fierä ravta ytvo/i^vovg eidalfjLovag ix^exatevaai 
rag ovaiag ovaag taXdvttov ist Qaxiox^Xianf. Vgl. Dionys. I, 40, Plut. Qu. 
Ro. 18. 

") Polluctum von poUucere d. i. darreichen, opfern [Corssen Ausspr. P, 
369. 500 f.], hier in der speciellen Bedeutung des Opferschmauses, weil der 



HERCULES. 293 

(lienstes war in solchem Grade der griechische, dafs man sich 
wegen der griechischen Ursprünge Roms vorzüglich auf diesen Um- 
stand zu berufen pflegte^). Namentlich wurde das Opfer nach grie- 
chischer Weise operto capite d. h. mit verhülltem Haupte darge- 658 
bracht, wie im Dienste des Saturnus, das Haupt selbst aber sowohl 
beim Opfer als bei dem festlichen Mahle mit Lorbeer bekränzt, 
wozu die Zweige von einem Haine auf dem benachbarten Aventin 
genommen wurden *). In dieser Weise wurde namentlich auch jenes 
regelmäfsige Opfer von dem Praetor Urbanus dargebracht, indem er 
dazu den Wein aus eben jenem grolsen Becher von Holz spendete, 
welchen der Sage nach Hercules selbst, der wackre Zecher, im Ge- 
brauch gehabt hatte. Bei dem auf das Opfer folgenden Schmause 
pflegten die Theilnehmer nach alter Weise nicht zu Tische zu liegen, 
sondern zu sitzen®). Die Frauen waren sowohl von den Opfern als 
von den Opferschmäusen des Hercules ausgeschlossen, wie die Männer 
von denen der Bona Dea; daher sich die Frauen auch des Eides 
beim Hercules enthielten, beim Castor dagegen wegen des Anklanges 
an castum und castitas um so lieber schwuren^). 

Der Gebrauch den Zehnten eines Gewinns dem Hercules zu 



Schmaus eben wesentlich zum Goltas des Hercules und zur Erfüllung des 
Zehnten-Gelübdes gehörte. Je nach der Art des Gewinns, an Vieh, an Waaren, 
an Geld, konnte das Verschiedenartigste gelobt und dargebracht werden, s. 
Fest. p. 253 Herculi autem omnia esculenta posculenta [so die Hs.: poculenta 
die Ausgaben; Preller vermuthete poUucere licet], Varro 1. 1. VI, 54 quam 
enim ex mercibus Uhamenta porreda sunt Herculi in aram, tum polluctum est. 
Immer war das reichliche Mahl (pollucibilis cena), mit üppigem Genufs von 
Speise und Trank, die nothwendige Folge eines solchen Gelübdes, wobei das 
Vorbild des griechischen Hercules ßov(pdyog, s. Griech. Mythol. 2, 187 [=> 266 
der 2. A.] mitgewirkt haben mag. Vgl. Macrob. S. III, 16, 17; 17, 16, Tertull. 
Apolog. 14 und 39, Treb. Poll. Trig. Tyr. 14, und den meist sprichwörtlichen 
Gebrauch des Wortes pollucere und polluctum oder des Herculeszehnten bei 
Naevius Colax p. 9 Ribb., Plaut. Bacch. IV, 4, 15, Curcnl. I, 3, 37, Mostell. 
1, 1, 23, Rud. II, 4, 11, Stich. I, 3, 80, V, 4, 6, Trucul. H, 7, 11. [C. I. L. 
1, 1173.] 

1) Dionys. I, 39, Strabo V p. 230, Liv. I, 7, Varro b. Macrob. S. HI, 
6, 17, vgl. Serv. V, A. VHf, 288. 

2) Serv. V. A. VIII, 276, Macrob. S. III, 12, 2. 
») Macrob. III, 6, 16, Serv. A. VIII, 176. 

«) Gell. N. A. XI, 6, Macrob. I, 12, 28, Tertull. ad Nat. 2. Vgl. oben 
I, 401. [Damit hängt wohl auch die oben S. 22, 1 berührte Vorschrift zu- 
sammen, dafs bei dem Opfer des Mars Silvanus (oben S. 282 A. 1) keine Frau 
zugegen sein durfte.] 



294 EILFTER ABSCHNITT. 

weihen war nicht allein in Rom, sondern auch in andern Gegenden 
von Italien herkömmlich^) und überdies in dem Wesen dieses Gottes, 
namentlich nach seiner alterthümiichen und volksthümlichen Auf- 
fassung so wohl begründet, dafs an eine spätere Entstehung desselben 
in Rom nicht zu denken ist. Vielmehr wird die gewöhnlich als 
Reweis dafür angeführte Erzählung von der Uebertragung dieses 
Gebrauchs von dem Hercules der Ära Maxima auf den Hercules 
Victor zu verstehen sein: eine Neuerung welche sowohl für den 
Cultus der Ära Maxima als hinsichtlich des Gebrauchs, den man 
fortan von solchen Weihungen und Schmausen ex voto machte, 
von wichtigen Folgen begleitet war. Es wird nehmlich erzählt^) dafs 
651 ein gewisser Octavius Hersennius, welcher in seiner Jugend Pfeifer 
(tibicen) gewesen, sich nachmals auf den Handel gelegt und dabei, 
wenn es ihm gut gehe, nach herkömmHchem Glauben dem Hercu- 
les seinen Zehnten gelobt habe. Als er dann übers Meer schiffte 
und einen Angriff von Seeräubern zurückgeschlagen hatte, erfuhr er 
im Traume dafs kein andrer Gott als Hercules ihm zu diesem Siege 
verhelfen hatte, weshalb er nach seiner Heimkehr dem Hercules 
Victor einen Tempel mit einem Bilde stiftete, welcher das älteste 
Denkmal des Hercules Victor in Rom gewesen zu sein scheint. Mag 
es nun dieser Vorgang gewesen sein oder der Einflufs des griechi- 
schen Herakles im Allgemeinen, dessen Feldzüge und Siege im Orient 
neben denen des Bacchus von jeher die idealen Vorbilder für glück- 
liche Sieger und ehrgeizige Eroberer gewesen waren, genug es ward 
mit der Zeit auch in Rom immer mehr Gebrauch, den Hercules 
der Ära Maxima vorzüglich in diesem Sinne zu verehren und nament- 
lich vor einem Feldzuge oder bei der triumphirenden Rückkehr aus 
demselben einen Zehnten der Reute oder der gesammten Habe an 



^) Die loschriften von AmiterDum aod Reate s. oben S. 276, 1. Dazu kommt 
eiae Inschr. aus Capua bei Momnisen I. N. a. 3578 P. Ateius P, l. Beg^lbfs 
fecit sibi et P, Ateio P. l. Salvio patron. pomario. Is ter Herculi decumant fecit 
etc. und die altertbiimliche und merkwürdige aus Sora b. Mommsen a. 4495. 
Henzen Suppl. Or. n. 5755 [= C. I. L. 1, 1175.] M, P. Fertuleieis C. f. Quod 
re sua difeidens asper e afleicta Parens timens heic vovit, voto hoc soluto Decuma 
facta poloucta leibereis lubenies Dornt danunt Hercolei maxsmne mereto, Semol 
te orant, se voii crebro condemnes. Vgl. Henzen im Rh. Mus. f. Phil. N. F. 
V S. 70—79. [Ritschi Op. 4, 130 tf. und über den Zehnten des Hercules 
Mommsen G. I. L. 1 p. 149 ff.] 

2) Macrob. S. III, 6, 11, Serv. V. A. VllI, 363, Mamertin. paoeg. Dioclet. 
et Maximin. 2. 



HERCULES. 295 

jenem Altare darzubringen und darauf auch den herkömmlichen 
Schmaus zu veranstalten^), mit einer Ueppigkeit und Verschwen- 
dung, die nun freilich weit mehr auf den Beifall des gemeinen 
Mannes berechnet als eine Folge des alten Glaubens war: bei welchen 
Gelegenheiten auch jenes alte, angeblich vom Evander herstammende 
Bild des Hercules .als das eines Triumphirenden costumirt wurde 
und demgemäfs den Namen Hercules triumphalis bekam ^). So er- 
fahren wir von einer Speisung des Sulla, bei welcher ein so grofser 
üeberflufs herrschte dafs täglich viele Speisen in den Flufs geworfen 
wurden, auch des LucuUus, welcher als der reichste und üppigste 
Mann seiner Zeit auch in dieser Hinsicht das Aufserordentliche leistete, 
endhch des Crassus, bei dessen Weihung vom Zehnten seiner Habe 
jeder Römer drei Monate lang seine Zehrung auf Crassus Kosten 
bekam ^). Und so sind ohne Zweifel auch die vielen Bilder und böö 
Tempel des Hercules, welche sich theils in der Gegend der Ära 
Maxima, theils auf dem Capitol und Forum, oder auch in andern 
Gegenden der Stadt befanden und gewöhnlich nach dem dedicirenden 
Feldherrn benannt wurden, in den meisten Fällen bei solchen Veran- 
lassungen des Triumphs entstanden, wo aufser dem lupiter 0. M. 
auf dem Capitol nach griechischem Glauben nun auch immer sein 
Sohn und Werkzeug auf Erden Hercules Victor zu bedenken war. 
Besonders interessant ist die in der Gegend des Lateran gefundne 
Dedicationsinschrift des L. Mummius, worin derselbe als Sieger über 
Achaja und Korinth nach seinem Triumphe in Rom einen Tempel 
und ein Bild des Flercules Victor stiftet, wie er es im Felde gelobt 
hatte ^). Auch gehören dahin ein sogenannter Hercules tunicatus 

') Posidonius b. Athen. IV, p. 153 C iv Jy ^PtafiaioDV noXei', oxav fv(o- 
/cjVTai Iv ry rov ^HgaxXiovq tigtp, Semvi^ovEog rov xata xaiQov d-Qiafi- 
ßsvovTog xttl rj naQaaxevrj Trjg evcox^ag ^HQaxXecarixi^ iari. Ib. V p. 221 F. 
Marias weiht die Felle der in Afrika erlegten Gorgonen, wilder Thiere von 
schrecklichem Aosehn, iv r(p rov 'HgaxX^ovg Uoip, Iv (p xovg d-Qiufißovg 
xarayovjig aTQutfjyol iaricHai rovg nolCxng, xad-dmq noXloX röSv f^fis^aniSv 
noiriral xal avyygaipstg sfQrixaaiv, 

2) Plio. H. N. XXXIV, 33. Vgl. Or. d. 1042 aus Tarent: Herculi Sancto 
Servatori Ficiori Triumph{ali) pro salute et victoria Imp. Caes, M. A. Cari ex 
voto ord. Tarent. und Serv. V. A. VII, 662. 

«) Plut. Sulla 35, Grass. 2, Diod. IV, 21. 

^j Marini Atti p. 30, Ritschi tit. Mumm, ad fidem lap. Vaticani, Berol. 
1852 [= Op. 4, 82. G. I. L. 1, 541]. Die Inschrift lautet: Z. Mummi L, f, cos. 
duct{u) auspicio imperioque eins Ackaia capt(a) Corinio deleto Aomam redieit 
triumphans. Ob kasce res bene ^estas quod in beüo voverat hone aedem et siß^{jn) 



296 EILFTER ABSCHNITT. 

auf dem Forum, den Lucullus als Feldherr von der Beute geweiht 
hatte, ein Hercules SuUanus in der Gegend der P. Maggiore und 
ein Hercules Pompeianus beim Circus Maximus ^), endlich eine aedes 
Aemiliana des Hercules auf dem Forum Boarium, welche, wenn 
diese Lesart die richtige ist, eine Art von Familienheiligthum des 
Hercules Victor und etwa nach dem Triumphe des Siegers von 
Pydna gestiftet sein möchte^). 

Aufser diesem Hercules begegnen wir in Rom dem Hercules 

Gustos, welcher beim Gircus Flaminius ein eignes Heiligthum hatte ^), 

ferner dem H. Defensor und Salutaris, welcher dem griechischen 

666 äXs^ixaxoQ entspricht*). Natürlich fanden aufserdem mit griechischer 

HercuUs Fictoris Imperator dedicat. Vermathlich war das Bild des Hercules 
ein Stück aas der korinthischen Beute, s. Strabo VIII p. 3S1. 

») Fun. H. N. XXXIV, 93, Vitrav. III, 2, 5 vgl. meine Regionen S. 131 
und Archäol. Ztg. 1846 S. 356. [= Ausg. Aufs. 436 Jordan Top. 2, 129.] 

*) Fest. p. 242 Pudicitiae Signum. [Nach Mommsen C. I. L. 1 p. 150 ist 
zu lesen: Pudicitiae Signum in foro bovario est, ubi fam^üla edisset (oder 
sedisset) Herctilis.] Einen Hercules üoXvxXiovg d. h. eine Statue dieses 
griechischen Meisters nennt Gic. ad Att. IV, 1, 17. [Einen Herculestempel 
in der Nahe der porta CoUina erwähnt Livius XXVI, 10: in der Nähe der- 
selben (?) ist die folgende Inschrift gefunden worden: Puhlicia L, J, Cn. 
CorneU A, f. uxor Hercole aedem valvasque fecit eademque ex polivü aram,que 
sacram Hercole restitu{it), haec omnia de suo et virei fecit fadendum curavü 
(Bull. ist. 1878, 102 = BuU. comun. 1878, 94). Natürlich ist diese aedes 
kein Staatstempel sondern eine private aedicula (Jordan Hermes 14, 572). — Die 
Statue des Polykles stand nicht, wie PreUer meinte auf dem Gapitol (s. Klüg- 
mann Arch. Zeitung 1877, 12 if.): über die capitolinische vgl. Jordan Top. 1, 
2, 47 A. 46.] 

') Unter dem Namen Hercules Magnus Custos. Der Dedicationstag war 
der 4. Juni, Kai. Venus., Ovid F. VI, 209. Das Kai. Gapranic. z. 12. Aug. 
scheint diesen Hercules mit dem der Ära Max. zu verwechseln, [über die 
verschiedenen Heiligthümer des Hercules in der Nähe des Gircus Flaminius 
s. einstweilen die Abhh. von Klügmann in Gomment. philol. in Hon. Momm- 
seni S. 262ff. und Arch. Zeitung 1877, 12ff.] 

*) S. die loschr. b. Ritschi tit. Mumm. p. III: Hercules invicte, Sande Sil- 
vani nepos, Hie advenisti ?ie quid hie fiat mali. G(emo) p{opuli) R{omani) 
ßjeliciter). [Dies die richtige Lesung der schon oben S. 282, 1 a. Inschr. G. I. 
L. 6, 329, einer freien Übersetzung des Epigramms 6 rov Jiog naZg xaXXlvixog 
^ÜQaxlrjg ivd^döe xaiotxiZ' firidlv eiaiito xaxov (Kaibel Epigr. 1138). Über die 
Schwierigkeiten der Interpretation s. Eph. epigr. 4, 263 zu n. 736.] Dieselben 
Dienste that bei den Griechen der Kallinikos. Or. n. 1537 ^HQaxXeZ Idleki- 
xax(i) IlttTtiCQLOif HercuU Defensori Papirii [2i,l3av(^ HaneCQiot, Silvano Cus- 
todi Papirii: zwei zusammengehörige Altäre, G. I. L. 6, 309. 310.] Gorp. L 
Gr. n. 5988 £(ot^qi, Si(p ^ÜQaxlj. n. 5989 ^HqaxXH dXe$ixdx(p, HercuU De- 



HERCULES. 297 

Sitte und Bildung auch die übrigen Formen des allgemein verbreiteten 
Herkulesdienstes Eingang. So der Heraklescult der Bäder, Gymnasien 
und Palästren, welcher in Sicilien seit alter Zeit einheimisch war 
und sich in Etrurien und überhaupt in Italien bei der grolsen An- 
zahl von Heilquellen und warmen Bädern früh und allgemein fest- 
setzte^). Diesen Hercules verehrten auch die Professionisten der 
Palästra, während die Soldaten, die Gladiatoren und andre Profes- 
sionisten der körperlichen Kraft oder Behendigkeit das Ideal des 
Hercules in ihrem Sinne cultivirten^), die oft in den Steinbrüchen 
arbeitenden Soldaten aber einen eignen Hercules Saxanus ver- 
ehrten, welchen viele Inschriften nennen^). Die feineren Kreise, die 
in griechischer Kunst und Poesie zu Hause waren, hielten sich da- 
gegen zu dem Bilde des von seiner Mühe ausruhenden Hercules, der 
sich beim Mahle wohl sein lälst und darum als heitrer Genius aller* 



fensori, Süvano Custodi. Mommsen I. N. 1389 Herculi Salvatori sacrunt pro 
salute Imp. M. ^urel. Commodi Pii ^ug» Colon. 

*) So bei den Bädera von Caere, s. Liv. XXII, 1, vgl. Serv. V. A. VII, 
697, wo Hercules mit einer eisernen Stange, die er in die Erde stöfst, die 
Quellen des eiminischen Sees ölfnet. Or. n. 1560 [== C. I. L. 3, 1566: Z. 
des Trajan] Herculi, Genio Loci, Fontibus Calidis in den Bädern des Hercales 
in Ungarn. [Vgl. überhaupt die Dedicationen an Hercules das. 1563 — 1573; 
die datirten reichen vom J. 157 bis 254. In anderem Sinne ist das Beiwort 
Salutaris in der I. G. I. L. 6, 339 cur(atores) collegü Herculis salutaris 
chortis primae sagarioimm zu verstehen: s. Henzen das.] Daher Salutifer 
ib. n. 1561 [das. 1572] und Somnialis n. 1553. 2405, was entweder auf 
Incubationen oder auf den Todesschlaf zu beziehn ist. 

') Horat. £p. 1, 1, 5 Feianius armis Herculis ad postem fixis lotet abditus 
agro. Varro b. Non. Marc. p. 528 ad Herculis athla aihletae facti. Vgl. den 
H. rusticus b. Lamprid. Comm. 10 [Rusticelius (rusticellus die Hss.) Hercules 
bei Plin. VII, 83 ist Personenname.] H. Cder Or. n. 1536, Fabr. p. 601. 659, 
[= C. I. L. 1, 815,] barbatus Henzen n. 5726. 

») Or. n. 2006 — 2011. 3479. 5657, vgl. Osann Ztschr. f. A. W. 1837 
S. 385, Lersch Centralmuseum II S. 27, Rhein. Jbb. VII S. 43. [J. Freuden- 
berg Das Denkmal des Hercules Saxanus im Brohlthal, Bonn 1862. Die bis- 
her zum Vorschein gekommenen Steine des H. S. stammen vom 1. Rheinufer 
mit Ausnahme des Tridentiners C. I. L. 5, 5013 und des Tiburtiners vom J. 
225 p. G. (Or. 2006). Die zuerst von Grimm ausgesprochene, dann von Sim- 
rock (d. Myth.^244f.) weiter begründete Vermuthung, dafs H. S. die römische 
Umbildung des deutschen Felsen spaltenden Donnergotts sei (er erinnert an 
den Herculescult der Germanen, Tac. Germ. 9) trifft demnach gewifs das 
Richtige und wird bei der Verbreitung solcher hybrider Kulte im 3. Jahrh. 
auch durch die J. von Tivoli nicht widerlegt.] 



298 EILFTCR ABSCHNITT. 

Tafelfreuden verehrt wurde, auch als Pacifer und Hercules Mu- 
sarum, welchem letzteren M. Fulvius Nobilior in der Nähe des 
Circus Flaminius einen mit schönen Kunstwerken aus der Beute 
von Ambrakia verzierten Tempel gestiftet hatte, den L. Marcius 
Philippus, der Stiefvater des August, erneuete^). So waren natur- 
lich auch die Bilder des Hercules^) und seiner Thaten meist die 
griechischen, sei es dafs sie als gute Beute aus Griechenland ent- 
führt oder in Bom von griechischen Künstlern verfertigt wurden, 
657 die Bilder seiner Jugend^), die seiner Kämpfe und Feldzüge, und 
das Idealbild des vollendeten Helden mit den Hesperidenäpfeln in 
der Hand, welche als Preis seines letzten Kampfes gewöhnlich das 
Attribut des Hercules Victor überhaupt waren. Dazwischen spielen 



^) S. meine Regionen S. 167 [vgl. Jordan Forma arbis S. 34, 3]. Die Bilder 
des Hercules und der 9 Musen sielit man auf den Münzen des Q. Pompoo. 
Musa. Vgl. C. I. Gr. n. 5985 sv/t] 'Hgaxl^ d-akXoifÖQi^ t€Q(p evaxovOKi), 
Herculi Pacifero, Invicto, Sancto. Ib. n. 5987 unter einem Bilde des Hercules 
mit der Lyra : 'IlQitxkij T(p Movaay^rrj Mrjvoifilog. [Eine der Basen, welche 
die aus Ambrakia geraubten Statuen trugen, ist neuerdings nahe dem Standort 
des Tempels wiedergefunden worden. Die Inschrift lautet M. Folvius M. f. Ser. 
n. Nobilior cos, Ambrada cepit. De Rossi Bull. ist. 1869, IfF. Vgl. besonders 
Klügmann, Hercules Musarum, in Comm. philol. in hon. Mommseni S. 262 ff.] 

^) [Eine Untersuchung über die Typen der römischen Kunst fehlt. Be- 
sonders wichtig sind die beiden Bronzestatuen, die oben erwähnte capi- 
tolinische, und die neuerdings in den Trümmern des Theaters (wahrscheinlich 
der in demselben errichteten aedes Veneris Victricis) des Pompejus gefundene 
(Mon. deir ist. 8 T. L, vgl. De Witte Annali 1868, 195 ff.), welche vielleicht auf 
einer die 12 Arbeiten darstellenden Basis stand (so vermuthet Duhn zu Matz 
A. B. n. 3635). Sie stellen beide den Gott als den jugendlichen Sieger mit 
der Keule und den Äpfeln der Hesperiden dar. Die erstere gehört sicher der 
späteren Kaiserzeit an, über die zweite gehen die Ansichten weit auseinander: 
die einen setzen sie in die Zeit des Pompeius selbst, die andern gehen bis 
ins 3. Jahrhundert hinab. Über Polykles Klügmann in den oben aa. Abhb. 
— Hercules mit dem Füllhorn (Duhn-Matz 118. 4078) als Genius? Doch 
erscheint er so auch auf einer Vase von Ruvo Michaelis Ann. 1869, 201. Der 
im pompejanischen Hause verehrte, bekränzt, mit Keule und Scypus, fast burlesk 
auf dem Bilde bei Heibig Wandg. 69 T. HL] 

^) Hercules pusillus und puerinus, Martial. III, 47, Or. n. 1546. 
Hercules als Kind, mit Löwenhaut, Keule und Becher, auf einem Grabstein, 
Mommsen I. N. n. 6926. [JVach Mommsen gebort hierher die I. C. I. L. 6, 302 
Herculi bull{atd) M. Ulpius Aug^. Hb. Timocrates aeditus d. d. Doch könnte 
auch an einen Genius Hercules gedacht werden: s. oben S. 201 A. 2. Noch 
mögen die vereinzelten Epitheta Primigenius C, I. L. 2, 1436, Inpetrabilis 5, 
5768 f., vielleicht auch Quietus 2, 3009, erwähnt werden.] 



y 



HERCULES. 299 

auch die Bilder aus dem Kreise des lydischen Hercules und der 
Omphale, welche durch die genealogischen Fabeln der Etrusker 
frühzeitig nach Italien verpflanzt wurden^), und die des tyrischen, 
punischen und gaditanischen Hercules, welche auch nach dem Ver- 
fall von Tyrus und Karthago in grofsem Ansehn standen^). Doch 
blieben die auf Sieg und Triumph deutenden Formen immer die 
vorherrschenden, namentlich in der Zeit der Kaiser, wo Hercules 
als Sohn des Jupiter und als Besieger und Beherrscher der Welt 
von selbst zum Symbole der kaiserhchen Macht wurde, vollends 
wenn die Lorbeern des Sieges den Kaiser schmückten. Schon 
Antonius der Triumvir, welcher sich vom Hercules abzustammien 
rühmte, gefiel sich darin den Hercules zu spielen; später sind es 
besonders die Kaiser von spanischer Abkunft, Galba, Trajan und 
Hadrian, auf deren Münzen und Denkmälern der göttliche Heros 
als Sinnbild zugleich ihrer Heimath und ihrer Thaten erschien^). 
Weiter Hebte es bekanntlich Commodus nicht allein im Costüme 
des Hercules aufzutreten, sondern auch auf der blutigen Bühne des 
Amphitheaters als solcher zu würgen, worüber sich die ganze Stadt 
mit entsprechenden Herculesbildern anfüllte *). Hernach gefielen 
sich Severus und Caracalla darin, Hercules und Bacchus, die Sieger 
des Orients, als die Götter ihres Hauses zu verehren, während 
Caracalla in der schweren Verfinsterung seines Gemüths, wodurch 
das ganze Reich alle Sühngötter in Bewegung gesetzt wurden, vor- 
züglich zur Verehrung des Alexicacus aufforderte'^). Eine neue öös 
Wendung schien diese Symbolik durch Postumus in Gallien nehmen 
zu wollen, da durch ihn der gallische d. h. celtische Hercules zu 

1) Or. n. 1557 [= C. I. L. 5, 3312]. 1558 [verdächtig]. Vgl. Stephan! der 
ausruhende Herakles S. 203. 

') Vorzüglich der gaditanische, s. Eckhel D. N. VI p. 504 und Ulpian t. 
XXII, 6, der ihn unter den Göttern nennt, welche zu bonorum heredes ein- 
gesetzt werden konnten [Hübner zu G. I. L. 2, 1929 vgl. 2162. 3409.] Über 
den tyrischen Hercules s. Fabretti Inscr. p. 137, 119 und p. 128, Or. n. 1554. 
Das Bild des Hercules, welchem früher in Karthago jährliche Menschenopfer 
dargebracht worden waren, stand später unbeachtet in Rom, Plio. XXXVI, 
39 [Klügmann Arch. Zeitung 1877, 13]. 

<) Eckhel VI p. 298. 504. 506. [Sehr auffallend ist die Widmung des 
Tiberius Herculi invicto in der Col. Augusta Gemella C. I. L. 2, 1660: doch 
scheint die Echtheit aufser Zweifel. Ober Domitian oben S. 282, 1.] 

*■) Herodian I, 14, 8, Dio LXXII, 15, Lamprid. 8. 9. Auch seine Münzen 
sind voll von Beziehungen darauf. 

») Dio LXXVI, 16, LXXVil, 6, Eckhel D. !S. VII p. 170. 213. 



300 EILFTER ABSCHNITT. 

Ehren kam, doch wiederholen auch seine Münzen im Wesentlichen 
den allen hellenischen ßilderkreis ^). Bis endlich unter Diocletian 
und Maximian die erstaunte Welt noch einmal den Vater und den 
Sohn, Jupiter und Hercules, in diesen beiden Kaisern den Thron 
besteigen sah; denn einen solchen Glauben befahl die politisch 
wohlberechnete Reichsreligion des Diocletian und das Ceremoniell 
der neuen Hofordnung, welche die neue Würde eines Caesar Her- 
cuiius durch Adoption sogar auch auf die nächsten Nachfolger 
fortpflanzte^). 

4. Castor und Pollux. 

Auch der Cultus der Dioskuren hatte sich sehr bald über 
Sicilieu und Italien verbreitet. In Grofsgriechenland waren Tarent 
und Locri eifrige Verehrer der reisigen Jünglinge; in Etrurien 
müssen sie gleichfalls viel verehrt worden sein, da ihre Bilder zu 
den gewöhnlichsten Verzierungen der etruskischen Spiegel gehören, 
wo ihre Namen Kastur (ausnahmsweise Kasutru) und Pultuc oder 
Pulluke, auch Pulutuke lauten^). Eines Tempels zu Ardea mit 
alter griechischer Malerei gedenkt Piin. H. N. XXXV, 17, unter 
den latinischen Städten scheint ihnen besonders Tusculum seit alter 
Zeit ergeben gewesen zu sein*). In Rom wurden sie vorzugsweise 
vom Ritterstande und als ideale Vorbilder der Ritterschaft verehrt, 
wie dieses auch in jenen bedeutenden, durch ihre Ritterschaft 
glänzenden Städten in Grofsgriechenland der Fall war, welche auf 
den Glauben und die Sitten der höheren Stände in Apulien, Luca- 
nien und Campanien und durch deren Vermittlung auch auf Latium 

^) Eckhel VII p. 442 sq. Aach der Kaiser Probas , allerdings ein tapfrer 
Kriegsheld, wird als H. Erymaothias und als H. Romanas Aag. gefeiert, ib. 
p. 504. 

3) £ekhel VIII p. 9 aod 30, Or. n. 1046 ff., vgl. oben I, 240, 4. [Charak- 
teristisch die beiden Inschriften C. I. L. 6, 255. 256 Genio lovii Aug{usti) lovia 
porticu eius a Jundamentis absoltäa excuUaque Aelius Dionysius v, c. operi 
faciundo and Genio Herctdei Aitgiusti) Uerculea porticu eius — faciundo,] 

8) [Vgl. Corssen Sprache d. Etr. 1, 822. 826.] 

*) Cic. de Divio. I, 43, 98, Fest. p. 313 stroppus. Die Cornelia and Fonteia 
bezeichnen aaf ihren Münzen ihre tasculanische Herkanft dnrch die Köpfe der 
Dioskuren. Über Ardea and die Küste vgl. Serv. V. A. I, 44, X, 564. [In Cora 
erhaltener Tempel mit Inschrift (C. I. L. 1, 1150: (aed(em) CastoHs et Pol- 
lucis) ; in Capaa baaen magistrei Castori et Polluci murum a. s. w. im J. 648 
(das. 567), am Tifata im J. 655 (das. 569). Bemerkenswerth ist dafs der 
Kultus sich sogat wie garnicht im römischen Reich verbreitet hat. S. zu S. 662.] 



CASTOR UND POLLUX. 301 

und Rom überhaupt und namentlich in diesem Falle einen nicht 
geringen Einfluls ausgeübt haben. Von Tarent bezeugen viele schöne 
Münzen sowohl die hohe ßlüthe der ritterlichen Uebungen als eine 
entsprechende Verehrung der Tyndariden, welche den Tarentinem 
wie Herakles von ihrer Heimath her angestammt waren. Die Dios- 669 
kuren von Locri waren durch das Wunder der Schlacht am Flusse 
Sagra durch Griechenland und Italien berühmt geworden. Bedrängt 
von der Uebermacht der Krotoniaten hatten die Lokrer in Sparta 
um Hülfe gebeten, aber nichts weiter erlangen können als eine 
Hinweisung auf den Schutz der Dioskuren, dem siß sich gläubig 
anvertrauten. Als es bald darauf zur Schlacht kam, zwischen 
15000 Lokrem und 120000 Krotoniaten, siehe da schwebte ein 
Adler, der Bote des Zeus, über den Reihen der Lokrer und verliefs 
sie nicht eher als naqhdem sich der Sieg für sie entschieden hatte. 
An den beiden Flügeln aber sah man zwei Jünglinge in glänzender 
Rüstung kämpfen, ragende Gestalten in purpurnen Mänteln und auf 
schneeweifsen Rossen, die gleich nach der Schlacht verschwunden 
waren. Und Wunder über Wunder, an demselben Tage, wo diese 
Schlacht geschlagen wurde, erfuhr man davon bei den olympischen 
Spielen, welche eben gefeiert wurden, so dafs die Botschaft sich 
schnell durch das ganze Griechenland verbreitete^). Münzen der 
Bruttier, der Lucaner, der Apuler beweisen die Verehrung der 
Dioskuren auch bei diesen Völkern, und aus der Erzählung bei 
Liv. VIU, 11, dafs die Treue der campanischen Ritter im latinischen 
Kriege in Rom durch das Bürgerrecht und eine Gedächtnifstafel 
im Tempel der Castoren belohnt worden sei, darf man folgern dafs 
derselbe sowohl in Capua als in Rom speciell die Ritterschaft an- 
ging. Uebrigens lautet der Bericht von der Veranlassung des Cultus 
in Rom so ganz ähnlich jenem Berichte von der Schlacht am Flusse 
Sagra, dafs eine unmittelbare Einwirkung kaum abzuweisen sein 
dürfte. In der Schlacht nehmlich, welche die kaum von den 
Tyrannen befreiten Römer im J. 258 d. St., 496 v. Chr. gegen die 
Tusculaner und Tarquinier am See Regillus auf tusculanischem 
Gebiete zu bestehn hatten, wo die römische Ritterschaft den Sieg 
entschied, soll sich im Wesentlichen dasselbe begeben haben. Auch 
hier sind die Römer sehr im Gedränge, da erscheinen dem Dictator 



») Cic. N. D. II, 2, 6, in, 5, 13, lustio. XX, 3, 4, Diod. Exe. Vat. VII— X, 16, 
Suid. V. ^AiTi&äareQa räv inl Sayqa, [Schwegler 2, 201 f.] 



302 EILFTER ABSCHNITT. 

Postumius zwei jugendliche Ritter von aufserordentlicher Grölse 
und Schönheit, setzen sich an die Spitze der römischen Geschwader 
und jagen die Tusculaner schnell in die Flucht; in einem Felsen 
an jenem See sah man noch zur Zeit des Cicero die deutliche 
Spur vom Hufe des Pferdes, auf welchem Castor geritten. Und 
680 kaum war der Sieg gewonnen, so verbreitet sich auch hier das 
Gerücht mit geisterhafter Geschwindigkeit, indem die göttlichen 
Jünglinge selbst auf dem römischen Markte erschienen, noch in der 
vollen Aufregung und Rüstung der Schlacht und ihre schweifs- 
gebadeten Rosse am Bassin der Juturna waschend, wobei sie dem 
neugierig andrängenden Volke von der Schlacht und von dem Siege 
erzählen. Zweifelnde durch ein neues Wunder bekehren und endlich 
wie dort spurlos verschwinden^). Ja auch die Zeit der Schlacht 
und der Epiphanie war dieselbe, denn die Iden des Juli, an denen 
man beide feierte, entsprechen der Zeit der Olympienfeier d.h. 
beide fielen um die Zeit des Vollmondes nach der Sommersonnen- 
wende und dem längsten Tage, was sich merkwürdiger Weise auch 
bei späteren Epiphanieen der Dioskuren in der römischen Geschichte 
wiederholt, so dafs hier ein bestimmter Cultusgrund im Spiele sein 
mufs. Denn auch um die Zeit der Schlacht bei Pydna im J. 168 
v. Chr. und des Siegs über die Cimbern in der Gegend von Verona 
im J. 101 V. Chr. erschienen und meldeten die Castoren den Sieg 
in Rom, in beiden Fällen wieder um die Zeit des Sommeranfangs 
und der Sonnenwende ^) : weshalb zu vermuthen ist dafs die Griechen 
im Mutterlande wie in Sicilien und Italien seit alter Zeit diese 
lichten Götter und ihre Epiphanie grade in dieser Jahreszeit feierten 
und dafs dadurch später auch der Glaube und der Cultus der 
Römer bestimmt wurde. Genug jene Schlacht am See Regillus be- 
wog die Römer zur Erbauung eines Tempels der griechischen 
Götter auf derselben Stelle des Markts, wo sie dem Volke als Sieges- 
boten erschienen waren; hatte ihnen doch der Dictator Postumius 

») Cic.N. D. II, 2, 6, III, 5, 11, Dionys. VI, 13, Plat. Aemil. Paal. 25, nach 
welchem der erste Römer, welcher zu ihneo trat, die Nachricht nicht glauben 
wollte, worauf sie ihm lächelnd den schwarzen Bart mit der Hand berührten, 
der darauf röthlich wurde. Daher Domitius Ahenobarbus. V^l. auch die Mün- 
zen bei Riccio t. 40, 4. 5. [Schwe^ler a. 0. S. 63 f. — Münze: Cohen T. 
XXXV Postu. 4, Mommsen Münzw. S. 559.] 

2) Von der Schlacht bei Pydna s. Cic. JV. D. III, 5, 11, Val. Max. I, 8, 1, 
Flor. II, 12, 15, von der bei Verona Plut. Mar. 26, Flor. HI, 3, 20. Vgl. den 
interessanten Aufsatz von A. Mommsen im Philol. 1856 S. 706 ff. 



GASTOR UND POLLUX. 303 

gleich auf dem Schlachtfelde einen eignen Tempel in Rom gelobt'). 
Auch das Bassin der Juturna, welches sich dicht bei diesem Tempel 
befand, wurde ihnen nun heilig, zum Gedächtnisse aber des Siegs 
und der Stiftung eine jährliche Feier am 15. JuU angeordnet, 
welche zu den glänzendsten Festlichkeiten in Rom gehörte und 
neben einer gleichartigen Feier an den Luperealien der Ritterschaft 
eine regelmäfsige Gelegenheit bot , sich in dem vollen Glänze und eei 
kriegerischen Staate ihres Standes der Stadt zu zeigen. Es ist 
dieses die sogenannte transvectio equitum, ein Paradezug der 
römischen Ritter durch die Stadt, welcher in solcher Art und Aus- 
rüstung, wie er in den besten Zeiten der Republik gehalten wurde, 
freilich erst durch den Censor Q. Fabius Maximus im J. 450 d. St., 
304 V. Chr. angeordnet sein solP). Er begann vor dem Thore, wo 
auch damals der Dictator mit seinem Magister Equitum und den 
tapfern Rittern triumphirend eingezogen war, in älteren Zeiten wie 
es scheint beim T. des Honos gleich vor der p. Capena (oben S. 249), 
in späteren weiter hinaus beim T. Martis (I, 354) d. h. in der 
Gegend des Thores von S. Sebastiano*). Von dort setzten sich die 
Ritter in Bewegung, abgetheilt nach den alten Stämmen und nach 
Türmen, kriegerisch gerüstet auf ihren Pferden, als kämen sie direct 
aus der Schlacht, bekränzt mit den Zweigen des Oelbaums und im 
vollen Ornate der trabea mit purpurnen Streifen, alle mit ihren 
kriegerischen Ehrenzeichen geschmückt, in guten Zeiten an die 
5000 Mann stark, der höchste Glanz der Stadt und die Blüthe ihrer 
adligen Jugend. Sie zogen aufs Forum um hier den Castoren die 
Ehre des Tags zu erweisen, für den ihnen von Seiten des Staates ^ 
durch ein reichliches Opfer gedankt wurde, und von dort auf das 
Capitol, um auch dem Jupiter, dem Lenker der Schlachten, dem 
Vater der Dioskuren und dem Herrn aller Idus, ihren Dank darzu- 
bringen. Die gewöhnlichen Namen der beiden Heldenjünglinge waren 
in Rom Castor und Pollux, doch lautete der letztere in der älteren 
Sprache PoUuces*). Nicht selten gebrauchte man den einen Namen 



») Liv. II, 20, Becker Handb. I, 298. [Vgl. uoteo S. 662.] 

*) Liv. IX, 46, Val. Max. 11, 2, 9. lieber die transvectio an den Luper- 
calieo s. Marqaardt Handb. IV, 405, 2776. [Verwaltung 3, 426.] 

«) Dionys. VI, 13, Aurel. Vict. vir. iU. 32. Mehr bei Becker Handb. II, 1, 
260 ff. [Mommsen C. I. L. 1 p. 397.] 

*) Plaut. Bacch. IV, 8, 53, vgl. Varro 1. 1. V, 74. Auf einem etrusk. Spiegel 
mit lateinischer Inschrift heifst er Polocesj bei Gerhardt t. 171. [Auf eioen 



304 EILFTER ABSCHNITT. 

ira Plural für beide, am gewöhnlichsten den des Castor; daher der 
Witz des M. Bibulus, der in der curulischen Aedilitat und andern 
Aemtern Cäsars College war, dafs es ihm wie dem PoUux neben 
seinem Bruder Castor ergehe^). So hiefs auch jener von dem 
Sohne des Siegers Postumius an den Iden des Juli im J. 270 d. St. 
geweihte, von Tiberius neu erbaute Tempel gewöhnlich schlechthin 
669 der Castortempel, aedes Castoris ^) : ein ansehnliches Gebäude wel- 
ches oft zu Senatssitzungen diente und wegen seiner Lage am 
Forum häufig erwähnt wird. Auch geschworen wurde viel beim 
Castor und PoUux, in den bekannten Formen Edepol und Mecastor, 
von denen man jene im Munde von Männern und Frauen, diese nur 
in dem der Frauen fand (oben S. 293). Der aufserordentlich häufige 
Gebrauch der Castorenbilder auf den älteren Münzen der Republik 
ist wieder eine Folge ihrer ritterlichen Natur, daher sie auch zu 
den vornehmsten Göttern des Circus gehörten, sowohl im Circus 
Maximus als im Circus Flaminius, wo sie an den Iden des August 
durch eigne Spiele gefeiert wurden und einen eignen Tempel hatten *). 
" Als Götter der beruhigten See und einer günstigen Schiffahrt wurden 



aadera Polouces, Lobeck Paral. S. 135 erklärte Polluces aus Poluluces = Po- 
luducesy nokv^evxrjg, UDZweifelhaft richtig. Die Etrusker PuUuke mit Aus- 
werfang des kurzen u und Verschiebung der Media zur Tennis. S. Jordao 
Krit. Beitr. z, Gesch. d. lat. Sprache S. 29 f.] 

1) Sueton Gaes. 10, Dio XXXVII, 8, Serv. V. Ge. III, 89 ideo PoUucem pro 
Castore posuity quia ambo licenter et PoUuces et Castores vocantur, Nam et 
ludi et templum et steUae Castorum appellantur. Vgl. Or. n. 1567. [Vgl. 
C. I. L. 3, 1287. Seit dem 3. Jahrh. heifst der Castortempel am Markt auch 
aedes Castorum (unten): ein Seitenstück zu den Cereres (oben S. 46 A. 5). 
Ein Beleg für die Benennung der Brüder Polltices scheint zu fehlen; auch ist 
es kaum glaublich dafs sie ernstlich angewendet wurde.] 

^) Z. B. Seipio Africanusj Pauli ßlius, cum pro aede Castoris diadt, Fest. 
p. 286. Im J. 448 d. St., 306 v, Chr. wurde dem Gonsul Marcius nach einem 
Triumphe über die Herniker eine Reiterstatue vor dem Castortempel zuerkannt, 
Liv. IX, 43, was wieder die specielle Beziehung zum ritterlichen Stande aus- 
drückt. Die Einweihung des neuen Tempels erfolgte am 27. Jan. des J. 6 n. 
Chr. Ovid F. I, 705. [Vgl. Mommsen C. I. L. 1 p. 385. Aedes Castorü ist 
der allein in den Staatsurkunden vorkommende ^ame (Jordan Eph. epigr. 3, 70) ; 
[Cjastoris steht auch auf dem im Frühjahr 1882 gef. Stück des capitol. Plans. 
Über die Lage des Tempels und die seit 1872 freigelegte Ruine der ^drei 
Säuleo * einstweilen ders. Forma urbis S. 25.] 

^) TertuU. de Spectac. 8 Singida ornamerda Circi singula templa sunt^ 
Ova honori Castorum adscribunt etc. Vgl. Vitruv. IV, 8, 4 und Kai. Amitern. 
Id. Aug. 




DIOMEDES. ULIXES. 305 

sie auch in den Häfen viel verehrt, z. B. in Ostia ^). Dieses gab 
Veranlassung zu ihrer Identification mit den Göttern von Samothrake, 
daher auch sie den von dort verbreiteten Namen der Dii Magni 
führten. 

5. Diomedes, Ulixes, Telephus. 

Unter den Helden des troischen Sagenkreises hatte sich durch 
die Griechen der Ruf des Diomedes und Odysseus auch in Italien weit 
verbreitet. Sowohl die Colonien als die geschäftige Sage trugen das 
Ihrige dazu bei, die letztere indem sie bei dem älteren Epos an- 
knüpfend in dem Sinne desselben fortdichtete oder seine Bilder in 
die neuen Kreise der Länder- und Völkerkunde des Westens über- 
trug. Unter den späteren epischen Gedichten haben vorzüglich die 
Nosten^) in diesem Sinne gewirkt; die örtliche Anknüpfung boten 
gewöhnlich die Abenteuer des Odysseus und das Palladion des Dio- 
medes. Neben ihnen wurden auch andre Heroen als älteste An- 
siedler von Italien genannt, z. B. Philoktetes und Idomeneus, und 663 
wir wissen namentlich von Tarent dals dort nicht blos Diomedes 
und Odysseus, sondern auch die Atriden und Aeaciden, also der ganze 
Kreis der griechischen Helden vor Troja, zu gewissen Zeiten mit 
heroischen Opfern verehrt wurden'). Doch rühmte sich Italien 
immer am liebsten jener beiden in der Schlacht und im Abenteuer 
so oft vereinigten Helden, des kühnen Tydiden und des listigen 
Laertiaden. Wo sich dieselben auch bei den eingeborenen Stämmen 
einbürgerten, da haben in den meisten Fällen gewisse einheimische 
Ueberlieferungen und entsprechende Bilder des örtlichen Glaubens 
mitgewirkt, welche den griechischen Traditionen sinnverwandt ent- 
gegenkamen; doch sind wir selten im Stande diesen Zusammenhang 
befriedigend nachzuweisen. Bemerkenswerth ist dafs das Gebiet der 
italischen Diomedessage vorzugsweise das Littoral des ionischen und 



^) Ammian M. XIX, 10,4 uod das Epig^ramm aus Ostia b. Grut. 99, 2, 
Anthol. lat. n. 600. Vgl. Serv. V. A. JII, 12, Or. n. 1565. [loschrift des P. 
Lucilius Gamala £ph. epigr. 3 p. 322 Z. 13. Vgl. Mommsen G. I. L. 1 p. 385 
z. 27. Jan. — Übrigens ist der Kultus des Castor und Pollux im röm. Reich 
so gut wie nicht bekannt: selbst in Rom fehlen Steine, ebenso in Britannien; 
im 5. Bde. nur einer {Casiori et Polluci 4154), im 2. nur Pollux und P. Au- 
gnstus (2100. 2122), im 3. drei (Gastores Augusti 1287; C. und P. in Sparta 
493, in Dalmatien 2743), im 8. zwei (beide des Gastor Augustus 6940. 8193).]; 

8) R. Stichle Philol. 1853 S. 49 flF., 1855 S. 151 ff. 

^) Virg. Aen. III, 400 fl., Pseudaristot. Mirab. Auscult. 106. 

Fr eil er, Rom. MythoL IL 3. Aufl. 20 



306 EILFTER ABSCHNITT. 

hadriatischen Meeres geblieben ist, das der Sage vom Ulysses die 
Küste des tyrrbenischen Meers. Diomedes soll nebmlich zwar auch 
von den Griechen in Metapont und Thurii als Gott verehrt worden 
sein, aber weit mehr als diese wufsten von ihm die Daunier in 
Apulien zu erzählen, welche in ihren Ansiedelungen von Canusiura 
bis Arpi auch viele Denkmäler seiner Gegenwart und Herrschaft 
zeigten^). Jener Heros soll hier, aus Argos vertrieben, ein neues 
und mächtiges Reich gegründet und lange als König und reisiger 
Held geherrscht haben, bis er zuletzt auf einer an der Küste ge- 
legenen, nach ihm benannten Insel verschwand und fortan für einen 
Gott galt, während seine Gefährten in die Diomedeischen Vögel ver- 
wandelt wurden, eine Art von Reihern {igMÖi^og^ ardea), deren 
Lebensweise und griechenfreundhches Benehmen fort und fort an 
die Abkunft aus Argos erinnerte^). Von dieser Küste der Daunier 
hatte sich die Sage und der Cultus des Diomedes dann auch wei- 
664 ter hinauf zu den Umbrern in der Gegend von Ancona und zu den 
Henetern an der Pomündung verbreitet^). Hier also mag derein- 
heimische Cultus eines Gottes der Rossezucht und der Seefahrt zu 
Grunde gelegen haben, mit denen sich der Name und das Andenken 
des Diomedes verschmelzen konnte; dahingegen die Fabel vom Odysseus 
meist durch den Einflufs der Griechen, vorzüghch der Cumaner, bei 
den eingebornen Stämmen der andern Küste, sowohl den Ausonern 

») Schol. Find. Nem. X, 12, Strabo VI p. 284, Virg. Aen. VIT, 9, XI, 243 ff. 
mit Servius uod Heyne Exe. 1 zu Aen. XI, Klausen Aeneas S. 1173 ff., Momm- 
sen ünterit. Dial. S. 91. Arpi hiefs früher Argyrippa, griechisch ^ui^og 
Inniov, Landeinwärts hatte sich die Sage vom Diomedes bis nach Equus 
Tnticus, Benevent und Venafrum in Samnium verbreitet, dahingegen die Sage 
von Lanuvium (J, 282, 3) ganz vereinzelt ist. Einige motivirten seinen Tod 
auf der Insel durch Einmischung der lUyrier, Paul. p. 69 und 75, Plin. H. N. 
III, 104, Antonin. Lib. Metam. 31. [Vgl. Heibig Hermes 11, 261. 266.] 

*) Varro erzählte davon in gutem Glauben, s. Augustin C. D. XVIII, 16, 
vgl. Serv. V. A. XI, 271, Plin. H. N. X, 126. 

«) Scylax Peripl. 16, Strabo V p. 214, Plin. III, 120, Steph. v. ArgCa- 
Merkwürdig ist die Coiocidenz des JNamens Brundusinm von ßqMog Hirsch, 
ßg^VTtov Hirschkopf, und der Insel Brettia im Adrias, s. Steph. B. v. Bgeriia 
und Bergk Zeitschr. f. A. W. 1851 n. 2. [Über die spärlichen und späten 
Berührungen des Pogebiets mit den Griechen vgl. Helbig, die Italiker in der 
Poebene S. 119 ff. Übrigens liefs schon Cato die Veneter von den Trojanern 
abstammen: Plin. III, 130. Vielleicht hat sich der rosseliebende Diomedes 
bei den Venetern eingebürgert, weil 'enetische' (d. h. thrakische?) Rosse von 
Alters her berühmt waren: x^krjg 'EveTixög Alkman (Papyrus 2, 16), tküXouq 
'Ev^iag Eurip. Hipp. 230.] 




DIOMEDES. ULIXES. 307 

als den Latinern verbreitet zu sein scheint. Ulixes ist nur eine 
andre griechische Form für das alte epische ^Odvtfrsevg, welche sich 
vermöge des Sprachgebrauchs der Griechen in Sicilien und Italien 
über die ganze Halbinsel geltend gemacht hat^). Die Sage von 
seinen Abenteuern an den fernen Küsten und Inseln des Okeanos 
hat bekanntlich sehr früh auf die Länder- und Völkerkunde des 
westlichen Italiens eingewirkt, wo Curaae mit seinem alten Todten- 
dienste, der Sage von der Fahrt in die Unterwelt und von den 
Kimmeriern zuerst einen örtlichen Anhalt geboten haben mag, worauf 
sich die Abenteuer bei der Kalypso, bei den Cyclopen, beim 
Aeolus, den Lästrygonen, der Circe, den Sirenen, endlich der Scylla 
und Charybdis allmählich von selbst an den übrigen, von so vielen 
Griechen besuchten und durch so viele Untersuchungen wohlbe- 
kannten Punkten der Küste von Italien und Sicilien einrichteten^). 



*) OvU^rjg sagte man in Sicilieo, Plnt. Marc. 20. [Vielmehr berichtete 
Poseidonios nur, da ('s in einem Tempel der angeblich kretischen Kolonie £n- 
gyion ein Helm mit der Aufschrift OvXl^ov vorhanden gewesen sei. Auch 
was sonst P. hier ausführte ist unhaltbar. Ob Ibykos Olixes oder wie sonst 
sagte, ist aus Diomedes Gramm, lat. 1, 321 nicht sicher zu entnehmen. Fest 
steht nur Folgendes: neben ^OSvaasvg ist urkundlich nur eine andere grie- 
chische Form bekannt, ^Olva(a)evg, ^OXvj{T)€ig, Diese stand in dem zenodo- 
tischen Homertext (Eustath. 289, 35) und gilt dem Quintilian als äolisch (denn 
I, 4, 16 giebt der Ambros. richtig quem Olyssea fecerant u4eoles). Während 
nun die Etrusker aus ''O^vaaevg ihr Utuze (fjthuze), Uthuste regelrecht ab- 
leiteten (Corssen Spr. d. Etr. 1, 840: ein etr. Uthuxe, das F. hier anführte, 
scheint nicht zu existiren), haben die Latiner das aus der 'äoL' Nebenform 
^OXvaaevg gebildete Ulixes (wahrscheinlich ursprünglich Ulitxes) aufgenommen. 
Es bleibt fraglich, ob in dieser Form x = aa (rr) auf campanischem d. h. 
oskischem Boden entstanden ist. S. Jordan Krit. Beitr. zur Gesch. d. lat. 
Sprache S. 38 ff. — Die Form Ulixes bezeugt die sehr frühe Aufnahme des 
Namens in das Lateinische. Ulysses giebt es nicht.] 

^) Die Lästrygonen bei Formiä, wobei vermuthlich Seeraub im Spiele war, 
s. Horat. Od. HI, 16, 34; 17, 5—9, Cic. ad Att. II, 13, Ovid Met. XIV, 233, Plin. 
H. N. III, 59. Die Inseln der Sirenen bei Sorrent und in den benachbarten Ge* 
wässern, s. Strabo I p. 22. 246. 252. 258. Die Insel der Kalypso dachte man 
sich gewöhnlich beim Vorgebirge Lacinium, s. Scylax 13, Plin. III, 96. [Den 
Zusammenhang dieser jüngeren Odysseussagen 'mit den ältesten Westfahrten 
der Chalkidier' erörtert Müllenholf Deutsche Alterthumskunde 1, 51 ff. — Die 
hierhergehörigen Mythen berührten Gato im 2. B. der Origines , Lucilius im 
3. der Satiren und Sallust im 4. der Historien, auch wahrscheinlich Varro 
sowohl in den Antiquitäten als in dem Buche de ora maritima (Ritschi Op. 
3, 392): daher sie den gebildeten Römern des 7. und 8. Jahrb. der Stadt ge- 
läufig waren.] 

20* 



308 EILFTER ABSCHNITT. 

Die alle latinische Zaubergöttin und Zauberinsel, welche auf die 
Circe übertragen ward (I, 412), wurde bald zu einem neuen Mittel- 
punkt der Sagenbildung, da namentlich die Telegonie des Eu- 
gammon, das Gedicht von den späteren Schicksalen des Odysseus 
665 und denen des Telegonos, seines Sohnes von ^er Circe, sich ohne 
Zweifel näher auf diese Gegenden eingelassen hatte, von denen sich 
bekanntlich die erste sichre Spur in den jüngeren Anhängen der 
Hesiodischen Theogonie v. 1011 ff. findet. Es werden nehmlich in 
diesem Gedichte als Söhne des Odysseus und der Circe genannt: 
Agrios d. i. wahrscheinlich Faunus und Latinos und Telegonos, mit 
dem Zusätze dafs diese drei Bruder sehr weit nach Sonnenunter- 
gang in einer Inselbucht über alle Tyrrhener geherrscht hätten, 
welche in dieser Zeit von den Latinern und andern eingebornen 
Stämmen noch nicht näher unterschieden wurden^). Um so weniger 
werden wir uns bedenken die verwandten Sagen und Genealogieen 
dieser Stämme für alt zu halten^), namentlich für älter als die 
Aeneassage, welche nicht durch die Griechen, die den feindlichen 
Troer wohl nicht verehren konnten, sondern durch Vermittlung der 
Elymer auf Sicilien nach Latium vorgedrungen zu sein scheint. So 
die vermuthhch schon zur Zeit der Tarquinier verbreitete Sage der 
Mamilier, eines edlen Geschlechts von Tusculum, welches Telegonos 
als den Gründer der Burg von Tusculum und dessen Tochter Mamilia 
als Stammmütter verehrte^). Ferner die gleichfalls wohl ziemlich 
alte Sage, nach welcher Ausonien diesen Namen von Auson, einem 



*) Dionys. I, 29 ^v yag Sri xgovog ors xal Aarlvoi xal 'O^ßqixol xal 
Avaovfs xal avxvol aXXoi TvQQtjvol vip* 'EXXt^v(ov iXfyoirro. Vod jenen drei 
Brüdern ist Trjkäyovog der Ferngeborne, 'AyQtog i. q. Idygevs d. i. Pao oder 
Faunus, wie Circe der Fauna verwandt ist, s. Göttling zu Hesiod. th. v. 1013. 
[Über das Alter dieser hesiodischen Verse vgl. a. a. Schömano in s. Ausgabe 
(B. 1868) S. 284 MüUenhoff a. 0. 54.] 

') [Die hier berührten Genealogien sind als werthlose Spielereien griechi- 
scher Schriftsteller schon von Schwegler 1, 400 ff. richtig beurtheilt worden. 
Es wird kaum lohnen noch weitere Arbeit an die vollständige Entwirrung 
dieser meist jungen Gebilde zu wenden. Namen von Schriftstellern: z. B. AI- 
kimos, Xenokrates, Müller F. H. G. 4, 296. 530.] 

«) Liv. I, 49, Fest, und Paul. p. 130. 131, Dionys. IV, 45, Horat. Od. HI, 
29, 8, Epod. I, 29, Ovid F. III, 92, IV, 71. Daher auf den Münzen der Mamilii 
das Bild des Oydsseus als Bettler, wie ihn der Hund erkennt. [Mommsen 
Münzw. n. 230 e. Das Geschlecht der Mamilii gelangte schon im 5. Jahrh. 
zum Consulat. Möglicherweise erzählte von seiner Herkunft schon Cato (s. 
Jordan zu Orig. p. XXXV).] 



ÜLIXES. TELEPHUS. 309 

Sohne des Ödysseus und der Kalypso, Andre nannten auch ihn 
einen Sohn der Circe, hekommen hahe, und zwar zunächst die 
Gegend von Benevent und Cales, von wo sich der Name allmälich 
weiter verbreitet hatte ^). Wurden doch in einigen genealogischen 
Combinationen der Griechen selbst Homos, Antias und Ardeas Söhne 
des Ödysseus und der Circe genannt ^) ; und auch sie müssen ziem- 
lich alt sein, da sie jenen beiden Küstenplätzen, Antium und Ardea, 
noch so viel Bedeutung beilegen. Endlich wurden Ödysseus und seine 
Söhne auch bei den Etruskern hin und wieder genannt und ver- eee 
ehrt, namentlich zu Cortona, wo^ man den aus andern Sagen be- 
kannten Nanos, das Bild eines heimathlos Umhergetriebenen, auch 
wohl mit Ödysseus identificirte und dessen Grab zeigte^), und in 
Clusium und Caere, wo man mit ähnlichen Combinationen lieber 
auf seine Söhne Telegonus und Telemachus zurückging*). Weit 
einheimischer scheinen indessen in Etrurien die Sagen von dem 
mysischen Herakliden Telephus gewesen zu sein, welcher nicht selten 
anstatt des Herakles (oben S. 279) als Vater des Tyrrhenos oder des 
Tarchon und Tyrrhenos genannt wurde, von denen man gewöhn- 
lich den Namen der Stadt Tarquinii und den der Nation ableitete*). 
Auch bei den tyrrhenischen Campanern, wenigstens in Capua, mufs 
man diesen Herakliden als Ktisten verehrt haben, da sein Kopf und 



^) Paal. p. 18 Ausoniam, Scymn. Ch. v. 226 ff., Schol. Apollon. IV, 553, 
Eustath. z. Dionys. Perieg. 78, z. Odyss. p. 1379, 20, Serv. V. A. VIll, 328 
[Schwegler 1, 403 A. 27]. 

2) Diooys. I, 72, vgl. Flut. Rom. 2, Steph. B. v. "Avtsia and IdQ^^a, Serv. 
V. A. I, 277 und die Nachweisuagen bei Stiehle Philol. 1849 S. 107, 1855 
S. 167. [Schwegler a. 0. A. 25.] 

^) Lycophr. Alex. 805 uod 1242 ff. mit den Scholieo uod Tzetzes, vgl. 
O. Müller Etr. 2, 268 ff. ['281 ff.] Auf eine ganz eigenthümliche Auffassung 
deutet Plnt. de aud. poet. 8. Durch den Verkehr der Etrusker mit dem Nor- 
den scheint mit andern Culturelementen die Sage von Ulixes selbst bis nach 
Deutschland gekommen zu sein , Tacit. Germ. 3. [MüUenhoff a. 0. S. 32 ff. 
erörtert die der Odysseussage verwandte deutsche von Orendel, die aber weder 
den Griechen und Germanen gemeinsam, noch von diesen jenen entlehnt sei.] 

*) Ser^r. V. A. VHI, 479, X, 167. 

») Dionys. I, 28, Lycophr. AI. 1245 ff., Tzetz. zu vs. 1249 'HqaxXiovg 
xaX Avyrjg jrjg &vyarQ6g Idliov naig Tr^letfag, TriXiipov Sk xal *l€Qas Toiq- 
X(ov xal TvQOrjvog. Hiera ist eine Amazone, welche im mysischen Kriege an 
der Seite des Telephos kämpft, Philostr. Her. p. 691. Bei Plutarch Rom. 2 
ist sogar Rome eine T. des Herakliden Telephos, die dem Aeneas vermählt 
wird. [Schwegler a. 0. 405.] 



310 EILFTER ABSCHMTT. 

die Geschichte seiner Jugend auf den dortigen Münzen zu sehen ist^). 
Von Einigen wurde Telephus sogar mit Latinus identificirt, weil 
auch dieser hin und wieder für einen Sohn des Hercules galt*). 
Die mythologische Anknüpfung ist wie gewöhnlich die Zerstörung 
von Troja, nach welcher auch dieser Heros nach Italien verschlagen 
sein soll. 

6. Aentas. Afftenor, 

Die neuerdings so oft hesprochene Aeneassage*) unterscheidet 
667 sich von den bisher behandelten vorzüglich dadurch dafs sie mit 
einer gewissen Form des asiatischen Aphroditedienstes Hand in 
Hand gehend die auf dem Haupte des Aeneas und der Aeneaden 
ruhenden Verheifsungen dieser Religion von Troja auf Rom über- 
trug, also zugleich dem politischen und dem historischen Ehrgeiz 
der Römer schmeichelte. Anfangs in geringen und localen Anfängen 
auftretend ist sie allmälich durch die Ehrsucht einzelner Geschlechter 
und die Phantasie der Dichter und Sagenschreiber in die Mitte der 
latinischen und römischen Sagengeschichte geruckt worden, bis der 
Ruhm der Julier unter Caesar und August und das dadurch be- 
stimmte Gedicht Virgils ihr vollends den Vorrang vor allen übrigen 
hellenisch-römischen Sagen gesichert hat. 

Jenen Verheifsungen begegnet man schon in der Ilias. Aeneas 
und Priamus sind hier die Häupter von zwei verschiednen Ge- 
schlechtern, von denen jenes zurückgesetzt wird, aber für eine neue 



») J. Friedländer Osk. Münzen t. III, 19. 20 S. 13, Archäol. Ztg. 1843 
8. 152, Bullet. Arch. 1853 p. 124. Gewöhnlicher leitete man Capua ab von 
dem Dardaniden Capys d. h. aus Troja. 

*) Suid. V. AajTvoi, vgl. Malal. Chron. VI p. 162, 4 Ddf., wo Latioos der 
Sohn des Telephos heifst. 

«) 0. Müller Class. Journal 1822 Vol. XXVI n. 52 p. 30S— 318, ßamberger 
im Rh. Mus. f. Phil. 1838 VI S. 82 — 105, Klausen Aeneas und die Penaten, 
Hbg. u. Gotha 2 ßde. 1839. 40, E. Rückert Trojas Ursprung, ßlüthe, Untergaog 
und Wiederherstellung, Hamb. 1846, Schwegler Rom. Geschichte I S. 279—336. 
[Lewis Unters, über die Glaubwürdigkeit der aitr. G. 1, 288—342. Rubino 
Beiträge zur Vorgeschichte Italiens L. 186S. — Mit dem Alter der 'Sage' 
und der Zeit ihrer Einv^anderung (über Sicilien) nach Italien beschäftigt sich 
H. Nissen in der gegen Brunns Deutung einer Spiegelzeichnung (Annali 1864, 
356 ff.) gerichteten Untersuchung Jahrb. f. Philol. 1865, 388. Dazu der wichtige 
Nachtrag von J. Friedländer in den Monatsber. d. Ak. 1878 ('über eine Münze 
von Aineia'). — Die neu gefundenen unten a. Wandgemälde aus einem Grab- 
mal auf dem Esquilin stellen nur den letzten Akt, die Geschichte des Aeneas 
in Italien dar.] 



AENEAS. 311 

und gröfsere Zukunft aufbewahrt, Priamus dagegen und sein ganzes 
Haus dem Untergange verfallen ist^). Nach dem Gedichte des 
Arktinos von der Zerstörung Trojas verliefs Aeneas die Stadt noch 
vor derselben, gleich nach der Katastrophe Laokoons, indem er sich 
ins höhere Gebirge nach dem alten Stammsitze der Landschaft 
Dardania mit dem ächten Palladion zurückzog; auch dichtete 
Sophokles so in seinem Laokoon, in welchem Stucke Aeneas theils 
durch das schreckHche Ende Laokoons theils durch die Weissagungen 
der Aphrodite zu seinem Auszuge bestimmt wurde ^). Spätere 
Schriftsteller erzahlten von einer Herrschaft der Aeneaden und 
Hectoriden, welches Geschlecht nun auch wieder zu Ehren ge- 
kommen war, zuerst in Alt-Skepsis im hohen Gebirge, später in 
dem tiefer im Aeseposthale gelegenen Neu -Skepsis, wo beide Ge- 
schlechter noch lange geherrscht haben sollen. Andre von andern 
Gründungen und Herrschaften des Aeneas und der Aeneaden in 
den Umgebungen des Idagebirges ^). Immer ist es Aphrodite, welche 
den Sohn des geliebten Anchises behütet und begleitet und über 
die Erfüllung ihrer alten Verheifsungen wacht. 

Diese trojanische und asiatische Aphrodite war aber nicht blos eea 
eine befruchtende Glücksgöttin des festen Landes, sondern auch 
eine mächtige Göttin der See und der Schiffahrt und an verschie- 
denen Punkten des mittelländischen Meeres als solche verehrt, hin 
und wieder unter dem Beinamen der Aphrodite ^Ipeidg, wodurch 
ihr enges Yerhältnifs zum Aeneas am entschiedensten ausgedrückt 
wird. Offenbar hat dieser Umstand am meisten zur Verbreitung 
der Aeneassage beigetragen. So treffen wir den Aeneas mit seinem 
Vater und der mütterlichen Schutzgöttin zunächst in der für den 
Verkehr zwischen Asien und Europa von Jeher sehr wichtigen Bucht 
von Salonichi, wo er eine Stadt Aenos oder Aenea und auf dem 
Vorgebirge einen Tempel der Aphrodite gründet*). Weiter findet 

») II. XIII, 460, XX, 302, Hymn. in Veo. 196. JNach Akusilaos b. Schol. 
IJ. XX, 307 stiftete Aphrodite den ganzen Krieg nur deshalb an, um die 
Herrschaft von dem Hause des Priamus an das des Aeneas zu bringen. 

«) Dionys. I, 48. 69. 

^) Demetrios von Skepsis b. Strabo XIII p. 607, vgl. Schwegler Rom. 
Gesch. I, 294. 

^) Schon Lesches in der kleinen Ilias liefs den Aeneas dahin gelangen, 
freilich nur als Gefangnen des Neoptolemos, s. Tzetz. zu Lycophr. 1232 und 
1263. Die vollständige Sage erzählte Hellanikos, s. Dionys. I, 46 ff., Strabo 
Vn, p. 330 , Schol. IL XX, 307. [Sie JBudet sich bildlich dargestellt auf der 



312 EILFTER ABSCHNITT. 

sich an der gleichfalls immer vielbesuchten Küste von Zante bis 
Corfu eine ganze Reihe von Culten der Aphrodite und damit ver- 
bundnen Erinnerungen an Aeneas und Troja. So soll Aeneas auf 
Veranlassung einer Windstille auf Zante einen Dienst der Aphrodite 
gestiftet haben, welcher den Einwohnern immer sehr heilig blieb. 
Ebenso auf Leukas, wo Aeneas in dem jetzigen Canal von Sta 
Maura ein Heiligthum der Aphrodite Aineias stiftet, und wieder auf 
dem benachbarten Vorgebirge von Actium, wo auch die „Grofsen 
Götter" d. h. die Kabiren oder Dioskuren von Samothrake als 
schutzende Dämonen der Schiffahrt verehrt wurden. Desgleichen 
gab es in Ambracia ein Heiligthum der Aphrodite und des Aeneas, 
endlich der Insel und Stadt Corfu gegenüber bei dem alten Bu- 
throtum wieder einen von Anchises und Aeneas gestifteten T. der 
Aphrodite. Eine dritte Gegend endlich, wo Troja von neuem auf- 
gelebt zu sein schien, diese schon ganz dem Westen angehörig und 
mitten in der Verkehrslinie zwischen Karthago und der lalinischen 
Küste gelegen, war die nordwestliche Spitze von Sicilien, wo der 
Berg Eryx mit dem T. der erycinischen Aphrodite weit und breit 
berühmt war und an seinem Fufse die Elymer in mehreren Stadien 
wohnten, unter denen Egesta oder Segesta die bekannteste ist. 
Auch hier wiesen alte Sagen und örtHche Erinnerungen sehr be- 
stimmt auf einen Zusammenhang mit dem alten Troja, so bestimmt 
dafs selbst Thukydides sich nicht gescheut hat daran zu glauben ^), 
669 und zwar häuften sich diese Merkmale am meisten in der Gegend 
von Segesta, wo ein Heiligtimm des Aeneas in der Stadt und ein 
Altar der Aphrodite Aineias auf einer benachbarten Höhe, ja im 
Thale selbst die beiden trojanischen Bäche Simois und Skamander 
gezeigt wurden. Diese Gegend ist aber eben wegen ihrer mittlem 
Lage zwischen Karthago und Italien für die Geschichte der Aeneas- 
sage besonders wichtig. Wie die Phönicier und später die P unier 
sich vorzüglich dort festgesetzt hatten, die Elymer und Phönicier 

Müoze des makedoDischen Aioeia, welche nach J. Friedläoders Urtheil (oben 
S. 310, 3) 100 Jahre älter ist als Hellanikos.] 

*) Thocyd. VI, 2 *IX(ov 6k dXiaxofiivov x<av Tq(6(ov iivkg ^laipvyovieg 
lAxciiovg nkoCoig atpixvovvxat nqbg xt]V 2ixiX(av xal ofiogoi toTg 2txavoig 
oixrJGttVTig '^vfxnavTig fjihv "EXvfioi fxlrjd-rjaav, noXeig cT avttSv "Eqv^ ts xal 
"Eyeara. Vgl. Strabo XIII p. 608, Dionys. 1, 52 ff., Virg. Aen. V. Auch der 
alte T. der erycinischen Venus auf dem benachbarten Berge rühmte sich 
später der Stiftung oder Verherrlichung durch Aeneas, s. Virg. Aen. V, 758, 
Diod. IV, 83. [Vgl. R. Stichle im Philol. 15, 601 ff. Holm G. Sic. 1, 375.] 



AENEAS. 313 

gegen die Griechen zusammenhielten und zwischen dem Aphrodite- 
dienst auf Eryx und dem der Küste von Afrika ein alter Cultus- 
zusammenhang bestand^), so leidet es wohl keinen Zweifel dalß 
sich der Zusammenhang der Aeneassage mit Karthago und ihre 
antihellenische Tendenz d. h. die Hoffnung eines endHchen Triumphes 
über den alten Erb- und Nationalfeind, die Griechen, vorzüglich hier 
ausgebildet hat. Wie andrerseits die Erinnerungen des latinischen 
Aphroditedienstes und der auch hier aufs engste damit verschmol- 
zenen Aeneassage so bestimmt auf Segesta und den Kreis der ery- 
cinischen Venus zurückweisen (I, 437), dafs man auch in dieser 
Beziehung am besten thun wird sich einfach an diese Gegend zu 
halten, zumal da auch der Verkehr zwischen den Seeplätzen der 
latinischen Küste, darunter Ardea und Lavinium, und jener Gegend 
von Sicilien ein sehr lebendiger gewesen sein mufs, schon wegen 
jenes alten Handeltractats zwischen Rom und Karthago (Polyb. III, 22). 
Hatte die latinische Aeneassage von Lavinium doch selbst in ihrer 
späteren Tradition eine bestimmte Hinweisung auf Segesta erhalten, 
da sie unter den Begleitern des Aeneas und als Haupt der Gründer 
von Lavinium einen Aegestus nennt, welcher höchst wahrscheinlich 
daher seinen Namen hatte ^), wie die alte Verwandtschaft und Freund- 67o 
Schaft zwischen Rom und Segesta denn auch sonst oft hervorgehoben 
und in Rom immer bereitwillig anerkannt wurde. 

Wichtig wäre es wenn sich die Zeit, wo dieser Dienst der 
Aphrodite und die Aeneassage sich bis nach Latium fdrtrankte, 
genauer bestimmen liefse, doch ist dieses nur annäherungsweise 
möghch. Man hat die Spuren der latinischen Aeneassage schon bei dem 
sicilianischen Dichter Stesichorus (oben S. 280) aufzufinden geglaubt, 

') AeliaD N. A. IV, 2. In Karthago konnte sich die Aeneassage an die 
dortigen Traditionen von der Dido um so leichter anscbliel'sen, da diese nur 
die zur geschichtlichen Person gewordene Barggöttin von Karthago ist, die 
der Venus Urania eben so sehr als der Inno verwandte Astarte der phöni- 
cischea Heimath. Aach Didos Schwester Anna ist eine Nebenfigur dieses 
phö'nicischen Astartedienstes. S. Movers Phönizier I, 609 IT., IT, 1, 350 ff., 
2, 92 ff. [Meltzer G. d. Karthager 1, 128 ff. 474ff. Die Geschichte von Aeneas 
and Dido scheint in allem Wesentlichen von Naevius dem Timaeus nach- 
erzählt worden zu sein: die starken Abweichungen Virgils hält Meltzer für 
freie poetische Erfindungen. — Pompej. Wandgemälde Aeneas und Dido, Dido 
und Anna nach Virgil darstellend? Heibig n. 1381 f.] 

') Dionys. I, 67. Man könnte Aegestus durch Aequus erklären (oben 
S. 266), doch denkt man natürlicher an Egesta oder Segesta, s. Cic. Verr. IV, 
33, 72, Tacit. Ann. IV, 43. 



314 EILFTER ABSCHNITT. 

aber dessen Ausdruck dafs Aeneas von Troja „nach Hesperien" ge- 
zogen sei ist doch noch zu unsicher und eine unmittelbai'e Bezie- 
hung der ilischen Tafel auf seine Dichtung zu bedenklich, als dals 
man daraus seine Bekanntschaft mit dem letzten Ziele der Wande- 
rung des troischen Helden in Latium und Rom folgern dürfte^). 
Eben so wenig wird sich nachweisen lassen dafs Cumae lange vor 
Rom den Aeneas als Ktisten verehrt habe, wie Manche dem angeb- 
lichen Zeugnisse des Stesichorus und gewissen Sibyllinischen Ver- 
heifsungen von der Zukunft des Aeneas^) zu Liebe angenommen 
haben, da bei diesen Sprüchen eine spätere Interpolation mehr als 
wahrscheinhch ist und Cumae selbst, die alte griechische Pflanz- 
stadt, wohl den Ulysses, aber schwerlich den Aeneas unter ihren 
Heroen verehrt haben wird. Vielmehr läfst sich in der griechischen 
Litteratur mit Sicherheit kein älteres Zeugnifs für den trojanischen 
Ursprung von Latium und Rom nachweisen als das des Aristoteles, 
dessen Schüler Theophrast sich nach Plinius zuerst eingehender nait 
Rom beschäftigt hatte ^), wie Aristoteles selbst denn darüber aller- 
671 dings noch sehr ungenau unterrichtet gewesen zu sein scheint. 
Bestimmter trat die Ueberzeugung vom trojanischen Ursprünge Roms 
auf bei Kallias, welcher um vor 300 v. Chr. die Geschichte des 
Agathokles beschrieben hatte, bis endlich Timäos, der Zeitgenosse 
des Königs Pyrrhos, die vollständige Aeneassage und zwar mit Be- 
rücksichtigung der latinischen und römischen Ueberlieferung erzählt 



*) JNiebuhr R. G. I, 201 geht so weit dafs er Stesichorus voa Aeneas 
AuswauderuDg „fast wie Virgil" singen läfst. Vgl. Welcker kl. Sehr. I, 181, 
Alte Deokin. 2, 19111'. [Über die iiische Tafel vgl. 0. Jahu Gr. BiJderchrooikeD 
1873. Reifferscheid Ano. 1862, 104 ff.] 

') Diooys. I, 49 sagt sehr zuversichtlich: rijff ^i inl 'IraXiav Aiv^iov 
xal Tq(o(ov aif(^eü)g ^Piüfxaioi 7€ ndvTsg ßeßatcjral xal ra ögtofieva vn 
avTMV €V le d-vaCaig xal ioQtatg fxtfArifiaTa^ J^ißvXlrjg t€ loyia xal /^i^a^ol 
Ilvx^txol xal alXa noXXa, doch gilt das ebea aur für seine Zeit und von der 
damaligen Sammlaog der Sibyllioischen Sprüche, s. oben I, 306 f. 

*) Plin. H. N. III, 57 T/ieophrastus , qui primus externorum aliqtia de 
Romanis däigentius scripsit. Die Erzählung des Aristoteles war noch eben so 
unbestimmt als mährchenhaft, s. Dionys. I, 72, Strabo. VI p. 264. Die Schrift 
des Gergithiers Kephalon, welche Dionys. I, 49. 72, vgl. Fest. p. 266 Romam, 
als ältestes Zeugniss für den troischen Ursprung von Rom anfuhrt, wird bei 
Athen. IX p. 393 sehr bestimmt für das Product eines Alexandriners erklärt, 
welcher Zeitgenosse Antiochus d. Gr. war. Die bei Dionys. I, 72 angeführte 
Chronik der argivischen Priesterinnen mag eine spätere Üeberarbeitung der 
Chronik des Hellanicus gewesen sein. 



AENEAS. 315 

hatte ^). Namentlich vermuthet man dafs aus Ihm die in der 
Alexandra des Lycophron v. 1236 IT. zusammengestellten Nachrichten 
entlehnt sind, welches Gedicht nach dem übereinstimmenden Ur- 
theile gründlicher Gelehrten entweder ganz oder doch in diesem das 
römische Alterthum betreffenden Abschnitte in der Zeit des Kampfes 
zwischen Antiochus und Rom entstanden ist. In Rom selbst hatte 
mau sich freilich schon um ein Bedeutendes früher, nehmlich um 
die Zeit des ersten punischen Kriegs, gewöhnt in Troja die Ur- 
sprünge Roms und des römischen Namens zu suchen^), daher man 
mit den ersten Anfangen der Sage immerhin noch einige Gene- 
rationen höher hinauf gehn mufs. Doch glaube ich kaum dafs sie 
älter ist als der latinische Krieg und die Unterwerfung der Latiner 
im J. 338, in solchem Grade macht sie den Eindruck einer gänz- 
lichen Verkümmerung der latinischen Bundesverhältnisse und Bundes- 
erinuerungen. Während des Kriegs mit Taren t und Pyrrhus mag 
sie sich in Rom vorzüglich durch ihre antihellenische Tendenz em- 
pfohlen haben, wie später, im Verlauf der punischen Kriege, vor- 
züglich der Triumph über Karthago hervorgehoben wurde. 

Hernach übernahm die combinirende Dichtung und Sagen- 
schreibung die Aufgabe, die verschiedenen Punkte wo sporadisch 
vom Aeneas erzählt wurde in einen historischen und geographischen 
Zusammenhang zu bringen, auf welchem Wege die gewöhnliche 
Tradition bei Cato , Varro , Virgil , Dionysius v. Halicarnass u. A. 
entstanden ist. Bald sind es blofse Namen, welche zur Anknüpfung 
dienen, bald verwandte Gottesdienste und Sagen. So liefs man den 
Aeneas jetzt aus der Bucht von Salonichi zunächst nach Delos ge- 
langen, weil es dort alte Traditionen von einem König und Seher 
Anios gab, dann nach Kythere, weil das dortige sehr alte Heilig- 
thum der Aphrodite nun gleichfalls für seine Stiftung gelten konnte. 
Von Kythere macht er einen Abstecher nach Arkadien, weil Dardanos, 
der Stammvater aller troischen Königsgeschlechter, nach der ge- 672 
wöhnHchen Sage für einen Sohn der Plejade Electra galt, also 
eigentlich aus Arkadien stammte ^). Dann gelangt er zur See weiter 



») Dionys. I, 67, Polyb. XII, 4. 

•) laslin. XXVIII, 1, Sueton Claud. 25 U.A., vgl. Schwegler R. G. I, 
305ff. 

^) Dionys. I, 50. Bei Virgil sucht Aeoeas die Ursprünge seines Ge- 
schlechts nicht in Arkadien, sondern auf Kreta, von wo er weiter nach Italien 
und Latium geschickt wird, weil auch Dardauns eigentlich von dort stamme, 



316 EILFTER ABSCHNITT. 

nacli Zante und den übrigen vorhin genannten Punkten der Küste 
von Acarnanien und Epirus, wo er bei Virgil mit dem troischen 
Seher Elelenus und der Andromache zusammentrifft. Von dort 
liefsen ihn Einige direct nach Mittelitalien gelangen, hier mit Odysseus 
zusammentreffen und in Gemeinschaft mit diesem und den Söhnen 
des Telephos zum Ansiedler werden^), während ihn Andre den 
weiteren Seeweg um das südliche Italien nach Afrika und Sicilien 
und von dort an der westlichen Küste Italiens hinauf bis Latium 
führten. An der südlichen Küste von Italien leitete man jetzt an 
verschiedenen Stellen, namentlich in Siris, alte Palladien vom Aeneas 
ab^), so dafs er also hier den Diomedes verdrängte, wie an der 
westlichen den älteren Odysseus. Bei den Ortssagen nehmlich, welche 
in diesen Gegenden bei der Fahrt des Aeneas anknüpfen, läfst sich 
entweder ihre frühere Unabhängigkeit von diesem mythologischen 
Faden oder eine ältere Beziehung auf die Fahrten des Odysseus nach- 
weisen. So ist die Erzählung vom Palinurus eben nur eins von 
den vielen griechischen Schiifermährchen , welche alle Küsten und 
Buchten des mittelländischen Meers belebten, eine Personification 
des günstigen Windes der Rückkehr {ndXiv ovQog), welcher zum 
Steuermann geworden war und als solcher in verschiedenen Gegenden 
die Sage beschäftigte, denn auch in der Gegend von Gyrene und 
bei Ephesus gab es Vorgebirge des Palinuros^). Ein ähnliches 
Mährchen ist das vom Misenus, dem Sohne des Windgottes Aeolus, 
daher Schiffstrompeter, so gut wie die Tritonen auf der Muschel 
zu trompeten pflegen, also eine Personification des stürmischen 
Vorgebirges bei Bajä, dessen Eponym in der cumanischen Sage für 
einen Begleiter des Odysseus galt, während man später mit beiden 
678 Namen bei der Aeneassage anknüpfte ^). Auch die andern Punkte, 
Prochyte, Caieta und die Insel Aenaria konnten erst dann als Be- 
weise für den Glauben der Aeneasfahrt gelten, nachdem dieselbe 



s. Aen. III, 94 ff., 193 ff., Vif, 205 ff. u. 240 Hinc Dardanus ortus, Huc repeiä 
lussisque in^entibus urget Apollo Tyrrhenum ad Thybrim et fontis vada sacra 
Numici. Plin. H. N. III, 63 Corani a Dardano Troiano orti. Wach andern war 
Corythas gemeint d. i. Cortona, s. Heyne exe. VI zu Aen. III. 

') Die Chronik der argivischen Priesterinnen bei Dionys. 1, 72 und 
Lycophr. AI. 1236 ff. 

s) Strabo VI p. 264, Dionys. I, 51. 

») Liv. XXXVII, 11, Lucan. IX, 42. 

*) Strabo I p. 26, V p. 245, Serv. V. A. 111, 239, IX, 710. 



VORZEIT DER LATINER. 317 

ZU einem beliebten Sagencomplex dieser Gegenden geworden war^). 
Von dem Besuche des Aeneas in Cumae und seiner Befragung der 
dortigen Sibylle scheint allerdings schon Naevius gewufst zu haben 
(I, 301), doch kann auch dieses für das höhere Alterthum der 
Aeneassage in Cumae nichts beweisen. 

Für Rom bildete diese Sage zugleich den Stamm der dürftigen 
Erinnerungen welche sich aus dem latinischen Alterthum erhalten 
hatten, ein sichrer Beweis dafs die Blüthe des latinischen Bundes 
längst vorüber war als diese Erinnerungen eine feste Form annahmen. 
Von Alba Longa hatte sich nur ein dunkles Gerücht behauptet, 
welches im weitern Verlaufe dieser Sagenbildung sogar noch mehr 
entstellt wurde; von den übrigen latinischen Städten ist gar nicht 
die Rede, da sie s^eit 338 v. Chr. ihre Selbständigkeit verloren hatten 
und die Bevölkerung sich seitdem immer mehr in Rom zusammen- 
drängte (Liv. XLI, 8). Nur Lavinium war als letzter Rest des 
latinischen Bundes übrig geblieben (I, 211), daher sich auch die 
Erinnerungen an den Ursprung und die Heiligthümer desselben 
dort allein erhalten hatten. Wohl aber ist Rom und seine Zukunft 
die eigentliche Zweckbeziehung aller Schickungen, von denen die 
Aeneassage erzählte, so sehr hatte sich diese ganze Sage unter dem 
Einflüsse des Grundgedankens gebildet, dafs Latium und Alba Longa 
nur um Roms willen existirt hätten. In Rom mag zunächst das 
Geschlecht der Julier diese Erinnerungen gepflegt und sie mit der 
Aeneassage vermischt haben, bis diese allmählich allgemeinere (Gel- 
tung gewann und gleich bei den ersten Anfangen der römischen 
Litteratur sowohl von der Poesie als von der Geschichte begierig 
ergriflen wurde. Naevius, welcher im ersten und zweiten punischen 
Kriege lebte, machte zuerst poetischen Gebrauch von der Aeneas- 
sage, indem er in seinem Gedichte über den ersten Krieg zwischen 
Rom und Karthago die Feindschaft beider Städte von der Ent- 674 
zweiung der beiden Stifter, des Aeneas und der Dido, ableitete; 

*) TlQoxviri (Procida) ist eigeatlich Tr^opjfvrij, quia profusa ab Aenaria erat 
d. i. der gröfseren vulkanischen Insel Ischi«, doch dichtete schon Naevias von 
der Verwandten des Aeneas, s. &er\. V. A. IX, 715, Plin. III, 82. Aenaria, 
welchen Namen man später auf eine Landung des Aeneas deutete, Paul. p. 20 
ist wahrscheinlich eine Corruption des älteren Namens Inarime. So ist die 
Sirene Lencosia [oder Leucasia] später zu einer Nichte des Aeneas geworden, 
s. Strabo VI p. 252, Plin. IIl, 85, vgl. Dionys. I, 53, Paul. p. 115 [bei welchem 
Lectosia überliefert sein soll]. Auch der Name Caieta wurde verschieden er- 
klärt, s. Strabo V p. 233, Serv. V. A. VII, 1. 



318 EILFTER ABSCHNITT. 

wenigstens wissen wir dafs in diesem Gedichte ausfuhrlich von der 
Flucht des Aeneas und seines Vaters, ihren Abenteuern auf der 
Fahrt, der gastlichen Aufnahme in Karthago und endlich von der 
Ankunft in Latium die Rede gewesen^). Dann erzählte Ennius die 
Sage ausführlich im Eingange seiner Annalen, als mythische Vor- 
geschichte der Gründung von Rom. Wie flüssig noch zu seiner 
Zeit die Ueherheferung war beweist der Umstand dafs Alba Longa 
nach seiner Erzählung bei der Ankunft des Aeneas schon existirte, 
ferner dafs Ilia nach ihm die Tochter des Aeneas, also Romulus 
dessen Enkel war; und so hatte vor ihm auch Naevius gedichtet*). 
Weiter hatten unter den älteren römischen Geschichtsschreibern 
namentlich Cato und Cassius Hemina die Aeneassage mit Soi^alt 
erforscht und bearbeitet. Und zwar wird aus Cato zuerst die wich- 
tige Neuerung angeführt, nach welcher die dreifsig Ferkel des 
weifsen Mutterschweins, welche ein altes Symbol der Metropole Alba 
mit ihren dreifsig Colonieen war, nicht mehr diese, sondern die 
dreifsig Jahre, welche angeblich zwischen der Gründung von Lavi- 
num und der von Alba verflossen, bedeuten sollten: eine chrono- 
logische Klügelei welche den wirklichen Zusammenhang der That- 
sachen nun vollends entstellte. Endlich hatte Varro sich mit 
grofsem Eifer auch auf diesen Abschnitt des römischen Alterthums 
eingelassen*), in Samothrake nach der Bedeutung der Penaten ge- 
forscht, Epirus wegen der dortigen Erinnerungen an Troja und 
Aeneas bereist, dessen Ankunft in Latium und den Bund mit 
Latinus, femer die Gründung Albas und die Geschichte der alba- 
nischen Könige mit chronologischer Genauigkeit beschrieben, und 
in Rom selbst Untersuchungen über die trojanischen Geschlechter 
d. h. über die Familien welche sich vom Aeneas und seinen Tro- 
janern abzustammen rühmten angestellt. Endlich Virgils Aeneide, 
bei welchem Gedichte man nicht weifs was man mehr bewundem 
676 soll , die Kunst der Dichtung und der Sprache, den patriotischen 

1) S. Schwegler R. G. I S. 84. 85 und lo. Vablen Cn. Naevi de hello 
Puuico reliquiae Lips. 1854. [Meltzer, G. d. Karthager 1, 115. 464.] 

2) Serv. V. A. I, 273, VI, 778, lo. Vahlen Ennian. Poes. Reliq. p. XXVIIsq. 
*) Varro üher die Penaten des Aeneas hei Serv. V. A. IIl, 12 oben S. 175. 

Vgl. Serv. A. III, 349 Farro Epiri se fuisse dicä et omnia loca nsdem diei 
nominibus; quae poeta commemoratj vidisse. Von der Ankunft des Aeneas io 
Latium Serv. A. I, 382, III, 286, ohen I, 37. Aeneas kommt mit zwanzig Schif- 
fen, quibus portabantur reliquiae Troianorum, ih. XVIII, 19. Seine Schrift d« 
familiis Troianis wird erwähnt ib. V, 704. 



VORZEIT DER LATINER. 319 

Ernst des Studiums, die seelenvolle Empfindung so mancher tiefer- 
greifenden Schilderung, oder die angeborne Armuth und Dürftigkeit 
des Stoffs in allen Punkten wo der Dichter die Hand seiner grie- 
chischen Führer verläfst und die Vorzeit von Italien und Latium 
durch ihre eignen Erinnerungen zu beleben sucht. 

Die gewöhnliche Erzählung von der latinischen Vorzeit beginnt 
mit der kahlen Abstraction der Aboriginer, welche den griechischen 
Autochthonen entsprechen^) und von den spateren Schriftstellern, 
Lucret. V, 923 ff., Sallust Cat. 6 u. A. wie diese als wilde Wald- 
menschen, Höhlenbewohner, Eichelesser, ohne Sitte und Gesetz, 
ohne Ackerbau und höheres Bedürfnifs geschildert werden. Von 
ihnen führt uns diese Tradition alsbald an die von der Natur in 
jeder Hinsicht vernachlässigte Küste der Laurenter, welche niemals 
einen bedeutenden Einflufs auf die Geschicke der Dinge gehabt 
haben kann, aber hier dennoch für den Boden ausgegeben wird, 
wo der Wunderbaura der römischen Zukunft seine ersten Wurzeln 
getrieben habe. Antium, die alte Seestadt der Volsker, und Ardea, 
die Stadt des Turnus und der Rutuler, sind die letzten Punkte die 
sich einer günstigen Lage erfreuen. Von Ardea bis zur Tiber- 
mündung zieht sich ein hügeliger, von einzelnen Bächen durch- 
furchter Strand, welcher jetzt meist mit Gebüsch und niedriger 
Waldung (macchia) bestanden und nur in günstiger Jahreszeit be- 
wohnbar ist. Entfernt man im Gedanken den breiten Gürtel von 
sandigen Dünen, der sich im Laufe der Jahrhunderte vor dieser 
und überhaupt der westlichen Küste von Italien abgelagert hat, und 
denkt man sich dazu eine fleifsige Gultur, wie sie in dem höheren 
Alterthum in diesen Gegenden jedenfalls vorhanden war und unter 
den Kaisern der Natur noch einmal Herr zu werden versuchte, so 



>) Ohne Zweifel kommt das Wort von ab orig^ine. Dionys. I, 10 über- 
setzt es durch ysvdQ/tti oder ngojToyovoi, Serv. V. A. VIII, 328 durch «vto- 
/d'oreg. Ennius nannte diese Ursprungsmenschen Casci d. h. die Alten, s. 
Varro l 1. VII, 28, Cic. Tusc. I, 12, 27, Serv. V. A. 1, 6. Ihr Verhältnifs zu 
den Faunen s. oben I, 386. Varru hatte in eioer Satire Aborigioes negl av- 
d-gojTitov (fvoicae das mythische Bild der primitiven Rohheit weiter ausge- 
führt. [Vgl. Schümann Op. 1, 1 ff. Schwegler 1, 189 ff. Rubino Vorg. 29 ff. 
Letzterem bedeutet (in diesem besonders verworrenen Abschnitt S. 50 f.) abo- 
rigines 'Thalberghöhebewohner', Frühner Philol. 15, 349 'Baumgeborene'. 
Übrigens sind Varro und seine Zeitgenossen bei der Schilderung der Abori- 
ginerzeit mittelbar oder unmittelbar durch Dikäarchos beeinflufst. Jordan 
Krit. Beitr. z. Gesch. d. lat. Sprache 354.] 



320 EILFTER ABSCHNITT. 

mag die Lage der Dinge immerhin eine etwas bessre gewesen sein. 
Der Name der Laurenter, wie sicli die Bevölkerung insgemein 
nannte, wird von einem heiligen Lorbeerbaume abgeleitet, welcher 
nach Art der ältesten Zeiten ein nationales Heiligthum gebildet 
676 hatte , woraus mit der Zeit der kleine OVt Laurentum entstand ^). 
Die Hauptstadt war immer Lavinium in ziemlich günstiger Lage, 
denn es liegt auf einem ansehnlichen Hügel unweit des Meeres und 
zwischen fruchtbaren Gründen, obwohl sie eine maritime Bedeutung 
höchstens nur bis in die früheren Jahre der Republik gehabt haben 
kann^). Laurentum war ursprünglich wohl nur ein für diese 
latinischen Küstenbewohner ehrwürdiges Heiligthum des Mars nach 
der Art jener älteren im Gebirge, wo der heilige Vogel Specht als 
Prophet waltete*). Darum galt Picus für den ersten König der 
Laurenter und dabei für einen Sohn des Saturnus*), weil solche 
Bilder und Erinnerungen von selbst mit denen der seligen Urzeit 
zusammenfielen. Für seinen Sohn und Nachfolger galt der ver- 
wandte Nationalgott Faunus, von dessen Verehrung in dieser Gegend 
noch später ein ihm geheiligter Oleaster zeugte. Auf ihn folgt 
Latinus, nach der gewöhnlichen Sage der Sohn dieses laurentischen 
Faunus und der benachbarten Nymphe Marica (I, 412), der schon 
der Hesiodischen Theogonie bekannte Eponym des latinischeu Volks, 
welchen die griechische Fabel zum Sohne des Odysseus und der Circe, 
die römische zu dem des Hercules und der Fauna machte (oben S. 283). 
Es scheint dafs er in Lavinium als Indiges d. h. nach griechischen 



M Virg. Aen. VIIJ, 63, vgl. Herodian I, 12, 2 von einer Villa des Com- 
niodus: t6 mgl tijv uiavgevTov x^Q^^'^ (JisyCoToii xaxdaxiov öaifvrnpoqois 
uloeacv, o&ev xaX ro ovo/ua i^ x^Q^^' Herodiaa schildert die Gegend über- 
haupt als eine freundliche, wegen der Seeluft und der schattigen Pflanzungen 
sogar gesuchte. Seit Claudius und Antoninus Pius war viel für die dortige 
Cultur geschehen. Zur Geschichte s. A. W. Zumpt de Lavinio et Laurenti- 
bus Lavinatibus Berol. 1845 und Bormann Aitital. Chorogr. S. 98 ff. [Zur 
Topographie Rosa Annali 1859, 186 t. d'agg. l.J 

^) In dem ersten Tractate zwischen Rom und Karthago bei Polyb. III, 22 
werden noch die AavQ^VTlvoi (Mss. ^AQeviCv(av) d. h. die Laurenter mit der 
Hauptstadt Lavinium unter den seefahrenden und handeltreibenden Ortschaften 
der latinischen Küste genannt, neben den Ardeaten, Antiaten, Circeji und Tar- 
racina. In dem spätem Bündnisse bei Polyb. 111, 24 werden sie nicht mehr 
genannt. 

^) S. oben I, 333 f. Mensis Martius bei den Laurentern Ovid F. III, 93. 
Mars Ficanus in der Gegend von Ostia s. oben 1, HO. 

*) Virg. A. VII, 45, Augustin C. D. XVIII, 15, vgl. oben I, 377. 386. 



AENEAS IN LATIUM. 321 

Begriffen als Heros Ktistes verehrt wurde; wenigstens wird erzählt 
dafs er in der Schlacht mit Mezentius, dem Tyrannen von Caere, 
wie Aeneas plötzlich verschwunden und zum lupiter Latiaris erhöht 
worden sei d. h. zum Divus Pater Latiaris, dem göttlichen Vater 
und Urheber des latinischen Namens, mit welchem Glauben auch 
gewisse an den latinischen Ferien beobachtete Gebräuche zusammen- 677 
gehangen haben sollen (S. 84)^). 

Zum Latinus kommt Aeneas, wahrscheinlich herbeigezogen 
durch den Venusdienst der Latiner und Ardeaten (I, 434 ff.) und 
den Verkehr mit Segesta und den Elymern in Sicilien, worauf er 
in Folge seiner Identification mit dem am Numicus verehrten Pater 
Lidiges, welcher vermuthlich früher den zum Könige dieser Land- 
schaft potenzirten Flufsgott Numicius bedeutet hatte (oben S. 142), 
bald festeren Fufs fafste und die ganze Erbschaft des Gultus upd 
der Sagen antrat, welche eigentUch diesem Pater Indiges der 
Laurenter gegolten hatten. Namentlich half dazu der religiöse Zu- 
sammenhang, in welchem dieser Indiges zu der Vesta und den 
Penaten von Lavinium stand, welche dadurch, dafs sie seit der Auf- 
lösung des latinischen Bundes nächst den Erinnerungen der lati- 



^) [Die Geschichte von der LaodoDg des Aeneas bis zur Gründung Roms 
ist im Lauf der Zeit in der Weise weiter entwickelt worden, dafs die Zeit 
zwischen beiden Ereignissen, um mit den chronographischen Ansetzungen der- 
selben auszulcommen, immer länger ausgedehnt und mit rein zu diesem Zweck 
erfundenen Ereignissen (zuletzt mit der aus blofsen Namen zusammengestop- 
pelten Dynastie der Silvier) gefüUt wurde (Mommsen Chron. 151 ff. Nissen 
in dem S. 310, 3 a. Aufsatz). Auch hat die Äneide des V. keineswegs den 
Faden der litterarischen Erfindung abgeschnitten, diese sich vielmehr bis in 
die späteste Zeit mit Hilfe des um dieses Gedicht aufgehäuften gelehrten Ma- 
terials ihre eigenen Wege weiter gesucht, wie namentlich die Origo gentis 
Romanae (oben I, 38 A. 2) und die ähnliche von Hieronymus benutzte Latina 
historia (Mommsen Chronograph von 354 S. 689 f.) beweisen. Auch die Kunst- 
werke bieten dafür Belege, besonders die von Virgil unabhängigen Wandge- 
mälde eines Grabes auf dem Esquilin, welche die Geschichte der Gründungen 
von Lavinium und Alba Longa und die des Romulus und Remus darstellen 
und durch Beischriften erläutert sind (Zeit des Augustus), herausg. und erklärt 
von Brizio, Pitture e sepolcri scoperti sali' Esquilino, R. 1876, C. Robert 
Annali 1878, 235 Monum. 10 T. LX. Auch auf einer Seite der Ära der Lares 
August! in Belvedere ist die Aeneasfabel angedeutet: Latinus mit der Rolle 
in der Hand an einem Baum sitzend, ihm gegenüber Aeneas stehend, zu seinen 
Füfsen die Sau mit den Ferkeln (Visconti Piocl. 6, 20, Mus. Chiaram. 3 T. 
19). Häufiger sind die Darstellungen der Geschichte der Zwillinge (s. unten).] 

P r e 1 1 e r , Rom. Mjthol. II. 8. Aufi.J 2 1 



322 E1LFTER ABSCHNITT. 

nischen Ferien der einzige Rest desselben waren, eine um so 
wichtigere Bedeutung bekommen hatten. Daher jene jährlichen 
Opfer der höheren Magistrate und Priester von Rom, welche sie an 
Ort und Stelle der Vesta, den Penaten und dem Pater Indiges Yon 
Lavinium darbrachten, in der Ueberzeugung dafs dieser Gottesdienst 
den Ursprung des latinischen und römischen Namens unmittelbar 
angehe (oben S. 161): daher die Sacra von Lavinium und die des 
Albaner Bergs den Römern für gleich alt und heilig galten und 
namentlich Lavinium für die Metropole nicht blos von Rom, sondern 
auch für die von Alba Longa und aller Latiner gehalten wurde ^). 
Möglich dafs die alte Gewöhnung der Latiner die Venus als Bundes- 
göttin zu verehren die erste Veranlassung zur Einschiebung ihres 
durch die Dichtung vom troischen Kriege so berühmt gewordnen 
Hilden anstatt jenes namenlosen Indiges gegeben hatte. Die natür- 
liche Folge davon aber war eine vollkomm ne Umkehr der firüheren 
Tradition und älteren nationalen Ueberzeugung. Was heimisch war 
und bisher dafür gegolten hatte, der mit den häuslichen und 
städtischen Einrichtungen und Stiftungen der Latiner so eng zu- 
sammenhängende Penatendienst, das wurde nun aus dem fernen 
Auslande abgeleitet. Die wirkliche Metropole und das alte Ebupt 
des latinischen Bundes, Alba Longa, wurde zur zweiten, erst von 
der Küste und mit Hülfe der troischen Vesta gegründeten Stadt. 
678 Daher nun auch Aeneas, der in der älteren Ueberlieferung immer 
nur seinen Vater Anchises, den * Geliebten der Aphrodite, deren 
Verheifsungen auf dem Vater und dem Sohne ruhten, oder etwa 
das troische Palladion mit sich führt, von jetzt an vorzüglich als 
Träger und Retter der troischen Penaten geschildert wird, von 
denen die alte Ueberlieferung so wenig wufste, dafs man sich in 
Rom später über ihren Ursprung und ihre Bedeutung in Troja um- 
sonst den Kopf zerbrach^). Troja war und blieb fortan die wahre 

') Varro 1. 1. V, 144 Oppidum quod primum condüum in Lotio stirpis 
Rammwe Lavinium, nam ibi DU Penates nostri. Liv. V, 52 Maiores nastn 
Sacra quaedam in monte Albano Lavinioque nobis facienda iradiderunt, Dionys. 
V, 12 Big Aabiviov 4yr«T0, t^v fxrßqonoXiv tov Aativütv yivovg, Flut. 
Coriol. 29. 

>) Schon bei Naevius wurden die Penaten darch Aeneas und Anchises ans 
Troja nach Rom gebracht, s. Probus Virgil Ecl. VI, 31 p. 14 Keil. JNach Varro 
b. den Schol. Veron. Aen. If, 717 p. 91 behauptete sich Aeneas auf der Barf^^ 
bis er freien Abzug erlangte, worauf er zuerst alles Übrige verschmähend mit 
dem Anchises auf der Schulter auszog, dann von den gerührten Griechen Er- 



WAHRZEICHEN DER ANSIEDLUNG. 323 

Metropolis von Rom, ein Glaube welcher eine Zeit lang eben nur 
der Eitelkeit schmeichelte und hin und wieder politisch ausgebeutet 
wurde, dann aber in mehr als einer, namentlich auch in religiöser 
Hinsicht die wichtige Folge hatte dafs die Römer sich immer mehr 
gewöhnten in dieser entlegenen, moralisch und politisch längst ver- 
kommenen Gegend, am troischen Ida und in Phrygien die ältesten 
Vorbilder ihrer Sitte und ihres Glaubens zu suchen. Bei der Ein- 
fuhrung der phrygischen Sacra hat dieser Aberglaube jedenfalls mit- 
gewirkt und bei dem schnellen Zuflufs so mancher Verweichlichung 
seit der Zeit, wo Roms Legionen zuerst in Asien auftraten, wird 
er wenigstens oft zur Entschuldigung gedient haben. Hat er doch 
auch bei dem seit Cäsar immer von neuem auftauchenden Plane, 
die Hauptstadt des Reiches von Rom nach dem Osten zu verlegen, 
den lockenden Hintergrund der älteren Heimath vorgespiegelt^), so 
dafs noch Constantin bei der endlichen Ausführung des alten Planes 
zuerst gleichfalls auf Troja zurückging. 

Trotz dieses mit der Zeit immer stärker aufgetragenen aus- 
ländischen Colorits haben sich in der latinischen Aeneassage manche 
Zuge alterthümlicher Sitte und Erinnerungen erhalten, welche einer 
besondern Beachtung werth sind. Zunächst gehören dahin die 679 
beiden Wahrzeichen, welche Aeneas zur Ansiedelung bestimmen. 
Nach der gewöhnlichen Erzählung wurden sie ihm unterwegs von 
griechischen oder troischen Propheten und Orakeln verkündigt, in 
Wahrheit beruhten sie vielmehr auf einheimischer d. h. latinischer 
und italischer Sitte. So die verzehrten Tische bei der ersten Lan- 



laubnifs bekam auch die Penatenbilder, endlich seine ganze Habe mitzunehmen. 
Aus derselben Quelle erfahren wir dafs Atticus nur den Anchises mit dem Aeneas 
ausrücken, die Penatenbilder aber direct von Samothrake nach Italien kommen 
liefs. Andre malten diesen Auszug des Aeneas und Anchises noch weiter 
aus, vgl. das Excerpt aus L. Cassins Censorius ib. und die ilische Tafel, auf 
welcher Mercur den Aeneas und die Seinigen mit den Penaten aus den brennen- 
den Mauern herausführt. Bei Naevios zimmerte Mercur auch das Schiff, Serv. 
A. I, 170. [Vgl. Rubino Vorg. S. 262 ff. Anchises trägt auf der ilischen Tafel 
in einem doUolum entweder die Penaten oder andere wichtige sacra (Jahn 
Bilderchron. S. 35); auf Münzen des Pius die Penaten ebenfalls in einem cy- 
lindrischeu doliolum (ebenso auf der Karrikatur Heibig Wandg. 1380) und 
solche doliola mit kleinen bronzenen Idolen gefüllt haben sich in Rom gefun- 
den: Heibig Bull, dell' ist. 1879, 77. Sie dienten auch zur Aufbewahrung von 
thesauri oder stipes conlatae: Jordan Ind. lect. hib. 1882/3 p. 10.] 

Sueton Gaes. 79 und die Ausleger zu Horat. Od. III, 3, vgl. Burckhardt 
die Zeit Gonstantins d. Gr. S. 465. 

21* 



324 EILFTER ABSCHNITT. 

dung der Trojaner. Als dieselben nehmlich am laurentischen Strande 
ausgestiegen sind und sich auf dem Rasen ein spärliches Mahl be- 
reiten, bedienen sie sich dabei als einer Tafel der bei den Hirten* 
und Bauern im Süden gewöhnlichen runden und tafelartigen Brod- 
fladen. Der Appetit ist so grofis dafs sie zuerst die Speisen, dann 
die Tafeln mit verzehren, worauf Aeneas der Weissagung gedenkt, 
sein Leben werde unstet bleiben, bis seine Gefährten von Hunger 
gepeinigt selbst die Tische aufgegessen haben würden. Das soll 
ihm nach Yarro das Orakel zu Dodona, nach Andern die erythräische 
Sibylle, nach Yirgil die Harpyie Keläno und der troische Seher 
Helenus geoffenbart haben, während in Wahrheit diese Brodtische 
die natürlichen Symbole des latinischen und römischen Penaten- 
dienstes sind, in dem sie gewöhnlich als Unterlage der beim tag- 
lichen Mahle darzubringenden Speisen dienten (oben S. 158, 1). 
Wer so weit gekommen daüs er diese Brodtische angreifen mulste, 
der mufste sich wohl in der äufsersten Noth befinden. £ben diese 
der Ansiedelung in einer schützenden Stadt mit ihren Häusern 
vorangehende Noth und natürliche Armuth der Heimathlosigkeit 
sollte also geschildert werden ^), wie man in Griechenland bei Hoch- 
zeiten und andern Gelegenheiten zuerst Eicheln herumreichte, um 
durch sie an die Noth und Hülflosigkeit der alten Wald- und Erd- 
Pelasger zu erinnern, darauf die Frucht der Ceres, um die groDse 
Wohlthat der gütigen Göttin in diesem Gegensatze um so tiefer 
empfinden zu lassen. Erst der Gipfel der Heimathlosigkeit sollte 
der Wendepunkt des Looses dieser armen, weit und breit herum- 
getriebenen Trojaner sein, welche endlich in Lavinium eine neue 
Heimath fanden, oder sagen wir richtiger der latinischen Ansiedler, 
welche sich bisher als nomadisirende Hirten zwischen der Küste 
und dem Gebirge hin und hergetrieben hatten, nun aber im Be- 
griffe standen unter dem Schutze der Yesta und der Penaten den 
festen Grund einer bedeutenden politischen Zukunft zu gewinnen. 
680 Das zweite Zeichen ist das Wunder der trächtigen Sau, welche den 
Ort der Ansiedlung anzeigt. Die Penaten werden nehmlich nach 
jenem ersten Zeichen ans Land gebracht und Aeneas ist im Begriff 
ihnen die Sau zu opfern; da rennt diese vom Strande landeinwärts 
bis zu dem Hügel von Lavinium, lagert sich dort und wirft dreifsig 

^) Klausen Aeneas S. 682 ff. Einige nannten statt der Brodtafeln Eppich- 
blätter, welche wie andre grofse Blätter als Unterlage eines ländlichen Mahles 
benutzt werden konnten. [Vgl. Rabino a. 0. 13S.] 



WAHRZEICHEN DER ANSIEDLUNG. 325 

Junge. Als Aeneas erschrickt dafs er in dieser höchst unfrucht- 
baren Gegend bleiben solle ^), erschallt aus dem Walde die Stimme 
des Faunus, nur er selbst solle dort bleiben, sein Sohn werde 
dreifsig Jahre später der Gründer von Alba Longa werden. Das 
ist die spätere Deutung des Wunders, während in der älteren Er- 
zählung Alba Longa bei der Landung der Trojaner schon existirte 
und die weifse Sau mit ihren dreifsig weifsen Ferkeln') unver- 
kennbar ein Sinnbild dieser Stadt mit ihren dreifsig Colonieen oder 
vielmehr den unter ihr als Metropole verbündeten latinischen Bundes- 
städten ist; denn das Schwein ist das gewöhnliche Bundesopfer ^), 



^) Serv. V. A. I, 3 Fabius Maximus AnnaUum prtmo: Tum Aeneas aegre 
patiebatur in eum devenisse agrum macerrimum Uttorosissimum. 

') Virg. Aen. III, 391 sus triffinta capitum fetus enixa, alba solo recubansj 
albi circum ubera nati, Varro I. 1. V, 144 Alba — ab sue alba nominata. 
Vgl. Varro r. r. II, 4, IS, Prop. fV (V), 1, 35 Alba potens, albae suis omine 
nata. luven. XII, 72 subUmis apex, cui Candida nomen scro/a dedit. Nach 
Dio fr. 4, 5 rennt. die San von der Küste gleich in die Gegend von Alba, und 
so hatte auch der alte Annalist Fabius Pictor erzählt. [Vielmehr haben, wie 
Jordan Hermes 3, 413 zeigt, die älteren Geschichtsschreiber (Cato, Fabius) 
erzählt: die weifse Sau rannte auf den Hügel, auf dem dann Lavinium ge- 
gründet wurde, warf hier 30 Ferkel: itaque quod portenderü, faeUmt triginta 
annis post, ut Lavinienses (oder Ascanius) condiderint oppidum Albam, (Varro 
r. r. a. 0.) Das Prodigium der Stadtgründung durch *eine hosiia effugia 
wiederholt sich bei Bovillae und öfters (Schwegler 1, 321, Jordan zu Cato 
Orig. I, 27 und Proleg. S. XLIDI.] 

*) Sowohl des völkerrechtlichen (I, 21S) als des ehelichen Bundes, Varro 
r. r. II, 4, 9 quod initiis pacis foedus cum feritur porcus occiditur et quod 
nuptiarum inüio antiqui reges ac sublimes viri in Hetruria in coniunctione 
nuptiaU nova nupta et novus maritus primum porcum immokmt Prisci quo- 
que Latini et etiam Graed in Italia idem factitasse videntur. Vgl. die itali- 
schen Bundesmünzen bei Friedländer die osk. Münzen S. Sl ff. t. IX, 10, 12. 
X, IS. 19 und Klausen Aeneas S. 671 ff., t. III, 3, 8. 9. [Ähnlich die Münzen 
des Ti. Veturius Mommsen Münzw. n. 169 S. 555 f. (caudinischer Vertrag von 
433?) und des C. Sulpicius das. 203 S. 576, auf der einen Seite Penatenköpfe 
mit der Beischrift d{et) P(enates) P(ublici), auf der andern Sau mit Ferkeln, 
zwei Männer mit Speeren auf sie weisend. Mommsen meint, die Anspielung 
deute auf die Herkunft des Münzmeisters: aber die Sulpicii stammen nach 
Tac. Ann. III, 38 aus Lannvinm, nicht aus Lavinium. Vgl. Rubino a. 0. 185 ff. 
— Eine ähnliche Scene auf einem freilich stark restaurirten Mosaik (aus Gabii.^) 
im Casino der Villa Borghese (Nibby Mon. scelti della villa Borgh. p. 117: 
Sau, drei Männer mit Stäben oder Spiefsen herumstehend, mit Helmen oder 
Priestermützen), und auf einem (jetzt auch von Duhn zu Matz A. B. 3531 a. E. 
beschriebenen) Relief des capit. Museums (nur die untere Hälfte erhalten; Sau 
mit Ferkeln, drei Männer in Jagdstiefeln mit Spiefsen oder Stangen herumstehend.] 



326 EILFTER ABSCHNITT. 

wie es bei den Penaten und der Yesta des latinischen Bundes in 
Alba und den übrigen Bundesstadten von Jahr zu Jahr dargebracht 
sein mag. Höchst wahrscheinhch befanden sich im alten Latiam 
entsprechende Bilder und Sagen in allen Bundesstädten. Später 
schmeichelte man sich in Lavinium das älteste und ursprün^cbe 
Bild der Art zu besitzen. Aeneas hatte das Schwein und die Ferkel, 
so glaubte man, seinen Penaten auf jener Höhe geopfert, die es im 
Laufe erreichte und auf welcher man unter andern Denkmälern eine 
ähnliche Hütte des Aeneas zeigte, wie das römische Palatium eine 
681 Hütte des Bomulus besals^). Auch war dort ein Bild des Schweins 
mit seinen dreifsig Jungen iu Erz gegossen öffentlich aufgestellt; 
ja man behauptete eine Art von Mumie des wirklichen Mutter- 
schweins zu besitzen, welche vermuthlich unter den Heiligthümem 
des Yesta- und Penatentempels zu Lavinium gezeigt wurde'). Dals 
dasselbe Symbol als Sinnbild eines Städtebundes oder des Verhält- 
nisses der Mutterstadt zu ihren Colonieen auch sonst in Italien her- 
kömmlich war beweisen die Münzen der umbrischen Stadt Tuder, 
welche eine Sau mit drei Ferkeln zeigen, und die der sicilischen 
Stadt Abacaenum. 

Es folgt der Bund zwischen Latinus und Aeneas. Der Lau- 
renterkönig Latinus, durch einen Krieg mit Ardea und den Rutulern 
bedrängt, hört von der Landung des Aeneas und schliefst alsbald 
ein Bündnifs mit ihm, kraft dessen er ihm ein Stück Landes an 
der Küste für die Trojaner überläfst^) und sich dafür seinen Bei- 



^) Dionys. 1, 57. Diese Hätten sind anch Symbole des mit den erstes 
Anfängen der Caltur beschäftigten Lebens, s. Tibnll. II, 1, 37 Rura cano m- 
risque deos, His viia magütrü desuevit querna pellere glande Jamum^ tUi 
compositü primum docuere tigiüU exiffuatn viridi fronde operire dotnunt ete. 
[Vgl. Heibig Die ItaUker in der Poebene 51 f.] 

*) Varro r. r. H, 4, 18 Huius suis ac porcorum etiam nunc vestigia ap^ 
parent Lavinii, quod et simulacra eorum ahenea etiam nunc in publico potita 
et corpus mairis ah sacerdotibus quod in salsura fuerä demonstratur, VgL 
Lycophr. Alex. 1259 und die Münzen des Antonin bei Klausen Aeneas t. 11, 
11. 12. [Vgl. S. 325, 3; die Sau mit Ferkeln auf dem Larenaltar des Bel- 
vedere (oben S. 321, 1), als selbständige Gruppe (gef. auf dem Quirinal): 
Visconti Pioclem. 7 T. 33 vgl. Beschr. d. Stadt Rom 2^ 2, 165 zu n. 131. 
Vgl. C. I. L. 2, 2126, wo hohe Würdenträger des municipium Pontifieiam Obuleo 
scrofam cum pords triginta weihen.] 

') Sery. A. XI, 316 Cato in Originihus dicü Troianos a Latmo aecepissB 
agrum qui est inter Laurentum et casira Troiana. Hie etiam modum agri 



f 



LAYINIUM UND LAYINIA. 327 

stand gegen die Rutuler ausbedingt, die darauf glücklich aus dem 
Felde geschlagen werden. Aeneas vermählt sich mit der Lavinia, 
der Tochter des Latinus, nach welcher die neue Penatenstadt La- 
vinium benannt wird. Bei Erbauung derselben ereignet sich ein 
neues Wunder. In dem benachbarten Haine nehmlich entzündet 
sich von selbst ein helles Feuer. Ein Wolf schleppt trocknes Holz 
herbei um die Flamme zu nähren, ein Adler senkt sich aus hoher 
Luft herab um sie mit dem Schlage seiner Fittige anzufachen, ein 
arglistiger Fuchs schleicht sich herbei um sie mit seiner Ruthe, die 
er in den Flufs getaucht, wieder auszulöschen. Alsbald entspinnt 
sich zwischen diesen Thieren ein heftiger Kampf, bis der feindliche 
Fuchs vom Adler und dem Wolfe verjagt wird : welcher Kampf gleich- 
falls in Erz gegossen auf dem Markte von Lavinium zu sehen war^). 
Das auflodernde Feuer bedeutet die Yesta von Lavinium, der in dem 6S2 
Walde der Laurenter gegründeten Bundesstadt. Der Wolf ist das 
Symbol des latinischen Nationalgottes Mars, der Adler das des 
höchsten latinischen Bundesgottes Jupiter^). Der Fuchs dagegen 
ist das redende Wahrzeichen der Rutuler d. h. der Röthlichen, wie 
sonst der robigo (oben S. 43), und wirklich mögen diese Rutuler 
in ihrem Malepartus d. h. ihrer festen Burg zu Ardea, welches noch 
jetzt den Eindruck einer stark befestigten Stadt macht, für den La- 
tinerbund und seine Versuche die Küste zu gewinnen dereinst ge- 
fahrliche Feinde gewesen sein. Was den Namen Lavinium und den 
der Lavinia oder Lavna betrifft, so wiederholt sich derselbe in der 
Sage von Alba Longa und in der des römischen Palatium, in welcher 
letzteren Lavna die Tochter des arkadischen Evander d. h. des Faunus 
heifst^). Es scheint eine Göttin des Waldes und der Flur zu sein. 



commemorat et dicit eum habuisse iugera DCC [so Daniel: die beste Uberl. 
UDCC], Die Zahl ist UDsicher, Cassius Hemina bei Solin. 2, 14 weifs nur 
von 500 iugera. Dionys. 1, 59 \ißo^iyTvag (xhv Tqmal Sovvat x^Q^^ oor^v 
r}^£ow ttfjufl Tovs TSTiaQttxovTa oxadCovg navta^ov 7ioQ€vo/jLivoig ano tov 
Xoifov. Vgl. Appian bei Phot Bibl. 57 p. 16 b, 12. [Vgl. die verschiedenen 
Erklärungsversuche von Jordan Proleg. Cat. S. XXIX f., Rubino a. 0. 15Sf.] 

^) Dionys. I, 59. Auf den M. der Papia sieht man den Adler und den 
Wolf, wie sie die Flamme nähren. 

') Ovid F. IV, 827 Condenti {Romuh) luptter urbem et genüor Mavors 
^Vestaque Mater ades, 

') uiavva bei den Griechen, Lavinia bei den Römern. In Alba Longa 
galt sie für die Mutter des Silvius, Dionys. I, 70. Von Aavvtt der T. des 
Evander, die von Hercules den Palas gebiert, Dionys. I, 32. 43. Einige grie- 



328 EILFTER ABSCHNITT. 

gleich der Fauna, der Fatua, der Acca Larentia, wie diese be- 
fruchtenden und weissagenden Mütter und Töchter der Flur sich 
denn in der latinischen Sage unter wechselnden Gestalten immer 
von neuem wiederholen. 

Endlich die Kriege mit dem Könige Turnus von Ardea und 
Mezentius von Caere und der Tod und die Erhöhung des Latinos 
und Aeneas. Turnus ist ein naher Verwandter der Amata, der 6e- 
mahUn des Latinus d. h. der ersten Dienerin der Yesta von Lavi- 
nium (oben S. 162). Lavinia ist seine Verlobte, daher er jetzt Ton 
neuem mit seinen Rutulem anrückt, gegen Latinus und Aeneas. 
Bei Lavinium kommt es zur Schlacht, in welcher die Rutuler unter- 
liegen, aber Latinus fallt, worauf er zum Jupiter d. h. Divus Pater 
Latiaris erhöht und auf der Burg von Lavinium als göttlicher Stamm- 
und Ahnherr der Latiner verehrt wurde ^). Noch einmal «rheben 
sich die Rutuler, jetzt mit dem Beistande des Mezentius, des Königs 
von Caere, und wieder kommt es in der Gegend von Lavinium zur 
688 Schlacht, in welcher nun auch Aeneas entrückt wird, worauf ihm 
Ascanius als verklärtem lupiter Indiges den Grabeshügel am Flusse 
Numicus errichtet. Auch diese Sagen enthalten schätzbare Erinne- 
rungen aus der älteren Geschichte des Latinerbundes, welcher bei 
jenen Gründungen an der Küste ohne Zweifel mit mächtigen Feinden 
zu kämpfen hatte, unter denen die mächtige Etruskerstadt Caere 
(I, 15) die gefährlichste Feindin sein mochte. Es darf für historisch 
gelten dafs die Etrusker in so fmher Zeit an der Mündung des 
Tiber und an der latinischen und volskischen Küste, ja bis zum 
Liris geherrscht haben ^) ; Ardea, dessen König deshalb Turnus hei&t, 
und Tarracina, dessen Name an Tarchon erinnert, scheinen die 
mittleren Glieder einer Kette von Gründungen gewesen zu sein, 



cbische Fabalisteo bei dems. I, 59 nanoteo die Laana von Laviniom eine T. 
des delischen Propheteo Asios, was wieder auf den Begriff einer weissage- 
rischen Fruchtgöttin hioaaslauft, vgl. die Sage von den Töchtern des Anios 
bei Tzetz. z. Lycophr. 570—76, Ovid Met. Xlll, 650 ff. [Vgl. Schwegler 1, 375.] 

^) Nach Serv. A. IX, 745 fiel Latinus in arce d. h. auf dem Borghügel 
von Lavinium, wo also vermuthlich sein Grab zu sehen war. Vgl. oben I, 95. 

') Serv. A. XI, 567 Metabus — pulsus fuerat a gente Folscorum, quae 
etiam ipsa Etruscorum potestate regebatur^ quod Cato plenissime exseeuius est. 
Vgl. zu 5S1. Der Liris führte in dieser älteren Zeit den etruskischen Namen . 
Clanis, Strabo V p. 233, Dionys. VIl, 3. Turnus ist nicht allein deutlich Ti;^- 
Qr}v6g (so Dionys. I, 64)^ sondern Appian bei Phot. cod. 57 sagt sogar gradeza: 
vno *PovTovX(ov Tcoy Tv^qtivöSv. [Vgl. I, 13, 1.] 



• -• • • 



ARDEA UND CAERE. 329 

welche von Tarquinii und Caere bis Capua und zu den wichtigen 
Buchten und Landzungen am Yesuvius hinabreichten. Ehe die 
Griechen in Cumae, die Latiner in Latium (beide werden bis in 
die Zeiten des Porsenna und der wichtigen Schlacht bei Aricia 
meist verbündet zu denken sein) diese Kette sprengten, müssen 
heftige und langwierige Kämpfe stattgefunden haben. Die latinische 
Sage hat ein entferntes Andenken daran in der Erzählung von diesen 
Schlachten der Indigeten des latinischen Bundes mit den Königen 
von Ardea und Caere bewahrt, übrigens deutlich so dafs derselbe 
entscheidende Kampf unter zwei verschiedenen Versionen erzählt 
wurde, welche man später unter mancherlei Abweichungen zu einem 
Ganzen verschmolzen hat: in der Erzählung der Schlacht mit dem 
Könige Turnus von Ardea, in welchem Latinus, und in der der 
Schlacht mit Mezentius von Caere, in welchem Aeneas den Sieg 
entschied und zum Bnndesheroen wurde ^). Eine andre Sage, welche 
sich in der Form einer Legende des ländlichen Festes der Yinalien 
erhalten hatte, setzte hinzu dafs Mezentius sich bei den Rutulern 684 
als Lohn für seine Hülfe die sonst immer den Göttern dargebrach- 
ten Erstlinge der Kelter von allen Weinbergen in Latium ausbe- 
dungen hatte ^), worauf die Latiner diese Erstlinge ihrem Jupiter, 
dem Entscheider der Schlachten, von neuem weiheten und darauf 
mit der vollen Zuversicht des Sieges in den Kampf gingen. Immer 
wird Mezentius oder, wie man seinen Namen früher geschrieben 
hatte, Messentius oder Medientius, mit den schwärzesten Farben als 
ruchloser und grausamer Tyrann geschildert, als Bild eines alten 
etruskischen Seeräuberfürsten ^), weil die Etrusker weit und breit, 

^) Nach der gewöhnlichen Tradition fallen Latinus and Turnas in der 
ersten Schlacht, worauf Aeneas in der zweiten Schlacht g^egen Mezentius im 
JNumicius verschwindet, Dionys. I^ 64, Schol. Veron. V. Aen. I, 259. Nach 
Cato verschwanden Turnas und Aeneas in der zweiten Schlacht, Sery. A. I, 
267, IV, 620, IX, 745. Nach der Tradition bei Fest. p. 194 oscillantes ver- 
schwindet Latinus in der Schlacht gegen Mezentius. Virgil hat die gewöhn- 
liehe Tradition aus dichterischen Gründen sehr verändert, [über die ver- 
schiedenen Versionen der Fabel s. Jordan Proleg. Cat. S. XXVIÜff., Hermes 
3, 416 f., Robert Annali 1S78, 254 ff.] 

») Cato und Varro bei Plin. H. N. XIV, 88, Macrob. S. III, 5, 10, vgL 
Fest. p. 265, Dionys. I, 65 und oben I, 196. 

*) Contemtor Divum Mezentius Virg. Aen. VII, 648. Mortua quin etiam 
iungehat corpora vivis componens manibusque manus atque oribus ora — et 
sanie taboque fluentes complexu in misero longa sie morte necabat. Ib. VlHy 
485, vgl. lul. Capitolin. Opil. Macrin. 12 und Serv. A. VIII, 479. Über den 



330 EILFTER ABSCHNITT. 

an den italischen und griechischen Küsten, als wilde und erbarmungs- 
lose Piraten verschrieen waren. Die Folge des entscheidenden Siegs 
der Latiner über Mezentius soll die gewesen sein, dafs fortan der 
Tiberstrom als Grenze zwischen den Etruskem und Latinem aner- 
kannt wurde (Liv. I, 3). Gewifs ist, dafs in den früheren Genera- 
tionen Roms nicht mehr Caere, sondern Yeji als die gefahrlichste 
Nachbarin und Nebenbuhlerin in der Herrschaft über den wichtigen 
Grenzstrom auftritt. 

Von Ardea und Turnus ist schon bemerkt worden, dals Yirgil 
nach latinischer Sage den ländlichen Dämon Pilumnus seinen Ahn- 
herrn und die See- und Quellengöttin Yenilia, eine Schwester der 
Amata, als seine Mutter und die der Juturna nennt ^). Sein Vater 
heifst Daunus, welcher Name sich durch den Umstand erklärt dafs 
auch in dieser Gegend ein Volk der Daunier erwähnt wird, es sei 
denn dafs auch hier die häufige Verwechslung von d und 1, also 
ein der Lavinia verwandter Name im Spiele ist. Dieselbe Tradition 
ist wahrscheinlich der Anlafs zur Uebertragung der griechischen 
Fabel der Danae auf diese Küste geworden. Die argivische Danae 
soll zur Zeit des Pilumnus in ihrem Kasten an dieses Land ge- 
685 trieben sein und mit ihm Ardea gegründet haben, daher Turnus bei 
Virgil zu einem Abkömmlinge der alten Heroen von Argos und 
Mycen geworden ist, wie Aeneas seinerseits das feindliche Troja 
vertritt*). Noch verdient die von verschiedenen römischen Schrift- 
stellern wiederholte Tradition Erwähnung, dafs der römische Stamm 
der Luceres seinen Namen von einem Könige oder Lucumo von 
Ardea bekommen habe, welcher dem Romulus im Kriege gegen T. 
Tatius zu Hülfe gezogen sei, wodurch wieder sehr bestimmt auf 
einen Zusammenhang des alten Ardea mit den Etruskern jenseits 
des Tiber gedeutet wird^). Noch im ersten Jahre der Republik 



Namen s. Ribbeck im Rh. Mas. f. Philol. XII (1857) S. 419 ff. [Corssen Spr. 
d. Etr. 1, 233.] Eine verwandte Sage ist die von der Vertreibaog des tu- 
kischen Herrschers Metabns ans dem volskischen Orte Privernum, Virg. Aei. 
XI, 539 ff. 

^) Aen. X, 76, XII, 13S, vgl. oben I, 376. Ardea ist ein Seevogel, wie 
jene Diomedeischen, ein gutes Wahrzeichen der kühnen Seestadt, s. Sery. V. 
A. VII, 412. 

«) Virg. A. VII, 371 Serv., Plin. H. N. III, 56. 

^) Paul. p. tl9 Lucereses, Dionys. 11,37, welcher in seiner Qaelle des 
ager Solonius (I, 454, 3) anstatt der Stadt Ardea genannt fand. Derselbe Bundes- 
genosse des Romulus wird sonst immer ein tuskischer Lucumo genannt. 



ARDEA. LAYINIUM. 331 

wurde ein Vertrag zwischen Ardea und Rom abgeschlossen (Dionys 
V, 1). Im J. 312 d. St. schickte Rom eine Colonie dahin, welche 
nächst Ostia die älteste colonia maritima war und mit jenem auch 
in der Folge meist dasselbe Schicksal gehabt hat. Die Ueberliefe- 
rung dals die alten Rutuler von Ardea sich zum Theil nach Sagunt 
in Spanien übersiedelten (Liv. XXI, 7) beweist einen alten Seever- 
kehr mit diesen Gegenden. Von dem Dichter Silius Italicus ist sie 
geschickt benutzt worden, um dem Kampfe um Sagunt im zweiten 
punischen Kriege so viel mehr Bedeutung für Latium und Rom zu 
geben. 

Lavinium, die Hauptstadt der Laurenter, seit 416 d. St., 338 
Y. Chr. der einzige Rest des latinischen Bundes, scheint durch die 
lex lulia vom J. 90 v. Chr. die Civität bekommen zu haben. Ob- 
schon durch seine Gottesdienste und Erinnerungen ehrwürdig war 
es doch zur Zeit des Nero so verfallen, dafs, wie Lucan YII, 394 
sagt, der jährlich dort wegen jener Sacra zu einem nächtlichen 
Aufenthalte genöthigte Senator den Numa als hypothetischen Ur- 
heber auch dieses Gottesdienstes verwünschte. Unter Claudius wird 
derselbe wieder mit Auszeichnung erwähnt. Dieser Kaiser, welcher 
den neuen Hafen bei Ostia anlegte und auch sonst für diese Gegend 
Manches that, scheint auf Veranlassung von Prodigien und eines 
Ausspruchs der Sibyllinischen Bücher im J. 52 n. Chr. unter andern 
Cerimonieen auch den alten Brauch der jährlichen Erneuerung des 
Bündnisses zwischen Rom und den Laurentern wieder hervorgesucht 
zu haben ^). Die folgenden Kaiser trugen gleichfalls Sorge dals die ese 
Gegend bevölkert und angebaut blieb. Seit Vespasian und bis in 
die Zeit der Antonine wurden verschiedne Ansiedelungen dort vor- 
genommen, daher seitdem von Lavinium und Laurolavinium, wie 
die Stadt nun als Hauptstadt und mit Inbegriff der Laurenter ge- 
nannt wird^), auch in Inschriften oft die Rede ist, namentlich mit 



^) S. die oben S. 162 aDgeführte Inschrift bei Or. n. 2276, Mommsen L 
N. n. 2211 und die S. 162, 2 citirte Abhandlung von A. W. Znmpt. Die In- 
schrift ist die einer Statue, welche zu Pompeji einem verdienten Mann er- 
richtet wurde. Derselbe wird u. a. genannt: "pater patratus PopuU Laurenti* 
foederis ex libris SihuUinis percutiendi cutn P, R., woraus die Erneuerung der 
Bundesceremonie mit Recht gefolgert ist. Vgl. Sueton. Claud. 22 und Tacit. 
A. XII, 43. 

>) [Rubino a. 0. führt aus dafs die Laurenter, welche das Foedus nie 
verletzt hatten, in dem abtrünnig gewordenen Lavinium die sacra besorgten: 
daher Laurentes Lavinaies. Vgl. noch Marquardt Verwaltung 3, 457.] 



332 EILFTER ABSCHNITT. 

Beziehung auf gewisse bürgerliche und priesterliche Privilegien der 
alten Penatensladt, welche mit persönlichen Auszeichnungen und 
Immunitäten verbunden waren und deshalb um so eifriger gesucht 
wurden. 

Als die Sage von den Trojanern in Latium einmal eingewurzelt 
war, berief man sich dafür auch auf manche Umstände, welche erst 
durch die Aeneassage ein Gewicht bekommen hatten oder wohl gar 
erst eine Folge des Glaubens an dieselbe waren. So zeigte man 
an der laurentischen Küste einen Ort Troja, wo Aeneas zuerst ge- 
landet sei, sein Lager aufgeschlagen und seiner Mutter ein Heilig- 
thum gestiftet habe : also jedenfalls nur ein Platz von monumentaler 
und sacraler Bedeutung, keine Ansiedelung, obgleich er dafür galt 
und der Name Troja sich in Folge davon an diesem Strande in 
immer weiterem Umfange geltend machte^). Femer pflegte man 
sich auf den ludus Trojae zu berufen, ein ritterliches Spiel patri- 
cischer Knaben und Jünglinge, welches angeblich Ascanius bei der 
Erbauung von Alba Longa gestiftet und seiner Heimath zu Liebe 
das Spiel von Troja genannt haben soll, s. Yirgil Aen. Y, 596 fr. 
Wir haben aber erst aus der Zeit des Sulla und der früheren Kaiser 
eine sichre Kunde von demselben; namentlich haben es die Julier, 
vor allen Augustus, sehr in Aufnahme gebracht, weil darin eine Er- 
innerung mehr an die göttliche Abkunft seines Geschlechts gegeben 
687 war. Wahrscheinlich hängt der Name zusammen mit dem der Tros- 
suli d. h. der Ritter, auch mit den alterthümlichen Wörtern antroare 
und redantruare, die sich im Gebrauch der Salier erhalten hatten'), 
so dafs es immerhin von altem Ursprünge gewesen sein mag, aber 
gewifs nicht von trojanischem. Endlich und am meisten berief man 
sich auf den trojanischen Ursprung verschiedener albanischer Ge- 



') Bald heifst der Ort Castra Troiana bald Troia. Nach Cato lag er am 
Strande von Lavioium, nach Andern bei Ardea, bei Laurentani; bei Ostia, s. 
Paul. p. 367, Serv. V. A. VIT, 31. 158. XI, 316, vgl. das praedium TroUnam 
bei Cic. ad. Att. IX, 13, 6; 9, 4 und Steph. B. "Aq^ia — TqoCa iXäyao , toe 
Xdga^, Dio fr. 4, 4 71€qI AavQEvrov TiQoamxstXs t6 xccl TgoCav xalovfiivoy, 
Liv. I, 1 classe Laurentem offrum tenuisse, Troiae et huic loco nomen eH» 
Endlich Virgil und Strabo V p. 229 lassen Aeneas nicht weit von Ostia landen. 
Über das von ihm gestiftete H. der Aphrodite s. oben I, 436. Appian bei 
Phot. Bibl. cod. 57 ev&a xal OTQctroTie^ov avrov deCxvvrai xal Tijr axrtfp an* 
Ixeivov Tgoiccv xaXovat. [Schwegler 1, 291 f.] 

2) Klausen Aeneas S. 820 ff., A. Goebel De Troiae ludo, Marcodari 1852, 
L. Friedländer bei Marquardt Handb. IV, 520. [Verw. 3, 505.] 



TROIANISCHE GESCHLECHTER m ROM. ANTENOR IN PADUA. 333 

schlechter in Rom, welche auch in Yirgils Aeneide verherrlicht 
werden und für Yarro und Hygin ein Gegenstand besondrer Unter- 
suchungen gewesen waren ^). Sie leiteten sich zum Theil von den 
Begleitern des Aeneas ab, wie die Cäcilier, die Clölier, die Geganier, 
die Memmier, die Sergier und die Cluentier, die Junier und die 
Nautier, zum Theil von Aeneas selbst, wie die Aemilier und die 
Julier, welche letzteren schon vor Cäsar und August alle übrigen 
an Adel und Ansehn übertrafen. Dionysius I, 85 berichtet dafs es 
zu seiner Zeit noch etwa fünfzig Familien trojanischer Abkunft ge^ 
geben habe^). Ja es gab noch in dem dritten und vierten Jahr- 
hundert n. Chr., nachdem die Julier lange ausgestorben waren, an- 
gebUche Abkömmlinge des Aeneas in Rom, deren einen Pertinax 
vergebhch statt seiner zum Kaiser zu machen suchte. Die Frangi- 
pani behaupteten sogar noch im Mittelalter den Ruhm des trojanischen 
Ursprungs. 

Endlich mag hier noch des zweiten Trojaners gedacht werden, 
der nach der Zerstörung Trojas nach Italien verschlagen nnd dort 
der Gründer einer Stadt geworden sein soll. Nehmlich Antenor 
gilt schon in der alten epischen Tradition für den beharrlichen 
Griechenfreund in Troja, daher er bei der Zerstörung der Stadt 
verschont wird ^). Die Sage ist dafs er an der Spitze eines Haufens 
von Henetem, welche aus Paphlagonien flüchtig geworden, über 
Thracien und lUyrien an das Adriatische Meer und an den Po ge- 
langt sei, wo er den König der einheimischen Euganeer bezwungen 
und darauf Patavium, das jetzige Padua, gegründet habe^). Einige ess 
liefsen seine Söhne und deren Gefährten noch weiter bis Lusitanien 
vordringen. Auch bei dieser Erzählung berief man sich auf Orts- 



^) Aeo. V, 117ff., Serv. vgl. Paul. p. 44 Caecalus, p. 55 Cloelia, p. 167 
Nautiorum, Dionys. IV, 68. 69 u. A., Serv. V. A. V, 389. 704. [Vgl. Mommscn 
R. F. 1, 71 ff.] 

*) Invenal I, 99 tubet a praecone vocari tpsos Troiug-enas, Vgl. Herodian 
11,3,4, Eckhel V p. 88 sq., Schol. Lncan. I, 196. Zur Zeit des Hierooymos 
gab es eineo gewissen Tozotius in Rom, welcher von Aeoeas and den J aliern 
abzustammen glaubte, während seine Frau Paula ihr Geschlecht von den 
Gracchen und von Agamemnon ableitete. 

8) S. das Gemälde des Polygnot bei Paus. X, 26, 3; 27, 2 und Sophokles 
bei Strabo XIII p. 608. Auch Aeneas galt später für einen Philhellenen. 
[Über Antenor vgl. R. Stichle im Philol. 15, 593 ff.] 

«) Schon Cato erzählte davon, Plin. H. N. 111, 130. Vgl. Strabo III p. 157, 
V p. 212, Xlll p. 608, Virg. Aen. I, 242 sqq. Serv., Liv. I, 1. 



334 EILFTER ABSCHNITT. 

namen und andre Merkmale, welche nur bei solchem (Gefallen an 
griechischer Sage, wie sie später durch ganz Italien herrschte, be- 
weisende Kraft haben konnten. Merkwürdig ist daüs schon Herodot, 
dem die Ileneter oder Yeneter übrigens einfach ein illyrischer Stamm 
sind, von einem grofsen Zuge der Myser und Teukrer aus Klein- 
asien über Thracien ans ionische Meer weifs, welcher Zug noch vor 
dem trojanischen Kriege stattgefunden haben soll. 

7. Sagentriimmer von .4lba Ijonga und den übrigen Latinern, 

Die Erinnerungen an Alba sind bei dem frühern Untergange 
dieser Stadt natürlich sehr unsicher geworden, doch tritt uns das 
Bild des ersten und ursprünglichen Hauptes des latinischen Bundes 
auch so noch ziemlich deutlich entgegen, besonders wenn man sich 
im Geiste auf die schöne Höhe über dem Albaner See versetzt, wo 
einst seine Mauern standen, und von dort in die Ebne und das 
Flulsthal des Tiber hinabschaut, nach welchem sich einem allge- 
meinen Gesetze der Geschichte zufolge die spätere Entwicklung der 
Cultur und des politischen Lebens hinabzog. Rom (oben S. 114) 
und Lavinium hatten in jenen Bildern der weifsen Sau mit den 
dreifsig Ferkeln ein sprechendes Sinnbild der Zeiten bewahrt, wo 
dreifsig verbündete Städte (wie gewöhnlich eine runde Zahl) in Alba 
ihre Mutterstadt verehrten^), und wenn von den Penaten in Lavi- 
nium später erzählt wurde, sie seien, als Ascanius sie mit nach 
Alba genommen habe, freiwillig in die von Aeneas gegründete Stadt 
zurückgekehrt, worauf man ihnen von Alba 600 Familienväter zur 
bleibenden Ansiedlung nachgeschickt habe^, so braucht man in 
689 dieser Erzählung nur das Wunder zu streichen um eine wichtige 
historische Thatsache wiederherzustellen. Auch die albanischen 
Gottesdienste, welche die Stadt überlebten, lassen sich ziemlich voU- 



^) Schon Lycophr. Alex. 1253 £f. weifs voo den 30 Colonieea: xrian Sk 
(Aeneas) x^Q"^"^ ^'^ tonoig BoQetyovtov (der Aborig^ner) vnk^ uicnivovs 
AavvCovg t (oben S. 330) (^xiOfiivriv nvQyovg tqiaxoW i^aQiS-fxriaag yaväg Cvos 
etc. Vgl. Dionys. III, 31 tj rag tqiaxovra Aarivfoy anovxCaaöct noXetg. 34 
sig rag anoCxovg rs xal vnrjxoovg avtijg TQidxovra noksig nqiaßiig anoateiXag, 

*) Diooys. I, 67 xal iyivovTo ol nEfxtpd-ivreg k^axoaioi fieXsSavol tiap 
l€Q(ov auTolg fiejavaaravTsg icfsarloig, rjyefKov «T in^ ainovg hax^ AiyaCtog» 
Verehrer der öffentlichen Penaten sind die Bürger einer Stadt, über Aeg68tat 
s. oben S. 313. Die Zahl 600 kehrt in andrer Version bei Gassias Hemina bei 
Solin 2, 14 wieder, nach welchem Aeneas mit 600 Genossen landete. Offen- 
bar ein Mnltiplom der 30 Bandesstädte. 



ALBA LONGA. 335 

Ständig herstellen, lupiter Latiaris (I, 210) und Juno (II, 128) und 
Vejovis (I, 263), ferner Mars und die latinische Venus (I, 436), welche 
in den Sagen und Ueberlieferungen von den römischen Zwillingen 
und in denen der Julier so bedeutungsvoll hervortreten und von 
denen namentlich Mars mit seinen Umgebungen des Faunus und 
der Fauna, des Silvanus u. s. w. auch in dem alten Alba Longa 
nächst Jupiter der angesehenste Gott gewesen sein wird^), endlich 
Yesta und die Penaten, deren Cultus nur hier die volle Bedeutung 
eines Bundesheiligthums haben konnte (oben S. 162). Andre Tra- 
ditionen hatten sich durch die albanischen Geschlechter in Rom er- 
halten, worunter die von dem Ursprünge des königUchen Geschlechts 
der Silvier für besonders alterthümlich gelten darf ^). Als ihr Ahn- 
herr wurde Silvius genannt, auch er der Sohn einer Lavinia, welche 
in der gewöhnlichen üeberlieferung für die Tochter des Latinus, 
also für die Gattin des Aeneas galt. Nach der Entrückung desselben 
sei sie aus Furcht vor ihrem Stiefsohne Ascanius in die Wälder geflohn, 
zum Tyrrheus, dem treuen Aufseher der Heerden und Weiden des 
Latinus, dessen idyllisches Leben im Walde Virgil schildert^). Bei 
ihm wird Lavinia von einem Knaben entbunden, den sie nach solchen 
Umgebungen Silvius d. h. den Waldgebomen nennt. Als er heran- 
gewachsen wird er als Sohn der einheimischen Lavinia vom Volke 
zum ersten Könige von Alba erwählt, nicht ohne Widerstand des Julus, 
des Sohnes des Ascanius, welcher Alba gegründet hatte. Doch läfst sich 
Julus statt der königlichen mit der höchsten priesterlichen Würde 
abfinden, welche sich seitdem in dem Geschlechte der Julier erblich 
erhalten habe *), wie dieses Geschlecht denn wirklich auch in Rom 69o 

») Vgl. I, 339, 5. 347, 2, Or. n. 1367 Feneri Gabinae et Jlbanae, Liv. I, 7 
vom Romulus : Sacra düs aliis Albano ritu, Graeco HercuU — facit. 

2) Fest. p. 340 Silvi, Virgil Acd. VI, 760 ff. Servias, Livius I, 3, Dionys. 
1, 70. [Über den Zweck der Erfiodung der albanischen Königsliste oben zu 
S. 321, 1 ; über Zeit and Hilfsmittel derselben Schwegler 1, 342 f. Mommsen 
Ghronol. 159 ff. C. I. L. 1 p. 283. Über geringfügige Differenzen der Über- 
lieferung s. auch Jordan Hermes 3, 421 ff. Dafs in der ganzen Geschichte auch 
nicht eine Spur von älterer Sage steckt, zeigt sich am deutlichsten in dem 
Mangel jedes biographischen Details, mit Ausnahme der aus der griechischen 
Sage entlehnten Geschichte des Romulus Silvius (unten).] 

») Aen. VII, 482 ff. Bei Serv. A. VI, 760, Schol. Veron. Vil, 485 heifst 
er Tyrrhus, bei Dionys. 1. c. TvqQrflfoq. 

*) Dionys. 1. c. *IovX(^ 6h dvrl tijg ßaaiXe^ag Uqo, tig i^ova^a nqoaeEid^ 
xa\ TifjLTi T^ T€ axiv6vv(^ ngov/ovaa i'^g fjLovaqx^xijg xal ry ^aarojvri rou 
ßlov, fjv hl xal €is ifnh ro i^ avrov yivog ixaqnovTOy 'lovUoi xXr^d'iVTsg an 



336 EILFTER ABSCHNITT. 

und Bovillae durch erblichen Besitz gewisser Sacra, namentlich des 
Yejovis und der Venus, sich auszeichnete. AuHser diesen beiden 
Namen, dem des königlichen Silvius und des priesterlichen Julus, 
hatten sich endlich in der Yolkssage und örthchen Ueberlieferung 
noch einige andre alte Namen erhalten, aus denen man weit später 
in Rom, erst in den jüngeren Zeiten der römischen Litteratur und 
mit Hülfe der Griechen, eine zusammenhängende Reihe der albani- 
schen Könige herzustellen versuchte, denn die ältere Zeit hatte sich 
einfach an den Hauptthatsachen genügen lassen und ohne chrono- 
logische Bedenken den Romulus zum Enkel des Aeneas gemacht 
So entstand jene aus Virgil, Livius und Dionysius bekannte Reihe, nadi 
welcher auf Silvius zuerst Aeneas Silvius folgte, dann Latinus Sil- 
vius, von welchem gewöhnlich die sogenannten Prisci Latini abge- 
leitet werden, worunter keineswegs alle alten Latinerstädte zu ver- 
stehen sind, sondern nur solche welche von dem latinischen Bunde 
in der früheren Periode der Oberhoheit von Alba Longa gegründet 
wurden oder zu dem Bunde gehörten, im Gegensatze zu den spä- 
teren Colonieen des Bundes unter der Oberhoheit von Rom ^). Dann 
folgen Alba, Capetus, Capys, Calpetus, Tiberinus, von welchem der 
früher Albula genannte Tiberstrom seinen Namen bekommen haben 
soll, Agrippa, Romulus, Silvius, welcher mit mährchenhaften Zügen als 
Frevler und den Göttern verbalster Tyrann geschildert wird *), dar- 



IxbCvov. Diodor. bei Enseb. T. I p. 3S9 ed. Ancher: lüUus autem imperio 
cedere coactus pontifex maximus constüutus fuü eifere secundus rex haktbahary 
a quo ortam luUam familiam hucusque perdurare aitmt Nach der gewöhnllcheB 
Tradition, welcher auch Virgil folgt, ist Ascanius der Sohn des Aeneas von 
Troja her; Silvius sein Posthumus von der latloischeo Lavinia. Ascnnini 
heifst auch Euryleon und llus, welchen Namen er später in lalas verändert 
und auf seinen Sohn übertragen haben soll, s. Schwegler R. G. I, 338. 

^) Das Wort hängt zusammen mit prius, s. Paul. p. 226 Prtsei LaUni 
proprie appeüati sunt hi gut priusquam eonderetur Roma fuerunL Daher ib. 
Pinscus Tarquinius est dictus quia prius fuit quam Superbus Tarquinüu. VgL 
Fest. p. 241 priscae latinae coUmiae und Virgil Aen. VI, 773 Servio«. [Bin 
Verzeichnifs von 18 Namen der angeblich von Latinus Silvias gegröndetei 
Colonien giebt Eusebios aus Diodors 7. Buch, 10 Namen die Origo gentii 
Romanae (aus Diodor?) : in den übrigen Quellen fehlt das Verzeickaifs. MiUy 
Jahns Jahrb. Suppl. 18, 150, Jordan Hermes 3, 396. Vgl. Schwegler 1, 348.] 

') So heifst er bei Livius, bei Dionys. dagegen *All(66i.0Sy bei Zonaras 
VII, 1 Amulius, in der Origo G. R. 18 Aremulus. [Ebenso bei Diodor: bei 
andern Remulus : Jordan a. 0. S. 420. Remulus und Aremulus wie Garaau 
und Recaranus: oben S. 283, 4.] Er denkt sich eine Maschine aas nm wie 



ALBA LONGA. 337 

auf Aventinus, dessen Grab dem römischen Hügel seinen Namen 
gegeben habe, endlich die besser bewährten Namen des Procas und 69i 
seiner beiden Söhne, des guten Numitor und seiner Tochter Rhea 
Silvia und des bösen Amulius, der seinen Bruder entthront und 
später selbst von seinen Enkeln, den römischen Brüdern, ent- 
thront wird. 

So unsicher und mythisch die Entstehungsgeschichte von Alba 
Longa ist, eben so mythisch ist auch die von seinem Untergange. 
Den wirklichen Zusammenhang ahndet man, wenn man aufser dem 
natürlichen Zuge der Geschichte von den Bergen in das Flufsthal 
bedenkt, einmal dafs Rom nach der Zuwanderung der Sabiner seinem 
albanischen Ursprünge entfremdet war, zweitens dafs andre latinische 
Städte, namentlich die nächsten Nachbarn von Alba, Tusculnm und 
Aricia, nach dem Sturze desselben mächtig und mit Rom verbündet 
waren ^), endlich dafs die Einwohner der zerstörten Stadt nicht 
blos in Rom, sondern auch sonst in Latium, z. B. in Bovillae am 
Fufse des Albaner Berges, untergebracht zu sein scheinen. Die ge- 
wöhnliche Sage begnügt sich die nahe Verwandtschaft, welche zwi- 
schen Rom und Alba bestanden, in einem lebendigen Bilde hervor- 
zuheben. Die römischen Drillinge sollten eigentlich wohl die drei 
Stämme des römischen Patriciats bedeuten. Man stellte ihnen dann 
albanische Drillinge gegenüber und wufste nicht gewifs zu sagen, 
welcher von beiden Städten die Horatier, welcher die Curiatier an- 
gehört hätten. Noch dazu war die Schwester der Horatier einem 
der Curiatier verlobt, ja man erzählte weiter, dafs die Mütter dieser 
beiden Paare von Drillingen Schwestern gewesen und sich zu gleicher 
Zeit verheirathet, auch ihre Söhne zu gleicher Zeit geboren hätten^). 



lupiter za doonern uod za blitzen, bis der Blitz id sein eignes Haas schlägt, 
was an Tallas Hostilios and den Zanber des lap. Eliciusaltars erinnert. [Den 
Mythos des Salmoneus vergleicht Robert Annali 1878,270.] Zuletzt steigt 
der albanische See za einer solchen Höhe, dafs er seinen am Ufer gelegenen 
Palast erreicht and ihn und sein ganzes Haas verschlingt. 

^) S. oben I, 316 and Fest. p. 348, nach welchem der Oppias and Gispias 
in Rom nach zwei Führern der Tasculaner and der Herniker von Anagnia, 
welche dem Tallas Hostilias gegen Veji za HiHfe gekommen, benannt worden 
wären. Vgl. die Albani Longani Bovillenses oben 1,263,2 [Marqaardt Ver- 
waltung 3, 459]. In Alba sollen nach dem Sturze der Silvier nicht mehr 
Könige, sondern jährliche Praetoren geherrscht haben, Dionys. V, 74, Plut. 
Rom. 27. 

«) Liv. I, 22, Dionys. HI, 13. 
Freiler, Rom. Mjthol. n. 8. Aufl. 22 



338 EILFTER ABSCHNITT. 

Der bunte Kriegsrock des erschlagenen Curiatiers, mit dem der übrig 
gebliebne Horatier (gewöhnlich gelten diese für Römer) triumphirend 
heimkehrt, ist jenem von der eignen Schwester des Siegers, der 
Braut des Erschlagenen, gewebt und geschenkt worden; daher ihr 
Fluch und ihr Tod von der Hand des Bruders. Die Richter ver- 
urtheilten diesen, aber der Vater und das Volk verziehen ihm, wah* 
rend der Leichnam der Schwester die ihren Bräutigam mehr als 
das Vaterland liebte, auf der Strafse liegen blieb und erst durch 
692 das Mitleid der Vorübergehenden mit Steinen und £rde überschüttet 
wurde. Alte Denkmäler in Rom und vor der Stadt in der Rich- 
tung nach Alba Longa dienten zur Bestätigung dieser Sage, in Rom 
das sogenannte Sororium Tigillum, ein Denkmal des ältesten Bei- 
spiels einer durch richterlichen Spruch erkannten Blutsühne ^), die 
pila Horatia, das Grab der Schwester am Thore, die Gräber der er- 
schlagenen Albaner und Römer auf dem Schlachtfelde, der Graben 
des Cluilius, welcher zuerst die Albaner geführt habe. Als sich 
diese trotz des feierlich geschlossenen Bündnisses feindlich erweisen, 
wird der Verräther Mettus Fuffetius zwischen zwei in entgegengesetzter 
Richtung getriebenen Wagen gespannt und so zerrissen. Dann wird 
Alba mit Ausnahme der Tempel zerstört und die ganze Bevölkerung, 
so behauptete man in Rom, nach Rom geführt und auf dem Caelios 
angesiedelt, wo die Luceres vornehmlich aus diesen Geschlechtem 
bestanden. Jedenfalls eine sehr bedeutende Verstärkung des latini- 
schen Elements in Rom, daher auch TuUus Hostilius, der Reprä- 
sentant dieser Luceres, zwar als Abkömmling eines Königs aus der 
Fremde, eines Eindringlings, aber immer als Latiner und in manchen 
Zügen sogar als der zweite Romulus erscheint^). 



1) Becker Handbach I, 527 ff., Schwegler R. G. I, 571 ff., 594ff., vgl. oben 
1, 171. [Die Lage des alten Alba ist streitig; wahrscbeinlich ist es bei dea 
Kloster Palazzola (S. Maria de Palatiolis seit dem 10. Jahrb.: Gregoroiriiu 
5,. 21 7) zu suchen, wahrend das heutige Albano dem Namen und der Lage 
nach das kaiserliche Albanum ist. — Ebenso hat das